Die Physiker(in)


Die etwas schlimmere Kettenreaktion

Der Spruch ist so banal wie treffend: „Chemie ist, wenn es kracht und stinkt; Physik ist, wenn es nicht gelingt.“ Heute erlebt Japan die schlimmstmögliche Bestätigung dieses Schüler-Juxes. In Fukushima ist live mitzuerleben, wie die Hybris von Physikern, die Kernspaltung für beherrschbar hielten, eine Katastrophe noch in seine Eskalation treiben.

Selbst der einfachst denkende Mensch käme nicht auf die Idee, einen Reaktor neben den anderen zu setzen, am besten gleich sechs davon. Atomphysik funktioniert nach dem Prinzip der Kettenreaktion, eine radioaktive Katastrophe genauso: Wenn man sechs Reaktoren nebeneinander baut, schaffen die Probleme eines Reaktors Probleme in den daneben liegenden. Wenn einer durchbrennt, müssen die anderen in Mitleidenschaft gezogen sein, etwa durch Explosionen – und effektive Gegenmaßnahmen können dann logischerweise weder hier noch dort mehr durchgeführt werden. Fukushima beweist das tragisch eindrucksvoll.

Wahrscheinlich waren es nicht Physiker, die auf den Irrwitz gekommen sind, sechs Kernkraftwerke in Reihe zu bauen, das werden wohl eher die Business-Developer und Rendite-Rechner der Betreiber gewesen seien. Physiker hätten allerdings dagegen Einspruch erheben müssen. Keine Chance jedoch dazu im konsenssüchtigen Japan. Aber bei uns haben sie ja genauso mehrere Atomkraftwerke in trauter Nachbarschaft gebaut: drei Stück in Grundremmingen, zwei in Biblis, Ohu, Neckarwestheim, Philippsburg und in Greifswald waren es derer sogar fünf. Auch hier kein Einspruch von Seiten der Atomphysiker.

Brennstab auf dem Dach

Oder die Idee, die alten Brennstoffe in unmittelbarer Nähe zum Reaktor in Abklingbecken aufzubewahren. In Fukushima ausgerechnet über dem Reaktor. Wenn der explodiert, müssen die Brennstäbe unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen werden – und setzen radioaktive Strahlung frei – und liefern dann noch Nachschub für die drohende Kernschmelze. Natürlich ist solch eine reaktornahe Lagerung den physikalischen Bedürfnissen geschuldet. Schließlich müssen die alten, noch lange heißen Brennelemente jederzeit mit Wasser gekühlt werden. Da bietet es sich an, dass man da die Transportwege kurz hält. Vor allem, weil ja nichts passieren kann.

Das ist das Dilemma der Physik – und der Physiker. Sie versuchen die Welt zu erklären, sie versuchen die Welt in Formeln zu erfassen und sie berechenbar zu machen. Dumm nur, dass die Natur hier nicht so recht mitspielt. Anders als in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen, in denen reflektierende Wissenschaftler die Tatsache nicht leugnen, dass mit jeder neuen Erkenntnis der Forschung klar wird, wie viel mehr noch nicht bekannt ist, glaubt ein Großteil der Physiker noch, die Welt immer besser erklären – und beherrschen zu können. – Wie fatal.

Physik als Politik

Die Ironie der Geschichte – Geschichte hier im Sinne Historie – ist es, dass in der Bundesrepublik ausgerechnet eine Physikerin die Atompolitik verantwortet. Eine Physikerin, die 1978 ihre Diplomarbeit am Zentralinstitut für Isotopen- und Strahlenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR schrieb. Titel der Arbeit: „Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“. Für die Arbeit bekam sie die Note Eins: „sehr gut“. Später war sie, passend zu ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, von 1994 bis 1998 im Kabinett von Helmut Kohl „Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit“ (sic!).

Es ist schwer vorstellbar, wie Angela Merkel als Physikerin mit dem Desaster und dem drohenden multiplen Super-GAU in Fukushima zurecht kommt. Hier muss eine lebenslange Illusion, dass die Kernkraft beherrschbar ist, die sie jenseits jeder fachlichen Naivität gelebt hat, mit einem Mal geborsten sein. Eine Illusion, die sie vor einem halben Jahr vielleicht dazu gebracht hat, die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke zu verlängern – will man ihr keine unlauteren Motive unterstellen.

Kernschmelze einer Illusion

Um so verwunderlicher ist es, wie Angela Merkel sich windet und in halbgare Floskeln flüchtet. Um so verwunderlicher ist es, dass sie nur die Entscheidungskraft für ein „Moratorium“ aufbringt. Als würde in drei Monaten die Welt wieder heiler aussehen – und als sei bis dahin die Illusion der Beherrschbarkeit der Kernkraft irgendwie wieder herstellbar.

Das Entsetzen darüber, sich hier als Physikerin ein ganzes wissenschaftliches und berufliches Leben lang grundlegend getäuscht zu haben, ist anscheinend so krass, dass sie ihren politischen Instinkt, der sonst so ausgeprägt war, verloren hat. Diese Kernschmelze einer Illusion muss unheimlich weh tun. Und das ist ein Problem, wenn man als Physikerin Bundeskanzlerin ist. Das ist das Problem, wenn sich Deutschland eine Physikerin als Bundeskanzlerin leistet.

Ideelle Schockstarre

Peinlich, wenn selbst halbseidene Politiker wie der bayerische Umweltminister Markus Söder glaubwürdiger und konsequenter rüberkommen als die Kanzlerin. Peinlich, wenn ein Kernkraft-Junkie wie Stefan Mappus deutlichere Worte findet und zu härteren Maßnahmen bereit ist als Angela Merkel, die er einst in die desaströse Laufzeitverlängerung getrieben hat. Nahezu tragisch ist es, wenn sich eine Atomlobby-Partei wie die FDP unter Guido Westerwelle schneller und konsequenter von der Atompolitik lösen kann als die Chefin der schwarz-gelben Koalition. Das scheint die logische Folge einer ideellen Schockstarre bei der Physikerin Angela Merkel zu sein.

Die Welt hat uns Deutsche dafür beneidet, dass wir eine Wissenschaftlerin als Regierungschefin haben und nicht einen der üblichen Berufspolitiker. Eine Frau, die es gelernt hat, rational zu denken und kühl abzuwägen. Eine Frau des Geistes und des Wissens, die nicht Kalkül mit Intrige verwechselt, sondern weiß, dass damit Geistesleistung gemeint ist. – Die Welt kann wohl damit aufhören, uns für Angela Merkel zu beneiden.

Steve Jobs meets Guttenberg


Steve Jobs über Lebensplanung, Liebe und Tod

Mal vorweg, ich bin kein Apple-Fan. Mein erster Computer war ein Atari, ein Apple-Klon, mein zweiter Computer war ein Apple SE30, das war es aber dann schon mit Geräten aus Cupertino. Anschließend war es bereits dem Web geschuldet, dass ich Windows-Geräte benutze, danach unter anderem, dass ich ein paar Jahre für MSN (Microsoft Network) arbeitete. Nichtsdestoweniger habe ich großen Respekt für Steve Jobs. Mehr als alle seine grandiosen Leistungen (Apple, neXT, Pixar) in den Bereichen Produkt-Idee, Business, Design und Marketing hat mich seine 15-minütige Rede beeindruckt, die er 2005 vor den Alumni der Stanford University gehalten hat, die man auf der Website der Universität oder auch auf TED.com oder YouTube sehen kann. Hier hat ein Mensch wirklich tief über sein Leben nachgedacht.

Die beste Zusammenfassung dieses atemberaubenden ehrlichen, mutigen wie menschlich bewegenden Vortrags kann man nun auf FAZ.NET lesen, ausgerechnet in einem langen, intelligenten und irritierend menschlichen Artikel von Volker Zastrow über Karl-Theodor zu Guttenberg und die Guttenberg-Causa. Er schildert perfekt, wie Steve Jobs  seinen jungen Zuhörern drei Themen mit auf den Weg ins (Berufs-)Leben gibt.

1. Connecting the dots

Die erste These Jobs‘ ist, dass man sein Leben nicht planen kann, man aber möglichst viel Projekte wagen und dabei Erfahrungen sammeln sollte. Motto: „Stay hungry, stay foolish!“ Mit ein bisschen Glück ergeben all diese Lebensstationen in der Rückschau einen sinnvollen Lebensweg: „You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards.“ Wenn Jobs etwa nach seinem abgebrochenen Studium ausgerechnet Kalligraphie gelernt hat, so half ihm das viel später, als es darum ging, den Apple II zu designen – und alle anderen Geräte von Apple. Das Verständnis für die Komplexität, die hinter jedem Konzept von Simplicity steht, hat er hier gelernt.

2. Love and loss

Als Jobs 1985 aus seinem eigenen Unternehmen hinausgeworfen wurde, war das für ihn die schlimmstmögliche Kränkung. So schlimm das damals für ihn war, so wichtig war diese Negativerfahrung für seine persönliche Entwicklung. Motto hier: „Don’t settle!“ Ihm half an diesem Punkt, dass er seine Arbeit liebte, also machte er weiter, er gründete die Computerfirma neXT und die digitale Filmproduktionsfirma Pixar – und war mit beiden erfolgreich. Das war er, weil er gut war. Und gut war er, weil er seine Arbeit liebte: „The only way to do a great work is to love what you do.“ Schließlich kaufte Apple neXT und Jobs wurde später wieder Chef der Firma.

