Geheim, geheim, geheim


Die Fänger der Binsen

Manchmal kann man ihn wirklich mit Händen greifen, den Zeitgeist. Wie genervt, wie enttäuscht war man nach den neuesten Veröffentlichungen von Wikileaks. Alles was man ahnte, durfte man als Einschätzung des örtlichen Personals der amerikanischen Botschaft noch einmal nachlesen. Merkel unkreativ, Westerwelle überschäumend, Seehofer unberechenbar. Was für Binsen, die höchstens narzisstische Seelen, die es direkt betraf, in ihrer Schwarz-auf-Weiß-nachzulesen-Wucht getroffen haben mag. Merkel aber ist des Narzissmus erfreulich unverdächtig.

Ich war selber zu lange investigativ als Journalist unterwegs. Da sind mir massivere Informationen zugetragen worden, die sich dann als nicht haltbar oder nicht nachweisbar erwiesen  haben. Da blieb nichts anderes übrig als klein bei zu geben, wollte man nicht vor Gericht wegen übler Nachrede belangt werden. Die Lektion durfte ich sehr früh in meiner Journalistenwerdung lernen. Da wurde ich flugs verurteilt, weil ich den Bericht eines Schwarzen Sheriffs, der die üblichen Gepflogenheiten in seinem Job geschildert hatte, wiedergegeben hatte. Und weil ich mich weigerte, den Informanten preis zu geben, hatte ich sehr schnell eine saftige Geldstrafe an der Backe. Wegen übler Nachrede.

Öffentlichkeit als Schutz

Später in strittigen Themen als Reporter beim WIENER, wo Aussage gegen Aussage stand, schützte mich die Scheu der Entlarvten vor der Öffentlichkeit. Bei meinem Besuch als Spendeneintreiber bei Alois Müller, bei meinen Recherchen im Bayerischen Umland auf der Suche nach Bauplatz und Arbeitskräften für ein AIDS-KZ oder bei meiner Akquise von Schleichwerbung bei Dieter Thomas Heck, nie kam es zu Klagen gegen mich oder den WIENER. Die Angst vor negativer Publicity, die eine öffentliche Verhandlung – noch dazu bei einem Journalisten – bringen würde, war zu groß. So schützte mich bei meinen Leakings (das Wort war sowas von noch nicht erfunden damals) die Öffentlichkeit und ihr Interesse an Enthüllungen.

Nichts davon war zu Beginn der Wikileaks-Enthüllungen zu spüren, eher ein genervtes Augenverdrehen. Dann aber kam die Reaktion der Politik. Plötzlich wurden Server abgeschaltet, Bankkonten gesperrt, Anklage erhoben, Haftbefehle erteilt – und von einem US-Senator sogar die Todesstrafe für Wikileaks-Chef Julian Assange gefordert. Alles viel zu heftig, verdächtig uncool. Was man selbst mit einem Schulterzucken abgetan hatte, scheint andere schwer getroffen zu haben. Da scheint einer Kaste von Mächtigen das übliche Spiel kräftig vermiest worden zu sein. So reagiert, wer wirklich was zu verbergen hat.

Spielgeld für Monopoly

Zur selben Zeit passieren dann in aller Öffentlichkeit Kuriositäten wie die Vergabe der Fußball-WM an Russland und Katar. Da denkt sich noch der unbedarfteste Mensch so seinen Teil. Zur selben Zeit wird bei der Schlichtung in Stuttgart deutlich, wie selbstverständlich die Politik das Desinteresse von Bürgern an einem als Infrastrukturmaßnahme (Bahn) getarnten Immobiliendeal vorausgesetzt hatte. Und zur selben Zeit wird darüber verhandelt, weitere Aberhunderte von Milliarden zur Rettung von Banken, die sich verspekuliert haben, aus sonst sorgsam verschlossenen Haushaltskassen frei zu machen. Diesmal in Irland, demnächst anderswo. Hier spielen Leute Monopoly und lassen die, die fürs „Spielgeld“ sorgen, nicht teilhaben? Ja nicht einmal dabei zusehen sollen sie dürfen?

Und siehe da, plötzlich macht sich in weiten Kreisen schnell mehr als nur „klammheimliche“ Freude bemerkbar, dass hier den Mächtigen in die Suppe gespuckt worden ist. Egal wo man hinhört, plötzlich erlebt man immer mehr ideelle Unterstützung. Natürlich viel davon im Internet. Die Zahl der Server, die inzwischen Wikileaks gespiegelt haben, steigen behende, derzeit sind es über 500. Die Freunde von Wikileaks auf Facebook sind weit über eine Million, bald eine halbe Million Follower sind es bei Twitter, Tendenz überall steil steigend.

Aber auch die Presse, die zunächst enttäuscht bis genervt reagiert hat, erschrickt über die massive Reaktion der Mächtigen und wertschätzt mindestens die Prozesse, die Wikileaks ausgelöst hat: das Nachdenken über unnötige Geheimhaltung und Staats-Privacy; das Erschrecken über die Unbekümmertheit von Berlusconi und anderen, Politik als ungezügelte Ego-Befriedigung zu pervertieren. Und immer ausgewogenere, klügere und positivere Artikel zu Wikileaks sind jetzt zu lesen. Zu allererst im Feuilleton der Süddeutschen (danke, Andrian), dann auch in der Welt, die einen Artikel zu Wikileaks, den Jeff Jarvis für die Huffington Post geschrieben hat, hier in Deutschland veröffentlicht hat. Besonders beeindruckend der Artikel von David Samuels in „The Atlantic“ (schon jetzt über 9.000 like it!), der die überzogene Reaktion US-amerikanischer Behörden auf Wikileaks anprangert. [Neu dazu gekommen: James Moore. „I am Julian Assange“ in der Huffington Post! ]

Den Zeitgeist spüren

Auf den Punkt bringt den Schwenk im Meinungsbild Clay Shirkey. Der erste Satz seiner klugen Reflexion zu Wikileaks und Nutzen und Unsinn von Geheimnistuerei in seinem Blog beginnt bezeichnenderweise mit dem Satz: „Like a lot of people, I am conflicted about Wikileaks“ Genau so ging es den meisten Menschen. Mir genauso. Inzwischen aber haben sich überraschend viele von denen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, auf die Seite von Wikileaks geschlagen. In der Zeitspanne von Tagen. Das sind die Momente, in denen der Zeitgeist fast körperlich spürbar wird. Danke, Herr Blatter, grazie, Signor Berlusconi, merci, Monsieur Trichet.

Und diesen Wandel erlebt man auch abseits der Medien. Gerade auch in gut bürgerlichen Kreisen, in denen man jetzt in der Adventzeit gerne zusammenkommt, und die seit Stuttgart 21 eine neue Macht und Durchschlagskraft erahnen, erlebt Wikileaks inzwischen Unterstützung und Rückhalt. Ja sogar bei durch ein Jurastudium vorbelasteten Menschen. (Das hat mich dann doch wirklich überrascht!)

So blöd es klingt. Das Spiel der Mächtigen wird seit Wikileaks nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. (Binse 1) Und das ist gut so! (Binse 2) Es wird weiter im Geheimen agiert werden, in allen Sphären der Macht. (Binse 3) Aber das Spiel wird schwieriger. Will man etwas tun, was nicht ganz koscher ist, sollte man sich dann jetzt nur auf mündliche Abmachung verlassen, um keine schriftlichen Spuren zu hinterlassen? Schwierig und riskant!

Das macht doch seit frühesten Kindertagen am meisten Spaß: Wenn man schon nicht mitspielen darf, obwohl man den Ball mitgebracht hat, dann diesen bösen Buben wenigstens das Spiel so richtig zu vermiesen.

Mein lieber Schwede


Was, wenn uns unser Nachbar zu gut kennt?

Die Welt lacht. Wenn sie wohl gesonnen ist, dann schmunzelt sie nur. Sie amüsiert sich über die g’schleckerten Deutschen, die ihre Hausfassaden nicht in Google Street View verewigt sehen wollen. Lieber lassen sie sich einen Pixel-Grauschleier vors Mauerwerk stellen, das sie in einer sonderbaren Ausweitung ihres Narzissmus als Teil ihrer Persönlichkeit verstehen.

Stockholm in 3-D von hitta.se

Ein seltsames Phänomen, dass jetzt teilweise wunderschöne Altstadt-Fassaden, aufwändig renoviert, in aller Hässlichkeit versteckt werden. Für viel Geld mit all den Simsen und Erkern, mit Stuckwerk und vielleicht noch Malerei verschönert, waren sie einst der Stolz ihrer Bauherren und Besitzer. Sie investierten viel Geld, um sich mit dem Haus nach außen darzustellen – und dabei auch für ein schönes Stadtbild zu sorgen.

