Ein Hauch von Zukunft


Did you have fun today?

Es gibt so Tage, da sitzt man am Abend im Arbeitssessel und staunt. Denn man hat rein zufällig einen Blick in eine Zukunft getan, die man so bisher nicht zu sehen oder zu denken gewagt hat. Ende 2010 ist mir so etwas passiert als ich Zoe in der U-Bahn in Berlin kennen gelernt habe und die Selbstverständlichkeit, mit der die Zweijährige ihren iPod bediente. Heute war es – nennen wir sie –  Martha, die mir in der Münchner S-Bahn gegenüber saß. Ein fröhliches, staunendes Kind, das mit ihrem Papa, hörbar ein Amerikaner, deutsch sprach, der antwortete Englisch. Und während der Zeit las sie in Kinderbüchern ihm vor, in hebräisch. Martha war noch keine vier Jahre alt.

Ich mag Väter nicht, die ihre Kinder schon so jung mit Lesen, Schreiben, Lernen triezen. Aber der Charme, die Unbekümmertheit, die Neugier und der Wissenseifer der Kleinen vertrieb so ziemlich alle Skepsis. Pappi fragte dann auch brav: „Did you have fun today, my dear?“ – Martha konnte nicht antworten, denn am Gleis gegenüber fuhr gerade ein Güterzug langsam nebenher, das war natürlich superinteressant. Aber Pappi ließ nicht locker: „Did you have your fun today? A little bit?“ – Martha hatte Mitleid mit ihrem besorgten Vater. Sie nahm ihn, so gut sie es mit ihren kleinen Ärmchen konnte, in den Arm, strich ihm über den Kopf und tröstete ihn: „Oh, Papa!“ Zweimal mit ganz langem Aaaa. Subtext: „Was fragst du denn für einen Quatsch!“

Digitales Sütterlin

Schnellvorlauf ins Jahr 2032. Wie soll ich mir Martha dann vorstellen? Oder Zoe? Sie sind garantiert menschliche Wesen mit all ihren Macken und Talenten. Sie sind keine Cyborgs. Aber wie soll ich mir ihr Denken dann vorstellen? Wie weit werden sie sich in diesen Jahren von unserer heutigen Normalität entfernt haben? Wie geduldig oder wie genervt werden sie reagieren, wenn etwa Digitalverweigerer oder Dys-Nostalgiker alten Zeiten nachtrauern. Als es noch Zeitungen, noch Fernsehen, noch Bücher gab. Oder wird es Menschen geben, die Windows oder Laptops nachtrauern? Welche Kluft wird sich da auftun? Dramatischer auf alle Fälle als wir sie je erlebten, als wir uns mühten, die Postkarten der Großmutter zu entziffern, die sie unbeirrt in Sütterlin-Schrift geschrieben hatte.

Als die ersten Home-Computer aufkamen, war einer meiner Freunde uns allen weit voraus. Er hatte einen Commodore, einen CBM oder PET. Eines dieser Geräte, das optisch irgendwo zwischen Star Trek-Kommandostand und Registrierkasse balanzierte. Es war eine wahre Kunst dieses Gerät zu bedienen. Der Monitor klein mit den ominösen grünen Grob-Pixel-Buchstaben – und natürlich haufenweise kryptische Kürzel und Kommandos, die es zu beherrschen galt. Immer wieder muckte das Gerät, wenn es drucken sollte, aber es machte schwer Eindruck auf mich vordigitalen Menschen, der bisher nur Lochkarten-Computer kennengelernt hatte.

Old-School-Internet

Die Pointe der Geschichte ist, dass dieser Freund zwischendurch fast komplett die Arbeit mit Computern aufgegeben hatte. Er fand Mäuse und vor allem Betriebssysteme, bei denen man ohne kryptische Kommandos auskam, schlicht blöd und unsexy. Erst sehr spät legte er sich dann einen PC zu und beharrte lange darauf, noch ein Betriebssystem zu haben, das man irgendwie noch mit Tastatur-Kommandos bedienen konnte. Entsprechend spät machte er seinen Frieden mit dem Internet – und nutzt es heute für Recherchen. Aber Liebe sieht anders aus.

Habe ich hier – schon sehr früh – eine Ahnung erleben dürfen, wie es uns in 20, 30 Jahren ergehen wird, auch wenn wir uns noch so mühen auf der Höhe der digitalen Zeit zu bleiben. Oder wird es gnädigerweise Old School-Nischen im Internet geben – das dann längst nicht mehr so heißt, weil dies ein Ausdruck einer längst vergangenen digitalen Zeit ist, die ähnliches Staunen und Stirnrunzeln erzeugt wie steinzeitliche Höhlenmalereien es heute tun? Und wie sehr nervt dann erst das Gejammer von aus der Zeit Gefallenen, dass früher alles so viel besser war. Das wir können doch schon heute nicht ab. Wie schlimm wird das erst einst in ferner Zukunft?

Eine Ahnung jenseits des Kapitalismus

Als ich Martha gegenüber saß, versuchte ich gerade einen Text auf meinem Kindle zu lesen, den ich mir aus dem Internet heruntergeladen hatte. [Ist der Name Kindle eigentlich Programm: der erste ernst zu nehmende eReader heißt ausgerechnet wie ein Kinderspielzeug? Heißt die kommende Gerätegeneration dann Teenle und Twenle? Egal.] Mich faszinierte Martha so sehr, dass ich in dem Text nicht so recht weiter kam. Als sie dann am Stadtrand mit Papa, den sie an der Hand nahm, ausstieg, kam ich endlich dazu den Text zu lesen, einen Artikel mit dem sperrigen Titel: „Crowdfunding is just the beginning of the horizontal funding of creativity“ von Ian MacKenzie. Ein Artikel im Umfeld der Idee von „OpenMoney„.

Der Artikel beschreibt sehr eindrucksvoll den Unterschied zwischen einem Projekt, das um Geld bettelt, weil es unterfinanziert ist und einem, das auf Crowdfunding setzt. Beim ersten hilft man aus, wird das aber nur begrenzt oft tun. Schnell ist man es leid, immer wieder aushelfen zu können. Alle Unterstützer der „taz“ wissen, wie schal sich das anfühlt, immer wieder retten zu dürfen. Crowdfunding ist anders. Hier ist man im Normalfall Teil des Projektes, bleibt auch nach einer Geldinvestition eingebunden, bekommt Updates, Erinnerungsstücke – vor allem aber ist man erlebbar ein Teil einer Fördercommunity, die eine Sache, die einem am Herzen liegt, fördert. Dieser evolutionäre Aspekt, dieses möglich Machen von etwas Unmöglichem, ist der besondere Effekt. Unmöglich ist es, weil es den gängigen kommerziellen Gesetzen widerspricht. Möglich wird es, weil es Menschen wichtig ist, ein schönes, hilfreiches, verrücktes, gutes, unkonventionelles oder kreatives Projekt Wirklichkeit werden zu lassen und so erlebbar Teil eines Schaffensprozesses zu sein.

Nicht-hierarchische Kultur

Ian MacKenzie nennt das ein Horizontales Funding, weil es quer über eine Community abseits aller Gewinn- oder Verlusterwartungen (vertikal!) Projekte finanziert. Aus ihr kann eine kreative Kultur entstehen, die nicht mehr nach hierarchischen Mustern verläuft wie bisher, wo der Staat, Institutionen, Medienhäuser oder auch Mäzene oder Sponsoren Kreativleistungen finanzierten. Immer von oben herab, immer hierarchisch, immer in klarer Machtverteilung: Ich oben, ich Macht, ich Geld. Du unten, du arm, du um Geld betteln.

Ein wunderschönes Bild: das möglich Machen jenseits aller hierarchischen Muster. Wer je ein Projekt bei Kickstarter aus purer Begeisterung für die Idee mitfinanziert hat, wer je wirklich selbstlos ein Projekt mit unbezahlter Arbeit gefördert hat, der hat die Befreiung aus der üblichen Hierarchie einer Finanzierung oder einer  Ideenverwirklichung leibhaft erlebt. Eine Manifestation von Freiheit der ganz besonderen Art. Im kleinen kann man das selbst jeden Tag üben, wenn man Straßenmusikern nicht Geld in den Gitarrenkasten wirft, weil sie betteln, sondern um mit seinem Euro eine Kulturleistung aktiv zu fördern. – Einfach mal ausprobieren.

Vor allem aber gibt solch eine Erfahrung eine winzig kleine Ahnung, wie viel Freiheit in einer Welt möglich sein könnte, in der möglichst viel horizontal finanziert wird, statt wie bisher vertikal, hierarchisch. Solche Erfahrungen lassen für einen Moment eine mögliche Welt erahnen, die entstehen könnte, wenn sich der – hierarchische, vertikale – Kapitalismus selbst ad absurdum führen würde, wie es zur Zeit den Anschein hat. Ist der Post-Kapitalismus dann etwa horizontal?

Und: Schaut so die Welt von Martha und Zoe aus?

Träume sind aus


Vergangenheit und Zukunft 

Mich haben als Jugendlicher vor allem zwei Dinge fasziniert.

  1. Die Vergangenheit in Form von Geschichte, Historie. Vor allem die Urgeschichte interessierte mich brennend: Wo kommen wir her? Wie entwickelten sich Kultur? Und wie entstanden die ersten Gesellschaften.
  2. Die Zukunft in der Form von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung: Jules Vernes und seine Nachfolger. Also Science Fiction nicht als Wolkenkuckucksheim à la Perry Rhodan, sondern wie sieht eine Gesellschaft mit ganz anderen technischen Bedingungen und sozialen Bedingungen aus. Also etwa im Sinn von Aldous Huxley, George Orwell oder Stanislaw Lem.

Kurios genug. Während Ende der 60er-Jahre die Gegenwart in Deutschland so selten spannend wie kaum sonst war, interessierte ich mich für die Zeit davor – und danach. Aus heutiger Sicht retour war das aber nicht so widersinnig wie das aussieht. Zum einen war ich zu jung um zur 68er-Generation zu gehören und noch viel zu sehr damit beschäftigt, meine Pubertät irgendwie in die Reihe zu bringen. – Zum anderen gelangte die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit kaum in die behütete, abgeschottete Welt der kleinbürgerlichen Reihenhaussiedlung im Münchner Vorort.

Sehnsucht nach Veränderung

Aber die Sehnsucht nach Veränderung, nach einer anderen als der betulich braven katholischen Welt, die war eben doch irgendwie spürbar, selbst in Berg am Laim im Münchner Osten. Das war zum einen der Pubertät und dem daraus resultierenden Unfrieden mit der Welt geschuldet. Aber vor allem war es der Mehltau der Verdrängung (3. Reich, Nazis), die Bräsigkeit der Wohlstandswelt und die Rigidität des damals herrschenden Werte- und Moralkanons, die nach Veränderung sehnen ließ.

