Meins! – Meins! – Meins!


Ende der Besitzstands-Kakophonie!

Die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht erinnert mich an die köstlichen Filmszene in „Findet Nemo“, in dem die gierigen Möwen um den auf dem Pier gestrandeten Nemo sich in eine Beanspruchungs-Kakophonie hineinsteigern: „Meins!“ – „Meins!“ – „Meins!“ … Genauso beharren Rechteinhaber heute darauf, dass alle Inhalte ihnen gehören: „Meins!“ Auf der anderen Seite die Gratis-Medien-Apologeten, die alles für lau haben wollen: „Meins!“

Eine grundlegende Diskussion zum Thema Urheberrecht, oder genauer gesagt zu den Nutzungsrechten ist längst überfällig. Für die Vergütung von geistigem Eigentum muss genauso dringend und zügig ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden wie zum Thema Privatsphäre. Beides sind Themen, die in der digitalen Welt und der Welt der Zukunft besonders essentiell sein werden, weil sie eine zentrale Rolle im Wirtschaftgefüge einer kommenden Netzwerk- und Innovationsgesellschaft spielen werden. Um so wichtiger ist es, dass die Diskussion aus dem Reklamierungs-Geschnatter („Meins!“) befreit und wirklich zukunftsperspektivisch diskutiert wird, anstatt Vergangenheitsrecht für die Zukunft zu zementieren, wie das ACTA will.

Blüte der virtuellen Produktion

Einen sinnvollen ersten Schritt zur Klärung der Debatte hat Max Winde in seinem Blog 343max geliefert. Er definiert, ganz ohne jede Parteinahme für oder gegen Content-Eigner, wie denn ein Interessenausgleich idealerweise aussehen könnte. Leider – oder besser: verständlicherweise – liefert er keine Lösung, wie eine angemessene Bezahlung von Werken geistigen Eigentums aussehen könnte, wie hoch sie sein müsste/könnte und was die Nutzer dieser Werke möglicherweise zahlen würden – und wie? Das sind die zentralen Fragen und – leider – dafür gibt es dafür (noch) keine wirklich innovative, keine kreative Lösung. Vielleicht auch nicht, weil die wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Ideen-Industrie und die Jäger der Urheber-Schätze der Zukunft arbeiten werden müssen, noch kaum angedacht sind. Aber das wäre einen Versuch wert:

Max Winde hat in seinem Beitrag schon einen guten Hinweis auf die künftige Wichtigkeit von ideeller Produktion geliefert. Zitat: „Urheber sollten nicht schlechter gestellt werden als Produzenten von physischen Produkten. Vielleicht sogar besser: Wenn jemand ein physisches Produkt herstellt, dann vernichtet er dabei der Allgemeinheit gehörende Ressourcen. Diese Vernichtung von Ressourcen können wir vermutlich nur bremsen, wenn wir die Produktion von ,virtuellen‘ Produkten ähnlich lukrativ machen wie die Produktion von physischen Gütern.“ Richtig, die Produktion im virtuellen Raum wird in Zukunft immens wichtig werden. Es ist leicht, sich über Farmville & Co. lustig zu machen, aber das sind frühe, embryonale Vorboten einer Zukunftsindustrie der Virtualität.

Dysfunktionalität durch Rechtestreit

Fakt ist, dass unsere Welt noch nie so viele Menschen beherbergen und ernähren musste wie heute. Und noch nie auf einem so hohen globalen Wohlstands-Niveau wie heute. Wir werden als Folge davon künftig unglaublich viele Krisen, Irritationen, Hysterien und Konflikte erleben – das ist in solch einem hochentwickelten, nervösen, komplexen Systemen unausweichlich. (Mit Griechenland & Co. üben wir das gerade auf Sandkasten-Niveau!) Aber das ist in und mit einer Network-Gesellschaft lös- und bewältigbar, weil man so innerhalb kürzester Zeit Ideen und Lösungen finden – und umsetzen kann.

Das geht aber nur, wenn solch eine Ideen-Produktion in der Lage ist, ungehemmt und schnell zu operieren. Da darf keine Abmahn-Industriemit mit irrwitzigen Forderungen Knüppel dazwischen werfen. Die Kriege zwischen den Eignern von Smartphone-Patenten wie Apple, Google, Samsung, Nokia, Microsoft & Co. geben da nur einen ersten Vorgeschmack, wie ein überkommenes Rechtesystem droht, eine Branche – und eine Innovations-Sparte – dysfunktional werden zu lassen. (Meins! – Meins! – Meins!) Es ist hier gut zu erahnen, dass man in dieser vernetzten, globalen, innovationsbeschleunigenden Welt mit Besitzstandsdenken nicht mehr weit kommt und das Sharing-Prinzip funktionaler ist. (Sicher auch gegen entsprechendes Entgelt.)

Die Ideenlieferanten funktionieren

Allzu große Sorgen, dass uns in Krisensituationen die Ideen und Lösungen ausgehen, brauchen wir uns nicht zu machen. Denn die große Mehrheit der globalen Internet-Gemeinde ist von ACTA und sonstigem Urheberrechts-Klüngel nicht betroffen: China, Russland, Indien, ja fast das komplette Asien und Afrika und Südamerika machen bei ACTA nicht mit. (Die Schweiz und Norwegen auch nicht!) Hier werden daher die Ideen-Schmieden der Zukunft  entstehen, die schnell, pragmatisch und nötigenfalls rücksichtslos handeln werden. Schon heute ist die Mehrzahl der Websites und der Web-Inhalte asiatisch…

ACTA Unterzeichner

Fragt sich, ob wir uns hierzulande freiwillig der eigenen Dysfunktionalität ergeben wollen oder ob wir aktiv im Ideen-Wettbewerb mitmachen wollen. Genug einzubringen hätten Europa (West), Amerika (Nord) plus Anhang. Wir haben das Erfinden erfunden. Wir waren über Jahrhunderte die Innovatoren der Welt, im Guten wie im Schlechten. In uns müssten noch reichlich die Meme des Erfindergeistes vorrätig sein. Es wäre fatal, wenn statt ihrer die Häme der Ideen-Verwertungs-Industrie obsiegt.

Längere Fristen in einer beschleunigenden Welt

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Disney in der Sucht, sein Film und Figuren-Repertoire länger monetarisieren zu können, die Laufzeiten von Urheber- und Nutzungsrechten auf 70 Jahre verlängert hat. Das gab es nie zuvor. Und wir in Europa machen da brav mit. Und jetzt sind die Schutzzeiten so lang, dass sie wirkungsvoll zur Dysfunktionalität einer Ideen-Industrie beitragen.

In Zukunft, wenn es immer schneller immer mehr Ideen geben wird (s. o.), dann haben sie automatisch eine kürzere Laufzeit. Es ist also widersinnig, ihnen eine längere Rechte-Geltungsdauer zu geben. Wie will ein Rechteinhaber einer davorliegenden Idee gegen die darauf aufbauende seine Rechte einklagen, wenn die Welt- und Wirtschaftsgeschichte längst schon etliche Kapitel weiter ist?

Das Ende des Fortunismus

Die Vorstellung, dass Ideen eine Ewigkeit gelten und entgolten werden müssen, ist wohl auch der Angst geschuldet, nur eine begrenzte Zahl von Ideen haben zu können. Solche Ängste führten dazu, dass man Ideen ausgiebig verwerten wollte. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet die Film- und Musikbranche so sehr für ACTA kämpft. Zwei Industrien, in denen man Glück haben musste, um sein „Glück zu machen“. Ein Hit, und man war reich. Aber die Mehrzahl der Songs waren Flops. „Fortunismus“ nennt Peter Sloterdijk diese Art von kulturell sanktioniertem Glücksspiel.

Die Vorstellung, nur eine begrenzte Zahl an geistigen Werken in einem Leben schaffen zu können und davon umfangreich zehren zu müssen, ist mit einem Blick in die Zukunft absurd. Früher, zugegeben, waren erfolgreiche Ideen Mangelware, weil es schwierig war, dafür das nötige Publikum zu bekommen. Diese Wirtschaft der Verknappung ist seit dem Internet und seinen unendlichen Optionen der Wahrnehmung vorbei. Die Angst, Ideen könnten nur begrenzt vorhanden sein, ist in einer Netzwerk-Gesellschaft absurd, denn sie können hier so viel leichter und schneller entstehen. Und damit hat der Fortunismus ausgedient. Es reicht nun nicht mehr, eine oder wenige gute Ideen oder Werke zu schaffen. Jetzt muss man kontinuierlich, ein (langes!) Leben lang neue Ideen, Werke und Projekte entwickeln. (Ganz wie im richtigen Leben…)

Der Anfang von etwas radikal Neuem

Natürlich müssen gute, wichtige Ideen entlohnt werden, keine Frage. Je besser sie sind, mit um so mehr Geld. Und wenn es viel Arbeit, Planung und Investition gebraucht hat, um etwa eine Software zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, umso mehr. Trotzdem wäre es falsch und (zukunfts-)wirtschaftlich unvernünftig, auch hier zu lange Nutzungsfristen zu gewähren. Denn gute Ideen müssen sich verbreiten, und das schnell – und sie müssen weiterentwickelt werden. Die logische Folge: Schluss mit dem bisherigen Anspruchs-Denken! Her mit radikal neuen Ideen!

Mein Freund Helmut Müller, selbst Produzent hochspezialisierter Software, schreibt in einer Replik auf meine Facebook-Empfehlung des Blogs von Max Winde richtig: „Wir können alle miteinander die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf unser ökonomisches, kulturelles und soziales System noch gar nicht abschätzen, wir sehen schemenhaft den Anfang von etwas radikal Neuem. Die Diskussion um das Urheberrecht lässt uns das erahnen, denn sie wird sich ergebnislos im Kreis drehen.“ – Der Anfang von etwas radikal Neuem, kann das nicht so aussehen? Eine Innovations-Gesellschaft mit einer ungeheuren Dynamik, die man lustvoll genießen kann. Und in der wundervolle Ideen (aber auch doofe) entstehen werden, en masse.

