Freiheit in unfreien Zeiten


Wir sind alle verdächtig!

Die bislang beste Abrechnung mit Angela Merkel ist von Jakob Augstein im Spiegel geschrieben worden. Perfekt in der Analyse und Argumentation. Dem muss man kaum etwas hinzufügen. Aber reicht solch fundamentale Kritik, und wenn sie noch so gut und überzeugend formuliert ist, um weitere vier Jahre Angela Merkel als Kanzlerin samt ihrer inhaltlichen Orientierungslosigkeit zu verhindern? Hat solch eine Argumentation eine Chance, bei den Wählern anzukommen? Ich bezweifle es.

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Soll man sich also einfach in sein Schicksal der Komplettüberwachung ergeben? Schon bald wird es wirklich jeder schaffen, ins Verdachts-Umfeld von Terrorverdächtigen zu geraten. Die NSA checkt mittlerweile bis in die dritte „Generation“ von Freundeskreisen: der Freund eines Freundes eines Freundes eines Verdächtigen. Und sie weitet ihr Netz und ihr Verdachtsmomentum kontinuierlich aus. Inzwischen sind wir in dieser globalen Welt von jedem (jedem!) beliebig anderen Menschen in dieser Welt nur 4,74 Bekanntschaftkontakte entfernt. Und der Grad verringert sich – dank Social Media – kontinuierlich weiter.

Der liebe Gott sieht alles!

Spätestens wenn die NSA den vierten Freundschaftskontakt eines Verdächtigen zusätzlich in sein Überwachungsvisier nimmt, werden wir schon bald allesamt, alle 7,15 Milliarden plus Erdenbürger irgendwie verdächtig sein. Inklusive natürlich all derer, die uns bespitzeln und überwachen. Auch alle verdächtig! – Wie grandios absurd ist das!

Ich habe damit zunächst kein Problem, Verdächtiger zu sein und daher kontinuierlich überwacht zu sein. Das habe ich in meiner klassischen katholischen Erziehung perfekt gelernt und jahrelang aktiv praktiziert. Dank der Erbsünde war ich sowieso Sünder. Und so konnte ich mir stets und überall der Überwachung durch die heiligsten Instanzen sicher sein. „Der liebe Gott sieht alles!“, drohte meine Mutter immer – und eine lange Zeit lang durchaus mit Erfolg.

Kampf um Freiheit

Ich versuche mich daher daran zu erinnern, wie ich mich damals im kontinuierlichen Zustand der Überwachung von oben gefühlt habe. An das schlechte Gewissen, wenn man nur daran gedacht hat, etwas zu tun, was nicht gewollt oder nicht „erlaubt“ war. Natürlich habe ich es dann alles doch getan. Aber an das miese Gefühl, wenn ich etwa unliebsame Zeitschriften gekauft habe (z.B. „TWEN“ mit nackten Hamilton-Mädels) oder in Filme gegangen bin, in denen nackte Haut zu sehen war, erinnere ich mich noch sehr gut. Und das als „wohligen Schauer“, etwas Verbotenes zu tun, zu verklären, würde der Sache nicht gerecht.

Meine Erkenntnis aus dieser Erinnerung an eine göttliche Totalüberwachung ist so unangenehm wie banal: Egal wie nahtlos die Überwachung war und wie sehr sie real erlebbar war (erwischt werden, Beichte etc.), man hat doch, je älter man wurde, getan, was man wollte. Ganz einfach, weil man sich nach Freiheit sehnte. Einem Ideal von Freiheit, die man damals noch gar nicht rational erfassen konnte. Und die Transgressionen waren der einzig gangbare Weg dorthin – damals.

Die Paranoia der Datensammler

Wir werden unser Leben nicht wirklich wegen der Totalüberwachung durch die NSA und all die anderen Geheimdienste, ob Freund oder Feind, ändern. Wir werden uns weiter mit unseren Freunden in Facebook und Twitter und sonstwo vernetzen. Vielleicht gibt es auch schon bald, wenn Facebook nicht aufpasst, ein neues Netzwerk, das mehr Privatsphäre und Datensicherheit verspricht. Hauptsache, wir können uns ein wenig in Sicherheit wiegen, dass die Schnüffelei schwieriger wird.

Die Firmen werden noch paranoider versuchen, ihre Betriebsgeheimnisse zu bewahren. Die IT-Abteilungen werden weiter an Macht gewinnen, und alle Firmen, die (Daten-)Sicherheit und Abschottung verkaufen, werden gute Geschäfte machen. Das Marketing wird dagegen eine Art kommerzielle Datensammel-NSA werden. Alle Fachleute sind sich (relativ) einig, dass Marketing in Zukunft nur mit perfekter Analyse massenhaft gewonnener Daten (Stichwort: Big Data) funktionieren kann. So werden wir dann in Firmen eine kuriose Symbiose von exzessiven Datensammlern und paranoischen Datenbewahrern erleben. Das kann lustig werden.

Wer schließt die Büchse der Pandora?

Wer glaubt eigentlich, dass der Un-Geist der Totalüberwachung wieder in die Flasche wieder zurück gebracht werden kann aus der er entwichen ist? Wer glaubt, dass die Büchse der Pandora wieder zugedreht werden kann? Ein Geheimdienst, der dafür da ist, Daten zu sammeln –  je geheimer, je persönlicher und je aussagekräftiger, desto besser – muss in digitalen Zeiten aus seinem logischen Selbstverständnis heraus so handeln, wie es NSA & Co. jetzt tun. Und je mehr machbar ist, desto mehr müssen sie machen – und sammeln.

Würden sie es nicht tun, würden sie wahrscheinlich von denselben Medien, die sie jetzt kritisieren, an den Pranger gestellt werden: als Versager, Technik-Dilettanten, Digital-Idioten etc. Und die Dienste der verschiedenen Staaten und Systeme stehen dabei noch untereinander in einem unerbittlichen Wettkampf um die meisten Daten, die besten Algorithmen und die größte Computerintelligenz (Primzahlen etc.). Ein Wettkampf, der durch kein Daten-Kyoto-Protokoll je wirksam zu zügeln sein wird. Dazu ist er zu klandestin und unkontrollierbar. Und dann wären da noch die privaten Kombattanten: Cyber-Kriminelle, Daten-Mineure und Hacker-Egomanen, die den Wettbewerb weiter anheizen.

Spürbar Gegenwind produzieren

Wie will man solch manische Datensammler zügeln? Jeder gelungene Terroranschlag ist Wasser auf ihre Mühlen. Vor allem in Gesellschaften, wo jeder Terror-Tote medial so viel Aufmerksamkeit erregt und Urängste weckt. Jeder, der nicht zu unrecht verdächtigt wird, jeder in Frieden gelassene Unschuldige, jeder, der nicht überwacht wird, ist dagegen immer anonym und per se virtuell. Er wäre, gäbe es ihn, nicht nachweisbar. Er existiert in unserer Mediengesellschaft einfach nicht. Eine bittere Erkenntnis.

Wir müssen um unsere Datensouveränität kämpfen, keine Frage. Eine Kapitulation unserer Zivilgesellschaft vor der Zwanghaftigkeit der Überwachungsorgane darf nicht stattfinden. Sie müssen Gegenwind spüren. Vielleicht kann man so wenigstens im Dekokratie-Universum die Budgets der Geheimdienste etwas eindampfen. Die vielleicht einzige wirksame Methode, den Wahnsinn, wenn schon nicht zu stoppen, so wenigstens einzubremsen. Wir müssen zudem erzwingen, dass es Kontrolleure der Datenmacht  gibt, die Algorithmen überprüfen können und die sich eventuell um die Opfer der Datenpolizei kümmern können.

Eine neue Kultur der Freiheit

Aber wenn wir realistisch sind, dann müssen wir parallel dazu eine neue Kultur des Umgangs mit der Komplett- und Allzeit-Überwachung entwickeln. Wenn die Geheimdienste die Macht im Staat übernehmen und wenn sie die Kontrolle über uns, unsere Psyche, unsere Ängste – und unsere Freiheit übernehmen, dann ist das der Worst Case. Schlimmer als es George Orwell oder Franz Kafka sich in ihren schlimmsten Alpträumen ausgemalt haben. Schlimmer als es die Kirche zu ihren schlimmsten Zeiten exerziert hat.

Es ist unsere Freiheit, die wir verteidigen müssen, die wir uns nicht nehmen lassen dürfen. Und sei es, dass wir sie weiter leben, obwohl sie überwacht und bedroht ist. Und wir nutzen weiter Social Media. Schon um so besser aufeinander aufpassen zu können, dass keiner dabei unter die Räder kommt. – Das meine ich mit einer neuen Kultur, einer neuen Freiheitskultur in Zeiten der Komplett- und Totalüberwachung. Die Alternative wäre eine gesamtverdächtige Gesellschaft in Vorbeugehaft, ohne Chance auf Berufung und Haftverschonung. (Ist es ein Zufall, dass uns der Fall Gustl Mollath so nahe geht?)

Mutti hin, Mutti her


Wofür steht Angela Merkel?

Kommt man im Ausland auf Angela Merkel zu sprechen, reibt man sich oft danach die Augen. Egal ob in den USA, in Frankreich, England oder Italien erlebt man – wohlgemerkt jenseits des Pressepöbels, der sie gerne in Naziuniformen steckt – viel Hochachtung für unsere Kanzlerin. Eine Frau, eine Physikerin, eine Ostdeutsche gar führt eine der wichtigsten Wirtschaftsnationen in dieser Welt. Boah ejjh! Da können sie anderswo mit ihren Juristen, Berufspolitikern und Karrierehengsten nicht mithalten. Also eine Hochachtung mit einem leisen Hauch von Neid.

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Die Unterschrift von Angela Merkel. Was wohl Graphologen daraus schließen mögen?

Also hält man inne und lässt sich das alles mal auf der Zunge zergehen. Stimmt ja. Eine Frau hat es geschafft, all die Wulffs, Stoibers, Schäubles oder Kochs auflaufen oder ins Leere laufen zu lassen. Von den ehrenwerten bis windigen Herren der SPD mal ganz zu schweigen. Eine Frau! – Aber was haben die Frauen davon??? – Es ist dann doch nicht so ganz falsch, wenn Kabarettisten Angela Merkel längst salopp zur „Mutti“ abgestempelt haben. Sie hat sich jenseits aller Geschlechter-Rollenmuster in eine Art Transgender-Kümmer-Rolle zurückgezogen.

Respekt und Neid für Merkel

Wir haben eine Kanzlerin, die in Ostdeutschland aufgewachsen ist. Die den ganzen Wahnsinn des Kontrollstaates und der Planwirtschaft am eigenen Leib erlebt hat. Diese Vergangenheit ist dann auch einige nette Anekdoten wert, wie sie sich durch das System damals gemogelt hat. Und was hat Ostdeutschland davon? – Eher nichts. – Und was das Engagement für einen Staat angeht, der für informelle Selbstbestimmung und eine  starke Demokratie steht, da erlebt man gerade eine Wurstigkeit bei Angela Merkel, die nahezu gespenstisch ist.

