Ein Hauch von Zukunft


Did you have fun today?

Es gibt so Tage, da sitzt man am Abend im Arbeitssessel und staunt. Denn man hat rein zufällig einen Blick in eine Zukunft getan, die man so bisher nicht zu sehen oder zu denken gewagt hat. Ende 2010 ist mir so etwas passiert als ich Zoe in der U-Bahn in Berlin kennen gelernt habe und die Selbstverständlichkeit, mit der die Zweijährige ihren iPod bediente. Heute war es – nennen wir sie –  Martha, die mir in der Münchner S-Bahn gegenüber saß. Ein fröhliches, staunendes Kind, das mit ihrem Papa, hörbar ein Amerikaner, deutsch sprach, der antwortete Englisch. Und während der Zeit las sie in Kinderbüchern ihm vor, in hebräisch. Martha war noch keine vier Jahre alt.

Ich mag Väter nicht, die ihre Kinder schon so jung mit Lesen, Schreiben, Lernen triezen. Aber der Charme, die Unbekümmertheit, die Neugier und der Wissenseifer der Kleinen vertrieb so ziemlich alle Skepsis. Pappi fragte dann auch brav: „Did you have fun today, my dear?“ – Martha konnte nicht antworten, denn am Gleis gegenüber fuhr gerade ein Güterzug langsam nebenher, das war natürlich superinteressant. Aber Pappi ließ nicht locker: „Did you have your fun today? A little bit?“ – Martha hatte Mitleid mit ihrem besorgten Vater. Sie nahm ihn, so gut sie es mit ihren kleinen Ärmchen konnte, in den Arm, strich ihm über den Kopf und tröstete ihn: „Oh, Papa!“ Zweimal mit ganz langem Aaaa. Subtext: „Was fragst du denn für einen Quatsch!“

Digitales Sütterlin

Schnellvorlauf ins Jahr 2032. Wie soll ich mir Martha dann vorstellen? Oder Zoe? Sie sind garantiert menschliche Wesen mit all ihren Macken und Talenten. Sie sind keine Cyborgs. Aber wie soll ich mir ihr Denken dann vorstellen? Wie weit werden sie sich in diesen Jahren von unserer heutigen Normalität entfernt haben? Wie geduldig oder wie genervt werden sie reagieren, wenn etwa Digitalverweigerer oder Dys-Nostalgiker alten Zeiten nachtrauern. Als es noch Zeitungen, noch Fernsehen, noch Bücher gab. Oder wird es Menschen geben, die Windows oder Laptops nachtrauern? Welche Kluft wird sich da auftun? Dramatischer auf alle Fälle als wir sie je erlebten, als wir uns mühten, die Postkarten der Großmutter zu entziffern, die sie unbeirrt in Sütterlin-Schrift geschrieben hatte.

Als die ersten Home-Computer aufkamen, war einer meiner Freunde uns allen weit voraus. Er hatte einen Commodore, einen CBM oder PET. Eines dieser Geräte, das optisch irgendwo zwischen Star Trek-Kommandostand und Registrierkasse balanzierte. Es war eine wahre Kunst dieses Gerät zu bedienen. Der Monitor klein mit den ominösen grünen Grob-Pixel-Buchstaben – und natürlich haufenweise kryptische Kürzel und Kommandos, die es zu beherrschen galt. Immer wieder muckte das Gerät, wenn es drucken sollte, aber es machte schwer Eindruck auf mich vordigitalen Menschen, der bisher nur Lochkarten-Computer kennengelernt hatte.

Old-School-Internet

Die Pointe der Geschichte ist, dass dieser Freund zwischendurch fast komplett die Arbeit mit Computern aufgegeben hatte. Er fand Mäuse und vor allem Betriebssysteme, bei denen man ohne kryptische Kommandos auskam, schlicht blöd und unsexy. Erst sehr spät legte er sich dann einen PC zu und beharrte lange darauf, noch ein Betriebssystem zu haben, das man irgendwie noch mit Tastatur-Kommandos bedienen konnte. Entsprechend spät machte er seinen Frieden mit dem Internet – und nutzt es heute für Recherchen. Aber Liebe sieht anders aus.

Habe ich hier – schon sehr früh – eine Ahnung erleben dürfen, wie es uns in 20, 30 Jahren ergehen wird, auch wenn wir uns noch so mühen auf der Höhe der digitalen Zeit zu bleiben. Oder wird es gnädigerweise Old School-Nischen im Internet geben – das dann längst nicht mehr so heißt, weil dies ein Ausdruck einer längst vergangenen digitalen Zeit ist, die ähnliches Staunen und Stirnrunzeln erzeugt wie steinzeitliche Höhlenmalereien es heute tun? Und wie sehr nervt dann erst das Gejammer von aus der Zeit Gefallenen, dass früher alles so viel besser war. Das wir können doch schon heute nicht ab. Wie schlimm wird das erst einst in ferner Zukunft?

Eine Ahnung jenseits des Kapitalismus

Als ich Martha gegenüber saß, versuchte ich gerade einen Text auf meinem Kindle zu lesen, den ich mir aus dem Internet heruntergeladen hatte. [Ist der Name Kindle eigentlich Programm: der erste ernst zu nehmende eReader heißt ausgerechnet wie ein Kinderspielzeug? Heißt die kommende Gerätegeneration dann Teenle und Twenle? Egal.] Mich faszinierte Martha so sehr, dass ich in dem Text nicht so recht weiter kam. Als sie dann am Stadtrand mit Papa, den sie an der Hand nahm, ausstieg, kam ich endlich dazu den Text zu lesen, einen Artikel mit dem sperrigen Titel: „Crowdfunding is just the beginning of the horizontal funding of creativity“ von Ian MacKenzie. Ein Artikel im Umfeld der Idee von „OpenMoney„.

Der Artikel beschreibt sehr eindrucksvoll den Unterschied zwischen einem Projekt, das um Geld bettelt, weil es unterfinanziert ist und einem, das auf Crowdfunding setzt. Beim ersten hilft man aus, wird das aber nur begrenzt oft tun. Schnell ist man es leid, immer wieder aushelfen zu können. Alle Unterstützer der „taz“ wissen, wie schal sich das anfühlt, immer wieder retten zu dürfen. Crowdfunding ist anders. Hier ist man im Normalfall Teil des Projektes, bleibt auch nach einer Geldinvestition eingebunden, bekommt Updates, Erinnerungsstücke – vor allem aber ist man erlebbar ein Teil einer Fördercommunity, die eine Sache, die einem am Herzen liegt, fördert. Dieser evolutionäre Aspekt, dieses möglich Machen von etwas Unmöglichem, ist der besondere Effekt. Unmöglich ist es, weil es den gängigen kommerziellen Gesetzen widerspricht. Möglich wird es, weil es Menschen wichtig ist, ein schönes, hilfreiches, verrücktes, gutes, unkonventionelles oder kreatives Projekt Wirklichkeit werden zu lassen und so erlebbar Teil eines Schaffensprozesses zu sein.

Nicht-hierarchische Kultur

Ian MacKenzie nennt das ein Horizontales Funding, weil es quer über eine Community abseits aller Gewinn- oder Verlusterwartungen (vertikal!) Projekte finanziert. Aus ihr kann eine kreative Kultur entstehen, die nicht mehr nach hierarchischen Mustern verläuft wie bisher, wo der Staat, Institutionen, Medienhäuser oder auch Mäzene oder Sponsoren Kreativleistungen finanzierten. Immer von oben herab, immer hierarchisch, immer in klarer Machtverteilung: Ich oben, ich Macht, ich Geld. Du unten, du arm, du um Geld betteln.

Ein wunderschönes Bild: das möglich Machen jenseits aller hierarchischen Muster. Wer je ein Projekt bei Kickstarter aus purer Begeisterung für die Idee mitfinanziert hat, wer je wirklich selbstlos ein Projekt mit unbezahlter Arbeit gefördert hat, der hat die Befreiung aus der üblichen Hierarchie einer Finanzierung oder einer  Ideenverwirklichung leibhaft erlebt. Eine Manifestation von Freiheit der ganz besonderen Art. Im kleinen kann man das selbst jeden Tag üben, wenn man Straßenmusikern nicht Geld in den Gitarrenkasten wirft, weil sie betteln, sondern um mit seinem Euro eine Kulturleistung aktiv zu fördern. – Einfach mal ausprobieren.

Vor allem aber gibt solch eine Erfahrung eine winzig kleine Ahnung, wie viel Freiheit in einer Welt möglich sein könnte, in der möglichst viel horizontal finanziert wird, statt wie bisher vertikal, hierarchisch. Solche Erfahrungen lassen für einen Moment eine mögliche Welt erahnen, die entstehen könnte, wenn sich der – hierarchische, vertikale – Kapitalismus selbst ad absurdum führen würde, wie es zur Zeit den Anschein hat. Ist der Post-Kapitalismus dann etwa horizontal?

Und: Schaut so die Welt von Martha und Zoe aus?

Träume sind aus


Vergangenheit und Zukunft 

Mich haben als Jugendlicher vor allem zwei Dinge fasziniert.

  1. Die Vergangenheit in Form von Geschichte, Historie. Vor allem die Urgeschichte interessierte mich brennend: Wo kommen wir her? Wie entwickelten sich Kultur? Und wie entstanden die ersten Gesellschaften.
  2. Die Zukunft in der Form von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung: Jules Vernes und seine Nachfolger. Also Science Fiction nicht als Wolkenkuckucksheim à la Perry Rhodan, sondern wie sieht eine Gesellschaft mit ganz anderen technischen Bedingungen und sozialen Bedingungen aus. Also etwa im Sinn von Aldous Huxley, George Orwell oder Stanislaw Lem.

Kurios genug. Während Ende der 60er-Jahre die Gegenwart in Deutschland so selten spannend wie kaum sonst war, interessierte ich mich für die Zeit davor – und danach. Aus heutiger Sicht retour war das aber nicht so widersinnig wie das aussieht. Zum einen war ich zu jung um zur 68er-Generation zu gehören und noch viel zu sehr damit beschäftigt, meine Pubertät irgendwie in die Reihe zu bringen. – Zum anderen gelangte die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit kaum in die behütete, abgeschottete Welt der kleinbürgerlichen Reihenhaussiedlung im Münchner Vorort.

Sehnsucht nach Veränderung

Aber die Sehnsucht nach Veränderung, nach einer anderen als der betulich braven katholischen Welt, die war eben doch irgendwie spürbar, selbst in Berg am Laim im Münchner Osten. Das war zum einen der Pubertät und dem daraus resultierenden Unfrieden mit der Welt geschuldet. Aber vor allem war es der Mehltau der Verdrängung (3. Reich, Nazis), die Bräsigkeit der Wohlstandswelt und die Rigidität des damals herrschenden Werte- und Moralkanons, die nach Veränderung sehnen ließ.

