Up in the Air


Die hilfreiche Schule des Feuerns

„Up in the air“ – der Film mit George Clooney ist für jeden Cineasten ein Muss. Für weibliche Cineasten vielleicht noch ein bisschen mehr. Schließlich darf George in der Rolle des Entlassungs-Experten Ryan Bingham diesmal die komplette Palette der Emotionen, von cool über verliebt bis zutiefst enttäuscht spielen (Zitat Originaldrehbuch: „He’s emotionally bleeding to death.“) Und diese Bandbreite an Emotionen spielt er wunderbar vielseitig und authentisch. Aber auch alle anderen Darsteller sind großartig. Was Cineasten noch interessieren dürfte: Die Kameraführung ist intelligent und sensibel, die Bilder wohltuend weit von allem Hollywood-Lack entfernt. Das Drehbuch ist wunderbar. Ein kleine Novelle ist hier ohne jedes Brimborium vielschichtig und respektvoll erzählt worden.

Aber „Up in the Air“ ist vor allem für alle Manager, vor allem in internationalen Firmen, ein noch größeres Muss als für Cineasten. Jeder, der Personalverantwortung hat und – in Zeiten wie diesen – Gefahr läuft, Entlassungen vornehmen zu müssen, bekommt von George Clooney (und Regisseur und Drehbuchautor Jason Reitmann) einen erstklassigen Fortgeschrittenenkurs, wie man solch heikle Gespräche führen sollte – und wie nicht. Wie wäre ich froh gewesen, hätte ich frühzeitig solch lebensnahe Nachhilfe in Sachen Kündigungsgespräch bekommen.

Mein Irrtum war in Frühzeiten meiner Berufskarriere, dass ich tatsächlich erwartet habe, ich dürfte Verständnis für die Entlassung vom Gekündigten erwarten, wenn ich die Kündigung nur gut begründe und Verständnis für die missliche Lage des künftigen Ex-Mitarbeiters formuliere. Was für eine krasse narzisstische Fehlleistung. Eine Kündigung, aus welch gutem Grund auch immer, ist stets eine absolute Kränkung, die dem Gekündigten jede mögliche emotionale Regung erlaubt, nur nicht einen Hauch Verständnis oder gar Sympathie für den Kündigenden.

Dessen Rolle ist der Bote der schlechten Nachricht, der Prellbock – und bestenfalls ein erster Helfer, eine neue Perspektive zu entwickeln. Zu beneiden sind alle die, die in diesem Gespräch schon die berechtigte Aussicht auf einen Job anderswo präsentieren können. Der Normalfall aber ist, dass man geballte Panik und Aggression in voller Breitseite abbekommt – und das einfach stoisch und fair aushalten muss. Die einzige erlaubte Emotion ist qualifiziertes Mitgefühl. Mitleid ist schon falsch, weil von oben herab. Und die Machthierarchie bei einem Entlassungsgespräch ist sowieso schon eklatant. Clooney: „Das ist die persönlichste Situation, die nur denkbar ist.“

Und das vermittelt der Film eindringlich. Die Bandbreite der Reaktionen auf die Kündigung ist zu erleben. Bis hin zum worst case. Das Drehbuch ist aber nicht nur in dieser Hinsicht ein Geniestreich. Die Dialoge sind extrem knapp, aber immer ganz nah an der Wirklichkeit real gesprochener Texte. Es gibt eine Menge absolut witziger Momente, köstliche Gags und schön absurde Szenen.

Non-Menschen an Non-Orten

Vor allem einen Effekt hat der Film. Man denkt nach über die zu oft zu wenig reflektierte Wirklichkeit der Business-Welt. Über die aberwitzig vielen Stunden, die man in schalem Airport-Ambiente verplempert hat. Die vielen Tage in einer seltsam plastfizierten Parallel-Welt, die man hinter der psychischen Milchglasscheibe von rot geränderten Augen, steter Übermüdung, Jet Lag und übersäuertem Magen nur noch sediert wahrnimmt. Ich erinnere mich an etliche Monate meines Lebens, die mir heute wie ein schlecht verdautes, andauerndes Alpdrücken vorkommen.