Ja, und wir haben eine Kanzlerin, die promovierte Physikerin ist. Davon merkt man jenseits ihrer Fähigkeit, ihr missliebige politische Kräfte so auszutarieren, dass sie im Vakuum der Machtlosigkeit zerfallen, wenig. Weder stärkt sie den Wissenschafts-Standort Deutschland. Im Gegenteil, der scheint ihr ziemlich wurscht. Und für Bildung hat sie jenseits braver Sonntagsreden auch noch nie was getan. Geht sie nichts an, ist Ländersache. Und die Energiewende? Der Atomausstieg? Da hatte man mal kurz den Eindruck, einen Hauch von genuinem Interesse zu entdecken. Aber längst ist darüber wieder grauer Alltag eingekehrt.

Das Erschrecken vor der Alternativlosigkeit

Wofür, bitte steht dann Angela Merkel? Für wirtschaftliche Kompetenz sicher eher kaum. So käseweiß und sichtlich tief geschockt, wie sie an den Tagen nach dem Lehman-Debakel vor den Fernsehkameras ebenso brav wie krampfhaft versuchte, jeden Ansatz von Panik im Keim zu ersticken, durfte man annehmen, dass sie gerade einen Crash-Kurs (im Sinne des Wortes) in Sachen Finanzwelt (und seine tiefen Abgründe) durchmachte. Passend dazu ihr Mantra, das sie seitdem – sehr Physiker-untypisch – intoniert: ihre (Finanz-)Politik sei „alternativlos“.

Für Europa steht Angela Merkel auch nicht. Da scheint ihre Vergangenheit in der DDR-Diaspora besonders schwer durchzuschlagen. Man erlebt keinerlei Begeisterung für Europa, für seine Vielfalt, für seine kulturelle Kraft. Im Gegenteil, das scheint ihr eher zuwider, denn es macht ja nur Probleme. Und sie versteht, so scheint es, diese komischen Völkchen da unten im Süden auch nicht. Ihre notorischen Urlaube im Süden – ausgerechnet im kreuzspießigen Ischia – haben da leider keinerlei positive Effekte erzielt. Sie versteht die so andersartigen politischen, sozialen – und gar religösen – Kulturen, die dort noch herrschen, nicht. Sie versteht nicht Stolz und Lässigkeit und Lässlichkeit. Das ist nun aber auch wirklich der völlige Gegenentwurf zu einem mecklenburg-pommerschen Wesen.

Verzweiflung über die Konkurrenz

Was im Himmel treibt die Frau an? So vergnüglich ist ihr Leben als Kanzlerin nun wirklich nicht. Ist es Pflichterfüllung, Solidität? Ist es doch die Lust an Macht – gerne offiziell als Möglichkeit, politisch gestalten zu können, kaschiert. Oder ist es die schiere Verzweiflung darüber, dass wirklich jeder ihrer eitlen – männlichen – politischen Konkurrenten – ob in der eigenen Partei, beim Koalitionspartner oder bei roter oder grüner Opposition – so viel unbegabter, trottliger oder ich-verliebt ist, das sie nicht in einem Land leben will, dass von solchen Macht-Amateuren geführt wird.

Solch eine Verzweiflung ist gut nachzuvollziehen. Ist es ja die verbreitete Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung. Lieber eine Mutti, die für nichts steht außer, dass man zu wissen vermeint, wofür sie steht, als jeder andere Kandidat. Trittin? Steinbrück? Gabriel? – Ja es geht immer noch ein bisschen schlimmer. Wie der Einäugige gut und gerne der König der Blinden sein mag, so scheint Angela Merkel in der deutschen Politik „alternativlos“. Und so etwas nennt sich dann Bundestagswahl.

Allergie gegen Mutti-Attitüde

Auf der anderen Seite, was kann es Angenehmeres und Bequemeres geben, gegen solche Gegner in solch einem Themenvakuum so genannten Wahlkampf zu machen. Da muss Angela Merkel nur sorgfältig darauf achten, dass bei allen politischen Themen, die vielleicht ein wenig Sprengkraft entwickeln könnten, die Zündschnur sorgfältig feucht gehalten wird. Das ist nicht schwer, dafür reichen ein fulminantes Schweigen und notorisch nach unten gezogene Mundwinkel. Und im übrigen kann sie sich darauf verlassen, dass die Gegner sich gegenseitig selbst Beine stellen.

Mein Problem ist, dass ich mich mit solch einem Zombie von politischer Wirklichkeit nicht abfinden will. Ich gebe zu, dass, bei aller Liebe zu meiner Mutter Ursula Konitzer selig, ich seit meiner Kindheit eine ausgeprägte Allergie gegen jede Art von „Mutti-tum“ habe. Ich liebte die lustige und aktive Uschi in meiner Mutter. Ich genoss ihre Liebe als Mutter. Ich bewundere sie bis heute für ihre Reiselust und ihren Mut (Italien, Spanien und Marokko in den 50er-Jahren!). Und ich liebte besonders meine weiche, altersweise Mutter. Aber was ich nie verputzen konnte, war die lange Zeit ihrer Mutti-Attitüde. Damit verbinde ich Assoziationen an Kontrolle, Macht um der Macht willen und Besserwisserei. Und das alles unter dem Deckmäntelchen des Kümmerns, der Religion – und der Sorge um Wohl und Zukunft des Sprösslings.

Sorge als Selbstzweck

In Wahrheit war diese Sorge eher Selbstzweck. Sorge, dass man nach außen nicht gut dasteht. Dass man seine „Hausaufgaben“ nicht gemacht hat. Dass der eigene Garten möglichst ordentlicher ist als der des Nachbarn. Sorge als uneingestandene Angst vor Versagen und als Reaktion auf eine große ideelle Leere. Was man auch tat, war falsch, da man sich nie entschieden hatte, was man richtig finden sollte. Es gab keine Haltung, nur Vorhaltungen. Es gab kein Ziel, nur jederzeit änderbare Absichten. Und natürlich gab es zu alledem keinerlei Alternative. Denn Muttis haben eine transrationale Legitimation. Und sie sind selbstreferentiell. Sie haben recht, weil sie es so sagen. Ihr Wertesystem ist das Maß aller Dinge. – Selbstzentriertheit als ganz besonders Spielart des Egoismus.

Ich gebe zu, ich habe sehr persönliche Gründe, nicht von einer Mutti als Kanzlerin regiert werden zu wollen. Aber ich habe schwer das Gefühl, dass es einer Menge Menschen in Deutschland genauso geht. Mutti hin oder Mutti her. – Und danke der Nachfrage: Nein, Onkel Peer und Vetter Sigmar sind zur Familienfeier im Herbst gar nicht erst eingeladen…

Im tiefen Tal der Exponentialität


Digital – exponential – combinatorial

Mich treibt seit einiger Zeit das Gefühl um, wie absurd die komplette Diskussion über unseren deutschen Weg ins Digitale Zeitalter ist. Leistungsschutzrecht, Bandbreitendrosselung, Gema-Rechthaberei, Netzneutralität… – you name it. Das sind Themen, die in absurder Weise an der digitalen Realität vorbei gehen – und von ihr nur ablenken. Der gesamte Diskurs wirkt wie aus der Zeit gefallen, als sei die Welt in das bräunliche Sepia vergilbter Schwarz-Weiß-Fotos getaucht. Dazu passt das Ergebnis einer Studie der Initiative D21: „Die  meisten Deutschen sind nicht in der digitalen Welt angekommen.“

Erik BrynjolfssonDie digitale Realität ist so krass konträr zu unserer deutschen digitalen Befindlichkeit – oder bar jeder politischen Gestaltungslust (die Piraten eingeschlossen). Dabei bin ich mir sicher: Es wird alles so viel schneller – manche werden sagen „schlimmer“ kommen als wir erwarten – oder befürchten. Die Entwicklung wird so rabiat, so grundsätzlich und so einschneidend sein, wie wir es uns in unseren kühnsten Träumen – oder Alpträumen – kaum auszumalen vermögen. Mein ungutes Gefühl verdichtete sich zur Gewissheit, als ich auf TED.com den Vortrag von Erik Brynjolfsson „The key to growth – race with the machines“ gehört habe.

Die unsichtbaren Gratis-Effekte des Internet

Erik Brynjolfsson skizziert in seinem Vortrag die Produktivitätseffekte der digitalen Welt und deren Wirkung auf das wirtschaftlichen Wachstum. Er ist ein ausgewiesener Fachmann zu diesem Thema, denn er ist Direktor des MIT Center für Digital Business und Mitglied des amerikanischen National Bureau of Economic Research. Seine Studien zeigen, wie sehr sich die Alltagswirklichkeit, vor allem aber die Arbeitswelt verändern werden.

Schon eine seiner einleitenden Thesen gibt eine Vorahnung, wie sehr wir einer fatalen Selbsttäuschung erliegen, was etwa unsere wirtschaftliche Situation und unsere Produktivität betrifft. In allen statistischen Berechnungen von Wirtschaftsleistungen finden die vielfachen Wirkungen der vielen Gratisdienste des Internet wie Google, Wikipedia, Maps, Spotify & Konsorten keine Berücksichtigung. Da sie nichts kosten, finden sich ihre segensreichen Wirkungen in keiner Berechnung von Wirtschaftsleitung und Wirtschaftskraft, in keinem Bruttosozialprodukt und keiner Produktivitätsberechnung wieder.

Wir sind längst weiter als wir denken

Rechnet man deren Wirkung ein, müssten alle Wirtschaftseckdaten um Abermilliarden nach oben gesetzt werden. Um so niederschmetternder wäre bei solch einer Neuberechnung, wie wenig diese hohen Steigerungsraten sich in den Geldbörsen von uns Bürgern, die wir die Wirtschaftsleistungen erbringen, wiederfinden. So gesehen hat sich die Wirtschaftsdynamik längst von uns abgekoppelt. Kurz: wir sind längst sehr viel weiter als wir denken und als wir selbst real wahrnehmen und real wirtschaftlich erleben. Und wir sind jetzt schon finanziell von der wahren Produktivitätssteigerung abgekoppelt, die bislang der wesentliche Faktor von Lohnsteigerungen war.

Diese Entwicklung wird sich sehr viel schneller als wir denken – und die Politik wahrnehmen und darauf reagieren kann – weiterentwickeln. Erik Brynjolfsson macht dafür drei essentielle Faktoren verantwortlich, die die Internet-Ökonomie der Zukunft definieren:

  • Digitalität
  • Exponentialität
  • Kombinatorik (Netzwerke und Multidimensionalität)

Die Digitalität mit ihren weitreichenden Effekten auf Leben und Arbeit ist in diesem Blog ausgiebig und vielschichtig beschrieben: Ubiquität, Interaktivität, Big Data, Skalierbarkeit, Replizierbarkeit, 24/7 u.v.m. Die Disruptionen, die dadurch entstehen können, sind erst ansatzweise erahnbar. Eine digitale Welt ist eine komplett andere als unsere frühere, analoge Welt. Das sind, zugegeben Binsen, aber noch sind sie weithin nicht wahrgenommen. Entlarvend der Satz eines hochrangigen Finanzmanagers, den ich zuletzt gehört habe: „Irgendwie ist das mit dem Internet dann doch nicht so ein Trend, der wieder vorübergeht. Das wird jetzt ernst.“

Die bedrohliche Exponentialität

Der zweite Effekt, die Exponentialität, ist typisch für digitale Effekte. Da alle digitalen Produkte beliebig oft und beliebig schnell replizierbar sind, Reichweiten in nie zuvor möglicher Geschwindigkeit herstellbar sind, ist Exponentialität ein typisches Phänomen in der Digitalwirtschaft. Exponentialität sind wir evolutionstechnisch und menschheitsgeschichtlich nicht gewohnt. Wir kennen nur lineares Wachstum. Das hat uns die Natur gelehrt. Exponentiales Wachstum erleben wir nur als Bedrohung, etwa bei Krankheiten (Krebs), Seuchen oder Atombomben.

