Ich bin nun mal so…


Wie der Präsident, so das Land

Es schmerzt wirklich nicht wenig, erkennen zu müssen, von einer beleidigten Leberwurst als Staats-Präsidenten repräsentiert worden zu sein. Aber beim zweiten Nachdenken keimt ein viel schlimmerer Verdacht auf. Der Präsident in seiner Wehleidigkeit war vielleicht ein adäquater Repräsentant unseres Landes.

Dieser Eindruck entsteht, wenn man wieder einmal des Volkes Stimme unaufgefordert aufgedrängt bekommt. In der S-Bahn etwa. Im Abteil gegenüber sitzt ein Rentner-Ehepaar. Beide reden ungerührt aufeinander ein, jeder in seinem eigenen Klage-Monolog über den Lauf der Welt, vor allem aber über die unermesslichen Unbillen, die er bzw. sie täglich zu erleiden haben. Das geht von den schrecklichen Nachbarn über die missratenen Nichten und Neffen bis – natürlich – zu den unfähigen Politikern. Wie da zwei Menschen längst verlernt haben, einander zuzuhören und stattdessen ganze S-Bahn-Abteile ungerührt mit negativer Energie und ewigem Wehklagen zumüllen, lässt einen schaudern.

Jung und Alt klagen um die Wette

Ähnlich wenig erbaulich sind aber auch in der S-Bahn zwangsweise mitgehörte Gespräche junger weiblicher Teens im besten spätpubertären Alter. Wie sie sich gegenseitig über die schlimmsten Zumutungen, die das Leben an sie stellt, beklagen. Von Chefs, die sich erdreisten, (zugegeben: berechtigte!) Kritik zu äußern, über die doofen Kollegen und Freundinnen, die die eigene Genialität nicht anerkennen wollen, bis zu den derzeitigen Freunden, die so gar nicht funktionieren wollen, wie sie es gerne hätten. Eine einzige Lawine von Selbstmitleid und Wehleidigkeit.

Man kann über solch unangenehme, allzu menschliche Unzulänglichkeiten wie Wehleidigkeiten am besten schreiben, wenn man sie selbst durchlebt, durchlitten und – wenigstens etwas – gezähmt hat. Als Einzelkind – mein Schicksal – hat man die ideale Disposition, Wehleidigkeiten zu entwickeln. Keine Schwester, kein Bruder bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn man sich auf irgendeine fixe Idee kapriziert, und weil sie nicht funktioniert, dann die Welt und ihre Bösartigkeit dafür verantwortlich macht, wenn man mit ihr scheitert.

Der Weg aus der Wehleidigkeits-Falle

Mich haben später liebende Frauen in nicht immer liebevoller Art von den schlimmsten Auswüchsen von Wehleidigkeit geheilt. Für den nächsten Schritt auf dem Weg zu weniger emotionaler Wichtigtuerei und eitlem Narzissmus haben dann Kinder gesorgt, für die man Verantwortung übernommen hat. Wie sollte man ihnen die schlimmsten Auswüchse an Wehleidigkeit austreiben, wenn man sie selbst hemmungslos auslebt?

Aus der Falle der Wehleidigkeit befreit haben mich dann mehrere Phasen von Coaching. Da wurde die Falle, die man sich durch Wehleidigkeiten stellt, endlich klar: Die irrationale Fixierung auf Bedürfnisse, auf Ideen und Pseudowerte, die meist irgendwo und irgendwie unreflektiert akquiriert, meist sogar oktroyiert worden sind, machen den Lebensweg so schwierig. Sie sind ein riesengroßer Rucksack, an dem man sich abschleppt, ohne darüber nachzudenken, wer ihn gepackt hat – oder gar, ob man ihn überhaupt will.

Großtierherde an Fetischen

Kurioserweise verwechselt man diese Beipacklast mit dem eigentlichen Leben und verteidigt jede einzelne Nichtigkeit daraus: Jede noch so kuriose bis lästige Eigenschaft. Jede neblige Hoffnung und jede noch so schwiemelige Sentimentalität. Jede längst hohl gewordene Werte-Illusion und dazu eine ganze Armada von kitschigen bis dysfunktionalen Fetischen, die man sich über Jahre zugelegt hat wie einst die von Tanten und Omas zwangsbehegte Großtierherde an Plüschtieren.

Das Ganze firmiert dann unter dem Totschlag-Argument: „Ich bin nun mal so!“ Dies ist der Schlachtruf der Reflexionsverweigerung und eines störrischen Innovations- und Evolutions-Boykotts, der immer und wieder gnadenlos ertönt. Unglaublich, welche Paraphernalia und Belanglosigkeiten ins Feld geführt werden, um nur ja nicht einmal einen Deut in seinem Leben ändern zu  „können“.

Eisenkugeln am Fuß

Aber all das, an dem man da so irrational festhält, macht das Leben schwer. Die Wehleidigkeiten sind wie Mühlsteine am Hals, wie Eisenkugeln am Fuß. Sie machen ein flexibles, ein neugieriges, ein lebendiges Leben unmöglich. Und da das Leben keine Rücksicht auf Mühlsteine und Eisenkugeln nimmt und sich einfach munter vor sich hin ändert, entstehen die Konflikte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die es so wortreich und lautstark zu beklagen gilt. Das ist die Sprengkraft, aus der sich die Wehleidigkeit so erfolgreich munitioniert.

Wehleidigkeiten sind die Gefängnismauern einer immobilen, einer beharrenden, einer zukunftsstörrischen Gesellschaft. Gefängnismauern, die immer dicker werden, je lauter die Wehklagen dahinter ertönen. Aus ihnen kann man sich nur befreien, wenn man erst erkennt, in welch verfahrene Situation man sich gebracht hat. Und dann gilt es viel zu üben und wirkungsvolle Rituale dagegen zu entwickeln.

Leider bleibt den meisten Menschen, die nicht aus den Fesseln der Wehleidigkeit ausbrechen können, nicht der flinke Ausweg eines Rücktritts mit unmittelbarer Wirkung – bei vollen Pensionsbezügen. Genauso wenig ist das Gesellschaften vergönnt, die sich vor lauter Wehleidigkeit nicht vorwärts entwickeln wollen. Die Welt entwickelt sich weiter, erbarmungslos, ohne auf Wehleidigkeiten auch nur ein Quentchen Rücksicht zu nehmen…

Die digitale Privatsphäre


Facebook kann nicht digital

Jetzt werden die Privacy-Einstellungen von Facebook nun doch wieder entschärft bzw. userfreundlicher gemacht. Der laute Protest der Facebookgemeinde ist gehört worden. Vermeintlich. Ich habe aber leider schwer den Verdacht, dass Mark Zuckermann nur bis zur nächstnötigen Position zurückgerudert ist. Nur was nicht durchsetzbar war, wird zurückgenommen. Von Einsicht, wie unklug und unangebracht die Ausweitung der Privatsphäre bei Facebook ist, keine Spur. Man muss sich nur Zuckerbergs Videobotschaft ansehen, so uncharmant, emotionslos und unengagiert.

Aber der Reihe nach. Ich bin der Meinung, dass die Aufregung über den Schutz der Privatsphäre in Europa und Deutschland absurd und hysterisch ist. Ängste über möglichen und vermeintlichen Missbrauchs privater Daten werden unverantwortlich angeheizt. Sie werden uns vor allem durch die Massenmedien (inkl. dem Verweis auf unsere spezielle Historie samt Nazi-Medien-Diktatur) antrainiert. Das ist ein Reflex auf alte negative Erfahrungen. (Ja, auch ich war gegen Volkszählungen!) Aber es ist auch einer der Abwehrreflexe der alten Massenmedien gegen die neue digitale Medienwelt.

Ich bin mir sicher, dass wir auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft den Großteil unserer Bedenken, möglichst viele Details unseres Lebens der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, verlieren werden. Digital Natives kennen solche Vorbehalte gar nicht. Sie genießen die Vorteile einer digitalen Offenheit in den Sozialen Netzen und den Mobilen Medien viel zu sehr. Wer bitteschön glaubt denn, dass eine Firma mit echtem Zukunftspotential das Internet nach Fotos durchforsten wird, die Bewerber in spätpubertärer Trunkenheit zeigen. Oder anders gefragt: Wer will bei solch einer Firma ernsthaft als junger Mensch mit Ambition arbeiten?

Im Zweifel die kleinere Menge

Das alles ändert aber nichts daran, dass es reichlich Menschen gibt, die nur allzu gerne Informationen über andere Menschen, die sie aus dem Internet gewinnen können, missbrauchen. Ob das gewöhnliche Perfidie ist, enttäuschte Liebe, Neid, Missgunst, Depression oder was immer die menschliche Psyche an Abgründen bereit hält. Daher geht es auf dem Weg von der analogen zur digitalen Gesellschaft vor allem darum, dass jeder selbst bestimmen kann, welcher Öffentlichkeit er welche Informationen zur Verfügung stellt. Das sollte nicht nur einfach zu regeln sein – das leistet Facebook nun wohl. Oberstes Prinzip aber sollte sein, dass im Zweifel immer die kleinst mögliche Gruppe persönliche Infos zur Ansicht bekommen, anstatt eine vom Betreiber definierte Menge von Menschen.