So etabliert und systemkonform meine Schule, das Humanistische Wilhelmsgymnasium damals auch war. Es gab dort etliche Lehrer, die ohne jeden Verdacht, links zu sein, uns auf subtile Art halfen, jenseits der ausgetretenen Wege zu denken – und in denkbare andere Welten abzuschweifen. Unser Lateinlehrer etwa nahm uns, die wir uns damit abmühten, Altgriechisch zu lernen, das Versprechen ab, erst dann nach Griechenland zu reisen, wenn die Junta abgesetzt ist und wieder Demokratie herrscht. – Ich habe mich daran peinlichst gehalten.

Meine Stunde mit Nofretete

Vor allem aber haben wir bei ihm eine neue Sicht auf die Welt vermittelt bekommen, als er ein Jahr aushilfsweise bei uns Geschichte gab. Er fand es langweilig, uns ein weiteres Mal die Geschichte der Antike zu vermitteln. Er interpretierte den Lehrplan sehr eigenwillig, der die Zeit vom Ursprung der Menschheit bis zum Untergang des Römischen Reichs vorsah. Er lehrte uns ausgiebig die Frühgeschichte der Menschheit inklusive Anthropologie. Er lehrte uns ausgiebig die Kultur Mesopotamiens, die Wiege der Menschheit und der indogermanischen, sprich europäischen Kultur und die Kultur und Politik Ägyptens. Die Geschichte des alten Griechenlands feierte er in der vorletzten Stunde ab, die des Römischen Reichs in der letzten Stunde.

Auch hier nahm er uns ein Versprechen ab. Wenn wir in Berlin sind, müssten wir die Büste der Nofretete besuchen – und mindestens eine Stunde vor ihr verharren, um ihre Schönheit zu verstehen (und das in der Pubertät!) und die Geschichte hinter dieser Frau zu erahnen. Auch dieses Versprechen habe ich gehalten. Und es war eine der schönsten und Phantasie angereichertsten Stunden meines Lebens. Am Schluss begann sich Nofretete, also die Büste, gar zu bewegen  und mir zuzuflüstern.

Es gab an dem ehrwürdigen Gymnasium mehrere solcher anarchischen Lehrer. (Keine Sorge, auch genug andere.) Ihnen war es wichtiger, uns mit neuen, anderen Denkweisen zu irritieren, anstatt uns geistig stromlinienförmig  in die Welt zu schicken. So lasen wir im Englischunterricht nicht nur das obligatorische „Lord of the Flies“ von William Golding, sondern eben auch „1984“ von George Orwell und uns wurde auch „Brave New World“ von Aldous Huxley ans Herz gelegt. In Geschichte sahen wir dazu die Comic-Verfilmung von „Farm der Tiere“. Und im Religionsunterricht wurde das mit einer profunden Ausbildung in Philosophie und einer ideologiefreien Einführung in alle wichtigen Weltreligionen (auch den asiatischen) abgerundet.

Machbarkeit der Machbarkeit

Wir ahnten damals kaum, welches Glück wir so hatten. Wie viele Gedankenwelten uns nebenbei geöffnet wurden, während wir uns mit dem Pflichtstoff quälten, mit Grammatik, Formeln, Lernstoff, mit Schulaufgaben, Exen und Referaten. Wir wurden nicht zur Machbarheit der Machbarkeit getrimmt. Sondern wir durften Flausen haben, Phantasie und wirre Ideen. Das wurde subtil gefördert. Es wurden Ideale, Modelle, Utopien – und drohende Dystopien skizziert – und es wurde massiv Neugier geweckt. Auf das konkrete (Berufs-)Leben wurden wir so gut wie gar nicht vorbereitet. Aber wir hatten Träume, Hoffnungen und waghalsige Ideen. Genug für ein ganzes Leben. Das gab Kraft, Zuversicht und Lust auf ein Leben voller Ziele.

Eigentlich.

Aber wo sind wir heute? Irgendwie sind wir heute jenseits aller Träume von damals angekommen. Nicht dass sich alle Träume erfüllt hätten. Schlimmer: Wir haben mehr erreicht und mehr bekommen als wir zu träumen je hätten wagen können. Wir können überall alle Musik der Welt hören, Spotify macht’s möglich. Wir haben ein Wissensarchiv jederzeit gratis zur Hand – über Google, Wikipedia & Konsorten. Wir bauen Gebäude, die undenkbar waren. Wir reisen an Orte, deren Existenz in Erdkunde nie auch nur erwähnt wurde. Wir können mit Milliarden von Menschen problemlos kommunizieren. Wir verstehen unseren Körper und unseren Kosmos wie nie zuvor. Die Medizin erspart uns Krankheit, Schmerzen und Tod in unerahntem Ausmaß. Und wir haben so wenig Kriegstote und Morde wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Auch wenn uns unsere Medienwirklichkeit das Gegenteil zu vermitteln scheint. – Und diese Liste ließe sich beliebig erweitern. (Stoff dafür liefert beispielsweise Matt Ridley in seinem Buch „The Rational Optimist“ – HarperCollins, das leider in der deutschen Fassung den dämlichen Titel trägt: „Wenn Ideen Sex haben“ – DVA.)

Leben in der Hypertopie

Ein komisches Gefühl. Sozusagen die Schallmauer der Träume durchbrochen zu haben und jenseits aller Traum-Realitäten angekommen zu sein. Das irritiert. Das macht seltsam ziellos. Ja, es gibt nicht mal einen Begriff für so etwas. Wir leben nicht in einer Utopie, weil sie existiert. Ob die Wirklichkeit dystopisch empfunden wird, hängt von der psychischen Stabilität und mentalen Grundeinstellung des Einzelnen ab. Irgendwie sind wir in einer Hypertopie, einer Wirklichkeit vielerorts jenseits aller unserer Träume und Erwartungen. Auf alle Fälle was den technischen und kommunikativen Aspekt unseres Lebens betrifft.

Und wie geht es jetzt weiter? Sind uns jetzt die Träume ausgegangen? Aktuelle Untersuchungen bei Jugendlichen schüren diesen Verdacht. Noch keine Generation zuvor hatte so wenig Erwartungen an die Zukunft. Und wenn man sich mit dieser Generation auseinandersetzt und mit ihr intensiv spricht, ist wirklich ein frappierender Pragmatismus und Realitätssinn festzustellen. Wenig Flausen, bescheidene, machbare Träume. Irgendwie verständlich. Lieber nahe liegende Ziele setzen. Denn um selbst bei großen Zukunftsvisionen nicht von der sich unbeirrt beschleunigenden Wirklichkeit allzu schnell überholt zu werden, empfehlen sich lieber Ziele auf Zeit.

Ich habe mir von Piloten versichern lassen, nachdem man die Schallmauer durchbrochen hat, geht es mit dem Fliegen ganz normal weiter. Nur eben sehr viel schneller.

Wut auf Social Media


Das digitale Babyboomer-Syndrom

Wenn Menschen meiner Generation (50 +) Social Media ablehnen, ist das – bei ein bisschen gutem Willen – nachvollziehbar. Da addieren sich etliche Ursachen auf:

  • Ungeübtheit in Computerdingen
  • Unverständnis der digitalen Welt
  • Kompetenzdefizite gegenüber der jungen Generation – ja oft gegenüber den eigenen Kindern
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Lineares Denken
  • Hierarchiehöriges Unwohlsein gegenüber Netzwerken
  • Lern-Unlust
  • Komplettverplanung von individuell verfügbarer Zeit
  • etc.

Und ja, es gibt ja auch einige ernst zu nehmende Argumente. Die mediale und wirtschaftliche Übermacht von digitalen Giganten wie Facebook, Google, Apple oder der liebste Altfeind Microsoft. (Amazon wird da gerne vergessen…) Man muss bedenken, dass wir hier von einer Generation sprechen, die gegen Monopolisten, gegen einen Schnüffelstaat, gegen Repressalien – also Unfreiheiten – politisch und gesellschaftlich gekämpft hat. Der eine mehr, der andere weniger. Aber dieser Kampf ist so etwas wie der Erfolgs-Mythos dieser Generation, der Babyboomer.

Hass auf Facebook

Das alles macht eine Ablehnung von Social Media und speziell Facebook in Teilen erklärbar. Aber ich bin immer wieder erschrocken darüber, welch Intensität die Ablehnung annehmen kann, sie reicht bis hin zu glühendem Hass. (Das alles natürlich sorgsam als Vorsicht und/oder politische Sorgsamkeit inszeniert.)

Aber die Heftigkeit der Emotionen und die Wucht der Ablehnung machen dann doch nachdenklich. Da muss viel Angst mit im Spiel sein, anders ist solch Emotionalität nicht erklärbar. Wenn man hier aber ganz vorsichtig nachfragt, kommen als Erklärungen entweder wilde Modernitäts-Mythen oder ein schnippisches und den anderen für blöd verkaufenden „Ich weiß schließlich, wie gefährlich das ist!“. Was für Gefahren da sein mögen, bleibt dann undefiniert – das macht es so schön brisant geheimnisvoll.

Babyboomer für Babyboomer

Wirklich kurios sind die Mythen, die man als Erklärung für die Ablehnung jeder aktiven Teilnahme an Facebook & Co. zu hören bekommt: Fotos etwa könnten missbraucht werden, um dann per Photoshop („Da geht ja heute alles!“) in Pornos auf nackte Körper montiert zu werden. Und dann wird man damit erpresst – oder so… Gerne wird auch auf das Risiko verwiesen, durch private Informationen für Staat und Wirtschaft zum gläsernen Opfer von Willkürmaßnahmen von Finanzamt und Werbeindustrie zu werden. Und natürlich treibt die Sorge um, dass Kontoinformationen, Kreditkartennummern etc. ausspioniert werden.

Die zur Betroffenheitsindustrie verkommenen Medien, die mit Ängsten und Furcht so ungerührt ihr Geschäft macht, hat in dieser Generation ganze Arbeit geleistet. Sie berichten genau das, was diese hören bzw. lesen will. Kein Wunder, schließlich herrscht hier meist Generationssolidarität: Babyboomer schreiben für Babyboomer. Da weiß man, was ankommt.

Machtverlust durch Globalisierung

Aber auch das erklärt nicht wirklich den Hass auf Facebook, Google + (Streetview!), auf Twitter, Foursquare (ganz schlimm!) oder Instagram, also auf die ganze „Bagage“! Da muss es eine grundlegendere, eine existentiellere Ursache geben. Jenseits von Unsicherheit, Angst, ideologischer Vorbehalte – oder auch Neid auf die Optionen jüngerer Generationen.