3. Prepare to die

Der dritte Punkt, den Jobs in seiner Rede hervorhebt, ist das Bewusstsein, dass alles endlich ist, dass die einzige große Gemeinsamkeit aller Menschen der Tod ist. Das begann in seinem Leben mit der Binse: „Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte.“ Das hat er ein Leben lang so gehalten – und wenn er zwei Tage das Gefühl hatte, so ein Tag sollte nicht der Letzte sein, wusste er, dass er etwas verändern musste. Das war für Jobs ein nettes, intellektuelles Spiel, bis bei ihm ein Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden war, der unheilbar schien. Seitdem ist sein Verhältnis zum Tod noch einmal anders, Motto: „Death is very likely the single best invention in life.“ Denn für ihn ist der Tod der „life‘ change agent“, der verhindert, dass man seine Lebenszeit vergeudet. Seine Aufforderung an seine junge Zuhörerschaft: „Don’t waste time living someones else life!“

Karl-Theodor zu Guttenberg und das geglückte Leben

Auf den Punkt gebracht sind die Empfehlungen Steve Jobs‘ eine Anleitung für ein gelungenes Leben:
1. Sei neugierig und gebe nie auf – und mit ein bisschen Glück wird daraus in der Rückschau ein geglücktes Leben.
2. Liebe ist der Schlüssel zu allem, zu Energie, Sinn und Enthusiasmus.
3. Der Tod gibt immer wieder Neuem Raum, das ist unsere Bestimmung aus der Evolution.

Fragt sich nun, warum Volker Zastrow seinen sensiblen Beobachtungen zu KTG und seinem wirklich ingeniösen Szenario, warum Karl-Theodor zu Guttenberg so gehandelt haben mag, wie er es getan hat, die Rede von Steve Jobs vorangestellt hat. Denn er nimmt diesen Faden später in seinem (wirklich langen) Artikel nicht mehr auf – bis auf den krampfhaften Verweis am Schluss, dass die Schwarmintelligenz die trügerische Doktorarbeit entlarvt hat.

Dabei wäre der logische Schluss so nah gelegen. Ich wage es, ihn hier kurz zu skizzieren:
1. Connecting the dots: Karl-Theodor zu Guttenberg hat versucht, seine Dots zu planen und zu inszenieren, daher hat er unbedingt einen Doktor im Namen führen wollen, obwohl sein Examen das eigentlich gar nicht zuließ. Und vielleicht hat er noch viele andere Punkte geplant (Kanzler?), anstatt zu leben, Dinge zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln.
2. Love & loss. Nie war spürbar, wofür KTG steht, was er liebt, wofür er brennt, was er wirklich will. Liebe zu seinem Amt oder seinem Beruf war nie echt erkennbar, Liebe zu sich selbst, zu Beifall und Zuneigung dafür schon. Dafür hat er die  Höchststrafe erhalten: ein sehr, sehr großer „Loss“.
3. Bei allem zur Schau gestellten Hedonismus und aller Selbstzufriedenheit hatte man nie das Gefühl, dass Karl-Theodor zu Guttenberg etwas bewegen wollte. Nie war klar, wofür er denn Politik machen wollte, was sein Beitrag zu einer besseren Politik, einem besseren Deutschland oder einer besseren Welt (Evolution!) hätte sein können.

Fehler abseits des Drehbuchs

Solch eine Analyse von (weit!) außen ist eigentlich vermessen. Ich habe sie mir lange verkniffen. Ich versuche sie, seit ich aus einer verlässlichen Quelle die Geschichte eines engen Mitarbeiters von Karl-Theodor von Guttenberg aus dem Verteidigungsministerium erzählt bekommen habe. Der Mitarbeiter, ein gestandener Fachmann, war zunächst begeistert von dem jungen zu Guttenberg. Er packte an, er machte Nägel mit Köpfen, kommunizierte gut, hörte zu – und vor allem hatte er ein perfektes Auftreten und hielt begeisternde Reden.

Mit der Zeit aber schrumpfte die Begeisterung. Die Reden waren immer dieselben – oder in sich ähnlich. Die lässige Haltung entpuppte sich als Manierismus und eingeübt. Am schlimmsten aber wurde es, wenn Karl-Theodor zu Guttenberg spontan sein wollte, oder – noch schlimmer – witzig. Das endete, so der Insider, stets  in arger Peinlichkeit. Seine Witze verletzten, Verfehlten ihr Ziel oder trafen mitten ins Fettnäpfchen. Je länger er im Amt war, desto mehr fürchteten seine Mitarbeiter seine Improvisationen, wenn er das festgelegte Drehbuch beiseite ließ.

Ein Bild, das zu passen scheint. Hier hatte sich jemand eine Drehbuch für sein Leben geschrieben (oder schreiben lassen?) – das hatte er dann auch ganz gut drauf. (Siehe hier auch The Difference: Drehbuch des eigenen Lebens.) Aber wehe, wenn das einmal nicht passte, wenn Dinge passierten, für die keine Handlungsanleitung da war – oder wenn aus Lust und Laune improvisiert wurde. Genauso wie die Doktorarbeit. Entweder wurde hier das Drehbuch auch von jemand anderem verfasst – oder aber hier wurde genauso improvisiert.

Gesellschaftliches Botox


Affirmation als Selbstlähmung der Medien

Henri Nannen hatte es noch einfach. Er wusste, wie die Leser seines „Stern“ aussahen. Oder er meinte es zumindest: Sein Testpublikum war seine Putzfrau. Sie fragte er bei strittigen Fragen, so geht zumindest die Legende. Und deshalb war der Nil eben blau, auch wenn das die vorliegenden Fotos nicht so ganz hergaben. Für Nannens Zielgruppe war der Nil blau.

Das ist alles heute so viel anders. Heute wiegen sich die meisten Medienmacher zwar nicht mehr in dem naiven Glauben, sie würden ihr Blatt, ihren Sender etc. für ihr verehrtes Publikum machen. Ihnen ist längst bewusst, dass sie Produkte kreieren, um möglichst genau bestimmte Zielgruppen zu erreichen, um den Kontakt zu diesen möglichst gut an Werbetreibende verhökern zu können. Aber das ist ja heute nicht mehr so einfach, wo etwa Facebook so viel über jeden einzelnen seiner Kunden weiß, dass man Werbung individuell maßschneidern kann – und dabei noch billiger weg kommt.

Trauriges Weltbild

Manchmal ist das dann sehr traurig, welche Zielgruppe sich ein Medium aussucht. Besonders traurig ist das im Fall der öffentlich-rechtlichen Medien. Da meine ich nicht (nur) das ZDF und seine Kapitulation vor jüngeren Zielgruppen. Nicht so sehr die 3. Programme, die ein seltsames Bild regionaler oder ländlicher Interessen abgeben. Schlimm sind da auch die Radiostationen. Andreas Bernard hat dankenswerterweise im SZ-Magazin  in einer sehr genauen Analyse von Bayern 3, dem unausweichlichen Autoradiosender des Bayerischen Rundfunks, die traurige Lebenssicht der Radiomacher skizziert.

Grob zusammengefasst spiegelt sich in den Themen und Äußerungen der stets aufgekratzten Moderatoren ein deprimierendes Weltbild: Arbeit ist Fron, daher thematisiert man am Montag, dass das Wochenende leider vorbei ist – und ab Dienstag wird mit wachsender Verve wahlweise auf Dienstschluss und/oder das Wochenende vertröstet. Das zweite Zentralthema ist das Wetter, dass entweder (wenn schlecht) jedweden Frust entschuldigt oder (wenn gut) der Lebensinhalt der Hörerschaft zu sein hat. Dazu dann die ewige Retro-Masche der Hits aus den 70ern, 80ern und 90ern, in denen noch alles gut war – und in dem das Leben noch schöne Momente bereit hielt, mit denen man sich in der tristen Gegenwart zu trösten hat. (Neue Highlights und Glücksmomente scheinen in der Radiowelt jenseits der überlaut promoteten Radio-Parties nicht denkbar zu sein.)

Prozac fürs Volk

Besonders traurig ist, wie man auch in den Kommentaren zu dem Artikel merkt, dass die Populismus-Sender der anderen Rundfunkanstalten genau dasselbe Weltbild propagieren: SWR3, HR1, NDR2 etc. Sie alle sind so etwas wie die populärkulturelle Radioversion der Yellow-Press. Oldie-Hits als Prozac fürs Volk, gewürzt mit Gewinnspielen, dämlichen Geschlechterkämpfen und ein paar Feigenblatt-Minuten am Abend, wenn mal schräge Moderatoren randürfen (wenn kaum einer zuhört).

Das Niederschmetternde an solchen Medien – und es gibt mehr als genug Pendants dazu im Zeitschriftenmarkt – ist deren dröge, temperamentlose, affirmative Art. Diese so bleierne Art, das Leben zu verlangweilen, Arbeit und Alltag zu banalisieren und zu lamentarisieren. Als gäbe es nichts Sinnvolleres als Selbstmitleid zu pflegen und zu hegen. Keine Frage, Menschen brauchen auch Ruhepausen und Erholung, aber das liefert geballte Affirmation nicht, sondern nur Passivität und Kapitulation. Und beides ist alles andere als erholsam, im Gegenteil.

Affirmation als Prinzip

Jeder Mensch braucht Affirmation. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer seelischen Balance. Immer wieder muss sich unser in stetem Wandel befindliches Ich versichern, dass es im persönlichen Kontext noch aufgehoben und akzeptiert ist. Nichts tut dem Durchschnitts-Ich mehr weh, als vereinsamt zu sein, weil man sich etwa allzu sehr aus dem derzeit gängigen kulturellen und sozialen Kontext herausbewegt hat. Dort draußen, in Trend-Sibirien, weht der Zeitgeist besonders eisig.

Man muss aber zwischen Affirmation unterscheiden, die einem soziale (und damit psychische) Geborgenheit verschafft und einer, die seelische Lethargie und soziale Mutlosigkeit produziert. Letzteres ist fürchterlich, weil es jede Bewegung nach vorne, jeden Mut zu etwas Neuem nimmt und nur alte Ressentiments und Sentimentalitäten pflegt. Diese lähmen – den Einzelnen, den Zuhörerkreis, das Lesepublikum – und die Gesellschaft in seiner Gesamtheit. In dieser Abart ist Affirmation gesellschaftliches Botox. Es lässt die Gesellschaft in einer fälschlicherweise als nett empfundenen Form erstarren – und vergiftet sie von innen heraus.