Aber wer wie und wie viel Geld damit verdient und wer wem wie viel Geld zahlt, das bleibt zu klären. Diesen Konflikt zwischen freier Verfügbarkeit von Ideen und angemessenem, unbürokratischem Entgelt zu lösen ist jetzt die große Aufgabe für unsere digitale Netzwerkgesellschaft. Aber eine Idee dafür ist nur zu finden, wenn man von den alten Zöpfen der Kreativ-Kultur und der Kreativ-Verwertung und von seinen Limitationen und Ängsten Abschied nimmt. Schluss mit „Meins! – Meins! – Meins!“

P.S.; Ein erster guter Ansatz eines zeitgemäßen Urheberrechts hat Marcel Weiß im ZDF Hyperland formuliert: Kürzere Schutzfristen, keine automatische Verlängerung, Opt-In statt Automatik, Erlaubnis der privaten Nutzung…

P.P.S.: Und hier bei neunetz.com eine sehr schlüssige Argumentation, warum es „geistiges Eigentum“ nicht geben kann – und nicht geben soll.

Diagnose einer Bagatell-Hysterie


Causa Wulff: Bashing-Rituale 2012

„Würde mich mal jemand dafür loben, dass ich den ganzen Tag noch nichts zum Thema W. getwittert habe?“ Christian Buggisch twittert zurecht, wenn er sich für seine Wulff-Bashing-Enthaltsamkeit loben lassen will. Es macht einen fassungslos, dass Deutschland scheinbar nichts Wichtigeres kennt, als sich über die Verfehlungen eines mittelmäßigen Provinzpolitikers zu echauffieren, den es in einer besonders herben Laune des Peter Prinzips auf die Position des Bundespräsidenten gespült hat.

Christian Wulff hat es mehr als verdient, kritisiert und auch gebasht zu werden, keine Frage. Nicht nur wegen seiner Kredite, seiner Ferienreisen und seinem Hang zum Gratis-Luxus. Sondern vor allem wegen seiner kompletten Uneinsichtigkeit in seine Verfehlungen: seine Kleinhäusler-Mentalität, wie man in Bayern sagt, wenn einer versucht, zwanghaft vor sich selbst größer wirken zu wollen, als er ist. Zudem hat er sich durch seine hahnebüchen desaströse Medienstrategie im Umgang mit seinem Skandal jedes Recht auf sein weiteres Beharren in diesem hohen Amt erfolgreich verwirkt.

Die Symptome einer Bagatell-Hysterie

So weit, so gut. Aber was reitet uns Deutsche, dieses Skandälchen so ernst zu nehmen und uns so manisch auf diese Amateur-Posse zu kaprizieren. Christian Wulff und seine – kleinhäuslerisch – verständliche Unfähigkeit zum Rücktritt ist eine Nichtigkeit, die man bestenfalls mal kurz belachen darf, vorzugsweise als Apercu bei Harald Schmidt. Aber damit genug! Bagatellen solcher Dimension taugen nicht zu Dramen. Aber wenn sie sich zu nicht enden wollenden Medien-Hysterien auswachsen, sagt das viel über den Zustand unseres Landes und seiner Bürger aus. Es verrät viel über den akuten mentalen Status der Deutschen. (Na ja, auch darüber, wie es um die etablierten Medien hierzulande steht.)

Wolfgang Michal vermutet in seinem Blogbeitrag ganz richtig: „Das crossmediale Bohei, das um das (politisch eigentlich überflüssige) Amt des Bundespräsidenten veranstaltet wird – ein Amt, das kaum einen Journalisten jemals ernsthaft interessiert hat – ist ein psychohygienisches Rätsel. Und ein Symptom. Aber für was? Gab es im deutschen Journalismus eine moralische Ruck-Rede? War es die Sehnsucht nach dem guten Prinzen? Oder schmerzt einfach die herbe Enttäuschung, dass es wieder nur ein Frosch ist?“ Gehen wir kurz den Symptomen nach, um dem physischen Momentanzustand unseres Landes und uns Bürgern auf die Schliche zu kommen.

Symptom 1: Wir schrumpfen die Krise

Die Krisen häufen sich: Finanzkrise, Bankenkrise, Euro-Krise. Europa ist bedroht. Die Weltwirtschaft. Die Medien hyperventilieren nun schon seit Monaten im schrillsten Tonfall des Alarmismus. Wir sind inzwischen dagegen immun geworden, wir trotzen der Krise und kaufen, kaufen, kaufen. Aber wirklich perfekt hilft dagegen die Ablenkung durch eine Wulff-Krise, deren liliputaneske Dimension wir nicht fürchten müssen. Eine Krise, die wir beurteilen können, weil wir die Verfehlungen, die wir anklagen, selbst gut kennen, weil wir sie selbst schon begangen haben – oder zumindest gerne begangen hätten. (Gratisurlaub, Upgrade, Schnäppchen, Freunderl-Dienste…)

Wir wählen uns die Krise nach unserem Gusto und portionieren sie so, wie es uns behagt. Wie befreiend, wie beruhigend, wie genüsslich ist es, sich die Krisenlandschaft so gesund zu schrumpfen. Das geht ganz leicht. Denn das Internet ist dafür der ideale Hysterie-Boiler. Ein paar spärliche Fakten, viel Moralin, ein paar Spritzer Hohn – und ganz viel präsidiales Selbstverschulden: Fertig ist die ideale Krisen-Schrumpfung über die Feiertage.

Symptom 2: Die Getriebenen der Meute

Der Hysterie-Boiler funktioniert so gut, weil die Medien sich von der Bloggeria massiv getrieben fühlen. Noch einmal Wolfgang Michal zitiert: „Nicht die Blogger und Twitterer haben sich den Leitmedien angepasst, sondern die Leitmedien den Bloggern und Twitterern. Herausgefordert durch deren kräftige (oft populistische) Sprache, greifen nun auch etablierte Medien immer häufiger zu drastischen Begriffen und Vergleichen, fordern eilends Rücktritte und rigorose Konsequenzen, und zelebrieren die unfreiwilligen Abgänge aus dem öffentlichen Leben als reinigende Buß- und Sühneopfer fürs Volk.“

Die Medien erleben sich immer mehr als Getriebene der Meute des Realtime-Journalismus bzw. der Realtime-Kolportage. Es muss extrem frustrierend sein, etwa als Printjournalist mitzuerleben, wie das eigene Produkt frisch aus der Druckpresse am Morgen rettungslos veraltet ist und schon längst neue Fakten vorliegen, ersatzweise neue Mutmaßungen, und der Diskurs über ein Thema längst schon viel weiter ist. Die Elite der Blogger hat den meisten Journalisten längst die Meinungshoheit abgejagt. – Den  TV-Leuten geht es nicht besser. Sie hetzen sinnlos Bildern hinterher, die nur noch überholte Tatsachen bebildern können. Im übrigen neigt man zunehmend dazu, „Facebook“ oder „Twitter“ zu zitieren als wären sie verlässliche Presseagenturen.

Symptom 3: Klassenkeile für Hierarchen

Wer es aus der Provinz ganz nach oben geschafft hat, mit all den Privilegien und Vergütungen, der ist unausweichlich Opfer unserer Neidgesellschaft. Vor allem, wenn einem wie Wulff das nicht reicht und man noch bei reichen Freunden Urlaub in allem Luxus machen muss oder sich von ihnen Kredite aufdrängen lässt. Aber es steckt da noch mehr dahinter: Wulff-Bashing ist immer zugleich auch Hierarchie-Bashing. Hierarchien werden flacher, das heißt, der Abstand nach oben ist geringer geworden. Das heißt, dass immer mehr nach oben kommen, ohne die nötige Qualifikation zu haben – da ist Christian Wulff das passende Abwatsch-Modell. Er ist Präsidenten-Darsteller wie viele leitende Manager lediglich Chef-Darsteller sind.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass sich immer mehr berufen fühlen, ganz nach oben zu kommen. Das untergräbt die natürliche Autorität von jedem, der oben ist, nachhaltig. Und weil es dann doch heikel und selten Karriere fördernd ist, den eigenen Chef anzumachen, kommt Wulff als Ersatzkandidat dafür gerade recht. Er ist der ideale Mann für befreiende Klassenkeile. An ihm kann man alle Aggressionen, Ressentiments und Frustrationen, die man in einem Berufsjahr so ansammelt, wunderbar abbauen. Daher die Moralinsäure, daher die Häme, daher der fast augenzwinkernde Sarkasmus. Und Wulff mit seiner unsäglichen PR-Taktik sorgte auch noch dafür, dass die Affäre dauerhaft am Leben erhalten blieb. Was für ein willkommenes Purifikations-Ritual des kleinen Mannes, passend für die Feiertage!

Symptom 4: Anti-autoritäre Reflexe.

Gemeinsam sind wir stark. Das ist die Erfahrung, die die Baby Boomer von Kindesbeinen an reichlich in einem antiautoritären Klima machen konnten. Und nie zuvor konnte man wieder so schnell und so machtvoll Gemeinsamkeit organisieren und dialogisch feiern wie heute. Aber eben auch Gemeinheiten. Schwarm-Intelligenz ist das gern bemühte Schlagwort. Es gibt aber auch Schwarm-Impertinenz, Schwarm-Penetranz, Schwarm-Perfidie oder Schwarm-Intrige. Ein selbst verstärkender Prozess mit ungeheurer Schlagkraft.

Ein Christian Wulff hatte keine Ahnung, welch Wucht solch ein Prozess entwickeln kann, wenn er nicht rechtzeitig und mit den richtigen Mitteln gestoppt wird. Er hingegen verstärkte und prolongierte mit seinem ungelenken Umgang mit der Öffentlichkeit diesen Prozess. So war der höchste Repräsentant, die höchste Autorität des Staates zur Abrechnung frei gegeben. So konnte dann die eine, ältere Generation (Baby Boomer) ihre fast schon vergessenen antiautoritären Reflexe noch einmal ausleben. Und die junge Internet-Generation (Digital Natives) durfte erstmals dieses Vergnügen auskosten, Riesen zu Zwergen schrumpfen zu sehen, joviale Gesichtszüge in Tagen um Jahre altern zu lassen, schlicht indem man die Autorität als nicht vorhanden (virtuell) behandelt.

Deutschland zu Beginn des Jahres 2012: ein virtueller anti-autoritärer Kindergarten. Die Kinder amüsieren sich prächtig, die Leitungsebene aber versteht die Welt nicht mehr. – Aber das ist ihnen ja inzwischen zur Gewohnheit geworden…

Müllmänner der Politik


Exekutive der Fachleute

Ein kurioses Konzept boomt dieser Tage in Europa – und die Journaille goutiert und applaudiert. In Griechenland und in Italien soll statt einer gewählten Exekutive, eine sogenannte „technische Regierung“ die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Missstände wieder richten, die über Jahrzehnte entstanden sind. Kein Wunder, dass die Idee des „governo tecnico“ eine italienische Erfindung ist. Wer in 65 Jahren 60 Regierungen verschleißt, hat eben Erfahrung damit, was man tun muss, wenn das Kind ins Bade fällt.

