Zeitreise ins eigene Ich


Wir sind Gewohnheitstiere

Das geht schon gut los. Ich will einen neuen Artikel in meinem Blog schreiben und WordPress bietet mir gleich mal ein neues Interface zur Eingabe an. Nicht mehr das übliche, an das ich mich gewöhnt habe… – Was soll denn das?…

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und das ist gut so. Denn wir würden viel zu oft unsere Synapsen sinnlos anheizen, wenn wir den Alltag stets so angehen würden, als wäre alles neu und ungewohnt. Wir wären ohne unsere Muster, unsere Gewohnheiten, unsere Rituale schlicht mit uns und der Welt permanent überfordert. Sind wir ja so schon, weil sowieso kontinuierlich neue Ideen, neue Anforderungen, Ungewohntes, Ungewolltes auf uns einprasseln.

Die Welt einfrieren

Kann es denn nicht mal so bleiben, wie es ist? Das hat sich sicher jeder schon mal in Momenten gefragt, wo alles im Lot zu sein schien und das Leben uns einmal die angenehmeren Seite zugewandt hat. Und nie ist der Wunsch in Erfüllung gegangen. Immer kam wieder etwas dazwischen, immer wieder hat sich alles geändert. Neue Widrigkeiten, neue Herausforderungen, neue Wendungen – und die Schicksalsschläge, die das Leben immer wieder bereit hält, sind da noch gar nicht mit gezählt…

Zugegeben, so habe ich auch mal gedacht. Als Jugendlicher und dann auch noch mal vor allem in der ersten großen Beziehungskatastrophe, die mich ereilte. Wenn alles in Ordnung war, wollte ich die Welt gleichsam einfrieren, damit sie so bleibt wie sie gerade ist. Es kommt ja nichts Besseres nach…

Ich habe recht lange gebraucht zu kapieren, dass es nicht reicht, verlässlich und funktionabel zu sein. Nichts ist langweiliger als das. Ich habe mir vergleichsweise lange Zeit gelassen einzusehen, dass es gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung, der permanente Wandel ist, der das Leben – oder im speziellen Fall die eigene Persönlichkeit – attraktiv macht.

Die Innovations-Reaktionäre

Die erste Ahnung davon, dass Veränderung positiv sein kann, habe ich bei meiner Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung bekommen. Ein faszinierendes Phänomen brachte mich darauf. Man schreibt eine Platten- oder eine Konzertkritik zu einem Künstler oder einer Band, die noch sehr unbekannt ist, aber vielversprechend. Dafür wird man von den Fans geliebt. Es flattern dankbare Leserbriefe in die Redaktion. – Aber wehe, wenn dieser Act ein Jahr später den Durchbruch geschafft hat und etwa in einer größeren Halle auftritt. Dann kommen die bösen Briefe, von wegen dass alles verkommerzialisiert ist – und man als Musikjournalist schuld daran war, weil man so positiv darüber geschrieben hat…

Ein eigenartiges Phänomen. Künstler gehören den Fans der ersten Stunde – und wehe sie entwickeln sich, dann erleben diese Fans eine veritable Veränderungsfrustration. Alles muss so bleiben, wie es ist, und wehe es ändert sich etwas. Selbst positive Entwicklungen, wie etwa Erfolg sind dann von Übel. Aus einst glühenden Fans werden dann – so habe ich es oft erlebt – erbitterte Stilreaktionäre, die jede neue Entwicklung verteufeln. Sie hassen jeden Stilwandel – und zerfließen in Seligkeit , wenn für Momente die gute alte Zeit irgendwie wieder zurückgekehrt zu sein scheint. Sehr gut zu beobachten heutzutage bei Revival-Konzerten wiedervereinigter Altrocker. Bestes Beispiel sind die Rolling Stones. Die sind eigentlich seit den 7oer-Jahren ihre eigene Coverband – und damit ungeheuerlich erfolgreich. Eingefroren in einem Stil und eine Attitüde.

Trends als Motor 

Musik war mein allererstes Vehikel, Veränderung als etwas Positives wahrzunehmen. Ich war immer begierig darauf, neue Sounds, neue Bands und neue Stile zu entdecken. Wie viele Nachmittage habe ich in Plattenläden verbracht und immer neue Platten ausprobiert. Später bei der Münchner Stadtzeitung kamen die Platten frei Haus und ich hatte das große Privileg, mich in immer neue Konzepte reinhören zu dürfen. Manchmal dauerte es etwas länger, bis sich meine Synapsen an neue Muster und neue Temperamente gewöhnt hatten. Etwa bei Techno und Rave. Da passierte mein Erweckungserlebnis ausgerechnet an einem Heiligen Abend, als ich zur Erholung von familiärer Weihnachtsidylle spätnachts noch ins Münchner Parkcafé flüchtete und da gerade eine Rave-Party abging.

Das wahre Erweckungserlebnis in Sachen permanente Veränderung – und wie ich sie lernte zu lieben – war meine Arbeit mit Gerd Gerken, damals Deutschlands führender Trendanalytiker und Wegbereiter für alle folgenden Trendforscher wie Matthias Horx & Co.  Ich arbeitete mit ihm beim WIENER zusammen und schrieb 1993 bis 1995 mit ihm das Buch „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“, in dem wir versuchten, ein Zukunftsszenario bis zum Jahr 2025 zu skizzieren. Der Verlag verkürzte die Zeitspanne dann auf 2015, weil er befürchtete, zu wenige Leser könnten hoffen, dieses Jahr noch selbst zu erleben.

Die Welt der Zukunft

Spannend war damals nicht nur, sich in eine Welt voran zu denken, die absehbar digital zu sein versprach – obwohl das Internet damals in seiner Verbreitung noch nicht konkret präsent war. Mit jedem neuen Thema, das wir in dem Buch behandelten: Arbeitswelt, Entertainment, Sport, Wirtschaft – und auch Sex – war klar, dass die Welt, in der wir uns zu der Zeit damals befanden, schon nur allzu bald völlig anders aussehen würde. Und für unsere Ideen und Perspektiven, die wir damals aufzeichneten, müssen wir uns bis heute nicht schämen.

Parallel zu den möglichen Szenarien einer Welt der Zukunft machte mir Gerd Gerken Mut, auch mich selbst einmal in meine eigene Zukunft hinein zu denken. Das war damals für mich eine der essentiellsten Erfahrungen. Sollte jeder mal für sich versuchen: Wie sieht man selbst, mein Leben und meine Arbeit zehn Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre oder mehr in die Zukunft hinein aus? Was ist da denkbar? Was will man dann tun? Was traut man sich zu? Was will man auf gar keinen Fall, was unbedingt?

Zeitreise in die eigene Zukunft

Das war wirklich ein einschneidendes Erlebnis, diese Zeitreise in mein eigenes Ich. Ganz klar war sehr schnell, dass mein Leben auf keinen Fall so bleiben sollte wie es war. Nicht weil es damals schlecht oder frustrierend war. Aber die Vorstellung, zehn Jahre später noch dasselbe tun oder denken zu sollen, wie damals, das war wirklich eine sehr grässliche Vorstellung. Viel schöner und spannender war es, sich in immer neue Zukunftswelten hinein denken zu können/dürfen. Erst so wurde mir deutlich, welche Perspektiven, welche Optionen mein Leben vielleicht für mich noch bereit halten könnte.

Klar war, dass Veränderung der Schlüssel zu einer begehrenswerten Zukunft war. Dass Ziele und Visionen, Ideen und Perspektiven nötig waren, um in dieser Zeitreise in die eigene Zukunft und das Ich, das ich einmal sein wollen könnte, wirklich erlebenswert zu machen. Und erstrebenswert. Und lebenswert.

Mein Leben hat das damals nicht sofort verändert. Um so mehr aber langfristig. Ich wäre heute wohl nicht da, wo ich heute bin; ich würde nicht das Leben leben, das ich heute lebe, wenn ich damals nicht diese Reise in meine eigene Zukunft gewagt hätte. Und ich würde vielleicht nicht das Glück empfinden und erleben, das ich heute so oft genieße. Und ich wäre wohl nicht so entspannt und zukunftsfreudig. Und einiges Positive mehr…

Die Luxuskreuzfahrt des Odysseus


Odysseus als Role Model

Eine meiner schönsten Erinnerungen an meinen Vater ist, wie er mir als kleines Kind am Bett über Wochen hinweg in Fortsetzungen die Abenteuer des Odysseus erzählt hat. Damals gab es noch keine Hörkassetten. Und nein, er hat mir die Geschichten nicht vorgelesen, er hat sie mir erzählt. Aus der Erinnerung. Die Geschichte war tief in seinem Gedächtnis eingegraben, schließlich konnte er Homers Odyssee bei Gelegenheit auch minutenlang auswendig in Altgriechisch zitieren. Etwa als er im alten Theatron in Taormina stand, mit dem schneebedeckten Ätna als dramatisches Bühnenbild im Hintergrund.

Odysseus widersteht den Lockungen der Sirenen

Die Odyssee, wie sie mein Vater erzählte, war eine kreuzspannende Geschichte: die vielen Gefahren, die Verlockungen, die Ängste, die das Schicksal für Odysseus bereit hielten und er bestand – immer mit der Aussicht auf die treue, liebende Gattin im fernen, heimischen Ithaka. Es war wohl die bildungsbürgerlich liebevolle Vorbereitung auf die Fährnisse des Lebens, die ein damals schon altersweiser Vater seinem kleinen Sohn mitgeben wollte. Denn er erzählte die Geschichte durchaus werkgetreu (soweit ich sie erinnere), aber natürlich aus seiner tolerant konservativen Sicht. Vielleicht wollte er mich so darauf vorbereiten, wo er in seinem Leben nicht wie Odysseus heldenhaft gehandelt hatte, sondern bürgerlich feig – etwa im Dritten Reich. Ich sollte es nie erfahren, er verstarb dafür viel zu früh.

Der goldene Schnitt

Aber er hat mir genug Muster für mein Leben mitgegeben. Den breiten Kanon an Werten, den die katholische Religion bereit hält. Und was die zehn Gebote und ihre Sinnhaftigkeit betrifft, war das so schlecht nicht. Der Herrgott und sein Bote Moses können ja nichts für die Interpretationen und Ausführungsbestimmungen, die das Bodenpersonal die letzten Jahrhunderte bis heute so erlassen hat. Und dann die vielen Gemeinplätze, die die bürgerliche Welt damals als richtig und hilfreich ansah: den goldenen Schnitt etwa. In den Worten meines Vaters: Immer etwas über der Mitte – und ja nicht zu nah an den Extremen.

Solche Bilder entfalten in einer Zeit, in der die bürgerliche Mitte immer weniger Chancen hat, eine besonders krasse Absurdität. Damals war das Bild eines in seiner („gehobenen“) Mittelmäßigkeit zufriedenen Menschen anscheinend attraktiv. Es suggerierte eine spezielle Art von Sicherheit. Diese bürgerliche Idylle im Reihenhaus funktionierte als eine Art Tarnkappe, die einen vor Extremen und vor allem vor zu viel Aufmerksamkeit schützte. Meine Mutter drohte meines Wissens nach meinem Vater nur einmal ernsthaft mit Trennung, als er sich anschickte, für die CSU für den Bundestag zu kandidieren. Als Zählkandidat wohlgemerkt, ganz weit unten auf der Landesliste. Sie tat das nicht weil es die CSU war (im Gegenteil), sondern weil er sich so exponiert hätte. Er wäre auf der Messlatte des Goldenen Schnitts zu weit nach oben gerutscht.

