Das Ende der Zukunft


Raub der Zukunft

William Gibson, der Doyen der literarischen Cyberwelt, wird gerne mit seinem Bonmot zitiert: „Die Zukunft ist hier. Sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Wie recht er hat, wissen wir in Deutschland nur zu gut. Wir kriegen zur Zeit wirklich nicht viel ab davon. Von der Zukunft, meine ich. Wir sind dazu verurteilt, den Kämpfen um die Beibehaltung der Vergangenheit zuzuschauen, siehe Leistungsschutzrecht oder Vorratsdatenspeicherung und die ganze vor-digitalen Denk- und Verhaltenswelt, die sich darin manifestiert. Wir sind – scheinbar – dazu verurteilt, zuzuschauen, wie wir allen wirtschaftlich schwachen Partnern (!) in der Europäischen Union ihre Zukunft rauben, indem wir ihre fähigsten und vielversprechendsten – jungen – Menschen berauben. Sie sehen zuhause keine Chancen mehr für sich.

PhysicsFutureWir stellen derweil mal ideologische, mal administrative Paravents auf, die uns gefälligst den Blick auf die Zukunft verstellen mögen. Wir wollen nicht zusehen, wie sich die Zukunft um uns herum hurtig verteilt. Vorzugsweise in Asien. Aber immer auch noch in Amerika. Wir kümmern uns lieber um unsere Illusion einer sorgenfreien finanziellen Zukunft. Wir tun so, als würde das Gros der Menschen, die heute Rentenbeträge zahlen, später einmal Rente kassieren können.

Unter Mehltau erstarrt

Wir vertrösten unverfroren auf eine bessere Zeit nach allem Stress und Burnout der heutigen Arbeitswelt. Wir sorgen in unserer Medienwelt für notorisch gut gelaunte Radiomoderatoren, für seichte Ablenkung im Fernsehen und hektischen Alarmismus in den News-Medien, um so die wirklich brisanten Themen sorgsam zu kaschieren. Etwa die Frage, wie wir uns in Zukunft selbst definieren mögen? Welche Gesellschaft wir denn wollen, wo sich die derzeitige gerade deutlich an allen Ecken heftig zu ändern beginnt?

Und so steuern wir auf eine Bundestagswahl zu, in der beide Spitzenkandidaten in Person und Programm glaubhaft keinerlei Perspektive und nur ein Wir-werden-unbeirrt-weiter-wursteln verkörpern. Eine Bundestagswahl, in der nach der erfolgreichen Selbst-Vaporisierung der Piraten ein ebenso breites wie amorphes Parteieneinerlei zur Wahl steht, das geschlossen das Thema Zukunft ausgeklammert hat. Ich sehe jedenfalls keine energisch oder gar glaubhaft vorgetragenen Ideen, wie unsere Gesellschaft in fünf oder zehn Jahren aussehen könnte oder sollte.

Verklärung der 50er-Jahre

Im Gegenteil, es wird sorgsam das Weiter-so gepflegt. Ganz so, als könnten wir uns gegen die disruptiven Veränderungen immunisieren, die unseren Gesellschaften in den nächsten Jahren in Technik, Kommunikation, Wirtschaft, Arbeitswelt, Gesundheit, Finanzen, Kultur, Medien und vor allem im sozialen Miteinander (oder eher Gegeneinander) bevorstehen. Wir steuern sehenden Auges in ein neues Zeitalter von einer unter Mehltau erstarrten Gesellschaft. Wenn wir aufwachen, genauer gesagt: unsanft geweckt werden, wird es längst zu spät sein, noch etwas im eigenen Sinn ändern zu können.

Ich bin alt genug, um mich noch – wenn auch nur schemenhaft – an die im Nachktriegstrauma und am Psychopharmakum des Wirtschaftswunders erstarrten Gesellschaft der 50er- und 60er-Jahre zu erinnern. Es war damals nicht schön, auch wenn das Filme, die diese Zeit verkitschen („Madmoiselle Populaire“), so zu verklären versuchen. Die Revolten ab Mitte der 60er-Jahre waren kein Zufall. Ich erinnere mich, wie wir in unserer Klasse immer überrascht waren, wer alles aus unserer Klasse auf Demos anzutreffen war. Da machten sogar die Bravsten mit, und zwar mit Überzeugung.