Eine interessante Spur, die emotionale Social Media-Aversion zu verstehen, habe ich bei Zygmunt Baumann, in seinem erst 2007 geschriebenen Werk „Liquid Times“ gefunden. Der einst in Großbritannien (seiner Wahlheimat) und Warschau (seiner Heimat) lehrende Soziologe hat in seinem seltsam dystopischen Alterswerk sehr gut die Politik der Angst beschrieben, mit der die Politiker weltweit den Machtverlust wettzumachen versuchen, den ihnen die Globalisierung und die Machtverschiebungen durch das Internet zugunsten von Bürgern und Konsumenten gebracht haben.

Negative Globalisierung

Baumann geißelt diesen Trick der Politik, über das Schüren von Ängsten ihre Macht zu bewahren. – Welchen Beweis oder wenigstens Hauch von Evidenz gibt es etwa zu der Geschichte der Unterhosen-Bomben aus dem Jemen außer Verlautbarungen von Politik und Geheimdiensten? Und was ist mit den regelmäßigen wiederkehrenden Warnungen vor anstehenden terroristischen Anschlägen, die dann nicht geschehen? Ein Szenario von wahrlich Orwellscher Dimension.

Aber zugleich bedauert Baumann den Machtverlust der Politik und die Tatsache, dass sie ihr originäres Versprechen, für Gerechtigkeit, Ordnung und Struktur und somit für Sicherheit und Friede zu sorgen, nicht halten kann. Stattdessen tun die Politiker alles, damit ihre Bürger die Globalisierung als negativ empfinden müssen: sie deregulieren, sie bauen Bürger- und Freiheitsrechte ab, sie schwächen die Sicherheitsoptionen der Bürger.

Das Scheitern des Lebensprojektes

Vor allem aber diffamieren sie die Globalisierung zum Buhmann unserer modernen Gesellschaften, indem sie sie als Inbegriff des Fremden inszenieren. Sie tun das in der Personifizierung des Bösen und der Bedrohung unserer Sicherheit als afghanischer/orientalischer Terrorist und als Bedrohung unseres Wohlstands als illegaler Einwanderer aus den Armutsregionen dieser Welt.

Die Babyboomer erleben diesen Machtverlust der Politik und ihr programmatisches Scheitern oft auch als Scheitern ihres Weltbildes und ihres Lebensprojektes. Sie glaubten einst, durch eine (meist linke) Politik die Welt besser und gerechter machen zu können. Aber das Gegenteil ist passiert. Die von ihnen oft mühsam und langwierig durchgesetzten Freiheitsrechte werden im Handstreich kassiert. Ein Terroranschlag oder eine kleine Finanzkrise genügen.

Internet als Inbegriff negativer Globalisierung

Und wer ist schuld daran? Die Globalisierung! Und was ist das markanteste Symbol der Globalisierung? Das allumfassende, in jeder Beziehung keine Grenzen kennende Internet. Und wer repräsentiert dieses böse, negative Internet am signifikantesten? Die Datenkrake von Google natürlich. Aber besser noch die erfolgreichste Website aller Zeiten, die noch dazu das informelle Selbstbestimmungsrecht – aus Sicht der Babyboomer, die das einst erkämpft haben – so gnadenlos gründlich missinterpretiert: Facebook. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass deren Gründer so jung – und mindestens im Fall von Mark Zuckerberg – unbedarft und politisch völlig unbeleckt sind.

Die Vision der Babyboomer eines gerechten Staatssystems, das den Bürgern Sicherheit gibt, ist gescheitert. An ihre Stelle ist ein globales, inkonsistentes, undurchsichtiges Patchwork getreten, in dem kaum ein Minimalkonsens an Rechtsstaatlichkeit, an Bürger- und Freiheitsrechten und Schutz der Privatsphäre zu realisieren ist. Stattdessen schürt es in seiner Monstrosität und Unübersichtlichkeit alle möglichen diffusen Ängste. Es ist so die perfekte Projektionsfläche aller Ängste, allen Unmuts. Und an so etwas soll man sich mit 50 + Jahren (oder mehr) gewöhnen, mit so etwas soll man sich positiv arrangieren?

Die Banausen der Zukunft

Flexibilität heißt das Zauberwort, das von Netzapologeten, Digital-Apologeten, aber auch von Politikern eingefordert wird. Dazu noch einmal Zygmunt Baumann in „Liquid Times“: „Flexibilität ist das einzige Heilmittel, das von der Politik angeboten wird. Dabei wird doch damit nur noch mehr Unsicherheit propagiert, noch mehr Privatisierung aller Unzumutbarkeiten, noch mehr Ohnmacht und Einsamkeit.“

Ich gebe zu, auch ich habe Flexibilität immer viel zu schnell als Lösungsansatz zur Hand. Für mich klingt das stets positiv. Befürchten aber Menschen, mit Veränderungen Wichtiges zu verlieren – Wohlstand, Sicherheit, Privilegien, Lebenslügen –, kann die Idee von Flexibilität sehr kontraproduktiv wirken. Dann entwickelt sie eine „Bedrohlichkeit“. Und das scheint veritable negative Emotion bis hin zum Hass wecken zu können…

Schade. Denn Veränderungen nehmen nicht nur, sie geben auch. Vor allem öffnen sie Freiräume. Schade, wenn einem diese Sichtweise und die Freude darüber (im Alter) abhandengekommen ist. Veränderung ist immer auch Risiko. Gott sei Dank ist das so. Ohne Risiko gäbe es uns und unser Leben nicht, denn es ist das Treibmittel (Triebmittel?) der Evolution… Alvin Toffler, Schriftsteller und Futurologe, hat die Konsequenz daraus in seinem Aufsatz „Rethinking the Future“ (1998) so formuliert: „Die Banausen (Illiterates) des 21. Jahrhunderts sind nicht die, die nicht lesen können, sondern die, die nicht lernen, entlernen und wieder neu lernen können.“ – Oder die es nicht wollen…

Das Ende der Homepage


Visitenkarten-Fetischismus

Es gibt Firmen, die legen sehr großen Wert auf ihre Visitenkarten. Sehr, sehr großen Wert. Dafür werden gerne seltsam aufwändige Rituale getrieben. Welcher Mitarbeiter bekommt welches Design? Marke und Konzern werden sorgsam in der Logogestaltung getrennt. Und am wichtigsten ist natürlich, welchen Titel bekommt der jeweilige Mitarbeiter? Da wird auch keine Rücksicht darauf genommen, ob der Titel nicht etwa beim Kunden, wo die Visitenkarte (nomen est omen!) ja letztlich ankommen soll, eher abschreckt als Eindruck macht. Visitenkarten sind nach der Höhe des Honorars der zweite große Fetisch einer (konventionellen) Karriere.

Ein ähnliches Schicksal erahne ich für die klassische Website, die Firmen heutzutage ins Web stellen. Nachdem heute auch der letzte Firmenchef oder Manager kapiert hat, dass ein Unternehmen im Internet stattfinden muss, will es überhaupt wahrgenommen – und respektiert – werden, wird etliche Mühe in die Gestaltung von „Homepages“ von Firmen gesteckt. Dabei wird oft gar nicht mal wenig Geld in die Hand genommen. Zum einen, weil noch zu oft der Irrtum vorherrscht, je aufwändiger ein Relaunch ist, desto länger brauche man nichts mehr an der Website zu tun. Zum anderen, weil man die Website als eine Art elektronische Visitenkarte der Firma (miss-)versteht (siehe oben).

Interaktion und Kommunikation

Das zentrale Problem der meisten Firmen-Websites ist, dass nicht wirklich verstanden wird, dass das Internet eine Kommunikations- und Interaktionsplattform ist. Und Firmen, die ihre Produkte nicht online verkaufen, realisieren oft nicht, dass sie beginnen müssen, auch ohne ein Shopangebot, aktiv zu kommunizieren und zu interagieren, wollen sie in Zukunft noch wahrgenommen werden. Und das in einer Weise, die von ihnen bestimmt ist und nicht von außen via Social Media etc. Es mag stimmen, dass bei einem Blick von oben auf das Gewimmel eines belebten Platzes derjenige, der starr und stumm verharrt, relativ bald auffällt. Aber nur weil man sich Gedanken macht, ob er nichts Besseres zu tun hat oder ob er etwas im Schilde führt.

Wer aber interagiert und lebhaft (und bitte authentisch) kommunizieren will, wird meist schnell feststellen, dass die klassische Homepage dazu oft zu sperrig, zu langsam (egal welches CMS genutzt wird) und zu wenig effektiv ist. Und je mehr die Website visitenkarten-mäßig angelegt sind, um so mehr. Denn Interaktion und Kommunikation machen schnell die schönste Website (optisch) kaputt, weil sie so aufdringlich und unruhig ist. Aber beides macht sie lebendig – so wie die vielen Menschen auf dem oben beschriebenen belebten Platz, die herumwuseln, die gestikulierend miteinander reden oder irgendetwas zum Besten geben.

Die mobile Evolution

Diese Menschen, die da auf Plätzen stehen, in Zügen fahren, auf Flugplätzen warten – oder in Meetings sitzen, sie alle sind heute längst kontunuierlich online. Das Smartphone ist stets angeschaltet – und wird unablässig genutzt, es versorgt unaufhörlich mit Online-Informationen. Vorrangig über Apps, nur ganz selten über (mobile) Homepages. Wie Hubertus von Lobenstein gerade in seinem Blogpost „Die letzten Tage des Internets“ ausführte, verbringen heute Menschen im Schnitt mehr Zeit mit mobilen Apps als im Internet. Über die Hälfte aller „Computer“, sind heute mobile Geräte (Smartphones, Tablets & Co.). Und das Verhältnis ändert sich rapide: Die Zahl mobiler Endgeräte wächst doppelt so schnell wie die der PCs.

Oder anders herum betrachtet. Mehr als die Hälfte des Traffics einer normal vernetzten Website kommt heute nicht mehr über die Homepage, sondern über die verschiedensten anderen Kanäle wie Google, Facebook, Twitter, über mobile Zugriffe und natürlich (Online-)Marketingmaßnahmen. Auf High-Traffic-Sites sind es manchmal nur mehr ca. 30 Prozent der Zugriffe, die die Homepage anlaufen (Pareto rules!). Die große Überzahl der User steuern die Inhalte direkt an und strafen die Homepage konsequent mit Nichtbeachtung.

Big Data Web

Und das ist erst der Anfang. Absehbar ist längst eine Entwicklung, die statische und „schicke“ Websites, wie sie heute üblich sind, vollkommen obsolet machen wird. Absehbar ist, dass Rechnerkraft  sich weiter alle 15 Monate verdoppeln wird (Moores Law). Und das heute auf  sehr hohem Niveau. Zugleich werden die Bandbreiten weiter wachsen, jährlich um ca. 50 Prozent (Nielsen’s Law). Und die Netzwerk-Effekte explodieren zugleich in bisher noch nie gekannter Weise (Metcalfe’s Law, Reed’s Law). Noch nie kannte die Menschheit jenseits biologischer Systeme Netzwerke von über einer Milliarde Teilhabern. (Diese Zahl wird Facebook wohl dieses Jahr erreichen.) Und von ihnen werden Datenmengen in ungeheuren Größen produziert.