Die komplette Werte-Inversion

Solch eine Weltsicht sieht im Lichte der gesellschaftlichen Wirklichkeit knapp 50 Jahre später eher kurios aus. Die Mittelwerte sind am schlimmsten vom Werteverlust betroffen. Von wegen Werteverlust. Die Werte haben sich teilweise komplett in sich umgekehrt. Heute ist nichts langweiliger als das Mittelmaß. Mit nichts kann man jungen Menschen heute wirkungsvoller drohen, als nicht stets und in jeder Lage der, die, das Beste, Meiste, Schönste zu sein und zu wollen. Keine Firma mit Anspruch begenügt sich mit guten Mitarbeitern, es muss immer gleich ein Überperformer sein, der wirklich immer alles gibt, was er hat. Was dazu führt, dass es immer weniger gute Mitarbeiter aber immer mehr exzellente Darsteller in der Rolle von Überperformern gibt.

Mein Vater wollte mich vor so ausgefallenen Abenteuern, wie sie Odysseus erleben musste, bewahren. Heute verdienen Firmen gutes Geld, die unbescholtene Menschen viel krassere Bewährungsproben bestehen lassen, am Bungee-Seil, in Wüsten oder im Himalaja. Man muss einmal ein Expeditionsvideo vor der Synchronisierung gehört haben, in dem das fast verzweifelte Ringen der Teilnehmer um Luft in der Höhe von 4.000 und mehr Metern zu hören war, um zu verstehen, dass Odysseus dann doch wohl einst eher eine gemütliche Kreuzfahrt durchs Mittelmeer unternommen hat. (Auf dem Video waren die Bilder in der Endfassung natürlich mit sphärischer Loungemusik unterlegt.)

Mann ohne Eigenschaften

Nein, das wird kein Essay über die schlimmen Widrigkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert. Nein, keine Abrechnung mit dem schlimmen Werteverlust und der Perversion heutiger Lebenswirklichkeit. Im Gegenteil. Ich habe die bürgerliche Selbstbeschränkung ja schon früh als spezielle Art von Feigheit vor sich selbst verstanden. Ich habe meinen Schnitt mit dem goldenen Schnitt gemacht. Und die gesellschaftliche Tarnkappe, die meine Mutter noch mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln (Trennung!) verteidigt hat, habe ich schnellstmöglich verlassen – und wurde Journalist. Und heute lebe ich genussvoll das Gegenteil –  digitale Offenheit samt Blog, Facebook- und Twitter-Account. Und ich fühle mich wohl dabei. Sehr wohl.

Aber wie kann das gehen? Wie konnte ich mich so schmerzarm von den Gesellschaftsklischees meiner Jugend verabschieden? Wie geht das, dass ich so gut wie nie unter Wertewandel und Werteverlust gelitten habe?Bezeichnenderweise war einer meiner am essentiellsten prägenden Romane einst der „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Hier ist schon in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Unmöglichkeit beschrieben, in einer modernen Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen und beschleunigenden Entwicklungen noch verbindende, sinnstiftende Ideen zu finden – oder gar zu pflegen. – Interessant, dass heute etwa Peter Sloderdijk in seinen „Sphären“ sich auch wieder auf Musil und den „Mann ohne Eigenschaften“ bezieht.

Das Mosaik des Lebens

Aber anders als Ulrich im Roman vermisse ich in meinem privat wie beruflich sehr abwechslungsreichen Leben kein sinnstiftendes Ganzes. Ganz einfach, weil ich es nie gesucht habe. Für mich waren – zunächst völlig unbewusst, später immer klarer – gerade die stete Veränderung, das Mäandern, die spontanen Entwicklungen, die überraschenden Brüche, das Scheitern hier und die Erfolge da kein Fiasko, sondern eher gestaltender Teil eines Mosaiks, das mit jeder neuen Ergänzung, immer schöner wurde, immer neue Aspekte zeigte – und in seiner Collagenhaftigkeit doch immer klarer und aussagekräftiger wurde.

Gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung ist daher für mich positiv besetzt, weil sie das Bild immer weiter bereichert. Und das gelingt nicht mit intensiver Nabelschau. Dafür sind ein ähnlich entwicklungstalentierter Partner und die stete Entwicklung der Beziehung zueinander die vielleicht wichtigsten Ingredienzien. Ebenso wichtig ist ein festes Netz aus Freunden und Seelenverwandten, die auch mal Widerworte wagen. (Das musste ich am dringendsten lernen.) Und essentiell ist dafür heute natürlich auch das digitale Netzwerk in all seinen Ausprägungen. – Ich kann mich irren, aber mir scheint, in diesem Mix aus zwischenmenschlichen Einflüssen kann ich relativ gelassen den kommenden, sicher immer krasser und schneller werdenden Veränderungen unserer Welt in all seinen Facetten – wenn auch nicht immer gelassen – erwartungsfreudig entgegensehen. Vor allem ohne Angst, eher mit Vorfreude. Odysseus sei Dank!

Das digitale Fremdbild


Fremdbild vs. Selbstbild

Jeder kennt einen Menschen, der stylemäßig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie stylen sich und ziehen Klamotten an, wie sie Jahrzehnte zuvor mal hip gewesen sein mögen. Als ich in jungen Jahren mit Freunden lange Zeit eine Hütte (ohne Strom, das fließende Wasser war der Brunnen vor der Tür) in der Kelchsau hatte, kehrten wir verlässlich auf dem Weg nach Hause in der „Traube“ in Hopfgarten zur Jause ein. Nicht weil das Essen dort so überragend war. Im Gegenteil, es war sehr holländerkompatibel mit viel Fritten und einem halben Dosenpfirsich als Beilage bei so ziemlich jedem Fleischgericht.

WIENER 12/90 – Foto: Uwe Arens

Nein, die Attraktion war über Jahrzehnte hinweg die Bedienung. (Hieß sie Christine?) Sie war lustig und freundlich. Vor allem trug sie stets eine grandios aufgetürmte Toupetfrisur, wie sie später die Mädels von B52 ironisch zitierten – oder noch später Amy Winehouse. Christine aber trug den Toupet-Turm nicht als ironisches Zitat, sondern weil sie es irgendwie für chic hielt. Irritierend, wie sie dieses Selbstbild liebte, während sich die Welt längst drum herum weiter entwickelt hatte und solch eine (aufwändige) Haarinstallation eher kurios fand. Selbstbild und Fremdbild klafften epochenweit auseinander. (Ein ähnliches, typisches – prominentes – Beispiel für solch ein Time- und Persönlichkeits-Gap ist das Ehepaar Thomas und Thea Gottschalk.)

Schmerzhafte Divergenz

Das Phänomen der Divergenz zwischen Selbstbild und Fremdbild kennt jeder Journalist, der Menschen beschreibt. Jedes Porträt, jede Reportage über Menschen ist nichts anderes, als jeweils dem Betreffenden einen Spiegel vorzuhalten. Einen sehr subjektiven, selbstverständlich. Und oft kollidiert das mit dem Selbstbild des Porträtierten. Je größer die Divergenz, desto heftiger ist die Reaktion. Und das ist nicht immer die Schuld des Journalisten, der eine Geschichte aufzumotzen versucht.

Mir sind solche Selbst-/Fremdbild-Konflikte zwei Mal besonders krass begegnet. Einmal in den Frühzeiten des WIENER, als ich über mehrere Tage hinweg die Mutter von Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, interviewt hatte. Sie erkannte sich in dem Interview – obwohl stets wörtlich zitiert – nicht wieder und protestierte vehement dagegen, wie sie und ihr Sohn in dem Interview rüber kamen. Ähnlich heftig war die Reaktion auf eine Reportage kurz nach der Wende 1990 unter Kindern in Halle und Dresden. Wir zitierten dort Texte, die sie in Aufsätzen zum Thema „Meine Hoffnungen und Ängste für meine Zukunft im vereinigten Deutschland“ geschrieben hatten und setzten eindrucksvolle Fotos der Kinder in Schwarzweiß von Uwe Arens dazu. Das kam bei den Eltern und den Lehrern der Kinder sehr schlecht an und wir wurden mit Protestbriefen überschüttet.

Narzisstische Kränkung

Zur Erinnerung: Narzisst ist der stolze Jüngling, der sich aus Rache der Nymphe „Echo“ (!) immer wieder in sein Spiegelbild verlieben musste. Das macht deutlich, wie schmerzhaft es in einer weithin durch-narzisstisierten Gesellschaft sein muss, in seinem Spiegelbild etwas sehen zu müssen, was einem gar nicht gefällt. Etwas, was so gar nicht der eigenen Vorstellung, dem eigenen Anspruch entspricht. Diese narzisstischen Kränkungen (nicht im Freud’schen Sinne, bitte!) prägen das Leben heute. Je ausgeprägter und idealer das Selbstbild ist – und das braucht es in unserer hoch-individualisierten Welt heute – desto häufiger und herber sind diese Kränkungen. Sie prägen unseren Alltag und wohl dem, der gelernt hat, damit klug und aggressionsfrei umzugehen.

Wer heute häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bekommt unweigerlich das Gejammere zu hören und die Aggressionen zu spüren, die narzisstische Kränkungen in Menschen auslösen. Jede Verspätung der S-Bahn ist ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Jeder schiefe Satz eines Kollegen ist ein Drama. Jeder Tropfen Regen eine persönliche Beleidigung und jede Hitzeperiode jenseits von drei Stunden ein Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Eigenartigerweise werden die wirklich schwerwiegenden Kränkungen des fragilen Selbstwertgefühls, die von Chefs, Instanzen, Behörden oder gar der Politik ausgeübt werden, da nicht thematisiert. Je gravierender und Identität gefährdender die Angriffe sind, desto stiller werden sie ertragen. Sie zu beklagen wäre zu entblößend, zu blamabel.

Das finanzielle Eigenschämen

Die am meisten verschwiegene Kränkung der Gegenwart sind die Geldverluste, die Menschen in den sich gegenseitig hetzenden Krisen ereilen. Sie sind das absolute Tabu-Thema, bei dem man sich oft nicht einmal bei allerengsten Freunden seelische Erleichterung holen mag. Es wird spannend, wann dieses Tabu einmal gebrochen wird. (Vielleicht in einer Stern-Aktion: 100 Prominente bekennen, wir haben uns verspekuliert?) Zeit wird es, denn gerade die Banken und Finanzinstitutionen profitieren am meisten von der Omerta der geprellten Gierigen und der breiten Front teilenteigneter Finanz-Amateure.