Vor allem aber schätzen wir exponentiales Wachstum vorzugsweise falsch ein. Weil es zunächst langsamer durchstartet als lineares Wachstum, während es gleichsam Schwung holt für seine explosionsartige Entwicklung (siehe Grafik) , unterschätzen wir sein explosionsartiges Potential. Und das stets massiv. Das ist der entscheidende Grund, warum wir hierzulande das Internet so unterschätzt haben und wir uns über exzessive Erfolge wie Google, Facebook, YouTube etc. verwundert die Augen reiben. Und das ist auch der Grund, warum solche Erfolgsstories nicht in Europa geschrieben werden (können).

Growth

Fremdschämen über Wachstumszahlen

Meine erste Begegnung mit Exponentialität war ganz am Anfang von Europe Online 1994/1995, als wir unsere Businesspläne bei möglichen Partnern, bei Werbepartnern, auf Kongressen und bei Verlagen vorstellten. Auf unseren Slides gab es Wachstumskurven, auf denen ich das erste Mal „Hockeystick-Effekte“ zu sehen bekam, steil ins Unendliche empor strebende Wachstumskurven.

Mir waren diese Prognosen damals eher peinlich. Sie wirkten auf mich unvorstellbar. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Businessmanager damals wirklich selbst an solch Wachstum glaubten, oder ob das damals nicht eher „wishful thinking“ war und nur diese absurden Steigerungsraten das von ihnen präsentierte Businessmodell rechtfertigten. Ich gestehe, ich hatte damals öfter leise Anfälle von Fremdschämen den eigenen Prognosen gegenüber.

Zu unrecht. Als ich viele Jahre später die Papiere von damals noch einmal in die Hände bekam, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass fast alle dieser Prognosen stimmten, ja sogar eher von der Realität überholt worden waren. Mit einer Ausnahme: die Einnahmen von Werbeerlösen stimmten erst mit etwa drei bis fünf Jahren Verzögerung. Das war unser Pech damals bei Europe Online – aber das ist eine andere Geschichte…

Die Kombinatorik und Multidimensionalität

Den dritten Faktor, der unsere digitale Zukunft prägen wird, nennt Erik Brynjolfsson „combinatorics“, deutsch Kombinatorik. Er meint damit aber nicht die gleichnamige Teildisziplin der Mathematik, sondern Kombinatorik in dynamischen Systemen, wie hier im Fall Internet. Jede Neuerung im Internet wird nicht nur in dem Umfeld genutzt, für das es entwickelt wird, sondern ist heutzutage stets Basis von Entwicklungen in ganz anderen Bereichen. Jede neue Funktion wird so nicht nur für den gedachten Zweck genutzt, sondern auch für ganz andere Ziele – und das im globalen Rahmen.

Brynjolfsson bringt als Beispiel für diese dynamische Kombinatorik, wie die Abermillionen an Facebook Apps auf Facebook als Plattform basieren. Facebook selbst baute auf der Plattform des Web auf und das Web auf dem Internet – und so fort.  Jede Innovation ist so die Basis für viele neue Innovationen, die darauf aufbauen. So eröffnen sich stets Anwendungen in multiplen Dimensionen – und das bringt einen zusätzlichen exponentialen Effekt.

Das Trio exponential

Jeder dieser drei Faktoren, digital – exponential – kombinatorisch, hat schon für sich allein eine Kraft, unser Leben und vor allem unsere Arbeit massiv und radikal zu ändern. In der Kombination von diesen dreien haben sie dann aber eine ganz spezielle Sprengkraft: wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial. Und diese Kraft nimmt an Dynamik stetig zu – und wirkt – dank der Kombinatorik – in immer mehr Bereichen unseres Arbeits- und Privatlebens. Die Folgen werden sehr bald sehr deutlich spürbar werden – im Positiven wie im Negativen.

Vor allem im Arbeitsumfeld werden die Auswirkungen sehr bald und  drastisch zu erleben sein. Immer mehr Tätigkeiten werden automatisiert – und damit immer mehr Jobs obsolet werden. Arbeit wird schon sehr bald keine Selbstverständlichkeit mehr sein, sondern ein Privileg werden. Damit wird unsere gesamte Gesellschaft wie sie heute funktioniert ebenso völlig auf den Kopf gestellt werden wie unser wirtschaftliches und soziales System. Das werden Herausforderungen sein, die uns in nicht allzu ferner Zukunft nach solchen Miniproblemen wie eine Eurokrise zurücksehnen lassen.

Eigentlich wäre das ein echtes Wahlkampfthema. Aber es ist zu unangenehm. Es gibt keine Lösung, beziehungsweise müsste sie zu radikal ausfallen, als damit Stimmen gewonnen werden könnten. Also dann lieber Augen zu und Ersatzprobleme schaffen: etwa Leistungsschutzrecht, Bandbreitendrosselung, Gema-Rechthaberei, Netzneutralität…

P.S. Mehr von Erik Brynjolfsson zum Thema der Entkoppelung von Produktivität, Arbeit und Wohlstand auf McKinsey.com Productivity Paradox).

Die andere Spieltheorie


Wer gewinnt das große Monopoly?

Ich habe von früh an gerne gespielt. Die ganze lange Liste an Brett- und Kartenspielen. Los ging’s, wie bei den meisten damals mit „Mensch ärgere Dich nicht!“ – und dann Halma, Mühle, Fang den Hut bis zu Schach, Monopoly, Risiko und sogar „Öl für uns alle“, in dem es um Schürfrechte und den Transport des geförderten Öls in die Abnehmerländer ging. Jeder war da mal Scheich, mal Shell und mal Onassis. Und je besser man darin war und je mehr das Würfelglück half, desto reicher endete man am Ende eines Spieleabends.

MonopolyEigentlich die perfekte Ausbildung für unser derzeit herrschendes Wirtschaftssystem. Zugegeben: Die Bank bei Monopoly hat nie Geld verzockt und war in ihrem Geschäftsverständnis eher rückständig. Wie gerne hätte man damals oft Geld nachgedruckt, um nicht bankrott zu gehen. – Schon damals hatte verloren, wer seinen Besitz verpfänden musste. Aber immerhin wurde einem damals schon klar gemacht, was der Besitz von Immobilien bedeutet – und dass deren Wert schweren Schwankungen unterliegen kann. Aber auch hier: Es gab keine in der spanischen Wüste leer vor sich hin zerfallenden Wohnsiedlungen.

Der Lerneffekt des Spielens

Leider haben mir diese Spiele nicht wirklich Sinnvolles beigebracht, was ich im realen Berufs- und Geschäftsleben hätte erfolgreich anwenden können: Pokerface, Verhandlungsgeschick, Durchhaltevermögen, Strategie… Dazu habe ich die Spiele wohl zu spielerisch gesehen und den Ernst des Lebens zu ernst. Andersherum wäre es wohl besser gewesen. Spiele ernst nehmen und den Ernst spielerisch anzugehen.

Ach was, manchmal habe ich Spiele ja zu ernst genommen. Ich erinnere mich dunkel, mich einmal bei „Mensch ärgere Dich nicht!“ doch so sehr geärgert zu haben, direkt vor dem Haus noch einmal rausgekegelt worden zu sein, dass ich wütend nicht mehr weiterspielen wollte. Das habe ich nur einmal so gemacht. Nicht, weil mich meine Mutter streng gescholten hat, von wegen „Das macht man nicht!“ und „Man muss auch verlieren können!“ Es war der stille, tief enttäuschte Gesichtsausdruck von Onkel Karl und Tante Else, genannt Elschen. meinen Ersatz-Großeltern, der mich dazu brachte, mich nie mehr so bescheuert zu benehmen.

Spielverderber-Attitüde

Fragt sich, wie wir heute mit der weit verbreiteten Spielverderber-Attitüde umgehen sollen, die in vielen alteingesessenen Branchen verbreitet ist, denen radikal veränderte Spielregeln drohen. Den Verlegern etwa. Jahrzehntelang haben sie prächtig davon gelebt, mit ihren Zeitungen dick Geld zu verdienen. Wohl gemerkt nicht dadurch, dass sie glänzenden Journalismus geboten haben. Das haben sie, fraglos. Aber Geld wurde mit Anzeigen verdient. Mit Job-Anzeigen, Auto-Markt, Wohnungsanzeigen. Heute würde man das wohl als journalismus-fremdes Business bezeichnen.

Um so blindwütiger ist ihr Vorgehen gegen all diese digitalen Gewinner, die die zuvor geltenden Spielregeln so radikal ausgehebelt haben. Schon 1995/1996, als Europe Online aus der Wiege gehoben wurde, gab es Pläne, Geschäftsanzeigen und den Auto-Markt digital umzusetzen. So sollten die journalistischen Angebote von Europe Online querfinanziert werden. Das wurde aber schnell gestoppt. Die beteiligten Verlage befürchteten Kannibalismus-Effekte. Die sind dann auch recht bald eingetreten. Nur dass die Kannibalen aus den USA kamen und Google, Amazon, Apple, Monster hießen. Oder sie kamen aus Europa wie Mobile und die Scout24-Familie (Auto-, Immobilien-, Job-Scout etc.).

Veränderte Spielregeln? – Mit uns nicht!

Jetzt, wo alle die Einkünfte aus den Branchenanzeigen längst weg sind und auch die Einkünfte aus der Werbung immer weiter sinken – und zugleich die Verkaufszahlen – sollen plötzlich die Leser für das Journalistische Angebot zahlen. Und jeder, der sich auch nur erdreistet, ein paar Zeilen aus diesem erst vor Kurzem entdeckten Schatz des „Journalismus“ zu zitieren. Dafür hat man das Leistungsschutzrecht erfunden und tatsächlich – unter Androhung journalistischer Repressalien (!!!) – im Wahljahr im Bundestag und Bundesrat durchgedrückt. Die Causa Wulff, also die ebenso eindrucksvolle wie willkürliche Dokumentation verlegerischer Macht, hat die Regierungskoalition sowieso, aber auch die SPD sichtlich verschreckt samt Führungspersonal der Grünen.

Was für ein dummes Spiel, das absehbar eigentlich nur Verlierer hat. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird in Sachen Zukunftsperspektiven faktisch wie imagemäßig geschädigt. Die Verleger haben ihr Image ruiniert, „tiefer in den Keller geht’s nimmer“ heißt es sogar in einem Kommentar in faz.net. Google wird sich nicht beugen und sitzt am deutlich längeren Hebel. Die Blogger drohen zum Opfer einer Verleger-Vendetta zu werden. Die einzigen Gewinner im Spiel sind die, die gar nicht mitgespielt haben. Die Anwälte in den Abmahn-Kanzleien. Und das alles nur, weil eine Branche die neuen Spielregeln nicht anerkennen will (oder kann).