In solch einer voll-digitalen Welt mit monströsen Rechnerleistungen, völlig neuen Potentialen für Algorithmen und Softwarelösungen, mit einer nie gekannten Vernetzungsgeschwindigkeit und Teilnehmer-Milliarden und Yottabytes an Datenmassen (Big Data) sind Homepages, wie wir sie heute kennen, kuriose Anachronismen. Sie wirken wie versprengte Papierschnitzel (zerrissener Visitenkarten) in einem pulsierenden digitalen Kosmos. Sie erinnern an alte, verwitterte Wegweiser in einer voll vernetzten, GPS-navigierten, komplett digital erfassten Welt.

Intelligentes Web-Environment

Mal ganz ehrlich, eine Homepage, vor allem in ihrem Visitenkarten-Appeal, ist eine Institution aus einer vergangenen Ära.  Dahinter steckt noch das hierarchische Denken von Firmen, die davon ausgehen, dass ihre Kunden gefälligst zu ihnen zu kommen haben. Sie halten Informationen für Menschen bereit, die müssen sich dafür aber gefälligst herbei bemühen. Kommunikation und Interaktion auf Augenhöhe ist das nicht. Die Frage ist, ob in der oben beschriebenen 360°-Digitalität der Zukunft die Augenhöhe noch das gültige Paradigma ist – oder sich zumindest im Internet und den dort vorhandenen Informations-Yottas die Machtverhältnisse zuungunsten der Anbieter, sprich Firmen und Unternehmen verschieben.

Sie müssen in Zukunft alles tun, um es den Usern so leicht und convenient wie möglich zu machen, an Informationen, Angebote und Interaktions-Optionen zu kommen. Da reicht eine passive, schicke, aber tumbe Homepage sicher nicht. Stattdessen sollte ein hochintelligentes Web-Environment jenseits des heute aufkommenden responsive Webdesigns geschaffen werden, das im optimalen Fall – und bei Einwilligung des Users – weiß, wer der User ist, welches Gerät er gerade nutzt, wo er ist (location based services) und was er vermutlich gerade will oder benötigt. Dazu sind viel Wissen über den User nötig und dafür viel sensible soziale Kommunikation und kluge Algorithmen, die die Daten zu deuten wissen.

Dazu müssten CMS-Systeme entwickelt werden, die so etwas leisten können. Dazu muss alles Wissen, müssen alle Datenbanken eines Unternehmens wirklich konsolidiert und intelligent verknüpft werden. Und man müsste wissen, womit man seine Kunden begeistern könnte. Dazu braucht es mehr (digitales) Wissen, mehr Know how, mehr Strategie und mehr Entschlusskraft als für eine Gestaltung einer Pixel-Visitenkarte. Die Alternative dazu wäre, sich als Unternehmen künftig völlig in die Hand der großen Internet-Plattformen zu begeben, die längst konkret an solch einer Zukunft jenseits von Homepages arbeiten: Google, Amazon, Apple, Facebook – und eventuell noch Microsoft.

Disruption, Baby!


Moderner Revisionismus

Unser gesellschaftlicher Diskurs beharrt seit Monaten monomanisch auf solch Nebensächlichkeiten, welchen Bundespräsidenten wir loswerden und welchen wir haben wollen. Darüber hinaus wird nur eher widerwillig die Eurokrise abgehandelt. Ein politischer Diskurs dazu findet so gut wie nicht statt. Die Folge ist eine mentale Entwertung des Geldwertes in weiten Kreisen der Bevölkerung: Lasst uns das Geld ausgeben, bald ist es nichts mehr wert. Der Rest ist Schulternzucken. So wird der Weg in die Inflation perfekt planiert. Und die Macht der Spekulanten bleibt unangetastet.

Uns wird auf diese Weise vorgegaukelt, das Leben könnte so weiter gehen, wie es immer war. Mit solch naiv revisionistischem Optimismus wird erfolgreich verhindert, dass über wichtige Entwicklungen der Zukunft diskutiert wird. Die etablierte Politik tut einfach so, als würden es in den nächsten 20, 30, 50 Jahre einfach so weiter gehen wie gehabt. Dabei hat gerade die Politik von Angela Merkel in den letzten zwei, drei Jahren bewiesen, zu welchen Disruptionen unsere Welt heute fähig ist. (Bezeichnend, dass die Begriffe „Disruption“ und „disruptiv“ in der deutschen Version von Wikipedia bislang nicht vorkommen.)

Disruption ist kein Zuckerschlecken

Die abrupten politischen Kehrtwendungen von Angela Merkel in den letzten Monaten waren keine Zufälle. Sie waren auch kein Abschneiden von alten Zöpfen. Nein, sie waren die logische Konsequenz einer sich abrupt geänderten gesellschaftlichen Fakten- und Meinungslage. Die Atomwende war Fukushima geschuldet, richtig. Aber die Abschaffung der Wehrpflicht? Die logische Folge einer veränderten Sicherheitslage? Vor allem war sie der Einsicht der Militärs zu verdanken, dass man mit komplett unmotivierbaren Rekruten nur Ärger, Arbeit und hohe Kosten bei null Mehrwert einhandelt. Und der Mindestlohn? Es gab einfach in den Medien – und im Internet – zu viele und zu krasse Beispiele von Lohn-Ungerechtigkeit, von Lohn-Dumping und Mitarbeiterbashing, als dass man die heilige Kuh der freien Märkte nicht schleunigst vom Eis holen musste.

Solch abrupte, disruptive Entwicklungen werden künftig immer häufiger vorkommen. Jeder politische und gesellschaftliche Diskurs kann heute solch eine Wucht und solch eine Unerbittlichkeit entwickeln, dass man darauf als Politiker unausweichlich reagieren muss, egal was die Parteiprogramme dazu meinen. Eine Entwicklung, wie sie noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Christian Wulff hat das auf sehr brutale und persönlich bittere Art und Weise erleben müssen.

Der Machtkampf der Mediensphären

Wulff ist jenseits seiner eigenen Unzulänglichkeiten und seiner katastrophalen Pressepolitik auch das Opfer eines Machtkampfes der professionellen und „privaten“ Medien geworden, wie er gerade tobt. Ein Kampf der etablierten Medien mit den Meinungsmachern im Internet (alias Netzgemeinde oder Blogosphäre) um die Themen und die Deutungshoheit in unserer Gesellschaft. Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch eine Machtdemonstration der etablierten Medien, zu was sie (noch!!!) in der Lage sind. Motto: Wulff muss weg, egal warum, weil das auf unserer Agenda steht. Die etablierten Medien reagieren wie ein waidwundes Tier. Denn die Themen, mit denen sie sich beschäftigen müssen, werden ihnen mittlerweile meist vom Internet vorgegeben. Das Thema Wulff war noch ihre Erfindung, also musste es besonders erbarmungslos durchgezogen werden.

Diese Mischung aus spontaner Themenbestimmung durch das Internet und dessen Beschleunigungs- und Erhitzungskraft, gepaart mit der Hysterisierungs-Maschine der etablierten Medien und ihrer Bildgewalt, wird in Zukunft noch zu vielen knallharten gesellschaftlichen Disruptionen und politischen Kehrtwendungen führen. Denn die Fähigkeit, politische Themen zu setzen, ist der etablierten Politik längst entglitten. Die FDP könnte davon ein besonders garstiges Lied singen, wenn sie denn kapiert hätte, was da gerade mit ihr passiert. Sie ist zum parteipolitischen Pendant von Wulff geworden, zur Bashing-Figur, an der die pure Lust an politischer Degradierung ausgespielt wird. (Da sind sich Internet und die Massenmedien ausnahmsweise einmal einig.)

Opfer spontaner Disruptionen

Vor diesem Hintergrund, wie abrupt bei solch heiklen Themen wie Wehrpflicht, Atompolitik oder Europa Kehrtwendungen vollzogen wurden, amüsiert mich, mit welch Blauäugigkeit an all die anderen heiklen Themen unserer Gesellschaft herangegangen wird: unsere Zukunftssysteme etwa, vulgo Rente. Jeder, der eine Bevölkerungsstatistik und den aktuellen Schuldenstand zu lesen vermag, weiß, dass uns dieses Thema nur allzu bald um die Ohren fliegen wird. Oder die Bildungspolitik. Hier wird über PISA, über kürzere und dann wieder längere Schulzeiten debattiert, über eine Vereinheitlichung der Prüfungen und eine höhere Chancengleichheit. Es kommt einem vor, als seien die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wieder auferstanden.

Dabei muss es doch heute darum gehen, junge Menschen für eine Zukunft fit zu machen, die wir kaum erahnen können, von der wir aber wissen, dass sie grundlegend anders aussehen wird als die Gegenwart – oder die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie wird voller Disruptionen sein, immer wieder wird man sich völlig neu justieren müssen. Das ist nicht einfach. Gut wäre es, wenn man dazu vorbereitet wäre und dafür eine genügend große Palette an Fähigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung hätte.

In den USA hat der Marketiung-Guru Seth Godin daher eine Kampagne für ein besseres, zeitgemäßeres Schulsystem mit der Verbreitung eines Gratisbuches gestartet, in dem er fordert, mit der Faktenhuberei und Anpassungsritualen unseres heutigen Bildungssystems aufzuhören und eine (digitale!) Schule der Förderung von Talenten und des Unangepasstseins zu entwickeln. „Stop Stealing Dreams – What is School for?“ heißt sein Werk und ist in allen möglichen digitalen Formaten auf der Website des Domino Projektes (von Amazon gesponsort) herunterzuladen.

Die Illusion der Linearität

Bildung und Zukunftsversorgung sind nur zwei Themen, die sich ähnlich disruptiv zu entwickeln drohen wie Wehrdienst, Atomkraft oder Energiepolitik. Viele weitere Themen stehen ebenso an. Wir sind als Gesellschaft hochkomplex, Entwicklungen geschehen immer schneller und unerwartet. Entsprechend öfter wird es zu Krisen und Konflikten kommen. Jede davon wird unabsehbare mediale Reaktionen auslösen, die eine jeweils spezielle Eigendynamik haben. Vorhersagen von Kommunikations-Verläufen sind künftig so gut wie unmöglich. Lineare Prozesse finden nicht mehr statt. Nur die Politik tut noch so.

