Die Daten-Mehrwertsteuer


Leistung geht vor Schutz geht vor Recht

Jetzt scheint die Lobbyarbeit der Verlage doch noch Erfolg zu haben. Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass Content-Aggregatoren, also vor allem Google News, den Verlagen für die von ihnen zitiert Inhalte Geld zahlen sollen. Das ganze nennt sich Leistungsschutzrecht und ist die Bankrotterklärung der deutschen Zeitungsverleger vor der digitalen Neuzeit. Und weil das Thema ja sowieso gerade heiß ist, wird das ganze als Verbesserung des Urheberrechts verkauft. Kurios nur, dass sich die Politik dafür vereinnahmen lässt. So tief kann doch die Freundschaft zwischen Angela Merkel und Friede Springer & Konsorten nicht sein? Und warum versteht eine diplomierte Physikerin nicht, wie das Internet systemisch funktioniert? Und warum hilft ihr da keiner der Berater. Und Herr Rösler, die Presse schreibt auch mit Leistungsschutzrecht nicht besser über die FDP!

Die Bankrotterklärung der Verleger, die hinter der Idee des Leistungsschutzrechtes steht, erfolgt gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen haben sie, die das Monopol auf qualitative (und weniger qualitative) Berichterstattung in Deutschland, ja Europa hatten, vor langen Jahren völlig die Idee einer guten Suchmaschine völlig verschlafen. Ausgerechnet die Verlagshäuser, die sich einst für teures Geld riesige Archive und hochqualifiziertes Betreuungspersonal geleistet haben, um wirklich kompetent Artikel schreiben zu können, kamen nicht auf die Idee, dass es in einem noch riesigeren Datenarchiv, wie es das Internet bald geworden ist, sinnvoll wäre, eine kompetente Suche zu erfinden.

Zu selbstherrlich zum Suchen

Selbst nachdem Yahoo mit seinen von Menschen erarbeiteten Datenverzeichnis immens erfolgreich war, kam man in Verlagskreisen nicht auf die Idee, das vorhandene Datenhandling-Knowhow auf das Internet zu übertragen und hier zu reüssieren. Zu vernagelt glaubte man an die Strahlkraft von gedruckten Inhalten – und gönnte sich die Hybris, digitale Inhalte, weil virtuell, nicht ernst zu nehmen. Ich weiß, von was ich hier schreibe, war ich zu der Zeit ja bei Gesprächen mit den meisten großen Verlagshäusern Deutschlands dabei, als es darum ging, Europe Online inhaltlich wie finanziell auf eine breitere Basis zu stellen.

Und das Versagen ging weiter: Als dann die Suchmaschinen, damals in erster Linie Altavista, dann Lycos oder Infoseek, begannen, die ersten nennenswerten Werbeumsätze zu machen, während die Werbeeinnahmen auf den Websites der Verlage (wenn es sie denn damals überhaupt gab), noch mehr als minimal waren, sprangen einige Verleger auf den Zug und kauften sich bei Suchmaschinen ein. Leider bei den falschen, die technologisch zurücklagen, Holtzbrinck etwa bei Infoseek. Die erfolgreichste Suchmaschinen-Neugründung überhaupt wurde dann völlig verschlafen: Google. Das finanzierte sich über Venture Capital und definierte den Markt der Suchmaschinen und Inhalteanbieter – und später dann auch der Anzeigenvermarktung im Internet komplett neu. Natürlich ohne die Zeitungsproduzenten.

Daten als Intelligenz

Google ist so erfolgreich geworden, weil es nicht nur einen genialen Suchalgorithmus entwickelt hat und kontinuierlich optimiert. Es ist so erfolgreich, weil es die geniale Idee hatte, so viele Inhalte wie nur möglich zu digitalisieren und sie gratis ins Netz zu stellen – zur Freude aller User: Bücher, Zeitungsartikel, Landkarten, Fotos, Videos, Blogs. Und es bietet Gratis-Services an wie Mail, Kalender, Office-Software etc. – mit der Prämisse, die dabei entstehenden Inhalte datenmäßig zu erfassen – um so ihre Anzeigenvermarktung besser, intelligenter und umfassender machen zu können. Google hat verstanden, aus digitalen Spuren einen Mehrwert zu schaffen, weil es geschafft wurde, aus den Übermassen an Daten Informationen, Strukturen und Entwicklungen herauszulesen und diese „Intelligenz“ zu Geld zu machen.

Die Artikel, die sie von Websites von Verlagshäusern dafür nutzten, waren dafür nur Mittel zum Zweck. Sie verkauften auf diesen Seiten ja keine Anzeigen, sondern sie machten sich nur schlau, welche Inhalte, welche Schlagworte im jeweiligen Moment von wem nachgesucht wurden. Google machte nie direkt mit den Inhalten Geld, sondern mittelbar. Per Google News und Google Suche wurde massenhaft Traffic auf die Websites von Inhalteanbietern geschickt, gratis versteht sich. Damit optimierte Google sowohl die Suche, vor allem aber die Treffgenauigkeit ihrer Anzeigen – gerne auch auf den Websites von Contentproduzenten.

Daten als Mehrwert

Die bittere Wahrheit auf der anderen Seite des Marktes: Die Inhalteanbieter haben es nie verstanden, aus den Massen an Inhalten und Daten, die sie produzieren und im Kundenkontakt im Internet bekommen, eine ähnliche Intelligenz herauszulesen. Sie haben es nie verstanden (in jeder Bedeutung des Wortes), aus Daten Mehrwert zu generieren. – Man muss ihnen zugute halten, dass sie Inhalte schaffen konnten und keine Softwareschmieden sind. Sie können Texte produzieren lassen, aber keine Algorithmen programmieren (lassen). – Dafür können sie Lobbyarbeit sehr gut. Das beweist die Entscheidung des Bundeskabinetts, den Verlagen zu erlauben, über Verwertungsgesellschaften Geld von Suchmaschinenbetreibern und Contentaggregatoren verlangen zu dürfen, wenn die auf ihre Inhalte verlinken. (!!!)

Spannend, wie Google & Co. reagieren werden. Ist ihnen das Wissen um die Nutzerinteressen und die Nachfrageströme bei aktuellen Inhalten in Echtzeit wert, dafür Geld an die Produzenten zu bezahlen, die selbst unfähig sind, dieses Wissen zu schöpfen und zu vermarkten? Das wäre dann tatsächlich eine Mehrwertsteuer für Datenintelligenz, die Google an die Verleger zahlt. Einen Mehrwert, eine Intelligenz, die Google mit den Inhalten schafft, wohlgemerkt. Naheliegender aber ist, dass Google, wie schon in einem ähnlichen Kontext in Belgien geschehen, einfach auf alle Inhalte von Verlegern verzichtet und die Links zu ihren Inhalten kappt. Dann bekommen diese kein Geld – und spürbar weniger Traffic auf ihre Seiten – und damit noch weniger Werbeeinnahmen.

Wer ist Aggregator?

Wer auf jeden Fall viel Geld verdienen wird, wenn die Pläne des Bundeskabinetts überhaupt je Wirklichkeit werden und in ein Gesetz umgesetzt werden sollten, sind die Rechtsanwälte. Denn es wird dann mehr als strittig sein, wer als Content-Aggregator gilt. Im Interesse von Abmahnanwälten wird die Interpretation sehr rigide gehandhabt werden, weil so mehr Geld zu kassieren ist. Schon heute sind unselige Rechtsanwälte aggressiv im Auftrag der Verlage im Internet unterwegs, und mahnen etwa Künstler und Sänger erfolgreich ab, wenn diese Zeitungs-Kritiken ihrer künstlerischen Leistungen auf ihre Website stellen. (Eintritt werden diese Journalisten wohl kaum gezahlt haben, die Künstler müssen aber für den Abdruck von Zitaten 700 bis 1.400 € zahlen. (Und das sind schon „Kulanzangebote“.)

Rechtsfrieden ade! Es wird rund gehen nach dieser politischen Entscheidung. Der Kampf gegen ACTA wird schärfer werden (müssen). Die Piraten werden noch mehr Zulauf bekommen. Und die Zeitungen werden noch erbitterter gegen das Internet und die bösen sozialen Netzwerke anschreiben. Der Kulturkampf zwischen digital und analog wird wirklich bitter werden. Das Überleben der Print-Verlage mit ihrem überkommenen Content-Verständnis wird auch das Leistungsschutzrecht nicht verhindern, bestenfalls ein wenig hinauszögern.Die Nutzer werden entscheiden. Sie werden gegen gedruckte Produkte votieren. Vor allem die jungen Leser/User.

Und wenn die weg sind, wird die Werbewirtschaft noch weniger in Anzeigen in Print investieren. Das bedeutet finanziell das Aus, Leistungsschutzrecht hin oder her. Ein Blick auf den Einbruch der Anzeigenumsätze in den USA lässt ahnen, was bald auch in Deutschland Fakt sein wird:

Narzissmus de-loaded


What my friends think I do

Wem ist in den letzten Wochen nicht auch eines der Schaubilder per Mail oder Facebook-Post auf den Bildschirm gepoppt, in dem – auf schwarzem Untergrund – mit lustigen Bildchen die disperse Perzeption verschiedener Jobs illustriert wird: Was denken meine Freunde, was ich in meinem Job tue? Was meint Mami? Was die Gesellschaft? Was mein Boss? Wie sehe ich mich selbst? Und als entlarvender Schlussgag dann: Das tue ich wirklich im Moment. (Eine wilde Mischung an Beispielen findet man etwa auf der Site „What My Friends Think I Do“ oder einfach als Bildersuchbegriff „What People think I do“ bei Google eingeben.)

Ein bezeichnendes Meme, das sich da im Netz ausbreitet. Wir scherzen mit den Images, Erwartungen und Projektionen, die unser Umfeld über unseren Berufsstand kultiviert. Das Fremdbild, das unser Berufsumfeld geschaffen hat, wird gütig karikiert. Aber am spannendsten ist die Selbsteinschätzung, mit der in den letzten beiden Bildern gescherzt wird. Was ich zu tun meine (What I think I do) versus: Was ich wirklich tue. (What I really do.) Wir nehmen uns in unserer überzogenen Selbsteinschätzung auf den Arm.

Der ganz normale Narzissmus

Eine übertriebene Selbsteinschätzung, weil der Kontakt zum eigenen Ich verloren gegangen ist, das ist das prägende Symptom des Narzissmus.  In einer Welt, in der das Ich so viele verschiedene Rollen zu spielen hat, ist das eine relativ logische Entwicklung, dass das Ich den Kontakt zur Realität verliert. Noch dazu, wenn man als Kind Eltern erlebt hat, die selbst schon auf narzisstoide Weise das eigene Ich überbewertet haben. Noch dazu, wenn Vorbilder einer Selbstüberhöhung durch die Massenmedien reihenweise geliefert werden, etwa durch überzogene Projektionsoptionen: Models, Filmheroen, Medienstars etc. Und wenn sowohl Ich-Findung als auch die Selbst-Vervollkomnung in Filmen oder Games als kinderleicht, weil virtuell erlebt werden können.

