Die Luxuskreuzfahrt des Odysseus


Odysseus als Role Model

Eine meiner schönsten Erinnerungen an meinen Vater ist, wie er mir als kleines Kind am Bett über Wochen hinweg in Fortsetzungen die Abenteuer des Odysseus erzählt hat. Damals gab es noch keine Hörkassetten. Und nein, er hat mir die Geschichten nicht vorgelesen, er hat sie mir erzählt. Aus der Erinnerung. Die Geschichte war tief in seinem Gedächtnis eingegraben, schließlich konnte er Homers Odyssee bei Gelegenheit auch minutenlang auswendig in Altgriechisch zitieren. Etwa als er im alten Theatron in Taormina stand, mit dem schneebedeckten Ätna als dramatisches Bühnenbild im Hintergrund.

Odysseus widersteht den Lockungen der Sirenen

Die Odyssee, wie sie mein Vater erzählte, war eine kreuzspannende Geschichte: die vielen Gefahren, die Verlockungen, die Ängste, die das Schicksal für Odysseus bereit hielten und er bestand – immer mit der Aussicht auf die treue, liebende Gattin im fernen, heimischen Ithaka. Es war wohl die bildungsbürgerlich liebevolle Vorbereitung auf die Fährnisse des Lebens, die ein damals schon altersweiser Vater seinem kleinen Sohn mitgeben wollte. Denn er erzählte die Geschichte durchaus werkgetreu (soweit ich sie erinnere), aber natürlich aus seiner tolerant konservativen Sicht. Vielleicht wollte er mich so darauf vorbereiten, wo er in seinem Leben nicht wie Odysseus heldenhaft gehandelt hatte, sondern bürgerlich feig – etwa im Dritten Reich. Ich sollte es nie erfahren, er verstarb dafür viel zu früh.

Der goldene Schnitt

Aber er hat mir genug Muster für mein Leben mitgegeben. Den breiten Kanon an Werten, den die katholische Religion bereit hält. Und was die zehn Gebote und ihre Sinnhaftigkeit betrifft, war das so schlecht nicht. Der Herrgott und sein Bote Moses können ja nichts für die Interpretationen und Ausführungsbestimmungen, die das Bodenpersonal die letzten Jahrhunderte bis heute so erlassen hat. Und dann die vielen Gemeinplätze, die die bürgerliche Welt damals als richtig und hilfreich ansah: den goldenen Schnitt etwa. In den Worten meines Vaters: Immer etwas über der Mitte – und ja nicht zu nah an den Extremen.

Solche Bilder entfalten in einer Zeit, in der die bürgerliche Mitte immer weniger Chancen hat, eine besonders krasse Absurdität. Damals war das Bild eines in seiner („gehobenen“) Mittelmäßigkeit zufriedenen Menschen anscheinend attraktiv. Es suggerierte eine spezielle Art von Sicherheit. Diese bürgerliche Idylle im Reihenhaus funktionierte als eine Art Tarnkappe, die einen vor Extremen und vor allem vor zu viel Aufmerksamkeit schützte. Meine Mutter drohte meines Wissens nach meinem Vater nur einmal ernsthaft mit Trennung, als er sich anschickte, für die CSU für den Bundestag zu kandidieren. Als Zählkandidat wohlgemerkt, ganz weit unten auf der Landesliste. Sie tat das nicht weil es die CSU war (im Gegenteil), sondern weil er sich so exponiert hätte. Er wäre auf der Messlatte des Goldenen Schnitts zu weit nach oben gerutscht.

Die komplette Werte-Inversion

Solch eine Weltsicht sieht im Lichte der gesellschaftlichen Wirklichkeit knapp 50 Jahre später eher kurios aus. Die Mittelwerte sind am schlimmsten vom Werteverlust betroffen. Von wegen Werteverlust. Die Werte haben sich teilweise komplett in sich umgekehrt. Heute ist nichts langweiliger als das Mittelmaß. Mit nichts kann man jungen Menschen heute wirkungsvoller drohen, als nicht stets und in jeder Lage der, die, das Beste, Meiste, Schönste zu sein und zu wollen. Keine Firma mit Anspruch begenügt sich mit guten Mitarbeitern, es muss immer gleich ein Überperformer sein, der wirklich immer alles gibt, was er hat. Was dazu führt, dass es immer weniger gute Mitarbeiter aber immer mehr exzellente Darsteller in der Rolle von Überperformern gibt.

