Gute Freunde


Oh wie schön ist Facebook-Land

Ich liebe meine Facebook-Familie. Es gibt immer etwas Interessantes zu lesen. Man erfährt die wirklich wichtigen Neuigkeiten, bekommt gute Tipps, inspirierende Literaturempfehlungen und die Diskussionen sind mal kritisch, fast immer befruchtend, immer fair und manchmal herrlich frei blödelnd.

Kein Wunder, Meine Facebook-Familie ist ein wunderbarer Mix von Menschen aus den verschiedensten Phasen meines Berufslebens – gerade auch aus der vor-digitalen Zeit. Es sind dazu Menschen aus dem nähesten Umfeld (Familie) und nicht ganz so nahen. Es sind Menschen aus verschiedensten Regionen, Ländern und Kontinenten. Menschen der verschiedensten Generationen, von 12 bis 65+ Jahren.

Entsprechend divers sind deren Posts, deren Themen, deren Ideen und deren Einwürfe. Entsprechend vielfältig die Tonalität, von wortkarg über alltagspoetisch bis hin zu wort- und postreich. Nur ganz wenige Posts in Facebook sind fade und uninteressant. Sie sind schnell überlesen. Die meisten wecken dagegen meine Neugier oder befriedigen sie.

Evolution zum sozialen Wesen

Dann die vielen wunderschönen Bilder, Videos und interessanten Links. So viel neue Gedanken und grandiose intelligente Einwürfe hätte ich ohne meine Facebook-Familie verpasst. So viele intelligente, innovative oder witzige Anregungen, Artikel, Vorträge und Präsentationen. Aber ebenso viel Poesie, wunderbare Alltagsidyllen und Kommentar-Haikus. Kurzum: Oh wie schön ist Facebook-Land. (Ein wunderbarer Artikel (auf Englisch) zu diesem Thema – plus Farmvílle – findet sich hier.)

Vor allem aber erzieht Facebook einen selbst auf angenehme Weise. Man nimmt die Welt bewusster wahr, immer mit dem Hintergedanken, kann das auch andere interessieren? Ist es wert, gepostet zu werden? Vor allem aber hat mich Facebook gelehrt, mein soziales Umfeld bewusster wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Kein wichtiger Geburtstag wird mehr vergessen, und vermeintlich „unwichtigere“ ebensowenig. Und im Laufe der Zeit gibt es keine unwichtigen Geburtstage mehr, schließlich ist jeder meiner Facebook-Kontakte Teil meiner digitalen Familie. (Deswegen hält sich die Zahl meiner Kontakte dort auch ganz bewusst in Grenzen.)

Aggression vs. Empathie

Wenn man so enthusiasmiert ist von Facebook wie ich, dann ist man um so verdutzter, wenn man temperamentvolle Facebook-Allergiker und -Feinde trifft. Davon ist die eine Hälfte ideologisch verblendet. Sie sehen in Facebook nur den Inbegriff menschlicher Eitelkeiten und von rigorosem Narzissmus. Sie tun das, ohne sich je wirklich auf Facebook eingelassen zu haben oder es gar je ausprobiert zu haben. (Meine Meinung zu Facebook-Kritikern, die es selbst nie probiert haben, findet sich unter dem Titel: Mach mich nicht nass!) Das kann man mit einem Schulternzucken abtun.

Viel schwieriger ist es, wenn man gerade von Jugendlichen hört, dass Facebook öde und langweilig ist, weil nur Fadheiten und Überflüssiges gepostet werden – oder schlimmer, dass Facebook (& Co.) ein Hort des Mobbing und der gegenseitigen Kränkungen ist.

Das Fatale ist, dass man den Freundeskreis eines anderen und die dort geübten Posting-Qualitäten nie wirklich kennenlernen können wird. Es ist aber gut vorstellbar, dass nicht jede Facebook-Community gleich attraktiv ist. In meinem Umfeld gibt es viele Journalisten und Werber, die sind meist besonders medienaffin und können gut schreiben – und tun das oft und gerne. Entsprechend lesbar und interessant sind deren Posts. Und sie leben auch meist ein sehr abwechslungsreiches und öffentliches Leben. Entsprechend spannend sind deren Beobachtungen und Tipps.

Jeder Freundeskreis ist anders

Wenn man ein weniger aufregendes Leben hat oder unbewusster vor sich hin lebt und nicht gewohnt ist, seine Reflektionen passend in Worte (oder in Bewegtbildern) zu kleiden, ist die Gefahr groß, dass reine Belanglosigkeiten im Facebook-Umfeld ausgetauscht werden oder gar Übersprungshandlungen passieren wie Mobbing und andere aggressive Akte. Wer das mit dem Spruch kommentiert, „Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient.“, der macht es sich da zu leicht.

Aber Facebook ist nicht so erfolgreich geworden, weil sich dort Menschen Gemeinheiten oder Belanglosigkeiten um die Ohren hauen. Da hier ausschließlich Menschen unter ihrem Namen und mit ihrer Persönlichkeit mit Freunden oder nahen Bekannten beisammen sind, herrschen normalerweise eine Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität und ein Enthusiasmus, wie im echten Leben eher selten anzutreffen sind.

Man muss sich nur einmal die Foren etwa der Süddeutschen Zeitung oder des Spiegel ansehen, wie viel Destruktion, Frustration und Aggression dort herrschen. Und wie herrlich anders, nämlich positiv, konstruktiv und empathisch geht es in den mir zugänglichen Facebook-Familien und Twitter-Communities zu. Ganz im Sinne unseres singenden Fussballheroen und Allzweck-Kaisers Franz:
„Gute Freunde kann niemand trennen – Gute Freunde sind nie allein – Weil sie eines im Leben können – Füreinander da zu sein.“

Füreinander da sein

Franz Beckenbauer singt dieses Lied noch immer gerne, wie ich vor ein paar Wochen bei einem Benefiz-Golfturnier zugunsten seiner Stiftung feststellen durfte. Und er lebt dieses Prinzip. Es waren viele seiner Vereinskameraden von damals dabei (Dürnberger, Janzon, Roth etc.). Und in meinem Flight spielte ein Nachbarsbub von früher, mit dem er auf Giesings Bolzplätzen als Bub gekickt hatte. Nach zig Jahren erinnerte er sich tatsächlich an ihn – und tat nicht nur so.

„Füreinander da zu sein“, das muss im Zentrum einer Freundschaft stehen. Oder wie man in Bayern sagt: „Man muss gemeinsam ein Scheffel Salz essen.“ Meint: es gibt nicht nur schöne und harmonische Zeiten in einer Freundschaft. Und gerade dann, wenn es darauf ankommt, dann beweisen sich Freundschaften.

Mal abwarten, wie Facebook sich hier bewährt. Noch ist diese Plattform ein wenig zu jung, um zu sehen, wie weit es funktionieren kann, online/virtuell füreinander da zu sein oder sich gar real zu helfen. Aber immer mal wieder erlebt man auch hier Brisantes, ob Krankheit, Liebeskummer oder Ratlosigkeit. Und da sehe ich oft sehr sensible Versuche der Unterstützung.

Bei handfesten Problemen, ob es um einen Umzug geht oder ob um Ratschläge gebeten wird, da wird zumindest in meinem Umfeld ernsthaft versucht zu helfen. Vielleicht nicht immer sehr wirksam, vielleicht nicht nachhaltig. Aber das kann ja noch werden. Wir sind ja vielleicht gerade erst mal ein gutes Jahr auf diese Weise miteinander verbunden. Ich bin gespannt…

Mach mich nicht nass!


Des Nichtschwimmers Argumente

Es ist ein wenig so, wie wenn ein überzeugter Nichtschwimmer am Rande eines Schwimmbeckens an die sich dort fröhlich vergnügende Schwimmergemeinde predigt und vor den Gefahren des Badens im Seichten und Tiefen warnt. Baden ist gefährlich. Wenn man nass ist, kann man sich erkälten. Man kann aus Versehen Wasser schlucken. Das kann von Menschen mit wenig Hemmungen auch ein wenig verunreinigt sein. Bei Springen vom Turm oder auf Wasserrutschen kann man sich blaue Flecken holen. Und ja, man kann sogar ertrinken dabei. Und Schwimmbadbesitzer machen mit dem Ganzen sogar Geld.

Alle diese Argumente stimmen ja. Ohne Frage. Und trotzdem hören die Menschen nicht auf, baden zu gehen. Selbst solche, die noch nicht mal zu schwimmen gelernt haben. (Dann wird es sogar richtig gefährlich.) Es macht ihnen sichtlich Spaß. Und die Risiken, die schlagen sie in den Wind.

Selber schuld

An diese Allegorie erinnern die meisten der Stimmen, die enthusiastisch bis hysterisch vor den Abgründen und Gefahren der Social Networks, vorzugsweise Facebook und Twitter warnen. Thilo Weichert etwa, der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, ließ sich auf der „Netzpolitischen Soiree“ der Grünen, am 10. September 2010 in Berlin zu einer Philippika gegen Google und alle Sozialen Netzwerke hinreißen, die Jeff Jarvis, der ebenfalls Gast dieser Veranstaltung war, bissig unter dem Titel „Oh, those Germans“ in seinem Blog buzzmachine.com dokumentierte und kommentierte.