Der Philosoph Zygmunt Baumann nennt die so sorgfältig glattpolierte Parallelwelt der Flughäfen, Business- und Nobelhotels, der Lounges und Satelliten, der Terminals und Gates „Nicht-Orte“. Er definiert diese Non-Orte folgendermaßen: „Sie verbieten jeden Gedanken an ein ,Verweilen‘. (…) Jeder sollte sich dort ganz zu Hause fühlen, sich aber bitte nicht so benehmen.“ Und die Menschen, die dort zu viel Zeit verbringen, werden dort zu seltsam sinnentleerten „Non-Menschen“. Sie sind nicht ganz von dieser Welt. – Ich bin froh, von dort mittlerweile zurückgekehrt zu sein.

(Fortsetzung folgt)

Knacks im Zeitstrahl


Kasperl-Theater von The WHO

Es gibt diese wunderschöne Geschichte – wahr oder unwahr? – aus einem Altersheim in den USA. Die älteren Damen und Herren hören gebannt und besorgt einer Rede von Ronald Reagan zur Lage der Nation zu. Es wurde wohl gerade wieder ein Krieg als unabdingbar an die Nation verkauft. Die ernste Stimmung wird von zwei der Zuschauer krass gestört. Sie lachen lauthals und können sich gar nicht einkriegen. Die beiden alten Herren waren taub und beobachteten allein die beredte Mimik und Gestik des Schauspielers, der so eindrucksvoll den Präsidenten gab. Und die dargebotene Gestik kollidierte so sehr mit dem Ernst der Lage, dass die beiden Taubhörigen, die längst perfekt gelernt hatten, Gesten und Mimik zu lesen, das Ganze als Comedy oder Kabarettveranstaltung missverstanden.

Wäre eigentlich auch eine sehr lustige Vorstellung, unter Gehörlosen einer Rede von Angela Merkel – oder noch besser: von Guido „Ich-bin-so-bedeutend“ Westerwelle zu folgen. Das grenzt ja schon oft für Hörende an Realsatire. Aber Halt, kein Grund zur Häme! Ist doch wirklich schwierig, wenn man frei sprechen soll und all die Vorgaben der Pressestellen, der Rede-Coaches, die verschiedenen Politstrategien und die Erwartungen diverser Lobby-Gruppen gleichzeitig unter einen Hut bringen zu wollen/sollen. Das kann nur zu so leeren Gesten und Worthülsen führen, wie jeden Tag in den Nachrichten zu beobachten. Der kleinste gemeinsame Nenner war noch nie Gassenhauer.

Eine seltsame, technisch bedingte Spreizung von Gestik und Akustik war Montag früh um die 3:00 Uhr  als Kuriosum zu bestaunen. Halbzeitpause beim Super Bowl in Miami. The WHO spielten auf. Wie anders sollte man das holprige 12-minütige Best-of-Medley nennen. Dabei ähnelte das Ganze einem außer Rand und Band geratene Kasperle-Theater. Was dann als „Digitale Panne“ in der internationalen Übertragung des Super Bowl entschuldigt wurde, war das technische Erbe von „Nipplegate“, der kurzzeitigen Entblößung des getapten Busens von Janet Jackson. Seitdem werden die Bilder zeitversetzt übertragen, damit im schlimmsten Fall einer neuerlichen Entblößung die übertragende Fernsehanstalt noch zensierend eingreifen kann.

Keine Ahnung, welche Ängste die Fernsehveratwortlichen und amerikanischen Sauberkeitspolitiker bei The WHO plagten. Weder Roger Daltrey noch Pete Townsend sind je durch Entblößungen auf offener Bühne auffällig geworden, nicht einmal in ihrer wüsten frühen Phase in den 60-er Jahren. Und was sollten auch ältere Herren von 64 bzw. 65 Jahren auch entblößen wollen?

