Wut auf den Clown


Beppe Grillo, der Buhmann der italienischen Politik

Ich habe Beppe Grillo nur einmal kurz, das ist schon zwei, drei Jahre her, zufällig bei einer Veranstaltung auf einem italienischen Platz erlebt. Das war zu den Anfängen seiner politischen Bewegung „Movimento 5 Stelle“. Mein Italienisch war damals noch sehr dürftig. Trotzdem habe ich gesehen, wie gut seine Witze und wüsten Politikerbeschimpfungen beim – vornehmlich jungen – Publikum ankamen. Es war eine Riesenstimmung schon damals. Inzwischen kommen über 100.000 Menschen im winterlichen Rom zusammen – zu der Abschlussveranstaltung seines Wahlkampfes. Zu einer Wahlkampfveranstaltung, bitteschön!!!

Beppe_Grillo_-_Trento_2012_0325.55 Prozent der Wählerstimmen hat Beppe Grillo bei der Wahl in Italien gewonnen!. Das Movimento 5 Stelle ist sogar die Einzelpartei mit den meisten Stimmen. In etlichen Regionen, etwa in den Marken, in denen wir unsere südliche Heimat haben, ist er mit Abstand die führende Kraft. Das alles hat Grillo mit seinen jungen Mitstreitern innerhalb von nur drei Jahren geschafft. Ohne Geldgeber, nur als Graswurzelbewegung per Internet, vor allem der jungen Italiener. In einem Land, in dem wirklich nur alte Männer das Sagen haben – in allen Bereichen, in Wirtschaft und Politik, in allen Regionen und Kommunen – in dem die jungen so gut wie keine Chance haben.

Vorbildliche Ideen

Die Programmatik der Grillisti, wie sie inzwischen genannt werden, wirkt etwas erratisch. Aber was an konkreten Zielen von Grillo angestrebt wird, sind Initiativen, die auch in Deutschland, vor allem bei kritischeren Geistern, helle Zustimmung finden müssten. Ein Grundlohn von 1.000 € für jeden. Ähnliches wollen auch die Grünen. Mit speziellen Initiativen soll vor allem die Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden. Die Abgeordneten, die das Movimento in Parma und Sizilien in die Parlamente gebracht haben, verzichten auf den größten Teil ihres Gehaltes (wie einst die Grünen) und zahlen das Gros in einen Fonds ein, aus dem Microkredite für Unternehmen, Start ups und Initiativen vergeben werden, die neue Arbeitsplätze für Jugendliche schaffen. Und die Abgeordneten, die jetzt für das Movimento ins Parlament ziehen werden: alles junge Leute, viele junge Frauen. (Alle per Internet zu Abgeordneten gewählt!)

Eigentlich alles wunderbar. Was für eine Erfolgsgeschichte, mit solchen Ideen eine Wahl so spektakulär zu gewinnen. Aber nichts davon in der deutschen Presse. Hier wird Beppe Grillo unisono als Polit-Clown, Populist, Politik-Verweigerer und gar als Wüterich gescholten. Er wird fast durchgängig in eine Schublade mit Silvio Berlusconi gesteckt. Was ist es, dass unsere Medien so wütend und so einseitig gegen Beppe Grillo agitieren lässt? Wäre er der Chef einer erfolgreichen Oppositionsbewegung in einem Land des (ehemaligen) Ostblocks, wäre er längst als Held verklärt.

Aggression gegen Systemverweigerung

Es ist natürlich seine Ablehnung der EU in der gegenwärtigen Form, die Grillo zur Zielscheibe von Kommentatoren-Aggressionen macht. Es ist seine Ablehnung des Sparkurses von Mario Monti (und Angela Merkel), die Grillo hierzulande unbeliebt macht. Aber man muss sich nur ein wenig in Italien umsehen, um zu verstehen, dass die Sparpolitik vor allem die Jungen voll trifft. Sie haben nicht wie ihre Altvorderen Immobilien und Schwarzgeldkassen, mit denen es sich auch in Krisenzeiten noch über die Runden kommen lässt. Sie erleben nur ein Land, in dem die Alten nicht loslassen, in denen Reformen wirksam torpediert werden und Aufbruchstimmung ein Fremdwort ist.

Beppe Grillo aber verkörpert erstmals seit ewigen Zeiten so etwas wie Aufbruchsstimmung und eine Perspektive für die Jugendlichen. Gerade auch weil er sich allen etablierten Kräften verweigert. Den Medien, dem TV, der Presse, der Großwirtschaft und vor allem dem Klüngel (er nennt sie Kaste) der Parteipolitiker in Italien und deren Korruptheit: Italien hat die meisten Abgeordneten in Europa, das zahlreichste Parlament und dazu noch einen Senat, und die Politiker dort gönnen sich die höchsten Diäten. Und genau das möchte Grillo dringend ändern.

Die Kaste schlägt zurück

Aber auch dafür bekommt er von der Presse hierzulande keinen Beifall. Im Gegenteil. Obwohl es hochdringend ist, sich von den Parteien und dem herrschenden Politikapparat abzusetzen, wird Grillo genau dafür abgewatscht. Etwa vor allem deswegen, weil die Presse und die Medien hierzulande eben auch ein integrierter Teil der hiesigen Politkaste sind. Die wahrscheinlich nicht so korrupt wie in Italien ist, aber genauso weit entfernt von der Wirklichkeit, etwa von arbeitslosen Jugendlichen. Fast scheint es so.

Natürlich wird es spannend sein, was Grillo nun mit seinem Wahlsieg macht. Lässt er es per Blockade so weit kommen, dass bald wieder Neuwahlen nötig sind? Dann hätte er die besten Chancen, noch besser abzuschneiden. Oder treibt er mit seinen Themen die demokratischen Sozialisten vor sich her? Hin zu Reformen, einem fairen Wahlrecht, zu einem kleineren Parlament, zu einem Grundeinkommen und einer Wirtschaftsförderung, die unten bei den kleinen Leuten und den Jugendlichen ankommt und nicht kränkelnde Banken und Großkonzerne (FIAT) unterstützt?

Wer blockiert wen, wer blockiert was?

Ich habe eher das Gefühl, dass die Politkaste Italiens da nicht mitspielen wird. Aber wer ist dann der Verweigerer? Wer ist der Blockierer? Und wer, bitte, ist der Politclown? Der, der gute, sinnvolle, soziale Ideen verwirklicht sehen will? Oder die Kaste, die alles tut, um den Euro nicht in die Bredouille zu bringen und brav weiter das deutsche Wirtschaftswunder des 21. Jahrhunderts auf eigene Kosten zu befeuern?

Und warum stellt eigentlich unsere kritische Presse nicht solche Fragen? Auch wenn damit nicht unbedingt Beifall zu erwarten ist. Ich bin einmal gespannt auf das Bild der vielen jungen, weiblichen Köpfe im italienischen Parlament. Und besonders spannend wird es sein, was sie für eine Politik machen werden. – Ich jedenfalls habe da kein so schlechtes Gefühl. Wenn die etablierten Medien so einhellig und so aggressiv gegen etwas sind, dann verspricht das inzwischen so einiges. – Aber das sagt mehr über die hiesigen Medien und ihr Selbstverständnis aus als über Beppe Grillo.

Nachträge:

Sehr interessant, was Grillo jetzt nach der Wahl in Interviews sagt (Beispiel SZ) . Seine Verweigerungspolitik gilt nur für ein „Weiter so“. Würde etwa Basani es ernst meinen mit Konsolidierung, Wahlreform und Abbau von (Politiker-)Privilegien, wäre Grillo sofort dabei.

Und auch Spiegel Online, oder zumindest sin Kolumnist Jakob Augstein versteht inzwischen, wie überzeugend Grillos Opposition ist.

Und hier kann man sich mal ein (bewegtes) Bild von Beppe Grillo und seinen Zielen machen. Im Interview mit dem schwedischen Fernsehen. (mit deutschen Untertiteln).

Der Pirat des Südens


Beppe Grillo und sein „Tsunami“

Wollen wir es mal vorsichtig formulieren: Die Piraten hatten in Deutschland ihr großes Coming Out in den Medien. Und sie sind darin in kürzester Zeit untergegangen. Marina Weisband hat das in ihrem Blog oft sehr gut als direkt Betroffene beschrieben und analysiert. Die Medien sind viel zu sehr Teil des bestehenden politischen Systems, als dass sie den Piraten je wirklich publizistisch eine Chance gegeben hätten. Zunächst haben sie sie konsequent missachtet. Erst als es nach dem Wahlerfolg in Berlin nicht mehr anders ging, hat man sich ihrer angenommen.. Und wie. Extrem intensiv und mit aller Brutalität, Konvention, Häme und als Sympathie getarntem Zynismus, zu dem die etablierten Medien nur fähig sind. – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Beppe Grillo
Beppe Grillo

Wie es ganz anders gehen kann, ist bei unserem winterlichen Besuch in Italien zu besichtigen. Hier mischt ein politischer Outsider die italienische Politlandschaft mit ähnlichen Inhalten, einer ähnlichen Attitüde und ebenso internetaffin auf wie dereinst die Piraten in Deutschland: Beppe Grillo. Die Prognosen zur Wahl in Italien Ende Februar sehen ihn bei 13 bis 16 Prozent – mit guten Zuwachsperspektiven. Mit ein bisschen Glück könnte seine politische Bewegung „Movimento 5 Stelle“ (Fünf Sterne Bewegung) bei der Wahl zweitstärkste Kraft, mindestens aber drittstärkste Fraktion werden.

Der Anti-Pirat

Zugegeben, die politische Situation ist in Italien verfahrener und schlimmer als in Deutschland. Das Parteiensystem ist weit desaströser und die Politikerkaste eine Katastrophe. Zur Wahl stehen ein mehrfach verurteilter Medienmogul, der das Land fast in den Ruin getrieben hat. Ein vom Schlaganfall schwer mitgenommener Rechtsaußen. Ein unglaublich dröger sozialistischer Parteisoldat und ein Wirtschaftprofessor von Banken und Goldman Sachs‘ Gnaden. Alle natürlich altersmäßig weit jenseits der Pensionsgrenze. Und dann eben Beppe Grillo. Einst Kabarettist, Komiker und Fernsehstar. Auch er – nach einem Autounfall – wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft.

Beppe Grillo steht konzeptionell ganz nah bei den Piraten. Seine Kandidaten zur Wahl sind alle per Internet-Votum gewählt worden. Inhaltlich wird Vieles per Internet diskutiert und beschlossen. Und vor allem die Aktivierung der Wähler und Wahlhelfer geschieht über das Internet und Foren auf Beppe Grillos Website beppegrillo.it (inkl. englischer Version). Auch inhaltlich gibt es viele Berührungspunkte zu den Piraten. Netzpolitisch sowieso, aber ebenso ökologisch und ökonomisch und in der teilweise abenteuerlichen Melange aus linken und eher konservativen Positionen, wie sie auch die Piraten in Deutschland bisweilen haben. In Italien ist das Teil des Erfolgsrezeptes. Beppe Grillo gilt als der einzige „Politiker“, der Berlusconi rechts von der Mitte Wähler abspenstig machen kann.