Die Explosion an Zukunft

Mich erinnert die Zeit heute an diese Stimmung damals zu Beginn der 60er-Jahre. Nur brav stillhalten. Schön fleißig sein. Nicht zu viel wollen. Man war viel zu beschäftigt damit, sich um seinen Wohlstand zu kümmern, um auf „dumme Gedanken“ kommen zu können (zu dürfen). Dabei waren die politischen Diskussionen damals noch weit hitziger als heute, weil die Parteien echte inhaltliche Gräben teilten. Heute erleben wir weite, langweilige Tundra und ideelle Steinwüsten.

Als Gegenmittel lese ich zur Zeit viel Literatur zum Thema Zukunft. Etwa Michio Kaku „Physics of the Future – How Science Will Shape Human Destiny and Our Daily Lives by the Year 2100“.  Ein ebenso waghalsiger wie bisweilen fast naiv zukunftsgläubiger Ansatz. Aber bei allem Kopfschütteln an etlichen Stellen, wo er sich mit seiner ungezügelten Zukunftsbegeisterung vielleicht ein wenig vergaloppiert, schildert Michio Kaku wie sich die Welt in den nächsten 20, 50 und 100 Jahren in den Bereichen Computer/Digitalität, (Künstliche) Intelligenz, Medizin, Nanotechnologie, Energietechnologie, Raumfahrt, Wohlstand und menschliches Zusammenleben entwickeln kann – und möglicherweise wird. Als Gerd Gerken und ich Mitte der 90er-Jahre unser Buch „Trends 2025“ nennen wollten, machte der Verlag damals nicht mit, weil die „Leser das ja großteils gar nicht mehr erleben werden“. Das Buch hieß dann „Trends 2015“. (Antiquarisch ist das Buch noch z. B. bei ebay und Amazon erhältlich. – Und es ist immer noch lesenswert…)

Das Ende der Zukunft

Michio Kaku ist für das Thema Zukunft prädestiniert. Er ist einer der prominentesten theoretischen Physiker der USA, u. a. hat er die String- und Quantenfeldtheorie formuliert. Vor allem aber ist er der prominenteste Dokumentarfilmer zum Thema Wissenschaft. Er beschreibt keine seiner möglichen technologischen Entwicklungen ohne nicht in Labors und Forschungsabteilungen Prototypen dafür mit eigenen Augen (und dem der Kamera) gesehen zu haben. Wenn nur ein milder Prozentsatz der prognostizierten Entwicklungen Wirklichkeit wird, sieht unsere Welt sehr bald sehr viel anders aus als heute. Oder salopp formuliert: Dann ist die Welt einer Angela Merkel (eine Physikerin!) oder eines Peer Steinbrück ganz schnell Geschichte. Und zwar eine, die sehr alt aussieht.

Diese Zukunft wird sehr schnell kommen und nicht mehr in technologischen Schüben wie zuletzt das Internet. Sie wird kontinuierlich und immer schneller immer drastischere Veränderungen bringen. So schnell und pausenlos, dass der amerikanische Medientheoretiker und Vortrags-Kapriolist Douglas Rushkoff in seinem neuesten Buch „Present Shock“ ein Ende der Zukunft prognostiziert. Alles  entwickelt sich in seiner Sicht so schnell und passiert so zeitgleich, dass das linerare Bild der Zukunft als Zeitstrahl aus der Gegenwart in ein Jenseits nicht mehr funktioniert.

Die permanente Gegenwart

Rushkoffs relativ steile These ist die, dass die Zukunft ausgedient hat, weil sie in der Gegenwart angekommen ist. Statt auf eine (bessere?) Zukunft zu warten, leben wir in einer sich ständig wandelnden Gegenwart. Statt große Pläne für die Zukunft schmieden zu können, sind wir mehr als gut damit beschäftigt, uns durch die komplexen, miteinander verflochtenen allgegenwärtigen Probleme zu arbeiten und sie graduell zu verbessern, ohne noch die Hoffnung auf eine grundlegende Lösung haben zu dürfen: die Bevölkerungssituation, die Finanzkrisen, globale Erwärmung, Terrorismus, Ernährungssituation etc.