Jetzt geht es genau anders herum. Jetzt wird alles sorgsam verschleiert, ohne Rücksicht darauf, wie sehr so das virtuelle Straßenbild bei Google Street View verschandelt wird. Jeff Jarvis nennt uns neuerdings nur noch „Blur-mans“, frei übersetzt: Schleiermänner. Eine seltsame Spezies, die sich zickt und ziert, die eigene Fassade zu zeigen. Ein implodierendes Balzverhalten, eine seltsame Bilderstürmerei gegen die höchsteigene Heimat.

Protest gegen alles Digitale

Mir kann keiner erzählen, dass die Verpixelung schöner Hausfassaden mitten in München Schwabing dem Schutz vor Dieben dienen mag. Der Protest gegen Google ist zum einen ein regressiver Protestakt gegen alles Digitale – und die von ihm verursachte Komplexität der Neuen Welt – und die damit verbundene Ohnmacht dem Digitalen gegenüber. Und wenn man sonst gegen nichts zu protestieren hat, dann halt gegen Google. Ausgerechnet am völlig falschen Produkt des Hauses!

Wie es der Zufall will, lerne ich die Tage einen neuen Kollegen kennen, ein Schwede. Auch er lächelt milde über unsere Agoraphotophobie. Er versteht die Aufregung nicht so richtig. In Schweden, speziell Stockholm, kennt man solche Straßen-Fotoservices längst. Die einheimische Firma „hitta.se“ zeigt seit 2008 Stockholm in einer dem Street View ähnlichen Art. Zusätzlich bietet der Straßenservice noch ein fotorealistisches 3-D-Modell der Stadt an, natürlich inklusive sämtlicher Hausfassaden.

Stolz auf Stockholm

Als hitta.se damals durch die Straßen Stockholms fuhr und die Stadt fotografisch erfasste, wurde dieses Projekt von der ansässigen Presse sehr positiv begleitet und das digitale Produkt dann gut promotet. Es machte die Stockholmer ein Stück stolzer auf ihre Stadt – und besser zurecht finden kann man sich dort seitdem auch. Und von einem Anstieg der Diebstähle ist auch nichts bekannt.

Gatubild von hitta.se, das Schwedische Streetview

Die Akzeptanz in Schweden muss auch nicht verwundern. Hier geht man seit je her extrem relaxt mit privaten Daten um. Erzählt mein Kollege: „Jeder kann jederzeit sehen, wer wo wohnt, wann er geboren ist, alles samt Foto des Hauses, in dem er wohnt. Das ist bei uns so.“ Ach, ja, scherze ich, und das Einkommen weiß man dann auch. „Na ja, das kostet – umgerechnet – einen Euro, dann bekommt man die Information auch.“

So ist das in Schweden. Hier gibt es keine – digitalen – Gardinen. Hier weiß jeder vieles vom anderen. Und das stört nicht, sondern wird als Qualität gesehen. Man versteht sich als großes Dorf, in dem man aufeinander achtet. Und das geht nur, wenn man auch genug übereinander weiß. – Eine Horrorvorstellung für uns Deutschen.

Die Enge des Dorfes

Ich bin eigentlich in der Stadt aufgewachsen, in München. Aber Berg am Laim, der Vorort im Osten war damals in den 60er-Jahren noch wirklich dörflich geprägt, mit Weizenfeldern, Dorfgaststätte, funktionierenden Vereinsstrukturen. Kurios nur, dass in den Dorfkern eine Straßenbahn fuhr – und dort kehrt machte.

Wenn wir – natürlich mit der Tram – zum Einkaufen fuhren oder ich in die Schule, dann hieß das: „Ich gehe in die Stadt.“ Die Stadt, die begann dann aber schon knapp zwei Kilometer später nach der Unterführung am Ostbahnhof. Für uns Kinder eine kleine Weltreise, denn dort begann die große weite Welt.

Ich hatte dann auch nichts Dringenderes zu tun nach dem Erreichen der Volljährigkeit (das war damals noch mit 21!), in die Stadt zu ziehen, nach Haidhausen – gute zweieinhalb Kilometer entfernt von meinem Elternhaus. Hier erst fühlte ich mich frei. Hier kannte mich nicht jeder, hatte sich noch kein „Bild von mir gemacht“. Hier gab es die Anonymität, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte.

Das globale Dorf

Jetzt, ein paar Jahrzehnte später geht die Volte wieder zurück. Peu à peu entwinde ich mich der Anonymität und werde zum Citizen eines globalen Dorfes. Immer mehr Menschen erfahren immer mehr über mich, auch Persönliches. In meinem Blog, auf Twitter, via Facebook. Und ich lerne dieses zunehmend gläserne Leben zu genießen.

Treffe ich die Menschen, mit denen ich etwa auf Facebook verbunden bin ganz real, stelle ich fest, dass zwischen uns eine ganz neue Vertrautheit herrscht. Die Gespräche werden besser, tiefer, persönlicher. Der ganze Alltags-Tand und Gesellschafts-Smalltalk, der sonst solche Gespräche prägt, fällt weg. Man weiß „zu viel“ übereinander, um noch Belanglosigkeiten austauschen zu können – und zu wollen.

Das trifft dann sogar für die eigenen Familienmitglieder zu. Man erfährt so viel Neues, Persönliches, aber auch Alltägliches voneinander, dass man sich auf das nächste Familientreffen freut, weil die Gespräche besser sind – und man sich so viel näher ist.

Willkommen im globalen Dorf, lieber Michael! Mir gefällt es hier. Und mir tun die Menschen eigentlich leid, die sich bemüßigt fühlen, sich und ihr Leben mit hässlichen Pixelvorhängen verbergen zu müssen. Die sind die neuen Kleinhäusler, vor denen ich einst in die „große“ Stadt geflohen bin. Jetzt finde ich diese ausgerechnet dort wieder. (Keine Frage, mehr als genug von ihnen sind in den Vorstädten geblieben und lassen dort ihre popeligen Bausparvillen verpixeln.)

Irgendwie erinnert mich das an Kinder, die die Hände vor die Augen pressen und erleichtert seufzen: „Keiner sieht mich! Ich bin gar nicht da!“

Zukunft ohne Visionen


Digitalität und Vernetzung

„Wir erkennen das Gute leider nicht so deutlich wie das Böse. Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal. Eines der erstaunlichsten Phänomene des Internets ist ja, dass Menschen darin so viel miteinander teilen.“, so Brian Eno im Interview in der Süddeutschen Zeitung. Wie recht er hat. Und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Ein Beispiel: Josh Bernoff, Analyst bei Forrester und einer der Autoren des ersten kompetenten Buchs über Social Media („Groundswell“), freut sich via Twitter, dass er als Autor sehen kann, welche Stellen die Leser, die seine Bücher auf Amazons digitalem Lesegerät „Kindle“ lesen, beim Lesen anstreichen, weil sie ihnen besonders wichtig sind. Was für ein Feature. Nun ist auch der Buchautor aus der Isolation des Elfenbeinturms befreit und sieht, was seinen Lesern wichtig ist.

Und hier noch einmal zurück zu Brian Eno. Wie sagt er: „Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal.“ Das stimmt so sehr, und doch geht die Entwicklung darüber hinaus. Wer bitte hat sich je erträumt, dass Autoren mitbekommen, welche Stellen in einem Buch sie für am wichtigsten halten? Und was sagt uns das für die Zukunft des digitalen Buchschaffens voraus?

Die Zukunft des digitalen Buches

Für Kindle hat Amazon sowieso schon neue, kürzere Buchformate (und entsprechende Preismodelle) entwickelt. Amazon will so Buchautoren Mut machen, abseits und jenseits der etablierten Buchformate eine Publishing-Plattform zur Verfügung zu stellen, die sich auch wirtschaftlich rentiert. Für alle Beteiligten wohlgemerkt: für Autoren, die Leser – und Amazon natürlich.

Gut denkbar, dass hier in schriftlicher Form ein Pendant zu den grandiosen Ideen und Vorträgen entstehen könnte, wie sie TED in Video-Form etabliert hat: ein Thema und eine Vision anhand eines spektakulären Beispiels auf den Punkt gebracht und damit eine neue Idee erfolgreich in Umlauf gebracht. Das würde dann Abhilfe schaffen, dass heute zu wenig Visionen für die Zukunft geschaffen werden, wie es Brian Eno befürchtet: „Es fehlt die Zielmarke am Horizont. Die letzte war vielleicht 2001, wegen Kubricks Film. (…) Seither bewegen wir uns sozusagen auf unbeschriebenem Terrain.“

Futurismus auf der Kriechspur

Ich war einst in vor-digitaler Zeit Abonnent und begeisterter Leser von etlichen Zukunfts-Publikationen: „The Futurist“ (USA), „Avenir“ /Frankreich) oder auch von „WIRED“, als noch Gründer Louis Rossetto Chefredakteur war. „Avenir“ gibt es längst nicht mehr,“The Futurist“ gibt es noch, ist aber heute eher eine Debattier-Plattform für neue, aber bereits vorhandene Ideen und Entwicklungen, und WIRED, jetzt bei Condé Nast, ist heute ein respektabler Guide für den digitalen Lifestyle. Neue Visionen, so falsch sie auch sein mögen, finden sich heute nicht mehr.