Der bekennende Populist

Grillo kann Berlusconi Stimmen abgraben, weil er ein Bühnenberserker ist – und ein Populist von Gottes Gnaden. Dafür wird er von allen Seiten gescholten. Er macht sich einen Spaß daraus und lässt auf seinen stets bestens besuchten Großauftritten die Menge skandieren: Po-pu-lista! – An dem Beispiel beginnt man zu ahnen, dass Beppe Grillo vielleicht inhaltlich den Piraten nahe steht, aber sonst in allen Belangen das völlige Gegenbild ist. Er macht alles anders als die Piraten in Deutschland – und ist schätzungsweise gerade dadurch so erfolgreich.

Beppe Grillo verweigert sich nämlich komplett und konsequent allen etablierten Medien. Dem italienischen Fernsehen (das ihn einst groß gemacht hat) sowieso, weil es entweder in der Hand von Berlusconi ist oder von ihm, wie im Fall des öffentlichen RAI, zu einstigen Regierungszeiten mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden ist. Eine Kandidatin, die bei einer Talkshow zugesagt hatte, hat Grillo sehr diktatorisch eingebremst. Aber auch mit der italienischen Presse will 5-Sterne-Grillo nichts zu tun haben, auch abseits von Berlusconis Mediaset. Für ihn sind die etablierten Medien samt und sonders Teil der überkommenen politischen Kaste, die ihm niemals nützen werden, sondern ihn immer zu verhindern suchen werden. (Auffällig ist, dass die Medien in Deutschland dem Phänomen Beppe Grillo auch bislang fast völlig mit Missachtung begegnen. Die Ausnahme ist der Tagesspiegel.)

Tsunami, die Polit-Tour

Seine Stimmen, seinen Erfolg und seine politische Wirkung erzielt Beppe Grillo allein durch Multiplikation im Internet, vor allem aber durch seine überaus erfolgreiche Tour über alle großen Stadtplätze quer durch Italien. Er nennt die Tour „Tsunami“. Er ist der einzige Wahlkämpfer Italiens, der sich im winterkalten, nassen Italien auf die Bühne stellt und hier seine – ja, populistische – Bühnenshow mit Politikerbeschimpfungen, Witzen, massenhaft Fakten zur italienischen Politik und ihrer Korruptheit und mit seinen politischen Ideen abzieht. Eine Show, die überall Tausende von Zuhörern auf die zugigen Plätze holt und extrem gut ankommt. Höhepunkt soll ein Auftritt in Rom zwei Tage vor der Wahl vor über 100.000 Zuhörern werden. (Darüber dürfen dann mit Grillos Segen auch die etablierten Medien berichten – möglichst live.)

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die konkrete politische Arbeit, die die Abgeordneten des „Movimento 5 Stelle“ dort leisten, wo sie schon Mehrheiten erzielt haben. Etwa in Parma oder in Sizilien. Sie lassen sich von ihren – in Italien üblicherweise üppigen – Abgeordnetengehältern nur etwa 3.000 Euro auszahlen. Den größeren Teil zahlen sie in einen Fonds ein, aus dem Microdarlehen vergeben werden, mit denen vor allem Arbeitsplätze für arbeitslose Jugendliche geschaffen werden sollen. Das funktioniert und macht das Movimento extrem angesehen in Italien. Die Botschaft davon wird viral weiter getragen und macht Eindruck bei den Benachteiligten und in den ärmeren Schichten. Aber auch den Intellektuellen, die sonst wenig mit Grillos hemdsärmeliger Art anfangen können, macht solch authentisches Arbeiten Eindruck.

Der Lackmus-Test

Spannend wird es nach der Wahl. Beppe Grillo hat angekündigt, mit keiner der etablierten Parteien koalieren zu wollen. Schon aus Ablehnung des etablierten Systems. Das wird, je nach Erflog des „Movimento 5 Stelle“, die Bildung einer handlungsfähigen Koalition – vor allem ohne Berlusconi – schwer machen. Das wird der Lackmus-Test dieser Bewegung. Schon wird geunkt, dass ausgerechnet Grillo, der Intimfeind von Silvio Berlusconi, zum Steigbügelhalter dieses anderen großen Populisten werden könnte. Kaum vorstellbar, dass Grillo das zulässt. Aber fast ebenso schwer lässt sich eine Koalition mit dem trockenen Professor Monti oder dem drögen Sozialisten Bersani denken.

So speziell die Probleme Italiens sind, so karikaturenhaft das politische Personal samt Beppe Grillo, die Situation hier könnte eine Art Zukunftsszenario auch für Zentraleuropa werden. Das Spektrum akzeptabler und ernsthafter Politiker wir auch hier immer schmaler und geht bisweilen gegen Null. Die Sehnsucht nach einer politischen Kraft jenseits der etablierten Politidk ist immens. Das haben die Piraten eindrucksvoll bewiesen. Die Situation unser globalen Welt wird nicht einfacher zu managen werden, im Gegenteil. Das öffnet das Feld für Populisten jedweder Couleur. Es wird sehr spannend werden, mit ihnen real funktionierende Politik zu machen und vielleicht wichtige strukturelle Änderungen durchzuziehen (etwa Kontrolle/Entmachtung der Banken). Dafür ist Beppe Grillo der Prototyp. – Es mag von Deutschland anders ausschauen. Aber manchmal ist Italien der Zeit voraus…

Scheiternde Neubauten


Desaster passieren überall

Ein gängiger Bauherrenscherz geht so:
„Baue dein erstes Haus für deinen Feind. 
Baue dein zweites Haus für einen Freund. 
Baue erst das dritte Haus für dich.“

Fragt sich, wer der Feind von Wowereit ist…

Es ist wirklich leicht, sich über das Desaster am neuen Flughafen BER aka Willy Brandt Airport lustig zu machen (das hat Willy wirklich nicht verdient!). Häme-Artikel und Beschuldigungen schreiben sich hier wie von selbst. Vor allem, weil Wowereit wirklich ein solch vorbildlicher Sündenbock ist. Uneinsichtig. Ohne einen Deut von Bedauern. Ohne jedes Gran an Selbstkritik.

800px-BER_Terminal_innen_2011
Wer kennt sie nicht, die vielen unbekannten Desaster der Berufswelt. Nicht jede Baustelle wird so prominent wie der Flughafen Berlin Brandenburg

Aber mal ehrlich, erinnert das Desaster nicht haarklein an Projekte, deren Desaster man selbst mal miterleben durfte. Mit all der Systematik des Scheiterns und der Planmäßigkeit des Irrsinns, die man jetzt aus den Prüfberichten in Berlin erfährt. (Und da wird noch viel folgen, da bin ich sicher.) Nur ging es in diesen Fällen glücklicherweise nicht um Abermilliarden von Steuergeldern, sondern um kleiner dimensionierte, privat finanzierte Projekte, deren Scheitern man unter den Teppich kehren konnte, weil es ja die Karrieren der Beteiligten zu schonen galt.

Erstens kommt es anders…

Ich weiß von großen Bauvorhaben von Weltunternehmen, in denen die Baukosten auch völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Ich kenne ein berühmtes Gebäude aus privater Hand, in dem mittendrin tragende Wände  herausgerissen werden mussten, weil sie völlig falsch platziert waren. Aber davon erfuhr keiner – und danach gewann der Bau reihenweise Preise und wird hochgelobt. Dass er an etlichen Stellen immer wieder leckt, fällt da nicht ins Gewicht.

Wer jemals selbst gebaut hat, weiß, dass es den perfekten Bau nicht geben kann. Es gibt unausweichlich Fehler, Missverständnisse, miese Laune, Inkompetenz und sonderbare Eigendynamiken, die zu kuriosen Ergebnissen führen. Und dann natürlich gibt es einfach Pfusch. Dass ein Bau am Schluss so ausschaut, wie es sich ein Bauherr anfangs ausgedacht hat, ist definitiv ausgeschlossen.

Jeder, der selbst einmal größere Projekte gemanagt hat, weiß nur zu gut, wie so etwas aus dem Ruder laufen kann: Man hat vielleicht zunächst einen schönen Plan, im besten Fall ohne allzu viele faule Kompromisse. Aber kaum ist dieser verabschiedet und das Projekt kommt ins Laufen, gibt es neue Anforderungen, neue Ideen – und spätestens nach einem halben Jahr massive Änderungswünsche. Es kommen neue Manager mit anderen Vorstellungen, Budgets werden kleiner und die Ansprüche größer. Und der schlimmste Effekt von allen: Wenn der Traum zur Wirklichkeit schrumpft. (Zitat: Karl Kraus)

Einflüsterungen von oben

Solche Entwicklungen passieren immer und überall, wenn man nicht aufpasst. Nicht nur beim Bau von Flughäfen, Bahnhöfen oder (Elb-)Philharmonien. Das passiert auch bei IT-Projekten, bei Software-Programmierungen, bei Produktentwicklungen und Web-Projekten. Überall dort, wo oben schlecht gemanagt wird. Wo Eitelkeiten über Sachverstand und Anspruchsdenken über Rationalität siegen.

Aber was tun, wenn ein eigentlich gut geplantes Projekt auf dem langen Weg zur Umsetzung immer größer, immer widersprüchlicher und immer absurder wird? Dann beginnt im schlimmsten Fall die Zeit der Anpassler, die jeden Irrsinn irgendwie umsetzen, bis sie ein Projekt bis zur Dysfunktionalität treiben. (Von den explodierenden Kosten ganz zu schweigen.) Ich habe erlebt, wie große Webprojekte nach Fertigstellung wieder eingestampft wurden, weil sie hohen Herren, die sie einst beschlossen hatten, nicht mehr gefallen haben. (Weil ihnen von „Beratern“ im Projektverlauf unrealistische Erwartungen eingeimpft worden waren.) Ich habe in Projekten über lange Monate hinweg teuer Funktionalität vortäuschen müssen, weil Entscheidungen über notwendige Software nicht richtlinienkonform (EU!) getroffen worden waren und Ausschreibungen wiederholt werden mussten.

Die ganz normale Obstruktion

Die Kostenfrage ist ein weiteres Feld möglicher Desaster. Es ist doch inzwischen (fast) überall so, dass nicht der beauftragt wird, der einen Job am besten (und wahrscheinlich effektivsten) bewältigen kann, sondern wer am günstigsten anbietet. Seriöse Firmen müssen dafür Kompromisse eingehen, die von Anfang an Bauchschmerzen bereiten und schlussendlich eine optimale Bauabwicklung (finanziell und baulich) verhindern. Weniger seriöse Firmen bieten ohne Rücksicht auf Verluste billig an und holen ihr Geld dann bei den Kosten für Material und Arbeitskräfte wieder herein. Das führt unweigerlich zu Pfusch. Durch mieses Material, durch bedingt kompetente Arbeiter, vor allem aber eine durchgängig miese Stimmung der Ausführenden. Das führt zu passivem Widerstand (Minimum), exzessiver Wurstigkeit bis hin zu gezielter Obstruktion.