Die etablierten Medien spielen bei diesem Spiel mit. Sie geben der Parteienpolitik immer noch die gewünschte Plattform. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht als eine Art Selbsterhaltungs-Reflex. Denn disruptive Veränderungen, vor allem, wenn sie zur Regel werden, sind für die Massenmedien eine veritable Bedrohung. Das zeigt auch die seltsame Aggression, mit der die Verursacher von Disruptionen, speziell das Internet, bedacht werden. Disruptionen sind nur durch extrem schnelle und vor allem sozial vernetzte Kommunikation bewältigbar. Das kann die Blogosphäre so viel besser und schneller als die etablierte Presse. Mit gut gewähltem Twitter-Following und einem aufgeweckten Facebook-Freundeskreis erfährt man nicht nur News schneller, man bekommt sie auch in Blogkommentaren schneller kompetent bewertet und wichtige Hintergrundinformationen dazu.

Und in aller Bescheidenheit: Es gibt dort mehr erstklassige Köpfe und Federn. Autoren und Persönlichkeiten, denen Disruptionen keine Angst machen, weil sie sich nicht davon bedroht fühlen…

Meins! – Meins! – Meins!


Ende der Besitzstands-Kakophonie!

Die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht erinnert mich an die köstlichen Filmszene in „Findet Nemo“, in dem die gierigen Möwen um den auf dem Pier gestrandeten Nemo sich in eine Beanspruchungs-Kakophonie hineinsteigern: „Meins!“ – „Meins!“ – „Meins!“ … Genauso beharren Rechteinhaber heute darauf, dass alle Inhalte ihnen gehören: „Meins!“ Auf der anderen Seite die Gratis-Medien-Apologeten, die alles für lau haben wollen: „Meins!“

Eine grundlegende Diskussion zum Thema Urheberrecht, oder genauer gesagt zu den Nutzungsrechten ist längst überfällig. Für die Vergütung von geistigem Eigentum muss genauso dringend und zügig ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden wie zum Thema Privatsphäre. Beides sind Themen, die in der digitalen Welt und der Welt der Zukunft besonders essentiell sein werden, weil sie eine zentrale Rolle im Wirtschaftgefüge einer kommenden Netzwerk- und Innovationsgesellschaft spielen werden. Um so wichtiger ist es, dass die Diskussion aus dem Reklamierungs-Geschnatter („Meins!“) befreit und wirklich zukunftsperspektivisch diskutiert wird, anstatt Vergangenheitsrecht für die Zukunft zu zementieren, wie das ACTA will.

Blüte der virtuellen Produktion

Einen sinnvollen ersten Schritt zur Klärung der Debatte hat Max Winde in seinem Blog 343max geliefert. Er definiert, ganz ohne jede Parteinahme für oder gegen Content-Eigner, wie denn ein Interessenausgleich idealerweise aussehen könnte. Leider – oder besser: verständlicherweise – liefert er keine Lösung, wie eine angemessene Bezahlung von Werken geistigen Eigentums aussehen könnte, wie hoch sie sein müsste/könnte und was die Nutzer dieser Werke möglicherweise zahlen würden – und wie? Das sind die zentralen Fragen und – leider – dafür gibt es dafür (noch) keine wirklich innovative, keine kreative Lösung. Vielleicht auch nicht, weil die wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Ideen-Industrie und die Jäger der Urheber-Schätze der Zukunft arbeiten werden müssen, noch kaum angedacht sind. Aber das wäre einen Versuch wert:

Max Winde hat in seinem Beitrag schon einen guten Hinweis auf die künftige Wichtigkeit von ideeller Produktion geliefert. Zitat: „Urheber sollten nicht schlechter gestellt werden als Produzenten von physischen Produkten. Vielleicht sogar besser: Wenn jemand ein physisches Produkt herstellt, dann vernichtet er dabei der Allgemeinheit gehörende Ressourcen. Diese Vernichtung von Ressourcen können wir vermutlich nur bremsen, wenn wir die Produktion von ,virtuellen‘ Produkten ähnlich lukrativ machen wie die Produktion von physischen Gütern.“ Richtig, die Produktion im virtuellen Raum wird in Zukunft immens wichtig werden. Es ist leicht, sich über Farmville & Co. lustig zu machen, aber das sind frühe, embryonale Vorboten einer Zukunftsindustrie der Virtualität.

Dysfunktionalität durch Rechtestreit

Fakt ist, dass unsere Welt noch nie so viele Menschen beherbergen und ernähren musste wie heute. Und noch nie auf einem so hohen globalen Wohlstands-Niveau wie heute. Wir werden als Folge davon künftig unglaublich viele Krisen, Irritationen, Hysterien und Konflikte erleben – das ist in solch einem hochentwickelten, nervösen, komplexen Systemen unausweichlich. (Mit Griechenland & Co. üben wir das gerade auf Sandkasten-Niveau!) Aber das ist in und mit einer Network-Gesellschaft lös- und bewältigbar, weil man so innerhalb kürzester Zeit Ideen und Lösungen finden – und umsetzen kann.

Das geht aber nur, wenn solch eine Ideen-Produktion in der Lage ist, ungehemmt und schnell zu operieren. Da darf keine Abmahn-Industriemit mit irrwitzigen Forderungen Knüppel dazwischen werfen. Die Kriege zwischen den Eignern von Smartphone-Patenten wie Apple, Google, Samsung, Nokia, Microsoft & Co. geben da nur einen ersten Vorgeschmack, wie ein überkommenes Rechtesystem droht, eine Branche – und eine Innovations-Sparte – dysfunktional werden zu lassen. (Meins! – Meins! – Meins!) Es ist hier gut zu erahnen, dass man in dieser vernetzten, globalen, innovationsbeschleunigenden Welt mit Besitzstandsdenken nicht mehr weit kommt und das Sharing-Prinzip funktionaler ist. (Sicher auch gegen entsprechendes Entgelt.)

Die Ideenlieferanten funktionieren

Allzu große Sorgen, dass uns in Krisensituationen die Ideen und Lösungen ausgehen, brauchen wir uns nicht zu machen. Denn die große Mehrheit der globalen Internet-Gemeinde ist von ACTA und sonstigem Urheberrechts-Klüngel nicht betroffen: China, Russland, Indien, ja fast das komplette Asien und Afrika und Südamerika machen bei ACTA nicht mit. (Die Schweiz und Norwegen auch nicht!) Hier werden daher die Ideen-Schmieden der Zukunft  entstehen, die schnell, pragmatisch und nötigenfalls rücksichtslos handeln werden. Schon heute ist die Mehrzahl der Websites und der Web-Inhalte asiatisch…

ACTA Unterzeichner

Fragt sich, ob wir uns hierzulande freiwillig der eigenen Dysfunktionalität ergeben wollen oder ob wir aktiv im Ideen-Wettbewerb mitmachen wollen. Genug einzubringen hätten Europa (West), Amerika (Nord) plus Anhang. Wir haben das Erfinden erfunden. Wir waren über Jahrhunderte die Innovatoren der Welt, im Guten wie im Schlechten. In uns müssten noch reichlich die Meme des Erfindergeistes vorrätig sein. Es wäre fatal, wenn statt ihrer die Häme der Ideen-Verwertungs-Industrie obsiegt.

Längere Fristen in einer beschleunigenden Welt

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Disney in der Sucht, sein Film und Figuren-Repertoire länger monetarisieren zu können, die Laufzeiten von Urheber- und Nutzungsrechten auf 70 Jahre verlängert hat. Das gab es nie zuvor. Und wir in Europa machen da brav mit. Und jetzt sind die Schutzzeiten so lang, dass sie wirkungsvoll zur Dysfunktionalität einer Ideen-Industrie beitragen.

In Zukunft, wenn es immer schneller immer mehr Ideen geben wird (s. o.), dann haben sie automatisch eine kürzere Laufzeit. Es ist also widersinnig, ihnen eine längere Rechte-Geltungsdauer zu geben. Wie will ein Rechteinhaber einer davorliegenden Idee gegen die darauf aufbauende seine Rechte einklagen, wenn die Welt- und Wirtschaftsgeschichte längst schon etliche Kapitel weiter ist?

Das Ende des Fortunismus

Die Vorstellung, dass Ideen eine Ewigkeit gelten und entgolten werden müssen, ist wohl auch der Angst geschuldet, nur eine begrenzte Zahl von Ideen haben zu können. Solche Ängste führten dazu, dass man Ideen ausgiebig verwerten wollte. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet die Film- und Musikbranche so sehr für ACTA kämpft. Zwei Industrien, in denen man Glück haben musste, um sein „Glück zu machen“. Ein Hit, und man war reich. Aber die Mehrzahl der Songs waren Flops. „Fortunismus“ nennt Peter Sloterdijk diese Art von kulturell sanktioniertem Glücksspiel.

Die Vorstellung, nur eine begrenzte Zahl an geistigen Werken in einem Leben schaffen zu können und davon umfangreich zehren zu müssen, ist mit einem Blick in die Zukunft absurd. Früher, zugegeben, waren erfolgreiche Ideen Mangelware, weil es schwierig war, dafür das nötige Publikum zu bekommen. Diese Wirtschaft der Verknappung ist seit dem Internet und seinen unendlichen Optionen der Wahrnehmung vorbei. Die Angst, Ideen könnten nur begrenzt vorhanden sein, ist in einer Netzwerk-Gesellschaft absurd, denn sie können hier so viel leichter und schneller entstehen. Und damit hat der Fortunismus ausgedient. Es reicht nun nicht mehr, eine oder wenige gute Ideen oder Werke zu schaffen. Jetzt muss man kontinuierlich, ein (langes!) Leben lang neue Ideen, Werke und Projekte entwickeln. (Ganz wie im richtigen Leben…)

Der Anfang von etwas radikal Neuem

Natürlich müssen gute, wichtige Ideen entlohnt werden, keine Frage. Je besser sie sind, mit um so mehr Geld. Und wenn es viel Arbeit, Planung und Investition gebraucht hat, um etwa eine Software zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, umso mehr. Trotzdem wäre es falsch und (zukunfts-)wirtschaftlich unvernünftig, auch hier zu lange Nutzungsfristen zu gewähren. Denn gute Ideen müssen sich verbreiten, und das schnell – und sie müssen weiterentwickelt werden. Die logische Folge: Schluss mit dem bisherigen Anspruchs-Denken! Her mit radikal neuen Ideen!

Mein Freund Helmut Müller, selbst Produzent hochspezialisierter Software, schreibt in einer Replik auf meine Facebook-Empfehlung des Blogs von Max Winde richtig: „Wir können alle miteinander die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf unser ökonomisches, kulturelles und soziales System noch gar nicht abschätzen, wir sehen schemenhaft den Anfang von etwas radikal Neuem. Die Diskussion um das Urheberrecht lässt uns das erahnen, denn sie wird sich ergebnislos im Kreis drehen.“ – Der Anfang von etwas radikal Neuem, kann das nicht so aussehen? Eine Innovations-Gesellschaft mit einer ungeheuren Dynamik, die man lustvoll genießen kann. Und in der wundervolle Ideen (aber auch doofe) entstehen werden, en masse.