Mein Verdacht ist, dass die Privacy-Einstellungen bei Facebook verändert worden sind, um mögliche rechtliche Komplikationen  zu vermeiden. Wenn die Facebook-Verantwortlichen Werbetreibenden sehr granulare Zielgruppen vermitteln, müssen sie wohl rechtlich dafür sorgen, dass dem möglichst wenig Einschränkungen von Usern im Wege stehen. Daher die Default-Einstellung, dass im Zweifel die Privacy-Einstellungen möglichst lax sind.

Das zentrale Problem ist, dass Facebook bei seinem Versuch, seine exorbitante Reichweite endlich monetarisieren zu können, sehr konventionell, sehr altmodisch, ja analog zu Werke geht. Es wird nicht versucht, ein Marketingmodell der Zukunft zu schaffen, sondern es werden Werbetreibenden wie einst schon beim TV Zielgruppen zur Verfügung gestellt. Das einzig Digitale daran ist, dass diese Zielgruppen bei Facebook aufgrund der verfügbaren Daten (Ort, Ausbildung, Beruf, Interessen etc. etc.) extrem granular angeboten werden können.

Bisher ist der Ansatz der werblichen Kommunikation, die Facebook Kunden anbietet, überholt. Da hat Google einst mit der Erfindung der Google Ads inhaltlich und konzeptionell weit eher Neuland betreten, ebenso mit seinem AdSense-Vermarktungsmodell. Ähnlich Innovatives hat Facebook bisher nicht zu bieten.

Kommerzielle Kommunikation der Zukunft

Der Ausweg für Facebook wäre, dass das Unternehmen zu Ende denkt, wie eine akzeptable werbliche Kommunikation in einer digitalen Zukunft aussehen könnte. Hierzu einige Anregungen:

  • Kommerzielle Kommunikation darf in Zukunft nicht mehr von oben herab verordnet werden.
  • Es darf künftig nur mehr auf gleicher Augenhöhe kommuniziert werden.
  • Werbung darf nie mehr manipulativ sein.
  • Kommerzielle Kommunikation darf den Konsumenten nicht mehr ohne Konsens zugemutet werden.
  • Kommerzielle Kommunikation muss in Zukunft realen Mehrwert bringen.
  • Kommerzielle Kommunikation muss – dank Personalisierung – individuell ansprechen.
  • Kommerzielle Kommunikation wird in Zukunft völlig anders aussehen als konventionelle Werbung heute.
  • Kommerzielle Kommunikation könnte durchaus auf den Prinzipien von Social Networks funktionieren.
  • Die wirkungsvollste Werbung sind Empfehlungen von Freunden.
  • Märkte sind Gespräche – so das Cluetrain Manifest. Warum also dann nicht eine neue kommerzielle Gesprächskultur?
  • Wir wollen weiter kaufen und konsumieren, aber selbstbestimmt.
  • Aber weiter dürfen – und sollen – Faszination, Magie und Kreativität von Produkten, Services und Ideen kommuniziert werden.

Und für Facebook müsste das heißen:

  • Facebook müsste der oberste Advokat seiner Kunden sein, dass die kommerzielle Kommunikation im größten Sozialen Netzwerk der Welt in die Zukunft weist.
  • Facebook müsste treibende Kraft der Ideenfindung für eine sinnvolle und akzeptable kommerzielle Kommunikation der Zukunft sein.
  • Facebook müsste dabei neue Ideen und neue Konzepte im Gespräch und im Konsens mit seinen Mitgliedern suchen – und finden.
  • Das Prinzip Ordre de Mufti (hier: Zuckerberg) muss ein für alle Mal abgeschafft sein.

Paid Content (4) The Future


Google kümmert sich um Journalismus

Nun bekommt meine Reihe doch noch – unerwartet – eine vierte Folge. Die Frage , wie man mit journalistischen Inhalten noch Geld verdienen kann, treibt viele Menschen um, und nicht nur in Print-Redaktionen. Zwei Artikel verdienen zu dem Thema Aufmerksamkeit. Da ist zum einen der Artikel von Wolfgang Blau, dem Chefredakteur von Zeit Online, in der Süddeutschen Zeitung, der das Dilemma der deutschen Medienhäuser perfekt auf den Punkt bringt: „Dem Journalismus geht es erstaunlich gut. Ja, die wirtschaftliche Zukunft vieler Zeitungshäuser ist ungewiss. Ja, auch die meisten online-journalistischen Angebote arbeiten noch nicht einmal kostendeckend und niemand kann mit Sicherheit sagen, welches journalistische Geschäftsmodell in Zukunft tragfähig sein wird. Dennoch erlebt der Journalismus gerade seinen größten Entwicklungssprung seit Erfindung des Rundfunks.“

Wolfgang Blau, Chefredakteur Zeit Online

Blau prangert – zu Recht – die Wehleidigkeit der (Print-)Redaktionen an und deren Unwillen, sich mit Social Media und der Masse der Blogger und deren eben in großer Breite auch professionellem Journalismus auseinanderzusetzen: „Es ist schon ein erstaunliches Paradoxon, dass viele von uns die Fähigkeit zur Analyse und zur Kommunikation für Kernkompetenzen ihrer Profession halten, gleichzeitig aber bei der Analyse ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit und bei der direkten Kommunikation mit ihren Lesern so große Defizite zeigen.“

Erfrischend ist der fundamentale Zukunftsoptimismus von Blau: „Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen.“ In seinem lesenswerten Essay, in dem er u. a. den Guardian oder die BBC als Vorbilder erwähnt und auf die unglaublichen Potentiale im öffentlich-rechtlichen System Deutschlands hinweist, bleibt er allein einen tragfähigen Ansatz schuldig, wie Journalismus nötiges Geld verdienen könnte.

How to Save the News

Dieses Versäumnis holt dafür in einer ebenso ausführlichen wie eindrucksvollen Art das renommierte amerikanische Magazin „The Atlantic“ in seiner Online-Ausgabe nach. „How to Save the News“ beschäftigt sich hauptsächlich mit den Bemühungen von Google, den Qualitäts-Journalismus am Leben zu erhalten.

Das Interesse von Google an guten News, an fundierten Stories und einer funktionierenden Kontrolle staatlicher und wirtschaftlicher Macht ist nicht irgendwelcher philantropischer Natur. Nein, dahinter stecken veritable wirtschaftliche Interessen. Google und seine Suche – und seine News-Sektion iGoogle – sind immer nur so gut, wie es genügend gute, professionelle und interessante Artikel gibt, auf die Google linken kann. Deshalb beschäftigt sich eine ganze Abteilung bei Google – und auch Googles CEO Eric Schmidt – mit der Frage, wie man gute journalistische Qualität monetarisieren kann.

Eric Schmidt, CEO Google

Eric Schmidt wird in dem Artikel mit der prägnanten Erkenntnis zitiert: „Ich sehe, wie parallel zu sinkenden Zeitungsauflagen die Online-Leserschaft dramatisch wächst. (…) Die Zeitungen haben nicht das Problem mangelnder Nachfrage. Ihr Problem ist ihr Business-Modell.“ Wie recht er hat. Die entsprechenden Fakten für diese Behauptung liefert „The Atlantic“ in einer unglaublich umfangreichen Zahlendokumentation, die dem Artikel beigefügt ist. Nur 15 % der Kosten der Medienhäuser werden für den Journalismus selbst investiert. (Und das ist vielleicht noch nicht einmal alles höchste Qualität, was da produziert wird?) Wenn man noch nötige Verwaltung und Marketing dazu zählt, sind es höchstens ein Drittel der Kosten, die für den Journalismus selbst aufgewendet werden.

News waren nie rentabel

Der größte Teil der Kosten geht bei Zeitungen für Papier, Druck und Distributionskosten drauf. Der Artikel schildert sehr eindrucksvoll, wie absurd die Idee in einer Zeit kompletter digitaler Komplettvernetzung ist, eine krude Mischung unterschiedlichster Inhalte plus Werbung auf gedrucktem Papier auszuliefern. Das Business-Problem aber ist, dass sich News und Qualitätsjournalismus nie per se gerechnet haben. Sie waren nur die Attraktionen, die Menschen dazu bewegt haben, eine dicke Masse an bedrucktem Papier zu kaufen. (Wer erinnert sich noch an die Kilo Papier einer Wochenendausgabe vor zehn Jahren?)