Eine „technische Regierung“, auch genannt „Kabinett der Fachleute“, wird vom (italienischen) Staatspräsidenten eingesetzt und soll dann die Dinge richten, die die gewählten Volksvertreter verbockt haben. Ein sehr eigenartiges, wenn auch von viel Realismus geprägtes Demokratrieverständnis, das sich hinter diesem Konzept verbirgt. Es wird einfach davon ausgegangen, dass in ein Parlament entweder keine Fachleute hinein gewählt werden – oder diese, sofern es sie gibt, nichts zu sagen haben. Sie werden von Fach-Dilettanten, die aber wohl hochqualifizierte Experten in Sachen Wahltaktik, Lobbyismus und Schlimmerem sind, erfolgreich still gestellt.

Die Buhmänner der Politik

Wenn dann durch teure Wahlversprechen und unsolides Wirtschaften der Haushalt ruiniert ist, dürfen „Fachleute“ ran, die das alles wieder in Ordnung bringen sollen. Das sind sozusagen die Müllmänner der Politik, die Unschönes entsorgen müssen und vor allem unpopuläre Dinge wie Sparmaßnahmen, Abbau von Rechten, Kündigungen, Rentenkürzungen etc. durchführen dürfen. Vor allem müssen sie aber Vorgaben von hypernationalen Organisationen exekutieren, von der Europäischen Union, vom IWF, der Weltbank und wer noch alles hier das Sagen hat.

Diese „technischen Politiker“ sind so gesehen die Insolvenzverwalter von heruntergewirtschafteten Staaten. Mit dem großen Nachteil, dass sie sich im Unterschied zu echten Insolvenzverwaltern, keine goldene Nase verdienen Im Gegenteil, sie werden im eigenen Land tief verhasst und verachtet sein, weil sie ausschließlich unpopuläre Maßnahmen durchführen müssen, die noch dazu fast ausnahmslos von außen oktruiert werden. So werden nach den Bad Banks auch noch Bad Boys erfunden, die als Buhmänner alle negativen Reaktionen auf sich ziehen dürfen. Und wenn Maßnahmen dann doch erfolgreich sein sollten, werden bis dahin längst wieder ganz schnell Politiker bereit stehen, um die Lorbeeren entgegen zu nehmen.

Die Kandidaten der Medien

Es ist verwunderlich, dass solche undemokratischen Vorgänge, solche als Übergangsregierungen oder „technische Regierungen“ schön geredete politische Vollzugsinstitutionen in den Medien eher positiv aufgenommen werden, als quasi Wunderheiler, die ganz schnell die richtigen Kaninchen aus dem Hut zaubern werden. Kaum eine kritische Stimme, die sich wundert, wie hier mal kurz alle Demokratie ausgehebelt wird. Das Prinzip ist frappant: Demokratie ist nur so lange o.k., solange sie lautlos funktioniert – und sei es auf Kosten der Staatsbilanzen. Wenn es dann zum Schwur kommt, müssen es halt Bad Boys richten.

Die Ernennung dieser „Fachleute“ erfolgt immer sehr nebulös. Die Medien haben stets auf die Schnelle geeignete Kandidaten zur Hand, die die Sache schon wuppen können. Gibt es geheime Reservoirs, wo solche Leute für den Ernstfall bereit gehalten werden? In Institutionen, Stiftungen, hypernationalen Behörden? Und woher wissen die in Frage kommenden Medien immer so schnell, wer für den jeweiligen Posten geeignet und verfügbar ist? Und warum sollen diese Menschen Lust auf solch einen Loser-Job haben? Gibt es da geheime Entlohnungssysteme? Existieren obskure Fonds, die politisch verbrannten Akteuren im Nachhinein noch ein angenehmes Auskommen ermöglichen? Wie etwa finanzieren sich Gorbatschow oder Schewardnadse, die in ihrem Heimatland Unpersonen sind? Von Vorträgen und Interviews in ZDF-History-Dokus von Guido Knopp werden sie vielleicht nicht auskömmlich genug leben können…

Die Klientel schlägt zurück

Es ist faszinierend zu beobachten, dass die Idee von „technischen Regierungen“ oder „Übergangsregierungen“ die Medien begeistern können. Sicher treffen sie auch zielgenau das ademokratische Sentiment des verängstigten Krisenbürgers. Aber letztlich kommen solche externen Regierungskonstruktionen dann doch nicht zustande. Dafür sorgen die „gewählten“ Politiker, die um ihren Einfluss und die Pfründe ihrer Klientel fürchten. Zu essentielle Interessen, zu grundsätzliche Machtkonstruktionen stehen hier auf dem Spiel – und schätzungsweise hat man viel zu viele Leichen im Keller, um hier Amtsfremde samt deren Medienkontakten zu viel Einblick gewähren zu wollen.

Da lassen sich Politiker lieber die Maßnahmen von Finanzmärkten, Staatsbanken, Währungsunionen etc. diktieren. Es gibt da ja immer ein paar Köpfe, die keine Karriere mehr machen wollen/können. Die sind in solchen Fällen wunderbar geeignet, hier ihren Dienst am Volk leisten zu dürfen. Und wenn die Sache schief läuft und die Bürger gegen die „Rettungspolitik“ auf die Straße gehen, kann man ja immer jederzeit eine Dolchstoßlegende zimmern. Das hat noch immer funktioniert. Und sollte es doch gut gehen, dann darf man sich selbst mit den Erfolgen schmücken. Auch nicht schlecht.

Das Risiko Wutbürger

Bleibt die Frage: Macht der Bürger das Spiel mit? Lässt er sich die Maßnahmen gefallen, die ihm Wohlstand und Wohlergehen schmälern werden, wenn nicht gar rauben? Er, der Bürger, ist zwar an allem schuld, weil er die Politiker gewählt hat, die ihm mit geliehenem Geld das Leben versüßt haben. Aber das wird der Bürger nicht so sehen wollen. Und er hat recht damit. Denn so übel die Hochverschuldung ist, so absurd ist es, dass man harte Maßnahmen ergreift, um die – anonymen – Finanzmärkte, die gegen die verschuldeten Staaten und ihre Schuldpapiere wetten, zu beruhigen.

Denn damit löst man das Problem nicht. Angenommen, es wird nicht mehr gegen griechische oder italienische Schuldverschreibungen gewettet, wie soll dann die dicke Kohle mit frei flottierendem Kapital gemacht werden? Dann muss eben gegen andere Werte und Güter gewettet werden, etwa gegen Preise von Nahrungsmitteln, gegen Rohstoffpreise oder dergleichen. Und das wird ebenso verheerende Folgen haben. Vielleicht nicht gleich für uns, sondern zuerst für die Dritte Welt.

Ehe jetzt Müllmänner der Politik und Insolvenzverwalter maroder Staatsfinanzen verheizt werden, wäre es doch viel sinnvoller, die Ursachen solcher Entwicklungen abzustellen: Das existierende Finanzsystem muss dringend reformiert werden. Es ist nicht nur zu zynisch darauf zu vertrauen, dass Haie die Hand, die sie füttern, schon nicht fressen werden. Das ist zu naiv. Und Kindern, die drauf und dran sind, ihr Lieblingsspielzeug aus lauter Übermut (aka Gier) kaputt zu machen, nimmt man es besser aus der Hand…

Wirkung und Piraten


Krise der Krise

Wenn man Nachrichten liest oder im Radio hört oder im TV sieht, dann ist es ein Wort, das wirklich keiner mehr hören will und kann: „Krise“. Wenn es eine veritable Angst vor Inflation gibt, dann vor dem inflationären Gebrauch dieses Wortes. Kein Tag ohne neue Volte zum Schlechten, kein Tag mit einem neuen Plan, alles in den Griff zu bekommen. Zugegeben, das politische Personal für die Perma-Krise ist hochqualifiziert. Papandreou und speziell Berlusconi sind echte Garanten für Sisyphos-Arbeit, denn sie haben beide eine andere Agenda als die der Rettung des Euros: die Rettung der eigenen Karriere bzw. dem Entrinnen strafrechtlicher Verfolgung.

Cover der englischen Neuausgabe von George Orwells "1984". Wie zeitgemäß das ist: "Ignorance is Strength". Silvio Berlusconi & Co,. lassen grüßen.

Mich erinnert dieses Trommelfeuer an Krisen-Situationen – und Krisen-Unkereien – sehr an die mediale Unterjochung durch Dauerkonflikte, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat. Faszinierend, wie nach 10 Jahren Dauerstress durch den Kampf gegen Osama bin Laden und seine Terrorkommandos jetzt ein neuer Schauplatz von Angst und Schrecken mit viel Potential für „nachhaltige“ Krisenkultur entstanden ist. Angela Merkel schätzt schon mal, dass es mindestens zehn Jahre dauern wird, bis die Krise des Euros oder wahlweise der Banken oder des Finanzsystems behoben sein könnte. Auch eine Art von Verlässlichkeit.

Mediale Sozialisation

Ich hatte im (Humanistischen) Gymnasium das Privileg, im Deutsch- und Sozialkundeunterricht ca. ausgiebig „Medienkunde“ zu haben (anno 1972!) und ausgiebig die Wirkungen von Presse, Presseagenturen (!) und TV vermittelt zu bekommen. Aber meine wirksamste mediale Sozialisation habe ich im Englisch-Unterricht bekommen, eben durch Orwells „1984“. Da habe ich erahnen können, wie manipulierte und manipulierende Medien Wirkungen auf eine Gesellschaft und ihre Kultur haben können.

Wie viel Wirkung die Medien  wirklich haben, konnte ich dann über Jahre im praktischen Selbstversuch erleben. Bei der Münchner Stadtzeitung und beim WIENER. Mal bitterernst, wenn es um investigative Geschichten wie die „Schwarzen Sheriffs“ oder die Gründung von „AIDS-KZs“ ging. Oder auch extrem kurios, wenn wir etwa den Müll von Prominenten analysierten oder den reichsten und mächtigsten Deutschen einen Scheck über 1,23 DM schickten, dessen Einlösung teurer als der Wert des Schecks war. (Der ernste Teil war, dass ich jahrelang kein Konto mehr bei einer großen deutschen Bank eröffnen konnte.)