Dabei ist die Bandbreite der narzisstischen Kränkungen, die Banken heute für ihre Kunden auf Lager haben, nahezu unendlich. Jahrzehntelang treuen Kunden wird im ersten Moment einer Krise (etwa Arbeitslosigkeit) sofort und unangekündigt der Dispo gekündigt samt Einzug der EC-Karte. Selbst erfolgreiche Firmen bekommen vereinbarte Kreditlinien nicht mehr verlängert, weil irgendein anonymer Controller in der Zentrale neue Richtlinien erlassen hat. Und wenn man älter als 55 Jahre ist, hat man sowieso kaum mehr Chancen auf Hypotheken oder Kredite, nicht mal wenn man massenhaft Immobilien als Sicherheit bieten kann. – Das alles ist so im näheren Bekanntenkreis aktuell passiert.

Der anonyme Algorithmus 

Und es wird noch schlimmer. Längst sind die Finanzinstitute und eigene, von ihnen beauftragte Datenanalytiker dabei, ganz klandestin ein zusätzliches, digitales Fremdbild von jedem von uns zu malen. Mit der Abermenge von digitalen Finanz-Transaktions-Daten, kommerziellen Datenbanken (Adressen, Schufa & Co.) und den im Internet in Abundanz verfügbaren Daten (inkl. Social Media) zeichnen sie ihr eigenes, sehr granulares und konkretes Bild vom Konsumverhalten, von Kreditwürdigkeit und finanziellen Perspektiven jedes Einzelnen von uns.

Ein sehr eindrucksvolles Bild, wie das e-score genannte Solvenz-Profil eines jeden von uns aussieht, hat die New York Times gezeigt. Ein erschreckendes Bild vor allem, weil es vor dem, den es angeht, stets verborgen bleibt. Es wird nur in den Kränkungen, die von diesem klandestinen Datenprofil, dem dritten – digitalen – Ich verursacht werden, erlebbar sein: wenn man keinen Kredit bekommt – oder nur zu sehr unvorteilhaften Konditionen. Wenn man teurere Preise zahlen soll (wie etwa Apple-User). Wenn man keine Verlängerung einer Hypothek bekommt und die Spareinlagen unter dem Inflationswert verzinst werden usw.

Und wer sich ein wenig auskennt, wie Algorithmen entstehen, wie sie funktionieren und weiß, wie sie oft falsch eingesetzt werden, der kann erahnen, wie oft von Algorithmen errechnete (Finanz-)Persönlichkeitsprofile falsch liegen können. Die Banken & Co. sind ja schon froh, wenn halbwegs die Pareto-Regel gilt. Für uns Kunden hieße das, dass ein Fehlerquotient von 20 Prozent gilt und mindestens jedes fünfte digitale Profil falsch ist. Und es ist unkorrigierbar, da nicht öffentlich kontrolliert und nicht individuell einsehbar. Eine wahrhaft kafkaeske Situation solange nicht Hacker eine e-score-Leaks-Initiative starten.

Auf die Politiker darf man nach den Erfahrungen der letzten Jahre und Monate wohl nicht hoffen, dass sie sich in diesem Punkt gegen das Finanzsystem zugunsten ihrer Wähler durchsetzen. Vielleicht auch, weil sie ganz privat Angst haben, von dieser Seite herbe narzisstische Kränkungen zu erfahren…

Wut auf Social Media


Das digitale Babyboomer-Syndrom

Wenn Menschen meiner Generation (50 +) Social Media ablehnen, ist das – bei ein bisschen gutem Willen – nachvollziehbar. Da addieren sich etliche Ursachen auf:

  • Ungeübtheit in Computerdingen
  • Unverständnis der digitalen Welt
  • Kompetenzdefizite gegenüber der jungen Generation – ja oft gegenüber den eigenen Kindern
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Lineares Denken
  • Hierarchiehöriges Unwohlsein gegenüber Netzwerken
  • Lern-Unlust
  • Komplettverplanung von individuell verfügbarer Zeit
  • etc.

Und ja, es gibt ja auch einige ernst zu nehmende Argumente. Die mediale und wirtschaftliche Übermacht von digitalen Giganten wie Facebook, Google, Apple oder der liebste Altfeind Microsoft. (Amazon wird da gerne vergessen…) Man muss bedenken, dass wir hier von einer Generation sprechen, die gegen Monopolisten, gegen einen Schnüffelstaat, gegen Repressalien – also Unfreiheiten – politisch und gesellschaftlich gekämpft hat. Der eine mehr, der andere weniger. Aber dieser Kampf ist so etwas wie der Erfolgs-Mythos dieser Generation, der Babyboomer.

Hass auf Facebook

Das alles macht eine Ablehnung von Social Media und speziell Facebook in Teilen erklärbar. Aber ich bin immer wieder erschrocken darüber, welch Intensität die Ablehnung annehmen kann, sie reicht bis hin zu glühendem Hass. (Das alles natürlich sorgsam als Vorsicht und/oder politische Sorgsamkeit inszeniert.)

Aber die Heftigkeit der Emotionen und die Wucht der Ablehnung machen dann doch nachdenklich. Da muss viel Angst mit im Spiel sein, anders ist solch Emotionalität nicht erklärbar. Wenn man hier aber ganz vorsichtig nachfragt, kommen als Erklärungen entweder wilde Modernitäts-Mythen oder ein schnippisches und den anderen für blöd verkaufenden „Ich weiß schließlich, wie gefährlich das ist!“. Was für Gefahren da sein mögen, bleibt dann undefiniert – das macht es so schön brisant geheimnisvoll.

Babyboomer für Babyboomer

Wirklich kurios sind die Mythen, die man als Erklärung für die Ablehnung jeder aktiven Teilnahme an Facebook & Co. zu hören bekommt: Fotos etwa könnten missbraucht werden, um dann per Photoshop („Da geht ja heute alles!“) in Pornos auf nackte Körper montiert zu werden. Und dann wird man damit erpresst – oder so… Gerne wird auch auf das Risiko verwiesen, durch private Informationen für Staat und Wirtschaft zum gläsernen Opfer von Willkürmaßnahmen von Finanzamt und Werbeindustrie zu werden. Und natürlich treibt die Sorge um, dass Kontoinformationen, Kreditkartennummern etc. ausspioniert werden.

Die zur Betroffenheitsindustrie verkommenen Medien, die mit Ängsten und Furcht so ungerührt ihr Geschäft macht, hat in dieser Generation ganze Arbeit geleistet. Sie berichten genau das, was diese hören bzw. lesen will. Kein Wunder, schließlich herrscht hier meist Generationssolidarität: Babyboomer schreiben für Babyboomer. Da weiß man, was ankommt.

Machtverlust durch Globalisierung

Aber auch das erklärt nicht wirklich den Hass auf Facebook, Google + (Streetview!), auf Twitter, Foursquare (ganz schlimm!) oder Instagram, also auf die ganze „Bagage“! Da muss es eine grundlegendere, eine existentiellere Ursache geben. Jenseits von Unsicherheit, Angst, ideologischer Vorbehalte – oder auch Neid auf die Optionen jüngerer Generationen.

Eine interessante Spur, die emotionale Social Media-Aversion zu verstehen, habe ich bei Zygmunt Baumann, in seinem erst 2007 geschriebenen Werk „Liquid Times“ gefunden. Der einst in Großbritannien (seiner Wahlheimat) und Warschau (seiner Heimat) lehrende Soziologe hat in seinem seltsam dystopischen Alterswerk sehr gut die Politik der Angst beschrieben, mit der die Politiker weltweit den Machtverlust wettzumachen versuchen, den ihnen die Globalisierung und die Machtverschiebungen durch das Internet zugunsten von Bürgern und Konsumenten gebracht haben.

Negative Globalisierung

Baumann geißelt diesen Trick der Politik, über das Schüren von Ängsten ihre Macht zu bewahren. – Welchen Beweis oder wenigstens Hauch von Evidenz gibt es etwa zu der Geschichte der Unterhosen-Bomben aus dem Jemen außer Verlautbarungen von Politik und Geheimdiensten? Und was ist mit den regelmäßigen wiederkehrenden Warnungen vor anstehenden terroristischen Anschlägen, die dann nicht geschehen? Ein Szenario von wahrlich Orwellscher Dimension.

Aber zugleich bedauert Baumann den Machtverlust der Politik und die Tatsache, dass sie ihr originäres Versprechen, für Gerechtigkeit, Ordnung und Struktur und somit für Sicherheit und Friede zu sorgen, nicht halten kann. Stattdessen tun die Politiker alles, damit ihre Bürger die Globalisierung als negativ empfinden müssen: sie deregulieren, sie bauen Bürger- und Freiheitsrechte ab, sie schwächen die Sicherheitsoptionen der Bürger.

Das Scheitern des Lebensprojektes

Vor allem aber diffamieren sie die Globalisierung zum Buhmann unserer modernen Gesellschaften, indem sie sie als Inbegriff des Fremden inszenieren. Sie tun das in der Personifizierung des Bösen und der Bedrohung unserer Sicherheit als afghanischer/orientalischer Terrorist und als Bedrohung unseres Wohlstands als illegaler Einwanderer aus den Armutsregionen dieser Welt.

Die Babyboomer erleben diesen Machtverlust der Politik und ihr programmatisches Scheitern oft auch als Scheitern ihres Weltbildes und ihres Lebensprojektes. Sie glaubten einst, durch eine (meist linke) Politik die Welt besser und gerechter machen zu können. Aber das Gegenteil ist passiert. Die von ihnen oft mühsam und langwierig durchgesetzten Freiheitsrechte werden im Handstreich kassiert. Ein Terroranschlag oder eine kleine Finanzkrise genügen.

Internet als Inbegriff negativer Globalisierung

Und wer ist schuld daran? Die Globalisierung! Und was ist das markanteste Symbol der Globalisierung? Das allumfassende, in jeder Beziehung keine Grenzen kennende Internet. Und wer repräsentiert dieses böse, negative Internet am signifikantesten? Die Datenkrake von Google natürlich. Aber besser noch die erfolgreichste Website aller Zeiten, die noch dazu das informelle Selbstbestimmungsrecht – aus Sicht der Babyboomer, die das einst erkämpft haben – so gnadenlos gründlich missinterpretiert: Facebook. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass deren Gründer so jung – und mindestens im Fall von Mark Zuckerberg – unbedarft und politisch völlig unbeleckt sind.

Die Vision der Babyboomer eines gerechten Staatssystems, das den Bürgern Sicherheit gibt, ist gescheitert. An ihre Stelle ist ein globales, inkonsistentes, undurchsichtiges Patchwork getreten, in dem kaum ein Minimalkonsens an Rechtsstaatlichkeit, an Bürger- und Freiheitsrechten und Schutz der Privatsphäre zu realisieren ist. Stattdessen schürt es in seiner Monstrosität und Unübersichtlichkeit alle möglichen diffusen Ängste. Es ist so die perfekte Projektionsfläche aller Ängste, allen Unmuts. Und an so etwas soll man sich mit 50 + Jahren (oder mehr) gewöhnen, mit so etwas soll man sich positiv arrangieren?