So etabliert und systemkonform meine Schule, das Humanistische Wilhelmsgymnasium damals auch war. Es gab dort etliche Lehrer, die ohne jeden Verdacht, links zu sein, uns auf subtile Art halfen, jenseits der ausgetretenen Wege zu denken – und in denkbare andere Welten abzuschweifen. Unser Lateinlehrer etwa nahm uns, die wir uns damit abmühten, Altgriechisch zu lernen, das Versprechen ab, erst dann nach Griechenland zu reisen, wenn die Junta abgesetzt ist und wieder Demokratie herrscht. – Ich habe mich daran peinlichst gehalten.

Meine Stunde mit Nofretete

Vor allem aber haben wir bei ihm eine neue Sicht auf die Welt vermittelt bekommen, als er ein Jahr aushilfsweise bei uns Geschichte gab. Er fand es langweilig, uns ein weiteres Mal die Geschichte der Antike zu vermitteln. Er interpretierte den Lehrplan sehr eigenwillig, der die Zeit vom Ursprung der Menschheit bis zum Untergang des Römischen Reichs vorsah. Er lehrte uns ausgiebig die Frühgeschichte der Menschheit inklusive Anthropologie. Er lehrte uns ausgiebig die Kultur Mesopotamiens, die Wiege der Menschheit und der indogermanischen, sprich europäischen Kultur und die Kultur und Politik Ägyptens. Die Geschichte des alten Griechenlands feierte er in der vorletzten Stunde ab, die des Römischen Reichs in der letzten Stunde.

Auch hier nahm er uns ein Versprechen ab. Wenn wir in Berlin sind, müssten wir die Büste der Nofretete besuchen – und mindestens eine Stunde vor ihr verharren, um ihre Schönheit zu verstehen (und das in der Pubertät!) und die Geschichte hinter dieser Frau zu erahnen. Auch dieses Versprechen habe ich gehalten. Und es war eine der schönsten und Phantasie angereichertsten Stunden meines Lebens. Am Schluss begann sich Nofretete, also die Büste, gar zu bewegen  und mir zuzuflüstern.

Es gab an dem ehrwürdigen Gymnasium mehrere solcher anarchischen Lehrer. (Keine Sorge, auch genug andere.) Ihnen war es wichtiger, uns mit neuen, anderen Denkweisen zu irritieren, anstatt uns geistig stromlinienförmig  in die Welt zu schicken. So lasen wir im Englischunterricht nicht nur das obligatorische „Lord of the Flies“ von William Golding, sondern eben auch „1984“ von George Orwell und uns wurde auch „Brave New World“ von Aldous Huxley ans Herz gelegt. In Geschichte sahen wir dazu die Comic-Verfilmung von „Farm der Tiere“. Und im Religionsunterricht wurde das mit einer profunden Ausbildung in Philosophie und einer ideologiefreien Einführung in alle wichtigen Weltreligionen (auch den asiatischen) abgerundet.

Machbarkeit der Machbarkeit

Wir ahnten damals kaum, welches Glück wir so hatten. Wie viele Gedankenwelten uns nebenbei geöffnet wurden, während wir uns mit dem Pflichtstoff quälten, mit Grammatik, Formeln, Lernstoff, mit Schulaufgaben, Exen und Referaten. Wir wurden nicht zur Machbarheit der Machbarkeit getrimmt. Sondern wir durften Flausen haben, Phantasie und wirre Ideen. Das wurde subtil gefördert. Es wurden Ideale, Modelle, Utopien – und drohende Dystopien skizziert – und es wurde massiv Neugier geweckt. Auf das konkrete (Berufs-)Leben wurden wir so gut wie gar nicht vorbereitet. Aber wir hatten Träume, Hoffnungen und waghalsige Ideen. Genug für ein ganzes Leben. Das gab Kraft, Zuversicht und Lust auf ein Leben voller Ziele.

Eigentlich.

Aber wo sind wir heute? Irgendwie sind wir heute jenseits aller Träume von damals angekommen. Nicht dass sich alle Träume erfüllt hätten. Schlimmer: Wir haben mehr erreicht und mehr bekommen als wir zu träumen je hätten wagen können. Wir können überall alle Musik der Welt hören, Spotify macht’s möglich. Wir haben ein Wissensarchiv jederzeit gratis zur Hand – über Google, Wikipedia & Konsorten. Wir bauen Gebäude, die undenkbar waren. Wir reisen an Orte, deren Existenz in Erdkunde nie auch nur erwähnt wurde. Wir können mit Milliarden von Menschen problemlos kommunizieren. Wir verstehen unseren Körper und unseren Kosmos wie nie zuvor. Die Medizin erspart uns Krankheit, Schmerzen und Tod in unerahntem Ausmaß. Und wir haben so wenig Kriegstote und Morde wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Auch wenn uns unsere Medienwirklichkeit das Gegenteil zu vermitteln scheint. – Und diese Liste ließe sich beliebig erweitern. (Stoff dafür liefert beispielsweise Matt Ridley in seinem Buch „The Rational Optimist“ – HarperCollins, das leider in der deutschen Fassung den dämlichen Titel trägt: „Wenn Ideen Sex haben“ – DVA.)

Leben in der Hypertopie

Ein komisches Gefühl. Sozusagen die Schallmauer der Träume durchbrochen zu haben und jenseits aller Traum-Realitäten angekommen zu sein. Das irritiert. Das macht seltsam ziellos. Ja, es gibt nicht mal einen Begriff für so etwas. Wir leben nicht in einer Utopie, weil sie existiert. Ob die Wirklichkeit dystopisch empfunden wird, hängt von der psychischen Stabilität und mentalen Grundeinstellung des Einzelnen ab. Irgendwie sind wir in einer Hypertopie, einer Wirklichkeit vielerorts jenseits aller unserer Träume und Erwartungen. Auf alle Fälle was den technischen und kommunikativen Aspekt unseres Lebens betrifft.

Und wie geht es jetzt weiter? Sind uns jetzt die Träume ausgegangen? Aktuelle Untersuchungen bei Jugendlichen schüren diesen Verdacht. Noch keine Generation zuvor hatte so wenig Erwartungen an die Zukunft. Und wenn man sich mit dieser Generation auseinandersetzt und mit ihr intensiv spricht, ist wirklich ein frappierender Pragmatismus und Realitätssinn festzustellen. Wenig Flausen, bescheidene, machbare Träume. Irgendwie verständlich. Lieber nahe liegende Ziele setzen. Denn um selbst bei großen Zukunftsvisionen nicht von der sich unbeirrt beschleunigenden Wirklichkeit allzu schnell überholt zu werden, empfehlen sich lieber Ziele auf Zeit.

Ich habe mir von Piloten versichern lassen, nachdem man die Schallmauer durchbrochen hat, geht es mit dem Fliegen ganz normal weiter. Nur eben sehr viel schneller.

Wut auf Social Media


Das digitale Babyboomer-Syndrom

Wenn Menschen meiner Generation (50 +) Social Media ablehnen, ist das – bei ein bisschen gutem Willen – nachvollziehbar. Da addieren sich etliche Ursachen auf:

  • Ungeübtheit in Computerdingen
  • Unverständnis der digitalen Welt
  • Kompetenzdefizite gegenüber der jungen Generation – ja oft gegenüber den eigenen Kindern
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Lineares Denken
  • Hierarchiehöriges Unwohlsein gegenüber Netzwerken
  • Lern-Unlust
  • Komplettverplanung von individuell verfügbarer Zeit
  • etc.

Und ja, es gibt ja auch einige ernst zu nehmende Argumente. Die mediale und wirtschaftliche Übermacht von digitalen Giganten wie Facebook, Google, Apple oder der liebste Altfeind Microsoft. (Amazon wird da gerne vergessen…) Man muss bedenken, dass wir hier von einer Generation sprechen, die gegen Monopolisten, gegen einen Schnüffelstaat, gegen Repressalien – also Unfreiheiten – politisch und gesellschaftlich gekämpft hat. Der eine mehr, der andere weniger. Aber dieser Kampf ist so etwas wie der Erfolgs-Mythos dieser Generation, der Babyboomer.

Hass auf Facebook

Das alles macht eine Ablehnung von Social Media und speziell Facebook in Teilen erklärbar. Aber ich bin immer wieder erschrocken darüber, welch Intensität die Ablehnung annehmen kann, sie reicht bis hin zu glühendem Hass. (Das alles natürlich sorgsam als Vorsicht und/oder politische Sorgsamkeit inszeniert.)

Aber die Heftigkeit der Emotionen und die Wucht der Ablehnung machen dann doch nachdenklich. Da muss viel Angst mit im Spiel sein, anders ist solch Emotionalität nicht erklärbar. Wenn man hier aber ganz vorsichtig nachfragt, kommen als Erklärungen entweder wilde Modernitäts-Mythen oder ein schnippisches und den anderen für blöd verkaufenden „Ich weiß schließlich, wie gefährlich das ist!“. Was für Gefahren da sein mögen, bleibt dann undefiniert – das macht es so schön brisant geheimnisvoll.

Babyboomer für Babyboomer

Wirklich kurios sind die Mythen, die man als Erklärung für die Ablehnung jeder aktiven Teilnahme an Facebook & Co. zu hören bekommt: Fotos etwa könnten missbraucht werden, um dann per Photoshop („Da geht ja heute alles!“) in Pornos auf nackte Körper montiert zu werden. Und dann wird man damit erpresst – oder so… Gerne wird auch auf das Risiko verwiesen, durch private Informationen für Staat und Wirtschaft zum gläsernen Opfer von Willkürmaßnahmen von Finanzamt und Werbeindustrie zu werden. Und natürlich treibt die Sorge um, dass Kontoinformationen, Kreditkartennummern etc. ausspioniert werden.

Die zur Betroffenheitsindustrie verkommenen Medien, die mit Ängsten und Furcht so ungerührt ihr Geschäft macht, hat in dieser Generation ganze Arbeit geleistet. Sie berichten genau das, was diese hören bzw. lesen will. Kein Wunder, schließlich herrscht hier meist Generationssolidarität: Babyboomer schreiben für Babyboomer. Da weiß man, was ankommt.

Machtverlust durch Globalisierung

Aber auch das erklärt nicht wirklich den Hass auf Facebook, Google + (Streetview!), auf Twitter, Foursquare (ganz schlimm!) oder Instagram, also auf die ganze „Bagage“! Da muss es eine grundlegendere, eine existentiellere Ursache geben. Jenseits von Unsicherheit, Angst, ideologischer Vorbehalte – oder auch Neid auf die Optionen jüngerer Generationen.