Wie auch. Die Entwicklungen in der digitalen Welt passieren heute so schnell, dass man kaum Schritt halten kann, geschweige denn wagen möchte, vorneweg zu laufen. Sie sind außerdem so unabsehbar, weil eben, wie oben gesehen, die Menschen in der Verbindung zueinander immer neue Ideen spinnen und neue Anwendungen entwickeln, wie man sie aus der Warte einer Redaktion, eines Trendforschers oder einer Futurismus-Instanz nie erahnen könnte.

Zukunft ohne Visionen

Unser Schicksal scheint es also zu sein, eher unserer eigenen unbewussten, weil nur im Verbund zu anderen funktionierenden digitalen Ingeniosität hinterher zu hecheln. Es ist ja auch auffallend, wie altbacken alle Sci-Fi-Filme zuletzt waren, inklusive „Minority Report“, die versucht haben, ein halbwegs positives Zukunftsbild zu entwerfen. Nur die Visionen einer dysfunktionalen Gesellschaft der Zukunft waren – wenigstens cineastisch – ansehnlich. Von „2001“, „Blade Runner“ bis „Wall.E“.

1994 habe ich mich zusammen mit Gerd Gerken an einem Zukunfts-Szenarium versucht. „Trends 2015“ hieß das Buch und ist im Scherz Verlag erschienen, das Taschenbuch bei dtv. (Inzwischen ist es als Book on demand bei Fischer digital erhältlich.) Wir hatten es eigentlich unter dem Titel „Trends 2021“ lancieren wollen. Gegenargument des Lektors: „Das ist zu weit weg!“ Recht hatte er. Wir müssen uns für keine der Thesen in dem Buch schämen, im Gegenteil, wir haben die digitalen Medien erahnt und viele soziale Entwicklungen richtig skizziert. Aber in der Dynamik und in der Unprädiktabilität, wie sich die Welt derzeit entwickelt, muss man der Intervention des Lektors im Nachhinein dankbar sein. 2021 wäre wirklich zu weit weg.

Die Magie des Augenblicks

Was also bleibt von der Sehnsucht Brian Enos nach Zukunftsvisionen? Flug zum Mars? Nochmal auf den Mond? Autark funktionierende Autos? Wie schal sind solche Visionen! Es gibt so viel Wichtigeres zu tun, wenn es auch nicht wirklich spannend klingt: Klima „erhalten“; die Schere zwischen arm und reich nicht zu groß werden lassen;  die Versorgung der Welt mit (genug guten) Lebensmitteln sicher stellen; die Abhängigkeit vom Öl reduzieren etc. etc.

Aber keine Angst, wenn die Zukunft ein wenig spröde klingt. Es sind die Gegenwart und der Augenblick, die uns in Zukunft immer wieder überraschen werden – und bei genügend Talent zur kleinen Euphorie zwischendurch – uns auch immer mal wieder glücklich machen werden. Wie der Tweet von Josh Bernoff heute früh. Dafür sorgen wir digital Vernetzten sowieso…

Verlust der Deutungs-Hoheit


Die Zeitungen in Deutschland sterben 2030?

Jetzt wissen wir es endlich genau. Der amerikanische – selbsternannte – Futurist und Strategieberater Ross Dawson hat es in seinem Blog gewagt, das Ableben der Zeitungen in ihrer gedruckten Form (engl. „newspaper„) weltweit exakt zu terminieren. Das geht 2017 in den USA los, 2019 folgt Großbritannien, 2020 Kanada und Norwegen. Deutschland hat seiner Meinung nach noch eine Galgenfrist bis ins Jahr 2030. Ganz am Ende der Entwicklung stehen die Mongolei (2038), Argentinien (2039) und das komplette Afrika (2040+). (Die komplette Weltkarte dazu ist beigefügt.)

Wäre man zynisch, dann könnte man solch eine Prognose als smartes Akquisetool und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme werten. Denn die Reaktion auf das exakt datierte Zeitungs-Dahinscheiden ist weltweit schon beträchtlich und diese Aufmerksamkeit und die Chuzpe, genaue Jahreszahlen zu prognostizieren, garantiert Einladungen zu Vorträgen, Symposien und Kongressen.

Self Fulfilling Death

Solch exakte Terminierungen sind natürlich, trotz aller Rationalisierungen, ein Unsinn. Aber sie können durchaus zu einer Selffulfilling Prophecy werden, je nachdem, wie hysterisch die Reaktion vor allem der Betroffenen ausfallen wird. Denn bei allen wirtschaftlichen und technischen Imponderabilien, die Ross Dawson aufzählt, werden vor allem Faktoren, die er in seiner Analyse nicht bedacht hat, über das Fortleben von Zeitungen in gedruckter Form entscheiden. In digitaler Form, auf Lesegeräten und Foliendisplays wird es Nachrichten- und Feature-Inhalte sowieso weiter geben. Gratis höchstwahrscheinlich oder teilweise mit verdeckter Finanzierung durch Nutznießer von stets aktuellen Inhalten – und das werden in dem zur Debatte stehenden Zeitraum kaum mehr Werbetreibende im heutigen Verständnis sein.

Papierlogistik mit angeschlossener Intelligenzia

Das Problem ist also nicht, dass wir nach einem wann immer zu datierenden Zeitungssterben ohne Nachrichten und Meinungen auskommen müssen. Das Problem ist einzig und alleine, dass bislang zu diesem Zweck Unmengen von Papier bedruckt und zu den weit verstreuten Lesern transportiert werden müssen. Die Medienhäuser heute sind eben eher Papier- und Drucklogistiker mit angeschlossener Verwaltung und – im besten Fall – mit einer kleinen angeschlossenen schreibenden Intelligenzia.  Um das Ende dieser Medienhäuser und ihres Businessmodells geht es letztendlich. Und klar ist, dass hier Länder, in denen die Logistik des Zeitungsverteilens besonders aufwändig ist, weil die Entfernungen zu den immer verstreuter werdenden Lesern weit sind, als erste vom Zeitungssterben heimgesucht werden könnten. Also etwa die USA.

Einfluss-Faktoren und blinde Flecke

Ross Dawson hat seiner Prognose eine Menge Faktoren zugrunde gelegt, die durchaus in der Bewertung der Zukunftsperspektiven von Zeitungen Sinn machen. Global gesehen: Verbreitung und Kosten von Smartphones, ePads, Bildschirmfolien, Entwicklung des Anzeigenmärkte, der Druckkosten und der Vermarktungsmöglichkeiten digitaler Inhalte. Regional haben die demographische Entwicklung, technologische Besonderheiten (Bandbreiten), Branchenbesonderheiten (z. B. öffentlich rechtliche Medien), die Besitzverhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung, Gesetzgebung und das Kundenverhalten Einfluss auf die Lebenserwartung von auf Papier gedruckten Medien. (Alle Faktoren – auf Englisch – hier.)

Das ist alles soweit richtig, lässt aber ganz wesentliche Faktoren außer acht oder wertet sie nicht richtig. Das sind wirtschaftliche, personelle, inhaltliche und strukturelle Faktoren. Wie schnell und unbarmherzig der Umbruch von analogen auf digitale Medien gehen kann, das hat die Fotoindustrie bereits exemplarisch vorgelebt. Hier hat sich der Markt innerhalb eines halben Jahrzehnts komplett gedreht.

Quelle: GfK

Die Verkaufszahlen (der GFK) zeigen das eindrucksvoll. (Grafik anbei.) Solche Entwicklungen haben eine exponentiale Dynamik – und sind unumkehrbar. Und je schneller die Kosten für Papier, Transport und Verteilung steigen, desto schneller versagt das Businessmodell und der Punkt ist erreicht, an dem es sich nicht mehr rechnet, Zeitungen zu drucken. Der wesentliche Faktor, der diese Entwicklung beeinflusst (und beschleunigt), ist der Mensch – und zwar gleichermaßen auf der Verbraucher- als auch auf der Produzentenseite.

Zeitungen von gestern

Je nachdem in welcher Geschwindigkeit Menschen Zeitungen nicht mehr attraktiv finden und sie für verzichtbar halten, desto schneller werden Werbekunden nicht mehr Anzeigenseiten buchen – und desto weniger rentabel wird der Vertrieb.

Auslöser, warum Menschen Zeitungen für verzichtbar halten, sind auch technische Entwicklungen. Wenn man wie heute ganze Sektionen der Zeitungen am Morgen überblättern kann, wenn man aktiv News in Online-Medien verfolgt, weil man alles schon weiß und tags zuvor gelesen hat, dann lässt das so manchen überlegen, eine Zeitung nicht mehr zu kaufen oder sein Abonnement aufzugeben.