Das andere Spiele-Dilemma

Während Frank Schirrmacher die Allmacht der Spieltheorie in der Finanz- und Politikwelt verschwörungstheoretisch beschreibt, ist längst ein anderes Spiele-Dilemma viel virulenter: der Unwille und das Unvermögen, neue Spiele zu lernen und zu spielen. Ich habe schon an ein paar Stellen in diesem Blog (hier und hier) Eric Schmidt den langjährigen CEO von Google 2009 beim Aspen Ideas Festival zitiert, wie er vor dem eisernen Beharrungsvermögen des großen Geldes warnte und deren Allianz mit der Politik und deren Regulationsmacht. Als hätte er das Leistungsschutzrecht erahnt. Oder hat er gar unfreiwillig die Idee dazu geliefert?

Es ist wie es ist. Vor jedem (neuen) Spiel werden die Karten neu gemischt. Deswegen scheuen alle, die ein Spiel (gut) beherrschen, ein neues Spiel zu wagen. Denn dort ist offen, wer Sieger und wer Verlierer wird. Ja, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass neue Spiele von jungen, neuen Spielern besser beherrscht werden als von den Alteingesessenen. Und noch wahrscheinlicher ist es, wenn die Spielregeln von den Newcomern bestimmt sind und die Altvorderen das Spiel nur mit großem Widerwillen spielen. Kein Wunder, dass da neue Spiele so weit es geht geregelt, wenn nicht gleich verboten werden.

Das Leistungsschutzrecht war nur der Anfang

Wir müssen froh sein, dass etwa der Versandhandel die Politik nicht so recht in Geiselhaft nehmen kann. Sonst müsste Otto und Karstadt zuliebe schleunigst eine Katalogsdruckpflicht für Amazon, Zalando & Co. erlassen werden. Welch prima Idee: Die Kosten würden die Shopping-Gewinner belasten und die Druckmaschinen der Verleger besser auslasten. Und dasselbe gilt dann auch für Mobile oder AutoScout24. Auch die müssen alle ihre Angebote brav drucken, sonst gelten sie nicht. Na und Monster, Stepstone LinkedIn und Xing genauso ihre Jobangebote. (Aber halt, Xing gehört ja schon Burda…) – Ja und Facebook? Wie wäre es mit einer Like-Abgabe oder einem Freundschaftsschutzrecht?

Ich habe jetzt doch schon einige Zeit nicht mehr Monopoly gespielt. Aber soweit ich mich erinnere, ging das Spiel damals nicht so, dass mitten im Spiel die Spielregeln zugunsten des Seriengewinners geändert werden durften. Das kenne ich nur aus Filmen. Und da waren es immer die Kriminellen, die das Spiel zu ihren Gunsten manipulieren durften. Aber nur so lange, bis James Bond oder andere Gerechtigkeitsfanatiker eingriffen und das Spiel zugunsten der Guten drehten. 007, bitte übernehmen Sie: Aktion Printfall.

Wut auf den Clown


Beppe Grillo, der Buhmann der italienischen Politik

Ich habe Beppe Grillo nur einmal kurz, das ist schon zwei, drei Jahre her, zufällig bei einer Veranstaltung auf einem italienischen Platz erlebt. Das war zu den Anfängen seiner politischen Bewegung „Movimento 5 Stelle“. Mein Italienisch war damals noch sehr dürftig. Trotzdem habe ich gesehen, wie gut seine Witze und wüsten Politikerbeschimpfungen beim – vornehmlich jungen – Publikum ankamen. Es war eine Riesenstimmung schon damals. Inzwischen kommen über 100.000 Menschen im winterlichen Rom zusammen – zu der Abschlussveranstaltung seines Wahlkampfes. Zu einer Wahlkampfveranstaltung, bitteschön!!!

Beppe_Grillo_-_Trento_2012_0325.55 Prozent der Wählerstimmen hat Beppe Grillo bei der Wahl in Italien gewonnen!. Das Movimento 5 Stelle ist sogar die Einzelpartei mit den meisten Stimmen. In etlichen Regionen, etwa in den Marken, in denen wir unsere südliche Heimat haben, ist er mit Abstand die führende Kraft. Das alles hat Grillo mit seinen jungen Mitstreitern innerhalb von nur drei Jahren geschafft. Ohne Geldgeber, nur als Graswurzelbewegung per Internet, vor allem der jungen Italiener. In einem Land, in dem wirklich nur alte Männer das Sagen haben – in allen Bereichen, in Wirtschaft und Politik, in allen Regionen und Kommunen – in dem die jungen so gut wie keine Chance haben.

Vorbildliche Ideen

Die Programmatik der Grillisti, wie sie inzwischen genannt werden, wirkt etwas erratisch. Aber was an konkreten Zielen von Grillo angestrebt wird, sind Initiativen, die auch in Deutschland, vor allem bei kritischeren Geistern, helle Zustimmung finden müssten. Ein Grundlohn von 1.000 € für jeden. Ähnliches wollen auch die Grünen. Mit speziellen Initiativen soll vor allem die Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden. Die Abgeordneten, die das Movimento in Parma und Sizilien in die Parlamente gebracht haben, verzichten auf den größten Teil ihres Gehaltes (wie einst die Grünen) und zahlen das Gros in einen Fonds ein, aus dem Microkredite für Unternehmen, Start ups und Initiativen vergeben werden, die neue Arbeitsplätze für Jugendliche schaffen. Und die Abgeordneten, die jetzt für das Movimento ins Parlament ziehen werden: alles junge Leute, viele junge Frauen. (Alle per Internet zu Abgeordneten gewählt!)

Eigentlich alles wunderbar. Was für eine Erfolgsgeschichte, mit solchen Ideen eine Wahl so spektakulär zu gewinnen. Aber nichts davon in der deutschen Presse. Hier wird Beppe Grillo unisono als Polit-Clown, Populist, Politik-Verweigerer und gar als Wüterich gescholten. Er wird fast durchgängig in eine Schublade mit Silvio Berlusconi gesteckt. Was ist es, dass unsere Medien so wütend und so einseitig gegen Beppe Grillo agitieren lässt? Wäre er der Chef einer erfolgreichen Oppositionsbewegung in einem Land des (ehemaligen) Ostblocks, wäre er längst als Held verklärt.

Aggression gegen Systemverweigerung

Es ist natürlich seine Ablehnung der EU in der gegenwärtigen Form, die Grillo zur Zielscheibe von Kommentatoren-Aggressionen macht. Es ist seine Ablehnung des Sparkurses von Mario Monti (und Angela Merkel), die Grillo hierzulande unbeliebt macht. Aber man muss sich nur ein wenig in Italien umsehen, um zu verstehen, dass die Sparpolitik vor allem die Jungen voll trifft. Sie haben nicht wie ihre Altvorderen Immobilien und Schwarzgeldkassen, mit denen es sich auch in Krisenzeiten noch über die Runden kommen lässt. Sie erleben nur ein Land, in dem die Alten nicht loslassen, in denen Reformen wirksam torpediert werden und Aufbruchstimmung ein Fremdwort ist.

Beppe Grillo aber verkörpert erstmals seit ewigen Zeiten so etwas wie Aufbruchsstimmung und eine Perspektive für die Jugendlichen. Gerade auch weil er sich allen etablierten Kräften verweigert. Den Medien, dem TV, der Presse, der Großwirtschaft und vor allem dem Klüngel (er nennt sie Kaste) der Parteipolitiker in Italien und deren Korruptheit: Italien hat die meisten Abgeordneten in Europa, das zahlreichste Parlament und dazu noch einen Senat, und die Politiker dort gönnen sich die höchsten Diäten. Und genau das möchte Grillo dringend ändern.

Die Kaste schlägt zurück

Aber auch dafür bekommt er von der Presse hierzulande keinen Beifall. Im Gegenteil. Obwohl es hochdringend ist, sich von den Parteien und dem herrschenden Politikapparat abzusetzen, wird Grillo genau dafür abgewatscht. Etwa vor allem deswegen, weil die Presse und die Medien hierzulande eben auch ein integrierter Teil der hiesigen Politkaste sind. Die wahrscheinlich nicht so korrupt wie in Italien ist, aber genauso weit entfernt von der Wirklichkeit, etwa von arbeitslosen Jugendlichen. Fast scheint es so.

Natürlich wird es spannend sein, was Grillo nun mit seinem Wahlsieg macht. Lässt er es per Blockade so weit kommen, dass bald wieder Neuwahlen nötig sind? Dann hätte er die besten Chancen, noch besser abzuschneiden. Oder treibt er mit seinen Themen die demokratischen Sozialisten vor sich her? Hin zu Reformen, einem fairen Wahlrecht, zu einem kleineren Parlament, zu einem Grundeinkommen und einer Wirtschaftsförderung, die unten bei den kleinen Leuten und den Jugendlichen ankommt und nicht kränkelnde Banken und Großkonzerne (FIAT) unterstützt?

Wer blockiert wen, wer blockiert was?

Ich habe eher das Gefühl, dass die Politkaste Italiens da nicht mitspielen wird. Aber wer ist dann der Verweigerer? Wer ist der Blockierer? Und wer, bitte, ist der Politclown? Der, der gute, sinnvolle, soziale Ideen verwirklicht sehen will? Oder die Kaste, die alles tut, um den Euro nicht in die Bredouille zu bringen und brav weiter das deutsche Wirtschaftswunder des 21. Jahrhunderts auf eigene Kosten zu befeuern?

Und warum stellt eigentlich unsere kritische Presse nicht solche Fragen? Auch wenn damit nicht unbedingt Beifall zu erwarten ist. Ich bin einmal gespannt auf das Bild der vielen jungen, weiblichen Köpfe im italienischen Parlament. Und besonders spannend wird es sein, was sie für eine Politik machen werden. – Ich jedenfalls habe da kein so schlechtes Gefühl. Wenn die etablierten Medien so einhellig und so aggressiv gegen etwas sind, dann verspricht das inzwischen so einiges. – Aber das sagt mehr über die hiesigen Medien und ihr Selbstverständnis aus als über Beppe Grillo.

Nachträge:

Sehr interessant, was Grillo jetzt nach der Wahl in Interviews sagt (Beispiel SZ) . Seine Verweigerungspolitik gilt nur für ein „Weiter so“. Würde etwa Basani es ernst meinen mit Konsolidierung, Wahlreform und Abbau von (Politiker-)Privilegien, wäre Grillo sofort dabei.

Und auch Spiegel Online, oder zumindest sin Kolumnist Jakob Augstein versteht inzwischen, wie überzeugend Grillos Opposition ist.

Und hier kann man sich mal ein (bewegtes) Bild von Beppe Grillo und seinen Zielen machen. Im Interview mit dem schwedischen Fernsehen. (mit deutschen Untertiteln).