Die News wurden damals von Erlösen aus Rubrikenanzeigen (Kfz, Immobilien, Jobanzeigen etc.) und von anderen Anzeigen subventioniert. Seit die Medienhäuser all das ans Internet verloren haben (aus eigener Schuld!), haben sie 30 bis 50 % des Umsatzes verloren. Da liegt das Kernproblem: In Internet funktioniert das Bundling nicht mehr. Jede einzelne Nachricht, jeder Artikel muss sozusagen in Eigenregie sein Geld verdienen. Es kann nicht mehr quersubventioniert werden. Und die Nutzer sind nicht bereit, für Dinge zu bezahlen (wenn überhaupt), die sie gar nicht nutzen und nicht wollen. Zur gleichen Zeit zahlen die deutschen Mediennutzer aber klaglos jährlich 7,4 Milliarden Euro, wie Wolfgang Blau sehr richtig hinweist, als GEZ-Gebühren für offentlich-rechtliche Medien!

Intelligente Zahlmodelle

Google versucht nun, in seinen Laboratorien Konzepte zu entwickeln, wie ein Bezahlmodell in Zukunft aussehen könnte. Erste Prämisse wäre natürlich, die Druckkosten einzusparen. Dafür sind wir nur noch ganz wenige Entwicklungszyklen von elektronischen Lesegeräten entfernt. (Nein der iPad ist auch noch nicht die Lösung!) Aber in fünf, spätestens zehn Jahren könnte es soweit sein, dass News und Stories auf digitalen Geräten nicht nur lesbar sind, sondern sogar mehr Lesespaß bereiten als heute Papierversionen. (Da wird das iPad den Weg dafür bereiten!)

Das allein löst aber nicht das Problem. Der Ansatz von Google geht da weiter. Eine Richtung ist, Werbung intelligenter zu machen und neue Plattformen zu schaffen, die gute Inhalte mit passenden Anzeigen kommerziell ertragreicher machen. AdSense ist hier nur ein erster Schritt. Man stelle sich nur anstatt von Fünfzeilern wie bei AdSense Videos, optische Explorationsabenteuer oder AudioFiles etc. vor, die Firmen inhaltsadäquat zu Geschichten platzieren und die die Story besser und vielschichtiger machen. Dazu müssten sich aber das gängigen Werbebusiness komplett umstellen und Werbung vor allem anders vermarktet werden. Google ist da schon dran.

Eine andere Option wären Micropayment-Systeme, die Artikel – oder Abonnements (etwa von intelligenten Angebotsplattformen – Glam.com ist da nur ein erster Schritt) fair, einfach und kostentransparent funktionieren ließen. Auch in diese Richtung denkt Google.

Google muss es richten

Traurig eigentlich, dass Medienhäusern von außen geholfen werden muss. Aber diese haben in den letzten 15 Jahren ja eindrucksvoll bewiesen, wie wenig sie mit digitaler Intelligenz umgehen können. Ihr Versäumnis haben erst Multis wie Yahoo, Google, Facebook oder Twitter möglich gemacht. Alles eigentlich einfache Konzepte, die hätte man nur mutig finanzieren müssen in Zeiten, als noch super verdient wurde. Aber da hat man das Geld lieber für TV-Experimente und dicke Dividenden ausgegeben (manchmal auch für saftige Honorare). Und jetzt muss es Google richten…

Modernes Denken


Social Media als Selbstprostitution

Das Leben eines Professors ist nicht leicht. Die Studenten hören nicht zu. (Sie können sich nur noch 10 Minuten lang konzentrieren!) Die Öffentlichkeit will von Professoren der Medizinischen Psychologie gerade nicht viel wissen, jetzt sind die Wirtschaftswissenschaftler im Focus.

Aber Professor Ernst Pöppel ist ein Medienprofi. Er weiß, was zu tun ist, um Aufmerksamkeit zu ernten: Man gehe zu einem klassischen Printmedium und tue das, was sie zur Zeit am liebsten machen: Internet-Bashing, vorzugsweise Social Media-Bashing; oder aber ganz, ganz toll: Facebook-Bashing. Dazu braucht es nur ein paar übertourige Reizworte und eine atemberaubend steile These, und schon ist man endlich wieder in den Schlagzeilchen.

Und so liest sich dann das Ergebnis dieses waghalsigen Medien-Stunts, Zitat aus dem Faz.Net der Frankfurter Allgemeinen vom 11. Mai 2010: „Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen. Man öffnet sich nicht wirklich, will sich aber zeigen. Es ist gewissermaßen Selbstkommunikation – ein öffentliches Tagebuch, das nur so tut, als wäre es Kommunikation.“

Diese zwei Sätze muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – halt, falsches Bild bei einem Hirnforscher: durch die Ganglien rotieren lassen. Eine „Offenlegung von Intimitäten ohne Verpflichtung“, das ist laut Weltbild von Prof. Pöppel eine „Selbstprostitution“. Also ist jedes Gespräch, das über ein oberflächliches Geschwafel hinausgeht, schon eine Selbstprostitution. Jedes Gespräch mit einem Psychologen wie Prof. Pöppel: Selbstprostitution. Jedes Telefonat mit einem Freund oder einer Freundin: Selbstprostitution.

Mal kurz im Ernst: Was soll solche Häme? Und warum lässt man so etwas in einem Medium, das auf sich hält, überhaupt zu? Bei Facebook-Einträgen ist keinerlei „Geld“ oder auch sonstwelche Gratifikationen im Spiel, warum dann der Begriff „Prostitution“? Wie anders soll Kommunikation sinnvoll funktionieren, wenn nicht einer etwas von sich preis gibt? Das ist nicht Selbstprostitution, sondern simpel Anfang eines Diskurses zwischen Gleichen. Interessant, wenn man in Journalisten- oder Wissenschaftskreisen Kommunikation anders definiert. Als Selbstgespräche oder als Predigt ex Kathedra?

Beichte als Sünde

Weil wir gerade beim Thema sind: Besonders kurios wird die Bemerkung von Professor Pöppel, wenn ich an das für mich als Kind besonders schlimme, weil institutionalisierte „Offenlegen von Intimitäten“ denke: die Beichte in der Kirche. Das war immer Samstagabend, immer in Kollision zur Sportschau. Und statt Toren zuzujubeln musste man sich überlegen, wie viele Sünden zuzugeben – oder notfalls sogar zu erfinden – waren, damit die Beichte glaubwürdig erschien, und welche Sünden wegzulassen waren, damit es nicht zu peinlich wurde. Also hat man Flüche ersonnen, die man nicht getan hat, und dafür einige Maturbationserlebnisse weggelassen. Und dann hoffte man, dass der Beichtstuhl des gütigen Stadtpfarrers frei war, denn der hakte im Gegensatz zum jungen Kaplan beim 6. Gebot nicht nach und beließ es bei gnädigen fünf Vater Unsern (statt ewig dauernde Rosenkränze beten zu müssen).

Hätte schon damals Professor Pöppel so schlau daher geredet, dann wäre es leicht gewesen zu beichten. Denn die Beichte selbst wäre ja Selbstprostitution gewesen, nämlich „Offenlegen von Intimitäten“, und damit automatisch auch Sünde. Zugegeben mit Verpflichtung, nämlich etlichen Gebeten zur Buße.

Man muss Herrn Professor Pöppel nur ein wenig in seinen anderen öffentlichen Äußerungen verfolgen. Dann sieht man, wie sehr er bei aller Analyse des Netzwerkes des Gehirnes einem analogen, also linearen Denken verhaftet ist. In einem Interview mit Telepolis 1999 beschreibt er das Dilemma modernen Denkens folgendermaßen:

Schizoide Qualitäten

„Ich schalte sehr schnell zwischen verschiedenen Kontexten hin und her, konzentriere mich also drei Sekunden lang auf einen Sprachfetzen, drei Sekunden auf das Fernsehen, drei auf den Computer. Das kann ich endogen tatsächlich steuern. Aber der Effekt ist, daß es zu einer Art schizoidem Denken kommt, mit dem nichts mehr verbunden ist. Es gibt dann keine Nachhaltigkeit der Repräsentation mehr, keine Nachhaltigkeit der Informationsverarbeitung. In dieser Beziehung ist das Gehirn also sehr konservativ und wird sich dagegen wehren.“

Wenn man die Schriften wichtiger Hirnforscher verfolgt, dann ist es genau dieses unspezifische Denken, das Pöppel „schizoid“ nennt, was die Reizgehirne junger Menschen ausmacht. Der Unterschied ist, dass diese Hirnforscher dieses Denken nicht wie Pöppel diffamieren, sondern im Gegenteil als speziell neues, evolutionär weiter entwickeltes Denken ansehen. Es ist das Denken des digitalen Zeitalters. Schnell, parallel, non-linear, vernetzt.