Die Banausen der Zukunft

Flexibilität heißt das Zauberwort, das von Netzapologeten, Digital-Apologeten, aber auch von Politikern eingefordert wird. Dazu noch einmal Zygmunt Baumann in „Liquid Times“: „Flexibilität ist das einzige Heilmittel, das von der Politik angeboten wird. Dabei wird doch damit nur noch mehr Unsicherheit propagiert, noch mehr Privatisierung aller Unzumutbarkeiten, noch mehr Ohnmacht und Einsamkeit.“

Ich gebe zu, auch ich habe Flexibilität immer viel zu schnell als Lösungsansatz zur Hand. Für mich klingt das stets positiv. Befürchten aber Menschen, mit Veränderungen Wichtiges zu verlieren – Wohlstand, Sicherheit, Privilegien, Lebenslügen –, kann die Idee von Flexibilität sehr kontraproduktiv wirken. Dann entwickelt sie eine „Bedrohlichkeit“. Und das scheint veritable negative Emotion bis hin zum Hass wecken zu können…

Schade. Denn Veränderungen nehmen nicht nur, sie geben auch. Vor allem öffnen sie Freiräume. Schade, wenn einem diese Sichtweise und die Freude darüber (im Alter) abhandengekommen ist. Veränderung ist immer auch Risiko. Gott sei Dank ist das so. Ohne Risiko gäbe es uns und unser Leben nicht, denn es ist das Treibmittel (Triebmittel?) der Evolution… Alvin Toffler, Schriftsteller und Futurologe, hat die Konsequenz daraus in seinem Aufsatz „Rethinking the Future“ (1998) so formuliert: „Die Banausen (Illiterates) des 21. Jahrhunderts sind nicht die, die nicht lesen können, sondern die, die nicht lernen, entlernen und wieder neu lernen können.“ – Oder die es nicht wollen…

Die Effizienz-Evolution


Die perfekten Anpassler

„Survival of the Fittest.“ So hat Darwin einst das Evolutionsprinzip definiert. Er zitierte dabei den britischen Sozialphilosophen und Begründer der Evolutionstheorie Herbert Spencer. „The fittest“, das sind im evolutionären Spiel nicht die Stärksten. Es sind nicht die Intelligentesten. Diejenigen sind die „fittest“, die sich am besten und schnellsten neuen Bedingungen anpassen können. Sieger der Evolution ist, wer schnell und richtig mit neuen Gegebenheiten umgehen kann.

Die Floskel: „Wie haben wir das eigentlich früher gemacht? – Hat doch auch irgendwie funktioniert.“ ist eine geflügelte Phrase geworden, wenn sich ältere Semester einer 20 oder 30 Jahre zurück liegenden Arbeits- oder Lebenswirklichkeit erinnern. Kinder/Jugendliche verdrehen dann entnervt die Augen nach oben. Zu oft haben sie erzählt bekommen, wie einst in den Prä-Internetzeiten per Fax kommuniziert wurde. Oder per Telex. Oder wie kompliziert es war, von unterwegs zu telefonieren, als es noch keine Handys gab. Oder wie einst mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier geschrieben wurde.

Schreibwaren-Nostalgie

Ich besitze aus Nostalgiegründen noch immer ca. 20 Blatt Kohlepapier. Gibt es die überhaupt noch zu kaufen? – Google beruhigt: Gibt es noch, ein 10er-Pack kostet etwa bei Staples 4,99 Euro. – Aber wer im Himmel benutzt das heute noch? Und wofür? Für das Ausfüllen von Formularen? – Noch solch ein aussterbendes „Kommunikationsformat“. Einst bei der Münchner Stadtzeitung war unsere mit Abstand beste Setzerin im Hauptberuf „Formularsetzerin“. Für die Stadtzeitung arbeitete Dagmar, weil sie es satt hatte, immer nur sinnentleerte Arbeit zu leisten. – Aber kurioserweise war sie als Setzerin so gut, so fehlerfrei und schnell, weil sie die Texte, die sie setzte, nicht las, sondern ohne Kenntnis des Inhalts einfach die Buchstaben eines Manuskripts 1 zu 1 per Kugelkopfschreibmaschine auf die Satzmatrize hackte.

Wir bewunderten ihre Fähigkeiten damals immens. Wir waren aber in unserer Eitelkeit auch ein wenig gekränkt, weil unsere so tollen Inhalte an ihr wirkungslos vorüber zogen. Wir ahnten damals in den Vor-Computer-Zeiten Anfang der 70er-Jahre noch nicht, wie „digital-mäßig“ Dagmar zu dieser Zeit schon arbeitete. – Aber sie wusste es ja selbst nicht.

Auf eBay etwa gibt es heute noch Kugelkopfschreibmaschinen (gebraucht) zu kaufen, und Farbbänder dafür gibt es auch noch. Für eine Unzahl von Modellen. So viel zum Thema Veränderung – und Beharrungsvermögen. Es muss noch heute Menschen geben, die beharrlich die Neuzeit und ihre Errungenschaften verweigern – und lieber wie gewohnt mit Schreibmaschine und Farbband Texte schreiben. Und ja, Tipp-Ex gibt es auch immer noch.

Sehnsucht nach Depperltätigkeiten

Es gibt zwei Haltungen, mit denen man solch einen nostalgischen Ausflug in die Vergangenheit , als es noch „Schreibwaren“ gab und Apps noch Apparate oder Apparaturen waren, unternehmen kann. Die eine ist die des „Früher-war-alles-besser“ inklusive einer Verklärung der Ungelenkheit und Langsamkeit früherer Prozesse – und eine Absage an das Prinzip der Evolution. Die andere ist das erwähnte „Wir-haben-das früher-doch auch-super-hingekriegt“. Unser angeborener Verdrängungsmechanismus hat längst den vielen Ärger und den vielen Frust verdrängt, den uns umständliche Depperltätigkeiten massenhaft bereitet haben. Und warum waren wir bereit, all die neuen Dinge und Technologien zu akzeptieren, mit denen wir alle so viel effektiver geworden sind, wenn das damals alles so prima gewesen ist?

Aber jetzt denken wir mal weitere 20 oder 30 Jahre nach vorne. (Dank Innovation hat sich unsere Lebenserwartung ja entsprechend gesteigert.) Dann werden wir auf heute zurückschauen und uns beömmeln, wie gestrig, wie ineffektiv und wie sperrig das alles war, was wir heute als Selbstverständlichkeit erleben. Beispiel Auto: selber Auto fahren, Gangschaltung, tanken, sich verfahren, Auto kaufen. Beispiel Behörden: Steuererklärungen machen. Monatlich! Quittungen geben lassen, aufheben, sortieren, verbuchen, einreichen. Mehrwertsteuer herausrechnen etc. Beispiel Schreiben: Texte tippen, Tasten drücken, vertippen, korrigieren, gegenlesen. – Amelie Fried sinnierte vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite: „Schaue aufs Meer und denke über mein neues Buch nach. Gibt es eigentlich schon Apparate, die Gedanken direkt in den Computer übertragen? Ich finde, das würde eine Menge Arbeit sparen.“ Nicht ausgeschlossen, dass das in 25 Jahren möglich ist.

Plateau oder exponential

Man muss eigentlich nur mal innehalten und nachdenken, womit man im Alltag am meisten Zeit verplempert – und was einen davon eigentlich im Grunde ärgert. Ich nehme Wetten an, dass die meisten dieser Vorgänge in 25 Jahren der Vergangenheit angehören. Technisch ist dann alles machbar – man bedenke nur, was bis dahin Computerchips für gigantische Rechnerleistung bieten, wenn Moore’s Law nur halbwegs weiter gilt. Für alles, was unfreiwillig Zeit verbrennt und Mühsal bereitet, wird es bis dahin eine technische Lösung geben.

Fragt sich, wie wir Menschen mit solch einer Explosion an Effizienz – und Beschleunigung – umzugehen lernen. Es gibt dazu drei Denkschulen, wie die technologische Entwicklung weitergehen wird. Die eine meint, dass wir nach der Effizienz-Explosion des Internet ein neues Plateau erreichen werden, auf dem sich die Dinge nach vielen Disruptionen, Umwälzungen und Machtwechseln wieder mit weniger Tempo entwickeln werden. Jeff Jarvis denkt in etwa so, wenn ich ihn in richtig verstehe. („Gutenberg, the Geek„)

Pessimisten und Optimisten

Die andere Denkschule erwartet, dass sich die Entwicklung nicht abflachen und weiter exponentiell in die Höhe schießen wird. Unaufhaltsam. Hier scheiden sich die Geister. Die Pessimisten befürchten, dass wir uns damit überfordern und unsere Psyche (und Physis) das nicht aushalten wird und eine Gesellschaft von Depressiven und chronisch Hyperaktiven entsteht, die sich in ihre Bestandteile auflösen wird. Die Optimisten vertrauen darauf, dass sich die Menschheit noch jeder evolutionären Herausforderung gewachsen gezeigt hat und auch weitere Effizienzsteigerungen und Beschleunigungen aushalten wird. Die Esoteriker unter ihnen träumen sogar von einer neuen Wirklichkeitsstufe, die so zu erreichen wäre. („Die Prophezeiungen von Celestine„)

Meine Vermutung ist, dass die menschliche Psyche viel zu stabil ist, als dass sie echt gefährdet wäre. Noch jede Effizienzsteigerung hat auch zu mehr Freizeit und Freiraum geführt. Noch jede Übersteigerung und Übertreibung hat sich nivelliert. Gerade das Phänomen Google und unsere Fähigkeit binnen kürzester Zeit unnützes Wissen – weil jederzeit per Google verfügbar – los zu werden, belegt diese These. Unsere Gehirne werden nicht rasch wachsen können. Aber wir werden unsere Fähigkeit, entlernen zu können, immens optimieren müssen. So wird auch unser Gehirn effizienter – und wird befreit von allem überflüssigen Detailwissen, allem unnützen Ballast und störenden Verkrustungen. Unsere Setzerin Dagmar damals hat es uns quasi schon damals vorgelebt.

So könnte der Weg zu einem Leben in einem stark beschleunigten Flow frei werden, in dem man sich behände in einem beschleunigten Stream der Veränderungen bewegt, wie ein Fisch in einem reißenden Gewässer. Und der weiß nicht nur klug Stromschnellen zu nehmen, sondern findet immer auch wieder ruhige Buchten zum Innehalten. Und das tut er sehr effizient.

Das Ende der Homepage


Visitenkarten-Fetischismus

Es gibt Firmen, die legen sehr großen Wert auf ihre Visitenkarten. Sehr, sehr großen Wert. Dafür werden gerne seltsam aufwändige Rituale getrieben. Welcher Mitarbeiter bekommt welches Design? Marke und Konzern werden sorgsam in der Logogestaltung getrennt. Und am wichtigsten ist natürlich, welchen Titel bekommt der jeweilige Mitarbeiter? Da wird auch keine Rücksicht darauf genommen, ob der Titel nicht etwa beim Kunden, wo die Visitenkarte (nomen est omen!) ja letztlich ankommen soll, eher abschreckt als Eindruck macht. Visitenkarten sind nach der Höhe des Honorars der zweite große Fetisch einer (konventionellen) Karriere.