Wir sind, keine Frage, eine Gesellschaft von Narzissten geworden. Und wir sind eine narzisstische Gesellschaft geworden, die eben auch den Kontakt zu ihrem Kern verloren hat und sich – deswegen – selbst überschätzt und glorifiziert. Und längst haben wir uns auch vorbildhafte Plattformen für gepflegte Nabelschau geschaffen – und en masse bevölkert: Facebook, Google+, Twitter & Co. Mit den Pendants in China sind schätzungsweise zu Anfang 2012 wohl locker 1,5 Milliarden Menschen in Sozialen Netzwerken aktiv.

Die Kultur des Narzissmus

Schon 1979 hat der amerikanische Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch mit seinem Werk „The Culture of Narzissim“ (deutsch: „Das Zeitalter des Narzissmus“) einen Bestseller geschrieben. Er beschwor damals einen Niedergang einer heilen (amerikanischen) Gesellschaft. Seine mit den Jahren immer konservativeren Ansichten verhinderten eine breite Aufnahme seiner Thesen. Seitdem sind immer wieder Publikationen zum Thema Narzissmus erschienen, wissenschaftliche, populärwissenschaftliche und schmalspurpsychologische. Sie alle verbindet das Schicksal ausgeprägter Erfolgslosigkeit.

Mich fasziniert das Thema Narzissmus schon ewig lange. Kein Wunder, habe ich in einer der wohl narzisstischsten Zünfte gearbeitet, die es bisher gab, dem Journalismus. Wie anders konnte man da überleben, ohne sich selbst, seine Meinung und seine Gedanken (zu) wichtig zu nehmen. Das wird in diesem Metier mit der Zeit gerne auch chronisch – man bedenke, früher gab es kaum ernst zu nehmendes Leserecho als Korrektiv. Ich habe lange geglaubt, dass Narzissmus als Thema keine Chance hat, weil die Gesellschaft längst zu narzisstisch geworden ist und dieses Manko als blinden Fleck gesellschaftlich erfolgreich ausgeblendet hat. (So falsch mag diese These auch gar nicht sein.)

Narzissmus als Überlebenshilfe

Die Wahrheit ist aber wohl eher, dass unser Leidensdruck persönlich und als Gesellschaft narzisstisch zu sein, sehr schwach ausgeprägt ist – und kontinuierlich nachlässt. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist eine narzisstische Ausprägung gar nicht so negativ. Psychologen unterscheiden heute schon zwischen positivem und negativem Narzissmus. Die positiven Aspekte sind eine positive Einstellung zu sich selbst, ein starkes Selbstwertgefühl und eine ko-evolutionäre Liebesfähigkeit. (Die christliche Charitas wörtlich interpretiert: „Liebe den Nächsten wie dich selbst!“) – In amerikanischen Veröffentlichungen war sogar davon die Rede, dass für erfolgreiche Führungspersönlichkeiten stets ein gesundes Maß an Narzissmus zur mentalen Grundausstattung gehören sollte.

Aber auch ohne den Narzissmus positiv umwerten zu wollen, ist die forcierte Beschäftigung mit sich selbst heutzutage eine Selbstverständlichkeit. In dem Vielerlei an Rollen, Aufgaben, Optionen und Persönlichkeits-Aspekten, die heute jedem intelligenten Menschen zur Verfügung stehen und die ausprobiert und bespielt werden müssen, ist ein ausgiebiges Kreisen um sich selbst unausweichlich. Und in einer Welt, die sich so rasch wandelt wie nie zuvor, die komplex und chaotisch ist, muss man sich geflissentlich um sich selbst und seine eigene Weiterentwicklung kümmern. Das Vorbild ist längst nicht mehr eine in Granit gemeißelte fixe Persönlichkeit, sondern ein fluides Ich, das sich kontinuierlich weiterentwickeln kann. Das setzt dann doch reichlich Beschäftigung mit sich und seinem Ich voraus, sozusagen einen konstruktiven Narzissmus.

Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen

Eine ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dann schmerzhaft und schwer aushaltbar, wenn Menschen damit beispielsweise Untergebene oder emotional abhängige Menschen drangsalieren und ihren Launen und Machtspielchen aussetzen. In einer Zeit mit immer flacheren Hierarchien und zeitlich immer begrenzteren Machtübertragungen sind diese misslichen Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen eines krankhaften Narzissmus im Arbeitsumfeld immer leichter zu vermeiden oder auch auszuhalten. In einer Informationsgesellschaft sind institutionelle Machtpositionen ein Auslaufmodell, und in einer Netzwerkgesellschaft rächt sich jede narzisstische Monomanie unmittelbar. Man verliert umgehend für alle anderen Normal-Narzissten an Attraktivität.

Vor allem aber werden der allzu großen Ich-Liebe zunehmend die soziologischen Grundlagen entzogen. Narzissmus ist die logische (Negativ-)Folge des Individualismus. Je mehr ich an der Unverwechselbarkeit und Unikatmäßigkeit meines Ichs arbeiten muss, wie das in hoch ausindividualisierten Gesellschaften unausweichlich der Fall ist, ist Narzissmus sozusagen system-immanent und eine logische Folgeerscheinung. In unserer digitalen Gesellschaft mit seiner fundamentalen Transparenz und schwindenden Rückzugsmöglichkeiten in ein individuelles Solitär-Dasein ist das Ende des Individualismus, wie ihn das 20. Jahrhundert geprägt hat, absehbar. Und mit ihm hat das, was wir bisher als Narzissmus kennen- und zu fürchten gelernt haben, wohl bald ausgedient.

Wie dann aber etwa ein neuer, digitaler Narzissmus aussehen kann, darüber mag spekuliert werden: Wenn etwa mangelnde Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu verzweifelter Inszenierung des digitalen Ich führt. Eine frühe Vorform hat sich als Kim-Schmitz-Syndrom manifestiert, mit tragischen Symptomen wie etwa Auto-Nummernschildern mit der Buchstabenfolge: „GOD“… – das wäre dann eher Narrzissmus…

Meins! – Meins! – Meins!


Ende der Besitzstands-Kakophonie!

Die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht erinnert mich an die köstlichen Filmszene in „Findet Nemo“, in dem die gierigen Möwen um den auf dem Pier gestrandeten Nemo sich in eine Beanspruchungs-Kakophonie hineinsteigern: „Meins!“ – „Meins!“ – „Meins!“ … Genauso beharren Rechteinhaber heute darauf, dass alle Inhalte ihnen gehören: „Meins!“ Auf der anderen Seite die Gratis-Medien-Apologeten, die alles für lau haben wollen: „Meins!“

Eine grundlegende Diskussion zum Thema Urheberrecht, oder genauer gesagt zu den Nutzungsrechten ist längst überfällig. Für die Vergütung von geistigem Eigentum muss genauso dringend und zügig ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden wie zum Thema Privatsphäre. Beides sind Themen, die in der digitalen Welt und der Welt der Zukunft besonders essentiell sein werden, weil sie eine zentrale Rolle im Wirtschaftgefüge einer kommenden Netzwerk- und Innovationsgesellschaft spielen werden. Um so wichtiger ist es, dass die Diskussion aus dem Reklamierungs-Geschnatter („Meins!“) befreit und wirklich zukunftsperspektivisch diskutiert wird, anstatt Vergangenheitsrecht für die Zukunft zu zementieren, wie das ACTA will.

Blüte der virtuellen Produktion

Einen sinnvollen ersten Schritt zur Klärung der Debatte hat Max Winde in seinem Blog 343max geliefert. Er definiert, ganz ohne jede Parteinahme für oder gegen Content-Eigner, wie denn ein Interessenausgleich idealerweise aussehen könnte. Leider – oder besser: verständlicherweise – liefert er keine Lösung, wie eine angemessene Bezahlung von Werken geistigen Eigentums aussehen könnte, wie hoch sie sein müsste/könnte und was die Nutzer dieser Werke möglicherweise zahlen würden – und wie? Das sind die zentralen Fragen und – leider – dafür gibt es dafür (noch) keine wirklich innovative, keine kreative Lösung. Vielleicht auch nicht, weil die wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Ideen-Industrie und die Jäger der Urheber-Schätze der Zukunft arbeiten werden müssen, noch kaum angedacht sind. Aber das wäre einen Versuch wert:

Max Winde hat in seinem Beitrag schon einen guten Hinweis auf die künftige Wichtigkeit von ideeller Produktion geliefert. Zitat: „Urheber sollten nicht schlechter gestellt werden als Produzenten von physischen Produkten. Vielleicht sogar besser: Wenn jemand ein physisches Produkt herstellt, dann vernichtet er dabei der Allgemeinheit gehörende Ressourcen. Diese Vernichtung von Ressourcen können wir vermutlich nur bremsen, wenn wir die Produktion von ,virtuellen‘ Produkten ähnlich lukrativ machen wie die Produktion von physischen Gütern.“ Richtig, die Produktion im virtuellen Raum wird in Zukunft immens wichtig werden. Es ist leicht, sich über Farmville & Co. lustig zu machen, aber das sind frühe, embryonale Vorboten einer Zukunftsindustrie der Virtualität.

Dysfunktionalität durch Rechtestreit

Fakt ist, dass unsere Welt noch nie so viele Menschen beherbergen und ernähren musste wie heute. Und noch nie auf einem so hohen globalen Wohlstands-Niveau wie heute. Wir werden als Folge davon künftig unglaublich viele Krisen, Irritationen, Hysterien und Konflikte erleben – das ist in solch einem hochentwickelten, nervösen, komplexen Systemen unausweichlich. (Mit Griechenland & Co. üben wir das gerade auf Sandkasten-Niveau!) Aber das ist in und mit einer Network-Gesellschaft lös- und bewältigbar, weil man so innerhalb kürzester Zeit Ideen und Lösungen finden – und umsetzen kann.

Das geht aber nur, wenn solch eine Ideen-Produktion in der Lage ist, ungehemmt und schnell zu operieren. Da darf keine Abmahn-Industriemit mit irrwitzigen Forderungen Knüppel dazwischen werfen. Die Kriege zwischen den Eignern von Smartphone-Patenten wie Apple, Google, Samsung, Nokia, Microsoft & Co. geben da nur einen ersten Vorgeschmack, wie ein überkommenes Rechtesystem droht, eine Branche – und eine Innovations-Sparte – dysfunktional werden zu lassen. (Meins! – Meins! – Meins!) Es ist hier gut zu erahnen, dass man in dieser vernetzten, globalen, innovationsbeschleunigenden Welt mit Besitzstandsdenken nicht mehr weit kommt und das Sharing-Prinzip funktionaler ist. (Sicher auch gegen entsprechendes Entgelt.)