Höhepunkt der fachlichen Selbstdemontage von Thilo Weichert war der Satz: „Solange die Deutschen so dumm sind, dass sie diese Suchmaschine (Google!) nutzen, haben sie es nicht besser verdient.“ Die Begründung: „Google nutzt seine Daten um mich zu manipulieren.“ (???) Wer so ideologieverbohrt argumentiert hat weder die digitale Welt noch den dort nötigen Datenschutz verstanden. Und wie am Nichtschwimmerbeispiel gezeigt: von außen lässt sich am besten irren.

6 mal gegen Facebook

Noch typischer ist diesen Irrweg ausgerechnet der Chefredakteur des britischen WIRED, David Rowan, gegangen. Er hat ganz stolz zum Besten gegeben, warum er nicht in Facebook ist – und je zu sein gedenkt. Sechs Gründe gibt er an, größtenteils die üblichen, wenn es um Facebook-Bashing geht:
1. Facebook ist eine Privatfirma – und die führt per se nichts Gutes im Schilde, sondern nur Kommerz (Thilo Weichert lässt grüßen).
2.  Facebook macht es schwer, sich immer wieder neu zu erfinden.
3. Private Daten können missbraucht werden…
4.  … und zwar gegen einen persönlich.
5.  Wenn man sich daneben benimmt, bleibt das für immer gespeichert.
6.  Sozialer Diskurs wird kommerzialisiert.

Solche Argumente kommen sichtlich von außen. Ähnlich wie bei der Allegorie des Nichtschwimmers am Anfang sind sie nicht per se falsch. Nur treffen sie nicht den Kern der Sache. Es sind die Argumente eines Menschen, der sich auf etwas Neues nicht einlassen will und etwas verkrampft rationale Gründe für seine Haltung sucht. Natürlich ist es nicht verkehrt, auf Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Aber das alles ist keine sinnvolle Argumentation, bei Facebook & Co. nicht mitzumachen.

Richtig ist, dass die Vorteile der Sozialen Netzwerke sofort und in vollem Umfang zu genießen sind. Deswegen ist die Facebook-Gemeinde in aberwitzig kurzer Zeit auf eine halbe Milliarde Menschen angewachsen. Mögliche Nachteile oder Probleme sind garantiert erst sehr viel später zu erleben. Diese Asymmetrie ist typisch für digitale Errungenschaften. Aber gerade der Erfolg in dieser Dimension schützt zugleich vor exorbitantem Missbrauch. Die Konsumentenmacht ist viel zu groß, um missbraucht werden zu können.

Leben als Betriebssystem

Besonders entlarvend für die Denkweise von David Rowan ist sein zweiter Ablehnungsgrund. Facebook mache es schwerer, sich neu zu erfinden. Hier zeigt sich, dass Rowan eine sehr antiquierte Lebensidee hat, man könnte es glatt solitär nennen: Man lebt (ungeniert?) sein Leben und wenn es nicht mehr klappt oder man sich zu sehr daneben benommen hat, fängt man halt neu ganz von vorne an.

Das erinnert an den Umgang mit Windows-PCs, die man halt im Notfall wieder neu hochfährt, aber so etwas hat nichts mit dem Leben zu tun, das man heute zu leben genießt. Ich bin jedenfalls um jede Anregung, um jede Idee, um jede Alternative froh, um jedes neue Argument, auch um jede Meinung, die mir konträr entgegen steht, die mich in meinem täglich gelebten Leben weiter bringt. Und immer mehr dieser Anregungen/Ideen/etc. kommen von meiner „Netzwerkfamilie“ bei Facebook oder meinem „Inspirationskreis“ bei Twitter.

Das Leben ist kein Betriebssystem, das wenn es nicht funktioniert, neu gestartet werden kann. Ein Leben ist ein Prozess. Und je spannender, je abwechslungsreicher und befruchtender dieser ist, um so besser. Wenn ich zurück schaue, dann lebe ich heute ein völlig anderes Leben als vor 10, als vor 20 oder 30 Jahren. Aber das, ohne je einen kompletten Neuanfang gemacht zu haben. Sondern als spannenden Prozess mit allen Höhen und Tiefen.

Kein Leben, das ich glücklicherweise nie vom Beckenrand aus beobachtet oder kommentiert habe, sondern wo ich mitten drin war. Mit allen Risiken, sich nass zu machen, Wasser zu schlucken und auch mal Angst zu haben, zu ertrinken. – Fragt sich, wie sich wohl ein Leben vom Beckenrand aus lebt, Mr. Rowan? Ich jedenfalls möchte nicht nur dort stehen und zuschauen – und „schlaue“ Kommentare abgeben.

Ist der Ruf erst ruiniert…


Aggressive Feindbilder und düstere Prognosen

Die ZEIT titelt: „Feindbild Google“. Der STERN unkt: „Big Brother Google“. Und den Vogel schießt Chris Anderson in Wired ab: „The Web is dead!“ (Immerhin geht der Satz weiter: „Long Live the Internet.“) Das  Internet und ganz speziell der Suchgigant Google stehen unter Beschuss. Und keine Angst, bald wird auch wieder Facebook gebasht werden. Facebook Places, dessen neuer Location Service, wird garantiert dafür sorgen. Vor allem wenn er erfolgreich ist.

Es scheint so, als würden alle Ängste, alle Sorgen, alle Hassgefühle gegen das Internet sich Bahn brechen. Schon lang waren das Internet und seine führenden Protagonisten (und finanzielle Nutznießer) so in der Kritik. Und noch selten mit solch kuriosen Argumenten und solch kreischendem Unwissen wie in der Debatte um Google StreetView. – Wer bitte sonnt sich nackt zur Straßenseite hin genau in dem Moment, wenn alle drei bis fünf Jahre der Google-Fotowagen vorbei fährt? Aber so etwas ängstigt etwa Jeanette Biedermann.

An dieser Stelle könnte man sich fürchterlich aufregen. Vorzugsweise über die Kollegen auf der Printseite, die nun völlig ungeniert Ängste schüren, um die Konkurrenz madig zu machen. Oder auch über die Ignoranz von Politikern, die in dem Thema Profilierungspotential sehen. Man könnte aber auch beiläufig mit den Schultern zucken nach dem Motto: Was kümmert’s die Eiche, wenn eine Sau sich dran kratzt?

Aber es gibt auch noch eine dritte Option. Man freut sich ein Loch in den Bauch, dass das Internet dabei ist, endlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Die Aggression findet inzwischen auf einem solch enttechnologisierten, tumbe Ängste triggernden Niveau statt. Das zeigt, wie sehr das Internet dabei ist, nun endlich zur Selbstverständlichkeit wird.

Das Auf und Ab des Hype Cycle

Die Beratungsgesellschaft Gartner hat einst den berühmten (und berüchtigten) Hype-Cycle entwickelt. Er beschreibt das übliche Schicksal neuer Technologien in Medien und Gesellschaft.
1. Am Anfang steht der Technology Trigger. Neue Ideen, Produkte und Erfindungen werden bestaunt und euphorisch beschrieben.
2. Immer mehr Medien nehmen das Thema, wenn es vielversprechend, also hype-fähig ist, auf und entwickeln immer phatasievollere, immer phantastischere Optionen, was damit alles zu machen ist. Das geht steil empor bis zum Peak of Inflated Expectation.
3.  Irgendwann, wenn die Erwartungen ins Absurde abkippen und der Gedanke ausgereizt ist, weicht die Euphorie, es wird die Nase gerümpft und alles wird niedergeschrieben. Bis hinunter ins Tal der Desillusion, den Trough of Disillusionment, wo das Thema dann (vermeintlich) durch ist.
4. Jetzt erst ist der Weg frei für eine ernsthafte Beschäftigung mit dieser neuen Idee, Technologie oder diesem Produkt. Jetzt kommen die ersten ernsthaften und realistischen Einschätzungen. Es geht nun wieder aufwärts im Imagewert – und der Börsenbewertung. Das ist der Slope of Enlightment.
5. Und erst jetzt, nachdem es von „himmelhochjauchzend“ über „zu Tode betrübt“ gegangen ist, pendelt sich ein neues Thema auf einem realistischen Level ein – und nun erst kann Idee/Technologie/Produkt sein volles Potential ausspielen – auf dem Plateau of Productivity.

Jenseits des Hype-Cycle

Das Internet ist da aber schon längst raus, den Hype-Cycle hat es spätestens zur Jahrtausendwende hinter sich gelassen. Jetzt geht es um die breite gesellschaftliche Akzeptanz. Und da macht sich das Internet nicht nur daran, ein neues Medium, vielleicht sogar ein Leitmedium zu werden. Nein, es ist dabei, die generelle Plattform für alle (digitale) Kommunikation zu werden. Daher auch die so vehementen Angriffe all derer, die bisher die Bedeutungsmacht über die Medien hatten (oder es zu haben meinten): die Verlagshäuser und TV-Sender – und die Politiker.

Nein, das Internet macht sich wirklich daran, im Zentrum all unserer Kommunikation zu stehen. Es verändert die Machtstrukturen in der Gesellschaft. Und das heißt, jeder Mensch, der in Zukunft in der Gesellschaft aktiv sein will, muss sich mit dem Internet auseinandersetzen – und die Mehrheit der im analogen Zeitalter Aufgewachsenen muss viel dazu lernen.

Vor allem geht es darum, die Vor- und Nachteile besser einschätzen zu lernen. Denn jetzt rächt sich, dass gerade die Social Media Vor- und Nachteile so asymmetrisch verteilen. Die Vorteile, also sofortige Verbindung, Nähe oder Vertrautheit, werden mit einer ganz neuen Datensammel-Kultur erkauft. Deren negative Auswirkungen erlebt man, wenn überhaupt, erst sehr, sehr viel später. Aus dieser Asymmetrie erklärt sich vielleicht der kuriose Vorschlag von Google-CEO Eric Schmidt, dass man einen neuen Namen erhalten sollte, wenn sich genug belastendes Material im Internet, oder genauer: in den Google-Datenbanken, angesammelt hat.