Eine interessante Spur, die emotionale Social Media-Aversion zu verstehen, habe ich bei Zygmunt Baumann, in seinem erst 2007 geschriebenen Werk „Liquid Times“ gefunden. Der einst in Großbritannien (seiner Wahlheimat) und Warschau (seiner Heimat) lehrende Soziologe hat in seinem seltsam dystopischen Alterswerk sehr gut die Politik der Angst beschrieben, mit der die Politiker weltweit den Machtverlust wettzumachen versuchen, den ihnen die Globalisierung und die Machtverschiebungen durch das Internet zugunsten von Bürgern und Konsumenten gebracht haben.

Negative Globalisierung

Baumann geißelt diesen Trick der Politik, über das Schüren von Ängsten ihre Macht zu bewahren. – Welchen Beweis oder wenigstens Hauch von Evidenz gibt es etwa zu der Geschichte der Unterhosen-Bomben aus dem Jemen außer Verlautbarungen von Politik und Geheimdiensten? Und was ist mit den regelmäßigen wiederkehrenden Warnungen vor anstehenden terroristischen Anschlägen, die dann nicht geschehen? Ein Szenario von wahrlich Orwellscher Dimension.

Aber zugleich bedauert Baumann den Machtverlust der Politik und die Tatsache, dass sie ihr originäres Versprechen, für Gerechtigkeit, Ordnung und Struktur und somit für Sicherheit und Friede zu sorgen, nicht halten kann. Stattdessen tun die Politiker alles, damit ihre Bürger die Globalisierung als negativ empfinden müssen: sie deregulieren, sie bauen Bürger- und Freiheitsrechte ab, sie schwächen die Sicherheitsoptionen der Bürger.

Das Scheitern des Lebensprojektes

Vor allem aber diffamieren sie die Globalisierung zum Buhmann unserer modernen Gesellschaften, indem sie sie als Inbegriff des Fremden inszenieren. Sie tun das in der Personifizierung des Bösen und der Bedrohung unserer Sicherheit als afghanischer/orientalischer Terrorist und als Bedrohung unseres Wohlstands als illegaler Einwanderer aus den Armutsregionen dieser Welt.

Die Babyboomer erleben diesen Machtverlust der Politik und ihr programmatisches Scheitern oft auch als Scheitern ihres Weltbildes und ihres Lebensprojektes. Sie glaubten einst, durch eine (meist linke) Politik die Welt besser und gerechter machen zu können. Aber das Gegenteil ist passiert. Die von ihnen oft mühsam und langwierig durchgesetzten Freiheitsrechte werden im Handstreich kassiert. Ein Terroranschlag oder eine kleine Finanzkrise genügen.

Internet als Inbegriff negativer Globalisierung

Und wer ist schuld daran? Die Globalisierung! Und was ist das markanteste Symbol der Globalisierung? Das allumfassende, in jeder Beziehung keine Grenzen kennende Internet. Und wer repräsentiert dieses böse, negative Internet am signifikantesten? Die Datenkrake von Google natürlich. Aber besser noch die erfolgreichste Website aller Zeiten, die noch dazu das informelle Selbstbestimmungsrecht – aus Sicht der Babyboomer, die das einst erkämpft haben – so gnadenlos gründlich missinterpretiert: Facebook. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass deren Gründer so jung – und mindestens im Fall von Mark Zuckerberg – unbedarft und politisch völlig unbeleckt sind.

Die Vision der Babyboomer eines gerechten Staatssystems, das den Bürgern Sicherheit gibt, ist gescheitert. An ihre Stelle ist ein globales, inkonsistentes, undurchsichtiges Patchwork getreten, in dem kaum ein Minimalkonsens an Rechtsstaatlichkeit, an Bürger- und Freiheitsrechten und Schutz der Privatsphäre zu realisieren ist. Stattdessen schürt es in seiner Monstrosität und Unübersichtlichkeit alle möglichen diffusen Ängste. Es ist so die perfekte Projektionsfläche aller Ängste, allen Unmuts. Und an so etwas soll man sich mit 50 + Jahren (oder mehr) gewöhnen, mit so etwas soll man sich positiv arrangieren?

Die Banausen der Zukunft

Flexibilität heißt das Zauberwort, das von Netzapologeten, Digital-Apologeten, aber auch von Politikern eingefordert wird. Dazu noch einmal Zygmunt Baumann in „Liquid Times“: „Flexibilität ist das einzige Heilmittel, das von der Politik angeboten wird. Dabei wird doch damit nur noch mehr Unsicherheit propagiert, noch mehr Privatisierung aller Unzumutbarkeiten, noch mehr Ohnmacht und Einsamkeit.“

Ich gebe zu, auch ich habe Flexibilität immer viel zu schnell als Lösungsansatz zur Hand. Für mich klingt das stets positiv. Befürchten aber Menschen, mit Veränderungen Wichtiges zu verlieren – Wohlstand, Sicherheit, Privilegien, Lebenslügen –, kann die Idee von Flexibilität sehr kontraproduktiv wirken. Dann entwickelt sie eine „Bedrohlichkeit“. Und das scheint veritable negative Emotion bis hin zum Hass wecken zu können…

Schade. Denn Veränderungen nehmen nicht nur, sie geben auch. Vor allem öffnen sie Freiräume. Schade, wenn einem diese Sichtweise und die Freude darüber (im Alter) abhandengekommen ist. Veränderung ist immer auch Risiko. Gott sei Dank ist das so. Ohne Risiko gäbe es uns und unser Leben nicht, denn es ist das Treibmittel (Triebmittel?) der Evolution… Alvin Toffler, Schriftsteller und Futurologe, hat die Konsequenz daraus in seinem Aufsatz „Rethinking the Future“ (1998) so formuliert: „Die Banausen (Illiterates) des 21. Jahrhunderts sind nicht die, die nicht lesen können, sondern die, die nicht lernen, entlernen und wieder neu lernen können.“ – Oder die es nicht wollen…

Bella figura rules


Italien 2012: alles in bester Ordnung?

Das Leben in Italien geht seinen gewohnten Gang. Nach außen hin ist alles in Ordnung. Es gibt eine Krise? Na gut, aber das muss doch keiner mitbekommen. Italien ist schon immer perfekt gewesen „bella figura“ zu machen. Egal wie schlimm es zuhause aussieht und wie klamm man sein mag, mit einem guten Anzug, einer stolzen Haltung und einem strahlenden Lächeln auf den Lippen ist noch immer Eindruck zu machen bei der passeggiata, beim abendlichen Bummeln durch die Hauptstraße, auf dem Hauptplatz oder der Uferpromenade.

Auch der Strand macht bella figura – nachdem die Spuren der Winterstürme beseitigt sind.

Und wie der einzelne Bürger, so setzt auch der Staat alles daran, eine „bella figura“ zu machen. Alles geht seinen Gang. Die Auslagen sind voll, die Läden sind offen, die Busse fahren, alles prima. Und sie es hinter den Fassaden aussieht, geht keinen etwas an. Fragt man die Italiener nach der Krise, wird kurz über Monti, die gestiegenen Benzinpreise und höhere Gebühren für Gas, Elektrizität etc. gejammert. Aber das hat man schon immer so getan. Das war bei Berlusconi nicht viel anders.

Berlusconi, wer bitte ist das?

Letzterer passt inzwischen auch gar nicht mehr zur „bella figura“. Silvio Berlusconi ist zur Unfigur geworden. Nicht dass man Schlechtes über ihn sagt. Man will nur gar nicht mehr über ihn reden. Oder über Ugo Bossi. Man will nicht einmal mehr seinen Namen erwähnen. Die unsensiblen Touristen, die immer noch über Silvio reden wollen, furchtbar. Der Name steht einfach auf dem Index.- Aber auch über Monti mag man nicht wirklich reden. Jeder weiß, dass es zu ihm keine Alternative gibt. Aber er verkörpert als Person einfach zu sehr die Krise, die man so gar nicht sehen will, weil sie hässlich ist (bella figura!). Also ist Monti auch irgendwie tabu.

Gott sei dank, sind in Italien erst in einem Jahr Wahlen. Was da passieren mag, welche Parteien sich bis dahin selbst zerstört haben – wie die Lega Nord – oder sich in Wohlgefallen aufgelöst haben – wie Berlusconis Wahlverein, keiner weiß es. Und ob sich bis dahin neue, echte Alternativen im Parteienspektrum gebildet haben mögen, die wählbar sind? Jenseits der Protestbewegung vom Satiriker und öffentlichen Enfant terrible Beppe Grillo ist da nichts absehbar. (Sie kennen Beppe Grillo nicht? – Man stelle sich als Deutscher einfach eine ziemlich hochtourige und politische Mixtur aus Urban Priol und Atze Schröder vor.)

Interessant wird die Geschichte, wenn man ein wenig hinter die Fassaden schaut. Denn es wird derzeit in Italien weiterhin viel gebaut. Zum Beispiel Straßen. Letztere sind eine große Konjunkturmaßnahme. Derzeit werden alle großen Autobahnen Italiens verbreitert – auf drei oder vier Spuren. Und das in einer Zeit, wo so gesittet Auto gefahren wird wie noch nie in Italien. Die hohen Benzinpreise haben auch noch den letzten Raser gebändigt. Es wirkt schon sehr kurios, wenn ein BMW X6 oder ein Mercedes SLK Benzin sparen, indem sie auf der Autobahn im Windschatten von LKWs fahren. Ein in Italien derzeit nicht seltenes Bild.

Bauboom ohne Geld

Aber es wird auch privat viel gebaut. In jeder kleineren Stadt prägen etliche Baukräne das Stadtbild. Der Bauboom erklärt sich zum einen dadurch, dass Bargeld zu Immobilien umgewandelt wird. Gemunkelt wird, dass hier auch viel Schwarzgeld den Weg zurück in die Realwirtschaft findet. Gebaut wird aber auch auf Pump. Das Geld leihen aber nicht Banken, die geben nämlich so gut wie keine Kredite mehr, egal wie viel Sicherheiten geboten sind. Die Banken sind nicht mehr flüssig, das Geld, das die EZB massenhaft zur Verfügung stellt, wird von dem Finanzbedarf der Banken fast völlig aufgesogen.

Trotzdem wird gebaut. Aber auf eine sehr fatale Methode. (Auch hier gilt: „bella figura“!) – Man baut, die Bauarbeiter sind billig, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist. Und die Arbeiter werden erst mal nicht bezahlt. Das ist in Italien seit je her üblich. Erst nach einem halben oder dreiviertel Jahr, wenn der Bau schon weit fortgeschritten ist, wird gezahlt. Per Scheck. Per vordatiertem Scheck, der erst zwei oder drei Monate später eingelöst werden kann. Oder per vordatiertem Scheck, den der Bauherr bekommen hat und weiterreicht. Und auch die Baustoff-Lieferanten werden so (virtuell) bezahlt.