Am Ende sind es meist die ganz einfachen Arbeiter, die angeheuerten Programmierer, ja Hilfskräfte, die den Planungsirrsinn und das Managementversagen ausbaden müssen. Von ihnen wird verlangt, dass jetzt endlich was vorwärts geht. Und dann wird halt der sündteure schwarze Stein, der eigentlich fürs repräsentative Foyer geplant war, als Pflastersteine in der Garagenabfahrt verlegt. (Wie in einem Nobelprojekt in München passiert.) Aber der beanstandete Steinhaufen ist erst mal weg. Und in ähnlicher Logik dürften in Berlin Hunderte von Bäumen sinnfrei irgendwohin verpflanzt worden sein, weil sie sonst eingegangen wären. Und so wird in einer eigentlich gelungenen Website der Log in oder der Buy Button, über den keiner im Management so recht nachgedacht hatte, am Ende so schlecht programmiert, dass die Site gar nicht funktionieren kann.

Viele kleine Wowereits

Ich persönlich hatte in den meisten Fällen das Glück, entweder so wenig Zeit bei der Umsetzung von neuen Projekten  – Münchner Stadtzeitung – WIENER – Europe Online – zu haben, dass gar kein Umweg gegangen werden konnte und Wunschextravaganzen sich aufgrund von Zeitnot verboten hatten. Und ich hatte das Glück, mit diesen Projekten so sehr Neuland zu betreten, dass stets die paradoxe Situation herrschte, dass unausweichlich Fehler passieren mussten aber nicht als solche wahrgenommen wurden, weil es noch keinerlei Erfahrungswerte gab. Ich habe es im Fall der Münchner Stadtzeitung mal so formuliert: Wir haben alle Fehler gemacht, die wir machen konnten. Aber immer zur genau richtigen Zeit. Und wir haben daraus gelernt. Unsere Leser liebten uns dafür, weil sie sahen und erlebten, wie etwas entstand, mit ihnen zusammen.

Solch Freiräume gibt es nur selten. Beim Bau von Großprojekten schon gar nicht. Aber dennoch gilt hier – wie überall: Je weniger authentisch etwas ist, desto eher wird es scheitern. Ein Projekt, und sei es ein Flughafen, dessen Kosten unehrlich kleingerechnet werden, weil man ihn nur so durchzusetzen zu können meint, ist eigentlich schon zum Scheitern verurteilt. Ein Projekt, das nicht im offenen, ehrlichen Dialog mit allen Beteiligten durchgeführt wird, kann nicht gelingen.

Abgehobene Vorstände, die hierarchisch apodiktisch Projekte zur Selbstbeweihräucherung aufsetzen; eitle Manager, die Produkte selbstverliebt am Markt vorbei entwickeln; Marketeers, die Kunden für dumm verkaufen, sie alle sollten nicht über Berlin Brandenburg schimpfen. Sie alle sind auch kleine Wowereits. – Nur fallen sie nicht so für alle sichtbar auf die Schnauze. Aber Einsicht, Bedauern, Selbstkritk? Selten bis nie.

Prokrastination vs. Evolution


Das Ende des Produktivitätszeitalters

Will die Arbeit heute nicht recht von der Hand gehen? Zu viel Zeit bei Facebook verplempert? Waren irgendwelche Sites im weiten, weltweiten Netz wieder mal so viel interessanter als die Aufgaben direkt vor der eigenen Nase? War heute wieder mal so ein Tag, wo die Muse anderswo tätig war – und sie nicht zu Besuch in den eigenen vier Wänden gekommen ist? Kurz: Heute wieder nichts zum Bruttosozialprodukt beigetragen? – Kein Problem: Kevin Kelly, Gegenwartsanalytiker und talentierter Zukunfts-Spürhund (und Ex-Chefredakteur von „WIRED“) hat gerade  auf seiner Website „The Technium“ das Ende des Produktivitäts-Zeitalters ausgerufen.

Stachanow01
Alexei Gregorjewitsch Stachanow, der russische Held der Arbeitsproduktivität. Übererfüllte sein Arbeitssoll als Bergmann 1935 um 1.457 %.

Die Herleitung dieser ebenso mutigen wie inspirierenden These ist ein wenig gewagt: Warum wählen Menschen in Armutsregionen, vor die Wahl gestellt, ob sie lieber eine Toilette mit Wasserspülung oder ein Handy wollen, stets lieber das Mobil-Telefon mit seinen Möglichkeiten der Vernetzung zu seinen Nächsten und dem Internet. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass eine Toilette ohne zugehöriger Kanalisation wenig Sinn macht. – Aber dieses Fakt mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Ein Kommunikationsnetzwerk macht erst mal sicher mehr Sinn als ein Netzwerk von Abwasserrohren. Die Nutzungsoptionen und das Momentum sind so viel größer, ebenso die Nutzungsdauer…

„Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen“

Erfrischend ist die These allemal als Gegenpol zum Sofortvollzugs-Mantra, das mir meine Mutter jedenfalls von frühesten Jahren an mit auf den Weg gab: „Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen!“ Wie wacklig dieses Arbeitsbewältigungs-Prinzip ist, erlebt jeder, wenn er erst mal längere Zeit am Stück in Urlaub gewesen ist. So viele Anfragen, Projekte und Probleme erledigen sich von selbst, geht erst ein wenig Zeit ins Land. Gerade die dringlichst formulierten Dinge scheinen die geringste Halbwertszeit zu haben. Ein „Das-kann-warten“ ist nicht die schlechteste Art, Prioritäten zu setzen.

Prokrastination nennt man heutzutage gerne das planmäßige Verschieben von Arbeit. Wie jedes chronische Leiden hat es seinen Wortursprung im Lateinischen. „Pro“ = für und „cras“ = morgen. So gesehen ist Prokrastination also eine (krankhafte?) Vermorgentlichung, auch „Verschieberitis“ genannt. Ich selbst war in meinen Studentenzeiten sehr gut darin, diese Malaise zu pflegen und zu hegen. Vor allem in der sich mit Betriebsamkeit tarnenden Variante, immer unwichtigere, angenehmere Dinge in der Prioritätenliste nach vorne zu schieben und die unangenehmeren – oder weniger lukrativeren Jobs, wenn es ums Geld verdienen ging, hintan zu stellen.

Selbstmitleid mit (Liebes-)Entzugserscheinungen

Ich habe diese Krankheit zunächst recht wirksam damit geheilt, dass ich mir derart stressige Jobs mit solch unverrückbaren Deadlines gesetzt habe, dass ich gar keine Zeit – und Gelegenheit – mehr hatte, der Prokrastination zu frönen. Aber natürlich war sie stets latent präsent, stets bereit bei geeigneter (seltener!) Gelegenheit wieder auszubrechen. Wie schlapp und mies man sich nach einem massiven Ausbruch dieser Krankheit mit den sich häufenden Unerledigungen fühlt, kennt jeder, der sich je auf der faulen Haut wund gelegen hat, um hier mal den berühmten Müßiggang-Analytiker „Dr.“ Mehmet Scholl zu zitieren.

Ich wurde von dieser seit Jahrzehnten immer weiter grassierenden Volkskrankheit recht schnell und nachhaltig geheilt, als mir klar gemacht wurde, dass die Ansteckungsherde der Prokrastination Selbstmitleid und absurde Liebessehnsucht nach dem Kuss der Muse sind. Beides kann man ganz schnell in den Griff bekommen: Bei Selbstmitleid hilft sehr gut ein Blick in den Spiegel. Selbstmitleid ist zum Kotzen – und wer will das schon im Angesicht des eigenen Angesichts. Gegen Liebessehnsucht nach Küssen der Muse helfen vor allem zwei Dinge: 1. Recherche – und 2. einfach anfangen und der Kraft und dem Überraschungseffekt des Schreibprozesses als solchem vertrauen. (Wie man auch an diesem Beispiel hier sehen kann.)

Was ist produktiv in der Netzwerkgesellschaft?

Aber zurück zu Kevin Kelly und seiner These von der Ende des Produktivitäts-Prinzips in der Wirtschaft (der Zukunft). Für ihn ist Produktivität das Elementar-Element der ersten und zweiten industriellen Revolution. (1. Revolution = Dampfkraft und Eisenbahnen; 2. Revolution = Chemie, Elektrizität & Motorkraft.) Die dritte industrielle Revolution, deren Beginn Kevin Kelly mit der Vernetzung der Computer (ca. 1990) datiert, ist dagegen der Beginn der Netzwerk-Ökonomie. In ihr spielt Produktivität nicht mehr die zentrale Rolle bei der Steigerung des Bruttosozialprodukts. Denn von nun an wird die Produktivität durch automatisierte Arbeit, durch Roboter und Bots gesteigert, nicht mehr durch uns (arbeitende) Menschen.

Wir sind, so argumentiert Kelly, in der Netzwerk-Ökonomie dafür zuständig, wieder Arbeit zu erfinden, und zwar jenseits industrieller Arbeit, in solch „unproduktivitäten“ Sphären wie Herumspielen, Kreativität und Forschung. Hier wird der Mehrwert der Zukunft geschaffen, nicht in der Optimierung vorhandener Produktionsmethoden (und Ausbeutung knapp werdender Ressourcen). Denn die wesentliche Errungenschaft der 3. Industrialisierung ist die Vernetzung von Dingen, von verschiedener Intelligenz und aller unserer Gehirne. Ihr Kerneffekt ist nicht Produktivität, sondern es sind Erfindergeist und Sinnverfeinerung (Kelly erfindet dafür die Begriffe „consumptity“ und „generativity“.)

Die Evolution der Evolution 

Ein einleuchtendes Argument, dass die Fixierung auf Produktivität in der Wirtschaftswelt der Zukunft keine vorrangige Rolle spielen wird, ist deren Linearität. Produktivität wird weiter Gültigkeit haben, sie wird wachsen, schön linear, aber das wird eben an Maschinenintelligenz delegiert. Um aber Wachstum auf Dauer zu erzeugen, reicht ein Mehr, Größer, Schneller nicht mehr aus. Damit wird man die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen können. Kelly zählt hierzu auf:

  • Immer höhere Komplexität
  • Zunehmende Interdependenzen (Globalisierung!)
  • Steigende Allgegenwart der Finanzwirtschaft und des Geldwesens
  • Die schwindende Bedeutung von Besitz (Sharing-Projekte etc.)
  • u v a.

Diesen – und all den noch (unerkannt?) ins Haus stehenden – Problemen der Zukunft, die eine Netzwerkökonomie entwickeln wird, wenn sie immer reifer wird, werden wir mit linearen Mitteln nicht Herr werden. So Kevin Kelly. Dazu müssen wir uns und unsere Wirtschaft evolutionär entwickeln. Immer weiter zunehmende Komplexität, exponentiell wachsende Interaktion aller mit allen, das Verstehen  dynamischer Netzwerkeffekte und ihre Beherrschung kann sicher nicht mit alten (linearen) Methoden funktionieren. Dafür müssen wir neue Ideen, neue Konzepte entwickeln. Es braucht Visionen – und den Mut, vielerlei auszuprobieren. Und in solchen Phasen verbietet sich (zumindest erst einmal) jede Fixierung auf Produktivität.