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Qualität der Zeitungen kaum mehr mit denen der Online-Medien mithält, weil die Redaktionen kaputt gespart wurden. Bestes Beispiel ist hierfür Berlin. Wer dort die Tageszeitungen durchschaut, erlebt quer durch alle Tageszeitungen kaum mehr irgendwelchen Mehrwert gegenüber den Online-Medien.

Verlust der Bedeutungshoheit

Das viel gravierendere Problem aber ist, dass die Print-Medien drohen, die Bedeutungs-Relevanz und jede Zeitgeist-Kompetenz zu verlieren. Christian Jakubetz, Journalist und Journalismus-Dozent hat das in seinem JakBlog in 10 Thesen zur Zukunft der Zeitungen perfekt auf den Punkt gebracht: „Die Tageszeitungen vergreisen in ihren Redaktionen“.

Fakt ist: Junge Journalisten zieht es nicht mehr in Zeitungs-Redaktionen, und dort wären für sie auch gar keine Plätze frei, weil Personal abgebaut wird. So organisieren dann ältere Redakteure, die der Kündigungsschutz geschont hat, Inhalte für ihresgleichen.

Jeder Versuch, imaginäre jüngere Zielgruppen zu erreichen, muss fast notwendigerweise scheitern. Das System des Print-Journalismus ist schon lange nicht mehr für neue Ideen und neue Themen durchlässig. Dazu ist es seit langem wirtschaftlich wie ideologisch unter Druck. Hinzu kommen Standesdünkel, Selbstgenügsamkeit und Besitzstandswahrung.

Als Verleger Arno Hess und ich als Chefredakteur 1979 die „Münchner Stadtzeitung“ gründeten, waren wir damals auch Nutznießer solch einer Verkrustung der journalistischen Strukturen. Das war damals der Zeitpunkt, als durch das Aufkommen neuer Produktionsmethoden (Kugelkopfschreibmaschine, Offset-Druck) die Produktion neuer, billiger produzierter Zeitungs-Medien technisch und wirtschaftlich möglich war. Und eine neue Generation von Schreibern und Fotografen, teilweise von den Journalistenschulen, teilweise Autodidakten wie ich selbst, konnte sich hier ausprobieren. Sie konnten einen neuen, jüngeren Schreibstil entwickeln, neue Themen entwickeln, kritischer zupacken, neue optische Sichtweisen ausprobieren und nicht zuletzt eine neue Art von Service-Journalismus kreieren.

Bluttransfusion für die Zeitungen

Der wirtschaftliche und inhaltliche Erfolg der Stadtzeitungen – und in ihrer unmittelbaren Folge die Zeitgeistmagazine Tempo und WIENER – waren eine (nötige!) Bluttransfusion für einen sich damals relativ selbst genügenden Journalismus. Fast alle Autoren von damals schreiben heute in den großen Zeitungen und Zeitschriften: Spiegel, Focus, SZ, AZ, Zeit, taz, FAZ, sind im TV- und Filmbusiness oder haben eigene Verlage und Redaktionsbüros aufgemacht.

Ich war 27, als ich die Münchner Stadtzeitung gründete. Und ich war einer der ältesten der Redaktionsriege. Beim WIENER war Wolfgang Maier auch noch keine 30, als er die Chefredaktion übernahm, gleiches gilt für Markus Peichl (Tempo). Das schuf Chancen für junge Schreiber und Talente, wie sie heute undenkbar sind.

Ohne Kontakt zum Neuen

Das garantierte, dass sich die junge Generation in Stil und Inhalten wiederfand. Das war das Erfolgsrezept der Stadtzeitungen quer durch die Republik, allen voran TIP und Zitty in Berlin. Heute findet diese Generation ihre Themen und Ideen bestenfalls in Online-Medien, vor allem aber in den Sozialen Netzwerken. Sie sind für das Zeitungsbusiness ein für allemal verloren.

Wer aber die jungen Menschen als Publikum verliert, der kann keine (neuen) Themen mehr setzen, der kann nicht authentisch den Zeitgeist prägen – oder wenigstens repräsentieren. Der kann nicht wirklich Neues leisten, weder inhaltlich, noch optisch, weder rational, noch emotional. Dann hat sich ein (Massen-)Medium überlebt. Dann bleibt nur die Nische – und für die gelten völlig andere wirtschaftliche Bedingungen.

Ich halte daher die Einschätzung von Ross Dawson, dass in Deutschland 2030 die Zeitungen sterben werden, eher für zu vorsichtig. Ich stimme der Meinung von Christian Jakubetz zu: „Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.“

Das blanke Handgelenk


Die Entzeitlichung der Zeit

Es passiert immer öfter, dass man von jungen Menschen angehauen wird. Nicht um Geld, sondern um Zeit: „Wie spät ist es denn?“ Nicht dass diese Jugendlichen und Jung-Erwachsenen nicht das Geld hätten, sich eine Uhr zu kaufen. Vor allem, seit diese auch schon für wenige Euro zu haben ist. Ja nicht einmal, wenn sie das Geld hätten, sich teure, schicke Uhren zu leisten, sie würden darauf verzichten.

Uhren sind uncool. So wie offene Schnürsenkel und unter dem Hüftknochen platzierte Hosen signalisieren, ich bin cool, ich werde nie einen eilenden Schritt tun, entsprechend zeigt das Fehlen einer Uhr, dass man sich nicht von der Hektik unserer Konsum-/Medien-/Geschäfts- und Arbeitswelt tyrannisieren lassen wird. Das blanke Handgelenk als schicke beiläufige Geste des Protests gegen den Status Quo.

Die amerikanische Vordenkerzeitschrift “The Atlantic“ sorgt sich daher schon darum, dass in jungen Kreisen die übliche Handgeste, wenn man auf das Handgelenk deutet, um stumm nach der Uhrzeit zu Fragen, nicht mehr funktioniert: „Was will er, wenn er dahin zeigt? Hat er Schmerzen im Handgelenk?“

Ohne Zeit keine Leistung

Sehr schön wird im Artikel im „Atlantic“ die Historie der Chronisierung und Mechanisierung der Zeit skizziert. So gesehen sind Uhren und deren Zuwachs an Macht ein Synonym für unsere Industriekultur, den Kapitalismus und das Leistungsprinzip: Leistung = Arbeit x Zeit. Was für eine Perspektive. Auf der einen Seite geht uns die Arbeit aus – und nun vaporiert auch noch die Chronologie. Wie soll sich dann Leistung noch lohnen, Herr Ackermann?

Ich bin nun ein Vielfaches zu alt, um so cool sein zu können wie die uhrlosen jungen Leute, ja auch alt genug, um es nicht mehr sein zu wollen. Trotzdem trage ich keine Uhr. Zum einen hat mich noch nie die Idee fasziniert, den Gegenwert eines Gebrauchtwagens oder gar eines Kleinwagens am Handgelenk spazieren zu tragen. Es war mir schlicht körperlich unangenehm. Warum sollte ich die Manschetten meiner Hemden hoch krempeln, um dann trotzdem noch immer kein freies Handgelenk zu haben? Und ein nettes, kluges oder witziges Wort schmückt allemal mehr als eine dicke Rolex (& Konsorten).

Entspannter Umgang mit Zeit

Jetzt ist mein Handgelenk wieder nackig, denn ich brauche längst keine Uhr mehr. Es gibt genug rundum. Im Arbeitsumfeld sowieso oder etwa am Computer, aber auch massenweise im öffentlichen Raum. Spätestens seit das Smartphone unabdingbar ist, weiß zumindest ein Apparat, den ich bei mir trage verlässlich, wie spät es ist. Das ist die rationale Seite der Geschichte. Aber steckt nicht auch ein Körnchen Attitüde dahinter? Wahrscheinlich.

Ich bin nicht der Einzige meiner Generation, der bewusst auf einen Zeitmesser verzichtet. Professor Karlheinz Geißler, seines Zeichens Zeitforscher, tut das ebenso, wie er in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Sein Argument für den Uhrenverzicht ist ein entspannteres Verhältnis zur Zeit. Um nicht zu spät zu kommen, ist er häufiger früher da und nutzt die verbleibende Zeit, und gesteht aus dieser entkrampften Haltung jedem Menschen auch zu, zu spät zu kommen – und definiert das als Höflichkeit. (Daran kann ich noch arbeiten.)

Wir Händler der Zeit

Den wichtigsten Punkt aber streift er nur kurz: Die Uhr als Taktgeber unserer Gesellschaft hat längst ausgedient. Wir sind nicht mehr Sklaven der Taktung nach Stunden und Minuten, wir sind inzwischen auf der nach oben offenen Skala der Souveränität zu geschickten Händlern und Kaufleuten der Zeit aufgestiegen. Wir verabreden uns nicht mehr zu festen Zeiten, sondern nur unverbindlich in groben Zeitrastern, um dann die Details on the fly, bzw. via air per Handy aktuell vor Ort zu verhandeln: „Wo bist du gerade? – Ich bin hier. – Kommst du die nächste halbe Stunde vorbei?“

An der Deflation der Zeit ist (natürlich!) auch die Digitalität schuld. Seitdem wir uns Dinge jederzeit und überall zu Gemüte führen können und wir uns nicht mehr zu fixen Zeiten vor Radios versammeln müssen, um Musik zu hören oder vor TV-Geräten, um Nachrichten zu erfahren oder eine Sendung zu sehen, ist die Zeit beliebiger geworden.