Wenn schon Panne, dann „Digital“

So kam das Bild des kurzen Liveauftrittes um ca. eine halbe Minute zeitversetzt an, der Ton aber leider nicht. Der kam in Echtzeit. So durfte man in reinster digitaler Qualität die noch immer beachtliche Stimme von Roger Daltrey und die nicht so gut erhaltene von Pete Townsend hören, bekam die Bilder, wie sich die Herren dabei angestrengt haben, aber erst später nachgeliefert. Es hat sowieso etwas muppet-show-eskes, wenn ältere Herren die exaltierten Posen junger, stürmischer und aufmüpfiger Tage nachahmen. Durch die digitale Kluft von 30 Sekunden wirkte das aber zusätzlich lächerlich. Immerhin ist Roger Daltrey nicht verkalkt. Er selbst war über die Darbietung wenig begeistert. Seine Klage: Keine Konzertatmosphäre … viel zu kurzes Medley etc.

Immerhin glaube ich seit dieser kuriosen „Digitalen Panne“ wieder an die Geschichte mit Ronald Reagan (s.o.). Wenn Gestik und Sound – zeitlich – so weit auseinander liegen, entsteht automatisch Komik. Dann wird die Zeitillusion, in der wir leben und die wir stets so erfolgreich verdrängen, plötzlich ganz bewusst. Wir sind in des Wortes Bedeutung „aus der Zeit gefallen“. Das Kontinuum des Zeitstrahls hat plötzlich einen Knacks bekommen.

Interessant aber auch die lapidare Entschuldigung für die Asynchronität. Man muss vor das unangenehme Wort „Panne“ nur ein „Digital“ voranstellen, schon scheint die Peinlichkeit der Situation entschärft. „Digital“ scheint inzwischen schon so weit diskreditiert zu sein, und es hat schon so oft für Pannen und Unzulänglichkeiten herhalten müssen, dass es ganz kompetent und glaubwürdig menschliches Versagen kaschieren kann. Digitalität ist schon sehr weit auf dem Weg zur ganz normalen Normalität vorangekommen…

Darsteller der Wirklichkeit


Authentizität als rares Gut

Kennen Sie auch dieses kleine Bohren im Bauch, die kleine Versteifung im Nacken oder gar das unerklärliche Gefühl, eigentlich möglichst schnell den Raum verlassen zu wollen. Und man weiß zunächst gar nicht, warum. Dieses Gefühl, das noch weit vor dem Fremdschämen kommt? – Solche kleinen, unangenehmen Körpersensationen entstehen, wenn einem das Unterbewusstsein sanft mitteilen will, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass irgendeine kleine Lüge im Raum steht, dass jemand etwas zu sein vorgibt, das er nicht ist. Kurz: wenn es massiv an Authentizität fehlt.

Mich beschleichen solch unschöne Gefühle immer dann, wenn ich mit Menschen konfrontiert bin, die eine Rolle nur spielen und sie nicht ausfüllen. All die Manager, die in Ausbildung und Praktika nicht gelernt haben, zu analysieren, zu denken und zu entscheiden, sondern nur alle Gesten, die den Eindruck vermitteln sollen, dass man analysiert, dass man denkt oder entscheidet. Da werden Stirne in Falten gelegt, sorgsam die Fingerspitzen gefalteter Hände an die Nasenspitze geführt, da wird ostentativ hinter dem Ohr gekratzt. Allein es fehlt die Überzeugungskraft solcher erlernter Gesten. Das liegt vor allem am Timing. Die Gesten kommen zu schnell hintereinander oder in erratischen Abständen, meist zu falschen Momenten.

Wie sehr solch unauthentisches Gebaren schmerzen kann, ist in (fast) allen Soap-Operas zu erleben. Auch hier muss ja jeder Satz, jeder Dialog mit den Händen gestisch unterstützt werden und ihnen mit heftigem Gesichtsmuskeleinsatz mimische Bedeutsamkeit eingehaucht werden. So etwas ist schon an sich schrecklich. Aber immerhin kann man solchen Situationen mit dem entschlossenen Einsatz der Fernbedienung entfliehen. Schwieriger ist das schon im realen Leben. Da hilft die Fernbedienung nicht weiter, wie einstmals schon Mr. Chance (in „Willkommen, Mr. Chance“) erkennen musste. Da muss man durch, egal wie schlecht die Performance der versammelten Manager-Darsteller gerade ist.