Mein Vater wollte mich vor so ausgefallenen Abenteuern, wie sie Odysseus erleben musste, bewahren. Heute verdienen Firmen gutes Geld, die unbescholtene Menschen viel krassere Bewährungsproben bestehen lassen, am Bungee-Seil, in Wüsten oder im Himalaja. Man muss einmal ein Expeditionsvideo vor der Synchronisierung gehört haben, in dem das fast verzweifelte Ringen der Teilnehmer um Luft in der Höhe von 4.000 und mehr Metern zu hören war, um zu verstehen, dass Odysseus dann doch wohl einst eher eine gemütliche Kreuzfahrt durchs Mittelmeer unternommen hat. (Auf dem Video waren die Bilder in der Endfassung natürlich mit sphärischer Loungemusik unterlegt.)

Mann ohne Eigenschaften

Nein, das wird kein Essay über die schlimmen Widrigkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert. Nein, keine Abrechnung mit dem schlimmen Werteverlust und der Perversion heutiger Lebenswirklichkeit. Im Gegenteil. Ich habe die bürgerliche Selbstbeschränkung ja schon früh als spezielle Art von Feigheit vor sich selbst verstanden. Ich habe meinen Schnitt mit dem goldenen Schnitt gemacht. Und die gesellschaftliche Tarnkappe, die meine Mutter noch mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln (Trennung!) verteidigt hat, habe ich schnellstmöglich verlassen – und wurde Journalist. Und heute lebe ich genussvoll das Gegenteil –  digitale Offenheit samt Blog, Facebook- und Twitter-Account. Und ich fühle mich wohl dabei. Sehr wohl.

Aber wie kann das gehen? Wie konnte ich mich so schmerzarm von den Gesellschaftsklischees meiner Jugend verabschieden? Wie geht das, dass ich so gut wie nie unter Wertewandel und Werteverlust gelitten habe?Bezeichnenderweise war einer meiner am essentiellsten prägenden Romane einst der „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Hier ist schon in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Unmöglichkeit beschrieben, in einer modernen Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen und beschleunigenden Entwicklungen noch verbindende, sinnstiftende Ideen zu finden – oder gar zu pflegen. – Interessant, dass heute etwa Peter Sloderdijk in seinen „Sphären“ sich auch wieder auf Musil und den „Mann ohne Eigenschaften“ bezieht.

Das Mosaik des Lebens

Aber anders als Ulrich im Roman vermisse ich in meinem privat wie beruflich sehr abwechslungsreichen Leben kein sinnstiftendes Ganzes. Ganz einfach, weil ich es nie gesucht habe. Für mich waren – zunächst völlig unbewusst, später immer klarer – gerade die stete Veränderung, das Mäandern, die spontanen Entwicklungen, die überraschenden Brüche, das Scheitern hier und die Erfolge da kein Fiasko, sondern eher gestaltender Teil eines Mosaiks, das mit jeder neuen Ergänzung, immer schöner wurde, immer neue Aspekte zeigte – und in seiner Collagenhaftigkeit doch immer klarer und aussagekräftiger wurde.

Gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung ist daher für mich positiv besetzt, weil sie das Bild immer weiter bereichert. Und das gelingt nicht mit intensiver Nabelschau. Dafür sind ein ähnlich entwicklungstalentierter Partner und die stete Entwicklung der Beziehung zueinander die vielleicht wichtigsten Ingredienzien. Ebenso wichtig ist ein festes Netz aus Freunden und Seelenverwandten, die auch mal Widerworte wagen. (Das musste ich am dringendsten lernen.) Und essentiell ist dafür heute natürlich auch das digitale Netzwerk in all seinen Ausprägungen. – Ich kann mich irren, aber mir scheint, in diesem Mix aus zwischenmenschlichen Einflüssen kann ich relativ gelassen den kommenden, sicher immer krasser und schneller werdenden Veränderungen unserer Welt in all seinen Facetten – wenn auch nicht immer gelassen – erwartungsfreudig entgegensehen. Vor allem ohne Angst, eher mit Vorfreude. Odysseus sei Dank!

Bullshit / Unendlichkeit / Dummheit


Über die Dummheit

Meine Erinnerung an Robert Musil machte mich auf ein kleines Pamphlet aus seiner Feder aufmerksam: „Über die Dummheit“ (Alexander Verlag Berlin). Ein Abdruck einer Rede, die Robert Musil 1937 (!) vor dem Österreichischen Werkbund gehalten hat. Es ist die Ausformulierung seines 1931 formulierten köstlichen Bonmots: „Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.“

Das Büchlein, gerade mal 63 knappe, in großen Lettern gedruckte Seiten dick, liest sich teilweise amüsant – und hält einige Perlen bereit. Etwa die Schilderung einer damals wohl bekannten Dame, deren Beschränktheit Musil so beschreibt: „Sie spricht viel von sich, und sie spricht überhaupt viel. Sie urteilt sehr bestimmt und über alles. Sie ist eitel und unbescheiden. Sie belehrt uns oft. “ Es muss der Zeitgeist sein, der mir bei dieser Beschreibung das Bild eines Mannes mit gelben Haaren vor Augen brachte.