Untersuchungen bei jungen Rezipienten zeigen, wie gut und schnell sie optische Reize zu verarbeiten vermögen – und wie schwer sie sich tun, lineare Texte zu verarbeiten. Das kann man aus der Sicht eines analog, logisch, linear funktionierenden Gehirns beklagen. Und zugegeben, es hat nicht nur Vorteile. Aber es ist das Gehirn, dass auf dem Weg ist, die Welt der Zukunft mit ihren sprunghaften Entwicklungen, mit ihrer Beschleunigung, mit den absehbaren Kaskaden an Konflikten und Krisen auszuhalten – und auch zu bewältigen.

Was Pöppel als schizoid abqualifiziert, ist wohl eher eine mentale Offenheit, die verschiedene Optionen gleichwertig nebeneinander zulässt, um damit dann eine kreative Lösung zu finden. (Kreativität kann man durchaus auch als schizoiden Prozess definieren.)

Denken für Umbruchzeiten

Viele unserer Krisen entstehen nicht zuletzt, weil mit einem alten Denken, weil mit alten Mustern (beispielsweise: Gier!) neue Technologien genutzt – oder besser: missbraucht werden. Viele Konflikte entwickeln sich so fulminant, weil versucht wird, sie mit alten Methoden in den Griff zu bekommen. Wir sind heute in einer Umbruchzeit. Eines Umbruchs unserer Welt, unserer Gesellschaften, unserer Systeme und vor allem: unseres Denkens. Dafür braucht es auch ein dafür passendes Tool, sprich Gehirn.

Ein Professor, der sich Hirnforscher nennt, sollte das zu allervorderst wissen. Vor allem, weil so viele seiner Kollegen diese Änderung des Denkens eher positiv konstatieren – und nicht diffamieren. Aber wie gesagt: für einen willkommenen Medien-Stunt sind solche feschen Sätze allemal gut. Man könnte so etwas aber auch, wenn man etwas übellaunig ist, durchaus als „Selbstprostitution“ bezeichnen.

Alexander Dubček


Zeitgeist 1987 – Besuch bei Alexander Dubček  

Es gibt (journalistische) Siege, die sind bei jeder Gelegenheit locker aus der Erinnerung abzurufen. Die Niederlagen dagegen fallen schnell dem Vergessen anheim. Und je länger sie her sind, desto gründlicher. Aber es gibt auch Niederlagen, die man nie vergisst – und die man im besten Fall gütig belächelt. Vor allem wenn man dabei so viel über seine eigene Paranoia lernt und etwas über die großen Helden der eigenen Jugend.  

Alexander Dubček

 

Zeitreise in den Frühling 1987. 18 Jahre ist es seit dem Prager Frühling her. Eine lange Zeit. Aber unvergessen sind die Bilder – und die Helden von damals. Allen voran Alexander Dubček. Mit seiner Ernennung zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei am 5. Januar 1968 begann der Prager Frühling. Mit dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Paktes und der Absetzung Dubčeks am 17. April 1969 endete die Hoffnung auf einen anderen, offenen, demokratischen Sozialismus.  

Jetzt 18 Jahre später war Gorbatschow seit gut zwei Jahren an der Macht und die Sowjetunion wandelte sich dank Glasnost und Perestroika. Der ideale Zeitpunkt, dachten wir in der Redaktion des WIENER in München, den großen Vordenker einer Öffnung des Sozialismus zu treffen und nach seiner Sicht zu fragen. Und wie das so ist in Redaktionen, wer solch grandiose Ideen hat, darf sie auch ausbaden.  

Gelbes Haus in Bratislava  

Eine ausgiebige Recherche unter den Exil-Tschechen in Deutschland ergibt eine sehr widersprüchliche Informationslage. Zum einen heißt es – Zitat aus meinem Artikel in der Juni-Ausgabe 1987 des WIENER: „Als einfacher Arbeiter soll Dubček in einer tristen Mietskaserne in Bratislava wohnen. (…) Stets überwacht und isoliert, sei er seelisch gebrochen, seit er nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes (…) nach Moskau zitiert und dort einer Gehirnwäsche unterzogen worden wäre.“  

Andere wiederum meinen, er sei in einem Haus in einem besseren Viertel auf dem Hügel über der Altstadt in einer Art Hausarrest weggesperrt. Das soll leicht zu finden sein, weil rund um die Uhr ein Auto der Polizei auffällig unauffällig davor Wache stehe. Und Journalisten, so hieß es auch, die Kontakt zu Dubček suchten, würden sofort festgenommen und des Landes verwiesen. Schöne Aussichten. Wunderbares Futter für meine bei Verwandtenbesuchen in Ost-Berlin von Kindesalter effektiv eingeimpfte Sozialismus-Paranoia (mit Stasi-Agenten überall).  

Die Realität war dann ernüchternd. Egal wie lange ich in dem Viertel herumkurvte, es gab kaum ein gelbes Haus (die meisten Häuser waren sozialistisch dunkelstaubgrau) und schon gar nicht eines, vor dem ein Polizeiauto oder behelfsweise ein ziviles Auto mit zwei Bewachern stand. Kapitulation und Rückfahrt ins Hotel, um eine weitere Runde der Telefonrecherche zu starten. Die Gemeinde der Exil-Tschechen war extrem freundlich und hilfsbereit. Dann schließlich spät nachts ein neuer Hinweis: Dubček wohnt in der Mišikova Ulice in der Mitte der Straße.  

Keine Stadtpläne  

Heute reicht ein Blick in Google Maps um die Straße zu finden, in Bratislava damals dagegen war das ein Problem. Es gab schlicht keine Stadtpläne zu kaufen. Nach langem Suchen fand ich dann wenigstens einen uralten Plan in einem uralten Touristenaushang in einer Vitrine und konnte die Straße finden. Anhand einer selbst gemalten Skizze versuchte ich, sie für mich selbst auffindbar machen. Nach langen Irrfahrten fand ich die verwinkelt angelegte Straße tatsächlich. Aber kein gelbes Haus und kein Polizeiauto gaben irgendeinen Hinweis, wo Dubcek zu finden sei.  

Paranoia hin oder her, jetzt heißt es, sich durchzufragen. Nach einigem erfolglosen Klingelputzen findet sich dann irgendwann doch ein Tscheche mit genügend Deutschkenntnissen und der Zivilcourage, mir den entscheidenden Tipp zu geben. Es ist das Haus Nr. 31, eine große, graue Villa mit rotem Balkon, weitem Garten und einer mannshohen Mauer ringsum.  

Originaltext meiner Reportage im WIENER damals: „Einmal kurz geklingelt. Ein kleiner, weißer Spitz, der es sich auf den Gartenstufen bequem gemacht hatte, sticht wie von der Tarantel gestochen hoch und bellt sich die Seele aus dem Leib. Nicht lange. Dann öffnet sich die Haustür, und Herrchen ruft ihn zur Räson. – Herrchen, das ist unverkennbar Alexander Dubček. Nicht der hagere, steife, langnasige, bürokratenmäßige Dubček, wie ihn die Geschichtsbücher überliefern, sondern ein gemütlicher, weißhaariger, wohlgenährter, netter alter Herr in Strickweste.  

Massive Freundlichkeit und Verbindlichkeit  

Dubček kommt die Gartentreppe herunter, öffnet und strahlt vor Verbindlichkeit. Ich stelle mich vor, schildere ihm mein Anliegen: Jetzt, wo allenthalben in Moskau von Demokratisierung die Rede ist, da müsste er doch, da könnte er doch nach 18 Jahren endlich sein Schweigen brechen… – Dubček schüttelt leise den Kopf. – Sogar Gorbatschow, den Jiři Hašek einen „Dubček in Moskau“ nennt, wolle angeblich mit ihm reden.  

„No interview.“, unterbricht mich Dubček und lächelt unvermindert freundlich – Warum nicht? Wo sein Gedankengut doch jetzt in Russland Wirklichkeit zu werden scheint. Dazu müsste doch er, Gorbis großer Bruder etwas sagen, etwas zu sagen haben. – Situation und mein Monolog scheinen Dubček zu gefallen. Mit „No chance.“ kappt Dubček meine Suada, lacht mich noch eine Spur liebenswerter an, greift meine Hand und drückt sie. Ein warmer, fleischiger Händedruck. Mit „Excuse me!“ und „You must understand!“ verabschiedet er sich. An der Haustür winkt er noch einmal freundlich zurück.“  

Rehabilitierung und Tod  

Was für ein Frust. Was für eine Niederlage! Chefredakteur Wolfgang Maier ist nicht erbaut, aber nimmt es sportlich. Immerhin ist die Geschichte der Story spannend genug, in zwei Spalten im bezeichnenderweise „Zentralorgan“ genannten Glossenteil verewigt zu werden.  