Ich habe lange nicht verstanden, wie man auf die Idee kommen kann, lieber so zu tun, als sei man jemand oder etwas, als es wirklich und real zu sein oder zu tun. Es muss doch, so dachte ich lange, anstrengend und schmerzhaft sein, nur so zu tun – und damit so wenig bewirken zu können. Ich musste mich aber selber über die Zeit hinweg eines Besseren belehren. Es scheint zu gehen, solch eine virtuelle Persönlichkeit zu verkörpern. Es scheint auch vergleichsweise risikoarm zu sein. Da man nur so tut, als täte man etwas, ist das Risiko von Versagen und Niederlagen vergleichsweise gering. Hauptsache man ist so gut in seiner mangelnden Authentizität, dass man wirkungsvoll Entscheidungen, wirklich bahnbrechende Innovationen oder gar mutige Projekte unterbindet.

Virtuelle Schatten sind nicht überspringbar

Wer sich wundert, warum in ewigen Konferenzen so wenig herauskommt, dass trotz massigem Einsatz von Manntagen so wenig geschieht und selbst willkommenste Innovationen immer wieder erfolgreich abgewürgt werden, der weiß jetzt: das ist vor allem solchen Manager-Darstellern zu „verdanken“. Diese Pappkameraden meinen es nicht böse, sie wollen ja nur spielen. Und sie sind logischerweise nicht in der Lage, über ihren Schatten zu springen. Wie auch, virtuelle Schatten sind noch nicht erfunden.

Diese eigenartige Spezies der notorisch Non-Authentischen erlebt man aber nicht nur im Business, sondern täglich, im realen Leben. Beispiel TV: Ich vergesse nie, wie ein „Wer wird Millionär“-Kandidat Günther Jauch schier in den Wahsinn getrieben hat, indem er perfekt den Kandidaten gab: das heißt, er hat alle Sätze, die ein denkender Kandidat normalerweise von sich gibt, aufgesagt und die entsprechende Mimik dazu beigesteuert. Man hatte aber nie den Eindruck, dass er wirklich denkt. Und entsprechend kam er auch nie recht zu einem Entschluss, ob er jetzt A, B, C oder D antworten sollte. Vor allem war er aber so sehr mit seinen auswenig gelernten Texten und nachgeahmten Gesten beschäftigt, dass er nie zu Potte kam. Und Günther Jauch glitt ein ums andere Mal an diesem hauptberuflichen Kandidaten-Darsteller ab. Er bekam ihn nie zu fassen.

Oder auch im privaten Umfeld. Ich habe schon etliche Paare kennengelernt, die es scheinbar perfekt drauf hatten, ein perfekt harmonierendes und natürlich glücklich verliebtes Paar zu geben. Vorstellung war jedes Wochenende auf irgendeiner Einladung, bei einem Essen etc. Eigentlich stimmte bei diesem Stunt jede Geste und jeder Satz, und trotzdem überzeugte das Paar nicht, im Gegenteil es verstörte tief. Das Timing war falsch, es war alles zu dick aufgetragen und die Pointen saßen schon gar nicht. Fast hatte man Mitleid: waren hier zwei Menschen aneinander geraten, die nie zu lieben gelernt hatten, aber in zu vielen schlechten Filmen ein wirres Arsenal an Klischees zum Thema Liebe gesammelt hatten?

Humor zieht den Boden unter den Füßen weg

Apropos Pointen. Solche Darsteller der Wirklichkeit sind am besten und schnellsten durch Ironie, noch nachhaltiger aber durch Humor aus der Fassung zu bringen. Da sie gleichsam im luftleeren Raum agieren ohne jeden echten Bodenkontakt, können sie gar nicht damit umgehen, wenn ihnen durch Witz oder Ironie sozusagen gleichsam noch einmal der Boden unter den Füßen genommen wird. Diese doppelte Leere irritiert sie ungeheuer und lässt sie meist ratlos zurück, während alle um sie herum lächeln oder lachen. Der Horror Vacui solch einer Situation muss entsetzlich sein.