Der Pirat des Südens


Beppe Grillo und sein „Tsunami“

Wollen wir es mal vorsichtig formulieren: Die Piraten hatten in Deutschland ihr großes Coming Out in den Medien. Und sie sind darin in kürzester Zeit untergegangen. Marina Weisband hat das in ihrem Blog oft sehr gut als direkt Betroffene beschrieben und analysiert. Die Medien sind viel zu sehr Teil des bestehenden politischen Systems, als dass sie den Piraten je wirklich publizistisch eine Chance gegeben hätten. Zunächst haben sie sie konsequent missachtet. Erst als es nach dem Wahlerfolg in Berlin nicht mehr anders ging, hat man sich ihrer angenommen.. Und wie. Extrem intensiv und mit aller Brutalität, Konvention, Häme und als Sympathie getarntem Zynismus, zu dem die etablierten Medien nur fähig sind. – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Beppe Grillo
Beppe Grillo

Wie es ganz anders gehen kann, ist bei unserem winterlichen Besuch in Italien zu besichtigen. Hier mischt ein politischer Outsider die italienische Politlandschaft mit ähnlichen Inhalten, einer ähnlichen Attitüde und ebenso internetaffin auf wie dereinst die Piraten in Deutschland: Beppe Grillo. Die Prognosen zur Wahl in Italien Ende Februar sehen ihn bei 13 bis 16 Prozent – mit guten Zuwachsperspektiven. Mit ein bisschen Glück könnte seine politische Bewegung „Movimento 5 Stelle“ (Fünf Sterne Bewegung) bei der Wahl zweitstärkste Kraft, mindestens aber drittstärkste Fraktion werden.

Der Anti-Pirat

Zugegeben, die politische Situation ist in Italien verfahrener und schlimmer als in Deutschland. Das Parteiensystem ist weit desaströser und die Politikerkaste eine Katastrophe. Zur Wahl stehen ein mehrfach verurteilter Medienmogul, der das Land fast in den Ruin getrieben hat. Ein vom Schlaganfall schwer mitgenommener Rechtsaußen. Ein unglaublich dröger sozialistischer Parteisoldat und ein Wirtschaftprofessor von Banken und Goldman Sachs‘ Gnaden. Alle natürlich altersmäßig weit jenseits der Pensionsgrenze. Und dann eben Beppe Grillo. Einst Kabarettist, Komiker und Fernsehstar. Auch er – nach einem Autounfall – wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft.

Beppe Grillo steht konzeptionell ganz nah bei den Piraten. Seine Kandidaten zur Wahl sind alle per Internet-Votum gewählt worden. Inhaltlich wird Vieles per Internet diskutiert und beschlossen. Und vor allem die Aktivierung der Wähler und Wahlhelfer geschieht über das Internet und Foren auf Beppe Grillos Website beppegrillo.it (inkl. englischer Version). Auch inhaltlich gibt es viele Berührungspunkte zu den Piraten. Netzpolitisch sowieso, aber ebenso ökologisch und ökonomisch und in der teilweise abenteuerlichen Melange aus linken und eher konservativen Positionen, wie sie auch die Piraten in Deutschland bisweilen haben. In Italien ist das Teil des Erfolgsrezeptes. Beppe Grillo gilt als der einzige „Politiker“, der Berlusconi rechts von der Mitte Wähler abspenstig machen kann.

Der bekennende Populist

Grillo kann Berlusconi Stimmen abgraben, weil er ein Bühnenberserker ist – und ein Populist von Gottes Gnaden. Dafür wird er von allen Seiten gescholten. Er macht sich einen Spaß daraus und lässt auf seinen stets bestens besuchten Großauftritten die Menge skandieren: Po-pu-lista! – An dem Beispiel beginnt man zu ahnen, dass Beppe Grillo vielleicht inhaltlich den Piraten nahe steht, aber sonst in allen Belangen das völlige Gegenbild ist. Er macht alles anders als die Piraten in Deutschland – und ist schätzungsweise gerade dadurch so erfolgreich.

Beppe Grillo verweigert sich nämlich komplett und konsequent allen etablierten Medien. Dem italienischen Fernsehen (das ihn einst groß gemacht hat) sowieso, weil es entweder in der Hand von Berlusconi ist oder von ihm, wie im Fall des öffentlichen RAI, zu einstigen Regierungszeiten mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden ist. Eine Kandidatin, die bei einer Talkshow zugesagt hatte, hat Grillo sehr diktatorisch eingebremst. Aber auch mit der italienischen Presse will 5-Sterne-Grillo nichts zu tun haben, auch abseits von Berlusconis Mediaset. Für ihn sind die etablierten Medien samt und sonders Teil der überkommenen politischen Kaste, die ihm niemals nützen werden, sondern ihn immer zu verhindern suchen werden. (Auffällig ist, dass die Medien in Deutschland dem Phänomen Beppe Grillo auch bislang fast völlig mit Missachtung begegnen. Die Ausnahme ist der Tagesspiegel.)

Tsunami, die Polit-Tour

Seine Stimmen, seinen Erfolg und seine politische Wirkung erzielt Beppe Grillo allein durch Multiplikation im Internet, vor allem aber durch seine überaus erfolgreiche Tour über alle großen Stadtplätze quer durch Italien. Er nennt die Tour „Tsunami“. Er ist der einzige Wahlkämpfer Italiens, der sich im winterkalten, nassen Italien auf die Bühne stellt und hier seine – ja, populistische – Bühnenshow mit Politikerbeschimpfungen, Witzen, massenhaft Fakten zur italienischen Politik und ihrer Korruptheit und mit seinen politischen Ideen abzieht. Eine Show, die überall Tausende von Zuhörern auf die zugigen Plätze holt und extrem gut ankommt. Höhepunkt soll ein Auftritt in Rom zwei Tage vor der Wahl vor über 100.000 Zuhörern werden. (Darüber dürfen dann mit Grillos Segen auch die etablierten Medien berichten – möglichst live.)

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die konkrete politische Arbeit, die die Abgeordneten des „Movimento 5 Stelle“ dort leisten, wo sie schon Mehrheiten erzielt haben. Etwa in Parma oder in Sizilien. Sie lassen sich von ihren – in Italien üblicherweise üppigen – Abgeordnetengehältern nur etwa 3.000 Euro auszahlen. Den größeren Teil zahlen sie in einen Fonds ein, aus dem Microdarlehen vergeben werden, mit denen vor allem Arbeitsplätze für arbeitslose Jugendliche geschaffen werden sollen. Das funktioniert und macht das Movimento extrem angesehen in Italien. Die Botschaft davon wird viral weiter getragen und macht Eindruck bei den Benachteiligten und in den ärmeren Schichten. Aber auch den Intellektuellen, die sonst wenig mit Grillos hemdsärmeliger Art anfangen können, macht solch authentisches Arbeiten Eindruck.

Der Lackmus-Test

Spannend wird es nach der Wahl. Beppe Grillo hat angekündigt, mit keiner der etablierten Parteien koalieren zu wollen. Schon aus Ablehnung des etablierten Systems. Das wird, je nach Erflog des „Movimento 5 Stelle“, die Bildung einer handlungsfähigen Koalition – vor allem ohne Berlusconi – schwer machen. Das wird der Lackmus-Test dieser Bewegung. Schon wird geunkt, dass ausgerechnet Grillo, der Intimfeind von Silvio Berlusconi, zum Steigbügelhalter dieses anderen großen Populisten werden könnte. Kaum vorstellbar, dass Grillo das zulässt. Aber fast ebenso schwer lässt sich eine Koalition mit dem trockenen Professor Monti oder dem drögen Sozialisten Bersani denken.

So speziell die Probleme Italiens sind, so karikaturenhaft das politische Personal samt Beppe Grillo, die Situation hier könnte eine Art Zukunftsszenario auch für Zentraleuropa werden. Das Spektrum akzeptabler und ernsthafter Politiker wir auch hier immer schmaler und geht bisweilen gegen Null. Die Sehnsucht nach einer politischen Kraft jenseits der etablierten Politidk ist immens. Das haben die Piraten eindrucksvoll bewiesen. Die Situation unser globalen Welt wird nicht einfacher zu managen werden, im Gegenteil. Das öffnet das Feld für Populisten jedweder Couleur. Es wird sehr spannend werden, mit ihnen real funktionierende Politik zu machen und vielleicht wichtige strukturelle Änderungen durchzuziehen (etwa Kontrolle/Entmachtung der Banken). Dafür ist Beppe Grillo der Prototyp. – Es mag von Deutschland anders ausschauen. Aber manchmal ist Italien der Zeit voraus…

Prokrastination vs. Evolution


Das Ende des Produktivitätszeitalters

Will die Arbeit heute nicht recht von der Hand gehen? Zu viel Zeit bei Facebook verplempert? Waren irgendwelche Sites im weiten, weltweiten Netz wieder mal so viel interessanter als die Aufgaben direkt vor der eigenen Nase? War heute wieder mal so ein Tag, wo die Muse anderswo tätig war – und sie nicht zu Besuch in den eigenen vier Wänden gekommen ist? Kurz: Heute wieder nichts zum Bruttosozialprodukt beigetragen? – Kein Problem: Kevin Kelly, Gegenwartsanalytiker und talentierter Zukunfts-Spürhund (und Ex-Chefredakteur von „WIRED“) hat gerade  auf seiner Website „The Technium“ das Ende des Produktivitäts-Zeitalters ausgerufen.

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Alexei Gregorjewitsch Stachanow, der russische Held der Arbeitsproduktivität. Übererfüllte sein Arbeitssoll als Bergmann 1935 um 1.457 %.

Die Herleitung dieser ebenso mutigen wie inspirierenden These ist ein wenig gewagt: Warum wählen Menschen in Armutsregionen, vor die Wahl gestellt, ob sie lieber eine Toilette mit Wasserspülung oder ein Handy wollen, stets lieber das Mobil-Telefon mit seinen Möglichkeiten der Vernetzung zu seinen Nächsten und dem Internet. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass eine Toilette ohne zugehöriger Kanalisation wenig Sinn macht. – Aber dieses Fakt mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Ein Kommunikationsnetzwerk macht erst mal sicher mehr Sinn als ein Netzwerk von Abwasserrohren. Die Nutzungsoptionen und das Momentum sind so viel größer, ebenso die Nutzungsdauer…

„Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen“

Erfrischend ist die These allemal als Gegenpol zum Sofortvollzugs-Mantra, das mir meine Mutter jedenfalls von frühesten Jahren an mit auf den Weg gab: „Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen!“ Wie wacklig dieses Arbeitsbewältigungs-Prinzip ist, erlebt jeder, wenn er erst mal längere Zeit am Stück in Urlaub gewesen ist. So viele Anfragen, Projekte und Probleme erledigen sich von selbst, geht erst ein wenig Zeit ins Land. Gerade die dringlichst formulierten Dinge scheinen die geringste Halbwertszeit zu haben. Ein „Das-kann-warten“ ist nicht die schlechteste Art, Prioritäten zu setzen.

Prokrastination nennt man heutzutage gerne das planmäßige Verschieben von Arbeit. Wie jedes chronische Leiden hat es seinen Wortursprung im Lateinischen. „Pro“ = für und „cras“ = morgen. So gesehen ist Prokrastination also eine (krankhafte?) Vermorgentlichung, auch „Verschieberitis“ genannt. Ich selbst war in meinen Studentenzeiten sehr gut darin, diese Malaise zu pflegen und zu hegen. Vor allem in der sich mit Betriebsamkeit tarnenden Variante, immer unwichtigere, angenehmere Dinge in der Prioritätenliste nach vorne zu schieben und die unangenehmeren – oder weniger lukrativeren Jobs, wenn es ums Geld verdienen ging, hintan zu stellen.