Ein ebenso ungelenker wie absurder Vorschlag. Schließlich sind Namen im Internet sowieso egal. Die Bedrohung ist das Raster aus erfassten Daten, das wie ein Fingerabdruck unzweifelhaft einer bestimmten Person zugeordnet werden kann. Eric Schmidts Vorschlag ist insofern ein wenig unheimlich, als dass man bisher davon ausgehen konnte, dass bei aller Sammelwut von Google damit technisch noch nicht viel angefangen werden kann – und dass Datenmuster schon gar nicht gegen jemanden verwendt werden konnten, weil sonst der Ruf von Google unheilbar für immer ruiniert wäre. Personalisierte Werbung in Ehren, die Bedrohung durch Datenkraken geht viel weiter, vor allem, wenn sie nicht demokratisch kontrolliert werden.

White Noise

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert.“ Das ist jetzt der Prozess, den das Internet durchmachen muss. Alle überhöhten Erwartungen müssen geschliffen werden, aber genauso alle Vorteile endlich realistisch genutzt werden. Und dasselbe gilt auch für uns. Auch für uns könnte der Sinnspruch mit dem ungenierten Leben mit ruiniertem Ruf gelten.

Mir schwebte schon seit je her die Idee vor Augen, allzu große Neugier der Datensammler durch „White Noise“, ein undurchschaubares, nicht ausrechenbares, widersprüchliches Gewirr aus (fiktiven) persönlichen Daten, auszubremsen. Vorzugsweise sollten das intelligente Bots für mich machen: einen kuriosen Mix aus tiefer Papstverehrung und Porno-Nutzung, Schmetterlings-Sammeln und abstrakter Kunst, Bach-Etüden und Motörhead usw. usw. usw.

Ich gebe zu, ein ziemlich schwieriges Unterfangen, solchen White Noise wirkungsvoll zu programmieren. Denn wir hybriden Konsumenten schaffen sowieso schon viel zu viele absurde Widersprüche in unserem Konsumverhalten. Ich wüsste zu gerne, ob Google daraus wirklich sinnvoll verwendbare Strukturen herausinterpretieren kann.

Verklärte Erinnerungen

Mich tröstet bislang, dass ich auf meinem Gmail-Account noch immer ein Familienhotel bei mir um die Ecke in Erding angeboten bekomme. Sehr absurd, denn genau dort brauche ich ein Hotelzimmer am wenigsten. Schließlich habe ich dort ein sehr bequemes Bett und alle Annehmlichkeiten unseres netten Zuhauses. Solange das Wissen über mich nur so weit geht, dass ich in der Nähe von Erding wohne, bin ich zutiefst beruhigt. Ich muss also keinesfalls in absehbarer Zeit meinen Namen ändern. Vor allem wegen der Gnade der frühen Geburt. Zu meinen wilden Zeiten gab es kein Internet. Ja nicht mal digitale Kameras. Und alle Belastungszeugen von damals sind seltsam milde geworden, was ihre Erinnerungen angeht.

Die Verklärung und Verdrängung, die unser Gehirn so gut beherrscht, das müssen Google, Facebook & Co. noch unbedingt lernen…

Die Pixel-Diebe


Google Streetview und digitale Ängste

Google Streetview funktioniert jetzt schon in vielen Ländern. Unter anderem solchen aus unserem Kulturkreis wie Frankreich, Holland, Italien oder der Schweiz. Wie Streetview funktioniert und welche Bildschärfe möglich ist, das sieht man bei einem Besuch von Amsterdam, Mailand, Paris, London oder Zürich auf Google Maps. Dort kann man auch mal mit dem gelben Signet-Männchen in die Nebenstraßen abschweifen und entdecken, wie viele wirklich lohnende Objekte für Diebe und Einbrecher hier zu finden sind und wie detailliert Informationen für Einbrecher in diesem Monster von Service zu gewinnen sind.

Ich gebe zu, ich habe nie als Einbrecher gearbeitet und meine Kompetenz in dieser Branche ist daher recht bescheiden. Eigentlich ist es nur angelesenes Wissen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie die Herren sich da digital durch die diversen, vielversprechenden Nebenstraßen durchklicken, bis sie das Objekt ihrer Begierde gefunden haben. Und schwupps, mit einem Klick haben sie dann ihr Opfer ausbaldowert.

Bei aller Qualität der Bilder, bei der Bildschärfe selbst im Zoom-Modus und auch im 3-D-Modus – die Sicherungen der Fenster, Alarmanlagen, die Sichtachsen, die Bewohntheit der Objekte, das alles lässt sich mit Google Streetview nicht wirklich recherchieren. Ich habe den schweren Verdacht, dass Einbrechertrupps, die sich allein auf dieses Tool verlassen, nicht sehr erfolgreich sein werden.

Pixel als Orientierungshilfe für Diebe

Der Verdacht liegt nahe, dass sich all die Hausbesitzer, die sich zum Beispiel im Münchner Umland (wo Google Streetview noch gar nicht zur Debatte steht) empören, dass jetzt Einbrechern Tür und Tor geöffnet sind, sich nie mit dem Service selbst befasst haben. Und natürlich können sie so auch gar nicht die Vorzüge solch eines wirklich hilfreichen Navigationstools erkennen. Unterstützt von erratischen Politikern, die ihre Behausungen bei Google Streetview auspixeln lassen, fangen auch sie an, ihre Häuser aus dem Service tilgen zu lassen. (Einen wunderschönen Artikel dazu hat Anatol Stefanowitsch geschrieben.)

Das ist nun aber auch eine wirklich intelligente Methode, möglichen Dieben klar zu machen, dass hier attraktive Einsatzgebiete existieren. Wer etwas zu verbergen hat, wer solche Angst vor Einbrechern hat, der muss in seinen vier Wänden ja große Schätze verborgen haben. Also müssen sich die oben beschriebenen digitalen Einbrecherbanden künftig nur daran orientieren, wer sein Domizil auspixeln hat lassen. – Danach, zugegeben, müssen sie sich doch noch persönlich vor Ort begeben, um ein wenig zu recherchieren – um dann, wenn man dann schon mal da ist, zuzuschlagen.

Apropos Politiker und Pixel-Tarnung. Irgendwie scheint ihr Drang in die Öffentlichkeit an dieser Stelle kurios zu enden. Dabei ist es doch irgendwie interessant, welche Dimensionen ein Zuhause eines von der Bevölkerung gewählten – und bezahlten – StaatsDIENERS hat. Abgesehen davon, kann man die Adressen der Herren und Damen Politiker nicht so einfach recherchieren. Nicht mal per Google. Und schon gar nicht per Streetview. In den USA war übrigens der einzige Politiker, der sein Zuhause auspixeln ließ, der umstrittene Ex-Vizepräsident Dick Cheney. (So berichtet es SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye in seinem Twitter-Channel akreye.)

Gardinen und Makellosigkeit

Ich erinnere mich noch gut an den Zinnober, den meine Mutter um die Gardinen im Haus betrieb. Die mussten möglichst immer geschlossen und natürlich blütenweiß sein. Das war ein schwieriges Unterfangen mit einem Ehemann im Haus, der täglich eine (!) Zigarette (Orient-Tabak, filterlos) und eine Zigarre (1 DM) rauchte. Da galt es immer wieder – unter Wehklagen – die Gardinen abzunehmen, die Stoffmengen zu waschen und zu trocknen. Viel Aufwand für perfekten Sichtschutz.

Kurioserweise nahm die Angst, man könne ins (Reihen-)Haus hineinschauen, im Sommer rapide ab. Da wurde auf der Terrasse gelebt, alle Fenster standen offen und die Gardinen waren aufgezogen. Und wenn es abends warm war, blieb das auch so bis zum Schlafengehen. Befragt vom neugierigen Kindermund (meinem), warum andere Leute ein paar Straßen weiter gar keine Gardinen hatten, wurde man aufgeklärt, dass das sicher Protestanten wären, da könne man immer in die Häuser hineinsehen. Wir Katholiken hatten da wohl mehr zu verbergen…

Das Prinzip des gardinenlosen Protestantismus wurde mir später auch wirklich so erklärt, dass die Angehörigen dieser Konfession immer offen allen Nachbarn zeigen wollten, dass sie nichts zu verbergen hätten und dass sie ein sie ein makelloses Leben führen würden. – Als Barbara und ich dann unsere erste gemeinsame Wohnung hatten, führten wir zwar nicht unbedingt ein makelloses Leben, aber Vorhänge hatten wir nicht. Schon aus Kostengründen – und überhaupt. Gardinen nicht waschen zu müssen empfanden wir nach der Erfahrung des Gardinenwaschzwangs unserer Mütter als echte Befreiung.

Deutsche Digitalphobie

Diesen Gardinenwahn scheint sich Deutschland bis ins digitale Zeitalter bewahrt zu haben. Die Phobie, auch nur die Außenfassade (oder die Hecken und Mauern davor), im Internet sichtbar zu machen, ist ebenso absurd wie dann schon wieder interessant. Wie schwach muss es um das Selbstbewusstsein solcher Menschen bestellt sein, dass sie Streetview so emotional ablehnen. Wie kränkbar müssen solche Menschen sein? Hauptargument dagegen ist meist: „Google hat mich ja nicht gefragt, ob ich das will.“ Und wie ängstlich muss ein Volk sein, das den Umstand, die Öffentlichkeit überall auch digital offen sichtbar zu machen, als Unterstützung von Diebesbanden fürchtet.