Die befreite Zeit

Zugleich ist die Zeit immer unverbindlicher geworden – und sie wird es durch unseren Umgang mit der Zeit immer noch mehr. In einer globalen Welt, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr (!) 24 Stunden lang ohne inne zu halten funktioniert, ist die Zeit quasi deflationiert. Wir haben immer weniger davon, sie ist (uns) aber trotzdem immer weniger wert.

Das fällt am meisten auf, wenn die Zeit einmal völlig außer Kraft gesetzt ist. Fragen Sie Ihre Freunde oder Kollegen, die beim Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull  irgendwo in der Welt gestrandet sind und nicht mehr weiter kamen, wie sich das anfühlt. Erst unangenehm, dann rundum befreiend.

Evolution der Zeit

Und hier ist der nächste Schritt der evolutionären Entwicklung der Zeit zu erahnen: Über Zeit entscheidet nicht mehr die neutrale, von Wissenschaftlern definierte Zeit von Minuten und Stunden, Tagen und Jahren, sondern unser ganz persönliches Verhältnis zur Zeit. Jeder kennt das Gefühl, dass sich die Zeit verdichtet, wenn etwas interessant ist und wie sehr sich Zeit verdehnen kann, wenn dem nicht so ist.

Je mehr wir autonome Personen werden, die sich nicht von einer ideellen oder orologischen Taktung des Lebens tyrannisieren lassen, desto mehr werden wir Herrscher unserer Zeit. Und je mehr sie sich dabei verdichtet, desto wichtiger wird der Augenblick – und desto nebensächlicher wird Vergangenheit – oder wird jedes bange machen vor der Zukunft unwahrscheinlich.

Die Augenblicklichkeit – also der Genuss des Hier und Jetzt ist doch eine wunderschöne Vision. – – – Vor allem hier und jetzt, während ich mit dem Zug nach Süden fahre…

Aber halt, ich bin ja schon da und muss aussteigen… – die Zeit ist wie im Flug im Zug vergangen…

P.S.: Jetzt hat auch Spiegel Online das Thema aufgegriffen: „Der digitale Schwarm“.

Zoe’s World


Ein Blick in die Zukunft

Besuch in Berlin. Eine ganz normale U-Bahnfahrt Richtung Uhlandstraße. An der Haltestelle steigt ein Vater mit seiner kleinen, süßen Tochter im heute üblichen Sportbuggy ein. Das Einrangieren dauert in der Enge der Berliner U-Bahn. Das Kind, leise durchgerüttelt, gibt lustige Laute unter seinem Schnuller von sich. Klingt irgendwie wie „eipot, eipot“. Allmählich wird das zur klaren Forderung: „ipod!“ „ipod“

Wir haben uns nicht verhört. Tatsächlich gibt der Papa der kleinen Tochter einen iPod in die Hand. Sie nimmt das Teil zufrieden und fachmännisch, sucht sich in aller Ruhe ihr Lieblingsprogramm – scroll rauf, scroll runter – und fängt an zu spielen. Sichtlich mit großem Vergnügen und in aller Ruhe.

Alle herum staunen und schauen fasziniert dem Kind zu. Und irgendwann drehen sich die Köpfe auch in Richtung Vater. Der kennt das wohl schon und merkt entschuldigend an: „Das hat sie von der Mama, von mir hätte sie es nicht bekommen.“ Er wirkt aber sehr entspannt dabei.

Cool und relaxt, selbstverständlich

Wir kommen ins Gespräch. Sein rosa gewandetes Töchterchen ist zwei Jahre alt (in Zahlen: 2) und hat das Gerät, seit sie es das erste Mal in die Hände bekommen hat, sofort beherrscht. Man sieht es. Sie geht mit einer extremen Entspanntheit mit dem iPod um. Keine hektischen Bewegungen, alles sehr selbstverständlich, ja elegant. Und zugegeben, die winzigen Fingerchen in dem Alter sind für die Handhabung wirklich besonders gut geeignet.

Zoe heißt die Kleine und nimmt inzwischen das Interesse an ihrer Person bzw. ihrem Lieblingsspielzeug wahr. „Meins!“ spricht sie mehrmals aus ihrem Schnuller . „Meins!“ Aber als ich ihr versichere, dass ich gar nicht vorhabe, ihr ihr Spielzeug zu nehmen und ihre Fähigkeiten bestaune, ist alles gut. Sie nimmt nun sogar den Schnuller aus dem Mund und fängt an, mir ihr Spiel zu erklären.

Stimmungs-Aufheller

Ich frage den Vater, ob das Wundermittel iPod immer funktioniert? „Immer!“, versichert er mir. Und Zoe ist tatsächlich stets gut gelaunt? „Sie ist wirklich durchgängig freundlich und lustig!“ Zoe strahlt und wählt ein anderes Programm aus. Diesmal gibt es ein süßes Video mit einem kleinen animierten  Elefanten zu sehen.

Die Situation ist in sich einerseits so putzig und dabei so absurd, dass man sich unwillkürlich umsieht, ob nicht gerade ein Werbespot von Apple gedreht wird. Wird er nicht. Aber eigentlich schade drum. Ein überzeugenderes Modell als Zoe kann es eigentlich nicht geben, um die Vorteile und die positiven Effekte des iPod – und damit der kompletten Produktfamilie – zu bebildern. Was wir hier sehen ist „intuitive Nutzung“ par excellence.

Die Szene und der Umgang von Zoe mit dem Gerät und der lustigen Kommunikation, die sich daraus entwickelt, ist so positiv, dass man nur schwer die üblichen Vorurteile gegen die Nutzung aus dem Bedenkenträgerspeicher ziehen kann. Hier ist ein Kind, das die Interaktion mit seinem Spielzeug absolut zu genießen versteht. Eine freundliche, lustige Zweijährige, deren Fingermotorik extrem weit entwickelt ist, und die sichtbar von ihrer Intelligenz her ihrem Alter weit voraus ist.

Bedenkenträger mit leeren Händen

Sie spielt mit aller Freude und baut sich dabei sichtlich ihr eigenes Phantasiereich auf – und das reagiert sogar auf sie. Nur sind das keine Bauklötzchen, sondern virtuelle Pixelhaufen, mit denen sie spielt. Und statt in einem Kinderbuch, blättert sie durch (stumme!) animierte, kurze Kindervideos.

Der übliche kritische Reflex, dass Kinder in solch einem Alter so etwas nicht tun sollen, funktioniert nicht recht, nicht mal auf der rationalen Ebene. In Wahrheit gönne ich dem Kind die Freude, das es mit seinem Spielzeug hat. Und wenn es stimmt, dass sie damit nachhaltig fröhlich ist, wunderbar. Die fünf, sechs Stationen, die wir gemeinsam gefahren sind, haben jedenfalls viel Spaß gemacht. Ein kleiner Sonnenschein spielt mit viel Freude und kommuniziert fröhlich.

Irgendwann drückt mir Zoe sogar den iPod in die Hand. Von wegen: „Meins!“ Ich soll auch mal spielen. Kucke ich vielleicht nicht freundlich genug? Doch tue ich. Und dann will sie mir noch ihr Lieblingsvideo zeigen. Kurz im Menü gesucht, und – schwupps – ist es da.

Leider muss Zoe schließlich aussteigen. Wir winken ihr hinterher. Der komplette Waggon grinst und schüttelt bewundernd den Kopf. Keiner stänkert. Zoe hat uns verzaubert.

Die Ahnung einer Medien-Zukunft

Ich bin dankbar, hier einen ersten, kurzen Blick in die Zukunft der Medien erhascht zu haben. Wie werden Menschen, die von kleinauf so souverän Geräte bedienen, interaktiv tätig sind, die so viel Freude an so etwas haben und dabei so normal agieren, in Zukunft mit Informationen, Medien und Tools umgehen? – Unvorstellbar! Aber erahnbar!

Und nicht einmal jetzt am Abend, wenn ich die Geschichte aufschreibe, will sich der rationale Miesepeter aufraffen und all die Argumente, die dagegen sprechen, dass Kinder so früh mit – geeigneten! – digitalen Geräten umgehen, aufsagen.

Alles Gute, Zoe!

Wann kommt der Netzsprecher?


Alles nur ein Kommunikationsproblem!

Tausende gehen auf die Straße, um gegen die Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke zu protestieren. Tausende von ideologisch unverdächtigen Menschen, wohlgemerkt. Dasselbe in Stuttgart, um gegen die Tieferlegung des Hauptbahnhofes zu demonstrieren. Auch hier ein eher bürgerliches Klientel ganz vorneweg. Das irritiert sogar hartgesottene Politiker, dass hier gegen ihre sorgsam austarierten Entschlüsse so massiv vom ureigenen Wählerreservoire aufbegehrt wird.