Das setzt dem alten Bild der Politik als Heilsversprecher und Problemlöser ein Ende. Statt Anfang und Ende von Projekten, statt abgeschlossener Kapitel erleben wir in Rushkoffs Sicht die Realität künftig als nicht enden wollendes Computerspiel, in dem es kontinuierlich neue Aufgaben zu lösen gibt, ohne je aufhören zu können und durch einen neuen Spiellevel erlöst zu werden. Er ist in seinem Denken da ganz nah an Zygmunt Bauman und seiner Idee der „Liquid Modernity“. Alles ist permanent im Fluss, es geht immer weiter, ohne Einschnitte, Höhepunkte und alle Erlösungselemente. Nicht: Alles wird gut! Sondern: Alles ist im Fluss.

Ohne Erlösungselemente, nur im Hier und Jetzt. Das heißt in seiner Konsequenz Abschied nehmen von Hoffnungen einer Post-Arbeits-Idylle, die heute Rente heißt. Das heißt eine permanente, ja sich beschleunigende Innovationsverpflichtung. Das heißt Abschied nehmen von der Idee von Lösungen. Das heißt ein permanentes Nachjustieren. Das heißt in seiner Beschleunigungsdynamik ein stetiges Arbeiten mit möglichst disruptiven Entwicklungen. – Die Durchwurstel-Metapher, die würde einer Angela Merkel ja perfekt liegen. Aber auf Innovation oder gar – CDU/CSU/SPD/FDP/Grüne bewahre – Disruption ist bei ihr sicher nicht zu hoffen. Und bei Peer Steinbrück ebenso wenig. Mit ihnen werden wir bei der Verteilung mit Zukunft auf alle Fälle zu kurz kommen.

Ein Kuriosum als Nachtrag: Douglas Rushkoff nennt sich in Abgrenzung zu den Futuristen „Präsentist“. Den Ausdruck gibt es schon in Deutschland. Er bezeichnet Menschen, die nie in der Arbeit fehlen, egal wie krank oder ausgebrannt sie sind…

Die andere Spieltheorie


Wer gewinnt das große Monopoly?

Ich habe von früh an gerne gespielt. Die ganze lange Liste an Brett- und Kartenspielen. Los ging’s, wie bei den meisten damals mit „Mensch ärgere Dich nicht!“ – und dann Halma, Mühle, Fang den Hut bis zu Schach, Monopoly, Risiko und sogar „Öl für uns alle“, in dem es um Schürfrechte und den Transport des geförderten Öls in die Abnehmerländer ging. Jeder war da mal Scheich, mal Shell und mal Onassis. Und je besser man darin war und je mehr das Würfelglück half, desto reicher endete man am Ende eines Spieleabends.

MonopolyEigentlich die perfekte Ausbildung für unser derzeit herrschendes Wirtschaftssystem. Zugegeben: Die Bank bei Monopoly hat nie Geld verzockt und war in ihrem Geschäftsverständnis eher rückständig. Wie gerne hätte man damals oft Geld nachgedruckt, um nicht bankrott zu gehen. – Schon damals hatte verloren, wer seinen Besitz verpfänden musste. Aber immerhin wurde einem damals schon klar gemacht, was der Besitz von Immobilien bedeutet – und dass deren Wert schweren Schwankungen unterliegen kann. Aber auch hier: Es gab keine in der spanischen Wüste leer vor sich hin zerfallenden Wohnsiedlungen.

Der Lerneffekt des Spielens

Leider haben mir diese Spiele nicht wirklich Sinnvolles beigebracht, was ich im realen Berufs- und Geschäftsleben hätte erfolgreich anwenden können: Pokerface, Verhandlungsgeschick, Durchhaltevermögen, Strategie… Dazu habe ich die Spiele wohl zu spielerisch gesehen und den Ernst des Lebens zu ernst. Andersherum wäre es wohl besser gewesen. Spiele ernst nehmen und den Ernst spielerisch anzugehen.