Das Gefühl von Unendlichkeit

Und hier fällt mir spontan mein Lieblingszitat von Ödön von Horvath ein: „Nichts vermittelt einem so sehr das Gefühl von Unendlichkeit, wie die Dummheit.“ Eine Beobachtung, die Horvath mit Albert Einstein teilt. Dessen Seufzen über menschliche Denkdefizite klingt ähnlich: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit; aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Das Schlimme an der Dummheit des 21. Jahrhunderts ist, dass die Dummheit immer lauter wird. Da keiner mehr als dumm gelten will (siehe Musil weiter oben), wird alles dafür getan, nicht dumm zu wirken. Lautstärke scheint da immer ein geeignetes Mittel zu sein. Dummerweise fällt Dummheit um so mehr auf, je lauter sie daher kommt. Und auch der Versuch, dann wenigstens die Rolle eines weniger Dummen spielen zu wollen (siehe hierzu „Darsteller der Wirklichkeit“), funktioniert sehr selten. Eine falsche Geste, ein falscher Mucks, und schon platzt der Ballon der Mimikry .

Notorische Dummheit

Mein Plädoyer geht bei diesem Thema aber in eine andere Richtung. So wie wir gelernt haben, dass es nicht die Intelligenz, sondern eine riesige Bandbreite davon gibt: emotionale Intelligenz, soziale Intelligenz, mathematische, geometrische, memnotische und was es sonst noch alles gibt – so sollten wir auch bei der Dummheit solch kluge Kategorisierungen vornehmen. Soziale, finanzpolitische, politische, strategische, notorische, emotionale Dummheit etc. – Und da kommen wir ganz schnell im Bereich der menschlichen Unreife an. Genauer gesagt, zu meinem Lieblingsthema Narzissmus.

Diese in pubertären Zeiten absolut sinnvolle, später aber für die (Um-)Welt eher schmerzhafte Persönlichkeitsstörung ist für mich heute der Ursprung der allerschlimmsten Dummheiten. Der Allmachtsgedanke des Narzissten schaltet von vornherein allen Zweifel und alle Reflexion aus. Beste Voraussetzungen für Dummheit jeden Kalibers. – Am häufigsten findet man das dort, wo Narzissmus berufsbedingt vorkommt, wo Macht per se das vorrangige Berufsziel ist. Im Top-Management und vor allem in der Politik. Dort lässt man sich ja hinwählen, weil man berufsmäßig immer recht hat.

About bullshitting

Wer dieses Thema vertiefen mag, dem sei folgende kleine Perle geschliffenen Philosophie-Unsinns empfohlen: „On Bullshit“ (Princeton University Press) von Harry G. Frankfurt, einem emeritierten Philosophie-Professor der Princeton University. Seine Analyse des Bullshitting bei Politikern ist sehr präzise: „Bullshit is unavoidable whenever circumstances require someone to talk without knowing what he is talking about. Thus the production of bullshit is stimulated whenever a person’s obligations or opportunities to speak about some topic exceed his knowledge of the facts that are relevant to that topic. This discrepancy is common in public life…“

Professor Frankfurt bietet auch leider nur wenig Trost. Ernsthaftigkeit als Heilmittel gegen Bullshitting ist für ihn auch keine Lösung: „Sincerity itself is bullshit!“ Und selbst Konfuzius hilft hier nicht recht weiter. Zitat: „Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern.“

Das tiefe Tal des gedanklichen Mülls

Jetzt hat sich zudem mein Lieblings-Blog „ribbonfarm“ mit dem epochalen Werk von Harry G. Frankfurt auseinandergesetzt. Natürlich aus aktuellem – amerikanischem -Anlass. Denn die Masse an Bullshit, von lautem, ja offiziellem und machtvollen Bullshit war noch nie so groß wie heute. Der Versuch eines Trosts ist da sehr speziell: Vielleicht müsse man erst ein tiefes Tal von Bullshit (und Fake News) durchwaten, bis man neue Höhen von Wahrheit und Brillianz erleben darf.

Auch Musil tröstet am Ende seiner Rede über die Dummheit: „…einen Schritt (weiter) und wir kämen aus dem Bereich der Dummheit, der selbst theoretisch noch abwechslungsreich ist, in das Reich der Weisheit, eine öde und im allgemeinen gemiedene Gegend.“ Also amüsieren wir uns halt weiter wie doof…