Ein ähnliches Schicksal erahne ich für die klassische Website, die Firmen heutzutage ins Web stellen. Nachdem heute auch der letzte Firmenchef oder Manager kapiert hat, dass ein Unternehmen im Internet stattfinden muss, will es überhaupt wahrgenommen – und respektiert – werden, wird etliche Mühe in die Gestaltung von „Homepages“ von Firmen gesteckt. Dabei wird oft gar nicht mal wenig Geld in die Hand genommen. Zum einen, weil noch zu oft der Irrtum vorherrscht, je aufwändiger ein Relaunch ist, desto länger brauche man nichts mehr an der Website zu tun. Zum anderen, weil man die Website als eine Art elektronische Visitenkarte der Firma (miss-)versteht (siehe oben).

Interaktion und Kommunikation

Das zentrale Problem der meisten Firmen-Websites ist, dass nicht wirklich verstanden wird, dass das Internet eine Kommunikations- und Interaktionsplattform ist. Und Firmen, die ihre Produkte nicht online verkaufen, realisieren oft nicht, dass sie beginnen müssen, auch ohne ein Shopangebot, aktiv zu kommunizieren und zu interagieren, wollen sie in Zukunft noch wahrgenommen werden. Und das in einer Weise, die von ihnen bestimmt ist und nicht von außen via Social Media etc. Es mag stimmen, dass bei einem Blick von oben auf das Gewimmel eines belebten Platzes derjenige, der starr und stumm verharrt, relativ bald auffällt. Aber nur weil man sich Gedanken macht, ob er nichts Besseres zu tun hat oder ob er etwas im Schilde führt.

Wer aber interagiert und lebhaft (und bitte authentisch) kommunizieren will, wird meist schnell feststellen, dass die klassische Homepage dazu oft zu sperrig, zu langsam (egal welches CMS genutzt wird) und zu wenig effektiv ist. Und je mehr die Website visitenkarten-mäßig angelegt sind, um so mehr. Denn Interaktion und Kommunikation machen schnell die schönste Website (optisch) kaputt, weil sie so aufdringlich und unruhig ist. Aber beides macht sie lebendig – so wie die vielen Menschen auf dem oben beschriebenen belebten Platz, die herumwuseln, die gestikulierend miteinander reden oder irgendetwas zum Besten geben.

Die mobile Evolution

Diese Menschen, die da auf Plätzen stehen, in Zügen fahren, auf Flugplätzen warten – oder in Meetings sitzen, sie alle sind heute längst kontunuierlich online. Das Smartphone ist stets angeschaltet – und wird unablässig genutzt, es versorgt unaufhörlich mit Online-Informationen. Vorrangig über Apps, nur ganz selten über (mobile) Homepages. Wie Hubertus von Lobenstein gerade in seinem Blogpost „Die letzten Tage des Internets“ ausführte, verbringen heute Menschen im Schnitt mehr Zeit mit mobilen Apps als im Internet. Über die Hälfte aller „Computer“, sind heute mobile Geräte (Smartphones, Tablets & Co.). Und das Verhältnis ändert sich rapide: Die Zahl mobiler Endgeräte wächst doppelt so schnell wie die der PCs.

Oder anders herum betrachtet. Mehr als die Hälfte des Traffics einer normal vernetzten Website kommt heute nicht mehr über die Homepage, sondern über die verschiedensten anderen Kanäle wie Google, Facebook, Twitter, über mobile Zugriffe und natürlich (Online-)Marketingmaßnahmen. Auf High-Traffic-Sites sind es manchmal nur mehr ca. 30 Prozent der Zugriffe, die die Homepage anlaufen (Pareto rules!). Die große Überzahl der User steuern die Inhalte direkt an und strafen die Homepage konsequent mit Nichtbeachtung.

Big Data Web

Und das ist erst der Anfang. Absehbar ist längst eine Entwicklung, die statische und „schicke“ Websites, wie sie heute üblich sind, vollkommen obsolet machen wird. Absehbar ist, dass Rechnerkraft  sich weiter alle 15 Monate verdoppeln wird (Moores Law). Und das heute auf  sehr hohem Niveau. Zugleich werden die Bandbreiten weiter wachsen, jährlich um ca. 50 Prozent (Nielsen’s Law). Und die Netzwerk-Effekte explodieren zugleich in bisher noch nie gekannter Weise (Metcalfe’s Law, Reed’s Law). Noch nie kannte die Menschheit jenseits biologischer Systeme Netzwerke von über einer Milliarde Teilhabern. (Diese Zahl wird Facebook wohl dieses Jahr erreichen.) Und von ihnen werden Datenmengen in ungeheuren Größen produziert.

In solch einer voll-digitalen Welt mit monströsen Rechnerleistungen, völlig neuen Potentialen für Algorithmen und Softwarelösungen, mit einer nie gekannten Vernetzungsgeschwindigkeit und Teilnehmer-Milliarden und Yottabytes an Datenmassen (Big Data) sind Homepages, wie wir sie heute kennen, kuriose Anachronismen. Sie wirken wie versprengte Papierschnitzel (zerrissener Visitenkarten) in einem pulsierenden digitalen Kosmos. Sie erinnern an alte, verwitterte Wegweiser in einer voll vernetzten, GPS-navigierten, komplett digital erfassten Welt.

Intelligentes Web-Environment

Mal ganz ehrlich, eine Homepage, vor allem in ihrem Visitenkarten-Appeal, ist eine Institution aus einer vergangenen Ära.  Dahinter steckt noch das hierarchische Denken von Firmen, die davon ausgehen, dass ihre Kunden gefälligst zu ihnen zu kommen haben. Sie halten Informationen für Menschen bereit, die müssen sich dafür aber gefälligst herbei bemühen. Kommunikation und Interaktion auf Augenhöhe ist das nicht. Die Frage ist, ob in der oben beschriebenen 360°-Digitalität der Zukunft die Augenhöhe noch das gültige Paradigma ist – oder sich zumindest im Internet und den dort vorhandenen Informations-Yottas die Machtverhältnisse zuungunsten der Anbieter, sprich Firmen und Unternehmen verschieben.

Sie müssen in Zukunft alles tun, um es den Usern so leicht und convenient wie möglich zu machen, an Informationen, Angebote und Interaktions-Optionen zu kommen. Da reicht eine passive, schicke, aber tumbe Homepage sicher nicht. Stattdessen sollte ein hochintelligentes Web-Environment jenseits des heute aufkommenden responsive Webdesigns geschaffen werden, das im optimalen Fall – und bei Einwilligung des Users – weiß, wer der User ist, welches Gerät er gerade nutzt, wo er ist (location based services) und was er vermutlich gerade will oder benötigt. Dazu sind viel Wissen über den User nötig und dafür viel sensible soziale Kommunikation und kluge Algorithmen, die die Daten zu deuten wissen.

Dazu müssten CMS-Systeme entwickelt werden, die so etwas leisten können. Dazu muss alles Wissen, müssen alle Datenbanken eines Unternehmens wirklich konsolidiert und intelligent verknüpft werden. Und man müsste wissen, womit man seine Kunden begeistern könnte. Dazu braucht es mehr (digitales) Wissen, mehr Know how, mehr Strategie und mehr Entschlusskraft als für eine Gestaltung einer Pixel-Visitenkarte. Die Alternative dazu wäre, sich als Unternehmen künftig völlig in die Hand der großen Internet-Plattformen zu begeben, die längst konkret an solch einer Zukunft jenseits von Homepages arbeiten: Google, Amazon, Apple, Facebook – und eventuell noch Microsoft.

The de-material Boy


Das Paradox des segenreichen Verlusts von Materie

Die beeindruckendste Schallplattensammlung habe ich einst in der Wohnung von Musikjournalismus-Legende Ingeborg Schober († 2010) zu sehen bekommen. Ein Zimmer voller Platten, alle vier Wände voll – und in den angrenzenden Zimmern in der Schwabinger Wohnung noch mehr. Bei mir nahm die Schallplattensammlung nur eine halbe Wohnzimmerwand ein, dafür reichte sie in meiner Haidhauser Altbauwohnung bis zur Decke und versammelte ca. 8.000 Alben. Heute verstauben meine ca. 2.000 CDs in einem Schubladenschrank, denn all meine Lieblingsmusik ruht längst digitalisiert auf Festplatte und PC. Aktuell aber höre ich fast ausschließlich Musik, die ich physikalisch nicht besitze. Ich bin Abonnent bei Spotify. Hier habe ich Zugriff auf Millionen von Musiktiteln.

Bei Spotify kann ich jetzt problemlos Ingeborg Schobers These nachprüfen, „Soon Over Baluma“, das Album, das Can 1974 veröffentlicht hat, sei vielleicht erst 2014 zu verstehen. So hat sie es einst in einer Rezension formuliert. – Ingeborg hat nur bedingt recht: Wer sein Ohr nicht ausreichend mit Jazz und Weltmusik trainiert hat, wird auch 2014 ratlos bleiben.

Der virtuelle Sammler

Spotify macht solche Hör-Abenteuer möglich, die man bis jetzt aus Kostengründen und wegen Beschaffungsstress gemieden hat. Es öffnet völlig neue Hörgefilde – und liefert dabei auch fast alle lieb gewonnenen Songs und Sounds. Dass ein paar Bands wie Led Zeppelin oder Metallica sich noch verweigern, geschenkt. (Kurioserweise sind alle LedZep-Mitglieder mit ihren Soloprojekten auf Spotify.)

Fakt ist, meine Leidenschaft, die unterschiedlichsten Arten von Musik zu hören, ist ungebrochen. Das war einst nur durch den Kauf von Unmengen von Platten und später CDs möglich. Dementsprechend galt ich seit dem Kauf meiner ersten Single „See my Friends“ von den Kinks 1965 als Plattensammler. Aber seit der Verbreitung von MP3 Files hat sich meine Sammler-Leidenschaft schwer virtualisiert und dematerialisiert. Ich wundere mich selbst, wie wenig es mir ausmacht, Musik nicht mehr zu besitzen. Es reicht die Verfügbarkeit, wie sie Spotify bietet. Und so viel mehr an Musik und Klanggemälden dazu.

Wer soll das bezahlen?

Der absurde Nebeneffekt ist, dass das alles so viel billiger kommt. 10 Euro pro Monat kostet das Premium-Paket. (Die Basis-Version mit minderer – aber akzeptabler – Soundqualität und Werbung ist gratis.) Das ist atemberaubend weniger Geld als ich bisher für den regelmäßigen Nachschub an Musik per Download pro Monat bezahlt habe. Und es ist bequemer. Die Playlists sind leichter zu verwalten – und vor allem kann man sich jetzt mit seinen Freunden (zumindest denen auf Facebook) über seine Hörleidenschaften austauschen. Musikalisch gesehen ist jetzt jeder Tag als würde Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag zusammenfallen.