Der Anlass meines kleinen Ausfluges von der Welt der Authentizität in das weite Feld der Mimikri und des gelebten Blue Screen ist ein Petitesse heute beim nachmittäglichen Kuchenkauf. Ich hatte eine gefühlte Viertelstunde hinter einem Paar zu warten, dass eigentlich nur zwei Kaffee, einen Kuchen und ein belegtes Brot bei Aran kaufte. Aber bis das so weit war, musste eine immense Menge an Gesten des bedächtigen Nachdenkens, des vorweggenommenen Genusses und des sorgfältigen Abwägens abgespult werden. Das ganze natürlich inklusive der entsprechenden hohlen Dialoge, Nachfragen und Denkpausen. Drei Mitarbeiter waren vollauf beschäftigt, diesem massiven Einsatz virtuellen Lebens irgendwie Herr zu werden und in reale Produkte umzusetzen.

Als das Paar, perfekt gestylt, aber auch hier ausgemacht unauthentisch, sich endlich an seinen Tisch getrollt hatte, kam in mir echt so etwas wie Mitleid auf. Es muss so anstrengend und dabei so wenig erfüllend und spannend sein, solch eine ewige Inszenierung einer Wirklichkeit zu leben. Aber immerhin bekam ich eine Erklärung dafür, warum Authentizität heute so hoch im Kurs steht; warum es so im Trend liegt. Ganz einfach: Das Angebot regelt die Nachfrage. Und Authentiziät scheint ein sehr rares Gut zu werden…

Spielgeld der Spekulanten


Steueroasen heizen die Finanzkrise an

Die Frage ist so einfach, zu einfach. Soll die Daten-CD mit den Steuersündern in der Schweiz gekauft werden oder nicht? Und dann wird mit juristischen Argumenten gefochten, eventuell auch mit Datenschutzgründen. (Zum Beispiel gestern Abend in „Hart aber fair“.) Da bin ich außen vor. Jura ist nicht mein Feld. Bestenfalls wird noch in die Diskussion geworfen, dass es sicher hilfreich wäre, wenn es in Deutschland ein einfaches und gerechtes Steuersystem gäbe. Das ist es aber dann.

legal - illegal - digital

Mich irritiert, dass bei der Diskussion einige wichtige Argumente unbeachtet bleiben. Da ist zum Beispiel das Steuerverhalten der Skandinavier. Dort sind die Steuersätze exorbitant hoch. Aber trotzdem sind die Schweden, Norweger und Dänen nicht dafür bekannt, ihr Geld en masse in die Schweiz zu transferieren. Warum ist das so?

In Skandinavien ist es schon rein systemisch sehr schwierig, Schwarzgeld anzuhäufen, das man vor der Steuer verbergen könnte. Dort weiß jeder von seinem Nachbarn, was er verdient und was er besitzt. Unvorstellbar in unseren Breiten (oder gar südlich davon). Aber in Skandinavien ist das eine Selbstverständlichkeit und Teil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Da ist unsere Idee von Datenschutz gänzlich konträr. Noch.

Aber wie sieht das in der Generation Facebook aus? In Zukunft. Da weiß man von manch einem seiner „Freunde“ mehr als alle Steuerbehörden. Nur das Einkommen und die Vermögensverhältnisse kennt man nicht. Aber wahrscheinlich nur, weil man Angst hat, dass da der Staat mithorcht. – Also sind wir da wieder beim Thema eines gerechten Steuersystems in Deutschland.

Ein ganz anderes Thema in dem Zusammenhang, das nur zu gerne verdrängt wird, ist, was mit dem Schwarzgeld in der Schweiz – und anderen Steuerparadiesen – gemacht wird. Da geht es um Billionen von Euros und Dollars, wenn man den Schätzungen glauben mag. Und dieses Geld ist die größte Bedrohung für unser Finanzsystem. Es ist in besonderem Maße das Spielgeld für die schlimmsten Spekulanten in der Finanzwelt. Und da ist es jenseits jeden Populismus schon klug, von staatlicher Seite mit allen Mitteln dagegenzuhalten.