Wenn die Reaktion der Politik nicht gleich narzisstisch gekränkt ausfällt – „alle wohlstandsverwöhnt!“ – dann wird unweigerlich ein Kommunikationsdefizit als Grund für die Proteste ausgemacht. Undenkbar die Vorstellung, dass die weisen Entschlüsse der Politik vielleicht einfach nicht gewollt werden, ja möglicherweise falsch sind. Nein, sie sind dem aufsässigen Volk nur nicht auf die richtige Weise nahe gebracht worden. Ein bisschen hat das die Haltung von einem genervten Vater, der  – in immer gereizterem Ton – versucht, dem Widerstand seines trotzigen Sohnes irgendwie Herr zu werden. Lehrer Lämpel lässt grüßen.

Na dann, viel Spaß! Die Wahrheit ist doch, dass sowohl bei der Atomenergie als auch bei Stuttgart21 sich eine Protestbewegung als Netzwerk organisiert hat und vor allem per Internet, hier speziell über mobile Geräte (Handy, Smartphone). Auf diesem Weg sind auch die Argumente dagegen verbreitet worden. Denn in der Presse hat man dazu, speziell bei Stuttgart21, wenig Kritisches zu lesen bekommen. – Das auch zum Thema schlechte Kommunikation: Die Pro-Argumente wurden mehrheitlich auf konventionellem Weg (Print) verbreitet, die Gegenpositionen eher digital.

Asymmetrische Kampflinien

Wie aber will man überhaupt virale Wirkungen erzielen und Netzwerkeffekte nutzen, wenn man nicht auf den ureigensten Interessen derer aufsetzt, die die Suppe später auslöffeln müssen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Nie wird bei uns ein technologisches Projekt eine ähnliche emotionale Wirkung erzielen wie es – berechtigte – Ängste um radioaktive Verstrahlung, Atommüll und Sorgen um die Startbedingungen kommender Generationen tun.

Wie solch asymmetrisch veranlagte Konflikte ausgehen müssen, hat nicht zuletzt der überraschend klare Erfolg der Anti-Raucher-Initiative in Bayern gezeigt. Hier hat eine gut vernetzte, hoch motivierte, aber finanziell schwache Initiative gegen eine gut finanzierte Kampagne der Raucher- und Gastronomieklientel gewonnen. Erstere mobilisierte viele junge und gesundheits- und umweltinteressierte Menschen an die Urne zu gehen (ich sah bei der Abstimmung viele junge Familien auf dem Weg zu oder von den Wahllokalen), während diejenigen, deren ureigenste (Raucher-)Interessen beschränkt wurden, keinerlei Solidarisierungswirkung erzielen konnten. Gemeinwohl siegte so klar über Individualinteresse.

Kurios ist, dass die Anti-AKW-Bewegung seit je her computer- und später internet-affin war. Entsprechend gut sind hier bis heute die Aktivierungs-Effekte. Eher überraschend ist, dass sich auch die Bewegung in Stuttgart so schnell digital organisiert. Das hat ihr große Vorteile in der Auseinandersetzung mit den Staatsorganen gebracht. Vor allem wenn diese technisch nur mit dem Hilfsmittel des Polizeifunks mithalten kann. (Und der ist bis heute noch analog, oder?) Schön kurios. Die Verfechter der baulichen Moderne (Bahnhof im Untergrund) kämpfen mit veralteten, analogen medialen Mitteln gegen konservative Bewahrer, die bei ihrem Kampf auf modernste digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Politik per SMS

Die mangelnde digitale Kompetenz in Sachen Promotion und Kommunikation ist typisch für die Politik. Hier wird Digitalität nicht gelebt, sondern eher versucht, sie mit legislativen Mitteln in Griff zu bekommen. Es reicht eben nicht, Politik per SMS zu können, wie sie Angela Merkel praktiziert. SMS beweist keinerlei digitale Kompetenz. Und immer mal wieder eine Videoansprache auf YouTube einzustellen, zeigt keine Social Media-Kompetenz. Wie will solch ein Apparat auf die Netzwerkkräfte einer digitalen Vernetzung und auf die tief emotionalisierende Überzeugungskraft einer Mobilisierung über kenntnisreich und authentisch genutzte Social Media mithalten?

Es ist ja kein Zufall, dass es schon als Schritt in die Gegenwart gesehen wird, wenn statt eines Print-Journalisten, wie es seit je üblich war, jetzt mit Steffen Seibert ein TV-Anchorman zum offiziellen Sprachrohr der Kanzlerin gemacht wird. Wie lange wird es noch dauern, bis ein Mensch, der mit dem Internet aufgewachsen ist und in Social Media vernetzt ist, Pressesprecher wird – oder wenigstens Steffen Seibert entsprechend unterstützt. (Obama macht das schon längst…)

Pyramide der Macht

Digitale Kompetenz wird aber so lange in der Politik und der staatlichen Verwaltung nicht möglich sein, solange hier noch im alten hierarchischen Denken verharrt wird. Und das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Denn gerade diese Pyramide der Macht, gerade das lustvoll gelebte Ober-sticht-Unter-Prinzip macht doch den speziellen Reiz der Politik aus. Gäbe es nicht die Aussicht, reale Macht zu haben und ausüben zu können, welch halbwegs vernünftiger Mensch würde sich den Tort der Kärrnertour durch die Parteiorganisationen – und die stete Frustration mit den uneinsichtigen Wählern – antun, die so gar nicht verstehen wollen, welch segensreiche Entschlüsse die Politik für sie fällt. Politiker ohne Lust an der Macht, die müssen erst noch erfunden werden…

Vielleicht wäre inhaltliche Arbeit besser als jeder Versuch, hässliche Geschenke an die uneinsichtige Wählerschaft wohlfeil zu verpacken. Das hat keine Chance, also packt es lieber nicht neu ein!

Lernstunde


Das Stuttgarter Immobilienprojekt

Stuttgart21, ja oder nein? Das war mir lange relativ wurscht. Ein bisschen sehr teuer, dass dafür die Immobilien- und Baubranche dick abkassieren kann. Und die Begründung einer besseren Bahnanbindung war seit je fadenscheinig. Aber schön fand ich den Bahnhof in Stuttgart nie, praktisch auch nicht. Ich kenne etliche Bahnhöfe, die unter die Erde verlegt worden sind. Sie sind nicht schön, aber sie funktionieren. Und wenn wie in Madrid dafür das historische Bahnhofsgebäude intelligent umgewidmet wird, wunderbar. So schön sind breite Bahntrassen quer durch eine Stadt nun wirklich nicht. Sie trennen Wohnviertel, sie machen Lärm und mindern Wohnqualität.

Aber in Wirklichkeit habe ich mir aus einem anderen Grund keine dezidierte Meinung erlaubt. Bei diesem Thema ist meine Ratio schwer geschwächt: Ich bin ein echter Bahn-Romantiker. Nein, gar nicht mal wegen Ökologie oder wegen der bequemen Arbeitsmöglichkeiten – wenn die Züge mal nicht überfüllt sind. Nein, mein Bezug zu Bahn und Bahnreisen ist viel grundsätzlicher, emotionaler Natur.

Das geht schon damit los, dass ich in Berg am Laim, in Hörweite des damals dort gelegenen Rangierbahnhofs aufgewachsen bin. Vor allem in der Stille der Nacht, wenn die jugendlichen, später pubertierenden Gedanken wirr herumschwebten, wurden sie dramatisch durch das eiserne Aufeinanderprallen der Puffer untermalt , wenn neue Güterzüge zusammengestellt wurden. Dazwischen gab es kurze, kryptische Ansagen per Lautsprecher an das Rangierpersonal. (Das war lange vor dem Mobilfunk.) Für mich war das bei allem technoiden Klang eine schöne, eine vertraute Geräuschkulisse, die zugleich Ferne, Technik, vor allem aber Abenteuer versprach.

Abenteuer am Bahndamm

Abenteuer vor allem deswegen, weil das Bahnareal und die in seiner Nachbarschaft gebaute Eisenbahnersiedlung für das brave Kleinbürgertum der Eigenheimsiedlung schlecht beleumundet war. Die gingen dort nicht in die Kirche, waren Sozis und auch sonst eher verdächtig. Kurzum: Es war die ideale Projektionsfläche für wilde Träume und spannende Phantasien junger Köpfe und Seelen. Und als dann noch ein frühreifes Mädchen aus der Nachbarschaft mit einem Jungen von dort durchbrannte und die Gerüchte erzählten, sie würden irgendwo in den aufgelassenen Bahngebäuden ein Lotterleben genießen, war die Bahnsiedlung endgültig ein sehnsüchtiges Abenteuerland.