Aber wer wie und wie viel Geld damit verdient und wer wem wie viel Geld zahlt, das bleibt zu klären. Diesen Konflikt zwischen freier Verfügbarkeit von Ideen und angemessenem, unbürokratischem Entgelt zu lösen ist jetzt die große Aufgabe für unsere digitale Netzwerkgesellschaft. Aber eine Idee dafür ist nur zu finden, wenn man von den alten Zöpfen der Kreativ-Kultur und der Kreativ-Verwertung und von seinen Limitationen und Ängsten Abschied nimmt. Schluss mit „Meins! – Meins! – Meins!“

P.S.; Ein erster guter Ansatz eines zeitgemäßen Urheberrechts hat Marcel Weiß im ZDF Hyperland formuliert: Kürzere Schutzfristen, keine automatische Verlängerung, Opt-In statt Automatik, Erlaubnis der privaten Nutzung…

P.P.S.: Und hier bei neunetz.com eine sehr schlüssige Argumentation, warum es „geistiges Eigentum“ nicht geben kann – und nicht geben soll.

Schluss mit Evolution


Die Plattform des Neuen

David Weinberger, Internetanalyst und Harvard-Professor („Everything is Miscellaneous“), behauptet bei der Promotion seines neuen Buches „Too Big To Know“, wir hätten heute mit dem Internet ein Medium, das so umfassend wie unsere Neugier ist. Korrigiert um den Irrtum, dass das Internet kein Medium ist, stimmt der Satz so: „Wir haben endlich eine Plattform, die so unendlich ist wie unser Bedürfnis nach Neuem.“ Und Weinberger weiter: „Wir brauchen die Neugier mehr als alles andere, wenn wir unsere Welt verstehen wollen.“ Genauer gesagt: Wir brauchen sie, um uns weiter entwickeln zu können, um weiter zu kommen, wenn wir die Welt dabei auch besser zu verstehen lernen, dann ist das ein willkommener Kollateraleffekt. Denn das Olli Kahn-Paradigma ist tatsächlich unsere Bestimmung: Immer weiter – immer weiter!

Wir sind eine von der Evolution erzeugte und geprägte Spezies, die auf dieser Welt als Erste Sprache, Reflexion und Schrift entwickelt hat und schließlich sogar verstanden zu haben glaubt, dass es so etwas wie eine Evolution gibt. Wir sind eine Spezies, die sogar locker das Paradox aushält, Wesen wie die Kreationisten zu entwickeln, die die Evolution leugnen. Und sogar diese treiben damit die Evolution weiter voran.

Die Evolution ist blind

Denn die Evolution, zumindest soweit wir sie als Menschen verstehen, wird durch jeden Prozess, in dem nach Neuem gesucht wird, nach Erkenntnis, nach Wissen, weitergebracht. Egal ob dadurch etwas Neues entdeckt wird, ob dadurch nur neue Fragen entstehen oder zumindest ein Denkansatz wirderlegt wird, alles zahlt auf die Evolution ein. Unweigerlich.

Brian Cox, der junge und charismatische Astrophysiker, stellt diesen Effekt in seinem Vortrag 2010 auf der TED-Konferenz in London „Why we need the explorers“ exemplarisch dar. Selbst die abgefahrenste Grundlagenforschung kann letztendlich einen großen Erkenntnisgewinn bringen. Oft nicht direkt, oft nicht gleich, aber vielleicht in der Vernetzung mit anderen – möglicherweise später gewonnenen Erkenntnissen anderer. Die Apollo-Mission der USA etwa, so Cox, hat im Nachhinein etwa das Vierfache an Ertrag gebracht, was an Investment hineingesteckt worden war.

Die Evolution und das Internet

Aber der Wille nach neuen Erkenntnissen, der Drang nach Wissen, darf nicht nur nach monetären Gesichtspunkten bewertet werden. Jeder Versuch zu verstehen, wer wir sind, was wir sind – und was noch alles aus uns werden kann, ist essentiell. Und um so besser, wenn unsere Neugier heute verstanden hat, dass sie sich auch dringend darum kümmern muss, dass die Lebenssituation von uns Menschen bewahrt bleibt. Das muss nun gar nicht durch eine Verzichtshaltung passieren, viele pessimistische ökologische Prognosen sind längst durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Erfindungen und eine radikal technologisch optimierte Nutzung von Ressourcen obsolet geworden. Die Neugier ist eben zum einen das Problem – und zugleich auch die Lösung. Sie generiert Probleme – aber auch mögliche Lösungen – aber das in einem ewigen, endlosen Prozess: Immer weiter, immer weiter!

Das deutsche Missverständnis

Nun leben wir aber in einem Land, einer Sprachregion, in der die Fähigkeit, Interesse an Unbekanntem zu entwickeln und Neues wissen zu wollen, als „Neugier“ verunglimpft wird. Als Gier! Das gilt – im katholischen Kontext zumindest – immerhin als Todsünde. – In den anderen westlichen Weltsprachen beruft man sich in diesem Zusammenhang lieber auf den lateinischen Ursprung „curiositas“ des Begriffs: „curiosity/curiousness“ (engl.) – „curiosité“ (franz.) – „curiosità“ (ital.) – „curiosidad“ (span.). Das lateinische „curiosus“ – von „cura“ Sorge, Sorgfalt, umfasst eine Menge positiver Bedeutungen bis hin zum Wissensdrang: „voll Sorge, voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren für, wissbegierig, vorwitzig“ – und dann erst auch „neugierig“. Bei uns ist das Wort „kurios“ in die Nähe der Freak Show gedrängt. Es sagt einiges über ein Land aus, dass es die Lust auf Neues so sprachlich diffamiert.

Die eingangs ausführlich formulierte Prämisse ernst nehmend, ist nichts schlimmer, als sich dem „Immer weiter, immer weiter!“ verweigern zu wollen und ein erbittertes: „Es bleibt so, wie es ist!“ entgegen zu setzen. Abgesehen davon, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, uns von der Evolution abzukoppeln, der Versuch dazu ist besonders töricht. Der Versuch, sich von der Evolution abzukoppeln, ist immer eine Bankrotterklärung der eigenen Verantwortung gegenüber der Welt. Es ist die völlige unnötige Kapitulation davor, die Welt mitgestalten zu wollen. Es ist die Verweigerung, die Welt wenigstens ein bisschen nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen gestalten zu wollen. Vielleicht ja schlicht, weil man nicht weiß, wie man es denn gerne hätte – oder nicht einmal darüber nachdenken will.

Zu dröge zum Wünschen

Neugier meint nun wirklich nicht nur die Sucht nach neuen Konsumgütern, nach neuen Moden, neuen Gadgets oder Apps. Sie beschreibt vor allem auch die Bereitschaft darüber nachzudenken, wie denn eine bessere Welt aussehen könnte, was denn am Bestehenden dringend verändert gehört. Dazu muss man jenseits aller Stammtischparolen mal ins Innere horchen, dem kleinen Unbehagen nachzuforschen – und über die Ursachen dazu nachdenken. Das sind alles Dinge, für die man natürlich im Alltags-Stress keine Zeit hat, wozu der geschäftige Alltag keine Muße lässt. Aber vielleicht ist der Stress, sind die vielen Themen-Hysterien und das allgegenwärtige Lamento darüber auch eine hoch willkommene Ablenkung, nicht über die wirklich ernsten Dinge nachzudenken.

Die ganz hohe Schule der Neugier ist es, kreativ in sich hineinzuhorchen und „Träume“ zu entwickeln, was man denn wirklich wünschen würde, was das Leben wirklich besser machen könnte und vor allen Dingen, welche gesellschaftsverträglichen Freiheiten uns die neuen technischen Möglichkeiten unserer Zeit geben könnten. Es tut immer wieder weh, hirnrissige Szenarien von denkenden Kühlschränken, die unsere Einkäufe autonom organisieren, aushalten zu müssen. So etwas will kein Mensch, das will bestenfalls eine abverkaufsüchtige Industrie. Es sind aber so viele andere, sinnvolle, bisher nicht erdachte, bisher nicht erträumte Dinge möglich. Denen hinterher zu spüren, das ist die vornehmste Aufgabe der Neugier. Oder besser, der „curiositas“, die eben die positive Seite des Neuerungs- und Wissensdrangs beschreibt: „voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren …“

Willkommen Krise – wenn es denn sein muss


Änderungsprozesse sind nie gemütlich

Wenn man einmal in einer wissenschaftlichen Animation gesehen hat, wie sich ein System in ein anderes transformiert, sei es ein Bakterienstamm oder ein soziales System, dann ist das eindrucksvoll: Ein stabiles System arbeitet zunächst brav in einem funktionierenden Schema. Alles ist ruhig und „normal“. Dann erscheint irgendwo ein kleiner Störfaktor. Normalerweise wird er von dem System absorbiert. Ist aber das System dazu nicht mehr in der Lage, vielleicht weil es in Teilen heimlich schon dysfunktional ist, dann verbreitet sich dieser kleine Störfaktor immer mehr. Zunächst minimal und fast unscheinbar, dann aber immer mehr und mit wachsender Dynamik.

Rosette Nebula - Galaktische Evolution

Ab einem kritischen Punkt wird nun das System immer unruhiger, es gerät immer mehr in Unordnung, wird immer hektischer und chaotischer. Man nennt diesen Vorgang dann nicht zu unrecht Krise. κρίσις (krísis) stammt aus dem Griechischen (!) und bedeutet in etwa „Zuspitzung“ oder auch Wendepunkt. Er beschreibt den Zustand des Wechsels von einem stabilen Zustand in einen anderen. Und solch ein Wechsel ist unweigerlich mit einem sehr unruhigen, turbulenten, chaotischen Moment verbunden bis sich das neue System, das einmal als kleiner Störfaktor begonnen hat, durchgesetzt hat. Nun erst beruhigt sich das System in der dann neuen Funktionsweise. So funktioniert  Evolution.

Schaut man sich um, liest und sieht die Nachrichten, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir uns gerade in solch einer turbulenten, hitzigen Wechselphase befinden. Und das Wort „Krise“ liest und hört man sowieso allenthalben. Fragt sich nur, wohin der Wechsel gehen soll. Welche unserer gewohnten, aber vielleicht doch etwas überholten Systeme stehen denn zur Abwahl an? Da fällt uns recht viel ein, ohne auch nur ansatzweise in die Esoterik abgleiten zu müssen:

1. Das Banken- & Glückspielsystem

Da ist als erstes sicher das Bankensystem, das nach seiner Liberalisierung zu großen Teilen – vor allem denen, wo am meisten Umsatz und Profit gemacht wird – zu einem Wettbüro degeneriert ist. Heute muss schon jeder Lottobetreiber darauf aufmerksam machen, dass Glücksspiel süchtig macht. Warum müssen das die Investmentbanker, Derivate-Händler & Konsorten nicht? Und wäre es nicht ein willkommener Effekt der Krise, wenn damit in Zukunft erst einmal Schluss wäre?