Die Ideenlieferanten funktionieren

Allzu große Sorgen, dass uns in Krisensituationen die Ideen und Lösungen ausgehen, brauchen wir uns nicht zu machen. Denn die große Mehrheit der globalen Internet-Gemeinde ist von ACTA und sonstigem Urheberrechts-Klüngel nicht betroffen: China, Russland, Indien, ja fast das komplette Asien und Afrika und Südamerika machen bei ACTA nicht mit. (Die Schweiz und Norwegen auch nicht!) Hier werden daher die Ideen-Schmieden der Zukunft  entstehen, die schnell, pragmatisch und nötigenfalls rücksichtslos handeln werden. Schon heute ist die Mehrzahl der Websites und der Web-Inhalte asiatisch…

ACTA Unterzeichner

Fragt sich, ob wir uns hierzulande freiwillig der eigenen Dysfunktionalität ergeben wollen oder ob wir aktiv im Ideen-Wettbewerb mitmachen wollen. Genug einzubringen hätten Europa (West), Amerika (Nord) plus Anhang. Wir haben das Erfinden erfunden. Wir waren über Jahrhunderte die Innovatoren der Welt, im Guten wie im Schlechten. In uns müssten noch reichlich die Meme des Erfindergeistes vorrätig sein. Es wäre fatal, wenn statt ihrer die Häme der Ideen-Verwertungs-Industrie obsiegt.

Längere Fristen in einer beschleunigenden Welt

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Disney in der Sucht, sein Film und Figuren-Repertoire länger monetarisieren zu können, die Laufzeiten von Urheber- und Nutzungsrechten auf 70 Jahre verlängert hat. Das gab es nie zuvor. Und wir in Europa machen da brav mit. Und jetzt sind die Schutzzeiten so lang, dass sie wirkungsvoll zur Dysfunktionalität einer Ideen-Industrie beitragen.

In Zukunft, wenn es immer schneller immer mehr Ideen geben wird (s. o.), dann haben sie automatisch eine kürzere Laufzeit. Es ist also widersinnig, ihnen eine längere Rechte-Geltungsdauer zu geben. Wie will ein Rechteinhaber einer davorliegenden Idee gegen die darauf aufbauende seine Rechte einklagen, wenn die Welt- und Wirtschaftsgeschichte längst schon etliche Kapitel weiter ist?

Das Ende des Fortunismus

Die Vorstellung, dass Ideen eine Ewigkeit gelten und entgolten werden müssen, ist wohl auch der Angst geschuldet, nur eine begrenzte Zahl von Ideen haben zu können. Solche Ängste führten dazu, dass man Ideen ausgiebig verwerten wollte. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet die Film- und Musikbranche so sehr für ACTA kämpft. Zwei Industrien, in denen man Glück haben musste, um sein „Glück zu machen“. Ein Hit, und man war reich. Aber die Mehrzahl der Songs waren Flops. „Fortunismus“ nennt Peter Sloterdijk diese Art von kulturell sanktioniertem Glücksspiel.

Die Vorstellung, nur eine begrenzte Zahl an geistigen Werken in einem Leben schaffen zu können und davon umfangreich zehren zu müssen, ist mit einem Blick in die Zukunft absurd. Früher, zugegeben, waren erfolgreiche Ideen Mangelware, weil es schwierig war, dafür das nötige Publikum zu bekommen. Diese Wirtschaft der Verknappung ist seit dem Internet und seinen unendlichen Optionen der Wahrnehmung vorbei. Die Angst, Ideen könnten nur begrenzt vorhanden sein, ist in einer Netzwerk-Gesellschaft absurd, denn sie können hier so viel leichter und schneller entstehen. Und damit hat der Fortunismus ausgedient. Es reicht nun nicht mehr, eine oder wenige gute Ideen oder Werke zu schaffen. Jetzt muss man kontinuierlich, ein (langes!) Leben lang neue Ideen, Werke und Projekte entwickeln. (Ganz wie im richtigen Leben…)

Der Anfang von etwas radikal Neuem

Natürlich müssen gute, wichtige Ideen entlohnt werden, keine Frage. Je besser sie sind, mit um so mehr Geld. Und wenn es viel Arbeit, Planung und Investition gebraucht hat, um etwa eine Software zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, umso mehr. Trotzdem wäre es falsch und (zukunfts-)wirtschaftlich unvernünftig, auch hier zu lange Nutzungsfristen zu gewähren. Denn gute Ideen müssen sich verbreiten, und das schnell – und sie müssen weiterentwickelt werden. Die logische Folge: Schluss mit dem bisherigen Anspruchs-Denken! Her mit radikal neuen Ideen!

Mein Freund Helmut Müller, selbst Produzent hochspezialisierter Software, schreibt in einer Replik auf meine Facebook-Empfehlung des Blogs von Max Winde richtig: „Wir können alle miteinander die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf unser ökonomisches, kulturelles und soziales System noch gar nicht abschätzen, wir sehen schemenhaft den Anfang von etwas radikal Neuem. Die Diskussion um das Urheberrecht lässt uns das erahnen, denn sie wird sich ergebnislos im Kreis drehen.“ – Der Anfang von etwas radikal Neuem, kann das nicht so aussehen? Eine Innovations-Gesellschaft mit einer ungeheuren Dynamik, die man lustvoll genießen kann. Und in der wundervolle Ideen (aber auch doofe) entstehen werden, en masse.

Aber wer wie und wie viel Geld damit verdient und wer wem wie viel Geld zahlt, das bleibt zu klären. Diesen Konflikt zwischen freier Verfügbarkeit von Ideen und angemessenem, unbürokratischem Entgelt zu lösen ist jetzt die große Aufgabe für unsere digitale Netzwerkgesellschaft. Aber eine Idee dafür ist nur zu finden, wenn man von den alten Zöpfen der Kreativ-Kultur und der Kreativ-Verwertung und von seinen Limitationen und Ängsten Abschied nimmt. Schluss mit „Meins! – Meins! – Meins!“

P.S.; Ein erster guter Ansatz eines zeitgemäßen Urheberrechts hat Marcel Weiß im ZDF Hyperland formuliert: Kürzere Schutzfristen, keine automatische Verlängerung, Opt-In statt Automatik, Erlaubnis der privaten Nutzung…

P.P.S.: Und hier bei neunetz.com eine sehr schlüssige Argumentation, warum es „geistiges Eigentum“ nicht geben kann – und nicht geben soll.

Mythos meets Talmi


Lana del Rey: Umgang mit Unerklärbarem

Wie entstehen Mythen? Darüber haben über Jahrhunderte hinweg Religionswissenschaftler, Psychologen und Philosophen theoretisiert. Heute folgen wir gerne dem Mythos-Verständnis von Jürgen Habermas oder Niklas Luhmann. Jürgen Habermas definiert Mythos – hier arg verkürzt – als ein archaisches Wissen, das über jahrhundertelange Tradition und Überlieferung unsere  Handlungsnormen der Gegenwart beeinflusst. Entstanden sind Mythen für ihn aus der Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt. Für Niklas Luhmann – auch arg vereinfacht – sind Mythen das Ergebnis einer frühzeitlichen tradierten Selbstbeschreibung. Sie definieren das gesellschaftliche Verhältnis zum Unvertrauten. Der Mythos ist so eine vor-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren.

Lana del Rey

Es ist bezeichnend, dass wir uns heute mit Mythen in dem beschriebenen Sinne so schwer tun. Allem Möglichen (und Unmöglichen) wird zwar die Bezeichnung „Mythos“ aufgestempelt. Aber meist ist das nichts anderes als ein schaler Versuch einer unspezifischen, para-religiösen Vermarktung. Man mache mal kurz die Probe aufs Exempel und sehe sich die Bilder-Ergebnisse einer Google-Suche ein.  Die Ergebnisse sind niederschmetternd: Turnschuhe, Fahrradhelme, Autos, Motorräder, Bier, ja sogar das Weserstadion etc. tauchen auf, wenn man sich erst einmal durch Fotos zum Computerspiel „Mythos“ durchgearbeitet hat. Na ja, was soll Google auch machen, wenn es nach Unwägbarem gefragt wird. Hier endet das digitale Allwissen in schrabbeliger Banalität. (Nach „Mythos“ auf Twitter gesucht, bringt ein weit intelligenteres und differenziertes Ergebnis – wenn auch niederschmetternd rationalistisch…)

Des Mythos neue Kleider

Mythos und Unwägbares, gar tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein eingelagerte Überlebenserfahrungen aus vor-rationaler Zeit (s. o.), das mag so gar nicht zum unendlichen Info-Panoptikum der digitalen Welt passen. Und es ist in seiner diffusen, unterbewussten Qualität diametral zur Offenheit des Internet und zur allgegenwärtigen Skepsis und Prüfsucht der Webgemeinde. Ein schöner Gedanke dazu wird in der vielleicht intelligentesten Kritik zum Debut-Album „Born To Die“ von Lana del Rey von John Calveri formuliert und ist im Online-Musikmagazin „The Quietus“ erschienen. Neben einer vernünftigen – recht positiven – Einschätzung des Albums denkt Calveri über das Problem nach, in Zeiten des Internet und dessen rabiater Art der allgegenwärtigen Dekuvrierung, seiner Sucht nach Transparenz und Authentizität noch Mythen bilden zu können, geschweige denn sie zu zelebrieren.

Er bewundert die Fülle an Zitaten aus der Glamour-Kultur Hollywoods der 50er- bis 70er-Jahre, die in dem Album versammelt ist – und dabei zugleich die Gegenwart in all ihrem Talmi und ihrer Referenz- und Vintage-Sucht treffend beschreibt. Denn gerade dadurch kommt man heute einem Abziehbild von Mythos am einfachsten nah – meint man wohl. Und Lana del Rey konterkariert diese Rent-a-Myth-Mentalität durch ihre exzessive Nutzung. Zitat Calveri: „It’s tempting to interpret Born To Die as the culmination of over 70-odd years of pop industry progress, in terms of the dark art of myth-making. It’s now as if life is imitating art in real time, worse, in digital time, with both tiers – life and art – forward-planned to coincide.“ Das genau sind die digitalen Zeiten: die willkürliche Vermischung aus Zitat und Wirklichkeit, aus Kunst und Leben, Banalität und Mythos.