Die verkrustete Gesellschaft

So hat nach außen hin erst mal alles seine Ordnung. Aber wehe, wenn in ein paar Monaten die Schecks fällig werden. Wenn nur einer in der Kette der vordatierten Schecks platzt, funktioniert das komplette System nicht mehr. Pleiten sind dann unausweichlich. – Auf diese Weise wird die komplette Krise Italiens nach hinten datiert. Immer in der Hoffnung, dass irgendwie doch noch Geld in das System kommt. Von der EU, der EZB oder gar von Investoren, die Anleihen kaufen. – Wehe das klappt nicht, dann ist Monti schuld. Oder die EU. Oder die Deutschen. Oder Merkel. Aber fürs Erste ist alles in bester Ordnung. „Bella figura“ rules!

Und natürlich machen auch die Banken „bella figura“. Kredite haben sie ja keine mehr zu vergeben, also machen sich die vielen Bankangestellten, die selbst in der kleinsten Filiale auf dem Land anzutreffen sind, unabkömmlich. Da der Online-Kontoauszug nicht funktioniert (den müsste man stets vom selben stationären PC abrufen), darf man ihn persönlich abholen. Das führt im besten Fall dazu, dass alle fünf im Kassenraum anwesenden Angestellte irgendwie in den Prozess – beratend oder aktiv – eingebunden werden. Eine sehr wirksame Art der Arbeitsplatzsicherung.

So respektabel Mario Monti als Person ist und so wohl gemeint seine Taten sein mögen. Im Grunde seines Herzens ist der Wirtschaftsprofessor ein Freund der Banken. Und er tut daher alles, um den Banken seines Landes zu helfen. Dummerweise kommen dabei die Interessen anderer Gesellschaftsgruppen eher zu kurz. Monti kämpft auch darum, die Verkrustungen in der italienischen Gesellschaft zu sprengen. Aber mit wenig Erfolg. Italien wird unverändert von alten Menschen regiert und geprägt, und die denken nicht daran, ihre Macht an Jüngere abzugeben. Junge, talentierte Menschen haben da kaum Chancen – und wandern ab – zum Beispiel in europäische Institutionen. Da zählen Leistungen – und nicht „bella figura“.

Die Effizienz-Evolution


Die perfekten Anpassler

„Survival of the Fittest.“ So hat Darwin einst das Evolutionsprinzip definiert. Er zitierte dabei den britischen Sozialphilosophen und Begründer der Evolutionstheorie Herbert Spencer. „The fittest“, das sind im evolutionären Spiel nicht die Stärksten. Es sind nicht die Intelligentesten. Diejenigen sind die „fittest“, die sich am besten und schnellsten neuen Bedingungen anpassen können. Sieger der Evolution ist, wer schnell und richtig mit neuen Gegebenheiten umgehen kann.

Die Floskel: „Wie haben wir das eigentlich früher gemacht? – Hat doch auch irgendwie funktioniert.“ ist eine geflügelte Phrase geworden, wenn sich ältere Semester einer 20 oder 30 Jahre zurück liegenden Arbeits- oder Lebenswirklichkeit erinnern. Kinder/Jugendliche verdrehen dann entnervt die Augen nach oben. Zu oft haben sie erzählt bekommen, wie einst in den Prä-Internetzeiten per Fax kommuniziert wurde. Oder per Telex. Oder wie kompliziert es war, von unterwegs zu telefonieren, als es noch keine Handys gab. Oder wie einst mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier geschrieben wurde.

Schreibwaren-Nostalgie

Ich besitze aus Nostalgiegründen noch immer ca. 20 Blatt Kohlepapier. Gibt es die überhaupt noch zu kaufen? – Google beruhigt: Gibt es noch, ein 10er-Pack kostet etwa bei Staples 4,99 Euro. – Aber wer im Himmel benutzt das heute noch? Und wofür? Für das Ausfüllen von Formularen? – Noch solch ein aussterbendes „Kommunikationsformat“. Einst bei der Münchner Stadtzeitung war unsere mit Abstand beste Setzerin im Hauptberuf „Formularsetzerin“. Für die Stadtzeitung arbeitete Dagmar, weil sie es satt hatte, immer nur sinnentleerte Arbeit zu leisten. – Aber kurioserweise war sie als Setzerin so gut, so fehlerfrei und schnell, weil sie die Texte, die sie setzte, nicht las, sondern ohne Kenntnis des Inhalts einfach die Buchstaben eines Manuskripts 1 zu 1 per Kugelkopfschreibmaschine auf die Satzmatrize hackte.

Wir bewunderten ihre Fähigkeiten damals immens. Wir waren aber in unserer Eitelkeit auch ein wenig gekränkt, weil unsere so tollen Inhalte an ihr wirkungslos vorüber zogen. Wir ahnten damals in den Vor-Computer-Zeiten Anfang der 70er-Jahre noch nicht, wie „digital-mäßig“ Dagmar zu dieser Zeit schon arbeitete. – Aber sie wusste es ja selbst nicht.

Auf eBay etwa gibt es heute noch Kugelkopfschreibmaschinen (gebraucht) zu kaufen, und Farbbänder dafür gibt es auch noch. Für eine Unzahl von Modellen. So viel zum Thema Veränderung – und Beharrungsvermögen. Es muss noch heute Menschen geben, die beharrlich die Neuzeit und ihre Errungenschaften verweigern – und lieber wie gewohnt mit Schreibmaschine und Farbband Texte schreiben. Und ja, Tipp-Ex gibt es auch immer noch.

Sehnsucht nach Depperltätigkeiten

Es gibt zwei Haltungen, mit denen man solch einen nostalgischen Ausflug in die Vergangenheit , als es noch „Schreibwaren“ gab und Apps noch Apparate oder Apparaturen waren, unternehmen kann. Die eine ist die des „Früher-war-alles-besser“ inklusive einer Verklärung der Ungelenkheit und Langsamkeit früherer Prozesse – und eine Absage an das Prinzip der Evolution. Die andere ist das erwähnte „Wir-haben-das früher-doch auch-super-hingekriegt“. Unser angeborener Verdrängungsmechanismus hat längst den vielen Ärger und den vielen Frust verdrängt, den uns umständliche Depperltätigkeiten massenhaft bereitet haben. Und warum waren wir bereit, all die neuen Dinge und Technologien zu akzeptieren, mit denen wir alle so viel effektiver geworden sind, wenn das damals alles so prima gewesen ist?

Aber jetzt denken wir mal weitere 20 oder 30 Jahre nach vorne. (Dank Innovation hat sich unsere Lebenserwartung ja entsprechend gesteigert.) Dann werden wir auf heute zurückschauen und uns beömmeln, wie gestrig, wie ineffektiv und wie sperrig das alles war, was wir heute als Selbstverständlichkeit erleben. Beispiel Auto: selber Auto fahren, Gangschaltung, tanken, sich verfahren, Auto kaufen. Beispiel Behörden: Steuererklärungen machen. Monatlich! Quittungen geben lassen, aufheben, sortieren, verbuchen, einreichen. Mehrwertsteuer herausrechnen etc. Beispiel Schreiben: Texte tippen, Tasten drücken, vertippen, korrigieren, gegenlesen. – Amelie Fried sinnierte vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite: „Schaue aufs Meer und denke über mein neues Buch nach. Gibt es eigentlich schon Apparate, die Gedanken direkt in den Computer übertragen? Ich finde, das würde eine Menge Arbeit sparen.“ Nicht ausgeschlossen, dass das in 25 Jahren möglich ist.

Plateau oder exponential

Man muss eigentlich nur mal innehalten und nachdenken, womit man im Alltag am meisten Zeit verplempert – und was einen davon eigentlich im Grunde ärgert. Ich nehme Wetten an, dass die meisten dieser Vorgänge in 25 Jahren der Vergangenheit angehören. Technisch ist dann alles machbar – man bedenke nur, was bis dahin Computerchips für gigantische Rechnerleistung bieten, wenn Moore’s Law nur halbwegs weiter gilt. Für alles, was unfreiwillig Zeit verbrennt und Mühsal bereitet, wird es bis dahin eine technische Lösung geben.

Fragt sich, wie wir Menschen mit solch einer Explosion an Effizienz – und Beschleunigung – umzugehen lernen. Es gibt dazu drei Denkschulen, wie die technologische Entwicklung weitergehen wird. Die eine meint, dass wir nach der Effizienz-Explosion des Internet ein neues Plateau erreichen werden, auf dem sich die Dinge nach vielen Disruptionen, Umwälzungen und Machtwechseln wieder mit weniger Tempo entwickeln werden. Jeff Jarvis denkt in etwa so, wenn ich ihn in richtig verstehe. („Gutenberg, the Geek„)

Pessimisten und Optimisten

Die andere Denkschule erwartet, dass sich die Entwicklung nicht abflachen und weiter exponentiell in die Höhe schießen wird. Unaufhaltsam. Hier scheiden sich die Geister. Die Pessimisten befürchten, dass wir uns damit überfordern und unsere Psyche (und Physis) das nicht aushalten wird und eine Gesellschaft von Depressiven und chronisch Hyperaktiven entsteht, die sich in ihre Bestandteile auflösen wird. Die Optimisten vertrauen darauf, dass sich die Menschheit noch jeder evolutionären Herausforderung gewachsen gezeigt hat und auch weitere Effizienzsteigerungen und Beschleunigungen aushalten wird. Die Esoteriker unter ihnen träumen sogar von einer neuen Wirklichkeitsstufe, die so zu erreichen wäre. („Die Prophezeiungen von Celestine„)

Meine Vermutung ist, dass die menschliche Psyche viel zu stabil ist, als dass sie echt gefährdet wäre. Noch jede Effizienzsteigerung hat auch zu mehr Freizeit und Freiraum geführt. Noch jede Übersteigerung und Übertreibung hat sich nivelliert. Gerade das Phänomen Google und unsere Fähigkeit binnen kürzester Zeit unnützes Wissen – weil jederzeit per Google verfügbar – los zu werden, belegt diese These. Unsere Gehirne werden nicht rasch wachsen können. Aber wir werden unsere Fähigkeit, entlernen zu können, immens optimieren müssen. So wird auch unser Gehirn effizienter – und wird befreit von allem überflüssigen Detailwissen, allem unnützen Ballast und störenden Verkrustungen. Unsere Setzerin Dagmar damals hat es uns quasi schon damals vorgelebt.