Die Welt nach der Produktivität

Das Ende der Produktivität ist dann eben doch keine gute Nachricht für alle Slacker und Prokrastinatoren. Wenn auch das alte Mantra manischer Effektivität kaputt geht, so braucht die Zukunft (des Business) keine Däumchendreher. Es sei denn, sie träumen beim Drehen ihrer Daumen von neuen evolutionären Ideen, sie netzwerken und interagieren dabei miteinander, um die Herausforderungen der Zukunft kreativ anzugehen. – Bis dahin werden Kinect & Co. auch drehende Daumen als Info-Input zu deuten wissen…

Die Pluralisierung der Renditen


2012 – Das Jahr der Konflikte ums Digitale

Was für ein Jahr! Ich kann mich nicht erinnern, wann sich der Alltags-Lifestyle im Alltag so schnell und massiv wie im Jahr 2012 geändert hat. Bei meinen Fahrten mit der S-Bahn nach München hinein ist die Veränderung mit „Händen zu greifen“. Statt Zeitungen und Bücher werden jetzt mehrheitlich Smartphones, eBook-Lesegeräte und Tablets in Händen gehalten. Nur noch Senioren lesen Zeitungen, nur noch wenige Frauen lesen Bücher. Der massive Wechsel zur digitalen Kommunikation und Rezeption – und das vorrangig mit mobilen Geräten – ist atemberaubend und „erschütternd“.

SchlossStatueRechtsEr erschüttert das Medien- und das PC-Business. Medien werden nicht mehr auf Papier konsumiert, bestenfalls per Tablet oder Smartphone. Der PC, wie wir ihn kennen, hat großenteils ausgedient, das Notebook wird zum Auslaufmodell. Sobald ein Tablet oder ein eReader im Haus – und unterwegs dabei ist – wandern die Daten von der Festplatte in die Cloud. Und die Daten, die wir zu unserer Unterhaltung brauchen, ob Musik, Bild oder Video, kommen von da her – sei es von Google (samt YouTube), Amazon, Apple oder Facebook (samt Spotify). Yahoo und Microsoft versuchen verzweifelt mitzuhalten.

Der organisierte Widerstand

So massiv die Veränderung, so verbreitet der Wechsel zum Digitalen im letzten Jahr war, so energisch – und erstmalig koordiniert – gestaltete sich der Widerstand der Medienunternehmen gegen die digitale Konkurrenz. Dabei waren die Versuche, ein Leistungsschutzrecht (vulgo: Lex Anti-Google) politisch durchzudrücken, nur die Spitze des Eisberges. Dazu kamen Berge von Artikeln, die vor der digitalen Welt warnten, die hysterisch Katastrophen prognostizierten (Untergang der Privatsphäre u.a.) und natürlich massiv gegen die neuen Multis und Giganten der digitalen Welt agitierten: Google, Facebook, Apple und Amazon. (Microsoft gehört plötzlich zu den Guten?)

2012 war das Jahr, in dem die großen Medienhäuser plötzlich unisono Propaganda in eigener Sache machten: Stichwort „Qualitäts-Journalismus“. Als hätten Zeitungen den freien Journalismus erfunden. 2012 war das Jahr, in dem sich Politiker, fast quer durch alle Parteien, für den Widerstand gegen die amerikanischen digitalen Mega-Unternehmen einspannen ließen. Die einen aus Naivität, Unwissen oder Ignoranz, die meisten aus Lobby-Gründen, etliche vielleicht auch, weil sie ahnen (oder wissen), dass der digitale Wandel längst die Politik in den Grundfesten zu erschüttern beginnt. Obama hat es vorgemacht, wie Wahlen per Social Media gewonnen werden können, selbst wenn man eigentlich auf verlorenem Posten steht.

Die Prognose für 2013 ff

Man könnte ein Leistungsschutzrecht als verschrobene Folklore eines leicht verschreckbaren Volkes in der Mitte Europas abtun. Besser man nimmt es (sehr) ernst, was da droht. Denn eines ist sicher: Es wird 2013 und in den Folgejahren alles noch viel dramatischer kommen. Immer mehr Branchen werden vom digitalen Wandel erfasst und in ihren Grundfesten erschüttert werden. Entsprechend wird der Druck dieser Industrien auf die Politik wachsen, etwas gegen die business-bedrohenden Veränderungen zu tun. (Motto: Arbeitsplatzverluste etc.). Und die Bereitschaft der Politik, massiv gegen solch grundlegende Veränderungen einzuschreiten, wird wachsen. Schon aus reiner Selbsterhaltung.

Denn noch immer glaubt man in weiten Teilen von Industrie und Wirtschaft, man könne sich gegen den digitalen Wandel und seine disruptiven Auswirkungen wehren. Man müsse nur den digitalen Mega-Firmen Einhalt gebieten und das Internet endlich effektiv regulieren, dann wird alles nicht ganz so schlimm. (China, Iran und Nordkorea machen es doch vor!) Und so wird eifrig Lobbyarbeit betrieben mit dem Ziel, dem Wandel Einhalt zu gebieten. Oder wenigstens möglichst viel Zeit herauszuschinden, bis die bisherigen Business-, Karriere- und Boni-Modelle endgültig ausgedient haben. Dass dabei unsere sowieso schon fragile, innovationsträge Wirtschaft ernsthaft gefährdet und jegliche Zukunftsfähigkeit vernichtet wird – völlig egal.

Das wird schon wieder

Es ist fast rührend zu beobachten, wie gerne so getan wird, als ob die disruptiven Brüche nur für die Medienbranche gelten. Man muss nur dagegen halten, dann ist der digitale Spuk bald vorbei. Dabei wird chronisch übersehen, dass der digitale Wandel systemisch ist. Dass er die Machtverhältnisse zugunsten der Kunden unumkehrbar verschiebt. Dass er völlig neue Verfügbarkeiten schafft, die nur allzu gern genutzt werden, weil sie der Mehrheit (der Konsumenten) sofort Vorteile bringen. Natürlich zu ungunsten der bestehenden Businessmodelle – und bestehender Jobs und Verdienstmöglichkeiten. Die Medienbranche ist nur die Vorhut. Alle anderen Branchen werden folgen.

Dass nach und mit dem Umbruch so viele neue, attraktive Geschäftsmöglichkeiten und Jobs entstehen, wird nicht gesehen. Diese neuen Jobs werden nicht nach denselben Regeln funktionieren und nicht identische Gewinnmöglichkeiten wie einst bieten. Das ist logisch, weil es sich eben um einen grundlegenden Umbruch handelt – vom Industriezeitalter zum digitalen Netzwerkzeitalter. Einst waren die Machtstrukturen streng hierarchisch. Jetzt aber werden am Ende des Industriezeitalters die hierarchischen Systeme durch dynamische Netzwerksysteme abgelöst. Entsprechend waren die Margen und Renditeoptionen des industriellen Zeitalters aufgrund von begrenztem Zugang zu Produktionsmitteln, Distribution und Märkten riesengroß.

Pluralisierung von Gewinnen

Der digitale Wandel beendet diese eindeutigen, hierarchischen und – nennen wir sie monolithischen – Gewinnoptionen. Statt weniger, dafür umso ergiebigerer Renditen (bei Medien einst: Verkäufe und Anzeigen) sind die Gewinne – und die Option darauf – heute demokratisiert und pluralisiert. Jeder hat die Möglichkeit, am Markt teilzunehmen. Jeder kann selbst Unternehmer und/oder Händler werden. Das ist viel einfacher, schneller und unkomplizierter möglich. Dies aber nur unter der Bedingung, dass die Gewinnmöglichkeiten entsprechend pluralistisch sind. Sprich, sie fallen in der Regel jeweils geringer aus und stehen allen offen. Entsprechend ist der Wettbewerb größer. Das macht aber nichts, weil genügend Renditeoptionen parallel nebeneinander bestehen – was erst seit der digitalen, entrepreneurs-pluralistischen Ära möglich ist. Und außerdem können Netzwerkeffekte helfen, die minimalen Einnahmen ansehnlich zu multiplizieren.

Das alles braucht aber ein anderes, kleinteiligeres Denken, es braucht mehr und schnellere Innovation, denn in der digitalen Welt wird jede gute Idee sofort kopiert. Der einzige funktionierende Schutzraum dagegen ist die extreme Nische. Wer aber im Massenbusiness tätig ist, steht voll im Sturm der Veränderung. Das erlebt neben dem Medienbusiness bereits heftig der Einzelhandel, speziell der Elektronikhandel. Hier werden wir 2013 und in den Folgejahren massive Veränderungen erleben. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis in vielen anderen Branchen, die bislang vor massiven Veränderungen verschont geblieben schienen, heftige Umbrüche passieren werden. Hier nur einige Beispiele:

  • Das Banking Business: LendingClub.com und Zopa oder Kickstarter und Startnext u. a. zeigen, dass wir Kunden irgendwann auch ohne Banken, wie wir sie heute kennen, auskommen können, wenn wir Projekte finanzieren wollen.
  • Die Gesundheitsbranche: Mobiles Monitoring, Crowd-Coaching, Gensequenzierung, 3-D-Modelling & -Printing u. a. werden das Business extrem verändern und massiv Berufsbilder „verändern“.
  • Der komplette Bereich der Bildung. Die Khan Academy u.a. ermöglichen es (vorerst noch auf Englisch), den kompletten Schulstoff zu Hause in Eigeninitiative zu lernen – und das mit echtem Spaß. (Wie ich selbst getestet habe.) Oder Udacity und Codecademy führen in die Computer-Technologie ein. – Alles natürlich gratis.
  • Die Tourismusbranche: Hotels und Restaurants müssen sich auf hochindividualisierte Privat-Konkurrenz einstellen müssen. Der Erfolg von AirBnb zeigt, wie neue „Privatmärkte“ im Tourismus prosperieren können.
  • Die (Auto-)Mobilbranche: Der Wandel von Besitz zu Nutzung, von der Kombustion zur Elektrik wird neue Autotypen und völlig  neue Businessmodelle im Bereich der Mobilität bringen.
  • Die Werbebranche: So wie sie ist, hat sie systemisch abgewirtschaftet, da zu analog (kreativ-narzisstisch statt kundenorientiert) und hierarchisch (one to many). Es muss social, kundenbezogen und interagierend werden. Coca Cola probiert schon mal aus, wie werbliche Kommunikation auf Augenhöhe mit den Kunden aussehen könnte.
  • etc. etc. etc.

Alles Gute für 2013… 2014… 2015… …

Ich denke, man kann sich ausmalen, wie die Welt 2013 und den Folgejahren aussehen wird, wenn all diese Branchen und etliche mehr anfangen, gegen die Digitalisierung (politisch) aktiv zu werden, weil sie um ihr Business, um ihre Renditen, um ihre Karrieren und ihre Jobs Angst bekommen. Fast möchte man froh darum sein, dass die digitalen Widersacher der etablierten Industrie (Google & Co.) inzwischen so groß, mächtig und reich geworden sind, dass sie auch auf dem gesellschaftlichen und politischen Parkett Paroli bieten können.

In diesem Sinne: Alles Gute für das Jahr 2013… etc.