Ach was, manchmal habe ich Spiele ja zu ernst genommen. Ich erinnere mich dunkel, mich einmal bei „Mensch ärgere Dich nicht!“ doch so sehr geärgert zu haben, direkt vor dem Haus noch einmal rausgekegelt worden zu sein, dass ich wütend nicht mehr weiterspielen wollte. Das habe ich nur einmal so gemacht. Nicht, weil mich meine Mutter streng gescholten hat, von wegen „Das macht man nicht!“ und „Man muss auch verlieren können!“ Es war der stille, tief enttäuschte Gesichtsausdruck von Onkel Karl und Tante Else, genannt Elschen. meinen Ersatz-Großeltern, der mich dazu brachte, mich nie mehr so bescheuert zu benehmen.

Spielverderber-Attitüde

Fragt sich, wie wir heute mit der weit verbreiteten Spielverderber-Attitüde umgehen sollen, die in vielen alteingesessenen Branchen verbreitet ist, denen radikal veränderte Spielregeln drohen. Den Verlegern etwa. Jahrzehntelang haben sie prächtig davon gelebt, mit ihren Zeitungen dick Geld zu verdienen. Wohl gemerkt nicht dadurch, dass sie glänzenden Journalismus geboten haben. Das haben sie, fraglos. Aber Geld wurde mit Anzeigen verdient. Mit Job-Anzeigen, Auto-Markt, Wohnungsanzeigen. Heute würde man das wohl als journalismus-fremdes Business bezeichnen.

Um so blindwütiger ist ihr Vorgehen gegen all diese digitalen Gewinner, die die zuvor geltenden Spielregeln so radikal ausgehebelt haben. Schon 1995/1996, als Europe Online aus der Wiege gehoben wurde, gab es Pläne, Geschäftsanzeigen und den Auto-Markt digital umzusetzen. So sollten die journalistischen Angebote von Europe Online querfinanziert werden. Das wurde aber schnell gestoppt. Die beteiligten Verlage befürchteten Kannibalismus-Effekte. Die sind dann auch recht bald eingetreten. Nur dass die Kannibalen aus den USA kamen und Google, Amazon, Apple, Monster hießen. Oder sie kamen aus Europa wie Mobile und die Scout24-Familie (Auto-, Immobilien-, Job-Scout etc.).

Veränderte Spielregeln? – Mit uns nicht!

Jetzt, wo alle die Einkünfte aus den Branchenanzeigen längst weg sind und auch die Einkünfte aus der Werbung immer weiter sinken – und zugleich die Verkaufszahlen – sollen plötzlich die Leser für das Journalistische Angebot zahlen. Und jeder, der sich auch nur erdreistet, ein paar Zeilen aus diesem erst vor Kurzem entdeckten Schatz des „Journalismus“ zu zitieren. Dafür hat man das Leistungsschutzrecht erfunden und tatsächlich – unter Androhung journalistischer Repressalien (!!!) – im Wahljahr im Bundestag und Bundesrat durchgedrückt. Die Causa Wulff, also die ebenso eindrucksvolle wie willkürliche Dokumentation verlegerischer Macht, hat die Regierungskoalition sowieso, aber auch die SPD sichtlich verschreckt samt Führungspersonal der Grünen.

Was für ein dummes Spiel, das absehbar eigentlich nur Verlierer hat. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird in Sachen Zukunftsperspektiven faktisch wie imagemäßig geschädigt. Die Verleger haben ihr Image ruiniert, „tiefer in den Keller geht’s nimmer“ heißt es sogar in einem Kommentar in faz.net. Google wird sich nicht beugen und sitzt am deutlich längeren Hebel. Die Blogger drohen zum Opfer einer Verleger-Vendetta zu werden. Die einzigen Gewinner im Spiel sind die, die gar nicht mitgespielt haben. Die Anwälte in den Abmahn-Kanzleien. Und das alles nur, weil eine Branche die neuen Spielregeln nicht anerkennen will (oder kann).