So könnte der Weg zu einem Leben in einem stark beschleunigten Flow frei werden, in dem man sich behände in einem beschleunigten Stream der Veränderungen bewegt, wie ein Fisch in einem reißenden Gewässer. Und der weiß nicht nur klug Stromschnellen zu nehmen, sondern findet immer auch wieder ruhige Buchten zum Innehalten. Und das tut er sehr effizient.

Das Ende der Homepage


Visitenkarten-Fetischismus

Es gibt Firmen, die legen sehr großen Wert auf ihre Visitenkarten. Sehr, sehr großen Wert. Dafür werden gerne seltsam aufwändige Rituale getrieben. Welcher Mitarbeiter bekommt welches Design? Marke und Konzern werden sorgsam in der Logogestaltung getrennt. Und am wichtigsten ist natürlich, welchen Titel bekommt der jeweilige Mitarbeiter? Da wird auch keine Rücksicht darauf genommen, ob der Titel nicht etwa beim Kunden, wo die Visitenkarte (nomen est omen!) ja letztlich ankommen soll, eher abschreckt als Eindruck macht. Visitenkarten sind nach der Höhe des Honorars der zweite große Fetisch einer (konventionellen) Karriere.

Ein ähnliches Schicksal erahne ich für die klassische Website, die Firmen heutzutage ins Web stellen. Nachdem heute auch der letzte Firmenchef oder Manager kapiert hat, dass ein Unternehmen im Internet stattfinden muss, will es überhaupt wahrgenommen – und respektiert – werden, wird etliche Mühe in die Gestaltung von „Homepages“ von Firmen gesteckt. Dabei wird oft gar nicht mal wenig Geld in die Hand genommen. Zum einen, weil noch zu oft der Irrtum vorherrscht, je aufwändiger ein Relaunch ist, desto länger brauche man nichts mehr an der Website zu tun. Zum anderen, weil man die Website als eine Art elektronische Visitenkarte der Firma (miss-)versteht (siehe oben).

Interaktion und Kommunikation

Das zentrale Problem der meisten Firmen-Websites ist, dass nicht wirklich verstanden wird, dass das Internet eine Kommunikations- und Interaktionsplattform ist. Und Firmen, die ihre Produkte nicht online verkaufen, realisieren oft nicht, dass sie beginnen müssen, auch ohne ein Shopangebot, aktiv zu kommunizieren und zu interagieren, wollen sie in Zukunft noch wahrgenommen werden. Und das in einer Weise, die von ihnen bestimmt ist und nicht von außen via Social Media etc. Es mag stimmen, dass bei einem Blick von oben auf das Gewimmel eines belebten Platzes derjenige, der starr und stumm verharrt, relativ bald auffällt. Aber nur weil man sich Gedanken macht, ob er nichts Besseres zu tun hat oder ob er etwas im Schilde führt.

Wer aber interagiert und lebhaft (und bitte authentisch) kommunizieren will, wird meist schnell feststellen, dass die klassische Homepage dazu oft zu sperrig, zu langsam (egal welches CMS genutzt wird) und zu wenig effektiv ist. Und je mehr die Website visitenkarten-mäßig angelegt sind, um so mehr. Denn Interaktion und Kommunikation machen schnell die schönste Website (optisch) kaputt, weil sie so aufdringlich und unruhig ist. Aber beides macht sie lebendig – so wie die vielen Menschen auf dem oben beschriebenen belebten Platz, die herumwuseln, die gestikulierend miteinander reden oder irgendetwas zum Besten geben.

Die mobile Evolution

Diese Menschen, die da auf Plätzen stehen, in Zügen fahren, auf Flugplätzen warten – oder in Meetings sitzen, sie alle sind heute längst kontunuierlich online. Das Smartphone ist stets angeschaltet – und wird unablässig genutzt, es versorgt unaufhörlich mit Online-Informationen. Vorrangig über Apps, nur ganz selten über (mobile) Homepages. Wie Hubertus von Lobenstein gerade in seinem Blogpost „Die letzten Tage des Internets“ ausführte, verbringen heute Menschen im Schnitt mehr Zeit mit mobilen Apps als im Internet. Über die Hälfte aller „Computer“, sind heute mobile Geräte (Smartphones, Tablets & Co.). Und das Verhältnis ändert sich rapide: Die Zahl mobiler Endgeräte wächst doppelt so schnell wie die der PCs.

Oder anders herum betrachtet. Mehr als die Hälfte des Traffics einer normal vernetzten Website kommt heute nicht mehr über die Homepage, sondern über die verschiedensten anderen Kanäle wie Google, Facebook, Twitter, über mobile Zugriffe und natürlich (Online-)Marketingmaßnahmen. Auf High-Traffic-Sites sind es manchmal nur mehr ca. 30 Prozent der Zugriffe, die die Homepage anlaufen (Pareto rules!). Die große Überzahl der User steuern die Inhalte direkt an und strafen die Homepage konsequent mit Nichtbeachtung.

Big Data Web

Und das ist erst der Anfang. Absehbar ist längst eine Entwicklung, die statische und „schicke“ Websites, wie sie heute üblich sind, vollkommen obsolet machen wird. Absehbar ist, dass Rechnerkraft  sich weiter alle 15 Monate verdoppeln wird (Moores Law). Und das heute auf  sehr hohem Niveau. Zugleich werden die Bandbreiten weiter wachsen, jährlich um ca. 50 Prozent (Nielsen’s Law). Und die Netzwerk-Effekte explodieren zugleich in bisher noch nie gekannter Weise (Metcalfe’s Law, Reed’s Law). Noch nie kannte die Menschheit jenseits biologischer Systeme Netzwerke von über einer Milliarde Teilhabern. (Diese Zahl wird Facebook wohl dieses Jahr erreichen.) Und von ihnen werden Datenmengen in ungeheuren Größen produziert.

In solch einer voll-digitalen Welt mit monströsen Rechnerleistungen, völlig neuen Potentialen für Algorithmen und Softwarelösungen, mit einer nie gekannten Vernetzungsgeschwindigkeit und Teilnehmer-Milliarden und Yottabytes an Datenmassen (Big Data) sind Homepages, wie wir sie heute kennen, kuriose Anachronismen. Sie wirken wie versprengte Papierschnitzel (zerrissener Visitenkarten) in einem pulsierenden digitalen Kosmos. Sie erinnern an alte, verwitterte Wegweiser in einer voll vernetzten, GPS-navigierten, komplett digital erfassten Welt.

Intelligentes Web-Environment

Mal ganz ehrlich, eine Homepage, vor allem in ihrem Visitenkarten-Appeal, ist eine Institution aus einer vergangenen Ära.  Dahinter steckt noch das hierarchische Denken von Firmen, die davon ausgehen, dass ihre Kunden gefälligst zu ihnen zu kommen haben. Sie halten Informationen für Menschen bereit, die müssen sich dafür aber gefälligst herbei bemühen. Kommunikation und Interaktion auf Augenhöhe ist das nicht. Die Frage ist, ob in der oben beschriebenen 360°-Digitalität der Zukunft die Augenhöhe noch das gültige Paradigma ist – oder sich zumindest im Internet und den dort vorhandenen Informations-Yottas die Machtverhältnisse zuungunsten der Anbieter, sprich Firmen und Unternehmen verschieben.

Sie müssen in Zukunft alles tun, um es den Usern so leicht und convenient wie möglich zu machen, an Informationen, Angebote und Interaktions-Optionen zu kommen. Da reicht eine passive, schicke, aber tumbe Homepage sicher nicht. Stattdessen sollte ein hochintelligentes Web-Environment jenseits des heute aufkommenden responsive Webdesigns geschaffen werden, das im optimalen Fall – und bei Einwilligung des Users – weiß, wer der User ist, welches Gerät er gerade nutzt, wo er ist (location based services) und was er vermutlich gerade will oder benötigt. Dazu sind viel Wissen über den User nötig und dafür viel sensible soziale Kommunikation und kluge Algorithmen, die die Daten zu deuten wissen.

Dazu müssten CMS-Systeme entwickelt werden, die so etwas leisten können. Dazu muss alles Wissen, müssen alle Datenbanken eines Unternehmens wirklich konsolidiert und intelligent verknüpft werden. Und man müsste wissen, womit man seine Kunden begeistern könnte. Dazu braucht es mehr (digitales) Wissen, mehr Know how, mehr Strategie und mehr Entschlusskraft als für eine Gestaltung einer Pixel-Visitenkarte. Die Alternative dazu wäre, sich als Unternehmen künftig völlig in die Hand der großen Internet-Plattformen zu begeben, die längst konkret an solch einer Zukunft jenseits von Homepages arbeiten: Google, Amazon, Apple, Facebook – und eventuell noch Microsoft.

Die Unverschämtheit zu schreiben


Schreiben aus Freude

Ich war in der Schule berüchtigt für meine Aufsätze. Egal wie viel Zeit für Schulaufgaben vorgegeben war, mir ging immer das zur Verfügung gestellte Papier aus. Nicht weil ich eine so ausschweifende Schrift gehabt hätte – im Gegenteil – aber ich schrieb immer viel und gerne. Ja, auch gut. Meine Einser in Deutsch waren keine Kapitulationserklärungen meiner Deutschlehrer, denke ich. Aber so gern, schnell und gut ich schrieb, ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, dass Schreiben einmal mein Beruf werden könnte.

Bis es soweit kam, brauchte es vielerlei Umwege. Meinen ersten bezahlten Artikel schrieb ich als Rezensent für Kirchenmusik (!) in einem evangelischen Kirchenblatt – und das nicht mal unter meinem eigenen Namen, denn das war damals schon mein erster Text als „Ghostwriter“. Richtig ins Schreiben kam ich bald darauf als Theaterkritiker in der Münchner Theaterzeitung (für freie Bühnen), dann endlich unter meinem eigenen Namen. Aus dem Ghetto des Feuilletons befreite ich mich mit der Gründung der Münchner Stadtzeitung, in der neben Kultur auch alle Themen bis hin zu Politik und Zeitgeist zu schreiben – und zu organisieren waren.

Einmal Hybris und retour

Das Gros der Autoren, die damals für die Münchner Stadtzeitung schrieben, stammte aus der Deutschen Journalistenschule in München. Unter ihnen waren etliche erstklassige Schreiber, die heute überall in renommierten Medien schreiben und leitende Stellen bekleiden. Und ausgerechnet diesen Autoren, denen in der Journalistenschule neben solidem Handwerk auch ein sehr gesundes Selbstbewusstsein beigebracht worden war, durfte ich unbedarfter Autodidakt bisweilen erklären, warum mir ein Artikel (noch) nicht gefiel und was vielleicht besser gemacht werden könnte. Und ich durfte die fertigen Werke redigieren und mit Headline etc. ausstatten.