Trotzdem darf man bei Spotify ein gutes Gewissen haben, denn für jeden gespielten Titel geht Geld an diejenigen, die die Rechte an dem Song halten. (Nicht immer sind das die Musiker, die die Musik geschaffen haben.) Aber das können bei den geringen Abo-Summen und der Über-Masse der abgehörten Titel nur Nano-Beträge sein, die sich nur bedingt akkumulieren. Noch funktioniert Spotify wie einst das Gratisanhören im Plattenladen: Man kauft dann doch Platten, die man dort entdeckt und die einem wichtig erscheinen. Noch tut man das. Das wird in ein paar Jahren, wenn man sich an die Convenience und die Vorzüge dematerialisierten Hörens gewöhnt hat, anders werden.

Die Zukunft der Pflichtmedien

Das Musikbusiness ist hier der Vorreiter. Wahrscheinlich, weil die Musik als erstes Medium die komplette Umwandlung ins Digitale vollzog, als die CD eingeführt wurde. Als Nächstes werden die Print-Medien samt Buch folgen. Die E-books kommen unaufhaltsam, sie sind zu bequem und mobil gut nutzbar – und billiger sind sie auch überall dort, wo es keine Buchpreisbindung wie in Deutschland gibt. Spannend wird, ob sich hier Kiosk-Modelle mit Einzelbezahlung durchsetzen werden. Ich vermute, eher nicht. Ein All-for-wenig-Geld-Abomodell wie Spotify ist aber für Print-Medien nur schwer vorstellbar. Höchstens, wenn sie sich Kultur-Flatrate nennt und staatlicherseits ähnlich rigide umgesetzt wird wie die Pflichtsteuer für die öffentlich-rechtlichen Sender (Hörfunk & TV).

Der Weg zur De-Materialisierung, zum Abschied von materiellem Besitz, wird sich aber unbeirrbar fortsetzen. Alle Waren, die es im Überfluss gibt, und die so zur Commodity, zur Selbstverständlichkeit werden, wird man immer weniger „besitzen“ wollen, sondern einfach zur freien Verfügung haben wollen. Das betrifft nicht nur Medien und Kulturgüter wie Musik, Filme, Texte, Kunst (auch die kann man längst leihen), sondern auch Maschinen, inklusive Automobile, Waschmaschinen, Kaffeemaschinen etc. Die Selbstverständlichkeit, wie wir uns heute teure Smartphones von unseren Carriern „schenken“ lassen, um die Kosten dann mit teurer Nutzung abzubezahlen, wird sich auch auf andere Branchen ausbreiten. Der Elektrocar-Betreiber „Better Place“ (Israel, Dänemark, Kalifornien) von Shai Agassi (Ex-SAP) hält es heute schon für möglich, seine Autos zu verschenken, um dann die Kosten über Nutzungsgebühren für die Batterien zu refinanzieren.

Die Ent-Materialisierung von Geld

Die gesamte Debatte über geistiges Eigentum, Urheberrecht und die dafür fehlenden Businessmodelle in einer digitalen Welt der Zukunft bekommt in der Perspektive einer Ent-Materialisierung ganz neue Aspekte. Wir werden uns an ganz neue Finanzierungsmodelle gewöhnen, die unser Monatsbudget in der Summe letztlich nicht weniger belasten werden als heute unsere Kauf-Gewohnheiten. Aber sie werden „stiller“ sein, so wie heute unsere Rechnung fürs Handy. Dafür werden nicht zuletzt die digitalen Powerhouses wie Facebook, Google, Amazon, Apple oder Microsoft sorgen, die gerade jeder für sich eigene digitale Zahlungsmöglichkeiten entwickeln – und anfangen sie uns schmackhaft zu machen. Und die bisherigen Zahlungs-Platzhirsche wie Visa, Mastercard, American Express und die Banken mit ihren Karten wehren sich mit eigenen digitalen Bezahlungs-Techniken.

Egal wie der erwartbare Mega-Clash der alten und neuen Bezahl-Mogule ausgehen wird – und das wird spannend werden! – danach wird das reale Geld aus Scheinen und Münzen weitgehend ausgedient haben. Es wird eine ähnlich nostalgische Rolle spielen wie heute der Hinweis: „Bei uns kann man noch mit der guten alten D-Mark bezahlen.“ Bezahlt wird künftig mit dem Handy, mit intelligenten NFC-Chips oder was auch immer einen Konsumenten digital eindeutig identifizieren kann. So wird auch das Geld de-materialisiert – und nur noch still und diskret abgebucht werden.

Und so wird man digital durchaus noch materielle Dinge kaufen. Aber nur noch rare und spezielle, die einem einen Mehrwert bieten – in der individuellen Ausformung der Persönlichkeit, in der Abgrenzung zu anderen und in einer wie auch immer gearteten Besitz-Obsession. Das werden Fetische sein, die einem sein Ich verschönen. Dinge, die den jeweils aktuellen Luxus darstellen. (Das können dann auch – selten gewordene – Print-Magazine sein.) Das werden Produkte sein, die einem ganz besondere Geschichten erzählen (die man dann weitererzählen kann). Das werden Verrücktheiten sein, die einen von anderen abgrenzen und einem in ihrer Skurrilität diebische Freude bereiten werden: Zum Beispiel der Besitz von Vintage-Datenträgern aus Vinyl, die man im 20. Jahrhundert Langspielplatten nannte.

Disruption, Baby!


Moderner Revisionismus

Unser gesellschaftlicher Diskurs beharrt seit Monaten monomanisch auf solch Nebensächlichkeiten, welchen Bundespräsidenten wir loswerden und welchen wir haben wollen. Darüber hinaus wird nur eher widerwillig die Eurokrise abgehandelt. Ein politischer Diskurs dazu findet so gut wie nicht statt. Die Folge ist eine mentale Entwertung des Geldwertes in weiten Kreisen der Bevölkerung: Lasst uns das Geld ausgeben, bald ist es nichts mehr wert. Der Rest ist Schulternzucken. So wird der Weg in die Inflation perfekt planiert. Und die Macht der Spekulanten bleibt unangetastet.

Uns wird auf diese Weise vorgegaukelt, das Leben könnte so weiter gehen, wie es immer war. Mit solch naiv revisionistischem Optimismus wird erfolgreich verhindert, dass über wichtige Entwicklungen der Zukunft diskutiert wird. Die etablierte Politik tut einfach so, als würden es in den nächsten 20, 30, 50 Jahre einfach so weiter gehen wie gehabt. Dabei hat gerade die Politik von Angela Merkel in den letzten zwei, drei Jahren bewiesen, zu welchen Disruptionen unsere Welt heute fähig ist. (Bezeichnend, dass die Begriffe „Disruption“ und „disruptiv“ in der deutschen Version von Wikipedia bislang nicht vorkommen.)

Disruption ist kein Zuckerschlecken

Die abrupten politischen Kehrtwendungen von Angela Merkel in den letzten Monaten waren keine Zufälle. Sie waren auch kein Abschneiden von alten Zöpfen. Nein, sie waren die logische Konsequenz einer sich abrupt geänderten gesellschaftlichen Fakten- und Meinungslage. Die Atomwende war Fukushima geschuldet, richtig. Aber die Abschaffung der Wehrpflicht? Die logische Folge einer veränderten Sicherheitslage? Vor allem war sie der Einsicht der Militärs zu verdanken, dass man mit komplett unmotivierbaren Rekruten nur Ärger, Arbeit und hohe Kosten bei null Mehrwert einhandelt. Und der Mindestlohn? Es gab einfach in den Medien – und im Internet – zu viele und zu krasse Beispiele von Lohn-Ungerechtigkeit, von Lohn-Dumping und Mitarbeiterbashing, als dass man die heilige Kuh der freien Märkte nicht schleunigst vom Eis holen musste.

Solch abrupte, disruptive Entwicklungen werden künftig immer häufiger vorkommen. Jeder politische und gesellschaftliche Diskurs kann heute solch eine Wucht und solch eine Unerbittlichkeit entwickeln, dass man darauf als Politiker unausweichlich reagieren muss, egal was die Parteiprogramme dazu meinen. Eine Entwicklung, wie sie noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Christian Wulff hat das auf sehr brutale und persönlich bittere Art und Weise erleben müssen.

Der Machtkampf der Mediensphären

Wulff ist jenseits seiner eigenen Unzulänglichkeiten und seiner katastrophalen Pressepolitik auch das Opfer eines Machtkampfes der professionellen und „privaten“ Medien geworden, wie er gerade tobt. Ein Kampf der etablierten Medien mit den Meinungsmachern im Internet (alias Netzgemeinde oder Blogosphäre) um die Themen und die Deutungshoheit in unserer Gesellschaft. Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch eine Machtdemonstration der etablierten Medien, zu was sie (noch!!!) in der Lage sind. Motto: Wulff muss weg, egal warum, weil das auf unserer Agenda steht. Die etablierten Medien reagieren wie ein waidwundes Tier. Denn die Themen, mit denen sie sich beschäftigen müssen, werden ihnen mittlerweile meist vom Internet vorgegeben. Das Thema Wulff war noch ihre Erfindung, also musste es besonders erbarmungslos durchgezogen werden.

Diese Mischung aus spontaner Themenbestimmung durch das Internet und dessen Beschleunigungs- und Erhitzungskraft, gepaart mit der Hysterisierungs-Maschine der etablierten Medien und ihrer Bildgewalt, wird in Zukunft noch zu vielen knallharten gesellschaftlichen Disruptionen und politischen Kehrtwendungen führen. Denn die Fähigkeit, politische Themen zu setzen, ist der etablierten Politik längst entglitten. Die FDP könnte davon ein besonders garstiges Lied singen, wenn sie denn kapiert hätte, was da gerade mit ihr passiert. Sie ist zum parteipolitischen Pendant von Wulff geworden, zur Bashing-Figur, an der die pure Lust an politischer Degradierung ausgespielt wird. (Da sind sich Internet und die Massenmedien ausnahmsweise einmal einig.)

Opfer spontaner Disruptionen

Vor diesem Hintergrund, wie abrupt bei solch heiklen Themen wie Wehrpflicht, Atompolitik oder Europa Kehrtwendungen vollzogen wurden, amüsiert mich, mit welch Blauäugigkeit an all die anderen heiklen Themen unserer Gesellschaft herangegangen wird: unsere Zukunftssysteme etwa, vulgo Rente. Jeder, der eine Bevölkerungsstatistik und den aktuellen Schuldenstand zu lesen vermag, weiß, dass uns dieses Thema nur allzu bald um die Ohren fliegen wird. Oder die Bildungspolitik. Hier wird über PISA, über kürzere und dann wieder längere Schulzeiten debattiert, über eine Vereinheitlichung der Prüfungen und eine höhere Chancengleichheit. Es kommt einem vor, als seien die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wieder auferstanden.

Dabei muss es doch heute darum gehen, junge Menschen für eine Zukunft fit zu machen, die wir kaum erahnen können, von der wir aber wissen, dass sie grundlegend anders aussehen wird als die Gegenwart – oder die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie wird voller Disruptionen sein, immer wieder wird man sich völlig neu justieren müssen. Das ist nicht einfach. Gut wäre es, wenn man dazu vorbereitet wäre und dafür eine genügend große Palette an Fähigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung hätte.