Projektions-Phantasien der Journaille

Die mythische Verhüllung eines hübschen, ein wenig ungelenken Twens ist auf sehr bemerkenswerte Weise gelungen. Initiiert als viral funktionierende Video-Collage zu „Video Games“, die zig-millionenfach angeklickt wurde, hat sie mit ihren homöopathisch dosierten kryptischen Bezügen und biografischen Widersprüchen äußerst erfolgreich die Phantasie der (Musik-)Journaille beflügelt. Sind ihre Lippen aufgespritzt? Ist sie Millionärs-Töchterchen oder Trailerpark-Girl? Hat sie das Video wirklich auf dem iPad produziert? Die Projektionen der non-digitalen (!) Presse entführten Lana del Rey erfolgreich aus jeder Wirklichkeit, aus dem alltäglichen Banalitäts-Referenz-System. Noch einmal Zitat Calveri: „A lost art in the internet age, it’s precisely that distance, that sense of untouchability, which renders Del Rey mysterious; a comfortably numb semi-goddess imprisoned in the isolation of stardom, both on Born To Die and, since her rise to ubiquity, in real life as well. Suffice to say, it’s brain-twistingly meta.“

Die undurchschaubare Mischung aus Traum und Wirklichkeit, die so entsteht, ist die derzeit wohl einzig noch funktionierende Methode, sich der inquisitorischen Recherche-Wut der Netzgemeinde und der all-profanisierenden Medien zur Wehr zu setzen und noch einen Hauch von Geheimnis zu retten. Dieses Spiel aus Realität und Überhöhung zieht sich bis ins kleinste musikalische Detail. Schwülstige Streicher-Arrangements sind mit kalten, verschleppten Trip Hop-Rhythmen unterlegt. Hymnische Melodien, Harfen und Glockenklang sind konsequent mit dokumentarischen Tondokumenten in UKW-Qualität, Rap, Kindergeschrei, Computer- und Modem-Funktionsklängen, Feuerwerk, Vinylplattenknistern, Atemgeräuschen oder Radar-Pings hinterlegt. Mit ähnlichen Brüchen zwischen Traum und Wirklichkeit, Liebe und Gewalt arbeiten auch die Texte von Lana del Rey.

Marketing alá Fellini

Nicht umsonst zitiert John Calveri denn auch den Großmeister der Assemblage von Traum und Wirklichkeit Frederico Fellini („8 1/2“): „In the end, (Lana del Reys) debut is essentially a lattice of Fellini-esque postmodernism. (…)  The difference is, Fellini never had the internet. Blurring the line between dreams and reality gets a whole lot more complicated when you have a fourth dimension to play with.“ Die vierte Dimension, das ist in Zeiten des Internets die Virtualität. In dieser Welt wird der Künstler/die Künstlerin im Idealfall einer gelungenen Mythenbildung und Mystifizierung zum Spielball der Phantasien und Projektionen der Hörer und Zuschauer.

Und um diesen Sim-Effekt der Projektion im virtuellen Raum zum Funktionieren zu bringen, muss ein wirklich umfangreiches Arsenal an Zeichen, Zitaten, Bezügen, urbanen Legenden – und an Klängen, Melodien und Bildern angeboten werden, aus dem sich dann jeder nach seinem Gusto und seiner Phantasiebegabung bedienen darf. Und dazu sollte das Angebot stimmig sein, es darf aber zugleich nicht zu homogen sein. Authentisch kann nur wirken, was auch bis zu einem bestimmten Grad widersprüchlich ist. So entsteht dann tatsächlich Mythos im Habermasschen Sinn als Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt – jetzt einer hyperkomplex gewordenen Welt. Bzw. entsteht Neo-Mythos a lá Luhmann als eine para-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren der Populärkultur.

Der Backfire-Effekt

So etwas funktioniert nicht nur bei der Mythisierung einer Pop-Sängerin. Lana del Rey als Medienphänomen kann auch als eine Blaupause für Markenbildung und Markenführung dienen. Es mag vermessen klingen: Wer immer seine Marke zum Mythos machen will, oder wenigstens mythisch in Zeiten digitaler Omnipräsenz aufladen will, der sollte sich das Phänomen Lana del Rey genau ansehen. Die Musik Dauerschleife hören, die Videos genau ansehen – und seine Lehren daraus ziehen.

Ist aber erst einmal ein Mythos stabil aufgebaut, dann hilft ausgerechnet die Informationsflut und die Diversität der Meinungen im Internet, um Mythen zu stabilisieren, ja zu zementieren. Wissenschaftler an der Universität Michigan haben sich mit dem Thema beschäftigt und herausgefunden, dass jeder Versuch, Mythenbildung durch Informationen und Argumente zu konterkarieren, unweigerlich scheitern müssen, weil in jeder Gegenargumentation selbst eine existierende Meinung (und sei sie grundfalsch) wieder erwähnt werden muss und sie sich so nur noch tiefer ins Gedächtnis eingräbt. Tiefer als jedes Gegenargument. Die Wissenschaftler nennen dies den „Backfire-Effekt“ denn je vertrauter Menschen eine Sache ist, desto eher schenken sie dieser Glauben. (So berichtet die SZ in ihrer Print-Ausgabe am 1.2.12 im Wissenteil unter der – etwas irreführenden – Überschrift „Wie man Starrköpfe überzeugt“. – Leider ist der Artikel – wieder einmal – nicht online gestellt.)

Schluss mit Evolution


Die Plattform des Neuen

David Weinberger, Internetanalyst und Harvard-Professor („Everything is Miscellaneous“), behauptet bei der Promotion seines neuen Buches „Too Big To Know“, wir hätten heute mit dem Internet ein Medium, das so umfassend wie unsere Neugier ist. Korrigiert um den Irrtum, dass das Internet kein Medium ist, stimmt der Satz so: „Wir haben endlich eine Plattform, die so unendlich ist wie unser Bedürfnis nach Neuem.“ Und Weinberger weiter: „Wir brauchen die Neugier mehr als alles andere, wenn wir unsere Welt verstehen wollen.“ Genauer gesagt: Wir brauchen sie, um uns weiter entwickeln zu können, um weiter zu kommen, wenn wir die Welt dabei auch besser zu verstehen lernen, dann ist das ein willkommener Kollateraleffekt. Denn das Olli Kahn-Paradigma ist tatsächlich unsere Bestimmung: Immer weiter – immer weiter!

Wir sind eine von der Evolution erzeugte und geprägte Spezies, die auf dieser Welt als Erste Sprache, Reflexion und Schrift entwickelt hat und schließlich sogar verstanden zu haben glaubt, dass es so etwas wie eine Evolution gibt. Wir sind eine Spezies, die sogar locker das Paradox aushält, Wesen wie die Kreationisten zu entwickeln, die die Evolution leugnen. Und sogar diese treiben damit die Evolution weiter voran.

Die Evolution ist blind

Denn die Evolution, zumindest soweit wir sie als Menschen verstehen, wird durch jeden Prozess, in dem nach Neuem gesucht wird, nach Erkenntnis, nach Wissen, weitergebracht. Egal ob dadurch etwas Neues entdeckt wird, ob dadurch nur neue Fragen entstehen oder zumindest ein Denkansatz wirderlegt wird, alles zahlt auf die Evolution ein. Unweigerlich.

Brian Cox, der junge und charismatische Astrophysiker, stellt diesen Effekt in seinem Vortrag 2010 auf der TED-Konferenz in London „Why we need the explorers“ exemplarisch dar. Selbst die abgefahrenste Grundlagenforschung kann letztendlich einen großen Erkenntnisgewinn bringen. Oft nicht direkt, oft nicht gleich, aber vielleicht in der Vernetzung mit anderen – möglicherweise später gewonnenen Erkenntnissen anderer. Die Apollo-Mission der USA etwa, so Cox, hat im Nachhinein etwa das Vierfache an Ertrag gebracht, was an Investment hineingesteckt worden war.

Die Evolution und das Internet

Aber der Wille nach neuen Erkenntnissen, der Drang nach Wissen, darf nicht nur nach monetären Gesichtspunkten bewertet werden. Jeder Versuch zu verstehen, wer wir sind, was wir sind – und was noch alles aus uns werden kann, ist essentiell. Und um so besser, wenn unsere Neugier heute verstanden hat, dass sie sich auch dringend darum kümmern muss, dass die Lebenssituation von uns Menschen bewahrt bleibt. Das muss nun gar nicht durch eine Verzichtshaltung passieren, viele pessimistische ökologische Prognosen sind längst durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Erfindungen und eine radikal technologisch optimierte Nutzung von Ressourcen obsolet geworden. Die Neugier ist eben zum einen das Problem – und zugleich auch die Lösung. Sie generiert Probleme – aber auch mögliche Lösungen – aber das in einem ewigen, endlosen Prozess: Immer weiter, immer weiter!

Das deutsche Missverständnis

Nun leben wir aber in einem Land, einer Sprachregion, in der die Fähigkeit, Interesse an Unbekanntem zu entwickeln und Neues wissen zu wollen, als „Neugier“ verunglimpft wird. Als Gier! Das gilt – im katholischen Kontext zumindest – immerhin als Todsünde. – In den anderen westlichen Weltsprachen beruft man sich in diesem Zusammenhang lieber auf den lateinischen Ursprung „curiositas“ des Begriffs: „curiosity/curiousness“ (engl.) – „curiosité“ (franz.) – „curiosità“ (ital.) – „curiosidad“ (span.). Das lateinische „curiosus“ – von „cura“ Sorge, Sorgfalt, umfasst eine Menge positiver Bedeutungen bis hin zum Wissensdrang: „voll Sorge, voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren für, wissbegierig, vorwitzig“ – und dann erst auch „neugierig“. Bei uns ist das Wort „kurios“ in die Nähe der Freak Show gedrängt. Es sagt einiges über ein Land aus, dass es die Lust auf Neues so sprachlich diffamiert.

Die eingangs ausführlich formulierte Prämisse ernst nehmend, ist nichts schlimmer, als sich dem „Immer weiter, immer weiter!“ verweigern zu wollen und ein erbittertes: „Es bleibt so, wie es ist!“ entgegen zu setzen. Abgesehen davon, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, uns von der Evolution abzukoppeln, der Versuch dazu ist besonders töricht. Der Versuch, sich von der Evolution abzukoppeln, ist immer eine Bankrotterklärung der eigenen Verantwortung gegenüber der Welt. Es ist die völlige unnötige Kapitulation davor, die Welt mitgestalten zu wollen. Es ist die Verweigerung, die Welt wenigstens ein bisschen nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen gestalten zu wollen. Vielleicht ja schlicht, weil man nicht weiß, wie man es denn gerne hätte – oder nicht einmal darüber nachdenken will.