Nächtliche Rache

Die wohl kurioseste Wirkungs-Episode war dann über Jahre die eher anstrengendste. Bei der Münchner Stadtzeitung hatten wir des Öfteren für unsere Leser auch Spiele entwickelt und mit der Zeitung ausgeliefert. Brettspiele mit sehr kreativen und vielleicht auch gemeinen Aufgaben. So bekam man etwa entsprechend viel Punkte für jede Minute, die man einen willkürlich angewählten Telefonpartner im Gespräch hielt.

Was wir damals nicht recht bedacht hatten war die Tatsache, dass solche Spiele gern spät nachts gespielt werden – und dann die Hemmschwellen eher niedrig sind. Der Endeffekt war jedenfalls, dass ich über Jahre hinweg immer wieder nachts Anrufe bekam – auch um 3 oder 4 Uhr morgens – um mit mir viele Minuten am Telefon zu verbringen, um Punkte zu sammeln. – Wie witzig. – Aber wir hatten halt findige Leser.

Sind Sie der Konitzer?

Wie sehr TV wirkt, habe ich dann viele Jahre später durch Günther Jauch erleben dürfen. Ich war für meine Ex-Frau Beate, die es in die Sendung „Wer wird Millionär“ geschafft hatte, als Telefon-Joker vorgesehen. Ich war an dem Tag der Aufzeichnung aber in Italien in Urlaub, aber unser Urlaubsdomizil hatte einen Festnetzanschluss. Nachmittags war schon ein Kontrollanruf – und dann hieß es, ich sollte mich bis 22.00 Uhr bereit halten, so lange dauert die Aufzeichnung. Kein Problem, ich wartete und drückte Beate die Daumen, dass sie es auf den Stuhl schaffen möge.

Die Zeit verrann, ich war nie weiter als 10 Meter vom Telefon entfernt. Ich traute mich nicht mal aufs Klo zu gehen, man weiß ja nie. Irgendwann war es 22.00 Uhr. Aber ich hielt noch durch, man weiß ja nie. Erst um 22.30 Uhr wagte ich mich auf die Toilette – und es kam wie es kommen musste, genau dann klingelte das Telefon. Ich schaffte es noch innerhalb der vereinbarten fünf Klingelphasen, und tatsächlich Günther Jauch war am Telefon.

Ich hatte mir eine Strategie zurecht gelegt, wie ich das Gespräch lenken wollte, um möglichst viel Andeutungen zur Frage vorab zu bekommen. Abgesehen davon, dass ich schon gestresst an den Hörer kam, nahm mir Günther Jauch sofort allen Wind aus den Segeln mit der Frage: „Sind Sie der Michael Konitzer?“ Er kannte mich und meine Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung und beim WIENER inklusive meiner investigativen Recherchen und interviewte mich dazu in aller Länge. Auch so kann man Wirkung erzielen. – Ich habe dann tatsächlich die Frage beantworten können – es ging um den Ural als drittlängsten Fluss Europas. – Beate war mir sehr dankbar…

Die nächsten Tage habe ich dann real erfahren, wie bekannt man werden kann, wenn man in einer gern gesehenen Sendung nur per Telefon erlebbar ist. Die Nachbarschaft, alle Verkäufer, die meinen Namen kennen, Kollegen, Freunde und eher unbekannte Menschen riefen an und schrieben Mails. (Das war noch weit vor Erfindung von Facebook & Co.) Noch Monate später wurde ich immer wieder auf Jauch und meinen Cameo-Auftritt angesprochen.

Ohnmacht vor Piraten

Diese (kleine) Wirkungshistorie von Medien im Hinterkopf, bin ich dann doch erschrocken, wie sehr die etablierten Medien an Durchschlagskraft und Effizienz verloren haben. Den Zeitungsmachern und TV-Redakteuren muss doch der Schrecken in die Glieder gefahren sein, als sie nach der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses sehen mussten, wie die Piraten fast 8 Prozent der Stimmen eroberten, obwohl sie so gut wie keine Presse bekommen hatten und in keine TV-Runde im Vorfeld der Wahl eingeladen waren. Man kann heute auch abseits der großen Meinungsmacher Wahlerfolge feiern.

Und diesen Gedanken weiter gedacht: Wie wenig Wirkung zeitigt letztlich doch die kontinuierliche Bombardierung der Bevölkerung mit wirtschaftlichen Untergangsszenarien. Wie krisenimmun sind wir letztlich schon geworden. Wir widerstehen nicht nur alljährlich neu beschworenen Killerviren und drohenden Epidemien. Wir geben sogar unbeirrt weiter unser Geld aus, vielleicht sogar etwas mehr mit leichter Hand, wenn es denn schon bald nichts mehr wert ist. Wir lassen uns nicht unterkriegen. – Und das ist gut so.

Damit hat Orwell nicht gerechnet, dass man immun gegen Panikmache und Krisenbeschwörungen werden kann.

Neue Spielregeln


Finanzhaie mit Torschlusspanik 

Ich stelle mir das Leben der Finanzjongleure und -spekulanten heute nicht leicht vor. Da haben sie geackert und gebuckelt, Stress ohne Ende, jahrelang, um endlich auch an die Position oben zu kommen, in der man selbst Entscheidungen treffen kann. Vor allem aber, wo man Provisionen bekommt – oder noch besser – über sie entscheiden kann. Kurz: Wo man so richtig absahnen und „nachhaltig“ reich werden kann.

In all den Jahren haben diese Menschen ihre Vorgänger und Vorvorgänger und Vorvorvorgänger mit Millionen und Abermillionen an Provisionen und Abfindungen etc. in das vermeintliche Nirwana des unkaputtbaren Reichtums abwandern sehen. Sie haben aber warten müssen, bis sie selbst dran waren. Und jetzt auf einmal soll das nicht mehr gelten, soll das nicht mehr funktionieren? Eine wirklich fatale Situation für eine Kaste, der Gier genetisch eingepflanzt zu sein scheint.  (Warum sonst haben sie diesen Beruf gewählt?) Diese Menschen haben nie auch nur im (Alp-)Traum daran gedacht, vielleicht ein Leben lang zu arbeiten – oder gar bei der Arbeit Glück und Befriedigung erleben zu können oder zu sollen.

Spieler & Dealer

Diese Menschen sind Spieler, und wie jeder Spieler, der zu lange dabei ist, ist er von dem alltäglichen Thrill, den vielen kleinen Siegen (und dem damit verbundenen Reibach) längst trunken. Diese Menschen sind süchtig nach diesem großen Spiel. Deshalb kommen sie auf immer neue Ideen, Geld durch Wetten zu verdienen. Viel Geld! Sie wetten auf Firmen, Märkte, Bodenschätze, auf Lebensmittel, Geld, Währungen und Gold, aber ebenso auf Pleiten, kaputt gehende Märkte und Konkurs gehende Staaten. Und das stets mit geliehenem Geld. Geliehen von Anlegern oder neuerdings gleich vom Staat und seinen Kreditinstituten bis hinauf zu den Zentralbanken. Der Staat drängt den Süchtigen ihren Stoff noch regelrecht auf.

Soll man von solchen Menschen Einsicht erwarten? Darf man da auf die „Selbstheilungskräfte“ eines Marktes hoffen? Soll man nicht! Darf man nicht! Darf man dann den freien Finanzmärkten ihre Freiheit lassen? Darf man auf keinen Fall, weil Freiheit immer nur mit Verantwortung funktioniert. Und Verantwortung kann nicht funktionieren, wenn es darum geht, (viele, viele!) Millionen zu kassieren – und die Zeit drängt, an diese noch herankommen zu können! So edel, rein und korruptionsimmun kann kein Mensch sein. Schon gar nicht einer mit dem Gier-Gen.

Entzugs-Therapie

Fragt sich, ob die Politik die Situation in dieser Weise schon kapiert hat? Es geht nicht mehr darum, ob man diesem Treiben Einhalt gebieten muss. Das muss man ganz dringend! Es geht nur noch darum, ob man sich noch eine Entzugs-Therapie leisten kann – sowohl finanziell, vor allem aber zeitlich. Oder ist es nicht längst so weit, dass nur noch der kalte Entzug funktioniert? Einfach absetzen der Droge – mit all den absehbaren Folgen: Schweißausbrüchen, Torschlusspanik, Aggression, Verzweiflung, Zerstörung – Cold Turkey.

Das klingt jetzt vielleicht „brutal“. Aber es geht um eine Wertabschätzung. Auf der einen Seite das Bedürfnis weniger, doch noch auf einen Schlag (schöner Begriff) reich werden zu dürfen. Am besten hyperreich, dass es auch über Krisen und Staatsbankrotte hinüber reicht. Auf der anderen Seite das Bedürfnis der ganz vielen, ihr Leben in vergleichsweise geordneten Bahnen weiter leben zu können und nicht dafür verarscht zu werden, dass sie gespart und Geld beiseite gelegt haben. – Eigentlich müsste der Politik die Entscheidung leicht fallen.

Training für Perma-Instabilität

Und während diejenigen, die wähnen, die Macht zu haben – die Politik, oder doch das Geld – über die Zukunft der Finanzsysteme verhandeln, üben wir Normalbürger uns in Gelassenheit. Ganz nach dem Motto: Es ist Krise, aber keiner geht hin. Oder: Unser Geld geht den Bach runter – aber wir haben schon längst unser Badezeug an. Wie immer, wenn Hiobsbotschaften und Panikmeldungen in Überintensitäten auf uns einprasseln, entwickeln wir nahezu traumwandlerisch (!) eine Sorgen-Imprägnierung, eine Krisenallergie, eine – um im Bild zu bleiben – Krokodillederhaut gegen die täglichen Beängstigungen. Wir wissen, das 21. Jahrhundert ist eines der Transition in die Perma-Instabilität. Und wir üben jetzt schon mal dafür, die richtige Mentalität zu entwickeln. Gelassenheit, Gleichmut, aber mit MUT in Versalien: GleichMUT.

Dafür haben wir schon gut und lange geübt. Ob Nachrüstung, Viren, Lebensmittelgifte, radioaktive Verseuchung oder Untergang des Abendlandes. Wir haben aus der Überdosis von Sorgen und Bedrohungen gelernt, lieber mal ganz ruhig zu bleiben. Manchmal zu ruhig. Das hat dann andere ermutigt, einfach so weiter zu machen wie bisher. Vielleicht haben wir mittlerweile unsere Lektionen gelernt: Wir bleiben gelassen und lassen alle Panik an uns vorüber ziehen – aber wir machen nun endlich den Verantwortlichen klar, dass unsere Geduld am Ende ist. Wenn wir lieb sind, zeigen wir das an Wahlurnen und geben Denkzettel ab. Aber wenn wir richtig sauer sind, gehen wir jetzt auch mal auf die Straße – oder per Internet.