Ich schätze Europa – und Deutschland – und die Kultur hier, weil sie so mannigfaltig ist. Ich liebe die Gelassenheit und Selbstverständlichkeit von so vielen Menschen, gerade auch hier außerhalb der großen Stadt. Ich fand es gerade in Amerika immer wieder befremdlich, wieviel Paranoia und Angst in jedem John Doe (dem amerikanischen Herrn Jedermann) zu entdecken sind, gegen die als Hilfsmittel nur Waffen helfen. Wie enspannend und souverän finde ich die vielen, weiten Gegenden etwa auf dem Land, wo Türen nicht abgeschlossen sind. Auch nachts nicht.

Google ist evil

Zugegeben, ich schließe meine Türe ab. Aber das hat Versicherungsgründe. Aber ich habe keine Angst. Nicht vor Dieben, nicht vor Streetview. Aber was mir Sorgen bereitet, das ist der Angriff von Google (und Verizon) auf die Netzneutralität. Hier ist Google evil! Hier wäre es wirklich angebracht, meine verehrten Damen und Herren Politiker dass man sich kümmert. Hier gehört ein Gesetz her – und keines zum Thema Streetview. Aber da hört man nichts. Das scheint weit außerhalb des Kompetenz- und Interessensrahmens zu liegen. Ist ja auch klar. Mit Angstmache lassen sich Wähler anscheinend besser fangen als mit der Sorge um Freiheits- und Gleichheitsprinzipien.

Apropos: Ich habe den Aufruf für Netzneutralität bereits unterzeichnet. Wäre nett, wenn es ganz viele andere tun. Es ist ganz einfach und geht ganz fix: Pro Netzneutralität. – Danke!

Oper & Lust


Karajan und das Desaster der Oper

Ein – ausnahmsweise kühler – Sommerabend im Chiemgau. Open Air wird Mozarts Oper „Gärtnerin aus Liebe“ aufgeführt. Keine seiner bekannten Opern. Mozart hat sie im Alter von 19 Jahren als Auftragsarbeit für den Karneval in München geschrieben. Ein krudes Beziehungskuddelmuddel, das sich nach viel Jux und Tollerei, witzigem Spiel und netten Arien in ein Happy End auflöst. Eine Produktion der Theaterakademie von Gut Immling, der Sommeropernbühne im Chiemgau. Inszeniert hat Isabel Ostermann von der Berliner Staatsoper unter den Linden. Gespielt wird im Garten vor der zur Opernbühne umgewidmeten Reithalle von Gut Immling.

Ich bin relativ hartgesotten, was Theater und speziell Oper angeht (dazu später). Aber diese Opera Buffa, mit kleinem Kammerorchester unter der komödiantisch mitspielenden Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock und jungen Nachwuchsstars aus aller Welt (Korea, Japan, Spanien etc.), hat mich seit langen Jahren wieder einmal richtig herzhaft lachen lassen. Zu gut waren die Gags, zu kurios die Situationen und herrlich deftig die sexuellen An- und Ausspielungen. Hier wurde Sex als schönste Nebensache der Welt gezeigt, lustvoll, lustig und nie peinlich. (Die Oper ist definitiv erst ab 16 Jahren zu empfehlen!)

Kellner in der Bohème

Das ist nun so ganz anders als alles, was ich je zuvor auf der Opernbühne gesehen habe. Ich gebe zu, das war – abseits von Immling – herzlich wenig. Zu intensiv – und zu negativ war meine Prägung in Sachen Sangesbühne. Ich war wohl zehn Jahre alt, da durfte ich für den Kinderchor der Bayerischen Staatsoper vorsingen. Frühkindliches Trauma: Ich wurde nicht genommen, die Stimme war nicht gut genug. Ich erinnere mich an Wut und Trauer. Ich habe wohl eine halbe Stunde geweint – in der Badewanne beim damals üblichen freitäglichen Wochenbad.

Als Trost durfte ich aber als Statist auf der Bühne der Münchner Staatsoper agieren. Als Kellnerjunge in der „Bohème“ und als Volk im „Bajazzo“ und der „Cavalleria Rusticana“. Mein erstes Erlebnis auf der Bühne samt (mildem) Lampenfieber und Nervosität. Schließlich war in der Generalprobe das Schlimmstmögliche passiert. Ich hatte das Tuch mit dem Geschirr, dass ich im Laufschritt hereinzubringen hatte, zu hart abgesetzt und das Brathuhn (aus Plastik), das ich servierte, kollerte von den zerbrochenen Tellern auf den Boden. Ich wurde nicht geschimpft dafür, die abergläubigen Theaterleute waren froh darüber, war es doch ein gutes Omen.

Den nachhaltigsten Eindruck aber hat mir damals der Dirigent der Opern hinterlassen: Herbert von Karajan. Ein Name, den  meine Mutter nur in höchster Ehrerbietung hauchte. „Der große Karajan!“ Ich erlebte ihn als anonyme Stimme aus einem plärrenden Lautsprecher, der wild schimpfend und fluchend seine Kommandos gab und das gesamte Ensemble in Angst und Schrecken versetzte. Zumindest für mich Zehnjährigen. Keine Ahnung, ob das auch von den „Erwachsenen“ so erlebt wurde, mir hat das nachhaltig jedes Interesse und jede Begeisterung für die  Oper verleidet.

Als ich meine Erschütterung über die schlimme Wortwahl des großen Meisters zuhause erzählte, wurde mir glatt beschieden: Das könne nicht sein. Ein Karajan flucht nicht. Das sei alles Einbildung eines hypernervösen Kindes… So weit zu meiner Sozialisation in Sachen Oper.

Ziege als Star

Und jetzt dann dieses furiose, harlekinische Kasperltheater unter freiem Himmel der „Gärtnerin aus Liebe“. Selten so gelacht über die Regieideen und deren herrlich komödiantische Umsetzung. Meist fotografierter Star des Abends war eine weiße Ziege, die mitspielen durfte. Immer wieder schlich sich eine andere Besucherin zu dem Tier und fotografierte es. (Es war ja alles Open Air und man saß bei Speisen und Getränken an Tischen, zwischen denen gespielt und gesungen wurde!) Die Vorstellung, wie dann Tante Gertrude zuhause ein Bild von einer Ziege herumzeigt mit der Bemerkung: Ich war in der Oper. Oder: Ich war bei Mozart. Köstlich!

Das Publikum in der Oper war üblicherweise weithin ergraut. Um so erstaunlicher bei dem hohen Altersdurchschnitt war die freudige und positive Aufnahme der sehr eindeutigen Szenen und der sehr überzeugend gespielten Lustjuchzer. Das ist der Vorteil eines Opernabends auf dem Land abseits der großen Bühnen: Das Publikum ist normal und unverblendet.

Aber echt schade, dass nicht mehr junge Menschen so etwas zu genießen lernen. Solch ein „tierischer“ Jux, solch pralles Leben und solch ungeniert gespielter Kitsch und Humbug müsste bei einem jungen Publikum eigentlich super ankommen. So was ist „Camp“, wie Freund Joop sagen würde. Zugegeben, die Musik muss man als junger Mensch erst zu lieben lernen. Das ist bisweilen komplex und groovt nicht so richtig. (Außer wenn sich im Rezitativ Barjazz-Klänge hineinmischen.) Aber wer Mozart als Musikpunk in „Amadeus“ (Film!) genossen hatte, der erlebt auf Gut Immling, dass diese Deutung nicht so falsch war.

(Die Inszenierung ist im nächsten Frühjahr auch in der Berliner Staatsoper unter den Linden zu erleben.)

Digitales Denken


Gibt es lineare und digitale Gehirne?

Untersuchungen bemängeln beim „gemeinen“ Internet-User zu wenig Denktiefe, zu wenig Reflexion, zu wenig Arbeit im und am Langzeitgedächtnis. (Siehe auch Reflexion & Internet). Der Grund: Zu viele Informationen, zu viele Links, zu viele Medien, zu viel Ablenkung. Das alles hält davon ab, sich in Ruhe hinzusetzen und Dinge mal wirklich zu durchdenken, über das Leben als Ganzes und besondere Vorkommnisse im Besonderen zu sinnieren. Das jedenfalls – oder so ähnlich – meinen Clifford Nass von der Stanford University und andere Wissenschaftler in Studien laut WIRED herausgefunden zu haben.

Es lohnt sicher die Frage, ob solch eine Aussage überhaupt Sinn macht, oder ob hier nur eine – Wissenschaftlern nachsehbare – Affinität zu linearem Denken herrscht und befürchtet wird, möglicherweise bald aus der Zeit zu fallen. Oder anders gefragt: Macht uns das Internet fit für eine neue Art des Denkens – nennen wir es behelfsweise erst mal „digital“ -, das wir in der uns bevorstehenden Zeit einer globalen Wissensexplosion dringend brauchen?

Wer sich ein wenig mit der Gehirnforschung auskennt, weiß, wie sehr die Erkenntnisse hier zwar immens sind, in Summe aber eher vorsichtig zu interpretieren sind. Jede wichtige neue Erkenntnis eröffnet eine riesige Bandbreite neuer Fragen. Mit zunehmendem Wissen über das Denken staunen wir immer mehr über dessen Funktionsweise und -vielfalt und müssen erkennen, dass wir uns immer weiter davon entfernen, annehmen zu können, das Denken in Bälde „verstehen“ zu können. Wir wissen – ganz sokratisch – immer weniger.