Eineinhalb Jahre nach meinem Besuch wurde Alexander Dubček auf Betreiben der Kommunistischen Partei Italiens die Ehrendoktorwürde der Universität Bologna verliehen. Im letzten Moment stimmten die Behörden seiner Ausreise zu. Seine Dankesrede war nett und harmlos. Es war Dubčeks erste offizielle Äußerung nach seiner Absetzung.  

1989 wurde Dubček dann offiziell rehabilitiert und am 28. Dezember 1989 sogar zum Parlamentspräsidenten des Tschechischen Parlaments gewählt. – Am 1. September 1992 starb Dubček an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls. Gerüchte, der Unfall sei von seinen Feinden initiiert worden, ließen sich nicht erhärten.

Mobile Zigaretten


Sind unsere Mobiltelefone die neuen Zigaretten?  

So kann man eine Überschrift auch missverstehen. Kreativ sozusagen. Ich fand den Link auf den Artikel im Newser gleich interessant: „Cell Phones Are the New Cigarettes“. (Danke Andrian!) Der Artikel geht darum, dass es warnende Stimmen von Wissenschaftlern gibt, die die Unbekümmertheit gegenüber der Strahlenbelastung von Mobiltelefonen mit der Wurstigkeit gegenüber der Schädlichkeit von Zigaretten, wie sie in den 60er-Jahren herrschte, vergleicht.  

Franz Josef Strauß - mit Zigarre - im Interview mit Günter Gaus

 

Meine erste Assoziation zu dieser These: Die Erinnerung an Einladungen bei uns zuhause im Münchner Vorort-Reihenhaus, in dem das kleine Wohnzimmer nach dem Essen binnen Minuten in dichten Dampf aus Zigaretten und Zigarren vernebelt war. Und natürlich die Erinnerung an die von meinem Vater sorgsam und mythisch aufgeladene zelebrierte Genuss-Inszenierung, wenn er abends seine geliebte Zigarre an seinem Platz unter der Stehlampe anzündete. Wohlgemerkt rauchte er strikt nur eine Zigarette (orientalisch, ohne Filter) und eine Zigarre am Tag, die Karwoche ausgenommen. Am Abend des Karsamstags folgte dann die intensivste Genuss-Feier.  

Schweißtreibende Zigarren  

Die nächste, nicht mehr so private Erinnerung: die berühmten Interviews von Günter Gaus mit den großen Politikern jener Zeit. In der dunklen, dramatischen Schwarz-Weiß-Atmosphäre damals zogen stets Rauchschwaden Kringel und Kreise und untermalten so die Bedeutungsschwere der Situation.  

Berühmt wurde dann das Interview von Gaus mit Franz Josef Strauß, in dem er – ganz à la Ludwig Erhard – sich an einer Zigarre abarbeitete und darüber – und natürlich durch die inquisitorischen Fragen von Gaus – grandios ins Schwitzen kam. Da erregte sich mein Vater schwer, dass da sein Held Franz Josef so in die Mangel genommen wurde. Er verpaffte da so manche Chance, es als seriöser Politiker vielleicht bis zum Kanzler zu schaffen.  

Die Gestik des Rauchens  

Das Rauchen war hier eine Inszenierung (die im Falle FJS schief ging) und eine wunderbare Möglichkeit, seine eigene Nervosität in den Griff zu bekommen – und auch Momente der Langeweile zu überbrücken. Vielleicht sollte man sich bei der Diskussion über das Suchtverhalten beim Rauchen nicht immer nur auf das  Nikotin und andere Suchtstoffe beschränken, die die Zigarettenindustrie ganz bewusst ihren Mischungen hinzufügte. Auch die Tatsache, in vielen Situationen des Lebens nichts mit unseren Arme und Hände anfangen zu können, haben sicher viele Zigaretten aus schierer Übersprungshandlung zum Glimmen gebracht.  

So steil die These klingen mag, so habe ich dafür eine kuriose „Beweisquelle“. Alexeij Sagerer, einer der mutigsten, querköpfigsten, unkonventionellsten und kreativsten Theatermacher Münchens, war einst einer der gnadenlosesten Kettenraucher, die ich je erlebt habe. Aber von einem Tag auf den anderen war er Nichtraucher. Wie das gehen konnte? Seine Erklärung war eben so simpel wie einleuchtend (und wirksam): „Ich habe das Rauchen aus meiner Gestik herausgenommen.“  

Das nur mal so als Tipp für alle Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Statt Therapien und Nikotinpflaster: vielleicht sollten sie mal einfach ein paar Tage lang das Eigenleben – und das Suchtverhalten – ihrer Hände beobachten, analysieren – und therapieren. Vielleicht gelingt ihnen ja so, das Rauchen aus der Gestik zu streichen – auch wenn sie keine Schauspieler sind und nicht gewöhnt sind, Gestik bewusst einzusetzen.  

Zünden wir uns ein Handy an?  

Nachweislich haben es in den letzten Jahren ganz viele Menschen geschafft, wieder Nichtraucher zu werden. (Ich ja auch.) Und vielleicht auch gar nicht, weil es den Rauchern immer schwerer gemacht wird, ihrem Laster zu frönen, oder weil wir eine Wellness-Gesellschaft samt dem damit verbundenen Gesundheits-Appeal (Appell?) geworden sind. Sondern ganz einfach, weil unsere Hände ein wunderschönes Spielzeug bekommen haben, mit dem sich überflüssige Bewegungsenergie wunderbar kanalisieren lässt: das Handy.  

Ein Blick in die Alltagswelt: Zu den Gelegenheiten, in denen das Aktivitäts-Momentum kurz abreißt, da hat man sich früher eine angezündet. Heute nimmt man in diesen Momenten flugs das Handy zur Hand und telefoniert, simst, checkt Mails, twittert oder fummelt sich von App zu App. So lässt sich lästige Alltagslangeweile „sinnvoll“ überbrücken. Und so lassen sich auch Rekreationspausen und Auszeiten glaubhaft legitimieren, so wie früher mit der kurzen Zigarette zwischendurch.  

Strahlen statt Rauch 

So gesehen hat der Artikel recht: Mobiltelefone sind wirklich unsere neuen Zigaretten. Und statt beißendem Rauch geben sie Strahlen ab. Die aber riechen wenigstens nicht und keiner muss einst wie meine Mutter nach jedem großen Fest mühevoll und mit großem Protestgetöse rauchgeschwängerte Gardinen waschen.  

Und, ach ja, in Bayern steht ja jetzt bald der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz an. Wo alle Rauchgegner für „Ja“, und alle Raucher mit „Nein“ stimmen müssen. (Wie absurd!) Da steht uns ein heißer Sommer mit erbitterten Streitereien bevor. Ein Riss quer durch die Gesellschaft.  (Kein Scherz.) Aber lieber bei solch einem Thema, als bei einem ernsteren! Und um es klar zu machen: Ich bin für einen konsequenten Nichtraucherschutz. – Wir haben ja unsere Handys!

Zukunft der PR


PR-Awards: Das PR-Business feiert sich selbst

Berlin am Donnerstag. Im Maritim Hotel finden die PR Report Awards 2010 statt. Die PR Branche feiert sich selbst – und krönt etliche Preise für eine absurd vielfältige Kategorienliste – um dann doch einen Mix aus den üblichen Verdächtigen und dankbaren No-names und Nachwuchs-Initiativen, die keine echte Konkurrenz darstellen, mit Preisen zu versehen. So weit, so gut und eigentlich nicht weiter erwähnenswert. (Ja Markus Lanz als Moderator hat seine Sache gut gemacht, der ist wohl immer gut gelaunt, wenn ein Scheinwerfer an ist…)

Perry Rhodan

Was ein wenig wundert, ist die Tatsache, dass man als Normalkonsument von den meisten Kampagnen, die ausgezeichnet wurden, nichts mitbekommen hat, selbst als notorischer Mediennutzer. Das ist bei lokalen und regionalen Kampagnen verständlich, aber befremdend bei großen Agenturen und Kunden. Hat da die Konjunktur dann doch die Budgets so sehr geschmälert, dass sie nicht mehr wirklich in der Breite wirken konnten?

Was mich am meisten irritiert hat, war der gänzliche Mangel an Reflexion in der Branche. Keine Rede von geschmälerten Budgets durch die Finanzkrise, nur ein kleiner Seitenhieb auf die PR von Banken & Co.: für die Rubrik Finanzdienstleistungen wurden in diesem Jahr keine Preise verliehen. Offizieller Grund war die mangelnde Qualität der eingereichten Arbeiten.