Was für Akte der Hybris – wenn man mit Abstand zurückblickt. Damals erschien mir das als das Selbstverständlichste der Welt. Mein Selbstbewusstsein, das sich aus kontinuierlich steigenden Auflagen und viel positivem Feedback (und bisweilen ein paar Promille) speiste, wuchs sich zu einer veritablen Selbstüberschätzung aus. Glücklicherweise hatte ich damals etliche wohlmeinende Freunde und Kollegen, die das eine Weile geduldig ertrugen, mich dann aber allmählich, aber wirksam auf den Boden der Realität herunter holten.

Dös hupft net

Noch weiter in die Realität brachte mich dann die Arbeit beim WIENER. Das erste Mal, dass ich einen Chefredakteur über mir hatte. Und einen kritischen noch dazu. Berühmt der trockene – manchmal fast verzweifelte – Kommentar von Wolfgang Meier, wenn ein Artikel noch nicht rund war – oder seinen Erwartungen nicht entsprach: „Dös hupft net!“ Was hat mich diese Floskel Nerven gekostet. Und es hat einige Zeit gedauert, bis ich verstand, dass das mehr als eine Floskel war, und – wenn auch sehr frugal – den Kern einer funktionierenden Geschichte beschreibt.

Nie habe ich in diesen Jahren am Schreiben selbst gezweifelt. Dabei wäre das doch mehr als selbstverständlich gewesen. Denn warum sollen andere Menschen lesen, was ich mir ausgedacht habe? Es gab ja nie eine Instanz, die mir erlaubt – oder empfohlen – hätte, zu schreiben. Jeder Artikel, vor allem in den frühen Jahren, war eigentlich ein einziger Akt der Anmaßung, dass ich etwas zu sagen hätte. Und das das andere interessieren könnte. Natürlich hatte ich mehr als oft meine Zweifel beim Schreiben, ob das jetzt wirklich gut sei, was ich da fabriziere. Aber es nutzt ja nichts. Am Schluss musste der Artikel raus, zum Redakteur, zum Satz. Aber im Grunde genommen war jeder Artikel eine Unverschämtheit – in des Wortes Bedeutung: Ich hatte keine Scham, es zu veröffentlichen.

Der schreibende Narzisst

So gesehen ist jede Veröffentlichung, jedes Öffentlichmachen eines Textes ein sehr narzisstischer Akt. Ohne die Trennung des Selbstbewusstseins vom Selbstzweifel, ohne eine Art notorischer Selbstüberschätzung, eine gewisse Selbstverliebtheit und ein Sendungsbewusstsein ist eine journalistische Arbeit kaum denkbar. – Es gibt eben nicht nur negative Seiten des Narzissmus. (Siehe dazu auch: „Narzissmus de-loaded„.)

Dieser Narzissmus, der hinter jedem kreativen Werk, ob Text, Bild, Foto, Film oder Komposition steht, prägt jetzt auch die vergleichsweise hitzige bis bittere Diskussion über Urheberrechte und eine angemessene Bezahlung von Autoren und anderen kreativ Schaffenden. Es ist fast unmöglich, zu dem Thema eine sachliche Diskussion zu führen. Sofort wird höchst emotional reagiert. Regt man vorsichtig eine Verkürzung der Schutzzeit auf zehn Jahre nach dem eigenen Tod (!) an, wird erregt auf die drohende Verelendung des Nachwuchs verwiesen. Traut denn kein Autor seinem Nachwuchses zu, selbst sein Geld zu verdienen? Und sind wichtige, gute Texte, die das Denken voran bringen, nicht das bessere Erbe?

Und allzu gerne werden Ziegelsteine mit Birnen verglichen: „Ein Haus bleibt ja auch länger als zehn Jahre nach Deinem Tod bestehen!“ Und schon ist die Diskussion im Eimer, da unsachlich, da emotional. Die Folge: Aggression, Verbitterung, Monologe. (Ein gutes Beispiel für die vergiftete Tonalität sind auch die Kommentare zu meiner kurzen Replik auf Sven Wegener am 23. März auf Facebook.)

Kreatürlich ungenaue Erinnerung

Der Narzissmus des Kreativen scheint für die Tatsache zu verblenden, dass jede Schaffensarbeit auf den Vorleistungen anderer aufbaut. Auch ohne jeden Anflug von Plagiat baut jeder Text, jede Geschichte, jeder Film auf anderem auf. Er ist ein Sampling, das im eigenen Kopf unbewusst abläuft. Man muss sich nur ein wenig mit Gehirnforschung und den Abläufen von Denkprozessen beschäftigen, um zu erahnen, wie unser Gehirn Gedanken aus seinem nur scheinbar amorphen Speicher an Erinnerungen, Bildern, Worten und Ideen kreiert. Es tut das nie aus dem Nichts heraus, sondern es erinnert sich sozusagen kreatürlich ungenau. (Siehe dazu auch „Positives Trauma„.) – Und im besten Fall beruht das alles noch auf einer Recherche. Das aber ist nichts anderes als eine – hoffentlich – möglichst genaue Beschreibung einer existierenden Wirklichkeit.

Auch wenn mir das weitere Schelte einbringt. Bitte, bitte, liebe Autoren, liebe Musiker, liebe kreativ Tätigen, überschätzt Euch und Euer Tun nicht. So schön das alles ist, es sind alles keine Werke eines gottgleichen Genius. (Auch wenn der Genie-Glaube hierzulande noch immer hoch im Kurs steht.) Es sind einfach Werke. Werke, die wenn sie gut genug sind, auf alle Fälle bezahlt gehören. Wenn sie wirklich sehr gut sind, gerne auch hoch bezahlt. – Die Rechte an dem Werk sollten einem ewig gehören, aber die Nutzungsrechte für eine kommerzielle Nutzung längstenfalls das eigene Leben lang.

Die private Nutzung aber sollte immer frei sein. Damit neue kreative Werke entstehen können. (An denen sollte man dann natürlich partizipieren, wenn sie Geld machen.) Vielleicht entstehen so dann auch Werke, die nicht von der bleiernen Last eines sinnentleerten Narzissmus belastet sind. Werke, die locker und entspannt entstehen und nicht die Selbstüberhöhung einer gottgleichen Intuition brauchen, um den Weg in die Welt zu schaffen. In diesem Sinne – nix für ungut…

The de-material Boy


Das Paradox des segenreichen Verlusts von Materie

Die beeindruckendste Schallplattensammlung habe ich einst in der Wohnung von Musikjournalismus-Legende Ingeborg Schober († 2010) zu sehen bekommen. Ein Zimmer voller Platten, alle vier Wände voll – und in den angrenzenden Zimmern in der Schwabinger Wohnung noch mehr. Bei mir nahm die Schallplattensammlung nur eine halbe Wohnzimmerwand ein, dafür reichte sie in meiner Haidhauser Altbauwohnung bis zur Decke und versammelte ca. 8.000 Alben. Heute verstauben meine ca. 2.000 CDs in einem Schubladenschrank, denn all meine Lieblingsmusik ruht längst digitalisiert auf Festplatte und PC. Aktuell aber höre ich fast ausschließlich Musik, die ich physikalisch nicht besitze. Ich bin Abonnent bei Spotify. Hier habe ich Zugriff auf Millionen von Musiktiteln.

Bei Spotify kann ich jetzt problemlos Ingeborg Schobers These nachprüfen, „Soon Over Baluma“, das Album, das Can 1974 veröffentlicht hat, sei vielleicht erst 2014 zu verstehen. So hat sie es einst in einer Rezension formuliert. – Ingeborg hat nur bedingt recht: Wer sein Ohr nicht ausreichend mit Jazz und Weltmusik trainiert hat, wird auch 2014 ratlos bleiben.

Der virtuelle Sammler

Spotify macht solche Hör-Abenteuer möglich, die man bis jetzt aus Kostengründen und wegen Beschaffungsstress gemieden hat. Es öffnet völlig neue Hörgefilde – und liefert dabei auch fast alle lieb gewonnenen Songs und Sounds. Dass ein paar Bands wie Led Zeppelin oder Metallica sich noch verweigern, geschenkt. (Kurioserweise sind alle LedZep-Mitglieder mit ihren Soloprojekten auf Spotify.)

Fakt ist, meine Leidenschaft, die unterschiedlichsten Arten von Musik zu hören, ist ungebrochen. Das war einst nur durch den Kauf von Unmengen von Platten und später CDs möglich. Dementsprechend galt ich seit dem Kauf meiner ersten Single „See my Friends“ von den Kinks 1965 als Plattensammler. Aber seit der Verbreitung von MP3 Files hat sich meine Sammler-Leidenschaft schwer virtualisiert und dematerialisiert. Ich wundere mich selbst, wie wenig es mir ausmacht, Musik nicht mehr zu besitzen. Es reicht die Verfügbarkeit, wie sie Spotify bietet. Und so viel mehr an Musik und Klanggemälden dazu.

Wer soll das bezahlen?

Der absurde Nebeneffekt ist, dass das alles so viel billiger kommt. 10 Euro pro Monat kostet das Premium-Paket. (Die Basis-Version mit minderer – aber akzeptabler – Soundqualität und Werbung ist gratis.) Das ist atemberaubend weniger Geld als ich bisher für den regelmäßigen Nachschub an Musik per Download pro Monat bezahlt habe. Und es ist bequemer. Die Playlists sind leichter zu verwalten – und vor allem kann man sich jetzt mit seinen Freunden (zumindest denen auf Facebook) über seine Hörleidenschaften austauschen. Musikalisch gesehen ist jetzt jeder Tag als würde Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag zusammenfallen.

Trotzdem darf man bei Spotify ein gutes Gewissen haben, denn für jeden gespielten Titel geht Geld an diejenigen, die die Rechte an dem Song halten. (Nicht immer sind das die Musiker, die die Musik geschaffen haben.) Aber das können bei den geringen Abo-Summen und der Über-Masse der abgehörten Titel nur Nano-Beträge sein, die sich nur bedingt akkumulieren. Noch funktioniert Spotify wie einst das Gratisanhören im Plattenladen: Man kauft dann doch Platten, die man dort entdeckt und die einem wichtig erscheinen. Noch tut man das. Das wird in ein paar Jahren, wenn man sich an die Convenience und die Vorzüge dematerialisierten Hörens gewöhnt hat, anders werden.