Ideologischer Sumpf

Und Affirmation funktioniert nicht nur von rechts, sondern auch von links. Manchmal ist es wahrlich schmerzhaft, wie reflexhaft auch kritische Medien bei den meisten Themen ihre Position einnehmen und oft unreflektiert und störrisch daran festhalten. Andere Sichtweisen werden ausgeblendet. Man macht es sich in seinem ideologischen Sumpf gemütlich – im schlimmsten Fall suhlt man sich noch darin.

Affirmation als Selbstzweck, das führt unweigerlich zu Verkrustungen und Erstarrung. Zuschauerzahlen und Auflagen gehen nicht zuletzt auch deswegen zurück, weil zu wenig Neues, Interessantes passiert. Vor lauter Affirmation wirken Sender und Presseorgane seltsam hohl, nicht zuletzt deswegen können sich junge Menschen nicht mehr für sie begeistern. Denn diese sind verwöhnt von der Menge an Anregungen, Innovationen und Überraschungen, die das Internet für sie (per Social Media) für sie bereit hält.

Intelligenz und Neues Denken

Ein Medium, das zukunftstauglich ist, muss die richtige Mischung aus Affirmation und Neuerungen und Innovation finden. Durch richtig eingesetzte und dosierte Affirmation nimmt man seine Leserschaft/Zuschauer mit und macht sie bereit für neue Ideen und Sichtweisen, für Provokationen und Irritationen. Solche Medien vermisse ich hierzulande, die notorischer Affirmation Innovation, Mut, Intelligenz und Neugier entgegensetzen. Zeitschriften, die Gedanken lancieren, die neuen Ideen Platz geben.

Seit ein paar Monaten habe ich „The Atlantic“ abonniert. Wenn man hier die – oft sehr langen, aber gut lesbaren – Artikel intus hat, dann weiß man mehr, erfährt neue Sichtweise und fängt unweigerlich an, selbst darüber nachzudenken. Denn „The Atlantic“ zeigt in unserer komplexen Welt auch konkurrierende Sichtweisen, statt ein Thema über nur einen ideologischen Kamm zu scheren.

„The Atlantic“ hat seine Qualität nach einer Insolvenz neu definieren müssen. Sein (neuer) Chefredakteur James Bennet, der sich bescheiden nur „Editor“ nennt, hat „The Atlantic“ neu erdacht. Dabei war sein Konzept: „online first“. Die Website ist der Nukleus des journalistischen Schaffens – und das Print-Magazin hat davon überdeutlich profitiert. Es ist die Quintessenz der Themen, die zuvor im Internet debattiert worden sind.

Das Insolvenzrecht der USA (Chapter 11) machte solch eine Selbsterneuerung möglich. In Deutschland ist das schon (insolvenz-)rechtlich kaum möglich. Sonst würde man so manchem Verlags- oder Medienhaus die Insolvenz wünschen, damit daraus die Chance eines Neuanfangs genutzt wird. Denn ich vermisse dringend Medien, die mehr als nur Zielgruppen-Affirmation betreiben. – Ob das auch ohne Insolvenz gelingen kann?

Rock Hero


Leben statt Posen ist die Devise

Es gibt Meldungen, die machen einfach Spaß. Weil sie einem den Glauben an den Realitäten und an simplem Menschenverstand zurückgeben. Die Meldung, dass das Computerspiel „Guitar Hero“ mangels Erfolg eingestellt wird, ist solch eine erfreuliche Nachricht. Oder dass die Firma des Konkurrenzproduktes „Rock Band“ für 50 $ von Viacom verkauft worden sind, für die  sie einst 175 Millionen $ bezahlt haben.

Um meine Freude zu verstehen, muss man wissen, dass ich ein begeisterter Gitarrist bin, vorzugsweise der elektrischen Art. Und man muss wissen, wie Computerspiele à la „Guitar Hero“ die Fähigkeit, aus sechs Saiten sehr schöne, sehr eigenartige Töne und auch mal sehr laute und voluminöse Schallwände zu produzieren, banalisiert haben – auf fast schon zynisch verballhornte Art: Es waren hier statt harter Saiten nur bestimmte Tasten am Gitarrengriffbrett zu drücken und ungefähr im richtigen Moment muss man mit der rechten Hand so zu tun, als würde man Saiten anschlagen – und schon war man in der virtuellen Welt von „Guitar Hero“ ein Star.

Was für ein Humbug! Aber das Computer-Spiel war zunächst super-erfolgreich. Es erfüllte perfekt narzisstische Bedürfnisse. Erfolg, Zustimmung, Aufmerksamkeit und Stardom ohne jeden wirklichen Aufwand, weder finanziell, noch ideell oder gar handwerklich.

Narzisstische Genialität

Wer mit jungen Menschen heute zu tun hat, weiß, wie schwer sie sich tun, die schwierige, lange Zeit auszuhalten, bis sich – etwa durch fleißiges Üben – eine Tätigkeit so sehr einschleift, dass sich erste Erfolge einstellen. Kids wollen lieber Dinge sofort können und durch Posen den Glauben an ein außergewöhnliches Talent, ja an Genialität zelebrieren. Und wenn das, was ja meist der Fall ist, nicht funktioniert, dann ist die jeweilige Tätigkeit halt langweilig, blöd, doof.

„Guitar Hero“ hat sich diese Zeitgeist-Krankheit perfide zunutze gemacht. Hier konnte man sich durch Posieren und minimale rhythmische Begabung schnell als Rock-Heroe fühlen. Aber anscheinend nicht dauerhaft – und am schlimmsten: nur im eigenen Kämmerchen, vor dem eigenen Bildschirm, vor einer virtuellen Fangemeinde. Jede soziale Komponente fehlte, die sonst Musik ja erst ausmacht. So war der Misserfolg vorprogrammiert.

Ich will nicht behaupten, dass ich als Jugendlicher mit allzu viel Übungsfleiß gesegnet war. Im Gegenteil. Ich wäre wahrscheinlich auch schnell ein Opfer eines schalen „Guitar Hero“-Erfolgs gewesen. Aber damals gab es solche Ersatz-Freuden im Instant-Format nicht. Es blieb nichts anderes als Üben übrig.

Die Leiden des jungen M.

Die ersten Begriffe des Gitarrenspiels habe ich in einem regulären Gitarrenunterricht gelernt, im Keller des Pfarrhauses in München Berg am Laim. Ich hatte etwa mit 10 Jahren zu Weihnachten eine (billige) Westerngitarre geschenkt bekommen – mit Stahlsaiten – und sollte auf der dann Sonaten von Ferdinand Sor und sogar von Mozart und Beethoven (für Gitarre umgeschrieben) spielen. Das machte so was von keinen Spaß. Warum der Gitarrenlehrer meine Eltern nicht aufklärte, dass man für solch klassische Gitarrenmusik eine Gitarre mit Nylonsaiten brauchte, ist mir bis heute schleierhaft. Nach knapp zwei Jahren hörte ich auf alle Fälle auf – und die Gitarre verstaubte in der Ecke.

Dann aber entdeckte ich mit 13 oder 14 die Rockmusik, zuerst die Kinks, dann die Equals (!), irgendwann auch Cream und vor allem all die Bluesbands damals: John Mayall, Ten Years After, Steamhammer – und wie sie alle hießen. Das bestimmende Instrument dieser Bands war stets die Gitarre – eine mit Stahlsaiten, wohlgemerkt.

Alvin Lee als Lehrer

Da war dann schnell die alte Gitarre wieder aktiviert. Die war inzwischen ein wenig bundunrein, aber das machte nichts. Im eifrigen Abhören und Nachspielen brachte ich mir autodidaktisch die nötigen Akkorde, Harmonien – und schließlich auch erste Solomelodien bei. Meine Lehrmeister waren Muddy Waters, Eric Clapton, Alvin Lee, Stan Webb, Miller Anderson, Carlos Santana – und später Tony Iommi, Jimmy Page oder Mick Abrahams.

Da dauerte es nicht lange, bis dringend die erste elektrische Gitarre her musste. Und natürlich der entsprechende Verstärker dazu. Das kostete damals richtig viel Geld. Mit Zeitungsaustragen (Katholische Kirchenzeitung!), Filmaufnahmen („Herzblatt“ mit Georg Thomalla!) und dann als Briefträger verdiente ich mir das nötige Geld. Meine erste Gitarre war eine „Hagstrøm“ – dazu ein tonnenschwerer Dynacord-Verstärker und ein Lautsprecher-Kabinett von „Allsound“. Später verbesserte ich mich mit einer Höfner-Les Paul mit echten Gibson-Tonabnehmern (Das gute Stück besitze ich bis heute!) und ein echter VOX AC-30 (längst in einem Übungsraum geklaut).

Fazit eines „Musikerlebens“

Was ich damit erzählen will, ist nicht die übliche Schelte an der Ungeduld der Jugend – sondern wie viel mir meine Leidenschaft für mein Leben beschert hat:

  • So mancher bewundernde Blick junger, hübscher Mädels. (Manchmal war es auch mehr – aber zugegeben, viel zu selten und meist bei den falschen.) – Nein im Ernst. Ich habe die Freuden der Autodidaktik gelernt.
  • Ich habe mir selbst beigebracht, wie schön das Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit ist. Ich habe viel gearbeitet in den Ferien, aber ich wusste immer wofür.
  • Ich habe verstanden, wie Musik funktioniert und wie wichtig Rockmusik für mich ist. Und das ganz alleine. Das hilft, sich später vieles andere selbst beizubringen. Ich spiele noch heute gute Stücke mit oder nach, um ihre Struktur zu verstehen.
  • Ich habe mir so eine lebenslange Neugier für immer neue Sounds bewahrt, von Rock über Punk und New Wave über Techno und House immer weiter.
  • Ich habe meine eigenen Stücke komponiert – zu eigenen Texten. Keine Hits. Aber Perlen einer selbst entdeckten und umgesetzten Kreativität.
  • Ich habe gelernt, auf der Gitarre Töne zu kreieren, sie „singen“ zu lassen, Temperament auszuleben und Melodien zu zelebrieren.
  • Ich habe kennengelernt, wie schön es ist, mit anderen in einer Band gemeinsam Musik zu machen und dort gemeinsam völlig neue Musikdimensionen zu erobern. Zuerst mit meinen Freunden Mike und Walter, später in verschiedenen anderen Formationen.
  • Ich habe es zu genießen gelernt, live vor Publikum zu spielen, aller Nervosität, allem Schweiß und technischen Problemen zum Trotz. Am schönsten war der Auftritt der Band der Münchner Musikkritiker „Redaktionsschluss“ für Amnesty International im Domicile. (Ralph Siegel – sic! – bescheinigte dabei in einer Konzertkritik meiner Stimme Chart-Perspektiven!)
  • Ich war mir mein eigener Guitar Hero – in meinen Träumen, in der Trance des Übens, in der Freude des Performens vor anderen. Und das ohne Fake, sondern ganz real.
  • Wenn ich mir über die Hornhaut an den Fingerkuppen der linken Hand streiche, fühle ich, wie real Gitarrensaiten sind und wie schön es ist, Musik zu machen. Wenn ich sie nicht spüre, weiß ich, dass es höchste Zeit ist, wieder mal zu üben.