Druckmaschinen zu Pflugscharen


Das Ende der Frankfurter Rundschau

Groß war das Entsetzen, als die Frankfurter Rundschau Insolvenz anmeldete. Und bei aller reflexhaften Schuldzuweisung an die Gratiskultur des Internet, die wackeren Zeitungsjournalisten das Brot wegnimmt, war dann sogar auch ein wenig sachliche Kritik zu lesen, dass die Frankfurter Rundschau auch viel falsch gemacht hat. Als da wären: die lokale Berichterstattung vernachlässigt, zu wenig ideologische Aufgeschlossenheit, unausgegorene Digitalstrategie, das familienfeindliche Tabloid-Format u.a.m.

Um so mehr provozierte dann die vom (in Richtung „The Guardian“) scheidenden Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, eher en passant in einem Facebookkommentar formulierte Generalkritik, dass sich das Geschäftsmodell der Tageszeitung wohl überholt habe neu überdacht werden muss. [Korrektur, sie Kommentar unten.] Er hat so recht. Schlicht weil sich unsere Medienlandschaft längst massiv verändert hat – richtig wegen des Internets – aber nicht wegen dessen „Gratiskultur“.

Aktuelle Medien-Wirklichkeit

Wie sehr sich die Tageszeitung überlebt hat, erlebe ich ja selbst ganz real jeden Tag. Mal so, mal so. – Ich bin, seit ich als Student von zu Hause ausgezogen bin, Abonnement der Süddeutschen Zeitung. Ihre Lektüre war jeden Morgen die allererste Handlung. Bis vor ein paar Wochen ein Tablet (Nexus) ins Haus kam. Jetzt ist das mein Gegenwarts- und Realitätsassistent.

Aber noch immer verbringe ich am Morgen Zeit mit meiner Süddeutschen. Früher waren das jeden Tag 30 Minuten und mehr. Heute sind das nur noch knapp 10 Minuten. Mehr Neues oder Interessantes hat die Zeitung in gedruckter Form nicht mehr zu bieten. Und ich habe längst erfahren, dass es auch ganz leicht ohne die morgendliche Zeitung geht. Immer wenn wir uns mal wieder nach Italien verabschieden, bestellen wir die SZ ab. Ein Hybrid-Abo, zu Hause in Papier und unterwegs als ePaper bietet der Süddeutsche Verlag natürlich nicht an. Und siehe da: Es geht wunderbar ohne morgendliche Zeitung. Ganz ohne Entzugserscheinungen. Und ohne ein Jota Verlust an Informiertheit und Medieninput. Dank des Internets.

Primär-, Sekundär und Tertiärmedium

Wichtige Aspekte der Medienwirklichkeit werden in der Diskussion um die Medien leider vergessen: Welche Rolle im Medienalltag spielt das jeweilige Produkt und der jeweilige Kanal? Was ist das Primärmedium, die erste Anlaufstation, mit der ich mich aktuell auf dem Laufenden halte? Was ist das Sekundärmedium, wo ich mir Analysen und Hintergrundinformationen hole? Was ist das Tertiärmedium, in dem ich aktuelle Themen in der Breite vertiefe? Und dann gibt es noch Quartiärmedien, bei denen ich blanke Unterhaltung suche.

Einst hat die Tageszeitung alle vier Bereiche bedient. Es gab wirklich neue Nachrichten, selbst wenn man eifrig Nachrichten in TV und Radio verfolgt hat. Es gab die Analysen und Berichte, die Nachrichten in Beziehungssysteme setzten. Im Feuilleton, in (Wochenend-)Beilagen und Magazinen wurde Aktuelles mit Interviews und Reportagen unterfüttert. Und sogar der Quartiärbereich, das Entertainment,  wurde beliefert mit Vermischtem, Rätseln, Witzen und Fortsetzungsromanen.

Frischere Ideen online

Und heute? Finster sieht es im Primärbereich aus, wenn es um Tageszeitungen geht. Kaum eine News steht heute in den Zeitungen, die ich nicht längst schon erfahren habe – in Onlinemedien, per Facebook, Twitter, Google+  etc. Bezeichnend ist doch, dass der Online-Ableger eines typischen Sekündärmediums, des Spiegel, heute die Marktführerschaft im Bereich der Primärmedien hat und allen Konkurrenten der einstigen Primärmedien (Tageszeitungen) den Rang abgelaufen hat. Und wer ist von der Relevanz her auf Platz Zwei? Zeit Online! Das Sekundär- und Tertiärmedium schlechthin. Das digitale Versagen der Tageszeitungen kann deutlicher nicht sein.

Einzige Ausnahme, wo es in Tageszeitungen noch Primärelemente, sprich wirklich Neues zu erfahren gibt, ist das lokale Umfeld. Hier gibt es noch kaum funktionierende, verlässliche Blogs und wenig Konkurrenz. Aber wie lange noch? Vor allem Facebook macht da schwer Boden gut. In unserer italienischen Zweitheimat, wo es kaum funktionierende Lokalberichterstattung gibt, informiert man sich über sein eigenes Umfeld vorzugsweise per Facebook.

Redaktion der Print-Dosis

Und wie schaut es im Sekundärbereich aus? Da liefern die führenden Tageszeitungen nach wie vor zuverlässig Hintergrundinformationen, sogar investigative Stories und reichlich Analysen. Aber schlimm sieht es am Land und bei den kaputtgesparten Redaktionen aus, wo jenseits der (umgeschriebenen) Agenturmeldungen und der Hausaufgaben an Kommentaren wenig mehr zu finden ist. Bekomme ich etwa in Berlin die Berliner Zeitung in die Hand, ist es erschreckend, wie schnell man das Blatt durch hat, weil man fast nirgends zum Lesen verführt wird.

Und die Konkurrenz im Sekundärbereich ist im Internet heute so hoch wie noch nie. So viele erstklassige Autoren bloggen heute, so viele Blogger liefern erstklassige Artikel, hervorragend geschrieben, mit viel Hintergrundwissen. Wie oft habe ich bessere Analysen und Reflexionen online gelesen als tags darauf in meiner Süddeutschen. Vor allem sind die vielen Qualitäts-Blogger, die heute verlässlich liefern, ideologisch viel unbelasteter, stilistisch frischer und gedanklich innovativer als das Gros der Tageszeitungsautoren. Vielleicht weil sie in einer Wirklichkeit jenseits der Redaktionsstuben oder Newsrooms leben. Vielleicht, weil die interessanten und innovativen Köpfe nie in einer Zeitung sitzen wollen würden. (Und exzellente Blogger für Zeitungen zu engagieren ist scheinbar undenkbar?)

Die mobile Konkurrenz 

Ähnlich groß ist für die Zeitungen die Online-Konkurrenz im Tertiär-Markt. (Vom Quartiärbereich ganz zu schweigen. Hier hat man längst kapituliert.) Immer mehr attraktive Inhalte in Sachen Kulturberichterstattung, vor allem abseits der großen Kulturtempel, finden sich online. Immer mehr Analysen, Reportagen und Features finden sich heute im Netz. Und der Tipp per Twitter oder aus einer funktionierenden Facebook-Community lässt solche Perlen verlässlich finden.

Aber nicht so sehr die Sozialen Netzwerke sind das Problem der Tageszeitungen (die schon auch). Es ist die explosionsartige Vermehrung der Mediennutzung über mobile digitale Geräte, sprich Smartphone und Tablets. Den offensichtlichsten Beweis dafür liefert mir jede morgendliche Fahrt mit der S-Bahn. Noch vor einem guten Jahr las ein Drittel bis die Hälfte der S-Bahn-Pendler in Büchern aber vor allem in Zeitungen. Heute hat sich das völlig geändert. Kein Viererabteil, in dem nicht zwei bis drei Menschen auf ihr Smartphone starren, in ihrem Tablet lesen – oder häufiger: Filme ansehen – oder im eReader schmökern.

Lesevergnügen per Tablet

Mit jedem neu verkauften Smartphone und Tablet entdeckt ein Zeitungsleser mehr, dass es auch ohne Zeitung geht – und wie erfreulich ein individuell nach persönlichen Interessen zusammengestellter Medien- und Informationsmix (inklusive Facebook & Co.) sein kann, den Apps wie Flipboard, Currents oder andere aggregieren. Sie entdecken wie man sich so viel bequemer und vielseitiger, weil aus vielen (Gratis-)Quellen, und nicht weniger aktuell informieren und unterhalten lassen kann als mit einer sperrigen Zeitung (und sei sie im Tabloid-Format).

Und mit jedem verlorenen Zeitungsleser wird das Problem der teuren Produktions- und Distributionslogistik der Zeitungen evidenter. Es ist nun einmal teuer auf Papier zu drucken und physikalische Produkte zu vertreiben. Und je weniger Abnehmer es gibt, um so mehr eskalieren die Kosten. Und irgendwann ist es dann einfach zu teuer, Papier zu bedrucken und Zeitungsausträger jeden Morgen loszuschicken.

Eine Gewissensfrage

Hinzu kommt, dass ich fast ein schlechtes Gewissen habe, dass da jemand früh morgens mit dem Auto (!) herumfährt, um mir meine Zeitung an die Türe zu bringen. Und das gesammelte, wenig gelesene Papier bringe ich dann einige Tage später zum Papiercontainer. Ökologisch ist das ja nun nicht. Bur halt eine Gewohnheit, kurios verklärt als Kulturleistung- Wo ich doch die Artikel auch easy digital herunterladen und bequem auf meinem Nexus lesen könnte. – Gerne auch bezahlt.

Und an dieser Stelle meiner Argumentation gebe ich an Richard Gutjahr ab, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag vorbildlich schlüssig die mangelhafte Angebotspolitik der Verlage kritisiert, die ebenso dumm wie effektiv dem absehbaren Zeitungssterben in Deutschland Vorschub leistet. Sein Fazit: „Es geht den Verlagen noch zu gut – oder einfach noch nicht schlecht genug.“ – Aber sicher nicht mehr lange. – Irgendwann heißt es dann: Druckmaschinen zu Pflugscharen.

Das Ende der Prinzen


Das deutsche Zeitungssterben

Der 13. November wird in die Annalen der deutschen Mediengeschichte eingehen. An dem Tag hat das Zeitungssterben endgültig auch Deutschland erreicht. Am selben Tag meldet die Frankfurter Rundschau Insolvenz an und der Jahreszeiten Verlag gibt bekannt, dass es die Stadtillustrierte PRINZ mit der Dezemberausgabe nicht mehr als Printprodukt geben wird. Lange genug gab es (nur) Unkenrufe, jetzt ist der Niedergang von Print Realität. Das bricht den Bann: Das Exempel macht es anderen Verlagen, die bisher aus Imagegründen defizitäre Print-Objekte noch irgendwie am Leben erhalten haben, nur leichter, demnächst auch den Stecker zu ziehen.

Die Einstellung von PRINZ trifft, wenn auch auf Umwegen, mich ganz persönlich. Kurz die Historie. 1979 habe ich im Münchner Cultura Verlag von Arno Hess die lokale Musikpostille „Pop Zeitung“ als Redakteur übernommen. Ich hatte den Job (nur) unter der Prämisse übernommen, dass ich daraus eine veritable Stadtzeitung mache. Und rund acht (Monats-)Ausgaben später war es soweit. Im September 1980 erschien die erste Ausgabe der „Münchner Stadtzeitung“.