Digital Naives

Digitalisierung, was ist das? Noch schlimmer aber, wie nonchalant über den Wandel zur Digitalität hinweg gegangen wurde. Immerhin wurde bisweilen erwähnt und gelobt, dass Social Media im Plattform-Mix integriert waren, etwa bei „Perry Rhodan twittert“. – Peinlich nur, dass Perry, der ewig und tausend Jahre lebende Weltall-Bummler, seine Twitter-Aktivitäten seit dem 15. März gänzlich eingestellt hat (und nur zur Veranstaltung noch einmal aus dem Koma für einen Tweet aufwachte). Und natürlich waren alle Tweets selbstreferentiell, ohne Links und Tags.

An diesem Kuriosum sieht man sehr gut, wie diese Branche noch nicht kapiert hat, was Social Media – und was Digitalität – bedeutet: Das Ende eines Kampagnen-Denkens, das Committment für eine Sache, das Ernstnehmen der Konsumenten, kurz das Ende der Manipulation und der Übergang zu einer Kooperation mit den Kunden.

Vielleicht auch daher keine Reflexion, in welche Richtung die PR in Zukunft gehen wird. Die Wahrheit ist möglicherweise auch ein wenig zu unangenehm, um in solcher zum Feiern zusammen gekommener Runde zu passen: Wie Werbeagenturen steht auch den PR-Agenturen ein umfassendes Revirement bevor. Das wird für viele schmerzhaft werden, weil Pfründe verloren gehen und Newcomer (oder auch kluge Profis), die etwas von Digitalität verstehen, Etats abziehen werden.

Die Kommunikation der Zukunft – jenseits aller Manipulation – wird die verschiedensten Disziplinen, die bisher sorgfältig darauf geachtet haben, sich voneinander abzugrenzen, in einem wilden Mischmasch zusammenführen: Werbung, PR, Unternehmenskommunikation, Social Media, Corporate Media, Sales, Marketing und Markenführung. Das alles wird sich miteinander abstimmen müssen, das alles muss Hand in Hand arbeiten und Synergien zueinander schaffen.

Das allzu menschliche Gegeneinander

Es wird nicht möglich sein, dass es noch ein Nebeneinander – oder wie in allzuviel Firmen üblich: ein Gegeneinander – in den verschiedenen Abteilungen gibt. Vor allem PR, Unternehmenskommunikation, Marketing, Sales und Social Media müssen in Zukunft extrem eng zusammenarbeiten, wollen sie noch in einem de-hierarchisierten Medienumfeld, in dem die Kunden so viel mehr Macht haben, funktionieren. Und nur wenn ihre Aktivitäten eng verzahnt sind und die Kommunikation miteinander optimal ist, können sie in etwa mit der Durchschlagskraft von Real Time-Medien und deren Hang zu spontanen (Medien-)Hysterien, impulsiven Boykott-Irrtümern und Trend-Kapriolen mithalten.

Die Wahrheit aber ist, dass diese Abteilungen in nicht allzu ferner Zukunft zusammengelegt werden müssen, will man als große Firma etwa wertvolle Marken am Leben erhalten und unlangweilige und innovative erfolgreich vermarkten. Der menschliche, allzu menschliche Hang zum Karriere-Egoismus wird wohl erfolgreich verhindern, dass Abteilungen wie PR, Werbung oder Unternehmenskommunikation, die ja schon immer attraktiv für große Egos waren, jemals wirklich gedeihlich und synergetisch zusammenarbeiten können.

Firmen ohne Marketing

Es ist ja der große Vorteil von neuen, jungen (digitalen!) Firmen, dass sie fast immer von vornherein auf solche Abteilungen verzichten konnten, und daher dieses Dilemma schlicht nicht kennen. Google, Facebook etc. geben kein Geld für Werbung aus. Marketing ist hier eher ein Synonym für Reichweite. Gerade mal PR – und die in engster Abstimmung mit Social Media – ist in solchen Firmen nötig.

Dieser Vorteil wird sich in Zukunft um so massiver auszahlen, wie „alte“ Firmen immer mehr in die Bredouille geraten, die Hahnenkämpfe ihrer verschiedenen Kommunikationsabteilungen in den Griff zu bekommen und die Botschaften aus einem Firmenumfeld halbwegs konsistent zu bekommen. Dann wird es nicht nur eine Social Media Governance geben, sondern genauso eine (interne) Marketing- und PR-Governance.

Interessante Zeiten für Werbung und PR. Nicht umsonst formuliert der alte chinesische Fluch für schlimmste Feinde und Gegner den hinterhältigen Wunsch: „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“

Routen und Routinen


Was wären wir ohne Vulkane

Jeder gute Coach empfiehlt seinem Schützling, immer wieder ganz bewusst aus Routinen auszubrechen. Etwa einen Tag alle Alltagsarbeiten mit der linken, statt der rechten Hand (sofern man Rechtshänder ist) zu verrichten. Meist eine sehr kuriose Erfahrung. Wie unbeholfen, „linkisch“ zunächst alles von der Hand geht, aber dann immer besser. Und am Ende amüsiert man sich fast über seine alte Fixierung.

Es gibt so viel andere spannende Möglichkeiten, aus seinen Routinen auszubrechen: Etwa in ein Konzert eines Künstlers zu gehen, an den man nie im Leben gedacht hat. So bin ich vor Jahren eines Samstags mit meiner Freundin Annette zu einem Reggae- und Dub-Open Air irgendwo bei Frankfurt gereist. Ausgerechnet ich, der immer Reggae auf „trägge“ gereimt habe und nur auf Gitarren und Rock stand – na ja, auch ein wenig Jazz. Was für ein ausgelassenes Fest das schließlich zu Reggae-Musik war, 12 Stunden tanzen am Stück, Frohsinn – Unsinn – Gemeinschaftssinn.

Carmen im Chiemgau

Oder mein erster Opernabend vor Jahren auf Gut Immling. Ich hatte mir geschworen, die Aufführung zu durchschlafen. Das hatte ich mir bei unaushaltbaren Theaterstücken ganz gut als Überlebenstaktik angewöhnt. Aber dann war „Carmen“ eine solch rassige Person und die Inszenierung so mitreißend, dass sogar die Musik zu gefallen begann. Carmen spielte im Prostituierten-Milieu von Havanna. Der Chor hatte hier als schräge Mixtur aus Nutten und Zuhältern zu agieren. Und das taten die Mitglieder mit extrem viel Spiellust und Überzeugungskraft.

Dazu muss man wissen, dass sich der (berühmte) Chor vom Opernfestival auf Gut Immling aus Sängerinnen und Sängern aus allen Bevölkerungskreisen aus dem Chiemgau und München zusammensetzt. Und dann hatte man das Vergnügen, Tante Emmi und die Frau Nachbarin als Nutten und Onkel Bertram und Neffe Xaver als Zuhälter kennenlernen zu dürfen. Ich kann berichten, es gibt nichts Verbindenderes als solche „Überraschungen“. Nachher im Gastronomiezelt gab es ein riesiges Hallo, als der Chor nach der Vorstellung seine Verwandtschaft beim Bier traf. (Auf Gut Immling gibt es auch heuer wieder „Carmen“ zu sehen (diesmal im Circus-Milieu) – und Wagners „Fliegenden Holländer“ …)

Genauso irritierend waren meine ersten Besuche in den 70er-Jahren auf der „documenta“ in Kassel. Zunächst kommt man sich inmitten der Kunstfreaks nur blöd und fremd vor. Aber schon am zweiten Tag ist aller Dünkel weg. Dann erzählen plötzlich die Kunstwerke, Installationen und Performances tolle, verständliche Geschichten. Man verbringt die Abende in einer wilden Mischung aus verrückten Menschen – und das ist dann einfach herrlich normal. So angeregt und in des Wortes Bedeutung „beseelt“ wie damals habe ich nie zuvor und nie wieder danach in einem VW-Bus geschlafen.

Gemeinsam gegen die Asche

Und jetzt üben wir als Weltgesellschaft wieder mal einen Ausnahmezustand, dem unaussprechlichen Vulkan auf Island sei Dank. Und es gibt keine Panik. Überall hört man nur von Solidarität, neuen Freundschaften und Schicksalsgemeinschaften, die sich über alle Landesgrenzen und Mentalitäten gegen die Widrigkeiten einer unfreiwilligen Verbannung in der Fremde bilden. Jeff Jarvis, der es mit dem letzten Flieger aus München nach New  York geschafft hat, hat in seiner Erzählung seiner Odyssee von der re:publica in Berlin nach Hause voller Erstaunen von der Hilfsbereitschaft und dem Improvisationstalent von Deutschen (!) berichtet. Und selbst die Kanzlerin zeigte Solidarität mit ihrer Journalisten-Reisetruppe auf der Fahrt quer durch Europa via Italien nach Berlin.

Die Erzählungen und Witzchen, die in Facebook und Twitter zu den Irrfahrten per Zug, Auto und Schiff zu lesen sind, strotzen nur von Gelassenheit und Verbundenheit mit Leidensgenossen. Ja sogar eine TEDx-Konferenz ist spontan in London von gestrandeten Fachleuten veranstaltet und live im Internet übertragen worden. Dabei kam bei allen interessanten Inhalten eine wunderbar entspannte und solidarische Stimmung rüber.