In den USA hat der Marketiung-Guru Seth Godin daher eine Kampagne für ein besseres, zeitgemäßeres Schulsystem mit der Verbreitung eines Gratisbuches gestartet, in dem er fordert, mit der Faktenhuberei und Anpassungsritualen unseres heutigen Bildungssystems aufzuhören und eine (digitale!) Schule der Förderung von Talenten und des Unangepasstseins zu entwickeln. „Stop Stealing Dreams – What is School for?“ heißt sein Werk und ist in allen möglichen digitalen Formaten auf der Website des Domino Projektes (von Amazon gesponsort) herunterzuladen.

Die Illusion der Linearität

Bildung und Zukunftsversorgung sind nur zwei Themen, die sich ähnlich disruptiv zu entwickeln drohen wie Wehrdienst, Atomkraft oder Energiepolitik. Viele weitere Themen stehen ebenso an. Wir sind als Gesellschaft hochkomplex, Entwicklungen geschehen immer schneller und unerwartet. Entsprechend öfter wird es zu Krisen und Konflikten kommen. Jede davon wird unabsehbare mediale Reaktionen auslösen, die eine jeweils spezielle Eigendynamik haben. Vorhersagen von Kommunikations-Verläufen sind künftig so gut wie unmöglich. Lineare Prozesse finden nicht mehr statt. Nur die Politik tut noch so.

Die etablierten Medien spielen bei diesem Spiel mit. Sie geben der Parteienpolitik immer noch die gewünschte Plattform. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht als eine Art Selbsterhaltungs-Reflex. Denn disruptive Veränderungen, vor allem, wenn sie zur Regel werden, sind für die Massenmedien eine veritable Bedrohung. Das zeigt auch die seltsame Aggression, mit der die Verursacher von Disruptionen, speziell das Internet, bedacht werden. Disruptionen sind nur durch extrem schnelle und vor allem sozial vernetzte Kommunikation bewältigbar. Das kann die Blogosphäre so viel besser und schneller als die etablierte Presse. Mit gut gewähltem Twitter-Following und einem aufgeweckten Facebook-Freundeskreis erfährt man nicht nur News schneller, man bekommt sie auch in Blogkommentaren schneller kompetent bewertet und wichtige Hintergrundinformationen dazu.

Und in aller Bescheidenheit: Es gibt dort mehr erstklassige Köpfe und Federn. Autoren und Persönlichkeiten, denen Disruptionen keine Angst machen, weil sie sich nicht davon bedroht fühlen…

Die Daten-Mehrwertsteuer


Leistung geht vor Schutz geht vor Recht

Jetzt scheint die Lobbyarbeit der Verlage doch noch Erfolg zu haben. Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass Content-Aggregatoren, also vor allem Google News, den Verlagen für die von ihnen zitiert Inhalte Geld zahlen sollen. Das ganze nennt sich Leistungsschutzrecht und ist die Bankrotterklärung der deutschen Zeitungsverleger vor der digitalen Neuzeit. Und weil das Thema ja sowieso gerade heiß ist, wird das ganze als Verbesserung des Urheberrechts verkauft. Kurios nur, dass sich die Politik dafür vereinnahmen lässt. So tief kann doch die Freundschaft zwischen Angela Merkel und Friede Springer & Konsorten nicht sein? Und warum versteht eine diplomierte Physikerin nicht, wie das Internet systemisch funktioniert? Und warum hilft ihr da keiner der Berater. Und Herr Rösler, die Presse schreibt auch mit Leistungsschutzrecht nicht besser über die FDP!

Die Bankrotterklärung der Verleger, die hinter der Idee des Leistungsschutzrechtes steht, erfolgt gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen haben sie, die das Monopol auf qualitative (und weniger qualitative) Berichterstattung in Deutschland, ja Europa hatten, vor langen Jahren völlig die Idee einer guten Suchmaschine völlig verschlafen. Ausgerechnet die Verlagshäuser, die sich einst für teures Geld riesige Archive und hochqualifiziertes Betreuungspersonal geleistet haben, um wirklich kompetent Artikel schreiben zu können, kamen nicht auf die Idee, dass es in einem noch riesigeren Datenarchiv, wie es das Internet bald geworden ist, sinnvoll wäre, eine kompetente Suche zu erfinden.

Zu selbstherrlich zum Suchen

Selbst nachdem Yahoo mit seinen von Menschen erarbeiteten Datenverzeichnis immens erfolgreich war, kam man in Verlagskreisen nicht auf die Idee, das vorhandene Datenhandling-Knowhow auf das Internet zu übertragen und hier zu reüssieren. Zu vernagelt glaubte man an die Strahlkraft von gedruckten Inhalten – und gönnte sich die Hybris, digitale Inhalte, weil virtuell, nicht ernst zu nehmen. Ich weiß, von was ich hier schreibe, war ich zu der Zeit ja bei Gesprächen mit den meisten großen Verlagshäusern Deutschlands dabei, als es darum ging, Europe Online inhaltlich wie finanziell auf eine breitere Basis zu stellen.

Und das Versagen ging weiter: Als dann die Suchmaschinen, damals in erster Linie Altavista, dann Lycos oder Infoseek, begannen, die ersten nennenswerten Werbeumsätze zu machen, während die Werbeeinnahmen auf den Websites der Verlage (wenn es sie denn damals überhaupt gab), noch mehr als minimal waren, sprangen einige Verleger auf den Zug und kauften sich bei Suchmaschinen ein. Leider bei den falschen, die technologisch zurücklagen, Holtzbrinck etwa bei Infoseek. Die erfolgreichste Suchmaschinen-Neugründung überhaupt wurde dann völlig verschlafen: Google. Das finanzierte sich über Venture Capital und definierte den Markt der Suchmaschinen und Inhalteanbieter – und später dann auch der Anzeigenvermarktung im Internet komplett neu. Natürlich ohne die Zeitungsproduzenten.

Daten als Intelligenz

Google ist so erfolgreich geworden, weil es nicht nur einen genialen Suchalgorithmus entwickelt hat und kontinuierlich optimiert. Es ist so erfolgreich, weil es die geniale Idee hatte, so viele Inhalte wie nur möglich zu digitalisieren und sie gratis ins Netz zu stellen – zur Freude aller User: Bücher, Zeitungsartikel, Landkarten, Fotos, Videos, Blogs. Und es bietet Gratis-Services an wie Mail, Kalender, Office-Software etc. – mit der Prämisse, die dabei entstehenden Inhalte datenmäßig zu erfassen – um so ihre Anzeigenvermarktung besser, intelligenter und umfassender machen zu können. Google hat verstanden, aus digitalen Spuren einen Mehrwert zu schaffen, weil es geschafft wurde, aus den Übermassen an Daten Informationen, Strukturen und Entwicklungen herauszulesen und diese „Intelligenz“ zu Geld zu machen.

Die Artikel, die sie von Websites von Verlagshäusern dafür nutzten, waren dafür nur Mittel zum Zweck. Sie verkauften auf diesen Seiten ja keine Anzeigen, sondern sie machten sich nur schlau, welche Inhalte, welche Schlagworte im jeweiligen Moment von wem nachgesucht wurden. Google machte nie direkt mit den Inhalten Geld, sondern mittelbar. Per Google News und Google Suche wurde massenhaft Traffic auf die Websites von Inhalteanbietern geschickt, gratis versteht sich. Damit optimierte Google sowohl die Suche, vor allem aber die Treffgenauigkeit ihrer Anzeigen – gerne auch auf den Websites von Contentproduzenten.

Daten als Mehrwert

Die bittere Wahrheit auf der anderen Seite des Marktes: Die Inhalteanbieter haben es nie verstanden, aus den Massen an Inhalten und Daten, die sie produzieren und im Kundenkontakt im Internet bekommen, eine ähnliche Intelligenz herauszulesen. Sie haben es nie verstanden (in jeder Bedeutung des Wortes), aus Daten Mehrwert zu generieren. – Man muss ihnen zugute halten, dass sie Inhalte schaffen konnten und keine Softwareschmieden sind. Sie können Texte produzieren lassen, aber keine Algorithmen programmieren (lassen). – Dafür können sie Lobbyarbeit sehr gut. Das beweist die Entscheidung des Bundeskabinetts, den Verlagen zu erlauben, über Verwertungsgesellschaften Geld von Suchmaschinenbetreibern und Contentaggregatoren verlangen zu dürfen, wenn die auf ihre Inhalte verlinken. (!!!)

Spannend, wie Google & Co. reagieren werden. Ist ihnen das Wissen um die Nutzerinteressen und die Nachfrageströme bei aktuellen Inhalten in Echtzeit wert, dafür Geld an die Produzenten zu bezahlen, die selbst unfähig sind, dieses Wissen zu schöpfen und zu vermarkten? Das wäre dann tatsächlich eine Mehrwertsteuer für Datenintelligenz, die Google an die Verleger zahlt. Einen Mehrwert, eine Intelligenz, die Google mit den Inhalten schafft, wohlgemerkt. Naheliegender aber ist, dass Google, wie schon in einem ähnlichen Kontext in Belgien geschehen, einfach auf alle Inhalte von Verlegern verzichtet und die Links zu ihren Inhalten kappt. Dann bekommen diese kein Geld – und spürbar weniger Traffic auf ihre Seiten – und damit noch weniger Werbeeinnahmen.

Wer ist Aggregator?

Wer auf jeden Fall viel Geld verdienen wird, wenn die Pläne des Bundeskabinetts überhaupt je Wirklichkeit werden und in ein Gesetz umgesetzt werden sollten, sind die Rechtsanwälte. Denn es wird dann mehr als strittig sein, wer als Content-Aggregator gilt. Im Interesse von Abmahnanwälten wird die Interpretation sehr rigide gehandhabt werden, weil so mehr Geld zu kassieren ist. Schon heute sind unselige Rechtsanwälte aggressiv im Auftrag der Verlage im Internet unterwegs, und mahnen etwa Künstler und Sänger erfolgreich ab, wenn diese Zeitungs-Kritiken ihrer künstlerischen Leistungen auf ihre Website stellen. (Eintritt werden diese Journalisten wohl kaum gezahlt haben, die Künstler müssen aber für den Abdruck von Zitaten 700 bis 1.400 € zahlen. (Und das sind schon „Kulanzangebote“.)

Rechtsfrieden ade! Es wird rund gehen nach dieser politischen Entscheidung. Der Kampf gegen ACTA wird schärfer werden (müssen). Die Piraten werden noch mehr Zulauf bekommen. Und die Zeitungen werden noch erbitterter gegen das Internet und die bösen sozialen Netzwerke anschreiben. Der Kulturkampf zwischen digital und analog wird wirklich bitter werden. Das Überleben der Print-Verlage mit ihrem überkommenen Content-Verständnis wird auch das Leistungsschutzrecht nicht verhindern, bestenfalls ein wenig hinauszögern.Die Nutzer werden entscheiden. Sie werden gegen gedruckte Produkte votieren. Vor allem die jungen Leser/User.

Und wenn die weg sind, wird die Werbewirtschaft noch weniger in Anzeigen in Print investieren. Das bedeutet finanziell das Aus, Leistungsschutzrecht hin oder her. Ein Blick auf den Einbruch der Anzeigenumsätze in den USA lässt ahnen, was bald auch in Deutschland Fakt sein wird:

Meins! – Meins! – Meins!