Es geht doch nichts über real gelebtes Leben (samt Risiken und Nebenwirkungen). Die Alternative erleben wir allzu oft: Menschen posen nur in Funktionen und Rollen, statt sie zu leben. Sie tun nur so, sie sind nicht so. Das Leben ist für sie nur ein Spiel(feld), auf dem man vogibt, als würde man im Puls der Zeit mitschwingen: „Lifetime Heroes“.

Der Algorithmus, wo man mit muss


Bad Air Days und andere Katastrophen

Der Worst Case für Dienstleister und deren Anbieter ist die Erfindung von Twitter. Egal was einem als Konsument auch an Widrigkeiten passiert, der Ärger und die Frustration muss raus. Und wie kann man das besser, wirksamer und publikumsträchtiger machen als per Twitter (oder auch Facebook). So viel Zeit ist immer, um mal schnell 140 Zeichen abzusetzen, die es in sich haben. Und so bekommt die private Öffentlichkeit mit – und bei genügend Retweets und/oder einem Follower-Multi auch eine breite Öffentlichkeit in Echtzeit, wer wo wie versagt, einen Auftrag vergeigt oder sonstwie Kunden-Bashing betrieben hat. Ein Horror für alle großen Dienstleister.

Es hatte diesen Winter dann schon echt kabarettistische Ausmaße, was verzweifelte bis wutglühende Bahnfahrer von ihren misslichen Abenteuern im verschneiten Deutschland zu twittern hatten. Oder die S-Bahn-Nutzer, und das wohlgemerkt nicht nur im pannengeplagten Berlin. Nicht viel besser ging es Flugpassagieren. Interessant zu verfolgen, an welchen Tagen Air Berlin seine Fluggäste bis zur Weißglut verärgerte, dann gab es wieder typische Bad-Air-Days bei der Lufthansa, manchmal performten beide deutsche Fluglinien lausig. Egal was passiert, es entsteht bei jeder massiven Störung von Verkehrsmitteln unweigerlich so genannte „tote“ Zeit, die man nicht produktiv nutzen kann.

Tote Zeit für Wut nutzen

Nicht produktiv nutzen konnte. Das ist jetzt vorbei. Zumindest kann man jetzt wirksam seinem Ärger Luft machen und seine Wut in 140 säureätzenden Buchstaben veredeln. Und je mehr einer des Schreibens im verdichteten Raum fähig ist, desto vernichtender sind solche Rundumschläge. Und je mehr einer auf Reisen ist, desto öfter – und kompetenter – kann er seinem Frust Ausdruck geben. (Mein Tipp hier: die Tweets von Thomas Koch.) Und je länger die Wartezeiten sind, desto öfter kann man bei einem Desaster auf dem Laufenden gehalten werden. Es lassen sich dann wahre Fortsetzungs-Romane des Verkehrs-Terrors im Twitter-Telegrammstil mitverfolgen. Womöglich noch mit Fotos illustriert.

Ich könnte an dieser Stelle auch so manche Leidensgeschichte zum Besten geben. Nicht nur über die S-Bahn in München oder DB-Carsharing (ja auch hier hat die Bahn Performance-Defizite). Mein ganz besonderer Stein des Anstoßes ist die Stadtsparkasse München, die mich nach über 40 Jahren Kundentreue unbedingt loswerden will. Denn was macht ein Girokonto ohne Dispo Sinn? Die Stadtsparkasse München interessiert nicht, wie viel Geld regelmäßig auf meinem Konto ist oder wie viel Geld hereinkommt. Nein ihr geht es darum, dass jeden Monat gleich viel herein kommt. Was bei einem, der freiberuflich tätig ist, nun mal nicht der Fall sein kann. Besonders schön ist, dass der Filialleiter, der so etwas verantwortet, nie telefonisch erreichbar ist und lieber Untergebene vorschickt, die dann „leider nichts tun können“. Aber die Stadtsparkasse München soll ihren Willen haben, ich beende meine Laufbahn als Kunde möglichst bald. Versprochen!

Der Fall soll wie die oben erwähnten auch nur als Beispiel eines neuen Service-Desasters stehen, das sich in den Jahren notorischer Sparmaßnahmen eingeschlichen hat, und letztlich ein notorischer Missbrauch digitaler Informations- und (vermeintlicher) Rationalisierungs-Möglichkeiten ist. Die Stadtsparkasse München hat meinen Dispo gestrichen, weil irgend ein Algorithmus Alarm geschlagen hat. Scheint der Anti-Freiberufler-Algorithmus zu sein. Und gegen diesen Algorithmus kann natürlich kein Mitarbeiter „etwas machen“. Algorithm rules!

Algorithm rules

Flugpassagiere konnten nicht abheben, weil die Verbrauchsberechnungen für Enteisungsmittel irgendwie falsch waren. Ob es hier die Dummheit derer ist, die die Daten eingegeben haben, oder dem Algorithmus nicht gesagt worden ist, dass Enteisungsmittel im Winter gebraucht werden und dann gerne auch mal Straßen vereist sind, auf denen der Nachschub „just in time“ geliefert werden soll. Aber die Straßen waren da leider „just in ice“.

Den Fluggesellschaften fehlte es allerdings nicht nur an Enteisungsflüssigkeit, sondern oft genug an Personal im Cockpit. Irgendein Schönwetter-Rationalisierer hat die grandiose Idee gehabt, dass man die teure Ressource Mensch noch effektiver einsetzen kann, wenn man sie wild von Flugzeug zu Flugzeug wechseln lässt. Dumm nur, wenn die Fluggäste vollzählig und eingecheckt sind, aber die Crew in Paris fest sitzt, weil dort Nebel herrscht. Neulich ging es mit der Lufthansa gar eine Stunde später auf die Startbahn, weil alle da waren, nur der Co-Pilot nicht, der flog gerade aus Lissabon ein. Es werden also nicht nur komplette Crews hin und her geschubst, sondern diese „just in time“ zusammengewürfelt. Sicherlich von einem ausgeklügelten Computerprogramm, also einem Algorithmus.

Schönwetter-Manager

An dieser Stelle ist es natürlich dringend notwendig, die viel gescholtenen Algorithmen in Schutz zu nehmen. Die sind nur so doof wie die, die sie programmiert haben, bzw. konzipiert und beschlossen haben. Denn wenn wir Stunden warten, weil kein Zug kommt, weil die Crew nicht da ist oder wenn wir als Bankkunden in Misskredit geraten, dann reibt sich ja irgendwo irgendein Manager die Hände. Er hat sich schließlich seinen Bonus oder seine Pluspunkte auf dem Personalkonto eingeheimst, weil er kreativ ganz tolle neue Einsparungsmöglichkeiten gefunden hat.

Dass solche“Effizienz-Maßnahmen“ nur bei idealen Bedingungen, also bestem Wetter, und nur für Normalkunden taugen, interessiert ja in dem Moment nicht. Dass massig Geld verloren geht oder in Kundenberuhigungsaktivitäten investiert werden muss, interessiert genauso wenig. Die Boni sind ja schon verteilt. Und dass Kunden verloren gehen, schreckt auch keinen, denn die Konkurrenz ist mindestens genauso schlimm. (Vielleicht arbeitet die ja sogar mit demselben Algorithmus.) Die dort verärgerten Kunden ersetzen dann halt die im eigenen Betrieb vergraulten. – Das ist die neue, die digitale Service-Wüste. Die Service-Atacama.

Maschinen-Intelligenz als Daffamierung

So etwas wäre ja mal ein Thema für eine Verbraucherschutz-Ministerin. Aber so lange weniger als fünf Prozent der Bevölkerung weiß, was ein Algorithmus ist und was er bewirkt – und nicht mal das Wort richtig zu schreiben versteht, ist das natürlich kein Thema für die Politik. Aber wie sehr inzwischen Schindluder etwa mit digital berechneten Bonitäts-Bewertungen getrieben wird, hat Marco Friedersdorf  erlebt und in seinem Blog „Minds Delight“ perfekt dokumentiert. Seine Kreditwürdigkeit wurde allein durch die Tatsache, dass er in Berlin-Neukölln wohnt, massiv eingeschränkt. Das ist eine flagrante Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes unserer Verfassung. Und irgendwer hat sich solch einen Sozialer-Brennpunkt-Algorithmus ausgedacht – und schlimmer: irgendwer ganz oben hat ihn sich konzeptionell ausgedacht und in irgendeinem Gremium gut geheißen.