Das andere Spiele-Dilemma

Während Frank Schirrmacher die Allmacht der Spieltheorie in der Finanz- und Politikwelt verschwörungstheoretisch beschreibt, ist längst ein anderes Spiele-Dilemma viel virulenter: der Unwille und das Unvermögen, neue Spiele zu lernen und zu spielen. Ich habe schon an ein paar Stellen in diesem Blog (hier und hier) Eric Schmidt den langjährigen CEO von Google 2009 beim Aspen Ideas Festival zitiert, wie er vor dem eisernen Beharrungsvermögen des großen Geldes warnte und deren Allianz mit der Politik und deren Regulationsmacht. Als hätte er das Leistungsschutzrecht erahnt. Oder hat er gar unfreiwillig die Idee dazu geliefert?

Es ist wie es ist. Vor jedem (neuen) Spiel werden die Karten neu gemischt. Deswegen scheuen alle, die ein Spiel (gut) beherrschen, ein neues Spiel zu wagen. Denn dort ist offen, wer Sieger und wer Verlierer wird. Ja, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass neue Spiele von jungen, neuen Spielern besser beherrscht werden als von den Alteingesessenen. Und noch wahrscheinlicher ist es, wenn die Spielregeln von den Newcomern bestimmt sind und die Altvorderen das Spiel nur mit großem Widerwillen spielen. Kein Wunder, dass da neue Spiele so weit es geht geregelt, wenn nicht gleich verboten werden.

Das Leistungsschutzrecht war nur der Anfang

Wir müssen froh sein, dass etwa der Versandhandel die Politik nicht so recht in Geiselhaft nehmen kann. Sonst müsste Otto und Karstadt zuliebe schleunigst eine Katalogsdruckpflicht für Amazon, Zalando & Co. erlassen werden. Welch prima Idee: Die Kosten würden die Shopping-Gewinner belasten und die Druckmaschinen der Verleger besser auslasten. Und dasselbe gilt dann auch für Mobile oder AutoScout24. Auch die müssen alle ihre Angebote brav drucken, sonst gelten sie nicht. Na und Monster, Stepstone LinkedIn und Xing genauso ihre Jobangebote. (Aber halt, Xing gehört ja schon Burda…) – Ja und Facebook? Wie wäre es mit einer Like-Abgabe oder einem Freundschaftsschutzrecht?

Ich habe jetzt doch schon einige Zeit nicht mehr Monopoly gespielt. Aber soweit ich mich erinnere, ging das Spiel damals nicht so, dass mitten im Spiel die Spielregeln zugunsten des Seriengewinners geändert werden durften. Das kenne ich nur aus Filmen. Und da waren es immer die Kriminellen, die das Spiel zu ihren Gunsten manipulieren durften. Aber nur so lange, bis James Bond oder andere Gerechtigkeitsfanatiker eingriffen und das Spiel zugunsten der Guten drehten. 007, bitte übernehmen Sie: Aktion Printfall.

Wut auf den Clown


Beppe Grillo, der Buhmann der italienischen Politik

Ich habe Beppe Grillo nur einmal kurz, das ist schon zwei, drei Jahre her, zufällig bei einer Veranstaltung auf einem italienischen Platz erlebt. Das war zu den Anfängen seiner politischen Bewegung „Movimento 5 Stelle“. Mein Italienisch war damals noch sehr dürftig. Trotzdem habe ich gesehen, wie gut seine Witze und wüsten Politikerbeschimpfungen beim – vornehmlich jungen – Publikum ankamen. Es war eine Riesenstimmung schon damals. Inzwischen kommen über 100.000 Menschen im winterlichen Rom zusammen – zu der Abschlussveranstaltung seines Wahlkampfes. Zu einer Wahlkampfveranstaltung, bitteschön!!!

Beppe_Grillo_-_Trento_2012_0325.55 Prozent der Wählerstimmen hat Beppe Grillo bei der Wahl in Italien gewonnen!. Das Movimento 5 Stelle ist sogar die Einzelpartei mit den meisten Stimmen. In etlichen Regionen, etwa in den Marken, in denen wir unsere südliche Heimat haben, ist er mit Abstand die führende Kraft. Das alles hat Grillo mit seinen jungen Mitstreitern innerhalb von nur drei Jahren geschafft. Ohne Geldgeber, nur als Graswurzelbewegung per Internet, vor allem der jungen Italiener. In einem Land, in dem wirklich nur alte Männer das Sagen haben – in allen Bereichen, in Wirtschaft und Politik, in allen Regionen und Kommunen – in dem die jungen so gut wie keine Chance haben.