Dem Eyjafjallajökull sei Dank. Er hat die Welt, auf alle Fälle aber Europa gezwungen, einmal innezuhalten und für ein paar Tage sozusagen von der linken Hand in den Mund zu leben. (Welch linkisches Bild!) Er hat uns gezeigt, wie eine Welt ohne Flugzeuge aussehen kann. Ohne Lärm und ohne Kondensstreifen. Aber auch ohne die übliche Selbstverständlichkeit, an jedem beliebigen Ort der Welt zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu sein. Ohne die Urlaubsbequemlichkeit, einfach „mal weg sein“ zu können. (Und deswegen fliegen sie dann wieder: für das Bruttosozialprodukt: siehe dazu TEDxVolcano.)

Heilsame Zäsuren

Nach einem Tag, andem man nur mit links agiert, nach einem Kulturerlebnis, das einen auf dem falschen Fuß erwischt und daher unvorbereitet tief ins Herz trifft, ist die Welt ein klein bisschen anders, anders schön und anders gut. Und auch die Welt wird nach solch einem einschneidenden Abenteuer einer Zwangsimmobilität bzw. einer Zwangsverlangsamung ein kleines bisschen anders sein. Viele werden etwas bewusster reisen oder auch mal anders reisen – oder auch mal nicht. Es wird ein Stück weniger normal sein, woanders zu sein als zu Hause. Und so lange noch Aschepartikel herumschweben (und das werden sie noch lange), wird jeder Flug wieder ein Abenteuer sein. (Und dafür ist nicht jeder gebaut.)

Mal sehen, wie schnell sich die Reise-Routinen wieder einschleifen – und wie sie dann aussehen werden? Ich kann mir gut vorstellen, dass hier eine kleine Trendwende zu weniger unsinnigen (Geschäfts-)Reisen eingeleitet worden ist. Und zwar wirksamer als es bisher alle Einsparungen geschafft haben. Die logische Folge wäre eine gestiegene Akzeptanz von digitaler Kommunikation, von digitalen Dokumenten, von (hoffentlich bald mal wirklich problemlosen) Videokonferenzen und von virtueller Realität. Dann können wir unsere physische Präsenz in anderen Ländern wieder ganz anders, nämlich bewusst genießen.

Paid Content (2)


Warum das Kassieren für Inhalte beim Nutzer nicht klappen kann 

Nachdem ich in Folge Eins das Trendumfeld geschildert habe, das der Idee eines Paid Content entgegensteht und ein wenig gegen die übliche sentimentale Art polemisiert habe, warum der Leser zur Kasse gebeten werden muss, – wg. Rettung des Journalismus und damit des Abendlandes – will ich hier im zweiten Teil meines Kurzvortrages auf der Internet World am 14. April in München erläutern, warum es praktisch nicht funktionieren kann, die Nutzer im Netz für Inhalte abzukassieren.

Unstrittig in der Diskussion über Paid Content ist, dass letztlich der Markt der Informationen und Meinungen darüber entscheidet, ob man für Inhalte Geld verlangen kann – und eventuell wie viel. Der Markt aber spricht deutlich gegen die Option, Bezahlinhalte verkaufen zu können. Der Markt ist von einem Überangebot geprägt und einer breiten Masse von Gratis-Angeboten, auch hochqualitativen.

Es existiert ein eindeutiger Überfluss an Content. Das gilt schon für den deutschen Markt, obwohl hier die Blogger-Szene immer noch in den Kinderschuhen steckt. Aber international ist das Angebot unglaublich dicht. Und wer eine Fremdsprache nicht so gut beherrscht, dass er mit Genuss Inhalte in diesem Idiom lesen kann, für den stehen heute schon halbwegs taugliche Übersetzungstools zur Verfügung. In absehbarer Zeit werden diese noch besser werden. Dann könnten sie auch für asiatische Sprachen funktionieren. (Inzwischen ist die im Internet häufigst genutzte Sprache nicht mehr Englisch, sondern Chinesisch!)

Die Blogosphäre wird in den nächsten Jahren noch massiv wachsen. Wer einmal erlebt hat, wie befruchtend es ist, im Internet aktiv zu werden, reduziert schleunigst seine passive Mediennutzung (TV & Co.). Nicht zuletzt sorgen die Verlage mit ihren Entlassungen für reichlich Nachschub an potentiellen Konkurrenten im Content-Markt. Warum sollte nicht ein entlassener Lokalreporter in Hamburg, wo gerade die lokalen Inhalte des Hamburger Abendblattes hinter einer Zahlschranke versperrt sind, erfolgreich einen Gratisservice an lokalen Nachrichten bieten? (Frage: Warum beharren Verlage auf ihrem – überholten – Businessmodell, verlangen aber wie selbstverständlich von ihren Mitarbeitern, wenn sie sie entlassen, dass sie sich flugs ein neues schaffen?)

Corporate Content

Der nächste, mächtige Anbieter von kostenlosen, attraktiven Content-Angeboten werden Firmen und Marken sein. Immer mehr Unternehmen investieren in ihre Sites nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Es fällt ja auf, dass die Einsparungen durch die Reduktion von Print- und TV-Werbung nicht adäquat der Online-Werbung zugute gekommen sind. Neben Einsparungen im Marketing-Budget haben dafür nicht zuletzt die Investitionen der Firmen in die eigene Internet-Präsenz – und zunehmend auch in Social Media-Aktivitäten – gesorgt.

Die großen Verlage haben diesen Markt längst erkannt und eigene Corporate Publishing-Abteilungen oder gemeinsam Content-Plattformen gegründet, die Inhalte für Firmen produzieren oder Inhalte lizensieren. Neue Lizensierungs-Plattformen wie etwa Contilla werden die Vermarktung von Inhalten an Firmen und zur inhaltlichen Aufbesserung von Marken-Sites noch leichter und selbstverständlicher machen. Die Firmen haben erkannt, dass sie ihre Kunden mit eigenen Inhalten an sich binden müssen, da sie sonst den direkten Kontakt zu den Kunden an die großen Vermarkter wie Google oder die großen eShops wie Amazon verlieren. Disintermediation nennt man dieses Marken und Vermarkter bedrohende Phänomen, das durch Corporate Content abgefangen werden kann.

Ein weiterer, ernst zu nehmender Konkurrent im Content-Markt werden in Zukunft Content-Aggregatoren wie iGoogle, vor allem aber sehr erfolgreiche, weil zielgruppen-orientierte Content-Konglomerate wie Glam.com (für Fraueninhalte) sein. Hier werden die interessantesten Inhalte aus professionellen Sites und Blogs (Text, Foto, Video) perfekt aufbereitet und vermarktet. Hier lassen sich noch viele weitere Aggregatoren-Projekte für die unterschiedlichsten Zielgruppen denken: Männer, Tourismus, Finanzen, Technik, Gesundheit, Wissen etc. – bis hinunter in kleine Themen-Nischen.

Attention Business

Wir sind heute nicht mehr im News- oder Informationsbusiness. Es geht nicht mehr darum, die Versorgung der Massen mit einem raren Gut (von oben herab) sicher zu stellen. Heute geht es darum, ein Überangebot an Nachrichten, Ideen, Informationen, Meinungen und Einsichten an den Mann oder die Frau zu bringen. Nicht mehr Supply ist das Thema, sondern die Erzeugung von Demand. Das geht nur, indem man Attention für sein Produkt, und sei es Content, schafft. Das geht nur, indem man immer neue Ware möglichst zeitgemäß auf den Markt bringt, und wenn das noch exklusiv ist (und damit für Momente knapp zu halten), um so besser.

Aber um dann Attention zu ernten muss man sehr offene Systeme haben, muss viel Traffic, also ein hohes Initial-Interesse, haben und dann auf die Verbreitung durch die User (Crowd-Marketing) hoffen. Durch Bezahlschranken aber schneidet man sich von der Attention-Option ab. Dann wird man nie die vollen Verbreitungsmöglichkeiten ausschöpfen. (Und das für ein paar Content-Nutscherl, wie man lausige Pennies in Bayern nennt.)

Eine weitere heftige Konkurrenz erwächst den etablierten Medien durch die neuen Realtime Medien wie Twitter & Co. Hier werden Neuigkeiten so brandaktuell verbreitet, wie kein News-Provider es leisten kann. Dasselbe gilt für aktuelle Zeitgeistströmungen, Themenmoden und Gesellschafts-Hysterien. Die sind hier einfach herauszulesen und gleich mit Inhalten und Beispielen belegt. Da können Magazine hinterher hecheln. Und auch die Inhalte einer Gegenöffentlichkeit sind hier besser und schneller zu finden als in gängigen Medien. Wer während des letzten Präsidentenwahlkampfes in den USA den Twitter-Stream zu beiden Kandidaten mitverfolgt hat (nicht leicht bei der Postingdichte von bis zu 3 Tweets pro Sekunde), konnte hier Themen und Informationen entdecken, die es nie bis in die offizielle Berichterstattung geschafft haben, aber dafür um so interessanter – und wohl auch meinungsbildender waren.