Hier brennt es politisch lichterloh. Viel schlimmer als bei Google oder Facebook, weil abseits aller Aufmerksamkeit. Hier müssen wir Digital-Apologeten aktiv werden. Wer, wie auch ich, die Schönheiten einer digitalen Zukunft besingt, muss klandestine Fehlentwicklungen anprangern, will er seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren. So lange Politik meint, man wäre schon digital, wenn man im Bundestag ein iPad nutzt, müssen halt andere ran…

Unkartiertes Neuland


Projekte wagen, die (noch) nicht möglich sind

Vor ein paar Jahren sah ich bei Freunden an der Wand eines Büros ein riesig dimensioniertes Modell eines großen Sportstadions hängen. Es stellte sich heraus, dass der Vater der Freundin bei der Ausschreibung für das Stadion für die Olympischen Spiele 1972 in München teilgenommen hatte. Das Modell an der Wand war sein Entwurf gewesen. Aus Höflichkeit nur so viel. Wir dürfen froh sein, dass nicht dieser Entwurf genommen wurde, sondern der mutige Zeltdachentwurf von Frei Otto.

Olympiastadion München - Die Realisierung

Ich habe mir später auch andere Entwürfe von damals angesehen, zum Beispiel das Modell, mit dem sich München 1966 (erfolgreich!) beworben hatte -langweilig und uninspiriert (siehe Foto). – Was haben wir damals in München für mutige, ja tollkühne Entscheider gehabt! Sie haben sich für die schönste, aber optisch und technisch riskanteste Lösung entschieden. Noch nie zuvor war eine Zeltdachkonstruktion aus Stahlseilen und Acrylplatten in dieser Dimension gewagt worden. Von diesem Mut profitiert München noch heute. Der Olympiapark ist weltbekannt und im Gegensatz zu anderen großen Sportstadien eine städtebauliche Attraktion, auch 40 Jahre nach seiner Eröffnung.

Planen mit nicht vorhandenem Material

Ähnlich viel Mut wurde beim Bau der Allianz Arena bewiesen, dem neuen, allabendlich weithin leuchtenden Wahrzeichen des Münchner Nordens. Als dieses Stadion in seinem speziellen Design beschlossen wurde, gab es die luminiszierenden, pneumatisch vorgespannten Kissen aus EFTE-Folie, die heute die Außenhaut der Arena bilden, noch nicht. Das Prinzip wurde erst im Laufe des Baus entwickelt.

Wenn es um Bauten geht, um mechanische Geräte oder um Maschinen (speziell Autos), dann sind wir mutig in Deutschland. Auch wenn es um kreative Nutzung von Elektrizität oder Chemie geht – bis hin zur Fahrlässigkeit. Nur wenn es um nicht greifbare, nicht haptisch fassbare Dinge geht, verlässt uns der Mut so schnell und so komplett. Deswegen spielt Deutschland im Bereich der Computer und der Software längst keine wichtige Rolle mehr. Und im Internet und seinem Business ebensowenig.

Olympiastadion München - Entwurf 1966

Fluchtpunkt Physikalität

Unser Fluchtpunkt, wenn es um nicht handfeste Dinge geht, also um Software, um digitale Produkte oder gar virtuelle, ist immer die Flucht ins Physikalische, zum realen Produkt: Da werden Onlinehandelsplätze zu Piazzas – oder es wird gar die altgriechische Agora als Metapher für einen Marktplatz bemüht. Da werden Datenspeicher zu Tresoren oder Bildspeicher zu Fotoalben. Oder neueste Peinlichkeit: Eine Löschfunktion für Bilder wird zum „digitalen Radiergummi“.

[Kleiner Exkurs hier. Dem Erfinder Prof. Michael Backes aus Saarbrücken gehört ein Ehrenplatz bei der nächsten Documenta. Die Idee, dafür Geld zahlen zu müssen, dass sich ins Internet gestellte Bilder irgendwann selbst löschen (wenn es denn funktioniert), zeugt von seltener Ignoranz – oder großer künstlerischen Chuzpe. Kunst, die sich selbst zerstört, war eine der provokativen Ideen des Dadaismus. Das jetzt kommerziell zu vermarkten, könnte interessant und witzig sein, wenn es nicht bierernst gemeint wäre. So ist es nur peinlich und traurig.]

Begreifen und Bedenken

Was treibt uns, dass wir Dinge unbedingt „begreifen“ wollen. Und wenn das nicht möglich ist, dass uns gleich „Bedenken“ kommen. Was ist das für eine risikoarme Kultur, eine Zöger- und Hader-Kultur, die solange nicht aktiv wird, bis die letzten Wagnisse ausgeräumt sind? Die Neuland nur dann zu betreten wagt, wenn sich zuvor schon Massen anderer hinein gewagt haben. Und dann wundert man sich, dass diese längst Claims abgesteckt und das neue Areal unter sich aufgeteilt haben. Und zwar zu ihren Bedingungen.

Ich hatte in meinem Leben mehrmals die „wundersame“ – und wunderschöne – Gelegenheit, etwas völlig Neues schaffen zu dürfen/können. Meist ohne ein Vorbild, das man hätte nachahmen können und immer unter extremem Zeitdruck.

Neues wagen

Die Münchner Stadtzeitung etwa, die post-ideologisch die Interessen einer jungen Stadtbevölkerung reflektierte. Wir haben sie im Team mit wunderbaren Kollegen und einem tollkühnen Verleger (Arno Hess) einfach „gemacht“, ohne vorher viel zu planen oder gar Marktstudien zu betreiben. Dafür war weder Geld noch Zeit da. Und weil wir es wagten, wurde sie erfolgreich, wuchs zusammen mit ihren Lesern und unserem (meist autodidaktisch durch Try & Error erworbenen) Können. – Dasselbe dann auch beim WIENER. Auch hier wurde – nicht zuletzt dank Chefredakteur Wolfgang Maier – gewagt und nicht gezaudert.

Noch extremer war das Projekt Europe Online: ein Onlinedienst in Deutschland, der nicht ein amerikanisches Vorbild kopieren sollte. Als die Entscheidung gefallen war, dass wir statt auf eine proprietäre Software und ein geschlossenes System a là AOL auf die offene Internet-Platform von HTML und offen zugängliche Inhalte setzten, waren gerade noch sechs Wochen Zeit, alles neu von Null an aufzusetzen, technisch wie inhaltlich. Keiner wusste, wie das gehen sollte. Es gab genug, die hielten das für unmöglich – und handelten danach. Und trotzdem waren wir pünktlich fertig und online – zu Weihnachten 1995.

Evolution schafft Neues

Das alles funktionierte nur mit einer Zuversicht, die sich aus der Erfahrung nährte, dass sich Wege finden, wenn man nur wagt. Es gibt eben auch positive Selffulfilling-Prozesse. Wenn man an etwas glaubt, dann kann man, zumal wenn man zuvor ein wenig nachgedacht hat, viel bewirken. Man muss es dann nur machen. Warum ist Facebook so erfolgreich und das deutsche Copycat StudiVZ nicht? Weil Mark Zuckerberg & Co. eine Idee hatten und im Prozess des Schaffens davon profitiert und so kontinuierlich dazugelernt haben. Das passiert denen, die wagen, aber nicht denen, die nur kopieren. Diese erleben nie das Momentum des Wagenden, diese kommen nie in den Schaffens-Flow dessen, der Risiken eingeht und loslegt.

Man kapiert in Deutschland – oder auch Europa – eben nicht, wie man ein neues Projekt starten kann, ohne einen nach allen Seiten abgesicherten Businessplan zu haben. Der ergibt sich aber aus dem Erfolg, der Verbreitung und den im Prozess des Schaffens gemachten Ideen und Erfahrungen. Außerdem sind nur Projekte, in denen etwas Neues gewagt wird, für wirklich kreative, innovativ denkende Menschen attraktiv. Sie sorgen dann mit ihrer Ingenuität schon dafür, dass solche wagnisreichen Projekte auch wirtschaftlich erfolgreich werden. (Dieser Effekt fehlt Kopisten völlig.)

Evolution funktioniert nun mal grundsätzlich so, dass dabei absolut Neues entsteht. Etwas, was daher noch nicht erforscht und kartiert sein kann. Man kann sich also dabei nicht absichern. Man kann nur „machen“, man kann nur wagen. Und das Neue entsteht eben nur, weil man es wagt. – Mir hat folgendes Bild sehr geholfen, Evolution zu verstehen: Man steht an einer Klippe (Edge) und geht in Richtung des Nichts – und nur indem man geht und wagt, entsteht etwas Neues – und man tritt so doch wieder auf festen Boden.

Diese Art zu Gehen sollten wir wieder lernen, irgendwie. Und möglichst schnell…

Augmented Retaility


Einkauf-Safari mit der Tram

Als ich ein kleiner Bub war, waren die Einkaufsfahrten in die Stadt echte Abenteuer, sozusagen Shopping-Safaris. Das wurde von langer Hand geplant, es wurde Geld besorgt (es gab ja noch keine Bankautomaten) und es wurden ausgiebig Pläne gemacht, wo man hin wollte und was besorgt werden sollte. Das Wort „Impulskauf“ war damals noch nicht erfunden – schon allein wegen der fehlenden Bankautomaten, Kreditkarten & Co.

Kaufhaus Oberpollinger

Wenn es dann in die Stadt ging – vom Stadtrand aus – dann ratterte man erst einmal für lange Zeit mit der Trambahn in die Innenstadt. Zuerst zum Ostbahnhof, dort gab es damals das Kaufhaus „Horn“. Das war eher klein, aber die Besitzerin Anna Horn, geborene Hübler, war mal Eisläuferin gewesen und hatte 1908 sogar olympisches Gold im Paarlauf gewonnen. Später war sie Sängerin und Schauspielerin, bis sie den Kaufhausbesitzer Ernst Horn heiratete. Nicht allein wegen dieser schönen biografischen Geschichte kaufte man dort ein. (So gesehen hat Marika Kilius falsch geheiratet. – Oder auch Rosi Mittermaier. Als Kaufhausbesitzersgattin müsste sie heute nicht durch Charts-Shows tingeln.)