Netzwerke der kalten Wut

Eine gute Idee: Wir organisieren uns ausgerechnet da, wo die Mächtigen, seien sie Politiker oder Besitzende, sich am allerwenigsten auskennen: im Internet. Gerade die wirklich Mächtigen haben ihre eigenen Netzwerke. Aber dieses Wissen hilft ihnen nicht weiter im großen Netzwerk des Internet . Deshalb reagieren sie ja so panisch bis peinlich auf alles, was sich da an Kraft und Gegen-Macht entwickelt.

Es ist sehr schwierig, ein System zu ändern, das lange ungestört gelaufen ist und das für einige so eindeutige Vorteile von solch riesigen Dimensionen hat. Das schafft mehr als massive Gegenkräfte. (Das ist jetzt täglich real zu erleben.) Das 20. Jahrhundert mit seinen Millionen von Toten, die aufgrund von (Umsturz-)Ideologien gestorben sind, hat sich an der Idee abgearbeitet, das System mit seinen eigenen Mitteln, also Gewalt, zu ändern.

Im 21. Jahrhundert muss das anders funktionieren. Die Finanzspekulanten, die Nutznießer von wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Instabilitäten, müssten mit einer neuen, digitalen Kompetenz ausgebremst werden. Daher macht es so Sinn mit Instabilitäten umzugehen zu lernen und wie man durch Netzwerk-Intelligenz alerter und schneller wird. Die Idee ist ganz einfach. Man muss „nur“ die Spielregeln ändern, dann gewinnt es sich am leichtesten.

Na ja, ein bisschen Wut wäre auch nicht schlecht. – Kalte Wut. Die wirkt am besten. Weil sie nicht blind macht.

Angst & Keime


Don’t touch Sagrotan 

Es gibt nichts Schöneres, als wenn eine Firma wirklich ihre Kunden versteht, ihre geheimen Ängste, ihre verborgenen Wünsche. Und was brauchen zwanghafte Menschen, die sich von Herzen vor Keimen und Bakterien fürchten, dringender als eine Automatik, die ihnen keimtötende Substanzen auf die Hände sprüht, ohne dass sie dafür einen Hebel bedienen müssen? Schließlich könnten ja gerade dabei neue Keime auf die Hand kommen. Dass diese Sekunden später durch genau die aufgetragene, Keim vernichtende Substanz abgetötet werden, kümmert einen konsequent zwanghaften Menschen ja nicht.

Zwang ist nun mal nicht mit Ratio in Griff zu bekommen. Und das weiß Reckitt Bensicker, die sich auf aggressive Reinigungsprodukte spezialisiert haben. Ihre 17 Keim- & Schmutzvernichter vermarktet die Firma sinnigerweise unter dem Motto „Keep Customers Delighted“. Beispielsweise eben mit „No Touch Sagrotan“.

Es lohnt sich auch das Video anzusehen, mit welch unsubtilen Mitteln der Zielgruppe das neue Produkt nahe gebracht wird. Es ist so gesehen dann schon wieder Realsatire. Natürlich sind die Helden des Werbespots Kinder. Die wilden Racker neigen ja dazu, Schmutz und Keime in die so sorgsam steril gehaltenen Küchen zu bringen. Zum Beispiel, in dem sie dort mit (seltsam sauberen) Kröten spielen. Das macht die Patsch-Händchen ganz keimverseucht. (Das wird mit roten Stäbchen auf seltsam krötenfarbenem Untergrund symbolisiert.) Und Mami kocht und fasst rohes Fleisch an – igittigitt – und Papi fasst in den Müll – igittigittigittigitt!

Das Leben endet meistens tödlich

Es ist so leicht, sich über zwanghafte Menschen lustig zu machen, die Angst vor der Wirkung von Keimen und Bakterien haben. Und kein Business ist so leicht und ersprießlich wie das Geschäft mit der Angst. Hier sind Wirkung und Ertrag fast garantiert, weil die Ratio als Kontroll-Element keine Chance hat. Dass die Werbung das so oft und gerne ausnutzt, ist traurig, aber logisch. Schade ist nur, dass ausgerechnet die Medien, denen bislang eigentlich die Rolle der Aufklärung und so der einzig wirksamen rationellen Kontrolle zukamen, jetzt in ihrer selbst verordneten Existenzangst auch lieber auf Ängste als auf deren Abbau setzen. Keine Woche, in der nicht eine Meldung über neue, ganz schlimme Keime durch die Medien geistern. Eine ganz sichere Sache das, denn das Leben endet nun mal meistens tödlich…

Erreger in Lebensmitteln und die Schuldenkrise sind dann auch die beiden größten Ängste der Nation, wie eine Studie feststellt. Entsprechend vergeht kein Tag mit neuen Untergangs-Szenarien des Euro, mit neuen Angstmachereien vor einer Wirtschaftsreform und einer Weltrezession. Nicht umsonst kritisiert die einzig funktionierende deutsche Reflexions-Institution Helmut Schmidt im aktuellen Interview der Zeit mit Giovanni di Lorenzo die Angstmache der Medien vor dem Verlust der Ersparnisse der Deutschen: „Wenn es Deutsche gibt, die Angst haben, dann ist ihnen die Angst gemacht worden. Zum Beispiel durch dicke Überschriften im Spiegel oder in der Bild-Zeitung. Dabei wurde die Bankenkrise des Jahres 2008 noch sehr vernünftig zurückhaltend kommentiert. Aber das ist vorbei. Jetzt machen fast alle in Angst – selbst in der Süddeutschen Zeitung habe ich schon gelesen, dass wir es mit einer Euro-Krise zu tun hätten. Aber das stimmt nicht. Wir haben es mit einer Krise der europäischen Institutionen zu tun.“

Die Wirtschaftspresse, die die erste Bankenkrise in ihrer Wachstumseuphorie so gar nicht hatte kommen sehen, will nicht noch mal auf dem falschen Fuß erwischt werden. Um so energischer und drastischer werden jetzt gebetsmühlenartig Untergangs- und Verarmungs-Szenarien gemalt. Mit dieser Haltung weiß man sich auf der sicheren Seite. Sollte es nun doch nicht so schlimm kommen, wird einem das im Nachhinein keiner übel nehmen.

Die Kartelle der Angst

Pavel Mayer, einer der Piraten, die in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen sind, beschreibt in einer Replik auf faz.net gut die „Kartelle der Angst“, die ihre Besitzstände zu verteidigen suchen: „Da sind die „Kartelle der Angst“, die sich dem Wandel entgegen stemmen. Es sind mehr oder weniger mächtige Interessengruppen, die Angst vor Veränderung haben. Sie glauben, dass ihre bisherigen wirtschaftlichen und politischen Erfolge sie moralisch dazu berechtigen, die Regeln der neuen Welt bestimmen zu können. Sie wollen weiter erfolgreich und mächtig sein, ohne sich so radikal ändern zu müssen, wie es die neuen Umstände der digitalen Welt erfordern.“ Was Pavel Mayer vergisst – oder übersieht – sind die Mittel, die diese Kartelle zur Verteidigung ihrer Besitzstände nutzen: Angst, blanke Angst. Ein Mittel, das in Deutschland schon immer funktioniert hat. Und in den USA sowieso.

Man erinnere sich nur an die Vision eines Unterdrückungsstaates, wie ihn George Orwell einst mit „1984“ beschrieben hat. Wer dieses Werk nur als Warnung vor Faschismus und/oder Stalinismus interpretieren mag, der greift zu kurz. Bei mir hat schon damals, als wir den Roman in der Schule (!) behandelt haben, vor allem die kontinuierliche Angstmache mittels Terrorismus, Krieg und anderen Katastrophen Beklommenheit ausgelöst. Schaut man heute Tag für Tag Nachrichten, sind wir so weit davon nicht entfernt. Einziger Unterschied ist, dass es uns im Gegensatz zu „1984“ wirtschaftlich gut geht. Umso besser funktioniert das Schreckgespenst, dass es damit schon bald vorbei sein könnte.

Die Stimme der Optimisten

Umso willkommener sind in diesen Zeiten die Stimmen von Gelassenheit und Optimismus. Matthias Horx, der nun wirklich nicht im Rufe eines Euphorikers steht, predigt in einem mehr als lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau auf überzeugende Weise Gelassenheit: „Angst ist ein Geschäft. Das muss man wissen, wenn man Krisen begreifen will. In einer durchgängig vernetzten Medienwelt bildet sich eine eigene Erregungs-Ökonomie, mit eigenen Gesetzen und neuen Stars. Aber auch hier gilt: Die Karawane wird weiterziehen. Was gestern die Islam-Angst war, ist heute Euro-Hysterie. Sich diesem Zirkus zu verweigern, das Spiel nicht mitzuspielen, ist eine Form mentalen Widerstands.“

Die Steigerung von Gelassenheit ist aktiver Optimismus – oder sogar der Glaube an das Gute – oder gar an die positive Absicht der Evolution. Der beste Protagonist dafür ist Matt Ridley. Sein Vortrag „When Ideas Have Sex“ auf der TED-Konferenz ist auf alle Fälle als Mutmacher und Kraftgeber immer wieder sehenswert. Inzwischen ist sein Buch „Wenn Ideen Sex haben“ auch in Deutschland erschienen. Andrian Kreye hat es sehr gut und ausführlich in der Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung bewertet.  Es tut einfach gut, auch aus wissenschaftlicher Sicht positive Nachrichten zu bekommen.

Schule zu Lebensmut

Ich bin einst als 16-Jähriger sehr nachhaltig von Zukunftsangst und Miesepetrigkeit geheilt worden (von einigen Rückfällen abgesehen). Es war ein alter, blinder Mann, der mir das ausgetrieben hat. Mein Vater hatte zu seinen Junggesellenzeiten im Berlin der Vorkriegszeit ein möbliertes Zimmer bei der Familie Kleina. Nach dem Tod meines Vaters besuchten wir noch einmal Hannes Kleina und seine Frau. Er war damals über 70, seit Jahren blind, er hatte Krebs und wusste, dass er nur noch wenige Zeit zu leben hatte.