Selbstmitleid mit (Liebes-)Entzugserscheinungen

Ich habe diese Krankheit zunächst recht wirksam damit geheilt, dass ich mir derart stressige Jobs mit solch unverrückbaren Deadlines gesetzt habe, dass ich gar keine Zeit – und Gelegenheit – mehr hatte, der Prokrastination zu frönen. Aber natürlich war sie stets latent präsent, stets bereit bei geeigneter (seltener!) Gelegenheit wieder auszubrechen. Wie schlapp und mies man sich nach einem massiven Ausbruch dieser Krankheit mit den sich häufenden Unerledigungen fühlt, kennt jeder, der sich je auf der faulen Haut wund gelegen hat, um hier mal den berühmten Müßiggang-Analytiker „Dr.“ Mehmet Scholl zu zitieren.

Ich wurde von dieser seit Jahrzehnten immer weiter grassierenden Volkskrankheit recht schnell und nachhaltig geheilt, als mir klar gemacht wurde, dass die Ansteckungsherde der Prokrastination Selbstmitleid und absurde Liebessehnsucht nach dem Kuss der Muse sind. Beides kann man ganz schnell in den Griff bekommen: Bei Selbstmitleid hilft sehr gut ein Blick in den Spiegel. Selbstmitleid ist zum Kotzen – und wer will das schon im Angesicht des eigenen Angesichts. Gegen Liebessehnsucht nach Küssen der Muse helfen vor allem zwei Dinge: 1. Recherche – und 2. einfach anfangen und der Kraft und dem Überraschungseffekt des Schreibprozesses als solchem vertrauen. (Wie man auch an diesem Beispiel hier sehen kann.)

Was ist produktiv in der Netzwerkgesellschaft?

Aber zurück zu Kevin Kelly und seiner These von der Ende des Produktivitäts-Prinzips in der Wirtschaft (der Zukunft). Für ihn ist Produktivität das Elementar-Element der ersten und zweiten industriellen Revolution. (1. Revolution = Dampfkraft und Eisenbahnen; 2. Revolution = Chemie, Elektrizität & Motorkraft.) Die dritte industrielle Revolution, deren Beginn Kevin Kelly mit der Vernetzung der Computer (ca. 1990) datiert, ist dagegen der Beginn der Netzwerk-Ökonomie. In ihr spielt Produktivität nicht mehr die zentrale Rolle bei der Steigerung des Bruttosozialprodukts. Denn von nun an wird die Produktivität durch automatisierte Arbeit, durch Roboter und Bots gesteigert, nicht mehr durch uns (arbeitende) Menschen.

Wir sind, so argumentiert Kelly, in der Netzwerk-Ökonomie dafür zuständig, wieder Arbeit zu erfinden, und zwar jenseits industrieller Arbeit, in solch „unproduktivitäten“ Sphären wie Herumspielen, Kreativität und Forschung. Hier wird der Mehrwert der Zukunft geschaffen, nicht in der Optimierung vorhandener Produktionsmethoden (und Ausbeutung knapp werdender Ressourcen). Denn die wesentliche Errungenschaft der 3. Industrialisierung ist die Vernetzung von Dingen, von verschiedener Intelligenz und aller unserer Gehirne. Ihr Kerneffekt ist nicht Produktivität, sondern es sind Erfindergeist und Sinnverfeinerung (Kelly erfindet dafür die Begriffe „consumptity“ und „generativity“.)

Die Evolution der Evolution 

Ein einleuchtendes Argument, dass die Fixierung auf Produktivität in der Wirtschaftswelt der Zukunft keine vorrangige Rolle spielen wird, ist deren Linearität. Produktivität wird weiter Gültigkeit haben, sie wird wachsen, schön linear, aber das wird eben an Maschinenintelligenz delegiert. Um aber Wachstum auf Dauer zu erzeugen, reicht ein Mehr, Größer, Schneller nicht mehr aus. Damit wird man die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen können. Kelly zählt hierzu auf:

  • Immer höhere Komplexität
  • Zunehmende Interdependenzen (Globalisierung!)
  • Steigende Allgegenwart der Finanzwirtschaft und des Geldwesens
  • Die schwindende Bedeutung von Besitz (Sharing-Projekte etc.)
  • u v a.

Diesen – und all den noch (unerkannt?) ins Haus stehenden – Problemen der Zukunft, die eine Netzwerkökonomie entwickeln wird, wenn sie immer reifer wird, werden wir mit linearen Mitteln nicht Herr werden. So Kevin Kelly. Dazu müssen wir uns und unsere Wirtschaft evolutionär entwickeln. Immer weiter zunehmende Komplexität, exponentiell wachsende Interaktion aller mit allen, das Verstehen  dynamischer Netzwerkeffekte und ihre Beherrschung kann sicher nicht mit alten (linearen) Methoden funktionieren. Dafür müssen wir neue Ideen, neue Konzepte entwickeln. Es braucht Visionen – und den Mut, vielerlei auszuprobieren. Und in solchen Phasen verbietet sich (zumindest erst einmal) jede Fixierung auf Produktivität.

Die Welt nach der Produktivität

Das Ende der Produktivität ist dann eben doch keine gute Nachricht für alle Slacker und Prokrastinatoren. Wenn auch das alte Mantra manischer Effektivität kaputt geht, so braucht die Zukunft (des Business) keine Däumchendreher. Es sei denn, sie träumen beim Drehen ihrer Daumen von neuen evolutionären Ideen, sie netzwerken und interagieren dabei miteinander, um die Herausforderungen der Zukunft kreativ anzugehen. – Bis dahin werden Kinect & Co. auch drehende Daumen als Info-Input zu deuten wissen…

Druckmaschinen zu Pflugscharen


Das Ende der Frankfurter Rundschau

Groß war das Entsetzen, als die Frankfurter Rundschau Insolvenz anmeldete. Und bei aller reflexhaften Schuldzuweisung an die Gratiskultur des Internet, die wackeren Zeitungsjournalisten das Brot wegnimmt, war dann sogar auch ein wenig sachliche Kritik zu lesen, dass die Frankfurter Rundschau auch viel falsch gemacht hat. Als da wären: die lokale Berichterstattung vernachlässigt, zu wenig ideologische Aufgeschlossenheit, unausgegorene Digitalstrategie, das familienfeindliche Tabloid-Format u.a.m.

Um so mehr provozierte dann die vom (in Richtung „The Guardian“) scheidenden Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, eher en passant in einem Facebookkommentar formulierte Generalkritik, dass sich das Geschäftsmodell der Tageszeitung wohl überholt habe neu überdacht werden muss. [Korrektur, sie Kommentar unten.] Er hat so recht. Schlicht weil sich unsere Medienlandschaft längst massiv verändert hat – richtig wegen des Internets – aber nicht wegen dessen „Gratiskultur“.

Aktuelle Medien-Wirklichkeit

Wie sehr sich die Tageszeitung überlebt hat, erlebe ich ja selbst ganz real jeden Tag. Mal so, mal so. – Ich bin, seit ich als Student von zu Hause ausgezogen bin, Abonnement der Süddeutschen Zeitung. Ihre Lektüre war jeden Morgen die allererste Handlung. Bis vor ein paar Wochen ein Tablet (Nexus) ins Haus kam. Jetzt ist das mein Gegenwarts- und Realitätsassistent.

Aber noch immer verbringe ich am Morgen Zeit mit meiner Süddeutschen. Früher waren das jeden Tag 30 Minuten und mehr. Heute sind das nur noch knapp 10 Minuten. Mehr Neues oder Interessantes hat die Zeitung in gedruckter Form nicht mehr zu bieten. Und ich habe längst erfahren, dass es auch ganz leicht ohne die morgendliche Zeitung geht. Immer wenn wir uns mal wieder nach Italien verabschieden, bestellen wir die SZ ab. Ein Hybrid-Abo, zu Hause in Papier und unterwegs als ePaper bietet der Süddeutsche Verlag natürlich nicht an. Und siehe da: Es geht wunderbar ohne morgendliche Zeitung. Ganz ohne Entzugserscheinungen. Und ohne ein Jota Verlust an Informiertheit und Medieninput. Dank des Internets.

Primär-, Sekundär und Tertiärmedium

Wichtige Aspekte der Medienwirklichkeit werden in der Diskussion um die Medien leider vergessen: Welche Rolle im Medienalltag spielt das jeweilige Produkt und der jeweilige Kanal? Was ist das Primärmedium, die erste Anlaufstation, mit der ich mich aktuell auf dem Laufenden halte? Was ist das Sekundärmedium, wo ich mir Analysen und Hintergrundinformationen hole? Was ist das Tertiärmedium, in dem ich aktuelle Themen in der Breite vertiefe? Und dann gibt es noch Quartiärmedien, bei denen ich blanke Unterhaltung suche.

Einst hat die Tageszeitung alle vier Bereiche bedient. Es gab wirklich neue Nachrichten, selbst wenn man eifrig Nachrichten in TV und Radio verfolgt hat. Es gab die Analysen und Berichte, die Nachrichten in Beziehungssysteme setzten. Im Feuilleton, in (Wochenend-)Beilagen und Magazinen wurde Aktuelles mit Interviews und Reportagen unterfüttert. Und sogar der Quartiärbereich, das Entertainment,  wurde beliefert mit Vermischtem, Rätseln, Witzen und Fortsetzungsromanen.

Frischere Ideen online

Und heute? Finster sieht es im Primärbereich aus, wenn es um Tageszeitungen geht. Kaum eine News steht heute in den Zeitungen, die ich nicht längst schon erfahren habe – in Onlinemedien, per Facebook, Twitter, Google+  etc. Bezeichnend ist doch, dass der Online-Ableger eines typischen Sekündärmediums, des Spiegel, heute die Marktführerschaft im Bereich der Primärmedien hat und allen Konkurrenten der einstigen Primärmedien (Tageszeitungen) den Rang abgelaufen hat. Und wer ist von der Relevanz her auf Platz Zwei? Zeit Online! Das Sekundär- und Tertiärmedium schlechthin. Das digitale Versagen der Tageszeitungen kann deutlicher nicht sein.

Einzige Ausnahme, wo es in Tageszeitungen noch Primärelemente, sprich wirklich Neues zu erfahren gibt, ist das lokale Umfeld. Hier gibt es noch kaum funktionierende, verlässliche Blogs und wenig Konkurrenz. Aber wie lange noch? Vor allem Facebook macht da schwer Boden gut. In unserer italienischen Zweitheimat, wo es kaum funktionierende Lokalberichterstattung gibt, informiert man sich über sein eigenes Umfeld vorzugsweise per Facebook.

Redaktion der Print-Dosis

Und wie schaut es im Sekundärbereich aus? Da liefern die führenden Tageszeitungen nach wie vor zuverlässig Hintergrundinformationen, sogar investigative Stories und reichlich Analysen. Aber schlimm sieht es am Land und bei den kaputtgesparten Redaktionen aus, wo jenseits der (umgeschriebenen) Agenturmeldungen und der Hausaufgaben an Kommentaren wenig mehr zu finden ist. Bekomme ich etwa in Berlin die Berliner Zeitung in die Hand, ist es erschreckend, wie schnell man das Blatt durch hat, weil man fast nirgends zum Lesen verführt wird.