Eine kleine Weltreise

Weiter ging es bei der Shopping-Safari durch Haidhausen und das Lehel ins Münchner Zentrum, zum Beck am Rathauseck, zum Kaufhof und natürlich zum Oberpollinger. Eine kleine Weltreise. Denn das war noch weit vor der Olympiade 1972 in München also lange vor dem Bau des S- und U-Bahn-Netzes in München und der Erfindung der Fußgängerzone. In der Innenstadt bewegten sich die Straßenbahnen damals mit gestoppten 4 bis 13 Stundenkilometern. So verwinkelt und verstaut war die Stadt.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs in Sachen Olympiade. Ich habe München vor, während und nach der Olympiade 1972 erlebt. Damals wurde aus einem verschlafenen Nest vor den Alpen eine wirklich attraktive Stadt. Und durch den Bekanntheitsschub wurde München in der Folge eines der beliebtesten Reiseziele Europas und eine der attraktivsten Städte für Arbeitnehmer. Da bleibt einem nur ein verzweifeltes Kopfschütteln, wenn Teile der bayerischen Grünen hier Profilierungsoptionen wittern. Zugegeben, Olympia 2018 ist was anderes als Olympia 1972, es ist kommerzialisierter und gigantomanischer. Aber es bringt unverändert viel. (Mal ganz zu schweigen, wie nötig Garmisch-Partenkirchen diesen Innovationsschub bräuchte!)

Reasons to buy

Aber weiter geht die Shopping-Safari durchs München der 60er-Jahre. Da es die Fußgängerzone nicht gab, schob man sich auf schmalen Bürgersteigen von Geschäft zu Geschäft. Die steuerte man gezielt an, weil „man“ dort kauft, und nicht anderswo. Das hatte zum einen mit dem sozialen Status des Geschäftes zu tun (Empfehlungen), mit seinem Renommee (siehe Kaufhaus Horn), seiner Historie (also ging man zu Oberpollinger), oder aber seinen Marketing-Aktivitäten.

Klamotten etwa wurden bei uns entweder bei Hirmer (Renommee) gekauft, dann durfte das auch ein wenig teurer sein (obwohl eisern gespart wurde, wir hatten ja unser Reihenhaus abzubezahlen!). Kleidung wurde aber vor allem bei Konen gekauft. Nicht nur, weil das Haus gute Ware und eine große Auswahl hatte, sondern vor allem, weil es einmal im Jahr Mütter und Kinder ins Deutsche Theater einlud, sie dort bewirtete und eine wunderschöne, liebevoll gemachte, große Show mit Artisten, Zauberern, Sängern – und natürlich auch einer Modenschau veranstaltete. Einmal habe ich es mit meinen hypnotisch auf den Laufsteg fixierten, glänzenden Augen und einem staunenden Liebkindgesicht sogar bis in die Wochenschau und als Foto in die Abendzeitung geschafft. Da war meine Mami stolz – und Konen hatte eine Stammkundschaft mehr.

After Sales Rituale

Das Kaufen selbst war aber eine Pein. Das war zum einen der üblichen, kindlichen Ungeduld geschuldet, vor allem aber dem wirklich kritischen Konsumverhalten meiner Mutter. Nur wer als Verkäufer ihren inquisitorischen Fragen stand halten konnte, hatte eine Chance, Umsatz zu machen. Wie gut ist der Stoff? Sitzt der auch noch in ein paar Jahren etc. Gibt es das nicht auch billiger? Und dieser Fleck hier, der ist doch auf jeden Fall ein Grund für eine Preisminderung! Ich fand das immer nur peinlich. Und die Schnäppchen, die sie so machte, waren fatal. Meine Ski oder meine Eislaufschuhe waren so minderwertig, dass ich den einen Sport sehr spät mit einem anderen Paar Skier lernte, Eislaufen habe ich nie gelernt.

Aber immerhin gab es nach dem Einkaufsmarathon immer eine Belohnung. Es gab wahlweise eine meiner Leibspeisen: ein halbes Hähnchen vom Grill bei Hertie oder den unnachahmlichen Backfisch mit Kartoffelsalat bei Hein Essers Hamburger Fisch(brat)stube am Isartor. (Dass es letztere nicht mehr gibt, ist ein echter Verlust. Das beste denkbare Fastfood auf dieser Seite des Atlantiks.)

Geo, Time und Ego-Location

Warum diese Kindheitserinnerungen ausgerechnet heute emporkommen? Das ist dem sehr schönen Papier des Trendbüros zum Thema „Augmented Retaility“ zu verdanken. Hier ist sehr gut das Mulitichannel-Kauferlebnis der Zukunft in einem Mix aus Mobile Internet, Social Media und Geolocation beschrieben. Die drei vielleicht wichtigsten Thesen des Papiers:

  • Kunden suchen nicht mehr Produkte, sondern Produkte müssen ihren Weg zum Kunden finden.
  • Augmented Retail muss Kunden einen Mehrwert in den Dimensionen von Ort (Geo), Zeit (Time) und Ich-Findung (Ego Location) bieten.
  • Wer nicht zugleich im Internet, im Mobilen Netz und dem Augmented Web präsent ist, wird nicht wahrgenommen.

Das Intermezzo des Lust-Shoppings

Es wird also wieder wie früher sein. Man geht nicht mehr frank und frei durch die Stadt und durch die Shops und lässt sich vom aktuellen Angebot verführen. Das Intermezzo des Lust-Shoppings, bei dem man sich selbst zum Konsumenten-Freiwild machte, ist vorbei. Es geht nicht mehr um immer ausgefallenere Konsumideen, auch nicht mehr um immer aberwitzigere niedrige Preise, sondern um eine persönliches Verhältnis zum Kunden, um stete und spontane Verfügbarkeit und um ein Renommee, das vom sozialen Umfeld geprägt bzw. „genehmigt“ wird.

Wir kehren wieder zu einem weit persönlicheren Verhältnis beim Kaufakt zurück. Der große Unterschied ist nur, dass wir uns nicht mehr wie einst auf einen beschwerlichen Weg machen müssen, wollen wir etwas kaufen, sondern es kommt alles auf uns zu. Der Anbieter, das Produkt und die Idee, es zu kaufen. Und das ohne alle werbliche Anbiederung, ohne alle marketingtechnische Manipulation, sondern ganz reell, ganz ernsthaft und ganz persönlich. Und so kurios es klingen mag, erfolgreiche Retailer der Zukunft können sich ein Vorbild an den Erfolgskonzepten von einst machen. Die Zaubermittel sind sehr ähnlich: Produkt-Qualität, Uniqueness, Storytelling, Investment in Customer, Content, Renommee, History, Beratungs-Qualität, Individualisierung, After-Sales, Direct Marketing etc. – Siehe oben!

Danke, danke, danke


Rente von der Post

Der einzige Beruf, den ich wirklich „erlernt“ habe, ist der des Briefträgers. Und was heißt „erlernt“. Ich habe eine einwöchige Einweisung bekommen, und das war’s. Da war ich 16 Jahre alt – und fortan habe ich in allen großen Ferien – und später dann in den Semesterferien als Zusteller bei der Post gejobt. 10 Jahre lang. Ich war knapp davor Rentenansprüche zu erwerben, hieß es damals im Scherz.

Briefträger war damals ein richtig toller Job, speziell im Sommer, wenn das Postaufkommen geringer war. Wenn man sich richtig sputete, dann war man schon um 13:00 Uhr mit allem fertig – und ab ging’s ins Michaelibad oder an den Feldkirchener Baggersee. Dort habe ich aber meist erst einmal mein Schlafdefizit ausgeglichen, schließlich ging es in dem Job schon um 5:00 Uhr oder 5:30 los.

Lehrstunde fürs Leben

Damals zahlte man noch viel Geld bar aus. Vor allem Renten wurden da noch persönlich an der Haustüre ausgezahlt. Meine Mutter fiel fast in Ohnmacht, als sie erfuhr, dass ich mit meinen 16 Jahren manchen Tag um den Zahltag herum mit 50.000 Mark in kleinen Scheinen unterwegs war.

Die Rentenzahlungen brachten netterweise beachtliche Trinkgelder. Zu den 1.500 Mark, die ich damals im Monat verdiente, kam gerne noch mal die Hälfte als Trinkgeld dazu. Je nachdem in welchem Viertel man unterwegs war. Im noblen Bogenhausen sah es damit schlecht aus. Keine Renten und die Ärzte, denen man täglich Massen von Päckchen mit Arzneiproben vorbeibringen musste, ließen sich noch den letzten Pfennig herausgeben.

Viel besser war es dagegen in den Arbeitervierteln in Ramersdorf oder Berg-am-Laim. Hier war es selbstverständlich, dem „jungen Studenten“ reichlich Trinkgeld zu geben. Und Lehrstunde fürs Leben: je kleiner die Rente war, die es auszuzahlen galt, desto höher das Trinkgeld. Und wehe, man zögerte es anzunehmen, denn das war Ehrensache.

Freiheit mit 120 Watt

Das Geld war mir damals auch wichtig. Es machte mich unabhängig von den pädagogischen Einflussversuchen meiner Mutter. Es finanzierte meine erste E-Gitarre, eine Les-Paul-Kopie von Höfner (die mit dem Bass, den Paul McCartney heute noch spielt) mit echten Gibson-Tonabnehmern. Dazu ein Dynacord-Verstärker (den ich vor lauter Röhren kaum heben konnte) und eine Allsound-Box mit 120 Watt Musikleistung.

Das war richtig schön laut. Im Reihenhaus reichte das selbst mit halber Stärke noch fünf Häuser weit. Später leistete ich mir sogar einen echten VOX AC-30. (Alles wurde irgendwann in irgendwelchen Übungsräumen geklaut, nur die Gitarre gibt es noch!)

Das Geld finanzierte aber auch Reisen. Denn in den verbleibenden 10 bis 14 Tagen der Ferien musste die zuvor – mangels Schlaf – zu kurz gekommene Erholung dann im Schnelldurchgang nachgeholt werden. Das führte dann auch schon mal zu einer Woche wortlosen Lesens am Strand und gefühlten drei kompletten Sätzen pro Tag.