Die Münchner Stadtzeitung

Eine Erfolgsgeschichte. Von der ersten Ausgabe an verkaufte sich die Münchner Stadtzeitung gut. Die Themen funktionierten: Schwulenszene, Atomkraftwerk in München (Garching), Mietskandale, die Titelbilder (von Arno Hess) waren knallig. Und von der ersten Ausgabe an war das Anzeigenvolumen groß, weil man von der Aufbauarbeit beim Vorgänger profitierte. Stetig stiegen Auflage, Heftumfang, Anzeigenvolumen – und rasch auch der Kleinanzeigenmarkt.

Der Erfolg hatte viele Väter. Die inhaltliche Schwäche der ideologisch verbremsten Konkurrenz „Das Blatt“ ließ die Leser und Kleinanzeigenkunden rasch zu uns wechseln. Arno Hess war ein exzellenter Anzeigenverkäufer und Vertriebsmensch. Und die Redaktion nutzte die Freiheiten, die die Konkurrenz der etablierten Blätter im Münchner Zeitungsmarkt eröffnete. Es gab genug Themen, die in der SZ, AZ und tz nicht behandelt wurden. Und die Zielgruppe der jungen Leser war damals überhaupt nicht in ihrem Scope. (War sie es je?)

Außerdem gab es damals in München unheimlich viele gute, junge Schreiber und Fotografen. Sie kamen von der Journalistenschule, von der Uni, von der Kunstakademie und anderen Fakultäten, samt Jura. (Ich selbst war Theaterwissenschaftler!) Sie alle suchten eine Plattform, auf der sie sich frei entfalten konnten, kreative Ideen entwickeln konnten und auch Risiken eingehen durften. Und sie wurden bei der Münchner Stadtzeitung auch entlohnt. Die Honorare waren nicht fürstlich, aber fair – und weit über dem Niveau ähnliche Blätter.

5 Erfolgsfaktoren

Es wäre vermessen zu glauben, die Münchner Stadtzeitung wäre nur erfolgreich gewesen, weil sie so gute Geschichten gehabt hat. Hat sie gehabt. Aber fünf Komponenten kamen da ideal zusammen:
1. Der penibel recherchierte und kommentierte Programmkalender mit Events und Konzerten. Das hatte damals kein anderer in der Stadt. Und als die Münchner Stadtzeitung dann 1984 14-tägig wurde, weil sie zu umfangreich für die Druckmaschinen geworden war, wurde der Programmteil noch besser.
2. Der Kleinanzeigenteil wuchs exponentiell und war dann – nicht nur wegen der witzigen Kommentare der „Sätzer“ – ein eigener redaktioneller Wert und Kaufanreiz. Das war User-Content, nur nahm das damals noch keiner als solchen wahr.
3. Die Redaktion war engagiert, ideenreich und vor allem authentisch. Mein Lieblingsspruch dazu: „Wir haben alle Fehler gemacht, die möglich waren. Aber immer zur genau richtigen Zeit.“ Wir haben aber auch viel richtig gemacht, und das nicht nur mit unseren investigativen Geschichten wie bei den Schwarzen Sheriffs. (Siehe dazu Artikel hier im Blog „Humor & Justitia“!)
4. Wir haben immer den Kontakt mit den Lesern gesucht. Dazu haben wir uns in der Redaktion immer wieder spezielle Aktionen ausgedacht: Spiele, Ausflüge, Radtouren; wir haben damals schon Kino-Previews mit Schauspielern veranstaltet, wir haben Stadtzeitungsparties mit angesagten Bands wie den Neonbabies mit Inga Humpe (jetzt: 2raumwohnung) organisiert oder auch eine Wahlparty der Grünen mit Petra Kelly & Co.
5. Und wir haben uns in der Redaktion mit dem Verleger gute Marketing-Aktionen ausgedacht. Leser rissen sich darum, riesige Aufkleber der Münchner Stadtzeitung auf ihre Autos zu kleben. Wir haben als Erste Coupon-Aktionen (hieß damals noch nicht so) durchgeführt, bis die SZ uns das gerichtlich verboten hat. Wir haben uns Spiele ausgedacht und ins Heft (und auf den Titel) gebracht, die wirklich innovativ und interaktiv waren. Noch Jahre später wurde ich von Menschen  nachts um 3 Uhr angerufen, weil sie gerade die Aufgabenkarte gezogen hatten, einen unbekannten Menschen anzurufen und mit ihm mindestens 15 Minuten lang locker zu plaudern. Besonders kreativ rachsüchtige Spieler machten sich die Mühe, mich im Telefonbuch zu suchen und anzurufen.

Naivität statt Zynismus

Der größte Erfolgsfaktor war aber das Team der Münchner Stadtzeitung. Mit vielen Autoren, Fotografen und Grafikern von damals bin ich heute noch in Kontakt. Mit einigen wenigen noch eng, mit vielen per Facebook, bei anderen kann man sagen: man liest sich – oder hört sich. Sehr viele der Redakteure und Autoren haben in Zeitungen, Zeitschriften und im Radio Karriere gemacht. Sie sind Chefredakteure, Ressortleiter, leitende Redakteure. Andere haben eigene Verlage gegründet und eigene Redaktionsbüros.

Uns allen war damals gemeinsam, dass wir engagierte Schreiber waren. Engagiert nicht nur im politischen Sinn, sondern im journalistischen Sinn. Wir glaubten an das, was wir schrieben. Wir hofften noch, die Welt so ein bisschen besser zu machen. Und wir hatten wohl erkennbar Spaß am Schreiben. Das war manchmal fast schon naiv. Aber wir waren definitiv nie zynisch.

Bis heute passiert es immer wieder, dass mich Menschen, hören sie meinen Namen, tatsächlich noch mit der Münchner Stadtzeitung in Verbindung bringen. Wenn ich dann deren Lob und Begeisterung für die Zeitung von damals höre, ist es mir fast peinlich. Die Vergangenheit wird ja immer etwas verklärt, aber damals scheinen wir wirklich den Nerv von vielen (jungen) Menschen getroffen zu haben. Kein Wunder, schließlich schrieben wir dort für unsere eigene Generation.

Die Prinzen kommen

1986 habe ich die Münchner Stadtzeitung verlassen und bin zum WIENER gegangen, d. h. ich wurde Mitglied der Gründungsredaktion des deutschen WIENER. Die sonst so peinliche Floskel stimmte in diesem Fall: Ich hatte – dringend – eine neue Herausforderung gesucht. Einige meiner besten Redakteure waren gerade von Tempo abgeworben worden. Später wurden sie die Gründungsredaktion von PRINZ in München. Irgendwann um das Jahr 1989 wurde dann die Münchner Stadtzeitung von PRINZ gekauft – und zu PRINZ München umfirmiert.

Unter der Leitung des Jahreszeiten Verlages wurden die lokalen Redaktionen zu reinen Event-Rechercheuren, die Geschichten wurden deutschlandweit angedacht  – und waren entsprechend austauschbar. Dasselbe galt für den Kulturteil. Lokales war gar nicht mehr wichtig. Und über die Jahre verflachten die Inhalte immer mehr. Ich habe es dann – zugegeben – schon seit längerem nicht mehr verfolgt. Bisweilen hatte ich noch Kontakt mit Personal des Jahreszeiten Verlages und von Prinz, etwa als ich für MSN nach Content-Zulieferern für einen lokalen Onlinedienst suchte. Aber die digitale Kompetenz damals in den 90er-Jahren war dort noch sehr unterentwickelt.

Die Prinzen gehen

Das Ende von PRINZ ist so gesehen nur noch logisch. Die Zeitschrift hat sich überholt. Keine der Erfolgsfaktoren der Münchner Stadtzeitung waren noch präsent. Arno Frank, ein Stadtzeitungsveteran, lästert noch kurz in Spiegel Online dem PRINZ hinterher. „Die Mutter aller Stadtzeitungen war eigentlich schon immer nutzlos.“ Mit der zweiten Hälfte des Satzes hat er Recht. Die „Mutter der Stadtzeitungen“ war PRINZ nie, das waren „Zitty“ und der „Tip“ in Berlin. Nicht einmal „Stiefmutter“ war sie, eher ungeliebte, unsensible, etwas großmäulige, entfernte Verwandtschaft mit Geld.

Der PRINZ verschwindet. Und das ist gut so.

Zeitreise ins eigene Ich


Wir sind Gewohnheitstiere

Das geht schon gut los. Ich will einen neuen Artikel in meinem Blog schreiben und WordPress bietet mir gleich mal ein neues Interface zur Eingabe an. Nicht mehr das übliche, an das ich mich gewöhnt habe… – Was soll denn das?…

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und das ist gut so. Denn wir würden viel zu oft unsere Synapsen sinnlos anheizen, wenn wir den Alltag stets so angehen würden, als wäre alles neu und ungewohnt. Wir wären ohne unsere Muster, unsere Gewohnheiten, unsere Rituale schlicht mit uns und der Welt permanent überfordert. Sind wir ja so schon, weil sowieso kontinuierlich neue Ideen, neue Anforderungen, Ungewohntes, Ungewolltes auf uns einprasseln.

Die Welt einfrieren

Kann es denn nicht mal so bleiben, wie es ist? Das hat sich sicher jeder schon mal in Momenten gefragt, wo alles im Lot zu sein schien und das Leben uns einmal die angenehmeren Seite zugewandt hat. Und nie ist der Wunsch in Erfüllung gegangen. Immer kam wieder etwas dazwischen, immer wieder hat sich alles geändert. Neue Widrigkeiten, neue Herausforderungen, neue Wendungen – und die Schicksalsschläge, die das Leben immer wieder bereit hält, sind da noch gar nicht mit gezählt…

Zugegeben, so habe ich auch mal gedacht. Als Jugendlicher und dann auch noch mal vor allem in der ersten großen Beziehungskatastrophe, die mich ereilte. Wenn alles in Ordnung war, wollte ich die Welt gleichsam einfrieren, damit sie so bleibt wie sie gerade ist. Es kommt ja nichts Besseres nach…

Ich habe recht lange gebraucht zu kapieren, dass es nicht reicht, verlässlich und funktionabel zu sein. Nichts ist langweiliger als das. Ich habe mir vergleichsweise lange Zeit gelassen einzusehen, dass es gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung, der permanente Wandel ist, der das Leben – oder im speziellen Fall die eigene Persönlichkeit – attraktiv macht.