2. Das kapitalistische System

Nur einen kleinen Gedanken-Fußbreit weiter gedacht: Vielleicht hat nach dem sozialistischen System auch der Kapitalismus in seiner Reinkultur ausgedient. Sein naiver Glauben an unaufhörliches Wachstum als Heilmittel hat sich überholt. Und wie sich der Sozialismus heute in sonderbare kapitalisteske Mutationen manifestiert, beispielsweise in China, und damit wirtschaftlich nicht schlecht fährt, so muss sich vielleicht der Kapitalismus neu erfinden, um noch im 21. Jahrhundert lebensfähig zu bleiben. Er muss möglicherweise sozialer werden – ohne seine Grundidee des Wettbewerbs aufgeben zu müssen.

3. Das Sozialsystem

Apropos sozial. Unser viel gelobtes Sozialsystem, das so viel auf sich hält, muss schätzungsweise auch möglichst bald von seinen Lebenslügen geheilt werden. Es braucht wahrscheinlich eine grundlegende Runderneuerung, um den vorhersehbaren Katastrophen wie Rentenpleite, marodem Gesundheitssystem und System-Arbeitslosigkeit irgendwie noch zu entgehen.

Braucht es erst eine Verelendung auf breiter Front mit begleitenden Unruhen und Aufständen, bis sich vernünftige Ideen wie eine Grundrente – oder positiver formuliert: Bürgereinkommen – durchsetzen können? So etwas wäre ein dermaßen grundlegender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der viele andere anstehende Probleme leichter lösbar machen würde: Leistungsschutz, Nutzungsrechte, Versorgungsbürokratie etc. Wie anders als durch eine Krisensituation soll sich solch eine Idee, die grundlegende Paradigmen berührt, durchsetzen?

4. Konsum-System

Es fällt auf, wo in dieser Welt welcher Luxus gelebt wird. Einerseits der laute, protzige Glam-Luxus als Reichtums-Peep Show. Das findet vorzugsweise dort statt, wo es besonders viel Wohlstands-Nachholbedarf gibt und zugleich noch sehr feudale Strukturen überlebt haben, etwa in Russland oder auf der arabischen Halbinsel. Anders in Indien oder China. Auch hier gibt es reichlich Nachholbedarf und genug feudalistische Reste, und Reichtum wird stolz gezeigt, aber es gibt längst nicht solch prosperitäts-exhibitionistische Exzesse. Es fällt auf, dass ausgerechnet dort Luxus am dekadentesten gelebt wird, wo am wenigsten produktiver Reichtum aus neuen Ideen und innovativer Produktion entsteht, sondern Geldüberflüsse nur durch Förderung von Rohstoffen erzielt werden.

Bei uns im Westen, wo wir seit langem Reichtum und Prosperität gelernt haben, wird offensive Zurschaustellung von Luxus längst als peinlich empfunden. Vielleicht sind wir jetzt so weit, neue Wertesysteme des Luxus zu entwickeln . Die haben weniger mit Insignien des Reichtums zu tun, als vielmehr mit Lifestyle, neuen Optionen und gelebter Erfahrung und gelebtem Wissen. Genuss wird hier anders zelebriert. Durch neue Geschmackserlebnisse, durch neue Freiheits-Optionen, durch neue Perspektiven.

5. Die Welt der Arbeit

Es ist heute sehr gut absehbar, dass die Arbeitswelt schon mitten dabei ist, sich massiv zu verändern. Das kann man ganz brav und uninspiriert darstellen wie etwa aktuell in der Süddeutschen Zeitung, oder aber man bezieht den Paradigmenwechsel in eine digitale Netzgesellschaft mit ein, wie es Jeanne C. Meister und Karie Willyerd in ihrem Buch „The 2020 Workplace“ entwerfen. Dankenswerterweise hat Karen Heidl die Grundthesen des Buchs in ihrem Blog kurz zusammengefasst. Es wird in Zukunft darauf ankommen, Talente und Könner damit zu ködern, dass sie ihre Marke (Employee Brand) weiter entwickeln können und dass sie sich kontinuierlich weiterentwickeln können. Beruflich, fachlich, menschlich, sozial etc.

6. Steuersystem

Wie will man übrigens bei einem Arbeitssystem, das auf neue Freiheit, Flexibilität und gleichzeitig auf extreme Effektivität ausgerichtet ist, noch darauf hoffen, darauf sein Steuersystem aufbauen zu können. Es braucht deutlich andere Bewertungsgrundlagen: etwa Effektivität, Wertschöpfung, Maschinenleistung etc. Genug intelligente Ideen dazu gibt es längst. Den Mut, hier einen Schnitt zu machen, können Politiker, die immer die nächste Wahl vor Augen haben, nicht aufbringen. Das ist nur aus einer massiven Krisensituation heraus durchzusetzen.

7. Digitales Denken und Leben

Realistisch gesehen wird die Ablösung unseres Denkens aus den Limitationen des analogen Systems auf breiter Basis noch Zeit brauchen. Aber analoges Denken wird sich, gerade weil es bei uns in Deutschland (Dichter & Denker?) so tief verankert und mit seltsamer Nostalgie und Wehleidigkeit aufgeladen ist, nur in krisenhaften Situationen durchsetzen können. Nur wenn es gar nicht mehr weitergehen mag, ist man wohl bereit, sich an eine Digitale Intelligenz samt Netzwerk-Denken mit ihren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Und sie dann ganz schnell genießen zu lernen. Nur so lässt sich die weitere unausweichliche Beschleunigung unserer Welt, unseres Wissens und unseres neuen, fluiden Wertesystems überhaupt aushalten.

Oder kurz zusammengefasst: Es wird höchste Zeit, dass wir endlich im 21. Jahrhundert, im 3. Jahrtausend ankommen. Kann sein, dass wir dafür ein weiteres Mal, wie schon bei so vielen Fin de siècles, eine Krisensituation brauchen. Schade! … Aber wenn es denn sein muss…

Neue Spielregeln


Finanzhaie mit Torschlusspanik 

Ich stelle mir das Leben der Finanzjongleure und -spekulanten heute nicht leicht vor. Da haben sie geackert und gebuckelt, Stress ohne Ende, jahrelang, um endlich auch an die Position oben zu kommen, in der man selbst Entscheidungen treffen kann. Vor allem aber, wo man Provisionen bekommt – oder noch besser – über sie entscheiden kann. Kurz: Wo man so richtig absahnen und „nachhaltig“ reich werden kann.

In all den Jahren haben diese Menschen ihre Vorgänger und Vorvorgänger und Vorvorvorgänger mit Millionen und Abermillionen an Provisionen und Abfindungen etc. in das vermeintliche Nirwana des unkaputtbaren Reichtums abwandern sehen. Sie haben aber warten müssen, bis sie selbst dran waren. Und jetzt auf einmal soll das nicht mehr gelten, soll das nicht mehr funktionieren? Eine wirklich fatale Situation für eine Kaste, der Gier genetisch eingepflanzt zu sein scheint.  (Warum sonst haben sie diesen Beruf gewählt?) Diese Menschen haben nie auch nur im (Alp-)Traum daran gedacht, vielleicht ein Leben lang zu arbeiten – oder gar bei der Arbeit Glück und Befriedigung erleben zu können oder zu sollen.

Spieler & Dealer

Diese Menschen sind Spieler, und wie jeder Spieler, der zu lange dabei ist, ist er von dem alltäglichen Thrill, den vielen kleinen Siegen (und dem damit verbundenen Reibach) längst trunken. Diese Menschen sind süchtig nach diesem großen Spiel. Deshalb kommen sie auf immer neue Ideen, Geld durch Wetten zu verdienen. Viel Geld! Sie wetten auf Firmen, Märkte, Bodenschätze, auf Lebensmittel, Geld, Währungen und Gold, aber ebenso auf Pleiten, kaputt gehende Märkte und Konkurs gehende Staaten. Und das stets mit geliehenem Geld. Geliehen von Anlegern oder neuerdings gleich vom Staat und seinen Kreditinstituten bis hinauf zu den Zentralbanken. Der Staat drängt den Süchtigen ihren Stoff noch regelrecht auf.

Soll man von solchen Menschen Einsicht erwarten? Darf man da auf die „Selbstheilungskräfte“ eines Marktes hoffen? Soll man nicht! Darf man nicht! Darf man dann den freien Finanzmärkten ihre Freiheit lassen? Darf man auf keinen Fall, weil Freiheit immer nur mit Verantwortung funktioniert. Und Verantwortung kann nicht funktionieren, wenn es darum geht, (viele, viele!) Millionen zu kassieren – und die Zeit drängt, an diese noch herankommen zu können! So edel, rein und korruptionsimmun kann kein Mensch sein. Schon gar nicht einer mit dem Gier-Gen.

Entzugs-Therapie

Fragt sich, ob die Politik die Situation in dieser Weise schon kapiert hat? Es geht nicht mehr darum, ob man diesem Treiben Einhalt gebieten muss. Das muss man ganz dringend! Es geht nur noch darum, ob man sich noch eine Entzugs-Therapie leisten kann – sowohl finanziell, vor allem aber zeitlich. Oder ist es nicht längst so weit, dass nur noch der kalte Entzug funktioniert? Einfach absetzen der Droge – mit all den absehbaren Folgen: Schweißausbrüchen, Torschlusspanik, Aggression, Verzweiflung, Zerstörung – Cold Turkey.

Das klingt jetzt vielleicht „brutal“. Aber es geht um eine Wertabschätzung. Auf der einen Seite das Bedürfnis weniger, doch noch auf einen Schlag (schöner Begriff) reich werden zu dürfen. Am besten hyperreich, dass es auch über Krisen und Staatsbankrotte hinüber reicht. Auf der anderen Seite das Bedürfnis der ganz vielen, ihr Leben in vergleichsweise geordneten Bahnen weiter leben zu können und nicht dafür verarscht zu werden, dass sie gespart und Geld beiseite gelegt haben. – Eigentlich müsste der Politik die Entscheidung leicht fallen.