Ich hatte aber noch nie zuvor (und ganz selten danach) einen Menschen mit solcher Lebenslust und solchem Lebensmut getroffen. Er genoss jeden Tag, war politisch informiert (per Radio & vorgelesener Zeitung), er ging ins Fußballstadion zu Hertha. Er sprühte vor Ideen, Begeisterung und war sich für sexuelle Scherze nicht zu schade. – Ich weiß noch, wie ich nach dem Besuch im Treppenhaus auf dem Weg nach unten geflennt habe. Seine positive Art war damals zuviel für mich gewesen. Sein Motto: „Ich habe nicht mehr lange zu leben, warum soll ich mir da auch nur eine einzige Stunde vermiesen lassen.“ Das beste Gegenmittel gegen Angstmache und ihre Folgen: LebensMUT!

Der gläserne Mensch


Big Brother is watching you

Ich hatte einst enthusiastisch gegen die Volkszählung in den 70er-Jahren (in der Münchner Stadtzeitung) angeschrieben und deren Boykott unterstützt. Genauso engagiert waren wir damals gegen die Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises. Ich war damals, als der einzige ernsthafte Sammler persönlicher Daten der Staat war, entschiedener Kämpfer für Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre. Dabei war ich beeinflusst von der beängstigenden Vision einer Überwachungsdiktatur, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat, in dem er die historischen Erfahrungen des Nazi- und des Stalin-Regimes eindrucksvoll verdichtet hat.

Der Widerstand gegen die Daten-Allmacht des Datenmonopolisten Staat nährte sich in den 70er-Jahren durch die Erlebnisse mit der Raster-Fahndung, die damals zwar kaum einen Terroristen der RAF enttarnte, dafür aber vielen anderen – unbescholtenen – Menschen Probleme bereitete, vor allem wenn sie jung waren, Bart trugen und schnelle Autos fuhren. (Und wehe, sie trugen einen Parka!) Damals schon entstand die Angst vor einem Allwissen von Institutionen über jeden Einzelnen und vor einem Missbrauch dieser Daten zugunsten einer Diktatur der Wissenden.

Little Brother is knipsing me

Heute habe ich ein Smartphone (Android!), das brav immer meldet, wo ich mich aufhalte. Ich besitze Kreditkarten, die manchmal nicht funktionieren, weil etwa Mastercard nicht glauben will, dass ich schon wieder auf Reisen bin. Ich bin längst bei so ziemlich jeder wichtigen Social Media-Plattform angemeldet, auf Facebook, Google+, Twitter und anderen täglich aktiv. Ich habe Mail-Accounts bei Hotmail, Yahoo und  Gmail. Ich führe diesen Blog auf WordPress, andere, private, auf ning.com. Ich kaufe bei amazon und schreibe dort auch Rezensionen. Mehr Datenspuren im Web lassen sich nur mit einiger Mühe produzieren. Glaubt man den Menschen, die sich mit Targeting wirklich gut auskennen, dann müssten etliche Firmen alles über mich, meine Bewegungen im Netz und mein Konsumverhalten wissen. Google sollte sogar mehr über mich wissen als ich selbst. Auf jeden Fall wissen sie mehr als der Staat über mich.

Big Brother ist nicht Wirklichkeit geworden, dafür knipsen mich – unbemerkt – Unmengen von Little Brothers unaufhörlich mit ihren Digitalkameras und Videoüberwachungskameras filmen mich. Da tröstet es wenig, dass die Erfolgsquote von Gesichtserkennungssystemen erst bei 70 Prozent liegt. Wir sind heute so viel weiter als in den 70er-Jahren je zu befürchten stand. Wir sind unaufhörlich auf dem Weg zum „Gläsernen Menschen“ – und ich störe mich längst nicht mehr daran.

Bergwerker im Datenwust

Ich bin weit davon entfernt, mein Leben so öffentlich zu leben wie es etwa Jeff Jarvis tut oder auch in Ansätzen Thomas Koch. Aber ich finde solch digitale Offenheit absolute positiv und beachtenswert. Mir aber reicht meine digitale Mitteilsamkeit, die jedem Datenbergwerker (Miner) genug Material bieten sollte, um weit in mein Leben hinein leuchten zu können. Und mich schreckt die Vorstellung nicht, dass so viel Wissen über mich gesammelt werden kann. Mich schreckt nicht die Vorstellung, dass so über meine Kreditwürdigkeit (mit) entschieden wird. (Dazu bin ich viel zu oft und zu tief von Banken – selbst in vordigitalen – Zeiten enttäuscht worden, und das selbst zu best prosperierenden Zeiten.)

Mich schreckt auch nicht die Vorstellung, dass Datenbanken Dinge über mich wissen können, die meine besten Freunde nicht wissen – vor allem weil ich es schätzungsweise selber nicht weiß. Was soll jemand damit anfangen? Wenn das Targeting so weit optimiert wird, dass nur noch Produkte beworben werden, die mich im jeweiligen Moment wirklich interessieren, ja selbst wenn sogar mein Unterbewusstsein durchschaubar werden sollte, kann ich dennoch nicht mehr kaufen als es meine Kauflust und mein Budget zulassen. (Da vertraue ich im übrigen wirklich auf die ausgeprägte Non-Linearität meines Denkens und Fühlens.)

Was ist es, dass mich bei der Vorstellung eines Gläsernen Digitalen Menschen nicht mehr schaudern lässt? Ich bin weit entfernt, eine Spießermoral von wegen „Wer-ordentlich-ist-hat-auch-nichts-zu-verbergen“ zu propagieren. Normverletzungen und irreguläres Verhalten sind viel zu wichtig für das Funktionieren unserer Evolution, als dass man eine strikte Bravheit je irgendwie gut oder richtig finden dürfte. Der Sinn von – politisch motivierten – Grenzüberschreitungen beweist sich ja nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Grünen oder im Atomausstieg. Ich erinnere mich noch allzu gut etwa an die so gar nicht lustigen Räuber- & Gendarm-Spiele in Wackersdorf.

Phantasie des Missbrauchs

Mich beruhigt eher die Gewissheit, dass ein Missbrauch von Datenmengen in einer – wohlgemerkt offenen – digitalen Gesellschaft nicht recht funktionieren kann. Wer Zugang zu Netzwerken, offenen Informationen hat und Teil einer kritischen Öffentlichkeit ist, der kann sich gegen jeden Missbrauch wehren. Denn eine Firma, die Daten missbraucht, wird in einer offenen Gesellschaft, die Konkurrenz kennt, gnadenlos abgestraft. Voraussetzung dafür sind aber Netzneutralität, eine funktionierende Netzcommunity und ein Sanktionssystem, das im Netz – und bei strafrechtlich relevanten Vergehen auch juristisch greift. Das setzt natürlich eine Gesetzgebung voraus, die die digitale Welt wirklich begreift, ihre Gesetze berücksichtigt und möglichst auch international – greift.

Kritiker und Warner vor Social Media und der Datensammelwut im Internet argumentieren gerne mit der Asymmetrie der Nutzungseffekte: Die Vorteile der Gratisdienste genieße man sofort, die Nachteile und Missbräuche kämen dann erst sehr viel später. In Wahrheit ist eher eine Asymmetrie der Anwendungsphantasie zu konstatieren: Die Vorteile der – nutzungsoffenen – Plattformen erlebt man nicht nur sofort, sie werden durch die Anwendungskreativität der Nutzer und die Gestaltungskreativität der Programmierer immer größer und vielfältiger. Die Missbrauchs-Szenarien, die die Warner skizzieren, sind dagegen äußerst banal und eindimensional.

Ademokratische Dystopien

Fast alle negativen Dystopien gehen von einem ademokratischen Weltbild aus, in dem Menschen wegen ihrer Rasse, Herkunft, sozialen Stellung oder sexuellen Vorlieben diskreditiert werden und in dem Firmen Missbrauch treiben dürfen wie sie wollen. In solch einer Welt will ich aber nicht leben und werde alles mir Mögliche tun, dass es nicht so weit kommt. Warum also soll ich mich gegen solch ein Szenario schützen? Das ist dasselbe wie mit der Warnung, dass Firmen bei der Personalsuche nach jugendlichen Sünden, die in Facebook oder anderswo dokumentiert sein könnten, suchen, um Bewerber abzulehnen. In Firmen, die so etwas tun, sollte man auf gar keinen Fall arbeiten wollen!

Es ist genau anders herum: Die Vernetzung, die uns Social Media ermöglichen, und der individuelle und gesellschaftliche Machtzuwachs, den uns diese Plattformen geben, sind der beste Sicherungsmechanismus gegen den Missbrauch der Daten durch Internet-Mogule oder bösartige Algorithmen. Das haben die Diktatoren in Arabien feststellen müssen. Und wir haben erlebt, wie schnell unerwünschte Datenschutz-Reduzierungen von Facebook, Apple und Google nach manifesten Protesten der Nutzergemeinde – oder auch das Vorbild eines Konkurrenzproduktes – zurückgenommen wurden. Gerade die Vernetzung schützt gegen den Missbrauch des Netzes. Und zwar gegen Missbrauch durch die User, durch Kriminelle, durch Betreiber oder durch den Staat.

Wir sind die Europäer!


Toleranz, Neugier & Europa

Mein Vater hat mir nicht allzu viel bewusst für mein Leben mitgeben können, dazu ist er zu früh gestorben. Außerdem war er zweimal in der falschen Partei, vor 1945 und – meiner Meinung nach – auch nach 1945. Aber drei ganz große Interessen hat er mir dann doch beigebracht, indem er es einfach vorlebte: Toleranz, Neugier – und eine ungeheure Liebe zu Europa. Es ist kein Zufall, dass diese drei Dinge direkt miteinander zusammenhängen, sich sozusagen gegenseitig bedingen. Sie waren aber die Quintessenz des Lebens meines Vaters.

Ausbildung zum Europäer - ca. 1960

Geboren in Ostpreußen, war sein Vorname italienisch: Bruno. Nach 1918 wurde er vertrieben und erlebte seine Jugendjahre in Herne – samt Mitgliedschaft bei Westphalia Herne und lebenslangem Interesse für diesen Verein. Seine ersten Berufsjahre und lange Junggesellenjahre verbrachte er in Berlin. Zunächst im weltoffenen, lebenslustigen Berlin der späten 20er-Jahre. Da verkehrte er auch gerne in den Künstlerkreisen seines jüngeren Bruders Hans. Dann im immer rigider werdenden Berlin der Nazis.