Vorbildliche Ideen

Die Programmatik der Grillisti, wie sie inzwischen genannt werden, wirkt etwas erratisch. Aber was an konkreten Zielen von Grillo angestrebt wird, sind Initiativen, die auch in Deutschland, vor allem bei kritischeren Geistern, helle Zustimmung finden müssten. Ein Grundlohn von 1.000 € für jeden. Ähnliches wollen auch die Grünen. Mit speziellen Initiativen soll vor allem die Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden. Die Abgeordneten, die das Movimento in Parma und Sizilien in die Parlamente gebracht haben, verzichten auf den größten Teil ihres Gehaltes (wie einst die Grünen) und zahlen das Gros in einen Fonds ein, aus dem Microkredite für Unternehmen, Start ups und Initiativen vergeben werden, die neue Arbeitsplätze für Jugendliche schaffen. Und die Abgeordneten, die jetzt für das Movimento ins Parlament ziehen werden: alles junge Leute, viele junge Frauen. (Alle per Internet zu Abgeordneten gewählt!)

Eigentlich alles wunderbar. Was für eine Erfolgsgeschichte, mit solchen Ideen eine Wahl so spektakulär zu gewinnen. Aber nichts davon in der deutschen Presse. Hier wird Beppe Grillo unisono als Polit-Clown, Populist, Politik-Verweigerer und gar als Wüterich gescholten. Er wird fast durchgängig in eine Schublade mit Silvio Berlusconi gesteckt. Was ist es, dass unsere Medien so wütend und so einseitig gegen Beppe Grillo agitieren lässt? Wäre er der Chef einer erfolgreichen Oppositionsbewegung in einem Land des (ehemaligen) Ostblocks, wäre er längst als Held verklärt.

Aggression gegen Systemverweigerung

Es ist natürlich seine Ablehnung der EU in der gegenwärtigen Form, die Grillo zur Zielscheibe von Kommentatoren-Aggressionen macht. Es ist seine Ablehnung des Sparkurses von Mario Monti (und Angela Merkel), die Grillo hierzulande unbeliebt macht. Aber man muss sich nur ein wenig in Italien umsehen, um zu verstehen, dass die Sparpolitik vor allem die Jungen voll trifft. Sie haben nicht wie ihre Altvorderen Immobilien und Schwarzgeldkassen, mit denen es sich auch in Krisenzeiten noch über die Runden kommen lässt. Sie erleben nur ein Land, in dem die Alten nicht loslassen, in denen Reformen wirksam torpediert werden und Aufbruchstimmung ein Fremdwort ist.

Beppe Grillo aber verkörpert erstmals seit ewigen Zeiten so etwas wie Aufbruchsstimmung und eine Perspektive für die Jugendlichen. Gerade auch weil er sich allen etablierten Kräften verweigert. Den Medien, dem TV, der Presse, der Großwirtschaft und vor allem dem Klüngel (er nennt sie Kaste) der Parteipolitiker in Italien und deren Korruptheit: Italien hat die meisten Abgeordneten in Europa, das zahlreichste Parlament und dazu noch einen Senat, und die Politiker dort gönnen sich die höchsten Diäten. Und genau das möchte Grillo dringend ändern.

Die Kaste schlägt zurück

Aber auch dafür bekommt er von der Presse hierzulande keinen Beifall. Im Gegenteil. Obwohl es hochdringend ist, sich von den Parteien und dem herrschenden Politikapparat abzusetzen, wird Grillo genau dafür abgewatscht. Etwa vor allem deswegen, weil die Presse und die Medien hierzulande eben auch ein integrierter Teil der hiesigen Politkaste sind. Die wahrscheinlich nicht so korrupt wie in Italien ist, aber genauso weit entfernt von der Wirklichkeit, etwa von arbeitslosen Jugendlichen. Fast scheint es so.