Zu dröge zum Wünschen

Neugier meint nun wirklich nicht nur die Sucht nach neuen Konsumgütern, nach neuen Moden, neuen Gadgets oder Apps. Sie beschreibt vor allem auch die Bereitschaft darüber nachzudenken, wie denn eine bessere Welt aussehen könnte, was denn am Bestehenden dringend verändert gehört. Dazu muss man jenseits aller Stammtischparolen mal ins Innere horchen, dem kleinen Unbehagen nachzuforschen – und über die Ursachen dazu nachdenken. Das sind alles Dinge, für die man natürlich im Alltags-Stress keine Zeit hat, wozu der geschäftige Alltag keine Muße lässt. Aber vielleicht ist der Stress, sind die vielen Themen-Hysterien und das allgegenwärtige Lamento darüber auch eine hoch willkommene Ablenkung, nicht über die wirklich ernsten Dinge nachzudenken.

Die ganz hohe Schule der Neugier ist es, kreativ in sich hineinzuhorchen und „Träume“ zu entwickeln, was man denn wirklich wünschen würde, was das Leben wirklich besser machen könnte und vor allen Dingen, welche gesellschaftsverträglichen Freiheiten uns die neuen technischen Möglichkeiten unserer Zeit geben könnten. Es tut immer wieder weh, hirnrissige Szenarien von denkenden Kühlschränken, die unsere Einkäufe autonom organisieren, aushalten zu müssen. So etwas will kein Mensch, das will bestenfalls eine abverkaufsüchtige Industrie. Es sind aber so viele andere, sinnvolle, bisher nicht erdachte, bisher nicht erträumte Dinge möglich. Denen hinterher zu spüren, das ist die vornehmste Aufgabe der Neugier. Oder besser, der „curiositas“, die eben die positive Seite des Neuerungs- und Wissensdrangs beschreibt: „voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren …“

Diagnose einer Bagatell-Hysterie


Causa Wulff: Bashing-Rituale 2012

„Würde mich mal jemand dafür loben, dass ich den ganzen Tag noch nichts zum Thema W. getwittert habe?“ Christian Buggisch twittert zurecht, wenn er sich für seine Wulff-Bashing-Enthaltsamkeit loben lassen will. Es macht einen fassungslos, dass Deutschland scheinbar nichts Wichtigeres kennt, als sich über die Verfehlungen eines mittelmäßigen Provinzpolitikers zu echauffieren, den es in einer besonders herben Laune des Peter Prinzips auf die Position des Bundespräsidenten gespült hat.

Christian Wulff hat es mehr als verdient, kritisiert und auch gebasht zu werden, keine Frage. Nicht nur wegen seiner Kredite, seiner Ferienreisen und seinem Hang zum Gratis-Luxus. Sondern vor allem wegen seiner kompletten Uneinsichtigkeit in seine Verfehlungen: seine Kleinhäusler-Mentalität, wie man in Bayern sagt, wenn einer versucht, zwanghaft vor sich selbst größer wirken zu wollen, als er ist. Zudem hat er sich durch seine hahnebüchen desaströse Medienstrategie im Umgang mit seinem Skandal jedes Recht auf sein weiteres Beharren in diesem hohen Amt erfolgreich verwirkt.

Die Symptome einer Bagatell-Hysterie

So weit, so gut. Aber was reitet uns Deutsche, dieses Skandälchen so ernst zu nehmen und uns so manisch auf diese Amateur-Posse zu kaprizieren. Christian Wulff und seine – kleinhäuslerisch – verständliche Unfähigkeit zum Rücktritt ist eine Nichtigkeit, die man bestenfalls mal kurz belachen darf, vorzugsweise als Apercu bei Harald Schmidt. Aber damit genug! Bagatellen solcher Dimension taugen nicht zu Dramen. Aber wenn sie sich zu nicht enden wollenden Medien-Hysterien auswachsen, sagt das viel über den Zustand unseres Landes und seiner Bürger aus. Es verrät viel über den akuten mentalen Status der Deutschen. (Na ja, auch darüber, wie es um die etablierten Medien hierzulande steht.)

Wolfgang Michal vermutet in seinem Blogbeitrag ganz richtig: „Das crossmediale Bohei, das um das (politisch eigentlich überflüssige) Amt des Bundespräsidenten veranstaltet wird – ein Amt, das kaum einen Journalisten jemals ernsthaft interessiert hat – ist ein psychohygienisches Rätsel. Und ein Symptom. Aber für was? Gab es im deutschen Journalismus eine moralische Ruck-Rede? War es die Sehnsucht nach dem guten Prinzen? Oder schmerzt einfach die herbe Enttäuschung, dass es wieder nur ein Frosch ist?“ Gehen wir kurz den Symptomen nach, um dem physischen Momentanzustand unseres Landes und uns Bürgern auf die Schliche zu kommen.

Symptom 1: Wir schrumpfen die Krise

Die Krisen häufen sich: Finanzkrise, Bankenkrise, Euro-Krise. Europa ist bedroht. Die Weltwirtschaft. Die Medien hyperventilieren nun schon seit Monaten im schrillsten Tonfall des Alarmismus. Wir sind inzwischen dagegen immun geworden, wir trotzen der Krise und kaufen, kaufen, kaufen. Aber wirklich perfekt hilft dagegen die Ablenkung durch eine Wulff-Krise, deren liliputaneske Dimension wir nicht fürchten müssen. Eine Krise, die wir beurteilen können, weil wir die Verfehlungen, die wir anklagen, selbst gut kennen, weil wir sie selbst schon begangen haben – oder zumindest gerne begangen hätten. (Gratisurlaub, Upgrade, Schnäppchen, Freunderl-Dienste…)

Wir wählen uns die Krise nach unserem Gusto und portionieren sie so, wie es uns behagt. Wie befreiend, wie beruhigend, wie genüsslich ist es, sich die Krisenlandschaft so gesund zu schrumpfen. Das geht ganz leicht. Denn das Internet ist dafür der ideale Hysterie-Boiler. Ein paar spärliche Fakten, viel Moralin, ein paar Spritzer Hohn – und ganz viel präsidiales Selbstverschulden: Fertig ist die ideale Krisen-Schrumpfung über die Feiertage.

Symptom 2: Die Getriebenen der Meute

Der Hysterie-Boiler funktioniert so gut, weil die Medien sich von der Bloggeria massiv getrieben fühlen. Noch einmal Wolfgang Michal zitiert: „Nicht die Blogger und Twitterer haben sich den Leitmedien angepasst, sondern die Leitmedien den Bloggern und Twitterern. Herausgefordert durch deren kräftige (oft populistische) Sprache, greifen nun auch etablierte Medien immer häufiger zu drastischen Begriffen und Vergleichen, fordern eilends Rücktritte und rigorose Konsequenzen, und zelebrieren die unfreiwilligen Abgänge aus dem öffentlichen Leben als reinigende Buß- und Sühneopfer fürs Volk.“

Die Medien erleben sich immer mehr als Getriebene der Meute des Realtime-Journalismus bzw. der Realtime-Kolportage. Es muss extrem frustrierend sein, etwa als Printjournalist mitzuerleben, wie das eigene Produkt frisch aus der Druckpresse am Morgen rettungslos veraltet ist und schon längst neue Fakten vorliegen, ersatzweise neue Mutmaßungen, und der Diskurs über ein Thema längst schon viel weiter ist. Die Elite der Blogger hat den meisten Journalisten längst die Meinungshoheit abgejagt. – Den  TV-Leuten geht es nicht besser. Sie hetzen sinnlos Bildern hinterher, die nur noch überholte Tatsachen bebildern können. Im übrigen neigt man zunehmend dazu, „Facebook“ oder „Twitter“ zu zitieren als wären sie verlässliche Presseagenturen.

Symptom 3: Klassenkeile für Hierarchen

Wer es aus der Provinz ganz nach oben geschafft hat, mit all den Privilegien und Vergütungen, der ist unausweichlich Opfer unserer Neidgesellschaft. Vor allem, wenn einem wie Wulff das nicht reicht und man noch bei reichen Freunden Urlaub in allem Luxus machen muss oder sich von ihnen Kredite aufdrängen lässt. Aber es steckt da noch mehr dahinter: Wulff-Bashing ist immer zugleich auch Hierarchie-Bashing. Hierarchien werden flacher, das heißt, der Abstand nach oben ist geringer geworden. Das heißt, dass immer mehr nach oben kommen, ohne die nötige Qualifikation zu haben – da ist Christian Wulff das passende Abwatsch-Modell. Er ist Präsidenten-Darsteller wie viele leitende Manager lediglich Chef-Darsteller sind.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass sich immer mehr berufen fühlen, ganz nach oben zu kommen. Das untergräbt die natürliche Autorität von jedem, der oben ist, nachhaltig. Und weil es dann doch heikel und selten Karriere fördernd ist, den eigenen Chef anzumachen, kommt Wulff als Ersatzkandidat dafür gerade recht. Er ist der ideale Mann für befreiende Klassenkeile. An ihm kann man alle Aggressionen, Ressentiments und Frustrationen, die man in einem Berufsjahr so ansammelt, wunderbar abbauen. Daher die Moralinsäure, daher die Häme, daher der fast augenzwinkernde Sarkasmus. Und Wulff mit seiner unsäglichen PR-Taktik sorgte auch noch dafür, dass die Affäre dauerhaft am Leben erhalten blieb. Was für ein willkommenes Purifikations-Ritual des kleinen Mannes, passend für die Feiertage!

Symptom 4: Anti-autoritäre Reflexe.

Gemeinsam sind wir stark. Das ist die Erfahrung, die die Baby Boomer von Kindesbeinen an reichlich in einem antiautoritären Klima machen konnten. Und nie zuvor konnte man wieder so schnell und so machtvoll Gemeinsamkeit organisieren und dialogisch feiern wie heute. Aber eben auch Gemeinheiten. Schwarm-Intelligenz ist das gern bemühte Schlagwort. Es gibt aber auch Schwarm-Impertinenz, Schwarm-Penetranz, Schwarm-Perfidie oder Schwarm-Intrige. Ein selbst verstärkender Prozess mit ungeheurer Schlagkraft.

Ein Christian Wulff hatte keine Ahnung, welch Wucht solch ein Prozess entwickeln kann, wenn er nicht rechtzeitig und mit den richtigen Mitteln gestoppt wird. Er hingegen verstärkte und prolongierte mit seinem ungelenken Umgang mit der Öffentlichkeit diesen Prozess. So war der höchste Repräsentant, die höchste Autorität des Staates zur Abrechnung frei gegeben. So konnte dann die eine, ältere Generation (Baby Boomer) ihre fast schon vergessenen antiautoritären Reflexe noch einmal ausleben. Und die junge Internet-Generation (Digital Natives) durfte erstmals dieses Vergnügen auskosten, Riesen zu Zwergen schrumpfen zu sehen, joviale Gesichtszüge in Tagen um Jahre altern zu lassen, schlicht indem man die Autorität als nicht vorhanden (virtuell) behandelt.