Aussöhnung mit Frankreich

Im Krieg wurde er nach Frankreich abkommandiert, in die Etappe, in die Justizverwaltung. Er sprach ganz gut französisch, das machte Sinn. Dort überlebte er nur knapp – und mit schweren Brandverletzungen – ein Bombenattentat der Résistance. Langen Jahren im Lazarett folgten die Kriegsgefangenschaft und eine tiefe Depression nach dem Krieg. Das alles eigentlich nicht die optimale Vorbedingung, ein überzeugter Europäer zu werden.

Aber im Gegenteil, er war glühender Anhänger der Aussöhnung mit Frankreich. Er ging jede Woche einmal eine Stunde früher ins Büro im Deutschen Patentamt, um dort mit etlichen Kollegen eine Stunde lange zum Üben die Geschäfte in Französisch zu führen. Abends ging er zweimal die Woche ins italienische Kulturinstitut, bis er fließend italienisch sprach. Und zum Üben musste man dafür natürlich nach Italien fahren, das erste Mal 1953 nach Gabicce Mare (Marken!) mitsamt schwangerer Gattin. So gesehen habe ich Italien schon vor der Muttermilch in mir aufgesogen.

Einmal rund um Europa

Von da an ging es regelmäßig zum Urlaub nach Italien, vorzugsweise an die Adria. Das Leben in der Fremde, die andere Kultur, das andere – tolle! – Essen – und die Unterhaltungen in einer fremden Sprache, das war Freude und Selbstverständlichkeit. Vor meiner Einschulung sollte ich dann mal ganz Europa kennen lernen. Von Rijeka aus sollte es mit einem Frachter mit Passagierkabinen quer durchs Mittelmeer und dann die Westküste Europas entlang bis nach Hamburg gehen – alle wichtigen Häfen unterwegs inklusive. Leider ging das Schiff knapp vor der Fahrt kaputt – und statt vier Wochen auf See wurden daraus eine Woche Rijeka und drei Wochen Elba.

Meine erste große Liebe war dann auch eine Italienerin: Patrizia. Wir verständigten uns in einem wilden Kauderwelsch aus Englisch, Italienisch und Latein (!). Na ja, natürlich auch mit anderen Kommunikationsmitteln: Hände, Augen etc. (Nein, etc. eher weniger, wir waren gerade mal 14.) Meine und Patrizias Eltern freute diese grenzüberschreitende Beziehung. Sie freundeten sich auch miteinander an. Patrizias Vater, ein Ingenieur aus Mailand, der gut Deutsch (!) sprach, und mein Vater unternahmen lange Strandspaziergänge und diskutierten über Politik und das Leben. Ja sie stritten sogar darüber, wer den Faschismus erfunden hätte, wir oder die Italiener. (Eine müßige Debatte angesichts der Taten des deutschen Faschismus.)

Begeisterung für Europa

Einig aber waren sich beide Väter in der Begeisterung für Europa, über alle Grenzen und alle politischen Einstellungen hinweg. So wurde ich mit der gesamten Verwandschaft in der Emilia Romagna bekannt gemacht. Frischen Parmaschinken aus dem Schinkenkeller (voller reifender Schweinekeulen) plus frisch gebackenes Pizzabrot, das war meine Einführung in die delikaten Genüsse der cucina povera. Und ein paar Tage später ging es ins Fischrestaurant, wo ich ein und für alle Mal lernte, alle möglichen komisch aussehende Meeresgetier haptisch zu beherrschen und kulinarisch zu genießen.

Patrizia und Familie besuchten uns dann sogar in München, sie wollten auch mal die nördlichste Stadt Italiens kennen lernen – ausgerechnet im kalten November. Kurz darauf starb mein Vater, der Europäer. Die Beziehung zu Patrizia brachte schließlich die italienische Post zum Einschlafen. Eine Brieffreundschaft, bei der Briefe erst mit einem halben Jahr Verspätung ankommen, kann nicht funktionieren. (Ein Kuriosum – heute in den Zeiten der Realtime-Kommunikation per Facebook…)

Gelernter Europäer

So gesehen bin ich gelernter Europäer. Wenn ich das gelbe Stadtschild von München auf dem Weg nach Süden hinter mir lasse, überkommt mich ein kleiner wohliger Schauer. Wenn ich aber an den ehemaligen Grenzstationen etwa in Kiefersfelden oder am Brenner vorbeifahre, dann freue ich mich noch immer wie ein kleines Kind. Das mag naiv sein, ist aber den langen Wartezeiten und langen Staus geschuldet. Und ich muss gestehen, die Freude, diese Grenze ohne Kontrollen zu passieren ist – klammheimlich – ein wenig größer als wenn ich die innerdeutschen ehemaligen Grenzanlagen hinter mir lasse.

Ich jedenfalls bin froh, ein Europäer zu sein, und das jetzt in Italien auch aktiv (mit allen Sonnen- und Schattenseiten) leben zu dürfen. Meine Liebe zu Europa und seiner kulturellen Vielfalt ist mir bei meinen Reisen in andere Kontinente – vor allem durch meine Aufenthalte in den USA bewusst geworden. So schön es dort sein kann (Seattle, L.A., New Orleans, Miami…), wenn man kurz darauf durch Europa reist, spürt man den Unterschied, dann kann man die Kraft und das Potential, das Europa hat, schier mit Händen greifen. Das Problem ist nur, dass dieses Potential nur in einem geeinten Europa genutzt werden kann.

Gut-Wetter-Europäer

Und wenn man jahrzehntelang Geld innerhalb der EU verleiht und so Schuldenabhängigkeiten schafft, damit dort die Güter und Dienstleistungen der Exportweltmeister aus Deutschland gekauft werden können, dann gehört wohl auch dazu, dass man diese Schuldenabhängigkeit im Notfall verringert oder tilgt. Es ist doch kein Zufall, dass alle Experten, wenn in Deutschland europakritische Stimmen zu hören waren, immer beflissentlich den Finger auf die Lippen gelegt haben und: „Pssst! Wir sind doch die eigentlichen Nutznießer des Euro!“ geflüstert haben. Europa ist aber eben keine Gut-Wetter-Veranstaltung.

Europa ist kulturell und ideell eine Win-Win-Konstellation. Wirtschaftlich gibt es solche Konstellationen, bei denen jeder etwas davon hat, eher sehr selten. Daher geht es hier um den gerechten und sinnvollen Austausch von Interessen. Und da müssen die, die Vorteile haben, denen, denen es schlecht geht, eben helfen. Das ist das Grundprinzip unseres Gemeinwesens. Und das muss eben genauso europaweit gelten. Das haben aber viel zu viele Politiker noch nicht verstanden. Zu leicht sind vermeintlich Stimmen zu gewinnen, indem man über Europa herzieht.

Europa-Fremdlinge

Und da sind wir am Ende beim Kern des aktuellen Problems: Angela Merkel. Es ist bitter, wenn man jetzt sogar Helmut Kohl recht geben muss, wenn der feststellt: „Die macht mir mein Europa kaputt!“ Besser, komplexer und emotionaler hat das Hendryk M. Broder In Welt online formuliert: „Warum Europas Bürger den Politikern voraus sind.“ Wir sind eben in der Mehrzahl gelernte Europäer – wie ich in meinem Fall oben beschrieben habe. Angela Merkel, die ihre Sozialisation ohne die intime und intensive Kenntnis der europäischen Kernländer erlebt hat, ist definitiv keine gelernte Europäerin. Sie hat dazu keine emotionale Bindung aufbauen können wie ich etwa, sie fremdelt erkennbar. Da ist ein Bekenntnis zu Europa bestenfalls ein Kalkül, aber eben keine Herzensangelegenheit.

Unter den Politikern – bis hinauf in die Regierung – sollte es eigentlich genug gelernte Europäer geben, die einmal politisches Kalkül beiseite stellen und eine Lanze für Europa gerade in Krisenzeiten brechen. Wo ist hier eigentlich der Außenminister, der doch auch für Europa zuständig wäre? Und wer setzt heute die Tradition der großen Europäer in CDU (Adenauer) und CSU (Strauß) fort? Es kann doch nicht sein, dass vor lauter vermeintlicher Angst vor Wählerverlusten Europa die Befürworter ausgehen. Dann müssen halt wie in Stuttgart und anderswo wir Bürger ran. Statt „Wir sind das Volk!“ muss es dann halt heißen: „Wir sind die Europäer!“ – Ich bin’s.

Guido-Dämmerung


Westerwelle vs. Guttenberg

Guido Westerwelle ist das exakte Gegenstück zu Karl Theodor zu Guttenberg. So wie Kain und Abel, Yin und Yang, Gelb zu Blau. So hat Guido Westerwelle seine Doktorarbeit glaubwürdig selbst geschrieben. Zum einen gab es damals noch kein Internet und da hätte Abschreiben schon mal richtig Arbeit gemacht. Zudem hat er ein Thema gewählt, bei dem (nur) er sich wirklich auskannte: „Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen.“ In der Jugendorganisation der FDP war er wirklich Experte, war er doch „Mitbegründer der Jungen Liberalen“ (Zitat Wikipedia) und fünf Jahre lang deren Bundesvorsitzender. Außerdem besticht die Doktorarbeit durch eine dem öden Thema angemessene inhaltliche Zurückhaltung. Und nach 140 Seiten ist man auch schon mit dem Thema durch. Guttenberg brachte es auf immerhin ambitionierte 400 Seiten ausgeliehener Textbausteine.

Guido Westerwelle Foto: Dirk Vorderstraße

Aber hier fangen die Unterschiede zwischen Westerwelle und Guttenberg erst an. Man muss den beiden nur einmal bei ihren Reden zuhören; man ist an dekadent-römische Zeiten erinnert: Hier der Volkstribun, der seine Kritik in einer stets besserwisserischen Pose ätzt, dort das Mitglied des Hochadels, der sich nie in den Niederungen der Opposition aufgehalten hat und so eine sorgfältig im Zaum gehaltene Souveränität auf Gutsherrenart virtuos beherrscht. Man braucht gar nicht zu ätzen, denn man weiß sowieso alles besser. Per se, versteht sich.

So verschieden Attitüde und Tonalität von Guttenberg und Westerwelle sind, so ähnlich sind ihre Wurzeln. Beide sind Söhne alleinerziehender Väter. Beide lieben Oper (Bayreuth), aber auch Zeitgenössisches. Guttenberg geht zu AC/DC, mag „Rock, House und Soul“ (Zitat auf Facebook), Westerwelle liebt „Pop und Charts“ (notiert er auf Facebook). Damit hat es sich aber wohl mit den Gemeinsamkeiten. Denn sowohl in ihrem Auftreten wie in der Rezeption durch die Menschen unterscheiden sie sich elementar.