Natürlich wird es spannend sein, was Grillo nun mit seinem Wahlsieg macht. Lässt er es per Blockade so weit kommen, dass bald wieder Neuwahlen nötig sind? Dann hätte er die besten Chancen, noch besser abzuschneiden. Oder treibt er mit seinen Themen die demokratischen Sozialisten vor sich her? Hin zu Reformen, einem fairen Wahlrecht, zu einem kleineren Parlament, zu einem Grundeinkommen und einer Wirtschaftsförderung, die unten bei den kleinen Leuten und den Jugendlichen ankommt und nicht kränkelnde Banken und Großkonzerne (FIAT) unterstützt?

Wer blockiert wen, wer blockiert was?

Ich habe eher das Gefühl, dass die Politkaste Italiens da nicht mitspielen wird. Aber wer ist dann der Verweigerer? Wer ist der Blockierer? Und wer, bitte, ist der Politclown? Der, der gute, sinnvolle, soziale Ideen verwirklicht sehen will? Oder die Kaste, die alles tut, um den Euro nicht in die Bredouille zu bringen und brav weiter das deutsche Wirtschaftswunder des 21. Jahrhunderts auf eigene Kosten zu befeuern?

Und warum stellt eigentlich unsere kritische Presse nicht solche Fragen? Auch wenn damit nicht unbedingt Beifall zu erwarten ist. Ich bin einmal gespannt auf das Bild der vielen jungen, weiblichen Köpfe im italienischen Parlament. Und besonders spannend wird es sein, was sie für eine Politik machen werden. – Ich jedenfalls habe da kein so schlechtes Gefühl. Wenn die etablierten Medien so einhellig und so aggressiv gegen etwas sind, dann verspricht das inzwischen so einiges. – Aber das sagt mehr über die hiesigen Medien und ihr Selbstverständnis aus als über Beppe Grillo.

Nachträge:

Sehr interessant, was Grillo jetzt nach der Wahl in Interviews sagt (Beispiel SZ) . Seine Verweigerungspolitik gilt nur für ein „Weiter so“. Würde etwa Basani es ernst meinen mit Konsolidierung, Wahlreform und Abbau von (Politiker-)Privilegien, wäre Grillo sofort dabei.

Und auch Spiegel Online, oder zumindest sin Kolumnist Jakob Augstein versteht inzwischen, wie überzeugend Grillos Opposition ist.

Und hier kann man sich mal ein (bewegtes) Bild von Beppe Grillo und seinen Zielen machen. Im Interview mit dem schwedischen Fernsehen. (mit deutschen Untertiteln).

Der Pirat des Südens


Beppe Grillo und sein „Tsunami“

Wollen wir es mal vorsichtig formulieren: Die Piraten hatten in Deutschland ihr großes Coming Out in den Medien. Und sie sind darin in kürzester Zeit untergegangen. Marina Weisband hat das in ihrem Blog oft sehr gut als direkt Betroffene beschrieben und analysiert. Die Medien sind viel zu sehr Teil des bestehenden politischen Systems, als dass sie den Piraten je wirklich publizistisch eine Chance gegeben hätten. Zunächst haben sie sie konsequent missachtet. Erst als es nach dem Wahlerfolg in Berlin nicht mehr anders ging, hat man sich ihrer angenommen.. Und wie. Extrem intensiv und mit aller Brutalität, Konvention, Häme und als Sympathie getarntem Zynismus, zu dem die etablierten Medien nur fähig sind. – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Beppe Grillo
Beppe Grillo

Wie es ganz anders gehen kann, ist bei unserem winterlichen Besuch in Italien zu besichtigen. Hier mischt ein politischer Outsider die italienische Politlandschaft mit ähnlichen Inhalten, einer ähnlichen Attitüde und ebenso internetaffin auf wie dereinst die Piraten in Deutschland: Beppe Grillo. Die Prognosen zur Wahl in Italien Ende Februar sehen ihn bei 13 bis 16 Prozent – mit guten Zuwachsperspektiven. Mit ein bisschen Glück könnte seine politische Bewegung „Movimento 5 Stelle“ (Fünf Sterne Bewegung) bei der Wahl zweitstärkste Kraft, mindestens aber drittstärkste Fraktion werden.