Aber zwei Erkenntnisse sind wohl relativ gesichert. Es gibt nichts, was strikter und lernresistenter ist als unser Urgehirn, das unsere unterbewussten Handlungen beeinflusst. Dieses Gehirn ist von Jahrtausenden Jahren Evolution und Kampf in der Natur stark konditioniert. Hier lässt sich nichts ändern, unsere Ängste nicht, unsere Hoffnungen, unser Hass, unsere Liebe, unsere Sehnsüchte und Irrationalismen nicht, damit müssen wir lernen auszukommen.

Das lernfähige Gehirn

Dafür stellt sich unser Gehirn, das wir mit unserem Bewusstsein ansteuern können und das die täglichen Informationen und Reize verarbeitet und unser Denken steuert, als extrem flexibel, veränderbar, lernfähig und neu programmierbar heraus. Ob es die Erkenntnisse einst von Oliver Sacks an Schlaganfall-Patienten waren oder ob es aktuelle Untersuchungen über die Informationsverarbeitung von Internet-Usern sind, man sieht stets, wie sehr und gut das Gehirn fähig ist, neue Synapsen zu bilden, sein Netzwerk neu zu justieren und damit völlig neue Ergebnisse zu erzielen – unter anderem auch bei dem, was einschlägig interessierte Wissenschaftler „Intelligenz“ nennen und messen.

Einen Schritt weiter geht der Psychologie-Professor in Harvard Steven Pinker in einem Beitrag in der New York Times („Mind Over Mass Media“). Zitat: „Das Wissen nimmt exponentiell zu, die Gehirnleistung des Menschen und die Stunden, die er wach verbringen kann, nicht. Glücklicherweise helfen uns das Internet und die Informationstechnologien, unseren k0llektiven intellektuellen Output auf verschiedenen Ebenen zu managen, zu suchen und zu finden. Das reicht von Twitter und Notizen bis zu elektronischen Büchern und Online-Enzyklopädien. Diese Dinge machen uns eben nicht dumm, sondern diese Technologien sind die einzigen Hilfsmittel, die uns intelligent bleiben lassen.“

Outsourcing von Gehirnleistung

Mal ein wenig zugespitzt: Das Wissen explodiert und nur dank der digitalen Hilfsmittel werden wir von dem Wissenstrom nicht verschüttet und weggespült. Oder weiter gedacht: Wir müssen – bei bleibender Hirnleistung – unser Gehirn frei machen für die bestmögliche Verarbeitung der – exponentiell wachsenden – Informations- und Wissensflut. Dabei hilft uns das Internet, an das wir viele bisher unseren Kopf schwer beschäftigende Aufgaben outsourcen können: Daten und Zahlen, Historisches, Faktenwissen, Zeitgeist-Beobachtung, Informationssuche etc.

Und dieses Netzwerk hilft, in unser kommenden Netzwerkgesellschaft die Fluktuation von Signalen, Infos, Wissen und Themen immer besser zu managen. Und dabei helfen uns unsere neu gewonnen Netzwerke:

Selbst mit dieser Entlastung bliebe noch genug für unser Gehirn zu tun. Aber auch hier winkt Hilfe. Noch einmal Steven Pinker im Zitat: „Der Gebrauch tiefer Reflexion, knallharter Recherche oder schlüssigen Denkens ist noch nie etwas gewesen, was Menschen in den Schoß fällt. So etwas muss in speziell dafür geschaffenen Institutionen erlernt werden, die wir Universitäten nennen. Und diese müssen kontinuierlich trainiert werden, durch Analyse, Kritik und Debatten. So etwas bekommt man nicht, indem man ein dickes Lexikon in den Schoß wirft. Aber es verschwindet auch nicht, bloß weil es auf einmal effiziente Wege der Infomationsbeschaffung via Internet gibt.“

Intellektuelles Trainingsfeld Social Media

Und noch einmal etwas verwegen weitergedacht: Die Themen Analyse, Kritik und Debatte, auch hier können wir outsourcen. Es ist vor allem das weite Feld der Social Media, in dem wir diese Trainingsmethoden eines kritischen Bewusstseins üben und trainieren können. Und manchmal übernimmt einer der Freunde dort die kritische Bewertung, an die man selbst vielleicht nie gedacht hätte und man schließt sich an, per Kommentar oder „Gefällt mir“.

Noch nie war die Möglichkeit der Analyse, Debatte und Kritik, aber auch der Zustimmung und Unterstützung so leicht und so weit verbreitet wie heute. Zufall oder wohlgefällige Entlastung unseres vom Informationstornado mitgenommenen Gehirn.

Unser Gehirn ist in Zukunft wohl nicht mehr der Alleskönner und Allesmacher (wie im Geniekult zu Goethes Zeiten), sondern ist zum einen ein perfekter Outsorcing-Manager und zum anderen trainiert er, das schwierige Puzzlespiel, die divergenten Informationsbits in sinnvolle Bilder zusammenzusetzen und diese dann kritisch zu bewerten – und zu reflektieren. Und das immer „With a little help from my friends“.

Reflexion im Internet


Verändert das Internet das Denken?

Es ist wie mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst, was bedingt was? Verändert das Internet unser Denken – und damit in letzter Konsequenz unser Gehirn? Oder leben wir in einer Zeit, die dringend ein anderes Gehirn, ein anderes Denken nötig hat? Und ist daher der weltumspannende Hyper-Informations-Speicher samt seiner intensiven Hypertext-Verlinkung zwingend entstanden, um dies möglich zu machen?

Immer mehr Soziologen, Neurologen, Biologen und Intelligenzforscher machen sich daran, die Effekte zu untersuchen, die das Internet auf uns User und unsere neuronalen Prozessoren ausübt. Eine sehr umfangreiche und lesenswerte Zusammenfassung der Ergebnisse präsentiert Nicholas Carr in der Juni-Ausgabe des WIRED.

Die Wissenschaftler glauben, einige positive Veränderungen feststellen zu können, oder sagen wir mal wertfrei, erhöhte mentale Leistungen nachweisen zu können. Speziell in der Wahrnehmung und Verarbeitung von visuellen Reizen und Informationen. Auf alle Fälle fällt auf, dass die Gehirnaktivität beim Surfen im Internet höher ist als beim normalen Lesen – oder gar beim TV-Konsum. Auch die Fähigkeit zum Multitasking ist bei internet-affinen Menschen wohl höher – wenn man das denn positiv sehen will. Teilweise wird das aber auch als erhöhte Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, weniger positiv gesehen.

Skimmen statt lesen

Die Wahrheit ist, dass die Untersuchungen eher negative Effekte meinen diagnostizieren zu können/müssen. Am dramatischsten ist die Unfähigkeit der meisten Probanden, Informationen, die sie im Internet – im Überfluss – gefunden haben, ins Langzeitgedächtnis sickern zu lassen – und somit auch die Unfähigkeit zu Denkprozessen, zur Reflexion und persönlicher Bewertung.

Verantwortlich wird dafür die spezielle Art der Rezeption im Internet gemacht. Anstatt zu lesen und dabei geistige Bilder zu imaginieren, scannt der User Texte und Bilder, oder es skimmt sie, wie es im Artikel definiert wird (to skim = absahnen, Rahm abschöpfen). Es werden Inhalte also nur nach Verwendbarkeit abgeklopft. Kurzfristige Reize gewinnen dabei stets – und der langsame und langwierige Prozess der Informationsverarbeitung und Gedankenproduktion – samt Reflexion – kommt im Internet zu kurz. So jedenfalls die im WIRED zitierten Wissenschaftler und ihre Studien.

Das zentrale Problem, so die Studien, ist das Ablenkungspotential, das das Internet in jedem Moment bereit hält, es ist ein Interruptions- und Ablenkungs-System. Die Masse der Hyperlinks, die Multimedialität, die parallelen Aktivitäten in sozialen Netzen, bei Twitter, per E-Mail, Chat etc. verhindern wirksam jede stete Konzentration, jedes Beharren bei einer Aufgabe, einem Thema. Das im TV gelernte Zapping erweitert sich zu einer pathologischen Click-eritis. Unser Erregungsgehirn läuft im Overdrive, aber alles geht viel zu schnell vorbei, als den Engpass zum Langzeitgedächtnis zu schaffen, um dort verarbeitet zu werden.

Inszenierte Internet-Rezeption

Also wieder ein weiteres Fiasko-Szenarium für das Internet, wie wir es jetzt so gerne und „nachhaltig“ aus der Welt der Print-Medien vorgelegt bekommen? Vielleicht. Schließlich sind das alles Studien mit wenig Probanden, und wie man erahnen kann, sind die Untersuchungen in sehr konstruierten Versuchsanordnungen entstanden. Wie, bitte, sieht denn der typische Internet-User aus, den es zu untersuchen gilt?

Aber das beiseite gestellt. Etliche Denkansätze der zitierten Studien sind es wert, bedacht zu werden – auch unter der Gefahr, dass man dabei ins Reflektieren kommt. Unser Denken hat sich sicher geändert. Wie sehr, das kann man im Eigenversuch kaum abschätzen, zu sehr sind die Erinnerungen an früheres Denken entweder verklärt oder vergessen – oder mindestens arg verschwommen.