Schwarze Projektionsfläche

Wir hatten zuhause eine Projektionsleinwand, die sorgfältig zusammen gerollt auf das eine Mal im Jahr wartete, dass der Diaprojektor ihm Bilder von den Reisen in den Süden darauf warf. Meist waren es Bilder aus Italien, aber dann auch schon mal Spanien, Jugoslawien – die älteren unter den Lesern mögen sich erinnern – oder Marokko. Diese „Leinwand“ war in Wahrheit ein mit einer speziellen Kristallfolie überzogener schwarzer Stoff. Nach vorne wurden strahlende, brillante Bilder abgestrahlt, umgekehrt aber war die Bildwand schwarz und schluckte jedes noch so schöne Bild, das ein Projektor auf sie warf.

Welch passendes Bild für das ungleiche Paar Westerwelle und Guttenberg. Der eine, Guttenberg, war die strahlende, geschliffene, brillantine-gegelte Projektionsfläche für alle Hoffnungen breitester Bevölkerungskreise nach einem unabhängigen, intelligenten, durchsetzungsstarken Kopf, der davon möglichst nur in homöopathischen Dosen Gebrauch machen sollte. Und wenn, dann nur bei mehrheitsverdächtigen Themen wie etwa der Abschaffung der Wehrpflicht. In der Verklärung von Guttenberg als Kanzler in spe kanalisierten sämtliche Irrationalismen der politischen Mitte – und rechts davon – bis hin zu einem verkappten Monarchismus und dessen kinotauglicher Strahlkraft.

Genau umgekehrt Guido Westerwelle. Er hat es geschafft, in knapp 15 Monaten zur Projektionsfläche allen Ärgers, allen (politischen) Versagens und aller Befürchtungen zu werden, die die breite Öffentlichkeit gegen Politiker seit je her hegt. Er ist wie die Rückseite unserer Familienleinwand von einst. Es ist stets nur tiefstes Schwarz zu sehen, sei es, es wird wirklich Düsternis und Versagen gezeigt oder möglicherweise auch einmal Licht. Manchmal mag man meinen, dass Westerwelle in dieser Negativ-Projektion Unrecht geschieht. Dann aber stärkt er mit entsprechenden Aktionen oder wahlweise saloppen oder hohlen Sprüchen regelmäßig die Befürchtung, dass es nicht an der Projektion der Massen, sondern an den von Westerwelle produzierten und präsentierten Inhalten liegt, dass sein Image so schlecht ist.

Der Hahnenkampf um Libyen

Es ist ewig schade, dass wir den Hahnenkampf zwischen einem Verteidigungsminister Guttenberg und dem Außenminister Westerwelle zur Libyen-Frage nicht mehr miterleben durften. Das wäre bestimmt sehr lustig geworden und wäre sicherlich in aller Unerbittlichkeit quer durch alle Medienkanäle ausgetragen worden.

Guttenberg hätte es nie ausgehalten, mit einer Enthaltung im UN-Sicherheitsrat zur Libyen-Resolution vor seinen vielen amerikanischen Freunden auf die Knochen blamiert zu werden. Das wäre spannend geworden, zu wem in diesem Zwist Angela letztendlich gehalten hätte. Einer der beiden wäre auf alle Fälle politisch so beschädigt gewesen, dass er hätte zurücktreten müssen, schon aus reiner Selbsterhaltung. – Eigentlich schade, dass Guttenbergs Doktor-Schmu nicht ein paar Wochen später aufgedeckt worden ist. Vielleicht wäre uns so Westerwelles sonderlicher Populismus-Pazifismus erspart geblieben. – Im dekadenten Rom hat man nicht zufällig niemals Volkstribune für diplomatische Aufgaben eingesetzt. Agitatoren waren noch nie gute Moderatoren.

Die Physiker(in)


Die etwas schlimmere Kettenreaktion

Der Spruch ist so banal wie treffend: „Chemie ist, wenn es kracht und stinkt; Physik ist, wenn es nicht gelingt.“ Heute erlebt Japan die schlimmstmögliche Bestätigung dieses Schüler-Juxes. In Fukushima ist live mitzuerleben, wie die Hybris von Physikern, die Kernspaltung für beherrschbar hielten, eine Katastrophe noch in seine Eskalation treiben.

Selbst der einfachst denkende Mensch käme nicht auf die Idee, einen Reaktor neben den anderen zu setzen, am besten gleich sechs davon. Atomphysik funktioniert nach dem Prinzip der Kettenreaktion, eine radioaktive Katastrophe genauso: Wenn man sechs Reaktoren nebeneinander baut, schaffen die Probleme eines Reaktors Probleme in den daneben liegenden. Wenn einer durchbrennt, müssen die anderen in Mitleidenschaft gezogen sein, etwa durch Explosionen – und effektive Gegenmaßnahmen können dann logischerweise weder hier noch dort mehr durchgeführt werden. Fukushima beweist das tragisch eindrucksvoll.

Wahrscheinlich waren es nicht Physiker, die auf den Irrwitz gekommen sind, sechs Kernkraftwerke in Reihe zu bauen, das werden wohl eher die Business-Developer und Rendite-Rechner der Betreiber gewesen seien. Physiker hätten allerdings dagegen Einspruch erheben müssen. Keine Chance jedoch dazu im konsenssüchtigen Japan. Aber bei uns haben sie ja genauso mehrere Atomkraftwerke in trauter Nachbarschaft gebaut: drei Stück in Grundremmingen, zwei in Biblis, Ohu, Neckarwestheim, Philippsburg und in Greifswald waren es derer sogar fünf. Auch hier kein Einspruch von Seiten der Atomphysiker.

Brennstab auf dem Dach

Oder die Idee, die alten Brennstoffe in unmittelbarer Nähe zum Reaktor in Abklingbecken aufzubewahren. In Fukushima ausgerechnet über dem Reaktor. Wenn der explodiert, müssen die Brennstäbe unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen werden – und setzen radioaktive Strahlung frei – und liefern dann noch Nachschub für die drohende Kernschmelze. Natürlich ist solch eine reaktornahe Lagerung den physikalischen Bedürfnissen geschuldet. Schließlich müssen die alten, noch lange heißen Brennelemente jederzeit mit Wasser gekühlt werden. Da bietet es sich an, dass man da die Transportwege kurz hält. Vor allem, weil ja nichts passieren kann.

Das ist das Dilemma der Physik – und der Physiker. Sie versuchen die Welt zu erklären, sie versuchen die Welt in Formeln zu erfassen und sie berechenbar zu machen. Dumm nur, dass die Natur hier nicht so recht mitspielt. Anders als in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen, in denen reflektierende Wissenschaftler die Tatsache nicht leugnen, dass mit jeder neuen Erkenntnis der Forschung klar wird, wie viel mehr noch nicht bekannt ist, glaubt ein Großteil der Physiker noch, die Welt immer besser erklären – und beherrschen zu können. – Wie fatal.

Physik als Politik

Die Ironie der Geschichte – Geschichte hier im Sinne Historie – ist es, dass in der Bundesrepublik ausgerechnet eine Physikerin die Atompolitik verantwortet. Eine Physikerin, die 1978 ihre Diplomarbeit am Zentralinstitut für Isotopen- und Strahlenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR schrieb. Titel der Arbeit: „Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“. Für die Arbeit bekam sie die Note Eins: „sehr gut“. Später war sie, passend zu ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, von 1994 bis 1998 im Kabinett von Helmut Kohl „Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit“ (sic!).

Es ist schwer vorstellbar, wie Angela Merkel als Physikerin mit dem Desaster und dem drohenden multiplen Super-GAU in Fukushima zurecht kommt. Hier muss eine lebenslange Illusion, dass die Kernkraft beherrschbar ist, die sie jenseits jeder fachlichen Naivität gelebt hat, mit einem Mal geborsten sein. Eine Illusion, die sie vor einem halben Jahr vielleicht dazu gebracht hat, die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke zu verlängern – will man ihr keine unlauteren Motive unterstellen.

Kernschmelze einer Illusion

Um so verwunderlicher ist es, wie Angela Merkel sich windet und in halbgare Floskeln flüchtet. Um so verwunderlicher ist es, dass sie nur die Entscheidungskraft für ein „Moratorium“ aufbringt. Als würde in drei Monaten die Welt wieder heiler aussehen – und als sei bis dahin die Illusion der Beherrschbarkeit der Kernkraft irgendwie wieder herstellbar.

Das Entsetzen darüber, sich hier als Physikerin ein ganzes wissenschaftliches und berufliches Leben lang grundlegend getäuscht zu haben, ist anscheinend so krass, dass sie ihren politischen Instinkt, der sonst so ausgeprägt war, verloren hat. Diese Kernschmelze einer Illusion muss unheimlich weh tun. Und das ist ein Problem, wenn man als Physikerin Bundeskanzlerin ist. Das ist das Problem, wenn sich Deutschland eine Physikerin als Bundeskanzlerin leistet.

Ideelle Schockstarre

Peinlich, wenn selbst halbseidene Politiker wie der bayerische Umweltminister Markus Söder glaubwürdiger und konsequenter rüberkommen als die Kanzlerin. Peinlich, wenn ein Kernkraft-Junkie wie Stefan Mappus deutlichere Worte findet und zu härteren Maßnahmen bereit ist als Angela Merkel, die er einst in die desaströse Laufzeitverlängerung getrieben hat. Nahezu tragisch ist es, wenn sich eine Atomlobby-Partei wie die FDP unter Guido Westerwelle schneller und konsequenter von der Atompolitik lösen kann als die Chefin der schwarz-gelben Koalition. Das scheint die logische Folge einer ideellen Schockstarre bei der Physikerin Angela Merkel zu sein.

Die Welt hat uns Deutsche dafür beneidet, dass wir eine Wissenschaftlerin als Regierungschefin haben und nicht einen der üblichen Berufspolitiker. Eine Frau, die es gelernt hat, rational zu denken und kühl abzuwägen. Eine Frau des Geistes und des Wissens, die nicht Kalkül mit Intrige verwechselt, sondern weiß, dass damit Geistesleistung gemeint ist. – Die Welt kann wohl damit aufhören, uns für Angela Merkel zu beneiden.