Training für Perma-Instabilität

Und während diejenigen, die wähnen, die Macht zu haben – die Politik, oder doch das Geld – über die Zukunft der Finanzsysteme verhandeln, üben wir Normalbürger uns in Gelassenheit. Ganz nach dem Motto: Es ist Krise, aber keiner geht hin. Oder: Unser Geld geht den Bach runter – aber wir haben schon längst unser Badezeug an. Wie immer, wenn Hiobsbotschaften und Panikmeldungen in Überintensitäten auf uns einprasseln, entwickeln wir nahezu traumwandlerisch (!) eine Sorgen-Imprägnierung, eine Krisenallergie, eine – um im Bild zu bleiben – Krokodillederhaut gegen die täglichen Beängstigungen. Wir wissen, das 21. Jahrhundert ist eines der Transition in die Perma-Instabilität. Und wir üben jetzt schon mal dafür, die richtige Mentalität zu entwickeln. Gelassenheit, Gleichmut, aber mit MUT in Versalien: GleichMUT.

Dafür haben wir schon gut und lange geübt. Ob Nachrüstung, Viren, Lebensmittelgifte, radioaktive Verseuchung oder Untergang des Abendlandes. Wir haben aus der Überdosis von Sorgen und Bedrohungen gelernt, lieber mal ganz ruhig zu bleiben. Manchmal zu ruhig. Das hat dann andere ermutigt, einfach so weiter zu machen wie bisher. Vielleicht haben wir mittlerweile unsere Lektionen gelernt: Wir bleiben gelassen und lassen alle Panik an uns vorüber ziehen – aber wir machen nun endlich den Verantwortlichen klar, dass unsere Geduld am Ende ist. Wenn wir lieb sind, zeigen wir das an Wahlurnen und geben Denkzettel ab. Aber wenn wir richtig sauer sind, gehen wir jetzt auch mal auf die Straße – oder per Internet.

Netzwerke der kalten Wut

Eine gute Idee: Wir organisieren uns ausgerechnet da, wo die Mächtigen, seien sie Politiker oder Besitzende, sich am allerwenigsten auskennen: im Internet. Gerade die wirklich Mächtigen haben ihre eigenen Netzwerke. Aber dieses Wissen hilft ihnen nicht weiter im großen Netzwerk des Internet . Deshalb reagieren sie ja so panisch bis peinlich auf alles, was sich da an Kraft und Gegen-Macht entwickelt.

Es ist sehr schwierig, ein System zu ändern, das lange ungestört gelaufen ist und das für einige so eindeutige Vorteile von solch riesigen Dimensionen hat. Das schafft mehr als massive Gegenkräfte. (Das ist jetzt täglich real zu erleben.) Das 20. Jahrhundert mit seinen Millionen von Toten, die aufgrund von (Umsturz-)Ideologien gestorben sind, hat sich an der Idee abgearbeitet, das System mit seinen eigenen Mitteln, also Gewalt, zu ändern.

Im 21. Jahrhundert muss das anders funktionieren. Die Finanzspekulanten, die Nutznießer von wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Instabilitäten, müssten mit einer neuen, digitalen Kompetenz ausgebremst werden. Daher macht es so Sinn mit Instabilitäten umzugehen zu lernen und wie man durch Netzwerk-Intelligenz alerter und schneller wird. Die Idee ist ganz einfach. Man muss „nur“ die Spielregeln ändern, dann gewinnt es sich am leichtesten.

Na ja, ein bisschen Wut wäre auch nicht schlecht. – Kalte Wut. Die wirkt am besten. Weil sie nicht blind macht.

Asymmetrie des Wissens


Sokrates hat recht – teilweise zumindest

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“ – Es ist doch manchmal ein Vorteil, auf einem Humanistischen Gymnasium gewesen zu sein. So hat man die wesentliche Erkenntnis von Sokrates früh vermittelt bekommen – und auch noch inhaltlich richtig im Sinne: „Ich weiß als Nicht-Wissender.“ Dieses Prinzip sollte der Ausgangspunkt eines lebenslangen (In-)Fragestellens sein – und der Reflexion – auch über sich selbst.

Heute wissen sehr viele Datenbanken sehr viel über mich – davon darf man ausgehen.Vorgeblich können damit Profile über mich erstellt werden, die meine innersten, vielleicht auch geheimsten Wünsche entlarven. Es heißt sogar, die Algorithmen der Datenbankeigner durchschauen mich irgendwann besser als ich mich selbst. „Ich kenne dich besser als du selbst!“ Diesen Satz habe ich einst aus dem Mund meiner Mutter gehört, als ich ernst machte mit der Abnabelung von zuhause. Und ich wusste damals nur allzu gut, dass sie nicht recht hatte. (!!!)

Manipulation statt Anamnese

Ähnlich geht es mir mit den Datenbankprofilen. Ich bin mir relativ sicher, dass die Komplexität, die Sensibilität und Intelligenz von Maschinen und die sie steuernden Algorithmen so lange mehr als beschränkt sein müssen, solange sie von Menschen programmiert werden. Vor allem auch so lange, als der erwünschte Erkenntnisgewinn von psychologisch eher schlicht gestrickten Marketing- und Vertriebsmanagern bestimmt wird. (Siehe dazu auch meinen Blogeintrag: Der Gläserne Mensch.)

Eine tiefenpsychologische Anamnese eines Kunden, wie sie mit einem umfangreichen Arsenal von im Internet und Konsumenten-Datenbanken gesammelten Daten im Idealfall möglich sein könnte, ist nur hilfreich, wenn dabei wirklich verborgene Wünsche zu Tage kämen, die den Menschen individuell weiterbringen – und die dazu noch real finanzierbar wären. Meine Befürchtung aber ist, dass es Marketing und Vertrieb immer noch viel zu gerne darauf anlegen, Konsumenten zu manipulieren, um ihnen statt individuell gewünschter (und finanzierbarer) Wunschprodukte lieber irgendwelche Produkte aufzuschwätzen, die sie nicht brauchen, die sie sich nicht leisten können. Das alles nur der lieben Rendite und womöglich der Bonifikation der jeweiligen Manager zuliebe.

Wissen ist Macht

So lange das hierarchische Prinzip der alten Produktions- und Vermarktungsweise von oben nach unten weiter beibehalten wird und die Haltung praktiziert wird, dass man selbst (oben) am besten weiß, was die Kunden wollen, kann eine Analyse oder Interpretation von Kunden anhand von Daten nicht funktionieren. Solange nicht sichtbar und real erlebbar wird, dass Kundendaten zugunsten der Kunden, gerne auch in einer Win-Win-Situation, ausgewertet werden, sondern zur Erhöhung von Umsätzen und Renditen, vulgo zur Belohnung der Einfallslosigkeit von Produktentwicklern und Vermarktern, muss man bei allem Verständnis für eine offene Datenwelt der Zukunft erst einmal noch Vorsicht walten lassen, sprich die Privatsphäre des Einzelnen mittels Datenschutz berücksichtigen. Das kann man restriktiv tun, wie es in Europa und speziell in Deutschland allzu gerne betrieben wird, es ginge aber auch anders.

Zur Zeit ist die Wissensmacht im Internet schmerzhaft asymmetrisch. Die Datensammler wissen so viel über uns, wenn sie die richtigen Daten verknüpfen und intelligent daraus Schlüsse ziehen. Wir dagegen haben keinerlei Ahnung, was genau über uns gespeichert ist, ob die Daten überhaupt zutreffend sind – und am wenigsten ahnen wir, welche Schlüsse die auswertenden Algorithmen über uns ziehen. Was ist da zu unserer Kreditwürdigkeit errechnet worden – und mit welchen Daten? Welche geheimen Bedürfnisse sind über uns ermittelt – und gespeichert? Gelten wir als guter, als schlechter, als renitenter oder als dummdoofer Kunde? Wir haben davon keine Ahnung. Die einen sitzen im Dunkeln – und die anderen wissen – angeblich – alles.

Das Gleichgewicht des Datenschreckens

Diese Asymmetrie ist so nicht akzeptabel. Um wenigstens ein wenig ein Gleichgewicht (des Datenschreckens) herzustellen, müsste für jeden Einzelnen von uns Einsicht auf alle über uns gesammelten Daten gegeben werden – und die Schlüsse, die daraus gezogen werden (können). Und wirklich alle Daten, natürlich nur für jeden einzelnen User. Und natürlich darf dieses Wissen nicht als undurchsichtiger Datenwust präsentiert werden, sondern ganz schick aufbereitet.

Wie so etwas aussehen kann, machen etwa die unterschiedlichen Monitoring-Dienste schon mal vor. Da kann man zu den Social Media Daten, die zu einem Stichwort, einem Firmennamen etc. gesammelt werden, in schön aufbereiteten Tortengrafiken, in Manometer-Skalen, in Statistik-Balken – und natürlich in bunten Farben. Digital Dashboard heißt so etwas, das digitale Armeturenbrett. Dort ließe sich etwa ganz kulinarisch die eigene Kreditwürdigkeit ablesen – samt möglicher Bewegung hin zum roten Bereich. Man könnte seine Obsessionen in bunten Info-Grafiken bewundern, samt ihrer kontinuierlichen Veränderungen. Man kann seine Hitzigkeit im Umgang mit Behörden oder Call Centern an einem Thermometer ablesen. Der Kreativität an Inhalten und grafischer Umsetzung ist hier Tür und Tor offen.

Bequemes Ego-Mirroring

So gerne, wie heute Menschen Ego-Googeling betreiben, so bereitwillig würde solch digitale Ego-Bespiegelung angenommen werden, keine Frage. In einer narzisstoiden Gesellschaft, wie wir es sind, ist solch ein Tool die ultima Ratio. – Ja man könnte sogar vielleicht bestimmte Daten und Auswertungen für die Öffentlichkeit freigeben und könnte damit lustige Vergleiche – und Spiele – starten. So könnte gar das reale Leben zum Spielfeld werden. Und die Partnervermittlungen im Netz könnten sich die albernen Persönlichkeits-Tests sparen – und gleich ihre Parameter für eine gelungene Paarkonstellation mit realen Daten von Usern füttern.

Scherz beiseite. Die Asymmetrie des Datenwissens kann nicht auf Dauer akzeptiert werden. Es baut eine (neue) Hierarchie des Wissens auf, ausgerechnet im Digitalen Raum, der bisher alle bestehenden Hierarchien eingerissen hat. Auf alle Fälle müssen alle wirklich wesentlichen Daten, vor allem persönlichkeitskritische Informationen wie Kreditwürdigkeit, Zahlungsverlässlichkeit, strafrechtliche Erkenntnisse, Einreiseverbote, Bewegungsprotokolle etc. einsehbar sein.

Es gab – und gibt laufend – zu viele Falscheinträge, Verwechslungen und Daten-Irrläufer, die immer wieder zu kritischen Situationen führen. Die Polizei verhaftet Namens-Zwillinge. Ein Tippfehler hat oft dramatische Folgen, wenn es um Job, Geld, Steuern oder andere brisante Themen geht. Und Datenirrläufer werden immer mehr, je mehr Daten gesammelt  und verarbeitet werden. Das ist unausweichlich. Und wenn schon, möchte ich für mein Verhalten „büßen“ – und nicht das eines virtuellen Doppelgängers.