Beobachten lässt sich aber sehr gut die Denkarbeit, zum Beispiel beim Schreiben. Ich gehöre ja noch der Generation an, die ihre ersten Geschichten mit Hand schrieb – und es dann mit ein wenig Übung wagte, gleich in die (mechanische!) Schreibmaschine zu schreiben. Das hieß, man musste sich, bevor man mit dem Schreiben anfing, schon mal seine Gedanken gemacht haben, was und wie man schreiben will. Bei längeren Magazin-Artikeln gab es dafür regelrechte zu „Drehbüchern“ erweiterte Gliederungen, an denen es dann linear entlang zu schreiben galt.

Neue Ideen beim Schreiben waren damals fatal, denn das hätte geheißen, das Tippen neu von vorn neu beginnen zu müssen: Zurück auf Los – und ziehe kein Honorar ein. Der faule Kompromiss waren dann Artikel-Fahnen, die einer dadaistischen Textcollage glichen. Etliche Kollegen, denen damals die guten Ideen immer erst beim Schreiben kamen, brachten mit wirren Patchwork-Manuskripten die Setzer in der Zeitungsproduktion zu veritablen Wutanfällen – und auch Nervenzusammenbrüchen.

Das Ende des linearen Schreibens

Welche Erlösung waren dann die ersten Computer, ob von Commodore, von Atari oder Apple. Sie veränderten die Schreibweise – und Denkweise – ganzer Journalisten-Generationen. Jetzt konnte munter darauf los geschrieben werden, Korrekturen und Ergänzungen waren ja jederzeit und überall möglich. Für mich war das deutlich ein Übergang von einem echten Schreibstress, der geistige Knochenarbeit war, hin zu einer Lust am Schreiben. Und es befreite das Denken.

Automatisch besser wurden die Artikel deswegen nicht. Schlecht recherchierte, schlampig geschriebene Artikel wurden durch den Computer nicht besser. Zu wenig Gehirnschmalz wurde dadurch nicht ausgeglichen. Aber das bergarbeitermäßige Hindurcharbeiten durch einen Stoff war vorbei. Schreiben wurde von der Maloche zum – im besten Fall – Vergnügen.

Das Recherche-Wunder Internet

Noch freier und noch vergnüglicher wurde das Schreiben dann mit dem Internet. Das unmittelbare User-Feedback (Hits, Verweildauer) war die beste Schule für ein gutes, schnelles und intelligentes – ja auch effekthascherisches – Schreiben. Vor allem aber vereinfachte das Internet den Aufwand der Recherchen. Was war es einst eine Mühsal, einfache lexikalische Informationen zu bekommen. Die Wege in Bibliotheken kosteten so viel Zeit und brachten oft kaum Zugewinn. Das ist heute längst vorbei. Google, Wikipedia & Co. sei Dank. Die Basics sind jetzt so gut und so schnell zu erledigen. Da bleibt dann im besten Fall genug Zeit zu weitergehender Recherche und Reflexion.

Das ist ja auch der Grund, warum sich das Schreiben, das Drehen von Videos und das Posten von tollen Fotos so breit popularisiert hat. Parallel zu viel Schrott und Spam ist die Menge ausgezeichneter Artikel und Filme in Blogs und auf Websites exorbitant gestiegen. Und nie war es mithilfe guter Suchmaschinen und der Hilfe aus sozialen Netzen so leicht, die Perlen zu finden – und den Rest in den unendlichen Weiten der Speichermedien verdorren zu lassen.

Ach ja, apropos. Was in diesen schönen, leicht zu findenden Artikeln, Videos, Bildern, Kunstwerken, Haikus (Twitter) und Facebook-Nachrichten etc. an Reflexion, an Kreativität, an Sensibilität, an Wissen, an Denken, an sozialem Engagement und an Aufmerksamkeit geschaffen wird, das ist so exorbitant mehr als je zuvor in der Weltgeschichte geschehen ist. Das entzieht sich aller Untersuchung von Wissenschaftlern, ist aber faktisch zu erleben.

Denken, Reflexion, Abwägen im öffentlichen Raum waren früher ein Privileg einer winzigen Minderheit (Journalisten, Wissenschaftler). Heute ist es ein Massenphänomen. Und das, obwohl nach wohlmeinenden Untersuchungen (Forrester) „nur“ zwischen 10 Prozent (Deutschland/Europa) und 25 Prozent (USA) der Internet-User selbst aktiv Inhalte posten. Und das allen Ablenkungen, die das Internet bietet, zum Trotz.

Olympia 1972 München


Aufbruch eines jungen Mannes – und einer Stadt

Heute geht das Leben junger Menschen (spätestens) mit 18 Jahren los. Dann sind sie volljährig und sollten die Verantwortung – vor allem aber die mit der Unabhängigkeit (=Freiheit?) verbundenen Freuden zu genießen lernen. Ich gehörte gerade noch zu der Generation, die erst mit 21 Jahren volljährig wurde. (Der Treppenwitz der Geschichte hier: Genau einen Monat nach meinem 21. Geburtstag wurde das Volljährigkeitsalter auf 18 herabgesetzt.)

Trotzdem begann das Leben als Jugendlicher Anfang der 70er-Jahre durchaus mit dem 18. Geburtstag. Dann durfte man nämlich auch damals schon den Führerschein machen. Und dann war es vorbei mit der nächtlichen Sperrstunde, die bis dahin die letzte Tram in Richtung Berg am Laim definiert hatte. Jetzt konnte man auch mal später nach Hause kommen – den Krach am nächsten Morgen (oder noch des Nächtens, weil die besorgte Mama „nicht einschlafen konnte“) rechnete man dafür gerne mit ein.

So wie damals in den Jahren 1971/1972 mein Leben mit dem Führerschein und dann auch mit dem ersten eigenen Auto in Fahrt kam – einem elfenbeinfarbenen VW Käfer 1300 (mit dankenswerterweise unverbiegbaren Stoßstangen) – so wachte zu dieser Zeit die gesamte Stadt München aus ihrer Behäbigkeit und Betulichkeit auf. Die ideologische Basis hatten die Schwabinger Krawalle 1962 und dann die 68er-Revolte samt den studentischen Sit-Ins und Teach-Ins geliefert.

Weltstadt mit Herz

Für eine echte Integration in die 68er-Jahre war ich zu spät geboren. Immerhin durfte ich als jüngstes Mitglied der (neu erkämpften!) Schülermitverwaltung den Triumph der Einrichtung eines Raucherzimmers für die Oberstufe mitverantworten. Ich durfte des Nachmittags im Musikzimmer des Wilhelm-Gymnasiums die wüsten Klavierkaskaden eines wilden Pianisten und Sängers und seiner Begleitmusiker erleben: Konstantin Wecker. Eine herbe Niederlage mussten wir bei der Forderung nach einem designierten Sex-Zimmer im Gymnasium einstecken. (Wir waren ein humanistisches Jungen-Gymnasium, wohlgemerkt!) Das wurde glatt abgelehnt.

Den großen Pusch der Emanzipation von einer verkrusteten und verschlafenen Landeshauptstadt zu einer attraktiven Großstadt erlebte München damals in der Vorbereitung – und dann der Feier der Olympiade 1972. Plötzlich waren die Baugruben, die das München der 60er-Jahre geprägt hatten, verschwunden, es gab eine U- und eine S-Bahn. Neue Hotels, Restaurants und Cafes schossen aus dem Boden, und auch Fast Food- und Pizza-Buden.

Bunter Mix von Menschen

Dann kam die Welt zu Besuch nach München. Wir rückten in unserem sowieso kleinen Reihenhaus zusammen und hatten die Olympia-Tage über ein junges Ehepaar aus Sapporo zu Gast. Wie fremd und schick. Dazu kam noch mein Onkel – mit ganz vielen Eintrittskarten zu den verschiedensten Sportereignissen inkl. Boxen, Volleyball, Leichtathletik, Fußball etc. Es war ein wunderschöner Mix an Menschen in der Stadt. Endlich konnte man auch mal das mühsam erlernte Englisch live anwenden.

Trotz der niederschmetternden Tage der Geiselnahme der israelischer Sportler samt deren tragischen Ausgangs, war die Olympiade in München ein echtes Coming Out der Stadt und ihrer Bewohner. Plötzlich war nicht mehr nur das berühmte Schwabing ein Ort der Boheme, sondern ganz neue Viertel wurden hip: das Lehel, Haidhausen, die Isarvorstadt, die Au, die Schwanthalerhöh etc. Überall schossen neue Läden, junge Kneipen und lustige Alternativen aus dem Boden.

Jazz statt Rock

Besonders unvergesslich bleiben mir die Wochen der Olympiade aber vor allem aufgrund eines Konzertes. Im Rahmen des Kulturprogramms gab es für die jüngeren Zuhörer ein sehr spezielles Jazz-Konzert im Kongress-Saal des Deutschen Museums. Ein Rock-Konzert in staatlicher Verantwortung war damals noch undenkbar. Aber Jazz, das schon. Das hatte ja schon Eingang ins Feuilleton gefunden.

Irgendein sehr kompetenter und zugleich sehr subversiver Mensch muss dieses Programm gestaltet haben. Es spielten nacheinander drei Gruppen. Zuerst eine polnische Jazz-Band, deren Name mir leider (aber zurecht) entfallen ist. Das war gut gemeint von wegen Ostpolitik etc., mehr aber nicht. Danach folgte die Charles Mingus Band. Ein echtes Highlight, so weit ich es mit meiner damals begrenzten Musik-Kompetenz beurteilen konnte. Das Publikum war jedenfalls gebannt, sowohl von den Solo-Leistungen als auch dem perfekten Zusammenspiel unter der Führung des Altmeisters am Bass. Und dem Affen wurde auch Zucker gegeben: Selbst die singende Säge wurde ausgepackt.