Die Innovations-Reaktionäre

Die erste Ahnung davon, dass Veränderung positiv sein kann, habe ich bei meiner Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung bekommen. Ein faszinierendes Phänomen brachte mich darauf. Man schreibt eine Platten- oder eine Konzertkritik zu einem Künstler oder einer Band, die noch sehr unbekannt ist, aber vielversprechend. Dafür wird man von den Fans geliebt. Es flattern dankbare Leserbriefe in die Redaktion. – Aber wehe, wenn dieser Act ein Jahr später den Durchbruch geschafft hat und etwa in einer größeren Halle auftritt. Dann kommen die bösen Briefe, von wegen dass alles verkommerzialisiert ist – und man als Musikjournalist schuld daran war, weil man so positiv darüber geschrieben hat…

Ein eigenartiges Phänomen. Künstler gehören den Fans der ersten Stunde – und wehe sie entwickeln sich, dann erleben diese Fans eine veritable Veränderungsfrustration. Alles muss so bleiben, wie es ist, und wehe es ändert sich etwas. Selbst positive Entwicklungen, wie etwa Erfolg sind dann von Übel. Aus einst glühenden Fans werden dann – so habe ich es oft erlebt – erbitterte Stilreaktionäre, die jede neue Entwicklung verteufeln. Sie hassen jeden Stilwandel – und zerfließen in Seligkeit , wenn für Momente die gute alte Zeit irgendwie wieder zurückgekehrt zu sein scheint. Sehr gut zu beobachten heutzutage bei Revival-Konzerten wiedervereinigter Altrocker. Bestes Beispiel sind die Rolling Stones. Die sind eigentlich seit den 7oer-Jahren ihre eigene Coverband – und damit ungeheuerlich erfolgreich. Eingefroren in einem Stil und eine Attitüde.

Trends als Motor 

Musik war mein allererstes Vehikel, Veränderung als etwas Positives wahrzunehmen. Ich war immer begierig darauf, neue Sounds, neue Bands und neue Stile zu entdecken. Wie viele Nachmittage habe ich in Plattenläden verbracht und immer neue Platten ausprobiert. Später bei der Münchner Stadtzeitung kamen die Platten frei Haus und ich hatte das große Privileg, mich in immer neue Konzepte reinhören zu dürfen. Manchmal dauerte es etwas länger, bis sich meine Synapsen an neue Muster und neue Temperamente gewöhnt hatten. Etwa bei Techno und Rave. Da passierte mein Erweckungserlebnis ausgerechnet an einem Heiligen Abend, als ich zur Erholung von familiärer Weihnachtsidylle spätnachts noch ins Münchner Parkcafé flüchtete und da gerade eine Rave-Party abging.

Das wahre Erweckungserlebnis in Sachen permanente Veränderung – und wie ich sie lernte zu lieben – war meine Arbeit mit Gerd Gerken, damals Deutschlands führender Trendanalytiker und Wegbereiter für alle folgenden Trendforscher wie Matthias Horx & Co.  Ich arbeitete mit ihm beim WIENER zusammen und schrieb 1993 bis 1995 mit ihm das Buch „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“, in dem wir versuchten, ein Zukunftsszenario bis zum Jahr 2025 zu skizzieren. Der Verlag verkürzte die Zeitspanne dann auf 2015, weil er befürchtete, zu wenige Leser könnten hoffen, dieses Jahr noch selbst zu erleben.

Die Welt der Zukunft

Spannend war damals nicht nur, sich in eine Welt voran zu denken, die absehbar digital zu sein versprach – obwohl das Internet damals in seiner Verbreitung noch nicht konkret präsent war. Mit jedem neuen Thema, das wir in dem Buch behandelten: Arbeitswelt, Entertainment, Sport, Wirtschaft – und auch Sex – war klar, dass die Welt, in der wir uns zu der Zeit damals befanden, schon nur allzu bald völlig anders aussehen würde. Und für unsere Ideen und Perspektiven, die wir damals aufzeichneten, müssen wir uns bis heute nicht schämen.

Parallel zu den möglichen Szenarien einer Welt der Zukunft machte mir Gerd Gerken Mut, auch mich selbst einmal in meine eigene Zukunft hinein zu denken. Das war damals für mich eine der essentiellsten Erfahrungen. Sollte jeder mal für sich versuchen: Wie sieht man selbst, mein Leben und meine Arbeit zehn Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre oder mehr in die Zukunft hinein aus? Was ist da denkbar? Was will man dann tun? Was traut man sich zu? Was will man auf gar keinen Fall, was unbedingt?

Zeitreise in die eigene Zukunft

Das war wirklich ein einschneidendes Erlebnis, diese Zeitreise in mein eigenes Ich. Ganz klar war sehr schnell, dass mein Leben auf keinen Fall so bleiben sollte wie es war. Nicht weil es damals schlecht oder frustrierend war. Aber die Vorstellung, zehn Jahre später noch dasselbe tun oder denken zu sollen, wie damals, das war wirklich eine sehr grässliche Vorstellung. Viel schöner und spannender war es, sich in immer neue Zukunftswelten hinein denken zu können/dürfen. Erst so wurde mir deutlich, welche Perspektiven, welche Optionen mein Leben vielleicht für mich noch bereit halten könnte.

Klar war, dass Veränderung der Schlüssel zu einer begehrenswerten Zukunft war. Dass Ziele und Visionen, Ideen und Perspektiven nötig waren, um in dieser Zeitreise in die eigene Zukunft und das Ich, das ich einmal sein wollen könnte, wirklich erlebenswert zu machen. Und erstrebenswert. Und lebenswert.

Mein Leben hat das damals nicht sofort verändert. Um so mehr aber langfristig. Ich wäre heute wohl nicht da, wo ich heute bin; ich würde nicht das Leben leben, das ich heute lebe, wenn ich damals nicht diese Reise in meine eigene Zukunft gewagt hätte. Und ich würde vielleicht nicht das Glück empfinden und erleben, das ich heute so oft genieße. Und ich wäre wohl nicht so entspannt und zukunftsfreudig. Und einiges Positive mehr…

Die Luxuskreuzfahrt des Odysseus


Odysseus als Role Model

Eine meiner schönsten Erinnerungen an meinen Vater ist, wie er mir als kleines Kind am Bett über Wochen hinweg in Fortsetzungen die Abenteuer des Odysseus erzählt hat. Damals gab es noch keine Hörkassetten. Und nein, er hat mir die Geschichten nicht vorgelesen, er hat sie mir erzählt. Aus der Erinnerung. Die Geschichte war tief in seinem Gedächtnis eingegraben, schließlich konnte er Homers Odyssee bei Gelegenheit auch minutenlang auswendig in Altgriechisch zitieren. Etwa als er im alten Theatron in Taormina stand, mit dem schneebedeckten Ätna als dramatisches Bühnenbild im Hintergrund.

Odysseus widersteht den Lockungen der Sirenen

Die Odyssee, wie sie mein Vater erzählte, war eine kreuzspannende Geschichte: die vielen Gefahren, die Verlockungen, die Ängste, die das Schicksal für Odysseus bereit hielten und er bestand – immer mit der Aussicht auf die treue, liebende Gattin im fernen, heimischen Ithaka. Es war wohl die bildungsbürgerlich liebevolle Vorbereitung auf die Fährnisse des Lebens, die ein damals schon altersweiser Vater seinem kleinen Sohn mitgeben wollte. Denn er erzählte die Geschichte durchaus werkgetreu (soweit ich sie erinnere), aber natürlich aus seiner tolerant konservativen Sicht. Vielleicht wollte er mich so darauf vorbereiten, wo er in seinem Leben nicht wie Odysseus heldenhaft gehandelt hatte, sondern bürgerlich feig – etwa im Dritten Reich. Ich sollte es nie erfahren, er verstarb dafür viel zu früh.

Der goldene Schnitt

Aber er hat mir genug Muster für mein Leben mitgegeben. Den breiten Kanon an Werten, den die katholische Religion bereit hält. Und was die zehn Gebote und ihre Sinnhaftigkeit betrifft, war das so schlecht nicht. Der Herrgott und sein Bote Moses können ja nichts für die Interpretationen und Ausführungsbestimmungen, die das Bodenpersonal die letzten Jahrhunderte bis heute so erlassen hat. Und dann die vielen Gemeinplätze, die die bürgerliche Welt damals als richtig und hilfreich ansah: den goldenen Schnitt etwa. In den Worten meines Vaters: Immer etwas über der Mitte – und ja nicht zu nah an den Extremen.

Solche Bilder entfalten in einer Zeit, in der die bürgerliche Mitte immer weniger Chancen hat, eine besonders krasse Absurdität. Damals war das Bild eines in seiner („gehobenen“) Mittelmäßigkeit zufriedenen Menschen anscheinend attraktiv. Es suggerierte eine spezielle Art von Sicherheit. Diese bürgerliche Idylle im Reihenhaus funktionierte als eine Art Tarnkappe, die einen vor Extremen und vor allem vor zu viel Aufmerksamkeit schützte. Meine Mutter drohte meines Wissens nach meinem Vater nur einmal ernsthaft mit Trennung, als er sich anschickte, für die CSU für den Bundestag zu kandidieren. Als Zählkandidat wohlgemerkt, ganz weit unten auf der Landesliste. Sie tat das nicht weil es die CSU war (im Gegenteil), sondern weil er sich so exponiert hätte. Er wäre auf der Messlatte des Goldenen Schnitts zu weit nach oben gerutscht.

Die komplette Werte-Inversion

Solch eine Weltsicht sieht im Lichte der gesellschaftlichen Wirklichkeit knapp 50 Jahre später eher kurios aus. Die Mittelwerte sind am schlimmsten vom Werteverlust betroffen. Von wegen Werteverlust. Die Werte haben sich teilweise komplett in sich umgekehrt. Heute ist nichts langweiliger als das Mittelmaß. Mit nichts kann man jungen Menschen heute wirkungsvoller drohen, als nicht stets und in jeder Lage der, die, das Beste, Meiste, Schönste zu sein und zu wollen. Keine Firma mit Anspruch begenügt sich mit guten Mitarbeitern, es muss immer gleich ein Überperformer sein, der wirklich immer alles gibt, was er hat. Was dazu führt, dass es immer weniger gute Mitarbeiter aber immer mehr exzellente Darsteller in der Rolle von Überperformern gibt.

Mein Vater wollte mich vor so ausgefallenen Abenteuern, wie sie Odysseus erleben musste, bewahren. Heute verdienen Firmen gutes Geld, die unbescholtene Menschen viel krassere Bewährungsproben bestehen lassen, am Bungee-Seil, in Wüsten oder im Himalaja. Man muss einmal ein Expeditionsvideo vor der Synchronisierung gehört haben, in dem das fast verzweifelte Ringen der Teilnehmer um Luft in der Höhe von 4.000 und mehr Metern zu hören war, um zu verstehen, dass Odysseus dann doch wohl einst eher eine gemütliche Kreuzfahrt durchs Mittelmeer unternommen hat. (Auf dem Video waren die Bilder in der Endfassung natürlich mit sphärischer Loungemusik unterlegt.)

Mann ohne Eigenschaften

Nein, das wird kein Essay über die schlimmen Widrigkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert. Nein, keine Abrechnung mit dem schlimmen Werteverlust und der Perversion heutiger Lebenswirklichkeit. Im Gegenteil. Ich habe die bürgerliche Selbstbeschränkung ja schon früh als spezielle Art von Feigheit vor sich selbst verstanden. Ich habe meinen Schnitt mit dem goldenen Schnitt gemacht. Und die gesellschaftliche Tarnkappe, die meine Mutter noch mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln (Trennung!) verteidigt hat, habe ich schnellstmöglich verlassen – und wurde Journalist. Und heute lebe ich genussvoll das Gegenteil –  digitale Offenheit samt Blog, Facebook- und Twitter-Account. Und ich fühle mich wohl dabei. Sehr wohl.