Deutschland zu Beginn des Jahres 2012: ein virtueller anti-autoritärer Kindergarten. Die Kinder amüsieren sich prächtig, die Leitungsebene aber versteht die Welt nicht mehr. – Aber das ist ihnen ja inzwischen zur Gewohnheit geworden…

Annual Multimedia


Multimedia im Print

Ich gestehe, ich bin rückfällig geworden. Seit vielen Jahren publiziere ich nur noch digital. Jetzt bin ich aber wieder zu meinen Wurzeln zurückgekehrt, zum Print. Seit heute ist das Annual Multimedia 2012 (Walhalla Verlag) auf dem Markt – 394 (Hochglanz-)Seiten dick. Erstmals erscheint es in meiner Verantwortung als Herausgeber. Seit 1995, als Werner Lippert das Annual Multimedia gegründet hat, war ich in der Jury dieser Leistungsschau der kommerziellen Multimedia-Arbeiten. Im letzten Jahr fragten mich Werner Lippert und der Verlag, ob ich die Herausgabe des Annuals künftig übernehmen will. Ich habe nur zu gerne zugesagt.

Ein wunderbarer Widerspruch: Digitale Multimedia-Arbeiten auf Papier gedruckt. Ein Paradox, das nur der verstehen mag, der seit langer Zeit digital arbeitet – und der noch weiß, wie es sich anfühlt, wenn man ein Printprodukt in Händen hält, das man mitgestaltet hat. Bei letzterem wird man physikalisch für seine Arbeit „belohnt“. Man „begreift“, was man selbst mit seinen Händen – und seinem Kopf – geschaffen hat. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Eine wunderbare, große, innere Freude für kreative Menschen, ein Triumph für narzisstisch veranlagte Gemüter.

Leere Hände der Moderne

Wenn  man aber seine kreative Arbeit in den digitalen Raum verlagert, geht diese physikalische Belohnung verloren. Über lange Jahre meiner Arbeit im Online-Business hat meine eigene Familie, da selbst nicht vernetzt, keine Ahnung gehabt, was ich da mache. Sie haben mir geglaubt, dass da Sachen von mir im Internet existieren. Nachprüfen konnten sie es nicht. Sie haben sich damit getröstet, dass ich ja sichtlich Geld dafür bekomme. Speziell meine Mutter, der Reputation so wichtig war, litt unter der Virtualität meiner Arbeit. Wenn ich ihr etwa Europe Online am Bildschirm zeigte, hätte das ja auch eine Macromedia-Präsentation sein können. (Kein Scherz, die ersten Online-Projekte wurden damals so verkauft. Und danach wunderten sich die Auftraggeber, warum die Bilder so winzig waren und die Seiten so lange zum Laden brauchten. Bei Macromedia war das alles so schnell und opulent gewesen.)

Noch schlimmer ist, dass viele Online-Projekte irgendwann nicht mehr live zu erleben sind. Entweder waren sie als Microsites sowieso nur auf Zeit angelegt – oder aber die Jahre (Monate?), die technische Entwicklung und natürlich auch die Fortentwicklung von Design, State of the Art und Breitengeschmack fordern kontinuierlich ihre Opfer. Die meisten Projekte im digitalen Bereich sind heute nicht mehr im Web zu sehen. Es gibt ein paar Archivseiten des Internets wie Wayback Machine oder WebCite. Aber wenn man da überhaupt einen Snapshot von früher bekommt, dann erscheinen meist nur Fragmente, meist ohne Bilder – und ohne Flash-Animationen.

Erinnerungen an vergangene Pixel

Schon dafür ist das Annual Multimedia, so absurd eine gedruckte Website auch scheinen mag, eine sinnvolle Sache, dass nämlich hier digitale Projekte physikalisch dokumentiert sind. Dswegen ist sie bei kreativen Arbeitern im digitalen Raum so beliebt. Deswegen reichen die meisten Agenturen Deutschlands (und Österreichs und der Schweiz) ihre gelungensten Arbeiten eines Jahres ein – und werden, sofern sie von der Jury für gut genug befunden werden, im Annual Multimedia verewigt. So entsteht ein hochqualitatives Erinnerungsbuch an digitale Arbeiten – und ein paar Jahre weiter gedacht – ein Almanach vergangener Pixel.

Aber es ist die Arbeit der Jury, die den wahren Wert des Annual Multimedia ausmacht. Jedes Jahr arbeitet sie sich durch Hunderte von Einsendungen hindurch. Das Spektrum, das einst 1995 mit Werken auf CD-ROM angefangen hat, umfasst heute Portals, Websites, Microsites, Web-Kampagnen, Banner, Interactive Ads, Social Media, Intranet, E-Mail-Marketing, Desktop Anwendungen, Tools, Web-TV/-Video, Terminals, Events, Games, Installationen, Shops, Apps, Mobile Anwendungen und Digitale Innovationen. Fast jedes Jahr gibt es in den Kategorien Ergänzungen und Wandlungen.

Messlatte für Qualität

Jedes Jahr steht für die Jury die wirklich schwierige Aufgabe an, die stets mit ausführlichen Diskussionen begleitet ist, den Qualitäts-Status des jeweiligen Jahres zu ermitteln. Der ist jedes Jahr höher, der Standard steigt kontinuierlich. Was drei Jahre zuvor noch respektierlich war, erntet heute nur noch ein Schulterzucken. Und nur, was über diesem jeweils neu definierten Anspruchs-Level liegt, wird in das Annual aufgenommen. Die Mehrzahl der Einsendungen schafft das nicht. Die, die aufgenommen werden, werden mit Silber bedacht. Die absolut besten Arbeiten, ca. 20 Highlights, werden speziell erwähnt – und mit Gold bedacht.

So hat sich das Annual Multimedia über die Jahre – wohlgemerkt seit 1995 – als verlässliches Qualitäts-Barometer der Digitalen Branche etabliert. Blättert man durch die Jahre, erlebt man ein Wiedersehen mit wichtigen Websites, erfolgreichen Ideen und bahnbrechenden Kampagnen. Zugleich bekommt man dabei einen plastischen Eindruck, wie sich Standards herausbilden, neue Stile entwickeln und verbreiten. Das ist digitaler Zeitgeist pur.

Texte und Autoren

Die jeweils wichtigen Themen im Umfeld kommerziellen digitalen Schaffens werden in jedem Annual nicht nur optisch dokumentiert, sondern auch stets von kompetenten Autoren analysiert und kommentiert. Im Annual Multimedia 2012 sind folgende Autoren mit folgenden Artikel zu finden:

  • Peter Glaser: „Die Coca-Cola-Formel des 21. Jahrhunderts“ – Zum Thema der Allmacht der Algorithmen
  • Hubertus von Lobenstein: „Wege aus der digitalen Hilflosigkeit“ – Ein Leitfaden zum Einsatz von Social Media
  • Thomas Koch. „Online: Das erste Medium, das wirklich hilft“ – Wie technisch darf digitales Marketing sein?
  • Michael Geffken: „Dem digitalen Tsunami standhalten“ – Wie Medienhäuser und deren Mitarbeiter digital lernen müssen.
  • Anatol Locker: „Was man von Gamern lernen kann“ – Die Spiele-Industrie erfindet sich neu.
  • Henry Steinhau: „Der Netz-Erklärer“ – Portrait des Web-Vordenkers Peter Kruse.
  • Karen Heidl: „Methoden einer Innovationskultur“ – Agilität als Methode des Innovations-Managements
  • Thomas Hoeren: „I like – what the law hates“ – Facebook & Co, die rechtlichen Risiken.
  • Werner Lippert: „Internet killed the Video Star“ – Fünf außergewöhnliche Videokunstwerke per Smartcode.

Das Annual Multimedia erscheint im Walhalla Verlag und kostet 79,00 Euro. Viel Spaß beim Lesen…

Willkommen Krise – wenn es denn sein muss


Änderungsprozesse sind nie gemütlich

Wenn man einmal in einer wissenschaftlichen Animation gesehen hat, wie sich ein System in ein anderes transformiert, sei es ein Bakterienstamm oder ein soziales System, dann ist das eindrucksvoll: Ein stabiles System arbeitet zunächst brav in einem funktionierenden Schema. Alles ist ruhig und „normal“. Dann erscheint irgendwo ein kleiner Störfaktor. Normalerweise wird er von dem System absorbiert. Ist aber das System dazu nicht mehr in der Lage, vielleicht weil es in Teilen heimlich schon dysfunktional ist, dann verbreitet sich dieser kleine Störfaktor immer mehr. Zunächst minimal und fast unscheinbar, dann aber immer mehr und mit wachsender Dynamik.

Rosette Nebula - Galaktische Evolution

Ab einem kritischen Punkt wird nun das System immer unruhiger, es gerät immer mehr in Unordnung, wird immer hektischer und chaotischer. Man nennt diesen Vorgang dann nicht zu unrecht Krise. κρίσις (krísis) stammt aus dem Griechischen (!) und bedeutet in etwa „Zuspitzung“ oder auch Wendepunkt. Er beschreibt den Zustand des Wechsels von einem stabilen Zustand in einen anderen. Und solch ein Wechsel ist unweigerlich mit einem sehr unruhigen, turbulenten, chaotischen Moment verbunden bis sich das neue System, das einmal als kleiner Störfaktor begonnen hat, durchgesetzt hat. Nun erst beruhigt sich das System in der dann neuen Funktionsweise. So funktioniert  Evolution.

Schaut man sich um, liest und sieht die Nachrichten, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir uns gerade in solch einer turbulenten, hitzigen Wechselphase befinden. Und das Wort „Krise“ liest und hört man sowieso allenthalben. Fragt sich nur, wohin der Wechsel gehen soll. Welche unserer gewohnten, aber vielleicht doch etwas überholten Systeme stehen denn zur Abwahl an? Da fällt uns recht viel ein, ohne auch nur ansatzweise in die Esoterik abgleiten zu müssen:

1. Das Banken- & Glückspielsystem

Da ist als erstes sicher das Bankensystem, das nach seiner Liberalisierung zu großen Teilen – vor allem denen, wo am meisten Umsatz und Profit gemacht wird – zu einem Wettbüro degeneriert ist. Heute muss schon jeder Lottobetreiber darauf aufmerksam machen, dass Glücksspiel süchtig macht. Warum müssen das die Investmentbanker, Derivate-Händler & Konsorten nicht? Und wäre es nicht ein willkommener Effekt der Krise, wenn damit in Zukunft erst einmal Schluss wäre?