Danken im Affekt

Diese autistischen Phasen waren nötig, um sich von der schlimmsten Berufskrankheit eines jungen, eifrigen – und natürlich höflichen – Briefträgerdaseins zu erholen: dem manischen Dank-Affekt. Als Briefträger, als höflicher noch zudem, hatte man stets für irgendetwas zu danken. Für Trinkgeld, für das Aufmachen von verschlossenen Türen, für Unterschriften, für angebotene Kaffees etc.. Das führte dazu, dass man sich schließlich irgendwann bei Jedem und für alles bedankte. Rein aus dem Affekt heraus. Selbst wenn einem die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde: „Danke!“

Das Danke-Sagen habe ich mir dann aber immer schnell wieder abgewöhnt, es war einfach zu uncool. Wie man sich ja überhaupt, wenn man sich vom Elternhaus und seinen Konventionen ablöst, erst mal dezidiert von den dort beigebrachten Höflichkeits-Gesten und -Floskeln frei macht. Das ist zwar nicht sehr schön für das persönliche Umfeld, vermittelt aber ein schön post-pubertäres Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit.

Die Schule der Dankbarkeit

Erst allmählich in der langen Phase des relaxten Erwachsenseins lernt man das Danke wieder zu schätzen – und auch selbst wieder zu verwenden. Wenn einem ein Kollege oder Mitarbeiter aus einer verfahrenen Situation hilft. Wenn man Unterstützung genau dann bekommt, wenn man es am nötigsten hat. Oder auch einfach, weil man sich über etwas freut.

Die beste Schule der ebenso unverbindlichen wie effektiven Danke-Kultur habe ich in den USA genossen. Da war zwar auch viel notorisches Danke-Sagen dabei wie ich es einst als Postbote praktiziert habe, aber ich habe es zu schätzen gelernt.

Digitale Dankbarkeit

Einen ähnlichen Prozess haben auch die digitalen Medien gemacht. Am Anfang, als Interaktivität noch kaum entdeckt war und praktiziert wurde, war ein Danke und positives Feedback absolute Mangelware. Das haben die Social Media dankenswerterweise (!) geändert. Jedes „Like“ ist ja nicht nur Zustimmung und Zeichen der Aufmerksamkeit, sondern auch immer ein kleines Danke. Ein Danke für eine schöne Formulierung, eine gute Idee oder einen wichtigen Gedanken.

Nur da, wo ein kleines Danke, eine zarte Anerkennung bzw. positives Feedback am dringendsten notwendig wären, fehlt es noch immer viel zu sehr: bei Online-Shopping und eCommerce. In den wenigsten digitalen Kaufprozessen bekommt der Kunde nötigen Rückhalt oder positive Anerkennung. Jeder gute Verkäufer weiß, wie wichtig es ist, einen Kunden bei der Entscheidung für eine Kaufinvestition kontinuierlich zu unterstützen und zu bestärken. Nur im digitalen Raum interessiert das kaum jemanden.

Man muss sich nur mal durch die diversen Konfiguratoren etwa der Autobranche kämpfen. Dort wird nicht einmal der rationalste Kunde glücklich. Wer aber etwas Emphase oder gar Empathie erwartet, keine Chance. Dabei braucht jeder die Umschmeichelung unserer tief sitzenden – und gar nicht so negativen – narzisstischen Bedürfnisse.

Danke an die Käufer – und an die Leser

Und das wäre dann die Krönung der Individualisierung im Kaufprozess. Jeder Kunde bekommt genau den emotionalen Response, den er persönlich braucht, genau die Dosis an „Danke“, die ihn freut. Nicht zu wenig, wie heute; und nicht zu viel, denn das wäre cheesy.

Apropos, lieber Leser: Danke, dass Du Dich so weit durch diesen Text durchgekämpft hast. Ohne Dein Interesse und Deine Aufmerksamkeit zu verlieren.

Im Ernst. Ich danke allen meinen Lesern, ohne Euer Interesse würde das Schreiben eines solchen Blogs nur halb so viel Spaß machen. Jeder Hit in der Seiten-Statistik ist ja auch ein Interesse-Danke. Besonderen Dank aber an alle, die Kommentare gegeben haben, hier, auf Facebook oder per Mail. Und ein ganz großes Dankeschön an alle, die auf diesen Blog verlinkt haben und so ganz neue Leser auf diesen Versuch, einen Unterschied zu machen, hingewiesen haben.

Interaktives Speisen


La Baracca, die Faszination selbstbestimmten Essens

Keine Angst, hier kommt keine Restaurantkritik. Nein nur die Schilderung einer kleinen Lehrstunde in Sachen Interaktivität, Selbstbestimmung – und wenn man so will: Digitalität. La Baracca ist das neue In-Restaurant in München. Immer voll, man kann nur mit Glück Tage im voraus einen Platz reservieren. (Vor Weihnachten war es dann ganz aus, da haben Firmen und Abteilungen ganze Fluchten reserviert – oder gleich das komplette Restaurant in Beschlag genommen.)

Das Besondere am Baracca ist, dass man hier nicht bei Kellnern bestellt, sondern alle Speisen über einen kleinen Tablet-Computer (nein, kein iPad!). Dort sind alle Speisen samt Foto und allen digestiven Werten (Kalorien, Fette etc.) verzeichnet und werden über das Device direkt bestellt. Und keine drei, fünf oder sieben Minuten später wird alles an den Tisch gebracht. (Pech hat, wer den guten Rat nicht befolgt, und gleich komplett alle Gänge bestellt. Die kommen dann gnadenlos alle gleichzeitig an den Tisch.)

Italieneske System-Gastronomie

La Baracca nennt sich“ italienisches“ Restaurant. Solche Anmaßung kennt man ja schon von der Vapiano-Kette. Bloß weil die Speisen italienisch heißen und aussehen, sind sie es noch lange nicht, vor allem wenn sie systemgastronomie-gerecht nach dem Prinzip „schnell und unaufwändig“ produziert werden. Das ist italienesk, nicht italienisch.Das Italienische an dem Restaurant ist am ehesten, dass es in den Räumen am Maximiliansplatz zuhause ist, in dem einst Ferraris verkauft wurden. Und o.k., das Design könnte man modern italienisch nennen – und das ist wirklich gelungen.

Der geneigte Leser ahnt es: Ich war zutiefst von der Qualität der gebotenen Speisen gefrustet. Nichts war richtig schlecht, aber halt auch nichts richtig gut. Schlimmster Fauxpas sind die Pizzen. Sie sind im Prinzip nicht schlecht, dünn und knusprig, aber weil es schnell und systemkonform gehen muss, werden alle Extrabeilagen erst nach Fertigstellung der Pizzchen kalt darauf gelegt. Kalter Schinken auf lauwarmer Pizza, das muss man mögen.

Das Ende jeder Diskretion

Aber ich habe ja versprochen, keine Restaurantkritik abzuliefern. Daher noch das letzte große Manko des Hauses. Da ja jeder Essplatz seinen eigenen Tablet-Computer hat, der mit einem dicken Kabel in einem Aufbewahrungsschacht steckt, sind die Tische extrem breit, um Platz für Computer plus Essplatz zu schaffen. Das bringt es mit sich, dass man sich kaum mit seinem Gegenüber am Tisch unterhalten kann, es sei denn man spricht sehr laut. Da das aber so ziemlich alle tun, ist es zum einen sehr laut (was zu noch mehr eigener Lautstärke führt) und zudem bekommt man wirklich in aller Deutlichkeit mit, was die Tischnachbarn bewegt. Da reicht das Spektrum von Büroalltag bis zu Beziehungs-Intimitäten. Diskretion ade!

Damit nicht genug der Ärgerlichkeiten. Im Baracca werden alle Bestellungen auf einen  Chip gespeichert, der in einer Art Leder-Ticket verborgen ist. Keine schlechte Idee eigentlich, wenn sie nur funktioniert oder wenn dadurch das Auschecken schneller ginge. Weil das System aber noch hakt, ist leider das Gegenteil der Fall. Das führt zu reichlich Ärger am überforderten Check out. Im La Baraacca kann man sich mit diesem Leder-Chip auch seinen Wein selbst an einer Art Automaten abfüllen und so etwa das Weinangebot vorkosten. Aber auch hier mit der Einschränkung: wenn es nur gut funktionieren würde.

Es gibt also genug zu bemängeln im La Baracca. Eigentlich keine übliche Erfolgsmethode. Aber dessen ungeachtet brummt das Lokal – und man wird immer wieder gefragt: warst du schon… da musst du hin! Man schaue nur mal zu Qype: das Bild ist kurios. Die eine Hälfte der 67 Bewertungen sind Lobeshymnen, die andere Hälfte Verrisse und Schilderungen von Rundum-Desastern. Und beide Positionen werden mit viel Emotion und Herzblut vertreten.

Der Erfolgsfaktor De-Personalisierung

Blieb vor Ort – und auf der Rückfahrt genug Zeit, mal kurz zu reflektieren, warum Menschen und ganz besonders junge Frauen, die das Gros des Publikums stellen, bereit sind, mediokre Essqualität, technische Widrigkeiten und eine handfeste Lärmkulisse nicht nur zu tolerieren, sondern sogar deutlich zu goutieren. Sonst würden sie dieses Lokal nicht auch noch lautstark empfehlen, weil hip und so geil digital.

Meine These über den Erfolg von La Baracca geht so. Ein junges, computeraffines Publikum ist es längst gewohnt, online zu bestellen, warum nicht auch im Restaurant. Der Vorteil. Man muss nicht darauf warten, bis ein Kellner/eine Kellnerin einem die Gunst schenkt. Und man wird auch bei seiner Bestellung zu nichts genötigt, nicht mal durch  hochgezogene Augenbrauen. „Ein Rotwein zum Fisch, Madame?“ Man kann sich nicht blamieren, indem man was falsch ausspricht. Die De-Personalisierung ist garantiert ein Erfolgsfaktor. Und zugegeben, es kommt wirklich alles sehr schnell an den Tisch.