Metal-Jazz: Mahavishnu Orchestra

Den Abschluss des Konzertes machte das Mahavishnu Orchestra von John McLaughlin. Ich hatte die erste LP des legendären Jazz-Rock-Quintetts schon im Plattenschrank. Die ingeniöse Mischung aus Instrumental-Virtuositis , genialen „anderen“ Melodien und einem bisweilen extrem aggressiven Drive hatte mich von Anfang an begeistert. Daher auch meine Investition in die teuren Konzertkarten des Olympia-Kulturprogrammes.

Nach einer längeren Umbaupause war schließlich das riesige Equipment der Band aufgebaut: Eine Mauer aus mannshohen, hellblau verchromten Boxen von Shure und dazu die üblichen Türme von Marshall für Gitarre, Bass und die Violine. Ein leises Surren der Anlage schwebte im Saal. John McLaughlin, guruhaft ganz in Weiß gekleidet, begrüßte das Publikum höflich-schüchtern und legte erst einmal eine kurze Meditations-Minute in aller Stille ein. Es war mucksmäuschenstill.

Und dann brach das Inferno los. Ich habe außer einem Motörhead-Konzert im Beton-Quader des Schwabinger Bräu nie wieder solch eine laute Band gehört. Und was sie da in mörderischer Lautstärke boten, war musikalisch eine Ungeheuerlichkeit: höchste Virtuosität, ein geniales Zusammenspiel von fünf extrem versierten – und motivierten – Musikern. Verrückte Harmonien, aberwitzige Rhythmus-Kaskaden (Billy Cobham at his best!!!), schräge Taktgebung, überraschende Breaks, hypnotisierende Soli und wilde Melodie-Verfolgungsrennen zwischen John McLaughlin (Gitarre), Jerry Goodman (Violine) und Jan Hammer (Keyboards, Synthesizer) – und nicht zu vergessen Rick Laird (Bass).

Das vielleicht beste Konzert, das ich je gehört habe. Das Publikum reagierte zuerst wie paralysiert. Die Lautstärke hatte alle in ihre Sitze gepresst. Die Münder standen offen. Teils aus Staunen, teils um die Lautstärke irgendwie aushalten zu können. Der erste Song war „Meeting the Spirit“, danach folgte „You Know, You Know“. – das zu wissen, verdanke ich der extensiven Beschreibung des Konzertes von Christopher Schneider, der damals das Konzert auf Kassettenrekorder mitgeschnitten hat.

Nach etwa zehn Minuten Paralyse aufgrund von Harmonik und Lautstärke muckten dann endlich die Jazz-Puristen auf. Ihre Buhrufe hatte keine Chance, gehört zu werden, zu laut spielte das Mahavishnu Orchestra – und zu gut. Also verließen die Jazz-Spießer unter Protest den Saal. Nach kurzer Unruhe war der wohl zu einem Drittel geleert. Der Rest aber feierte die Band und das Konzert. Und – man war jetzt unter sich.

Mahavishu Orchestra, August 1972, München

Musikalisches Erweckungserlebnis

Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Live-Konzerten des Mahavishnu Orchestras auf meiner Festplatte. Auf Wolfgangs Vault kann man sehr gut ihre kurze Live-Karriere anhand verschiedenster Konzerte mitverfolgen. (Die Konzerte sind gratis per Stream, man kann sie aber auch für kleines Geld als MP3 kaufen.) Auch auf Youtube gibt es Mitschitte, die die Grandiosität und Aggressivität des Konzerts erahnen lassen: You know, you know, You know You know (HD), Meeting of the spirits, und in weniger berauschender Soundqualität Dance of the Maya, Birds, A Lotus on Irish Streams. (Trilogy ist aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.)

Das Konzert war für mich ein Erweckungserlebnis. Ich hatte schon längst Rockmusik geliebt – und auch in diversen Bands selbst gemacht. Ich hatte bis dahin auch schon einige Konzerte gehört, darunter Jethro Tull, Pink Floyd – und natürlich alle lokalen Heroen: Out of Focus (jetzt MP3s auf Amazon ), Subject Esquire/Sahara, Amon Düül, Red Rooster u.v.a. Aber nach diesem Konzert hatten sich mein Gehör und mein Musikgeschmack neu justiert. Seitdem war mir keine Band auf Dauer genug, die immer dasselbe spielte. Seitdem liebe ich Musik, die neue Wege geht. Seitdem liebe ich Musik, die im ersten Moment weh tut, weil sie Hörgewohnheiten (und Denkgewohnheiten) verletzt.

Seitdem liebe ich nur noch Musiker und Bands, die einen Unterschied machen. – Und da es solche Musik und solche Musiker unverändert gibt, habe ich bis heute nicht aufgehört, Musik zu sammeln, Musik zu hören – und auch ein wenig Musik (für mich) zu machen. – Und das habe ich irgendeinem wunderbar verrückten Menschen zu verdanken, der Programmverantwortlichen des Kulturprogramms der Olympischen Spiele eingeredet hat, dass das Mahavishnu Orchestra eine Jazzband ist…

P.S.: Gerade entdecke ich, dass „Underworld“ auf dem Sampler-Album „Athens“, auf dem sie die Bands verewigt haben, die sie maßgeblich beeinflusst haben, auch das Mahavishnu Orchestra mit dabei haben – mit You Know, You Know“!

Digitale Agoraphobie


Prosumer sind aktiv

Die Prognose im Jahr 1994 war klar: Wir werden von passiven Konsumenten zu aktiven Prosumern, dem aktiven Hybriden von Produzenten und Konsumenten. Ich war damals längst nicht der Einzige, der in diese Richtung dachte. Alvin Toffler hatte diesen Begriff schon 1980 geprägt. Aber geglaubt haben damals nur die wenigsten, dass diese Emanzipations-Entwicklung der Konsumenten unmittelbar bevorstand. 1994 war es für die Wenigsten absehbar, wie schnell diese Vision durch das Internet gelebte Wirklichkeit werden sollte. Aber schon allein für die Prognose, dass sich das Internet schnell und massiv durchsetzen werde, wurde man damals im besten Fall milde belächelt.

2010 sind wir alle Prosumer, ob wir wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Kaum ein Produkt wird heute noch gutgläubig und ohne Vor- und Gegenrecherche im Internet gekauft. Kaum ein Produkt, das nicht im Internet bewertet, kommentiert und getestet ist. Das Prosumer-Medien-Universum ist riesig und nimmt an Umfang und Relevanz immer weiter zu.

Und die Produzenten nutzen diese Masse an Prosumer-Wissen, -Meinung und -Kommentaren längst. Die Realtime-Recherche per Internet hat heute bei Firmen, die wirklich aktuelle Daten wollen, die konventionelleMarktforschung abgelöst. Die Daten aus der Prosumer-Crowd sind aktueller und meist auch genauer. Die in ihrer Evolution wohl am weitesten fortgeschrittene Prosumer-Site „Amazon“ hat seit 2007 sogar ein eigenes Konsumenten-Testprogramm: Amazon Vine (demnächst auch in Deutschland). Dort testen ausgewählte Prosumer neue Produkte und bewerten sie.

Der sichtbare Prosumer

Der Wechsel der Rolle vom passiven, „doofen“, manipulierbaren Konsumenten zum aktiven, reflektierenden und kommunizierenden Prosumer bringt als logische Folge eine völlig neue Rolle und damit verbunden neue Rechte, neue Aufgaben und neue Verantwortlichkeiten.

Konsumenten standen einst in ihrer „Passivität“ im Windschatten aller medialen Aufmerksamkeit. Sehr zum Leid der Produzenten, die sich schwer taten, die Wünsche und Geschmacksmoden ihrer Kunden zu recherchieren. Daher der riesige Apparat der Markt-, Konsumenten- und Medienforschung, die immer neue Indizien herausfinden wollten, womit die Konsumenten motivierbar wären, ihr Geld auszugeben. Meist mit eher bescheidenen Ergebnissen.

Die Münze, mit der wir unsere gewachsene Macht als Kunde bezahlen (müssen), ist unsere Privatsphäre. Als Part-Produzent (Pro-sumer) müssen wir raus aus der Anonymität des passiven Konsumententums. Produzenten müssen kommunizieren, wollen sie irgend etwas erreichen. Und wenn es nur der Protest gegen etwas ist – noch mehr aber, wenn man für etwas ist. Die Abermillionen von Konsumenten-Rezensionen bei Amazon und vielen, vielen anderen zeigen diese gewachsene Bereitschaft sich zu äußern. Offen, öffentlich und namentlich.

Raus aus den Elefenbeintürmen

Nicht allen fällt dieser Wandel der eigenen Rolle so leicht. Gerade in Deutschland ist die Digitale Agoraphobie, die Angst vor der großen (Medien-)Öffentlichkeit weit verbreitet. Daran mag das Nazireich mit seiner Allüberwachung und dessen plastischer Darstellung durch George Orwell mit Schuld haben. Vielleicht ist es auch eine spezifisch deutsche Liebe zu Elfenbeintürmchen und Wolkenkuckucksheimen, die hier hinein spielt. Als medialer Hagestolz zieht der Deutsche es vor, über Medien zu mäkeln, ohne selbst aktiv zu sein.