2. Das kapitalistische System

Nur einen kleinen Gedanken-Fußbreit weiter gedacht: Vielleicht hat nach dem sozialistischen System auch der Kapitalismus in seiner Reinkultur ausgedient. Sein naiver Glauben an unaufhörliches Wachstum als Heilmittel hat sich überholt. Und wie sich der Sozialismus heute in sonderbare kapitalisteske Mutationen manifestiert, beispielsweise in China, und damit wirtschaftlich nicht schlecht fährt, so muss sich vielleicht der Kapitalismus neu erfinden, um noch im 21. Jahrhundert lebensfähig zu bleiben. Er muss möglicherweise sozialer werden – ohne seine Grundidee des Wettbewerbs aufgeben zu müssen.

3. Das Sozialsystem

Apropos sozial. Unser viel gelobtes Sozialsystem, das so viel auf sich hält, muss schätzungsweise auch möglichst bald von seinen Lebenslügen geheilt werden. Es braucht wahrscheinlich eine grundlegende Runderneuerung, um den vorhersehbaren Katastrophen wie Rentenpleite, marodem Gesundheitssystem und System-Arbeitslosigkeit irgendwie noch zu entgehen.

Braucht es erst eine Verelendung auf breiter Front mit begleitenden Unruhen und Aufständen, bis sich vernünftige Ideen wie eine Grundrente – oder positiver formuliert: Bürgereinkommen – durchsetzen können? So etwas wäre ein dermaßen grundlegender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der viele andere anstehende Probleme leichter lösbar machen würde: Leistungsschutz, Nutzungsrechte, Versorgungsbürokratie etc. Wie anders als durch eine Krisensituation soll sich solch eine Idee, die grundlegende Paradigmen berührt, durchsetzen?

4. Konsum-System

Es fällt auf, wo in dieser Welt welcher Luxus gelebt wird. Einerseits der laute, protzige Glam-Luxus als Reichtums-Peep Show. Das findet vorzugsweise dort statt, wo es besonders viel Wohlstands-Nachholbedarf gibt und zugleich noch sehr feudale Strukturen überlebt haben, etwa in Russland oder auf der arabischen Halbinsel. Anders in Indien oder China. Auch hier gibt es reichlich Nachholbedarf und genug feudalistische Reste, und Reichtum wird stolz gezeigt, aber es gibt längst nicht solch prosperitäts-exhibitionistische Exzesse. Es fällt auf, dass ausgerechnet dort Luxus am dekadentesten gelebt wird, wo am wenigsten produktiver Reichtum aus neuen Ideen und innovativer Produktion entsteht, sondern Geldüberflüsse nur durch Förderung von Rohstoffen erzielt werden.

Bei uns im Westen, wo wir seit langem Reichtum und Prosperität gelernt haben, wird offensive Zurschaustellung von Luxus längst als peinlich empfunden. Vielleicht sind wir jetzt so weit, neue Wertesysteme des Luxus zu entwickeln . Die haben weniger mit Insignien des Reichtums zu tun, als vielmehr mit Lifestyle, neuen Optionen und gelebter Erfahrung und gelebtem Wissen. Genuss wird hier anders zelebriert. Durch neue Geschmackserlebnisse, durch neue Freiheits-Optionen, durch neue Perspektiven.

5. Die Welt der Arbeit

Es ist heute sehr gut absehbar, dass die Arbeitswelt schon mitten dabei ist, sich massiv zu verändern. Das kann man ganz brav und uninspiriert darstellen wie etwa aktuell in der Süddeutschen Zeitung, oder aber man bezieht den Paradigmenwechsel in eine digitale Netzgesellschaft mit ein, wie es Jeanne C. Meister und Karie Willyerd in ihrem Buch „The 2020 Workplace“ entwerfen. Dankenswerterweise hat Karen Heidl die Grundthesen des Buchs in ihrem Blog kurz zusammengefasst. Es wird in Zukunft darauf ankommen, Talente und Könner damit zu ködern, dass sie ihre Marke (Employee Brand) weiter entwickeln können und dass sie sich kontinuierlich weiterentwickeln können. Beruflich, fachlich, menschlich, sozial etc.

6. Steuersystem

Wie will man übrigens bei einem Arbeitssystem, das auf neue Freiheit, Flexibilität und gleichzeitig auf extreme Effektivität ausgerichtet ist, noch darauf hoffen, darauf sein Steuersystem aufbauen zu können. Es braucht deutlich andere Bewertungsgrundlagen: etwa Effektivität, Wertschöpfung, Maschinenleistung etc. Genug intelligente Ideen dazu gibt es längst. Den Mut, hier einen Schnitt zu machen, können Politiker, die immer die nächste Wahl vor Augen haben, nicht aufbringen. Das ist nur aus einer massiven Krisensituation heraus durchzusetzen.

7. Digitales Denken und Leben

Realistisch gesehen wird die Ablösung unseres Denkens aus den Limitationen des analogen Systems auf breiter Basis noch Zeit brauchen. Aber analoges Denken wird sich, gerade weil es bei uns in Deutschland (Dichter & Denker?) so tief verankert und mit seltsamer Nostalgie und Wehleidigkeit aufgeladen ist, nur in krisenhaften Situationen durchsetzen können. Nur wenn es gar nicht mehr weitergehen mag, ist man wohl bereit, sich an eine Digitale Intelligenz samt Netzwerk-Denken mit ihren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Und sie dann ganz schnell genießen zu lernen. Nur so lässt sich die weitere unausweichliche Beschleunigung unserer Welt, unseres Wissens und unseres neuen, fluiden Wertesystems überhaupt aushalten.

Oder kurz zusammengefasst: Es wird höchste Zeit, dass wir endlich im 21. Jahrhundert, im 3. Jahrtausend ankommen. Kann sein, dass wir dafür ein weiteres Mal, wie schon bei so vielen Fin de siècles, eine Krisensituation brauchen. Schade! … Aber wenn es denn sein muss…

Müllmänner der Politik


Exekutive der Fachleute

Ein kurioses Konzept boomt dieser Tage in Europa – und die Journaille goutiert und applaudiert. In Griechenland und in Italien soll statt einer gewählten Exekutive, eine sogenannte „technische Regierung“ die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Missstände wieder richten, die über Jahrzehnte entstanden sind. Kein Wunder, dass die Idee des „governo tecnico“ eine italienische Erfindung ist. Wer in 65 Jahren 60 Regierungen verschleißt, hat eben Erfahrung damit, was man tun muss, wenn das Kind ins Bade fällt.

Eine „technische Regierung“, auch genannt „Kabinett der Fachleute“, wird vom (italienischen) Staatspräsidenten eingesetzt und soll dann die Dinge richten, die die gewählten Volksvertreter verbockt haben. Ein sehr eigenartiges, wenn auch von viel Realismus geprägtes Demokratrieverständnis, das sich hinter diesem Konzept verbirgt. Es wird einfach davon ausgegangen, dass in ein Parlament entweder keine Fachleute hinein gewählt werden – oder diese, sofern es sie gibt, nichts zu sagen haben. Sie werden von Fach-Dilettanten, die aber wohl hochqualifizierte Experten in Sachen Wahltaktik, Lobbyismus und Schlimmerem sind, erfolgreich still gestellt.

Die Buhmänner der Politik

Wenn dann durch teure Wahlversprechen und unsolides Wirtschaften der Haushalt ruiniert ist, dürfen „Fachleute“ ran, die das alles wieder in Ordnung bringen sollen. Das sind sozusagen die Müllmänner der Politik, die Unschönes entsorgen müssen und vor allem unpopuläre Dinge wie Sparmaßnahmen, Abbau von Rechten, Kündigungen, Rentenkürzungen etc. durchführen dürfen. Vor allem müssen sie aber Vorgaben von hypernationalen Organisationen exekutieren, von der Europäischen Union, vom IWF, der Weltbank und wer noch alles hier das Sagen hat.

Diese „technischen Politiker“ sind so gesehen die Insolvenzverwalter von heruntergewirtschafteten Staaten. Mit dem großen Nachteil, dass sie sich im Unterschied zu echten Insolvenzverwaltern, keine goldene Nase verdienen Im Gegenteil, sie werden im eigenen Land tief verhasst und verachtet sein, weil sie ausschließlich unpopuläre Maßnahmen durchführen müssen, die noch dazu fast ausnahmslos von außen oktruiert werden. So werden nach den Bad Banks auch noch Bad Boys erfunden, die als Buhmänner alle negativen Reaktionen auf sich ziehen dürfen. Und wenn Maßnahmen dann doch erfolgreich sein sollten, werden bis dahin längst wieder ganz schnell Politiker bereit stehen, um die Lorbeeren entgegen zu nehmen.

Die Kandidaten der Medien

Es ist verwunderlich, dass solche undemokratischen Vorgänge, solche als Übergangsregierungen oder „technische Regierungen“ schön geredete politische Vollzugsinstitutionen in den Medien eher positiv aufgenommen werden, als quasi Wunderheiler, die ganz schnell die richtigen Kaninchen aus dem Hut zaubern werden. Kaum eine kritische Stimme, die sich wundert, wie hier mal kurz alle Demokratie ausgehebelt wird. Das Prinzip ist frappant: Demokratie ist nur so lange o.k., solange sie lautlos funktioniert – und sei es auf Kosten der Staatsbilanzen. Wenn es dann zum Schwur kommt, müssen es halt Bad Boys richten.

Die Ernennung dieser „Fachleute“ erfolgt immer sehr nebulös. Die Medien haben stets auf die Schnelle geeignete Kandidaten zur Hand, die die Sache schon wuppen können. Gibt es geheime Reservoirs, wo solche Leute für den Ernstfall bereit gehalten werden? In Institutionen, Stiftungen, hypernationalen Behörden? Und woher wissen die in Frage kommenden Medien immer so schnell, wer für den jeweiligen Posten geeignet und verfügbar ist? Und warum sollen diese Menschen Lust auf solch einen Loser-Job haben? Gibt es da geheime Entlohnungssysteme? Existieren obskure Fonds, die politisch verbrannten Akteuren im Nachhinein noch ein angenehmes Auskommen ermöglichen? Wie etwa finanzieren sich Gorbatschow oder Schewardnadse, die in ihrem Heimatland Unpersonen sind? Von Vorträgen und Interviews in ZDF-History-Dokus von Guido Knopp werden sie vielleicht nicht auskömmlich genug leben können…

Die Klientel schlägt zurück

Es ist faszinierend zu beobachten, dass die Idee von „technischen Regierungen“ oder „Übergangsregierungen“ die Medien begeistern können. Sicher treffen sie auch zielgenau das ademokratische Sentiment des verängstigten Krisenbürgers. Aber letztlich kommen solche externen Regierungskonstruktionen dann doch nicht zustande. Dafür sorgen die „gewählten“ Politiker, die um ihren Einfluss und die Pfründe ihrer Klientel fürchten. Zu essentielle Interessen, zu grundsätzliche Machtkonstruktionen stehen hier auf dem Spiel – und schätzungsweise hat man viel zu viele Leichen im Keller, um hier Amtsfremde samt deren Medienkontakten zu viel Einblick gewähren zu wollen.