Und es scheint außerdem ein Restaurant-Klientel zu geben (junge Damen beispielsweise), das sehr gerne genau Bescheid wissen will, wie viele Kalorien bzw. welche Kohlehydrat-, Fett- und Einweißmengen sich demnächst auf den Weg in den eigenen Magen machen beziehungsweise sich in die Fettpölsterchen abzulagern drohen. Die Rationalisierung des Ernährungsvorganges ist wohl allenthalben auf dem Vormarsch.

Zeitgerechtes Gerichte-Sampling

Die Befreiung vom Diktat des persönlichen Umgangs, der Anonymisierung des Bestellvorgangs wird scheinbar als Akt der Befreiung erlebt. Man kann sich seine Menüfolge völlig willkürlich zusammenstellen. Man kann mit Süß anfangen und mit Sauer aufhören, man kann mehrere Desserts nacheinander verdrücken, und keiner mosert. Vor allem aber kann man in der Gruppe alles mögliche durcheinander bestellen und dann untereinander austauschen und probieren. Diese Interaktion hat einst das Fondue zur beliebten Gruppen-Degustation werden lassen.

Der Trend zum interpersonellen Essen und dem Speisen-Sampling nimmt sowieso schon längst spürbar zu. Man pickt sich durch die Teller der Anwesenden anstatt sich auf eine bestimmte Speise festzulegen. Social Media à la carte sozusagen. Es gibt schon Menschen, die erst abwarten, was die schlimmsten Teller-Ursupatoren bestellen und bestellen dann dasselbe, weil sie nur so die Chance haben, ungestört ihren Teller aufessen zu können.

Fragt sich, ob die Prinzipien des Internets La Baracca so erfolgreich machen : Online-Bestellung, Kosten-Kontrolle, umfassende Information (KalorienLeaking), Instant-Delivery, Interaktion, Sampling, Anonymität, social? Oder sind genau das die inneren Bedürfnisse unserer Zeit – und sie haben das Internet so erfolgreich werden lassen? Oder noch einmal anders herum: Sie geben uns so viele Freiheiten, sie geben uns mindestens das Gefühl, selbstbestimmt zu sein, und spontan und unkonventionell… – Daher ist es so wichtig, dass jeder, der heute erfolgreich sein will, mit einer Business-Idee, einer Marketing-Kampagne etc. diese Prinzipien anwendet.

Wandel und Handel


Paradigmenwechsel gehen nie sanft vonstatten

Mario Sixtus, kompetenter Blogger und Twitterer, lange Zeit „Elektrischer Reporter“ des ZDF, brachte es am 6. Dezember in einem Tweet auf den Punkt: „2010, das Jahr, in dem nicht Bomben eine Großmacht die Fassung verlieren ließen, sondern Informationen. #wikileaks“ – um Minuten später im nächsten Tweet zu prognostizieren: „2011, das Jahr, in dem die Mächtigen alles versuchen werden, um das Netz unter Kontrolle zu bekommen.“ Er könnte recht haben.

John Wilkes

Noch kein Paradigmenwechsel, vor allem kein essentieller, ist je still, sanft und friedlich verlaufen. Und schon gar nicht, wenn es um einen Quantensprung in der Verbreitung von Informationen ging. Man denke da nur mal an Johannes Gutenberg oder Martin Luther – oder auch an John Wilkes. Dieser Kämpfer für die Pressefreiheit im England des 18. Jahrhunderts wurde etliche Male verhaftet, verbannt und verurteilt, weil er dafür kämpfte, dass über Unterhausdebatten im Wortlaut berichtet werden durfte. Das war verboten, weil geheim; weil die Obrigkeit davon ausging, dass das gemeine Volk zu dumm, zu sensibel und psychologisch zu wenig stabil war, um die politischen Debatten im Wortlaut mitzuverfolgen. Juristisch verfolgt wurde Wilkes damals vor allem aufgrund seines sexuell recht ausschweifenden Lebens! (sic!) (Die Geschichte erzählt Henry Porter sehr schön im Guardian.)

Trägheit der Evolution

Es ist das Wesen der Evolution, dass es immer wieder Umbrüche und Neuerungen gibt. Wäre es nicht so, wir Menschen hätten es nie so weit gebracht, dass wir uns über WikiLeaks und die Folgen streiten könnten. Ja wir hätten es nicht einmal so weit geschafft, zu solch Boshaftigkeiten (Diplomaten-Depeschen) oder Bösartigkeiten (Militär-Mord per Hubschrauber im Irak) fähig zu sein, über die WikiLeaks uns aufklärt. (Eine sehenswerte Dokumentation zu Wikileaks hat das schwedische Fernsehens produziert – und online gestellt.)

Noch nie aber gab es in der Geschichte der Menschheit – oder unserer kleinen Evolutions-Brutstätte namens „Erde“, dass Neuerungen oder Umbrüche ohne den Widerstand des Bestehenden passierten. Im Normalfall siegt sogar der Status Quo gegen das Neue. Neue Paradigmen müssen schon sehr stark und überzeugend sein, um gegen die Kraft der Norm zu siegen. Diese müssen schon sehr dringend nötig sein, dass sie den Durchbruch schaffen. Diese Trägheit der Evolution ist hilfreich und nimmt ihr die Willkürlichkeit – und sorgt für ihre positive Intention.

Der Widerstand des Bestehenden ist verständlich und erklärlich. So leicht es sich dahin spricht, dass in jedem Neuen große Chancen liegen, es gibt immer viele, die dabei verlieren werden oder zurückstecken müssen. Und das ist im Normalfall die große Mehrheit. Und wer verliert schon gerne, woran er vielleicht sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, einer Position, einer Karriere, einer vermeintlichen finanziellen Sicherheit. Da wird Neues aus schlichtem schnöden Eigeninteresse blockiert. Maxime: Hinter mir die Sintflut.

John Paton, der Sanierer der Journal Register Company (JRC), die in Michigan, Ohio, Connecticut und Philadelphia Marktführer in der Zeitungsbranche ist, erklärt in seiner erfrischend direkten Abrechnung mit der (amerikanischen) Zeitungswirtschaft, warum der nötige Umbruch gescheut wird wie der Teufel das Weihwasser: „The reasons are simple: Fear, lack of knowledge and an aging managerial cadre that is cynically calculating how much they DON’T have to change before they get across the early retirement goal line. Look at the grey heads in any newspaper and you will see what I am talking about.“

Die Latenz des großen Geldes

Der größte Bremser des (über-)fälligen Paradigmenwechsels von analoger Welt zu einer digitalen, von analogen zu digitalen Medien, von analoger Politik und analoger Wirtschaft zu digitaler ist allen voran das Geld. So wild auch immer auf die irrwitzigsten Finanzkonstruktionen gewettet wird, bis es buchstäblich „kracht“, so risikoscheu ist im Prinzip das große Geld. Es hat so viel mehr zu verlieren als zu gewinnen, wenn es zu grundlegenden paradigmatischen Veränderungen kommt.

Es gibt bei Umbrüchen zwar stets mehr Gewinner als Verlierer, aber wer Verlierer und wer Gewinner sein wird, steht vorab nicht fest. Und die Gewinner sind leise, die Verlierer laut. Also bekommt die Mehrheit Angst, eventuell Verlierer sein zu können. Und die. die relativ sicher sein können, zu den Verlierern zu gehören, investieren alles in ihrer (verbliebenen) Macht stehende, um den Status Quo möglichst lange hinaus zu zögern. Und die beste Methode dabei ist, Angst und Zweifel zu säen.

Eric Schmidt, CEO von Google, hat das auf sehr offene Weise in seiner Rede am Aspen-Institut – und speziell in seiner Antwort dort auf die Frage von Jeff Jarvis klar gemacht. Er stellt fest, dass das Geld, das große Kapital den Wandel ins Digitale (noch) nicht will. Daher bauen diese zusammen mit der Politik und der Verwaltung Barrieren und Regulative auf, um den Wandel, wenn sie ihn schon nicht verhindern können, wenigstens möglichst weit abzubremsen und aufzuhalten. Entwicklungen, die einen Bruch absehbar machen, sind daher gegen all die Interessen derer gerichtet, die es sich in dem bestehenden System bequem gemacht haben.

Druck des Systems

Das ist nicht die Sicht eines der Kapitalismuskritik verdächtigen Umstürzlers, sondern des Chefs eines der erfolgreichsten und innovativsten digitalen Konzerns. Und er meint das nicht als Kritik, sondern als Feststellung einer Tatsache. Und was wir in den vergangenen Wochen als Reaktion des Big Business auf WikiLeaks und dem daraus entstehenden politischen Druck erlebt haben, ist nur die logische Konsequenz daraus: Mastercard, Visa und die Banken haben kein Interesse an WikiLeaks und deren Sprengkraft.

Überraschender – und enttäuschender – ist da schon die wetterwändische Haltung digitaler Megabusinesses wie Amazon oder Paypal. Aber auch hier sind „analoge“ Manager am Werk, und gerade auch diese Firmen sind vom großen Geld und den Regulatoren in der Politik abhängig – oder meinen es zu sein.

Eric Schmidt sieht aus seiner Sicht nur einen Ausweg, wie es dann doch zum nötigen Wandel – von analog zu digital – kommen kann. Der Druck des Marktes muss so groß sein, dass auch Bremser mit den großen Geldbündeln einsehen, dass das große Geld nicht mehr im Bestehenden zu holen ist, sondern dass da eher mehr zu verlieren ist.

Würde mich freuen von Mario Sixtus zu lesen: 201x, das Jahr, in dem die Mächtigen den Kampf gegen das Digitale aufgegeben haben. – Zugegeben, das wird noch eine Weile brauchen. Aber auch wir, der Markt, der Wähler und Netzbürger entscheiden mit, wie lange das dauern wird. Weniger durch Attacken auf Netserver, sondern weit besser durch gezielte Wahl unserer digitalen (Finanz-)Dienstleister…