Schwarzes Schmiermittel für Spekulanten

Das volatile Geld der Steuerhinterzieher war das spezielle Schmiermittel der Spekulanten, das uns nach Lehmann knapp vor den finanziellen (und staatlichen Abgrund geführt hat. Ich vergesse nie das weiße, völlig leere und entsetzte Gesicht von Angela Merkel, wie sie bei der ersten Pressekonferenz zur Krise mit Peer Steinbrück verloren und geschockt vor den Fernsehkameras stand. Sie sah aus, als habe sie gerade etwas so Grausames und Unvorstellbares gehört, wie noch nie in ihrem Leben – und wie sie es sich nie hätte vorstellen können. So hatte sich „das Mädchen“ (Zitat Kohl) den Job wohl nie vorgestellt.

Wie wichtig es ist, Schwarzgeld aus dem Umlauf zu nehmen, um die Gefahren weiterer Finanzkrisen oder eines kompletten Finanzkollaps zu mindern, habe ich in einem Vortrag von Prof. Franz Josef Rademacher , Mathematik-Professor und als Mitglied des Club of Rome ein engagierter Klimakämpfer, gelernt: Das beste Geld für extrem überhöhte Wertschöpfungskaskaden ist Geld, dessen Eigentum nicht feststellbar ist. Etwa Geld, das es (noch) gar nicht gibt, sondern das für Spekulationen oder so genannte Leerverkäufe nur geliehen ist und trotzdem Gewinne macht. (Absurd, oder?)

(Leerverkäufe sind gerade in Deutschland wieder erlaubt worden. In den meisten anderen europäischen Ländern bleiben sie verboten, etwa in Frankreich und der UK. Wieder in anderen Ländern war so etwas nie erlaubt, zum Beispiel in Italien!)

Geld außer Rand und Band – und ohne jede Kontrolle

Die größte Gefahr aber ist schwarzes Geld. Es ist an der Steuer außer Landes gebracht worden und bedroht von dort das gesamte Finanzsystem. Denn das Geld, das per Spekulation mit diesem anonymen Geld gemacht wird, geht natürlich stets wieder an jeder Steuer und Beobachtung vorbei. So ensteht eine Finanzblase, die jeder staatlichen oder gesellschaftlichen Kontrolle (und sei sie noch so gerecht) entzogen bleibt. Und dabei werden Wertschöpfungsraten von 7 bis 34 Prozent erzielt. Abenteuerlich hoch und jenseits jeder Ratio. Geld, das sich aus sich heraus vermehrt, ohne jeden gesellschaftlichen Wert und jeden objektiven Benefit.

Nutznießer solcher Steueroasen sind aber auch große internationale Konzerne, die die unterschiedlichen nationalen Steuergesetze ausnützen und so (unversteuertes) Spielgeld für Investitionen, Firmenkäufe aber auch für Spekulationen anhäufen können. Kleinere Firmen, vor allem aus dem Mittelstand, die nicht international agieren (und nicht so hochkarätige Steuerberater haben), können da nicht mithalten. Das ruiniert den Mittelstand – jeder weiß, wie schwer die es haben, an Kredite zu kommen – und lässt ihn „ausbluten“, wie es Prof Rademacher nennt. (Ein Interview zu dem Thema findet sich in der Computerwoche.)

Beim Kauf der geraubten Steuerdaten geht es eben nicht nur um mögliche nachträgliche Steuerzahlungen und um Abschreckung zugunsten etwas mehr (zähneknirschender) Steuerdisziplin. Solche Aktionen entziehen eben auch den Spekulateuren und Spielern in den Finanzmärkten ihr Spielgeld. Aber darüber spricht zur Zeit keiner. Schon gar nicht in der Schweiz. Dabei ist das gerade in der jetztigen Zeit ein wichtiges Thema. Und da schauen Juristen, die in unserer Politik dominieren, eher nicht so gerne hin.