Da lassen sich Politiker lieber die Maßnahmen von Finanzmärkten, Staatsbanken, Währungsunionen etc. diktieren. Es gibt da ja immer ein paar Köpfe, die keine Karriere mehr machen wollen/können. Die sind in solchen Fällen wunderbar geeignet, hier ihren Dienst am Volk leisten zu dürfen. Und wenn die Sache schief läuft und die Bürger gegen die „Rettungspolitik“ auf die Straße gehen, kann man ja immer jederzeit eine Dolchstoßlegende zimmern. Das hat noch immer funktioniert. Und sollte es doch gut gehen, dann darf man sich selbst mit den Erfolgen schmücken. Auch nicht schlecht.

Das Risiko Wutbürger

Bleibt die Frage: Macht der Bürger das Spiel mit? Lässt er sich die Maßnahmen gefallen, die ihm Wohlstand und Wohlergehen schmälern werden, wenn nicht gar rauben? Er, der Bürger, ist zwar an allem schuld, weil er die Politiker gewählt hat, die ihm mit geliehenem Geld das Leben versüßt haben. Aber das wird der Bürger nicht so sehen wollen. Und er hat recht damit. Denn so übel die Hochverschuldung ist, so absurd ist es, dass man harte Maßnahmen ergreift, um die – anonymen – Finanzmärkte, die gegen die verschuldeten Staaten und ihre Schuldpapiere wetten, zu beruhigen.

Denn damit löst man das Problem nicht. Angenommen, es wird nicht mehr gegen griechische oder italienische Schuldverschreibungen gewettet, wie soll dann die dicke Kohle mit frei flottierendem Kapital gemacht werden? Dann muss eben gegen andere Werte und Güter gewettet werden, etwa gegen Preise von Nahrungsmitteln, gegen Rohstoffpreise oder dergleichen. Und das wird ebenso verheerende Folgen haben. Vielleicht nicht gleich für uns, sondern zuerst für die Dritte Welt.

Ehe jetzt Müllmänner der Politik und Insolvenzverwalter maroder Staatsfinanzen verheizt werden, wäre es doch viel sinnvoller, die Ursachen solcher Entwicklungen abzustellen: Das existierende Finanzsystem muss dringend reformiert werden. Es ist nicht nur zu zynisch darauf zu vertrauen, dass Haie die Hand, die sie füttern, schon nicht fressen werden. Das ist zu naiv. Und Kindern, die drauf und dran sind, ihr Lieblingsspielzeug aus lauter Übermut (aka Gier) kaputt zu machen, nimmt man es besser aus der Hand…

Wirkung und Piraten


Krise der Krise

Wenn man Nachrichten liest oder im Radio hört oder im TV sieht, dann ist es ein Wort, das wirklich keiner mehr hören will und kann: „Krise“. Wenn es eine veritable Angst vor Inflation gibt, dann vor dem inflationären Gebrauch dieses Wortes. Kein Tag ohne neue Volte zum Schlechten, kein Tag mit einem neuen Plan, alles in den Griff zu bekommen. Zugegeben, das politische Personal für die Perma-Krise ist hochqualifiziert. Papandreou und speziell Berlusconi sind echte Garanten für Sisyphos-Arbeit, denn sie haben beide eine andere Agenda als die der Rettung des Euros: die Rettung der eigenen Karriere bzw. dem Entrinnen strafrechtlicher Verfolgung.

Cover der englischen Neuausgabe von George Orwells "1984". Wie zeitgemäß das ist: "Ignorance is Strength". Silvio Berlusconi & Co,. lassen grüßen.

Mich erinnert dieses Trommelfeuer an Krisen-Situationen – und Krisen-Unkereien – sehr an die mediale Unterjochung durch Dauerkonflikte, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat. Faszinierend, wie nach 10 Jahren Dauerstress durch den Kampf gegen Osama bin Laden und seine Terrorkommandos jetzt ein neuer Schauplatz von Angst und Schrecken mit viel Potential für „nachhaltige“ Krisenkultur entstanden ist. Angela Merkel schätzt schon mal, dass es mindestens zehn Jahre dauern wird, bis die Krise des Euros oder wahlweise der Banken oder des Finanzsystems behoben sein könnte. Auch eine Art von Verlässlichkeit.

Mediale Sozialisation

Ich hatte im (Humanistischen) Gymnasium das Privileg, im Deutsch- und Sozialkundeunterricht ca. ausgiebig „Medienkunde“ zu haben (anno 1972!) und ausgiebig die Wirkungen von Presse, Presseagenturen (!) und TV vermittelt zu bekommen. Aber meine wirksamste mediale Sozialisation habe ich im Englisch-Unterricht bekommen, eben durch Orwells „1984“. Da habe ich erahnen können, wie manipulierte und manipulierende Medien Wirkungen auf eine Gesellschaft und ihre Kultur haben können.

Wie viel Wirkung die Medien  wirklich haben, konnte ich dann über Jahre im praktischen Selbstversuch erleben. Bei der Münchner Stadtzeitung und beim WIENER. Mal bitterernst, wenn es um investigative Geschichten wie die „Schwarzen Sheriffs“ oder die Gründung von „AIDS-KZs“ ging. Oder auch extrem kurios, wenn wir etwa den Müll von Prominenten analysierten oder den reichsten und mächtigsten Deutschen einen Scheck über 1,23 DM schickten, dessen Einlösung teurer als der Wert des Schecks war. (Der ernste Teil war, dass ich jahrelang kein Konto mehr bei einer großen deutschen Bank eröffnen konnte.)

Nächtliche Rache

Die wohl kurioseste Wirkungs-Episode war dann über Jahre die eher anstrengendste. Bei der Münchner Stadtzeitung hatten wir des Öfteren für unsere Leser auch Spiele entwickelt und mit der Zeitung ausgeliefert. Brettspiele mit sehr kreativen und vielleicht auch gemeinen Aufgaben. So bekam man etwa entsprechend viel Punkte für jede Minute, die man einen willkürlich angewählten Telefonpartner im Gespräch hielt.

Was wir damals nicht recht bedacht hatten war die Tatsache, dass solche Spiele gern spät nachts gespielt werden – und dann die Hemmschwellen eher niedrig sind. Der Endeffekt war jedenfalls, dass ich über Jahre hinweg immer wieder nachts Anrufe bekam – auch um 3 oder 4 Uhr morgens – um mit mir viele Minuten am Telefon zu verbringen, um Punkte zu sammeln. – Wie witzig. – Aber wir hatten halt findige Leser.

Sind Sie der Konitzer?

Wie sehr TV wirkt, habe ich dann viele Jahre später durch Günther Jauch erleben dürfen. Ich war für meine Ex-Frau Beate, die es in die Sendung „Wer wird Millionär“ geschafft hatte, als Telefon-Joker vorgesehen. Ich war an dem Tag der Aufzeichnung aber in Italien in Urlaub, aber unser Urlaubsdomizil hatte einen Festnetzanschluss. Nachmittags war schon ein Kontrollanruf – und dann hieß es, ich sollte mich bis 22.00 Uhr bereit halten, so lange dauert die Aufzeichnung. Kein Problem, ich wartete und drückte Beate die Daumen, dass sie es auf den Stuhl schaffen möge.

Die Zeit verrann, ich war nie weiter als 10 Meter vom Telefon entfernt. Ich traute mich nicht mal aufs Klo zu gehen, man weiß ja nie. Irgendwann war es 22.00 Uhr. Aber ich hielt noch durch, man weiß ja nie. Erst um 22.30 Uhr wagte ich mich auf die Toilette – und es kam wie es kommen musste, genau dann klingelte das Telefon. Ich schaffte es noch innerhalb der vereinbarten fünf Klingelphasen, und tatsächlich Günther Jauch war am Telefon.

Ich hatte mir eine Strategie zurecht gelegt, wie ich das Gespräch lenken wollte, um möglichst viel Andeutungen zur Frage vorab zu bekommen. Abgesehen davon, dass ich schon gestresst an den Hörer kam, nahm mir Günther Jauch sofort allen Wind aus den Segeln mit der Frage: „Sind Sie der Michael Konitzer?“ Er kannte mich und meine Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung und beim WIENER inklusive meiner investigativen Recherchen und interviewte mich dazu in aller Länge. Auch so kann man Wirkung erzielen. – Ich habe dann tatsächlich die Frage beantworten können – es ging um den Ural als drittlängsten Fluss Europas. – Beate war mir sehr dankbar…

Die nächsten Tage habe ich dann real erfahren, wie bekannt man werden kann, wenn man in einer gern gesehenen Sendung nur per Telefon erlebbar ist. Die Nachbarschaft, alle Verkäufer, die meinen Namen kennen, Kollegen, Freunde und eher unbekannte Menschen riefen an und schrieben Mails. (Das war noch weit vor Erfindung von Facebook & Co.) Noch Monate später wurde ich immer wieder auf Jauch und meinen Cameo-Auftritt angesprochen.

Ohnmacht vor Piraten

Diese (kleine) Wirkungshistorie von Medien im Hinterkopf, bin ich dann doch erschrocken, wie sehr die etablierten Medien an Durchschlagskraft und Effizienz verloren haben. Den Zeitungsmachern und TV-Redakteuren muss doch der Schrecken in die Glieder gefahren sein, als sie nach der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses sehen mussten, wie die Piraten fast 8 Prozent der Stimmen eroberten, obwohl sie so gut wie keine Presse bekommen hatten und in keine TV-Runde im Vorfeld der Wahl eingeladen waren. Man kann heute auch abseits der großen Meinungsmacher Wahlerfolge feiern.

Und diesen Gedanken weiter gedacht: Wie wenig Wirkung zeitigt letztlich doch die kontinuierliche Bombardierung der Bevölkerung mit wirtschaftlichen Untergangsszenarien. Wie krisenimmun sind wir letztlich schon geworden. Wir widerstehen nicht nur alljährlich neu beschworenen Killerviren und drohenden Epidemien. Wir geben sogar unbeirrt weiter unser Geld aus, vielleicht sogar etwas mehr mit leichter Hand, wenn es denn schon bald nichts mehr wert ist. Wir lassen uns nicht unterkriegen. – Und das ist gut so.

Damit hat Orwell nicht gerechnet, dass man immun gegen Panikmache und Krisenbeschwörungen werden kann.