Die Bahn war für mich zugleich auch immer Synonym für Aufbruch und Fremde. Wir hatten nie ein Auto, also fuhren wir immer mit der Bahn in Urlaub, vorzugsweise mit Liegewagen von Touropa und vorzugsweise nach Italien an die Adria. Und dieses Reisen war wirklich besonders: Dieser Rhythmus der Gleise, wenn der Zug fuhr, über dem man irgendwann einschlief mit der Aussicht, in der Fremde, im warmen, schönen Süden aufzuwachen. Diese traumhaften Momente der Schlaflosigkeit, wenn der Zug lange an der Grenze zu warten hatte und ins Abteil das kaltgelbe Licht der Sodium-Lampen fiel. Und natürlich hatte ich für meine Märklin-Anlage zwei solch schöne Personenwagen mit dem edlen Schriftzug der Touropa am Waggon.

Auch später in erwachsenen Jahren hat mich das Bahnfahren immer begeistert. Kaum woanders kann ich so intensiv, so konzentriert und inspiriert arbeiten wie in einem Zug, der durch die Nacht jagt. Unendliche Male habe ich das auf der Fahrt von Hamburg (aus dem Exil) nach München (in die Heimat)  erprobt – mit großem Erfolg.

Klammheimliche Freude

Und jetzt also Stuttgart. Ich gebe zu. Ich habe lange so etwas wie klammheimliche Freude empfunden über die Proteste in Stuttgart. Es ist immer eine kleine, vielleicht nicht sehr erwachsene, nicht sehr faire, aber sehr genugtuende Freude, wenn die Bürger nicht auf Rosstäuschereien der Politik hereinfallen. Und dass das in Stuttgart sogar bis in die ureigenste CDU-Klientel hineinreicht, war das Tüpfelchen auf dem „i“.

Spätestens seit dem Polizeieinsatz, bei dem es in Kampfmontur, mit Reizgas und den neuen, brutalen Wasserwerfern gegen Schüler und brave Bürger ging, ist es mit der Wurschtigkeit vorbei. Wenn man es nötig hat, mit solchen Mitteln eine Infrastrukturmaßnahme durchzusetzen, die doch eigentlich für die Bürger gedacht sein sollte, dann kann da etwas nicht stimmen.

Dieses Ereignis, die Kommentare der verantwortlichen Politiker im Nachhinein, die zu Publikumsbeschimpfungen gerieten, zeigen, dass es um viel, viel mehr als den Bau eines Bahnhofs geht. Hier eskaliert das Unbehagen, nein der Brechreiz der Bürger, auch gerade auch der der üblichen Protest-Klientel, an der Heuchelei und der Verlogenheit der etablierten Politik. Und die diversen TV-Diskussionen zeigen, dass den verantwortlichen Politikern ihre eigenen falschen Töne, ihre hohlen Phrasen und festgefahrenen Denkschemata gar nicht bewusst sind. Sonst würden sie sie ja nicht weiter so ungeniert perpetuieren.

Latente Wahrheiten

Die Widersprüche, einerseits Hunderte von Milliarden von Euros für die Spekulationen der Finanzmärkte zur Verfügung zu stellen und auf der anderen um fünf Euros für einen Hartz IV-Empfänger zu feilschen, sind eben – latent oder offen – jedem Bürger bewusst, nur scheinbar nicht denjenigen, die das zu verantworten haben: den Politikern. Sie kapieren auch nicht, was da los ist. Sie klammern sich schier verzweifelt an rationale Argumente für den Bahnhof. Zum einen sind diese selten wirklich überzeugend und zum anderen irrelevant, wenn das Projekt längst zur Projektionsfläche für ein Unbehagen, für Ängste und tief sitzende Verärgerung ist.

Und am schlimmsten macht die Sache die notorische Haltung als beleidigte Leberwurst. Alle Politiker der Bahnhofsbefürworter sind brüskiert, wie sich die Wähler, also der Volkssouverän, erdreistet, die sorgfältig ausgekungelten und durch die Instanzen klandestin verabschiedeten Beschlüsse einfach so in Frage zu stellen. Was erlauben Wahlvolk? Einfach so, ohne Vorwarnung, den Souverän spielen zu wollen, egal was das kostet? Das ist die schlimmste narzisstische Kränkung, die ein Politiker und seine Kaste erleben können.

Häutung der Gesellschaft

Das letzte Mal, als es den Autoritäten, den Politikern, den Wirtschaftsverbänden und Lobbyisten, also all denen, die gemeinhin das Sagen haben, die Sprache verschlagen hat, als sie nicht mehr mit dem Volk, das sie zu repräsentieren angetreten waren, funktionabel kommunizieren konnten, das waren die Jahre nach 1968 mit den positiven Folgen einer Runderneuerung der Gesellschaft und den fürchterlichen Folgen der bleiernen Jahre des Terrorismus. Eine neue Generation von Politikern schaffte es damals, wieder den Dialog mit den Bürgern zu eröffnen, ja im besten Fall sogar den Bürgern den Eindruck zu vermitteln, dass sie verstanden werden.

Müssen wir da jetzt  noch einmal durch? Es scheint so. Die Gesellschaft muss sich dringend wieder einmal häuten. Politiker wie Stefan Mappus sind dabei äußerst hilfreich…

Gänsehaut-Feeling


Warum nur haben wir das Staunen verlernt?

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich bei Microsoft in Deutschland anfing. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so anders, so großzügiger, so arbeitnehmerfreundlich. So hatte ich es in den vielen Jahren bei Medien nie kennengelernt. Nur die Mittagskantine bei Scholz & Friends in Hamburg war stylischer und das Essensangebot noch ein bisschen besser. Aber hier: eine Kantine mit allem, was das Herz (nein, der Magen) begehrt. Von ungesund und fettig (Pommes) bis zu Bio-Gemüse und Gesund-Qualität war alles geboten. Und dazu schöne Cafeterias und Kaffeeküchen mit einem breiten Angebot an Gratisgetränken – und ein breites Angebot an Sportmöglichkeiten.

Wir alle, die neu zu Microsoft gekommen waren, um Sidewalk in Deutschland zu launchen (na ja, war dann nix), waren beeindruckt und begeistert. Aber kam man ins Gespräch mit Alteingesessenen, dann wurde nur genörgelt und geschimpft. Haupt-Tenor: Früher war alles besser! Es ist faszinierend, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt und aus der Gewöhnung heraus dann auch kontinuierlich abwertet. Die Gewöhnung ist der Feind jeder Begeisterung, jeden Staunens. Wir sind wirklich gut darin, uns flugs an ein hohes Niveau zu gewöhnen und dies ab sofort als neuen Normalfall zu eichen. Und ab da an kann es fast nur noch bergab gehe…

Unsere Unfähigkeit, über schöne Dinge zu Staunen und sich darüber von Herzen zu freuen, hat der amerikanische Autor und Comedian Louis C.K. (bürgerlich: Szeleey) in seinem Interview bei der Late Night Show perfekt analysiert. Er bringt den Saal vor Lachen zum Kochen (und schaffte bislang über 2 Millionen Abrufe bei YouTube), indem er daran erinnert, was früher der Normalfall war, und welchen Komfort man heute – nörgelnd – für selbstverständlich hält. Beispiel Flugzeug. Tatsache ist: „You’re sitting in a chair, flying!“ Wer schafft es noch, so zu denken. So real – und staunend wie ein Kind?

Positive Verdrängung

Unsere segensreiche Fähigkeit, unangenehme Dinge möglichst schnell verdrängen zu können und zugunsten schönerer Erinnerungen auszutauschen, funktioniert leider auch  recht gut, um auch schöne und spektakuläre Dinge der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Diese Verdrängungsleistung lässt uns immer neue Höhen technischen Fortschritts und hilfreicher Dienstbarkeiten erklimmen – aber ohne positive Wirkung auf unser Seelenkostüm.

Um noch über Selbstverständliches staunen zu können, muss man sich gut in die Vergangenheit und deren Banalitäten zurückerinnern können. Man muss zugleich sensibel für die Alltagswunder sein, die uns eine technische Wunderwelt seit Jahrzehnten zur Verfügung stellt. Weil wir uns aber – natürlich auf ganz hohem Niveau – im täglichen Klein-Klein verheddern und über so viele kleine und große Unzulänglichkeiten aufregen können, geht uns das Staunen über die großen Schritte verloren. Fazit von Louis C.K.: „Everything is amazing and nobody is happy!“

Arsenal des Staunens

Was gibt es nicht alles, worüber wir eigentlich noch immer staunen müssten? Ich freue mich noch immer über den grünen Klee, wenn ich an den alten Grenzstationen – etwa Kiefersfelden und am Brenner – einfach vorbei fahre. Wieviel Zeit ist mir da im Stau gestohlen worden. Oder auf der Fahrt nach Berlin: Da überkommt mich an den Orten, wo einst die Grenzkontrollen standen, noch immer eine Gänsehaut. Dieser Psychoterror, der da zuverlässig geliefert wurde – von Menschen, die heute meine Mitbürger sind.