Ende der Besitzstands-Kakophonie!

Die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht erinnert mich an die köstlichen Filmszene in „Findet Nemo“, in dem die gierigen Möwen um den auf dem Pier gestrandeten Nemo sich in eine Beanspruchungs-Kakophonie hineinsteigern: „Meins!“ – „Meins!“ – „Meins!“ … Genauso beharren Rechteinhaber heute darauf, dass alle Inhalte ihnen gehören: „Meins!“ Auf der anderen Seite die Gratis-Medien-Apologeten, die alles für lau haben wollen: „Meins!“

Eine grundlegende Diskussion zum Thema Urheberrecht, oder genauer gesagt zu den Nutzungsrechten ist längst überfällig. Für die Vergütung von geistigem Eigentum muss genauso dringend und zügig ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden wie zum Thema Privatsphäre. Beides sind Themen, die in der digitalen Welt und der Welt der Zukunft besonders essentiell sein werden, weil sie eine zentrale Rolle im Wirtschaftgefüge einer kommenden Netzwerk- und Innovationsgesellschaft spielen werden. Um so wichtiger ist es, dass die Diskussion aus dem Reklamierungs-Geschnatter („Meins!“) befreit und wirklich zukunftsperspektivisch diskutiert wird, anstatt Vergangenheitsrecht für die Zukunft zu zementieren, wie das ACTA will.

Blüte der virtuellen Produktion

Einen sinnvollen ersten Schritt zur Klärung der Debatte hat Max Winde in seinem Blog 343max geliefert. Er definiert, ganz ohne jede Parteinahme für oder gegen Content-Eigner, wie denn ein Interessenausgleich idealerweise aussehen könnte. Leider – oder besser: verständlicherweise – liefert er keine Lösung, wie eine angemessene Bezahlung von Werken geistigen Eigentums aussehen könnte, wie hoch sie sein müsste/könnte und was die Nutzer dieser Werke möglicherweise zahlen würden – und wie? Das sind die zentralen Fragen und – leider – dafür gibt es dafür (noch) keine wirklich innovative, keine kreative Lösung. Vielleicht auch nicht, weil die wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Ideen-Industrie und die Jäger der Urheber-Schätze der Zukunft arbeiten werden müssen, noch kaum angedacht sind. Aber das wäre einen Versuch wert:

Max Winde hat in seinem Beitrag schon einen guten Hinweis auf die künftige Wichtigkeit von ideeller Produktion geliefert. Zitat: „Urheber sollten nicht schlechter gestellt werden als Produzenten von physischen Produkten. Vielleicht sogar besser: Wenn jemand ein physisches Produkt herstellt, dann vernichtet er dabei der Allgemeinheit gehörende Ressourcen. Diese Vernichtung von Ressourcen können wir vermutlich nur bremsen, wenn wir die Produktion von ,virtuellen‘ Produkten ähnlich lukrativ machen wie die Produktion von physischen Gütern.“ Richtig, die Produktion im virtuellen Raum wird in Zukunft immens wichtig werden. Es ist leicht, sich über Farmville & Co. lustig zu machen, aber das sind frühe, embryonale Vorboten einer Zukunftsindustrie der Virtualität.

Dysfunktionalität durch Rechtestreit

Fakt ist, dass unsere Welt noch nie so viele Menschen beherbergen und ernähren musste wie heute. Und noch nie auf einem so hohen globalen Wohlstands-Niveau wie heute. Wir werden als Folge davon künftig unglaublich viele Krisen, Irritationen, Hysterien und Konflikte erleben – das ist in solch einem hochentwickelten, nervösen, komplexen Systemen unausweichlich. (Mit Griechenland & Co. üben wir das gerade auf Sandkasten-Niveau!) Aber das ist in und mit einer Network-Gesellschaft lös- und bewältigbar, weil man so innerhalb kürzester Zeit Ideen und Lösungen finden – und umsetzen kann.

Das geht aber nur, wenn solch eine Ideen-Produktion in der Lage ist, ungehemmt und schnell zu operieren. Da darf keine Abmahn-Industriemit mit irrwitzigen Forderungen Knüppel dazwischen werfen. Die Kriege zwischen den Eignern von Smartphone-Patenten wie Apple, Google, Samsung, Nokia, Microsoft & Co. geben da nur einen ersten Vorgeschmack, wie ein überkommenes Rechtesystem droht, eine Branche – und eine Innovations-Sparte – dysfunktional werden zu lassen. (Meins! – Meins! – Meins!) Es ist hier gut zu erahnen, dass man in dieser vernetzten, globalen, innovationsbeschleunigenden Welt mit Besitzstandsdenken nicht mehr weit kommt und das Sharing-Prinzip funktionaler ist. (Sicher auch gegen entsprechendes Entgelt.)

Die Ideenlieferanten funktionieren

Allzu große Sorgen, dass uns in Krisensituationen die Ideen und Lösungen ausgehen, brauchen wir uns nicht zu machen. Denn die große Mehrheit der globalen Internet-Gemeinde ist von ACTA und sonstigem Urheberrechts-Klüngel nicht betroffen: China, Russland, Indien, ja fast das komplette Asien und Afrika und Südamerika machen bei ACTA nicht mit. (Die Schweiz und Norwegen auch nicht!) Hier werden daher die Ideen-Schmieden der Zukunft  entstehen, die schnell, pragmatisch und nötigenfalls rücksichtslos handeln werden. Schon heute ist die Mehrzahl der Websites und der Web-Inhalte asiatisch…

ACTA Unterzeichner

Fragt sich, ob wir uns hierzulande freiwillig der eigenen Dysfunktionalität ergeben wollen oder ob wir aktiv im Ideen-Wettbewerb mitmachen wollen. Genug einzubringen hätten Europa (West), Amerika (Nord) plus Anhang. Wir haben das Erfinden erfunden. Wir waren über Jahrhunderte die Innovatoren der Welt, im Guten wie im Schlechten. In uns müssten noch reichlich die Meme des Erfindergeistes vorrätig sein. Es wäre fatal, wenn statt ihrer die Häme der Ideen-Verwertungs-Industrie obsiegt.

Längere Fristen in einer beschleunigenden Welt

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Disney in der Sucht, sein Film und Figuren-Repertoire länger monetarisieren zu können, die Laufzeiten von Urheber- und Nutzungsrechten auf 70 Jahre verlängert hat. Das gab es nie zuvor. Und wir in Europa machen da brav mit. Und jetzt sind die Schutzzeiten so lang, dass sie wirkungsvoll zur Dysfunktionalität einer Ideen-Industrie beitragen.

In Zukunft, wenn es immer schneller immer mehr Ideen geben wird (s. o.), dann haben sie automatisch eine kürzere Laufzeit. Es ist also widersinnig, ihnen eine längere Rechte-Geltungsdauer zu geben. Wie will ein Rechteinhaber einer davorliegenden Idee gegen die darauf aufbauende seine Rechte einklagen, wenn die Welt- und Wirtschaftsgeschichte längst schon etliche Kapitel weiter ist?

Das Ende des Fortunismus

Die Vorstellung, dass Ideen eine Ewigkeit gelten und entgolten werden müssen, ist wohl auch der Angst geschuldet, nur eine begrenzte Zahl von Ideen haben zu können. Solche Ängste führten dazu, dass man Ideen ausgiebig verwerten wollte. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet die Film- und Musikbranche so sehr für ACTA kämpft. Zwei Industrien, in denen man Glück haben musste, um sein „Glück zu machen“. Ein Hit, und man war reich. Aber die Mehrzahl der Songs waren Flops. „Fortunismus“ nennt Peter Sloterdijk diese Art von kulturell sanktioniertem Glücksspiel.

Die Vorstellung, nur eine begrenzte Zahl an geistigen Werken in einem Leben schaffen zu können und davon umfangreich zehren zu müssen, ist mit einem Blick in die Zukunft absurd. Früher, zugegeben, waren erfolgreiche Ideen Mangelware, weil es schwierig war, dafür das nötige Publikum zu bekommen. Diese Wirtschaft der Verknappung ist seit dem Internet und seinen unendlichen Optionen der Wahrnehmung vorbei. Die Angst, Ideen könnten nur begrenzt vorhanden sein, ist in einer Netzwerk-Gesellschaft absurd, denn sie können hier so viel leichter und schneller entstehen. Und damit hat der Fortunismus ausgedient. Es reicht nun nicht mehr, eine oder wenige gute Ideen oder Werke zu schaffen. Jetzt muss man kontinuierlich, ein (langes!) Leben lang neue Ideen, Werke und Projekte entwickeln. (Ganz wie im richtigen Leben…)

Der Anfang von etwas radikal Neuem

Natürlich müssen gute, wichtige Ideen entlohnt werden, keine Frage. Je besser sie sind, mit um so mehr Geld. Und wenn es viel Arbeit, Planung und Investition gebraucht hat, um etwa eine Software zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, umso mehr. Trotzdem wäre es falsch und (zukunfts-)wirtschaftlich unvernünftig, auch hier zu lange Nutzungsfristen zu gewähren. Denn gute Ideen müssen sich verbreiten, und das schnell – und sie müssen weiterentwickelt werden. Die logische Folge: Schluss mit dem bisherigen Anspruchs-Denken! Her mit radikal neuen Ideen!

Mein Freund Helmut Müller, selbst Produzent hochspezialisierter Software, schreibt in einer Replik auf meine Facebook-Empfehlung des Blogs von Max Winde richtig: „Wir können alle miteinander die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf unser ökonomisches, kulturelles und soziales System noch gar nicht abschätzen, wir sehen schemenhaft den Anfang von etwas radikal Neuem. Die Diskussion um das Urheberrecht lässt uns das erahnen, denn sie wird sich ergebnislos im Kreis drehen.“ – Der Anfang von etwas radikal Neuem, kann das nicht so aussehen? Eine Innovations-Gesellschaft mit einer ungeheuren Dynamik, die man lustvoll genießen kann. Und in der wundervolle Ideen (aber auch doofe) entstehen werden, en masse.

Aber wer wie und wie viel Geld damit verdient und wer wem wie viel Geld zahlt, das bleibt zu klären. Diesen Konflikt zwischen freier Verfügbarkeit von Ideen und angemessenem, unbürokratischem Entgelt zu lösen ist jetzt die große Aufgabe für unsere digitale Netzwerkgesellschaft. Aber eine Idee dafür ist nur zu finden, wenn man von den alten Zöpfen der Kreativ-Kultur und der Kreativ-Verwertung und von seinen Limitationen und Ängsten Abschied nimmt. Schluss mit „Meins! – Meins! – Meins!“

P.S.; Ein erster guter Ansatz eines zeitgemäßen Urheberrechts hat Marcel Weiß im ZDF Hyperland formuliert: Kürzere Schutzfristen, keine automatische Verlängerung, Opt-In statt Automatik, Erlaubnis der privaten Nutzung…

P.P.S.: Und hier bei neunetz.com eine sehr schlüssige Argumentation, warum es „geistiges Eigentum“ nicht geben kann – und nicht geben soll.