Die Nachteile der Bezahlschranke

Die Nachteile, wenn ein Inhalte-Anbieter für seinen Content Geld vom Nutzer verlangt sind mannigfaltig:

  • Der verringerte Traffic hinter einer Bezahlschranke führt zu geringeren Werbeeinnahmen. (Egal wie lausig sie sein mögen.)
  • Der Verlust von Traffic bedeutet immer auch Verlust von Attention. Das Ansehen und die Kompetenz der jeweiligen Medienmarke wird so auf alle Fälle leiden.
  • Zudem begibt man sich hinter Bezahlschranken in eine selbst gewählte Isolation. Die offene Diskussion der jeweiligen Inhalte wird so verhindert (kein Mensch linkt auf Bezahlinhalte) und auch das Feedback und die damit mögliche inhaltliche Weiterentwicklung, etwa das Weiterspinnen einer Geschichte dank User-Inputs, wird so unmöglich gemacht.
  • Damit verzichtet man durch Paid Content auf alle Networking-Effekte, also auch auf den Gratis-Input und auf die Unterstützung mittels User Generated Content (und dessen hervorragenden SEO-Effekte).
  • Man provoziert durch Artikel-Gebühren neue Gratis-Konkurrenzangebote von Bloggern, Firmen, Werbetreibenden und sogar administrativen Stellen (Kommunen etc.).
  • Außerdem ist man nie vor Copycat-Effekten geschützt. Die Inhalte hinter Bezahlmauern finden immer allzu rasch den Weg in die Gratis-Medienwelt, ohne dass man viel dagegen machen kann, solange nicht nur Paste&Copy praktiziert wird.
  • Durch die geringere Nachfrage nach Bezahlinhalten verliert man auch eine Vielzahl von Kundenbeziehungen, die in der Attention-Wirtschaft das höchste Gut sind.
  • Generell ist die Bereitschaft von Usern, für Inhalte zu bezahlen äußerst gering. Die Zahlen der Bereitschaft für Content Geld zu berappen pendelt zwischen 5  % und 30 % (wobei letztere wohl eher euphemistisch zu nennen ist). Und je jünger das anvisierte Publikum, desto geringer ist die Zahlwilligkeit.
  • Die Idee der Bezahlung von einzelnen Inhalten oder auch Abo-Modelle sind der Versuch, das alte Businessmodell der Presse irgendwie in die Neuzeit zu retten. – Vielleicht ist es auch nur ein letzter Versuch, in älteren, zahlungsbereiten Lesergruppen noch letztes mögliches Entgelt abzukassieren. Retten können solche Gelder die Medienhäuser nicht. Denn deren größten Renditebringer, die Kleinanzeigen (vor allem KfZ) und Stellenanzeigen, sind längst unwiederbringlich an das Internet verloren gegangen. Nicht zuletzt, weil es die Verleger bzw. die großen Medienkonzerne versäumt hatten, selbst solche Plattformen ins Leben zu rufen bzw. zu kaufen.
  • Auf alle Fälle hat Paid Content keinerlei Zukunftsperspektive. Dafür ist die Entwicklung im Digitalen Raum zu vehement, zu schnell und zu unerbittlich. Je mehr Menschen das Internet in ihren Alltag integrieren und die jungen Digital Natives die Pace in Richtung einer Digitalen (Gratis!-)Kultur vorgeben, desto mehr werden Medien, die meinen, für Allerweltsnachrichten und -Informationen Geld verlangen zu können, der Vergangenheit angehören.

Aber keine Sorge. Medien wird es auch weiterhin geben. Im dritten Teil von „Paid Content“ werde ich skizzieren, wie Medien auch in Zukunft das für ihr Überleben nötige Geld verdienen können. Nicht mehr mit so simplen Businessmodellen wie bisher, sondern mit komplexeren, vielschichtigeren – und vielleicht auch etwas weniger lukrativen.

Offline in Italien


 

Service-Paradies Italien

Eine Woche digitaler Entzug. Sieben Tage offline im schönen Italien. Die italienische Telekom meint, kein Geld von uns bekommen zu haben und dreht den Internetanschluss zu unserem Haus ab. Über die Hotline lässt sich der Irrtum sehr schnell klären. Schon am selben Tag soll der Anschluss wieder gehen.

Südliche Marken

Die Hotline ist um Längen komfortabler und intelligenter als in Deutschland. Man gibt gleich zu Anfang die Anschlussnummer mit ein und erfährt gleich, wie viele Minuten man warten muss (durchschnittlich zwei!), und die Prognose stimmt. Voraussetzung ist nur, dass man gut italienisch spricht, sonst hat man ein Problem. Die Mitarbeiter(innen) sind freundlich, kompetent und versprechen stets schnelle Hilfe. Das aber jeden Tag, denn die versprochene Hilfe trifft nicht ein, der Anschluss bleibt tot.

Nach genau einer Woche endlich der Durchbruch. Das Problem lag angeblich in der Zentrale. Was immer das heißt. Aber nun wird die Leitung innerhalb von Minuten frei geschaltet. – Bis zum nächsten Missverständnis zwischen Bank und Telecom Italia.

Apropos Banken. So weit vorne die Telecom Italia ist, so weit hinten sind die Banken auf dem Weg in die Digitalität. Zwei Beispiele: Wir haben hier längst gelernt, dass man bei administrativen Angelegenheiten viel Zeit mitbringen muss. Manchmal gelingt es uns schon ganz gut, nicht zu deutsch zu sein, sprich ungeduldig. Bei der Bezahlung einer Gebühr in der Post ist nur ein Kunde vor uns auf der Wartebank. Aber eine schick aufgemaschelte ältere Dame wird von der einzigen Angestellten im Mini-Postamt intensiv bedient.

Vor-digitale Zeit

Es geht darum, ein neues Konto bei der Postbank in Italien zu eröffnen. Exakt eine Stunde später, nach einem Computerabsturz und gefühlten 35 ausgedruckten und unterschriebenen Formularen geht die Dame nach Hause. Ohne Konto, aber mit dem Versprechen, dass in den nächsten Tagen ein Brief kommt, mit dem sie dann wiederkommen darf – und dann sei alles ok.

Bei der Eröffnung eines eigenen Kontos in einer Genossenschaftsbank auf dem Lande vergeht mehr als eine Stunde. Die Papierflut ist unendlich, und alle Bankdokumente werden noch in alten, mühsam bedienbaren Druckern handgestanzt.

Aber es gibt Online-Banking. Das aber funktioniert nur, wenn es immer vom selben Computer getätigt wird. Sonst sperrt sich das Konto automatisch. Um dafür eine Lösung zu finden gehen wir in die Bank. Zum Büro fürs Electronic Banking geht es durch einen alten barocken Saal im ersten Stock mit wertvollen Gobelins und altem Ziegelboden. Dafür ist der Mitarbeiter charmant, intelligent und kompetent. Rasch wird eine Lösung gefunden – und die funktioniert tatsächlich nach ein paar Tagen.

Eine Woche ohne Internet

Und wie solch eine Woche ganz ohne Internet war? Wunderbar eigentlich, so über die Osterfeiertage. Die Welt dreht sich wider Erwarten weiter. Viele unwichtige Nachrichten haben wir verpasst. Die Wichtigen sind per Twitter und Facebook und Email nachvollziehbar.

Statt meiner „Familie“ auf Facebook haben wir unsere nette Großfamilie hier im Süden genossen. Die Nachbarn kamen einfach so vorbei – unser Telefon ging ja nicht. Und bei Bedarf gab es ja auch noch das Mobiltelefon. (Wurde aber kaum strapaziert.)

Man bekam eine Ahnung, wie ein Digital Divide aussehen könnte. Wie sehr leben wir Digerati in unserer eigenen Themen-Cloud, vielleicht sogar im -Kokon. Wie weit sind die Offliner und Verlegenheits-User von dieser Welt entfernt. Mit allen Nachteilen – und allen Vorteilen. Das analoge Leben hat definitiv auch seine sehr schönen Seiten, vor allem hier im mediterranen Süden.

Aber wir sind sehr froh, wieder „back home“ in der digitalen Welt zu sein. Der unfreiwillige Test hat enthüllt: Wir sind angekommen in einer digitalen Selbstverständlichkeit – können aber auch anders . Das nennt man gemeinhin wohl auch „Freiheit“.