Und die Konkurrenz im Sekundärbereich ist im Internet heute so hoch wie noch nie. So viele erstklassige Autoren bloggen heute, so viele Blogger liefern erstklassige Artikel, hervorragend geschrieben, mit viel Hintergrundwissen. Wie oft habe ich bessere Analysen und Reflexionen online gelesen als tags darauf in meiner Süddeutschen. Vor allem sind die vielen Qualitäts-Blogger, die heute verlässlich liefern, ideologisch viel unbelasteter, stilistisch frischer und gedanklich innovativer als das Gros der Tageszeitungsautoren. Vielleicht weil sie in einer Wirklichkeit jenseits der Redaktionsstuben oder Newsrooms leben. Vielleicht, weil die interessanten und innovativen Köpfe nie in einer Zeitung sitzen wollen würden. (Und exzellente Blogger für Zeitungen zu engagieren ist scheinbar undenkbar?)

Die mobile Konkurrenz 

Ähnlich groß ist für die Zeitungen die Online-Konkurrenz im Tertiär-Markt. (Vom Quartiärbereich ganz zu schweigen. Hier hat man längst kapituliert.) Immer mehr attraktive Inhalte in Sachen Kulturberichterstattung, vor allem abseits der großen Kulturtempel, finden sich online. Immer mehr Analysen, Reportagen und Features finden sich heute im Netz. Und der Tipp per Twitter oder aus einer funktionierenden Facebook-Community lässt solche Perlen verlässlich finden.

Aber nicht so sehr die Sozialen Netzwerke sind das Problem der Tageszeitungen (die schon auch). Es ist die explosionsartige Vermehrung der Mediennutzung über mobile digitale Geräte, sprich Smartphone und Tablets. Den offensichtlichsten Beweis dafür liefert mir jede morgendliche Fahrt mit der S-Bahn. Noch vor einem guten Jahr las ein Drittel bis die Hälfte der S-Bahn-Pendler in Büchern aber vor allem in Zeitungen. Heute hat sich das völlig geändert. Kein Viererabteil, in dem nicht zwei bis drei Menschen auf ihr Smartphone starren, in ihrem Tablet lesen – oder häufiger: Filme ansehen – oder im eReader schmökern.

Lesevergnügen per Tablet

Mit jedem neu verkauften Smartphone und Tablet entdeckt ein Zeitungsleser mehr, dass es auch ohne Zeitung geht – und wie erfreulich ein individuell nach persönlichen Interessen zusammengestellter Medien- und Informationsmix (inklusive Facebook & Co.) sein kann, den Apps wie Flipboard, Currents oder andere aggregieren. Sie entdecken wie man sich so viel bequemer und vielseitiger, weil aus vielen (Gratis-)Quellen, und nicht weniger aktuell informieren und unterhalten lassen kann als mit einer sperrigen Zeitung (und sei sie im Tabloid-Format).

Und mit jedem verlorenen Zeitungsleser wird das Problem der teuren Produktions- und Distributionslogistik der Zeitungen evidenter. Es ist nun einmal teuer auf Papier zu drucken und physikalische Produkte zu vertreiben. Und je weniger Abnehmer es gibt, um so mehr eskalieren die Kosten. Und irgendwann ist es dann einfach zu teuer, Papier zu bedrucken und Zeitungsausträger jeden Morgen loszuschicken.

Eine Gewissensfrage

Hinzu kommt, dass ich fast ein schlechtes Gewissen habe, dass da jemand früh morgens mit dem Auto (!) herumfährt, um mir meine Zeitung an die Türe zu bringen. Und das gesammelte, wenig gelesene Papier bringe ich dann einige Tage später zum Papiercontainer. Ökologisch ist das ja nun nicht. Bur halt eine Gewohnheit, kurios verklärt als Kulturleistung- Wo ich doch die Artikel auch easy digital herunterladen und bequem auf meinem Nexus lesen könnte. – Gerne auch bezahlt.

Und an dieser Stelle meiner Argumentation gebe ich an Richard Gutjahr ab, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag vorbildlich schlüssig die mangelhafte Angebotspolitik der Verlage kritisiert, die ebenso dumm wie effektiv dem absehbaren Zeitungssterben in Deutschland Vorschub leistet. Sein Fazit: „Es geht den Verlagen noch zu gut – oder einfach noch nicht schlecht genug.“ – Aber sicher nicht mehr lange. – Irgendwann heißt es dann: Druckmaschinen zu Pflugscharen.

Das Ende der Prinzen


Das deutsche Zeitungssterben

Der 13. November wird in die Annalen der deutschen Mediengeschichte eingehen. An dem Tag hat das Zeitungssterben endgültig auch Deutschland erreicht. Am selben Tag meldet die Frankfurter Rundschau Insolvenz an und der Jahreszeiten Verlag gibt bekannt, dass es die Stadtillustrierte PRINZ mit der Dezemberausgabe nicht mehr als Printprodukt geben wird. Lange genug gab es (nur) Unkenrufe, jetzt ist der Niedergang von Print Realität. Das bricht den Bann: Das Exempel macht es anderen Verlagen, die bisher aus Imagegründen defizitäre Print-Objekte noch irgendwie am Leben erhalten haben, nur leichter, demnächst auch den Stecker zu ziehen.

Die Einstellung von PRINZ trifft, wenn auch auf Umwegen, mich ganz persönlich. Kurz die Historie. 1979 habe ich im Münchner Cultura Verlag von Arno Hess die lokale Musikpostille „Pop Zeitung“ als Redakteur übernommen. Ich hatte den Job (nur) unter der Prämisse übernommen, dass ich daraus eine veritable Stadtzeitung mache. Und rund acht (Monats-)Ausgaben später war es soweit. Im September 1980 erschien die erste Ausgabe der „Münchner Stadtzeitung“.

Die Münchner Stadtzeitung

Eine Erfolgsgeschichte. Von der ersten Ausgabe an verkaufte sich die Münchner Stadtzeitung gut. Die Themen funktionierten: Schwulenszene, Atomkraftwerk in München (Garching), Mietskandale, die Titelbilder (von Arno Hess) waren knallig. Und von der ersten Ausgabe an war das Anzeigenvolumen groß, weil man von der Aufbauarbeit beim Vorgänger profitierte. Stetig stiegen Auflage, Heftumfang, Anzeigenvolumen – und rasch auch der Kleinanzeigenmarkt.

Der Erfolg hatte viele Väter. Die inhaltliche Schwäche der ideologisch verbremsten Konkurrenz „Das Blatt“ ließ die Leser und Kleinanzeigenkunden rasch zu uns wechseln. Arno Hess war ein exzellenter Anzeigenverkäufer und Vertriebsmensch. Und die Redaktion nutzte die Freiheiten, die die Konkurrenz der etablierten Blätter im Münchner Zeitungsmarkt eröffnete. Es gab genug Themen, die in der SZ, AZ und tz nicht behandelt wurden. Und die Zielgruppe der jungen Leser war damals überhaupt nicht in ihrem Scope. (War sie es je?)

Außerdem gab es damals in München unheimlich viele gute, junge Schreiber und Fotografen. Sie kamen von der Journalistenschule, von der Uni, von der Kunstakademie und anderen Fakultäten, samt Jura. (Ich selbst war Theaterwissenschaftler!) Sie alle suchten eine Plattform, auf der sie sich frei entfalten konnten, kreative Ideen entwickeln konnten und auch Risiken eingehen durften. Und sie wurden bei der Münchner Stadtzeitung auch entlohnt. Die Honorare waren nicht fürstlich, aber fair – und weit über dem Niveau ähnliche Blätter.

5 Erfolgsfaktoren

Es wäre vermessen zu glauben, die Münchner Stadtzeitung wäre nur erfolgreich gewesen, weil sie so gute Geschichten gehabt hat. Hat sie gehabt. Aber fünf Komponenten kamen da ideal zusammen:
1. Der penibel recherchierte und kommentierte Programmkalender mit Events und Konzerten. Das hatte damals kein anderer in der Stadt. Und als die Münchner Stadtzeitung dann 1984 14-tägig wurde, weil sie zu umfangreich für die Druckmaschinen geworden war, wurde der Programmteil noch besser.
2. Der Kleinanzeigenteil wuchs exponentiell und war dann – nicht nur wegen der witzigen Kommentare der „Sätzer“ – ein eigener redaktioneller Wert und Kaufanreiz. Das war User-Content, nur nahm das damals noch keiner als solchen wahr.
3. Die Redaktion war engagiert, ideenreich und vor allem authentisch. Mein Lieblingsspruch dazu: „Wir haben alle Fehler gemacht, die möglich waren. Aber immer zur genau richtigen Zeit.“ Wir haben aber auch viel richtig gemacht, und das nicht nur mit unseren investigativen Geschichten wie bei den Schwarzen Sheriffs. (Siehe dazu Artikel hier im Blog „Humor & Justitia“!)
4. Wir haben immer den Kontakt mit den Lesern gesucht. Dazu haben wir uns in der Redaktion immer wieder spezielle Aktionen ausgedacht: Spiele, Ausflüge, Radtouren; wir haben damals schon Kino-Previews mit Schauspielern veranstaltet, wir haben Stadtzeitungsparties mit angesagten Bands wie den Neonbabies mit Inga Humpe (jetzt: 2raumwohnung) organisiert oder auch eine Wahlparty der Grünen mit Petra Kelly & Co.
5. Und wir haben uns in der Redaktion mit dem Verleger gute Marketing-Aktionen ausgedacht. Leser rissen sich darum, riesige Aufkleber der Münchner Stadtzeitung auf ihre Autos zu kleben. Wir haben als Erste Coupon-Aktionen (hieß damals noch nicht so) durchgeführt, bis die SZ uns das gerichtlich verboten hat. Wir haben uns Spiele ausgedacht und ins Heft (und auf den Titel) gebracht, die wirklich innovativ und interaktiv waren. Noch Jahre später wurde ich von Menschen  nachts um 3 Uhr angerufen, weil sie gerade die Aufgabenkarte gezogen hatten, einen unbekannten Menschen anzurufen und mit ihm mindestens 15 Minuten lang locker zu plaudern. Besonders kreativ rachsüchtige Spieler machten sich die Mühe, mich im Telefonbuch zu suchen und anzurufen.

Naivität statt Zynismus

Der größte Erfolgsfaktor war aber das Team der Münchner Stadtzeitung. Mit vielen Autoren, Fotografen und Grafikern von damals bin ich heute noch in Kontakt. Mit einigen wenigen noch eng, mit vielen per Facebook, bei anderen kann man sagen: man liest sich – oder hört sich. Sehr viele der Redakteure und Autoren haben in Zeitungen, Zeitschriften und im Radio Karriere gemacht. Sie sind Chefredakteure, Ressortleiter, leitende Redakteure. Andere haben eigene Verlage gegründet und eigene Redaktionsbüros.