Aber wie kann das gehen? Wie konnte ich mich so schmerzarm von den Gesellschaftsklischees meiner Jugend verabschieden? Wie geht das, dass ich so gut wie nie unter Wertewandel und Werteverlust gelitten habe?Bezeichnenderweise war einer meiner am essentiellsten prägenden Romane einst der „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Hier ist schon in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Unmöglichkeit beschrieben, in einer modernen Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen und beschleunigenden Entwicklungen noch verbindende, sinnstiftende Ideen zu finden – oder gar zu pflegen. – Interessant, dass heute etwa Peter Sloderdijk in seinen „Sphären“ sich auch wieder auf Musil und den „Mann ohne Eigenschaften“ bezieht.

Das Mosaik des Lebens

Aber anders als Ulrich im Roman vermisse ich in meinem privat wie beruflich sehr abwechslungsreichen Leben kein sinnstiftendes Ganzes. Ganz einfach, weil ich es nie gesucht habe. Für mich waren – zunächst völlig unbewusst, später immer klarer – gerade die stete Veränderung, das Mäandern, die spontanen Entwicklungen, die überraschenden Brüche, das Scheitern hier und die Erfolge da kein Fiasko, sondern eher gestaltender Teil eines Mosaiks, das mit jeder neuen Ergänzung, immer schöner wurde, immer neue Aspekte zeigte – und in seiner Collagenhaftigkeit doch immer klarer und aussagekräftiger wurde.

Gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung ist daher für mich positiv besetzt, weil sie das Bild immer weiter bereichert. Und das gelingt nicht mit intensiver Nabelschau. Dafür sind ein ähnlich entwicklungstalentierter Partner und die stete Entwicklung der Beziehung zueinander die vielleicht wichtigsten Ingredienzien. Ebenso wichtig ist ein festes Netz aus Freunden und Seelenverwandten, die auch mal Widerworte wagen. (Das musste ich am dringendsten lernen.) Und essentiell ist dafür heute natürlich auch das digitale Netzwerk in all seinen Ausprägungen. – Ich kann mich irren, aber mir scheint, in diesem Mix aus zwischenmenschlichen Einflüssen kann ich relativ gelassen den kommenden, sicher immer krasser und schneller werdenden Veränderungen unserer Welt in all seinen Facetten – wenn auch nicht immer gelassen – erwartungsfreudig entgegensehen. Vor allem ohne Angst, eher mit Vorfreude. Odysseus sei Dank!

Das digitale Fremdbild


Fremdbild vs. Selbstbild

Jeder kennt einen Menschen, der stylemäßig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie stylen sich und ziehen Klamotten an, wie sie Jahrzehnte zuvor mal hip gewesen sein mögen. Als ich in jungen Jahren mit Freunden lange Zeit eine Hütte (ohne Strom, das fließende Wasser war der Brunnen vor der Tür) in der Kelchsau hatte, kehrten wir verlässlich auf dem Weg nach Hause in der „Traube“ in Hopfgarten zur Jause ein. Nicht weil das Essen dort so überragend war. Im Gegenteil, es war sehr holländerkompatibel mit viel Fritten und einem halben Dosenpfirsich als Beilage bei so ziemlich jedem Fleischgericht.

WIENER 12/90 – Foto: Uwe Arens

Nein, die Attraktion war über Jahrzehnte hinweg die Bedienung. (Hieß sie Christine?) Sie war lustig und freundlich. Vor allem trug sie stets eine grandios aufgetürmte Toupetfrisur, wie sie später die Mädels von B52 ironisch zitierten – oder noch später Amy Winehouse. Christine aber trug den Toupet-Turm nicht als ironisches Zitat, sondern weil sie es irgendwie für chic hielt. Irritierend, wie sie dieses Selbstbild liebte, während sich die Welt längst drum herum weiter entwickelt hatte und solch eine (aufwändige) Haarinstallation eher kurios fand. Selbstbild und Fremdbild klafften epochenweit auseinander. (Ein ähnliches, typisches – prominentes – Beispiel für solch ein Time- und Persönlichkeits-Gap ist das Ehepaar Thomas und Thea Gottschalk.)

Schmerzhafte Divergenz

Das Phänomen der Divergenz zwischen Selbstbild und Fremdbild kennt jeder Journalist, der Menschen beschreibt. Jedes Porträt, jede Reportage über Menschen ist nichts anderes, als jeweils dem Betreffenden einen Spiegel vorzuhalten. Einen sehr subjektiven, selbstverständlich. Und oft kollidiert das mit dem Selbstbild des Porträtierten. Je größer die Divergenz, desto heftiger ist die Reaktion. Und das ist nicht immer die Schuld des Journalisten, der eine Geschichte aufzumotzen versucht.

Mir sind solche Selbst-/Fremdbild-Konflikte zwei Mal besonders krass begegnet. Einmal in den Frühzeiten des WIENER, als ich über mehrere Tage hinweg die Mutter von Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, interviewt hatte. Sie erkannte sich in dem Interview – obwohl stets wörtlich zitiert – nicht wieder und protestierte vehement dagegen, wie sie und ihr Sohn in dem Interview rüber kamen. Ähnlich heftig war die Reaktion auf eine Reportage kurz nach der Wende 1990 unter Kindern in Halle und Dresden. Wir zitierten dort Texte, die sie in Aufsätzen zum Thema „Meine Hoffnungen und Ängste für meine Zukunft im vereinigten Deutschland“ geschrieben hatten und setzten eindrucksvolle Fotos der Kinder in Schwarzweiß von Uwe Arens dazu. Das kam bei den Eltern und den Lehrern der Kinder sehr schlecht an und wir wurden mit Protestbriefen überschüttet.

Narzisstische Kränkung

Zur Erinnerung: Narzisst ist der stolze Jüngling, der sich aus Rache der Nymphe „Echo“ (!) immer wieder in sein Spiegelbild verlieben musste. Das macht deutlich, wie schmerzhaft es in einer weithin durch-narzisstisierten Gesellschaft sein muss, in seinem Spiegelbild etwas sehen zu müssen, was einem gar nicht gefällt. Etwas, was so gar nicht der eigenen Vorstellung, dem eigenen Anspruch entspricht. Diese narzisstischen Kränkungen (nicht im Freud’schen Sinne, bitte!) prägen das Leben heute. Je ausgeprägter und idealer das Selbstbild ist – und das braucht es in unserer hoch-individualisierten Welt heute – desto häufiger und herber sind diese Kränkungen. Sie prägen unseren Alltag und wohl dem, der gelernt hat, damit klug und aggressionsfrei umzugehen.

Wer heute häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bekommt unweigerlich das Gejammere zu hören und die Aggressionen zu spüren, die narzisstische Kränkungen in Menschen auslösen. Jede Verspätung der S-Bahn ist ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Jeder schiefe Satz eines Kollegen ist ein Drama. Jeder Tropfen Regen eine persönliche Beleidigung und jede Hitzeperiode jenseits von drei Stunden ein Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Eigenartigerweise werden die wirklich schwerwiegenden Kränkungen des fragilen Selbstwertgefühls, die von Chefs, Instanzen, Behörden oder gar der Politik ausgeübt werden, da nicht thematisiert. Je gravierender und Identität gefährdender die Angriffe sind, desto stiller werden sie ertragen. Sie zu beklagen wäre zu entblößend, zu blamabel.

Das finanzielle Eigenschämen

Die am meisten verschwiegene Kränkung der Gegenwart sind die Geldverluste, die Menschen in den sich gegenseitig hetzenden Krisen ereilen. Sie sind das absolute Tabu-Thema, bei dem man sich oft nicht einmal bei allerengsten Freunden seelische Erleichterung holen mag. Es wird spannend, wann dieses Tabu einmal gebrochen wird. (Vielleicht in einer Stern-Aktion: 100 Prominente bekennen, wir haben uns verspekuliert?) Zeit wird es, denn gerade die Banken und Finanzinstitutionen profitieren am meisten von der Omerta der geprellten Gierigen und der breiten Front teilenteigneter Finanz-Amateure.

Dabei ist die Bandbreite der narzisstischen Kränkungen, die Banken heute für ihre Kunden auf Lager haben, nahezu unendlich. Jahrzehntelang treuen Kunden wird im ersten Moment einer Krise (etwa Arbeitslosigkeit) sofort und unangekündigt der Dispo gekündigt samt Einzug der EC-Karte. Selbst erfolgreiche Firmen bekommen vereinbarte Kreditlinien nicht mehr verlängert, weil irgendein anonymer Controller in der Zentrale neue Richtlinien erlassen hat. Und wenn man älter als 55 Jahre ist, hat man sowieso kaum mehr Chancen auf Hypotheken oder Kredite, nicht mal wenn man massenhaft Immobilien als Sicherheit bieten kann. – Das alles ist so im näheren Bekanntenkreis aktuell passiert.

Der anonyme Algorithmus 

Und es wird noch schlimmer. Längst sind die Finanzinstitute und eigene, von ihnen beauftragte Datenanalytiker dabei, ganz klandestin ein zusätzliches, digitales Fremdbild von jedem von uns zu malen. Mit der Abermenge von digitalen Finanz-Transaktions-Daten, kommerziellen Datenbanken (Adressen, Schufa & Co.) und den im Internet in Abundanz verfügbaren Daten (inkl. Social Media) zeichnen sie ihr eigenes, sehr granulares und konkretes Bild vom Konsumverhalten, von Kreditwürdigkeit und finanziellen Perspektiven jedes Einzelnen von uns.

Ein sehr eindrucksvolles Bild, wie das e-score genannte Solvenz-Profil eines jeden von uns aussieht, hat die New York Times gezeigt. Ein erschreckendes Bild vor allem, weil es vor dem, den es angeht, stets verborgen bleibt. Es wird nur in den Kränkungen, die von diesem klandestinen Datenprofil, dem dritten – digitalen – Ich verursacht werden, erlebbar sein: wenn man keinen Kredit bekommt – oder nur zu sehr unvorteilhaften Konditionen. Wenn man teurere Preise zahlen soll (wie etwa Apple-User). Wenn man keine Verlängerung einer Hypothek bekommt und die Spareinlagen unter dem Inflationswert verzinst werden usw.

Und wer sich ein wenig auskennt, wie Algorithmen entstehen, wie sie funktionieren und weiß, wie sie oft falsch eingesetzt werden, der kann erahnen, wie oft von Algorithmen errechnete (Finanz-)Persönlichkeitsprofile falsch liegen können. Die Banken & Co. sind ja schon froh, wenn halbwegs die Pareto-Regel gilt. Für uns Kunden hieße das, dass ein Fehlerquotient von 20 Prozent gilt und mindestens jedes fünfte digitale Profil falsch ist. Und es ist unkorrigierbar, da nicht öffentlich kontrolliert und nicht individuell einsehbar. Eine wahrhaft kafkaeske Situation solange nicht Hacker eine e-score-Leaks-Initiative starten.

Auf die Politiker darf man nach den Erfahrungen der letzten Jahre und Monate wohl nicht hoffen, dass sie sich in diesem Punkt gegen das Finanzsystem zugunsten ihrer Wähler durchsetzen. Vielleicht auch, weil sie ganz privat Angst haben, von dieser Seite herbe narzisstische Kränkungen zu erfahren…