Info-Prüfstelle


Münchner Stadtzeitung: Zeitreise in die 80er-Jahre

MyOnID hat mir einen mir bislang unbekannten Artikel über Stadtzeitungen aus dem Jahr 1985 aus dem Archiv des „Spiegel“ emporgespült. Zwei neue Erkenntnisse habe ich dem Artikel 25 Jahre nach seinem Erscheinen zu verdanken:

1. Nach dem Erscheinen unseres Artikels in der „Münchner Stadtzeitung“ über die „Schwarzen Sheriffs“ und unserer Verurteilung wegen unbefugten Tragens von Amtskleidung und Missbrauch von Abzeichen (sic!) waren wir in der Stadt abgestempelt. Zitat: „Bei der CSU gelten die Stadtzeitungsleute seither als ,Kommunisten‘.“ Wusste ich noch gar nicht. Dass ich Kommunist war…

Zum Hintergrund. Fidelis Mager (damals Redakteur der Stadtzeitung, heute Geschäftsführer von „megaherz“) und ich haben damals mit ein paar Utensilien aus dem Kostümverleih die Uniform des damals in München überpräsenten privaten Sicherheitsdienstes der „Schwarzen Sheriffs“ nachgeahmt und sind quer durch die Stadt auf Patrouille gegangen – und wir haben dann über die Reaktionen der Bevölkerung auf das martialische Auftreten berichtet.

Wir wurden letztendlich von einem Dutzend Polizisten „aufgebracht“ und sind tatsächlich angeklagt und verurteilt worden. (Der Staatsanwalt damals entschuldigte sich dafür später klammheimlich bei mir.)

2. In dem Artikel werde ich als Chefredakteur der „Münchner Stadtzeitung“ über unsere Redaktionsmaxime folgendermaßen zitiert: „Alles – aber nicht alles immer wieder!“ Heißt wohl, wir berichten über alles, aber nicht immer in der gleichen Weise. Ich kann da aber nur mutmaßen, denn der Artikel samt Zitat war meiner Erinnerung völlig entfallen.

Nun fällt mir auf, dass sich das Printbusiness seit damals so recht nicht weiter entwickelt hat. Die frechen Überschriften, die schrägen Ideen, die wir damals einfach mal so umsetzten, die finden sich heute auch in den etablierten Zeitungen und Magazinen. Sind ja auch viele Kollegen von damals dort inzwischen, oft genug in führenden Positionen.

Bei solchen Reisen in die Vergangeheit wird einem erst der krasse Wandel in unserer Medienlandschaft plastisch bewusst: Damals konnten wir noch echte Infos verbreiten. Damals war so ein junges Medium wie die Stadtzeitung dringend nötig. Heute wird all das – und noch viel mehr – digital ins Haus geliefert. Heute geht es darum, die Überflut von Infos, Nachrichten und Meinungen irgendwie gefiltert zu bekommen. Etwa per Social Media oder Twitter-Intelligent-Following.

Nur haben die Zeitungen und Zeitschriften in der großen Überzahl das noch nicht gecheckt, oder sie wollen es nicht wahr haben. Ihre Aufgabe ist nicht mehr die Beschaffung von Nachrichten und Infos. Ihre Aufgabe ist, sofern mit Kompetenz, guten Journalisten und einer starken Marke gesegnet, die Prüfung und Gewichtung von News und Infos. Vor allem aber die Bewertung und das Herstellen von Zusammenhängen – in Reportagen, Kommentaren und Features. News brauchen heute Prüfstempel und Unbedenklichkeitsnachweise.

Da ist auf alle Fälle ein echter und wichtiger Markt. Wikipedia macht es vor, wie groß das Bedürfnis nach verlässlicher Information ist und wie bereitwillig freiwillig (!) dafür bezahlt wird. Ein Spendenaufruf und schon wird mehr als benötigt gespendet. Oder auch die „taz“. Auch da geht die Spendenbereitschaft nicht zurück. Im Gegenteil.

Na ja, nur braucht es dafür halt nur gute Redaktionen – und ganz wenig Verwaltung und Management. Die Huffington Post macht es vor, oder eben Wikipedia…