Uns allen war damals gemeinsam, dass wir engagierte Schreiber waren. Engagiert nicht nur im politischen Sinn, sondern im journalistischen Sinn. Wir glaubten an das, was wir schrieben. Wir hofften noch, die Welt so ein bisschen besser zu machen. Und wir hatten wohl erkennbar Spaß am Schreiben. Das war manchmal fast schon naiv. Aber wir waren definitiv nie zynisch.

Bis heute passiert es immer wieder, dass mich Menschen, hören sie meinen Namen, tatsächlich noch mit der Münchner Stadtzeitung in Verbindung bringen. Wenn ich dann deren Lob und Begeisterung für die Zeitung von damals höre, ist es mir fast peinlich. Die Vergangenheit wird ja immer etwas verklärt, aber damals scheinen wir wirklich den Nerv von vielen (jungen) Menschen getroffen zu haben. Kein Wunder, schließlich schrieben wir dort für unsere eigene Generation.

Die Prinzen kommen

1986 habe ich die Münchner Stadtzeitung verlassen und bin zum WIENER gegangen, d. h. ich wurde Mitglied der Gründungsredaktion des deutschen WIENER. Die sonst so peinliche Floskel stimmte in diesem Fall: Ich hatte – dringend – eine neue Herausforderung gesucht. Einige meiner besten Redakteure waren gerade von Tempo abgeworben worden. Später wurden sie die Gründungsredaktion von PRINZ in München. Irgendwann um das Jahr 1989 wurde dann die Münchner Stadtzeitung von PRINZ gekauft – und zu PRINZ München umfirmiert.

Unter der Leitung des Jahreszeiten Verlages wurden die lokalen Redaktionen zu reinen Event-Rechercheuren, die Geschichten wurden deutschlandweit angedacht  – und waren entsprechend austauschbar. Dasselbe galt für den Kulturteil. Lokales war gar nicht mehr wichtig. Und über die Jahre verflachten die Inhalte immer mehr. Ich habe es dann – zugegeben – schon seit längerem nicht mehr verfolgt. Bisweilen hatte ich noch Kontakt mit Personal des Jahreszeiten Verlages und von Prinz, etwa als ich für MSN nach Content-Zulieferern für einen lokalen Onlinedienst suchte. Aber die digitale Kompetenz damals in den 90er-Jahren war dort noch sehr unterentwickelt.

Die Prinzen gehen

Das Ende von PRINZ ist so gesehen nur noch logisch. Die Zeitschrift hat sich überholt. Keine der Erfolgsfaktoren der Münchner Stadtzeitung waren noch präsent. Arno Frank, ein Stadtzeitungsveteran, lästert noch kurz in Spiegel Online dem PRINZ hinterher. „Die Mutter aller Stadtzeitungen war eigentlich schon immer nutzlos.“ Mit der zweiten Hälfte des Satzes hat er Recht. Die „Mutter der Stadtzeitungen“ war PRINZ nie, das waren „Zitty“ und der „Tip“ in Berlin. Nicht einmal „Stiefmutter“ war sie, eher ungeliebte, unsensible, etwas großmäulige, entfernte Verwandtschaft mit Geld.

Der PRINZ verschwindet. Und das ist gut so.

Zeitreise ins eigene Ich


Wir sind Gewohnheitstiere

Das geht schon gut los. Ich will einen neuen Artikel in meinem Blog schreiben und WordPress bietet mir gleich mal ein neues Interface zur Eingabe an. Nicht mehr das übliche, an das ich mich gewöhnt habe… – Was soll denn das?…

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und das ist gut so. Denn wir würden viel zu oft unsere Synapsen sinnlos anheizen, wenn wir den Alltag stets so angehen würden, als wäre alles neu und ungewohnt. Wir wären ohne unsere Muster, unsere Gewohnheiten, unsere Rituale schlicht mit uns und der Welt permanent überfordert. Sind wir ja so schon, weil sowieso kontinuierlich neue Ideen, neue Anforderungen, Ungewohntes, Ungewolltes auf uns einprasseln.

Die Welt einfrieren

Kann es denn nicht mal so bleiben, wie es ist? Das hat sich sicher jeder schon mal in Momenten gefragt, wo alles im Lot zu sein schien und das Leben uns einmal die angenehmeren Seite zugewandt hat. Und nie ist der Wunsch in Erfüllung gegangen. Immer kam wieder etwas dazwischen, immer wieder hat sich alles geändert. Neue Widrigkeiten, neue Herausforderungen, neue Wendungen – und die Schicksalsschläge, die das Leben immer wieder bereit hält, sind da noch gar nicht mit gezählt…

Zugegeben, so habe ich auch mal gedacht. Als Jugendlicher und dann auch noch mal vor allem in der ersten großen Beziehungskatastrophe, die mich ereilte. Wenn alles in Ordnung war, wollte ich die Welt gleichsam einfrieren, damit sie so bleibt wie sie gerade ist. Es kommt ja nichts Besseres nach…

Ich habe recht lange gebraucht zu kapieren, dass es nicht reicht, verlässlich und funktionabel zu sein. Nichts ist langweiliger als das. Ich habe mir vergleichsweise lange Zeit gelassen einzusehen, dass es gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung, der permanente Wandel ist, der das Leben – oder im speziellen Fall die eigene Persönlichkeit – attraktiv macht.

Die Innovations-Reaktionäre

Die erste Ahnung davon, dass Veränderung positiv sein kann, habe ich bei meiner Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung bekommen. Ein faszinierendes Phänomen brachte mich darauf. Man schreibt eine Platten- oder eine Konzertkritik zu einem Künstler oder einer Band, die noch sehr unbekannt ist, aber vielversprechend. Dafür wird man von den Fans geliebt. Es flattern dankbare Leserbriefe in die Redaktion. – Aber wehe, wenn dieser Act ein Jahr später den Durchbruch geschafft hat und etwa in einer größeren Halle auftritt. Dann kommen die bösen Briefe, von wegen dass alles verkommerzialisiert ist – und man als Musikjournalist schuld daran war, weil man so positiv darüber geschrieben hat…

Ein eigenartiges Phänomen. Künstler gehören den Fans der ersten Stunde – und wehe sie entwickeln sich, dann erleben diese Fans eine veritable Veränderungsfrustration. Alles muss so bleiben, wie es ist, und wehe es ändert sich etwas. Selbst positive Entwicklungen, wie etwa Erfolg sind dann von Übel. Aus einst glühenden Fans werden dann – so habe ich es oft erlebt – erbitterte Stilreaktionäre, die jede neue Entwicklung verteufeln. Sie hassen jeden Stilwandel – und zerfließen in Seligkeit , wenn für Momente die gute alte Zeit irgendwie wieder zurückgekehrt zu sein scheint. Sehr gut zu beobachten heutzutage bei Revival-Konzerten wiedervereinigter Altrocker. Bestes Beispiel sind die Rolling Stones. Die sind eigentlich seit den 7oer-Jahren ihre eigene Coverband – und damit ungeheuerlich erfolgreich. Eingefroren in einem Stil und eine Attitüde.

Trends als Motor 

Musik war mein allererstes Vehikel, Veränderung als etwas Positives wahrzunehmen. Ich war immer begierig darauf, neue Sounds, neue Bands und neue Stile zu entdecken. Wie viele Nachmittage habe ich in Plattenläden verbracht und immer neue Platten ausprobiert. Später bei der Münchner Stadtzeitung kamen die Platten frei Haus und ich hatte das große Privileg, mich in immer neue Konzepte reinhören zu dürfen. Manchmal dauerte es etwas länger, bis sich meine Synapsen an neue Muster und neue Temperamente gewöhnt hatten. Etwa bei Techno und Rave. Da passierte mein Erweckungserlebnis ausgerechnet an einem Heiligen Abend, als ich zur Erholung von familiärer Weihnachtsidylle spätnachts noch ins Münchner Parkcafé flüchtete und da gerade eine Rave-Party abging.

Das wahre Erweckungserlebnis in Sachen permanente Veränderung – und wie ich sie lernte zu lieben – war meine Arbeit mit Gerd Gerken, damals Deutschlands führender Trendanalytiker und Wegbereiter für alle folgenden Trendforscher wie Matthias Horx & Co.  Ich arbeitete mit ihm beim WIENER zusammen und schrieb 1993 bis 1995 mit ihm das Buch „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“, in dem wir versuchten, ein Zukunftsszenario bis zum Jahr 2025 zu skizzieren. Der Verlag verkürzte die Zeitspanne dann auf 2015, weil er befürchtete, zu wenige Leser könnten hoffen, dieses Jahr noch selbst zu erleben.

Die Welt der Zukunft

Spannend war damals nicht nur, sich in eine Welt voran zu denken, die absehbar digital zu sein versprach – obwohl das Internet damals in seiner Verbreitung noch nicht konkret präsent war. Mit jedem neuen Thema, das wir in dem Buch behandelten: Arbeitswelt, Entertainment, Sport, Wirtschaft – und auch Sex – war klar, dass die Welt, in der wir uns zu der Zeit damals befanden, schon nur allzu bald völlig anders aussehen würde. Und für unsere Ideen und Perspektiven, die wir damals aufzeichneten, müssen wir uns bis heute nicht schämen.

Parallel zu den möglichen Szenarien einer Welt der Zukunft machte mir Gerd Gerken Mut, auch mich selbst einmal in meine eigene Zukunft hinein zu denken. Das war damals für mich eine der essentiellsten Erfahrungen. Sollte jeder mal für sich versuchen: Wie sieht man selbst, mein Leben und meine Arbeit zehn Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre oder mehr in die Zukunft hinein aus? Was ist da denkbar? Was will man dann tun? Was traut man sich zu? Was will man auf gar keinen Fall, was unbedingt?

Zeitreise in die eigene Zukunft

Das war wirklich ein einschneidendes Erlebnis, diese Zeitreise in mein eigenes Ich. Ganz klar war sehr schnell, dass mein Leben auf keinen Fall so bleiben sollte wie es war. Nicht weil es damals schlecht oder frustrierend war. Aber die Vorstellung, zehn Jahre später noch dasselbe tun oder denken zu sollen, wie damals, das war wirklich eine sehr grässliche Vorstellung. Viel schöner und spannender war es, sich in immer neue Zukunftswelten hinein denken zu können/dürfen. Erst so wurde mir deutlich, welche Perspektiven, welche Optionen mein Leben vielleicht für mich noch bereit halten könnte.

Klar war, dass Veränderung der Schlüssel zu einer begehrenswerten Zukunft war. Dass Ziele und Visionen, Ideen und Perspektiven nötig waren, um in dieser Zeitreise in die eigene Zukunft und das Ich, das ich einmal sein wollen könnte, wirklich erlebenswert zu machen. Und erstrebenswert. Und lebenswert.

Mein Leben hat das damals nicht sofort verändert. Um so mehr aber langfristig. Ich wäre heute wohl nicht da, wo ich heute bin; ich würde nicht das Leben leben, das ich heute lebe, wenn ich damals nicht diese Reise in meine eigene Zukunft gewagt hätte. Und ich würde vielleicht nicht das Glück empfinden und erleben, das ich heute so oft genieße. Und ich wäre wohl nicht so entspannt und zukunftsfreudig. Und einiges Positive mehr…