Oder wie einfach es geht, einen Artikel wie diesen öffentlich zu machen. Ganz ohne jedes Problem. Ohne Chefredakteur, ohne Produktioner, ohne Drucker, ohne Auslieferung – und gratis!  (Nur eine Schlussredakteurin gibt es – sehr zum Wohle meiner Rechtschreibung: Heidi Rauch.) Und ebenso einfach ist es, solch einen Artikel zu lesen – und überhaupt zu finden. Wenn man liest, mit welchen Stichworten Leser zu diesem Blog finden: wirklich phänomenal. Oder das Internet mit allen seinen Ausformungen nach nur 15 Jahren. Was für ein Wunder! Ich staune wirklich immer wieder ganz real, was sich da entwickelt hat. Inklusive wohligem Schauer.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ – Ich kann nicht nur staunen, ich empfinde auch echt und wirklich Glück, über all die Veränderungen, die ich in meiner Lebensspanne erleben durfte: Inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. 55 Jahre Wohlstand in Deutschland und rundherum. Permanent steigende Lebenserwartungen. Ein entsprechend hoher Gesundheitszustand inklusive wahrer Wundertaten der Medizin. Und was wir heute alles genießen dürfen, kulturell, kulinarisch, musikalisch, intellektuell, einfach so, nach jedem Gusto und meist frei Haus!

Die Kraft der positiven Veränderung

Das alles ist kein Grund, nicht die negativen Effekte zu sehen. Es ist kein Grund, Missstände nicht laut anklagen zu dürfen. Und keine Frage, es gibt noch mehr als genug, was dringend geändert und verbessert gehört. Aber ich habe den schweren Verdacht, diese nötigen Veränderungen sind leichter anzugehen und zu meistern, wenn man sich bewusst macht, was möglich ist und was schon alles geschafft worden ist. Und ich vermute, mit dem Glücksgefühl, was schon alles geschafft worden ist, lassen sich die anstehenden Aufgaben besser angehen – und der Spirit der Innovation nährt sich besser aus Erfolgen als aus Mutlosigkeit und Depression.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ Glücklich zu sein, einfach so, das ist uns in unseren Breiten- & Längengraden hochgradig verdächtig. Glück will sauer verdient sein. Glück muss vorzugsweise mit einem gerüttelt Maß Ärger, Frust und am besten auch noch Depression erarbeitet werden. Sich einfach so zu freuen über all das, was schon erreicht ist, was unseren Alltag einfacher und schöner macht, was für eine irritierende Vorstellung…

Digitalität & Eleganz


Lineare, euklidische Bilder

Meine Eltern stammen noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. War es die Kriegszeit oder das Erbe der Vorgängergeneration, sie schleppten ein Leben lang eigenartige Bilder und Vorstellungen mit sich herum, die ihr Denken bestimmten – und damit auch die in späteren Jahren unausweichlichen Sorgen und Ratschläge: „Übernimm dich nicht!“ Das bekam ich immer wieder zu hören.

Dahinter steckte die unausrottbare Vorstellung, wir Menschen hätten nur eine ganz bestimmte Menge an Kraft, an Nerven und/oder Gehirnzellen. Und damit hatte man sorgsam umzugehen, um sie ja nicht zu schnell aufzubrauchen. Also immer ganz langsam und vorsichtig, damit man im Alter noch übrig hat: Kraft, Gesundheit, Nerven, Gehirnzellen.

Ein anderes unausrottbares Gedanken-Bild waren Pyramiden bzw. Dreiecke. Alles hatte wie einst das klassische Drama einen kontinuierlichen Aufstieg bis zu einem Kulminationspunkt – und von da an ging es unweigerlich abwärts. Das war so. Nur der höchste Punkt und die Steilheit des Auf- bzw. Abstiegs waren der persönlichen Gestaltung überlassen. Das war das Bild für das persönliche Leben – und ganz brav nahm man dann auch irgendwann das Abwärts als gegeben hin.

Hierarchisches Denken

Das Dreieck bestimmte Karrieren, Familienschicksale (Buddenbrooks!), ja die komplette Historie. Und auch die Gesellschaft an sich wurde seither logisch als Pyramide definiert, schön hierarchisch aufeinander gestapelt, je nach Macht und Einfluss (und Reichtum), je nach politischer Richtung etwas steiler oder flacher.

Unser Leben, d.h. der Generation, die ihre Prägung und Sozialisation in der vor-digitalen Zeit erhalten hat, ist voller solch linearer und geometrischer Bilder. Alles, was sich nicht in solche Formen fassen – oder pressen – ließ, galt als ungeordnet, als chaotisch, nicht akzeptabel, als intellektuell unanständig. Schon die Rundung, die sich mit der nie recht zu fassenden Kreiszahl π einer klaren Definition entzog und deshalb als irrationale bzw. transzendentale Zahl gilt, war schon etwas anrüchig.

Wirre Zahlenmuster

So gesehen ist die Akzeptanz der Digitalität zugleich ein kulturelles und ästhetisches Problem. Zum einen fehlen uns die Bilder, die euklidischen Symbole, um die Digitalität in unserem Denkgebäude heimelig unterbringen zu können.

Die Idee, sich statt schöner linearer Verläufe oder vertrauter euklidischer Formen bei der Digitalität eine Unmenge erratisch verteilter Zahlen oder eine wirre, unendliche Folge von „Nullen“ und „Einsen“ vorstellen zu können, tut regelrecht körperlich weh. Man denke nur an die ewig gleichen, untauglichen Versuche, Programme und digitale Daten grafisch oder optisch irgendwie darstellen zu können.

Nebulöse Wolken

Nicht umsonst hat man sich schließlich auf ein solch nebulöses Symbol wie eine Wolke geeinigt, um die Unmenge von Datenkonvoluten in Grafiken und Funktionsplänen darzustellen. Daraus wurde letztendlich, dass wir unsere Daten jetzt in einer „Cloud“ speichern.

Weil die reale physikalische Heimat von global in Speichern und Rechnern wild herum vagabundierenden Daten nicht mehr zu lokalisieren ist, wurde der „nebulöse“ Begriff einer Wolke („Cloud“) gewählt. Ein wahrer Tort für unsere klare Formen und Linien gewohnte Vorstellungskraft.

Eleganter Code

Ich habe wirklich während meines Studiums Ende der 70er-Jahre auch die Grundlagen des Programmierens gelernt. Am Ende des Grundkurses in „Logo“ konnte ich schon einfache Anwendungen programmieren. Als es dann aber daran ging, aberhunderte von Daten in Lochkarten zu erfassen und dafür ein Programm zu schreiben, gewann mein innerer Schweinehund haushoch gegen meine technische Neugier. Und die Rezeptionsforschung musste ohne solide Datenanalyse weiterhin im Ungefähren forschen.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Zusammentreffen mit Programmierern in den Frühzeiten des (deutschen) Onlinebusiness. Da war noch nicht die Rede von HTML und www. Damals dachte man – analog zum Erfolg von Compuserve – ausschließlich in eigens entwickelten, proprietären Programmen („Interchange“ von ZiffDavis!), mit denen Informationen und Daten – gegen Bezahlung, versteht sich – Abonnenten zugänglich gemacht werden sollten. Entsprechend hakelig und buggy war die Performance.

Die Faszination des Apfelmännchens

Damals hörte ich die Programmierkollegen das erste Mal von einem „eleganten“ Code sprechen. Das war mit einer derartigen Ehrfurcht und Bewunderung intoniert, dass mir sofort jeder Scherz darüber verging. Seitdem wurde mir allmählich immer klarer, dass meine hergebrachte Idee von Schönheit und Eleganz arg beschränkt war. Es gibt gerade auch in der digitalen Welt eine Schönheit und Eleganz. Nur leider entzieht sie sich wehrhaft aller Assoziation mit hergebrachten Schönheits- und Ebenheitsmodellen.

Wie, bitte, sollte man auch die wundersamen Multiplikations- und Exponential-Effekte von Netzwerken darstellen, wie Crowd-Sourcing, wie die Verknüpfung scheinbar disparater Daten, wie das Mashups tun? Wie soll man die positive Kraft sozialer Netzwerke grafisch umsetzen oder wie Location Based Services? Der einzige digitale Service, der hier vom Namen und dem grafischen Äquivalent überzeugen kann, ist Twitter (Zwitscherer) mit seinem allerliebsten blauen Spatzen.

Der Digitalität insgesamt fehlt ein faszinierendes Symbol, wie es dem Mathematiker Benoit Mandelbrot mit dem „Apfelmännchen“, der wunderschönen Visualisierung der Mandelbrotmenge, gelungen ist, der Unansehnlichkeit der Idee des „Chaos“ durch ein kultisches Symbol ein Ende zu setzen. Hier fehlt noch eine zündende und funktionierende Idee, wie Digitalität optisch attraktiv umgesetzt werden kann. Der grüne Datenregen in „Matrix“ war dazu ein ungeeigneter Versuch.