Die Zukunft der Pflichtmedien

Das Musikbusiness ist hier der Vorreiter. Wahrscheinlich, weil die Musik als erstes Medium die komplette Umwandlung ins Digitale vollzog, als die CD eingeführt wurde. Als Nächstes werden die Print-Medien samt Buch folgen. Die E-books kommen unaufhaltsam, sie sind zu bequem und mobil gut nutzbar – und billiger sind sie auch überall dort, wo es keine Buchpreisbindung wie in Deutschland gibt. Spannend wird, ob sich hier Kiosk-Modelle mit Einzelbezahlung durchsetzen werden. Ich vermute, eher nicht. Ein All-for-wenig-Geld-Abomodell wie Spotify ist aber für Print-Medien nur schwer vorstellbar. Höchstens, wenn sie sich Kultur-Flatrate nennt und staatlicherseits ähnlich rigide umgesetzt wird wie die Pflichtsteuer für die öffentlich-rechtlichen Sender (Hörfunk & TV).

Der Weg zur De-Materialisierung, zum Abschied von materiellem Besitz, wird sich aber unbeirrbar fortsetzen. Alle Waren, die es im Überfluss gibt, und die so zur Commodity, zur Selbstverständlichkeit werden, wird man immer weniger „besitzen“ wollen, sondern einfach zur freien Verfügung haben wollen. Das betrifft nicht nur Medien und Kulturgüter wie Musik, Filme, Texte, Kunst (auch die kann man längst leihen), sondern auch Maschinen, inklusive Automobile, Waschmaschinen, Kaffeemaschinen etc. Die Selbstverständlichkeit, wie wir uns heute teure Smartphones von unseren Carriern „schenken“ lassen, um die Kosten dann mit teurer Nutzung abzubezahlen, wird sich auch auf andere Branchen ausbreiten. Der Elektrocar-Betreiber „Better Place“ (Israel, Dänemark, Kalifornien) von Shai Agassi (Ex-SAP) hält es heute schon für möglich, seine Autos zu verschenken, um dann die Kosten über Nutzungsgebühren für die Batterien zu refinanzieren.

Die Ent-Materialisierung von Geld

Die gesamte Debatte über geistiges Eigentum, Urheberrecht und die dafür fehlenden Businessmodelle in einer digitalen Welt der Zukunft bekommt in der Perspektive einer Ent-Materialisierung ganz neue Aspekte. Wir werden uns an ganz neue Finanzierungsmodelle gewöhnen, die unser Monatsbudget in der Summe letztlich nicht weniger belasten werden als heute unsere Kauf-Gewohnheiten. Aber sie werden „stiller“ sein, so wie heute unsere Rechnung fürs Handy. Dafür werden nicht zuletzt die digitalen Powerhouses wie Facebook, Google, Amazon, Apple oder Microsoft sorgen, die gerade jeder für sich eigene digitale Zahlungsmöglichkeiten entwickeln – und anfangen sie uns schmackhaft zu machen. Und die bisherigen Zahlungs-Platzhirsche wie Visa, Mastercard, American Express und die Banken mit ihren Karten wehren sich mit eigenen digitalen Bezahlungs-Techniken.

Egal wie der erwartbare Mega-Clash der alten und neuen Bezahl-Mogule ausgehen wird – und das wird spannend werden! – danach wird das reale Geld aus Scheinen und Münzen weitgehend ausgedient haben. Es wird eine ähnlich nostalgische Rolle spielen wie heute der Hinweis: „Bei uns kann man noch mit der guten alten D-Mark bezahlen.“ Bezahlt wird künftig mit dem Handy, mit intelligenten NFC-Chips oder was auch immer einen Konsumenten digital eindeutig identifizieren kann. So wird auch das Geld de-materialisiert – und nur noch still und diskret abgebucht werden.

Und so wird man digital durchaus noch materielle Dinge kaufen. Aber nur noch rare und spezielle, die einem einen Mehrwert bieten – in der individuellen Ausformung der Persönlichkeit, in der Abgrenzung zu anderen und in einer wie auch immer gearteten Besitz-Obsession. Das werden Fetische sein, die einem sein Ich verschönen. Dinge, die den jeweils aktuellen Luxus darstellen. (Das können dann auch – selten gewordene – Print-Magazine sein.) Das werden Produkte sein, die einem ganz besondere Geschichten erzählen (die man dann weitererzählen kann). Das werden Verrücktheiten sein, die einen von anderen abgrenzen und einem in ihrer Skurrilität diebische Freude bereiten werden: Zum Beispiel der Besitz von Vintage-Datenträgern aus Vinyl, die man im 20. Jahrhundert Langspielplatten nannte.

Positives Trauma


Synthetische Illusion in Realtime

Eine bleibende Erinnerung aus meinen Kindheitstagen waren die Feste im Familienkreis, der gerne mit Gästen aus der „Heimat“, wie das hieß, ergänzt wurde. „Heimat“, das waren in diesem Fall die Gebiete, aus denen meine Familie nach den Weltkriegen vertrieben worden war. Mein Vater wurde 1918 nach dem Ersten Weltkrieg aus Ostpreußen zwangsumgesiedelt. Die Familie fand dann in Herne eine neue Heimat, mein Vater später in Berlin. Meine Mutter wurde im Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben, das nach dem Krieg dann Polen wurde.

Neuenburg an der Weichsel, Geburtsort meines Vaters.

Meine Eltern waren hierbei eine positive Ausnahme. Sie verherrlichten nie die Vergangenheit, besuchten keine Vertriebenentreffen oder betrieben den üblichen kleinkarierten Revanchismus. In den Erinnerungen etlicher unserer Verwandten jedoch wurde bei diesen speziellen Familientreffen verloren gegangenen Gütern, Schlössern und Großgrundbesitz hinterher gejammert. In alter Junker-Herrlichkeit wurden weniger schöne Landschaften als vielmehr verlorene Macht über Gesinde und polnische Untergebene – die man natürlich immer gut behandelt hat, obwohl sie so dumm und ungeschickt waren – vermisst.

Der patriarchalische Selbstbetrug

Wie trügerisch, und bisweilen auch verlogen solche Erinnerungen waren, erfuhr ich erst, als ich vielleicht 13 Jahre als war. Das schönste Märchen, das mir die Jahre über aus der „Heimat“ erzählt wurde, war die Geschichte der schönsten Schwester meiner Großmutter, Tante „Lenchen“. Sie hatte einen älteren Gutsbesitzer geheiratet und lebte mit Bediensteten im schönsten Teil Pommerns. Meine Mutter durfte einige Male als Kind in den Ferien Tante Lenchen besuchen und die Annehmlichkeiten eines derart privilegierten Lebens genießen. Entsprechend märchenhaft waren ihre Erinnerungen an die schöne, mondäne Tante, die mindestens einmal im Jahr für zwei, drei Wochen lang in die Hauptstadt Berlin fuhr, um sich mit der neuesten schicken Mode auszustatten und das Großstadtleben zu genießen.

Freiwaldau in Schlesien, der Geburtsort meiner Mutter.

So zumindest wurde es stets erzählt. Bis eines Tages ihre jüngste Schwester Lucie aus Berlin zu Besuch in München war. Wieder einmal wurde das verzuckerte Märchen von Tante Lenchen erzählt, die es nach dem Krieg schwer traf, als sie verwitwet in der DDR von einer kargen Rente leben musste. Meine Mutter schwärmte wieder einmal von dem schönen Leben in Pommern und Lenchens Ausflügen ins mondäne Berlin. Da wurde es Lucie zu bunt. Es war das einzige Mal, dass ich sie, eine bescheidene, liebe, zurückhaltene Frau, der Inbegriff von Freundlichkeit, einmal wütend erlebte. Mitten im Märchen fragte sie knapp: „Du weißt schon, warum Lenchen immer nach Berlin kam?“ Meine Mutter wusste es wirklich nicht. Lucie klärte sie über ihre Lieblingstante auf: „Jedesmal kam sie nach Berlin, um ein Kind wegmachen zu lassen!“ So sah damals die Geburtenkontrolle der Reichen aus… – Eine herbe Wahrheit, die mein zutiefst katholisches Elternhaus schwer traf.

Konsens der Erinnerungen

Soweit meine Erinnerung an Erinnerungen an früher. Wie unverlässlich so etwas ist, wird einem klar, wenn man den Artikel „The Forgetting Pill“ in der März-Ausgabe des WIRED (US) liest. Allein der biochemische Akt der Abspeicherung von Erinnerungen in den verschiedenen Gehirnregionen, der dort griffig beschrieben wird (im 2. Teil der Web-Ausgabe,) macht klar, wie fragil solch eine Speichermethode ist. Das gilt vor allem dann, wenn man in emotional aufgewühltem Zustand Erinnerungen abruft. Das ist unausweichlich, wenn man sich an ein traumatisierendes Erlebnis erinnert. So mussten Wissenschaftler feststellen, dass sich die Erinnerungen etwa an den Terroranschlag des 11.September innerhalb eines Jahres bei knapp der Hälfte der befragten Tatzeugen völlig verändert hatte.

Soviel zur Verlässlichkeit von Erinnerungen. Sie sind nichts anderes als eine synthetische Illusion in Realtime, die einem vertraut vorkommt. Manchmal wohl auch zurecht. Aber entsprechend spannend wird es, wenn sich eine Gruppe Menschen erinnert. Dann kommt es darauf an, gemeinschaftlich einen Konsens über die jeweils subjektiven Erinnerungen herzustellen. Das geht in der Familie noch ganz gut, da wird patriarchalisch oder matriarchalisch – je nach den jeweils bestehenden Machtverhältnissen – bestimmt, welche Erinnerung die richtige, bzw. die genehmste ist. Was im Fall von Tante Lenchen damals dann aber in Anbetracht der moralischen Abgründe nicht funktionieren wollte. Meiner Mutter blieb als letzte Rettung ein verzweifeltes: „Das glaube ich nicht!“

Unerwünschte Erinnerungen

Negative, schreckliche Erinnerungen, das sind Traumata. In dem WIRED-Artikel geht es darum, wie man ein Trauma wirkungsvoll bekämpfen kann – und zumindest lindern kann. Der Trick erfolgreicher Trauma-Therapien, ob psychologisch oder pharmakologisch, ist es, das Erlebte in einer neutralen oder positiven emotionalen Stimmung noch einmal aufzuarbeiten. Denn unser Gehirn rekonstruiert die Erinnerung jeweils in Echtzeit und lässt sich dabei von der jeweiligen Situation und dem jeweiligen Gemütszustand „manipulieren“. Je positiver das Ambiente, desto positiver oder mindestens wertfreier wird die Erinnerung – und so neu bewertet abgespeichert.