Tatsache ist, wer die Vorteile des Prosumertums genießt, der muss auch dessen Folgen tragen, sprich eine öffentliche Präsenz in den (Digitalen) Medien „aushalten“. Das Leben, so still und zurückgezogen gewesen es sein mag, wird partiell öffentlich, wenn man aktiv in die Prosumer-Relation investiert. Besonders aber, wenn man sich in den Social Media engagiert. (Das entschuldigt nicht Facebooks [planvoll?] schlampiger Umgang mit Persönlichkeitsdaten. Siehe dazu auch: Facebook kann nicht digital.)

Darstellung mit Format

Nein, die Frage ist in erster Linie, was hält Menschen davon ab, im Netz aktiv zu werden, selber zu posten, sich selbst darzustellen? Das kann ein inverser Narzissmus sein – nach dem Motto: Ich bin viel zu gut für diese Welt und die Profanität der Masse an Lesern und/oder Zusehern da draußen. Meist ist es eher das Gegenteil, eine Selbstunterschätzung oder fehlendes Selbstbewusstsein. Hier lautet das Motto: Es ist alles viel zu unwichtig, was mir passiert.

Die größte Hemmung aber ist wohl die des mangelnden Selbstvertrauens. Habe ich was zu sagen? Kann das, was mir wichtig ist, auch anderen wichtig sein. Das ist so falsch gefragt. Jede Beobachtung, jede Meinungsäußerung, jede Statusmeldung kann interessant sein, wenn sie in einer spezifisch persönlichen, authentischen Art geschildert wird. Wie in jedem Fall kommt es darauf an, wie es gesagt wird. Es kommt auf das „Format“ an, das man für seine Wort- oder Bildmeldung wählt. Je persönlicher, authentischer, konsistenter und eleganter der Stil – und intelligenter der Stil ist, desto besser.

4 Argumente für ein öffentliches Leben

Aber warum soll ich mir das alles antun? Vier vorläufige Argumente:
1. Wer sein Leben wenigstens gelegentlich – und halbwegs intelligent – in Blogs, auf Facebook oder auch Twitter dokumentiert, der lebt reflektierter, bewusster und er“lebt“ mehr. Man bekommt einen wacheren Blick und durchdenkt die Dinge, die einen betreffen, besser. Schreiben ist ein Prozess, gerade auch auf Twitter.
2. Die Reaktion anderer auf eigene Erlebnisse und auf eigene Zeilen, Bilder, Videos sind auch für narzissmusfreie Menschen immer eine Wohltat. Wahrgenommen zu werden ist tief in unserem Unterbewusstsein als ganz positiv abgespeichert.
3. Ein Leben aktiv zu leben (z. B. als Prosumer) ist immer besser und erfüllender als es passiv vergehen zu lassen. Nur Aktivität hält unseren Kopf und unser Denken frisch.
4. Wir sind Kinder der Evolution. Ohne sie wären wir noch (immer) nicht mal eine Amöbe. Also haben wir auch eine Verantwortung für sie. Und die können wir wahrnehmen, indem wir neue Gedanken, neue Beobachtung oder auch nur neue Nuancen des längst Gesagten oder Beobachteten in die Welt bringen.

Digital Regressives


Der Machtkampf zwischen Kapital und Digital

Es gibt sehr nette Menschen in dieser Welt. Peter Wippermann gehört fraglos dazu. Er hat nicht nur das Trendbüro Hamburg gegründet und das ZEIT-Magazin schöner gemacht, vor allem aber sorgt er mit seinen so passgenauen Trendanalysen dafür, die Gegenwartskultur und ihre Wandlungen besser zu verstehen. Außerdem ist er ein hervorragender Vortragsredner und Professor. Wir kennen uns u.a. aus der Jury des Multimedia Annuals.

Peter Wippermann

In seinem neuesten Artikel über „Flow.Control“ unterscheidet Peter Wippermann anlässlich des 15. Trendtags sehr treffend die diametral gegenüberstehenden Gruppen der „Digital Residents“, die Internet und Digitale Kultur genießen und wie selbstverständlich nutzen, und die „Digital Visitors“, die vom Internet zwangsbeglückten, die die Digitale Welt vielleicht noch zur eigenen Bequemlichkeit nutzen wollen, aber sich nicht mit den veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen einer Digitalen Welt anfreunden wollen.

Wie gesagt, Peter Wippermann ist ein netter Mensch. Denn statt Digital Visitors, hätte er die Gruppe der leise (bis laut) das Internet verfluchenden Menschen auch Digital Regressives nennen können. Zitat Wippermann: „Kontrollverlust macht ihnen Angst. Ihre Erfahrungen und Erfolge in der Industriekultur verlieren in der Netzwerkökonomie rapide an Wert. … Sie verstehen schwer, dass man Netzwerke nicht kontrollieren kann. Sie sind der Flaschenhals des technologischen Fortschritts.“

Der Flaschenhals hat das Sagen

Das nicht kleine Problem in unserer Gesellschaft ist nun, dass ausgerechnet der Flaschenhals das Sagen hat. Die Digital Regressives sind die Generation der Entscheider. Und sie haben auf dem Weg dorthin geschuftet und sicher auch gebuckelt, oder sagen wir: doofe Chefs aushalten müssen. Und jetzt soll der Aufwand ganz umsonst gewesen sein? Jetzt sollen die Gesetze der digitalen Netze gelten? Plötzlich sollen alle alten Regeln außer Kraft gesetzt sein? Jetzt soll nicht mehr von oben nach unten entschieden werden dürfen? Jetzt soll man Kunden pampern statt sie wie früher per TV-Spot zum Kauf von Pampers zu hypnotisieren?

Wie soll diese Entscheider-Generation sich für so etwas begeistern? Im Gegenteil. Statt wenigstens langsam in die digitale Gegenwart zu steuern, wird lieber kraftvoll gegen gehalten. Bis hin zur Regressivität halt. Perfekt auf den Punkt gebracht hat diese Haltung Eric Schmidt, CEO von Google, in einer Antwort auf eine Frage von Jeff Jarvis, dem Autoren von „Was würde Google tun“, wann denn die übrigen Branchen den Weg ins Digitale Business gehen würden wie Google es schon getan hat.

Veränderung ist Risiko

Eric Schmidt argumentiert, dass das große Geld, das Kapital und die Menschen, die darüber entscheiden, nicht in Richtung einer Digitalen Welt gehen und lieber traditionelle, also überkommene Methoden bevorzugen. Dafür konstruieren sie im Zusammenspiel mit den ebenso wenig an Änderungen interessierten politischen Entscheidern regulatorische Hürden, die Veränderungen schwierig bis fast unmöglich machen. Seine Begründung: Das große Kapital und die, die die Macht haben, scheuen jede Veränderung, weil diese stets Risiken für sie bergen. Sie können so nur verlieren, nicht gewinnen.

Das Worst Case-Szenario für die Zukunft ist daher ein Kampf der Digitalen Kultur mit seinen niedrigen Hierarchien, mit seiner Macht der Netzwerke und ihrer Millionen, ja Milliarden von Mitgliedern und seinen ungeregelten Freiheiten einerseits und den Digital Regressives mit ihrer Macht, dem Zugang zu denen, die die Regeln machen und dem großen Geld andererseits.

Eine Folge von Krisen und Desastern

Das hieße, dass es ein zäher und schmerzvoller Prozess auf dem Weg zu einer Digitalen Welt wird, der sich in einer immer dichter werdenden Folge von disruptiven Ereignissen, also von Krisen, Katastrophen, Zusammenbrüchen und Desastern darstellen wird. Firmen werden so lange alte Strukturen zu verteidigen suchen, so lange noch auf herkömmliche Weise Geld zu verdienen ist. Zur Tarnung – und zur Verlängerung dieser Frist wird man sich digital geben, ohne es wirklich zu sein.

Diese Auseinandersetzung erleben wir schon heute permanent. Die seltsamen Änderungen der Datenschutzrichtlinien bei Facebook, das ist nicht zuletzt ein Kotau vor den alten Regeln der manipulativen Werbung. Das beruhigt die Geldgeber und Investoren und ihr digital regressives Denken. Die Aktionen einer Verbraucherministerin Aigner, die passen hier genauso gut ins Muster. Und wir werden noch viele ähnliche – traurige – Episoden gleicher Machart erleben.

Die Alternative dazu wäre die Einsicht, dass sich Dinge irgendwann ändern werden, unaufhaltsam. Spätestens dann, wenn die Digital Natives das Sagen haben. (Das dauert aber noch.) Vielleicht werden sich die Digital Natives auch viel besser an die schnelle Folge von Krisen und Desastern gewöhnen – und mental damit relativ problemlos klar kommen. Besser als die Visitors mit ihrer analogen, hierarchischen Denke.

Digital Assimilates

Und ob nun aus besserer Einsicht oder notgedrungen, am Ende werden die Digital Visitors ihre Aversion und Allergie gegen das Internet und die Digitalität aufgeben und die neue Offenheit, die neue Geschwindigkeit und die neuen egalitäreren Machtverhältnisse lernen (müssen). Wenn das Geld keine Chance mehr hat, sich erfolgreich an Überkommenes zu klammern und sich so zu mehren, spätestens dann wird ein Wechsel denkbar, weil nötig.

Dann werden aus den Visitors zwar keine Digital Natives, sondern bestenfalls Digital Assimilates. Aber spätestens dann könnte sich dann auch das große Geld an die neue digitale Welt gewohnt haben. Denn dann birgt sich hier kein Risiko mehr.