Fragt sich, ob das nicht auch für profanere Erinnerungen gilt: je positiver das Ambiente, desto besser und positiver die Erinnerung. Ein sehr überraschendes Beispiel hierfür präsentierte der amerikanische Jongleur und Comedian Chris Bliss in seinem Vortrag auf TED.com: „Comedy is translation“. Er zitiert eine Untersuchung, in der konstatiert wird, dass Zuschauer der Comedy-Show „The Daily Show“ von John Stewart, die das Vorbild unserer „heute-Show“ ist, weitaus besser informiert sind als das Publikum der etablierten Newsmedien. – Das sagt auch etwas über die Qualität der Newsmedien in den USA aus. Vor allem aber scheint es darauf hinzuweisen, dass Inhalte und Informationen besser und nachhaltiger rezipiert und abgespeichert werden, wenn sie in der heiteren, entspannten Atmosphäre einer Comedy-Show konsumiert werden und nicht im Stress eines Krisen- und Katastrophen-Mix einer normalen News-Sendung.

Notorischer Negativ-Hysterismus

Das sagt viel über den in den Newsmedien weit verbreiteten Katastrophismus und notorischen Negativ-Hysterismus aus. Je mehr Negatives an den Haaren herbeigezogen wird und je mehr übertourig und tumb eindimensional  berichtet wird, desto weniger finden die Inhalte Eingang in die Erinnerungs-Sphären des Gehirns. Oder umgekehrt: Je relaxter und amüsierter man sich fühlt, desto eher werden Inhalte dauerhaft abgespeichert – und finden von dort ihren Weg ins Unterbewusste und in die Sphären der Reflexion.

Und damit ist die Aufgabenstellung einer zeitgemäßen Berichterstattung vorgezeichnet, will sie erfolgreich sein. Und dasselbe gilt für das Marketing der Zukunft. Es geht darum, seine Botschaften authentisch und positiv zu gestalten, vor allem dann aber sie in einem positiven, heiteren Umfeld zu lancieren. Das funktioniert nicht im sozial dysfunktionalen Umfeld eines TV-Nachmittags, nicht im negativen Umfeld von Sozial-Pornos, nicht in der Hektik von Action und Totschlag. Das funktioniert aber wunderbar im milde empathischen, leise ironischen Umfeld der Social Media. Das funktioniert prima in der konzentrierten Rezeption von Online-Media. Hier lässt sich das Marketing der Zukunft erfolgreich positiv gestalten: Positive Traumata, die tief in unserer Erinnerung abgespeichert sind und gerne abgerufen werden, müssen geweckt werden.

Disruption, Baby!


Moderner Revisionismus

Unser gesellschaftlicher Diskurs beharrt seit Monaten monomanisch auf solch Nebensächlichkeiten, welchen Bundespräsidenten wir loswerden und welchen wir haben wollen. Darüber hinaus wird nur eher widerwillig die Eurokrise abgehandelt. Ein politischer Diskurs dazu findet so gut wie nicht statt. Die Folge ist eine mentale Entwertung des Geldwertes in weiten Kreisen der Bevölkerung: Lasst uns das Geld ausgeben, bald ist es nichts mehr wert. Der Rest ist Schulternzucken. So wird der Weg in die Inflation perfekt planiert. Und die Macht der Spekulanten bleibt unangetastet.

Uns wird auf diese Weise vorgegaukelt, das Leben könnte so weiter gehen, wie es immer war. Mit solch naiv revisionistischem Optimismus wird erfolgreich verhindert, dass über wichtige Entwicklungen der Zukunft diskutiert wird. Die etablierte Politik tut einfach so, als würden es in den nächsten 20, 30, 50 Jahre einfach so weiter gehen wie gehabt. Dabei hat gerade die Politik von Angela Merkel in den letzten zwei, drei Jahren bewiesen, zu welchen Disruptionen unsere Welt heute fähig ist. (Bezeichnend, dass die Begriffe „Disruption“ und „disruptiv“ in der deutschen Version von Wikipedia bislang nicht vorkommen.)

Disruption ist kein Zuckerschlecken

Die abrupten politischen Kehrtwendungen von Angela Merkel in den letzten Monaten waren keine Zufälle. Sie waren auch kein Abschneiden von alten Zöpfen. Nein, sie waren die logische Konsequenz einer sich abrupt geänderten gesellschaftlichen Fakten- und Meinungslage. Die Atomwende war Fukushima geschuldet, richtig. Aber die Abschaffung der Wehrpflicht? Die logische Folge einer veränderten Sicherheitslage? Vor allem war sie der Einsicht der Militärs zu verdanken, dass man mit komplett unmotivierbaren Rekruten nur Ärger, Arbeit und hohe Kosten bei null Mehrwert einhandelt. Und der Mindestlohn? Es gab einfach in den Medien – und im Internet – zu viele und zu krasse Beispiele von Lohn-Ungerechtigkeit, von Lohn-Dumping und Mitarbeiterbashing, als dass man die heilige Kuh der freien Märkte nicht schleunigst vom Eis holen musste.

Solch abrupte, disruptive Entwicklungen werden künftig immer häufiger vorkommen. Jeder politische und gesellschaftliche Diskurs kann heute solch eine Wucht und solch eine Unerbittlichkeit entwickeln, dass man darauf als Politiker unausweichlich reagieren muss, egal was die Parteiprogramme dazu meinen. Eine Entwicklung, wie sie noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Christian Wulff hat das auf sehr brutale und persönlich bittere Art und Weise erleben müssen.

Der Machtkampf der Mediensphären

Wulff ist jenseits seiner eigenen Unzulänglichkeiten und seiner katastrophalen Pressepolitik auch das Opfer eines Machtkampfes der professionellen und „privaten“ Medien geworden, wie er gerade tobt. Ein Kampf der etablierten Medien mit den Meinungsmachern im Internet (alias Netzgemeinde oder Blogosphäre) um die Themen und die Deutungshoheit in unserer Gesellschaft. Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch eine Machtdemonstration der etablierten Medien, zu was sie (noch!!!) in der Lage sind. Motto: Wulff muss weg, egal warum, weil das auf unserer Agenda steht. Die etablierten Medien reagieren wie ein waidwundes Tier. Denn die Themen, mit denen sie sich beschäftigen müssen, werden ihnen mittlerweile meist vom Internet vorgegeben. Das Thema Wulff war noch ihre Erfindung, also musste es besonders erbarmungslos durchgezogen werden.

Diese Mischung aus spontaner Themenbestimmung durch das Internet und dessen Beschleunigungs- und Erhitzungskraft, gepaart mit der Hysterisierungs-Maschine der etablierten Medien und ihrer Bildgewalt, wird in Zukunft noch zu vielen knallharten gesellschaftlichen Disruptionen und politischen Kehrtwendungen führen. Denn die Fähigkeit, politische Themen zu setzen, ist der etablierten Politik längst entglitten. Die FDP könnte davon ein besonders garstiges Lied singen, wenn sie denn kapiert hätte, was da gerade mit ihr passiert. Sie ist zum parteipolitischen Pendant von Wulff geworden, zur Bashing-Figur, an der die pure Lust an politischer Degradierung ausgespielt wird. (Da sind sich Internet und die Massenmedien ausnahmsweise einmal einig.)

Opfer spontaner Disruptionen

Vor diesem Hintergrund, wie abrupt bei solch heiklen Themen wie Wehrpflicht, Atompolitik oder Europa Kehrtwendungen vollzogen wurden, amüsiert mich, mit welch Blauäugigkeit an all die anderen heiklen Themen unserer Gesellschaft herangegangen wird: unsere Zukunftssysteme etwa, vulgo Rente. Jeder, der eine Bevölkerungsstatistik und den aktuellen Schuldenstand zu lesen vermag, weiß, dass uns dieses Thema nur allzu bald um die Ohren fliegen wird. Oder die Bildungspolitik. Hier wird über PISA, über kürzere und dann wieder längere Schulzeiten debattiert, über eine Vereinheitlichung der Prüfungen und eine höhere Chancengleichheit. Es kommt einem vor, als seien die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wieder auferstanden.

Dabei muss es doch heute darum gehen, junge Menschen für eine Zukunft fit zu machen, die wir kaum erahnen können, von der wir aber wissen, dass sie grundlegend anders aussehen wird als die Gegenwart – oder die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie wird voller Disruptionen sein, immer wieder wird man sich völlig neu justieren müssen. Das ist nicht einfach. Gut wäre es, wenn man dazu vorbereitet wäre und dafür eine genügend große Palette an Fähigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung hätte.

In den USA hat der Marketiung-Guru Seth Godin daher eine Kampagne für ein besseres, zeitgemäßeres Schulsystem mit der Verbreitung eines Gratisbuches gestartet, in dem er fordert, mit der Faktenhuberei und Anpassungsritualen unseres heutigen Bildungssystems aufzuhören und eine (digitale!) Schule der Förderung von Talenten und des Unangepasstseins zu entwickeln. „Stop Stealing Dreams – What is School for?“ heißt sein Werk und ist in allen möglichen digitalen Formaten auf der Website des Domino Projektes (von Amazon gesponsort) herunterzuladen.

Die Illusion der Linearität

Bildung und Zukunftsversorgung sind nur zwei Themen, die sich ähnlich disruptiv zu entwickeln drohen wie Wehrdienst, Atomkraft oder Energiepolitik. Viele weitere Themen stehen ebenso an. Wir sind als Gesellschaft hochkomplex, Entwicklungen geschehen immer schneller und unerwartet. Entsprechend öfter wird es zu Krisen und Konflikten kommen. Jede davon wird unabsehbare mediale Reaktionen auslösen, die eine jeweils spezielle Eigendynamik haben. Vorhersagen von Kommunikations-Verläufen sind künftig so gut wie unmöglich. Lineare Prozesse finden nicht mehr statt. Nur die Politik tut noch so.

Die etablierten Medien spielen bei diesem Spiel mit. Sie geben der Parteienpolitik immer noch die gewünschte Plattform. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht als eine Art Selbsterhaltungs-Reflex. Denn disruptive Veränderungen, vor allem, wenn sie zur Regel werden, sind für die Massenmedien eine veritable Bedrohung. Das zeigt auch die seltsame Aggression, mit der die Verursacher von Disruptionen, speziell das Internet, bedacht werden. Disruptionen sind nur durch extrem schnelle und vor allem sozial vernetzte Kommunikation bewältigbar. Das kann die Blogosphäre so viel besser und schneller als die etablierte Presse. Mit gut gewähltem Twitter-Following und einem aufgeweckten Facebook-Freundeskreis erfährt man nicht nur News schneller, man bekommt sie auch in Blogkommentaren schneller kompetent bewertet und wichtige Hintergrundinformationen dazu.

Und in aller Bescheidenheit: Es gibt dort mehr erstklassige Köpfe und Federn. Autoren und Persönlichkeiten, denen Disruptionen keine Angst machen, weil sie sich nicht davon bedroht fühlen…