Der Anti-Pirat

Zugegeben, die politische Situation ist in Italien verfahrener und schlimmer als in Deutschland. Das Parteiensystem ist weit desaströser und die Politikerkaste eine Katastrophe. Zur Wahl stehen ein mehrfach verurteilter Medienmogul, der das Land fast in den Ruin getrieben hat. Ein vom Schlaganfall schwer mitgenommener Rechtsaußen. Ein unglaublich dröger sozialistischer Parteisoldat und ein Wirtschaftprofessor von Banken und Goldman Sachs‘ Gnaden. Alle natürlich altersmäßig weit jenseits der Pensionsgrenze. Und dann eben Beppe Grillo. Einst Kabarettist, Komiker und Fernsehstar. Auch er – nach einem Autounfall – wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft.

Beppe Grillo steht konzeptionell ganz nah bei den Piraten. Seine Kandidaten zur Wahl sind alle per Internet-Votum gewählt worden. Inhaltlich wird Vieles per Internet diskutiert und beschlossen. Und vor allem die Aktivierung der Wähler und Wahlhelfer geschieht über das Internet und Foren auf Beppe Grillos Website beppegrillo.it (inkl. englischer Version). Auch inhaltlich gibt es viele Berührungspunkte zu den Piraten. Netzpolitisch sowieso, aber ebenso ökologisch und ökonomisch und in der teilweise abenteuerlichen Melange aus linken und eher konservativen Positionen, wie sie auch die Piraten in Deutschland bisweilen haben. In Italien ist das Teil des Erfolgsrezeptes. Beppe Grillo gilt als der einzige „Politiker“, der Berlusconi rechts von der Mitte Wähler abspenstig machen kann.

Der bekennende Populist

Grillo kann Berlusconi Stimmen abgraben, weil er ein Bühnenberserker ist – und ein Populist von Gottes Gnaden. Dafür wird er von allen Seiten gescholten. Er macht sich einen Spaß daraus und lässt auf seinen stets bestens besuchten Großauftritten die Menge skandieren: Po-pu-lista! – An dem Beispiel beginnt man zu ahnen, dass Beppe Grillo vielleicht inhaltlich den Piraten nahe steht, aber sonst in allen Belangen das völlige Gegenbild ist. Er macht alles anders als die Piraten in Deutschland – und ist schätzungsweise gerade dadurch so erfolgreich.

Beppe Grillo verweigert sich nämlich komplett und konsequent allen etablierten Medien. Dem italienischen Fernsehen (das ihn einst groß gemacht hat) sowieso, weil es entweder in der Hand von Berlusconi ist oder von ihm, wie im Fall des öffentlichen RAI, zu einstigen Regierungszeiten mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden ist. Eine Kandidatin, die bei einer Talkshow zugesagt hatte, hat Grillo sehr diktatorisch eingebremst. Aber auch mit der italienischen Presse will 5-Sterne-Grillo nichts zu tun haben, auch abseits von Berlusconis Mediaset. Für ihn sind die etablierten Medien samt und sonders Teil der überkommenen politischen Kaste, die ihm niemals nützen werden, sondern ihn immer zu verhindern suchen werden. (Auffällig ist, dass die Medien in Deutschland dem Phänomen Beppe Grillo auch bislang fast völlig mit Missachtung begegnen. Die Ausnahme ist der Tagesspiegel.)

Tsunami, die Polit-Tour

Seine Stimmen, seinen Erfolg und seine politische Wirkung erzielt Beppe Grillo allein durch Multiplikation im Internet, vor allem aber durch seine überaus erfolgreiche Tour über alle großen Stadtplätze quer durch Italien. Er nennt die Tour „Tsunami“. Er ist der einzige Wahlkämpfer Italiens, der sich im winterkalten, nassen Italien auf die Bühne stellt und hier seine – ja, populistische – Bühnenshow mit Politikerbeschimpfungen, Witzen, massenhaft Fakten zur italienischen Politik und ihrer Korruptheit und mit seinen politischen Ideen abzieht. Eine Show, die überall Tausende von Zuhörern auf die zugigen Plätze holt und extrem gut ankommt. Höhepunkt soll ein Auftritt in Rom zwei Tage vor der Wahl vor über 100.000 Zuhörern werden. (Darüber dürfen dann mit Grillos Segen auch die etablierten Medien berichten – möglichst live.)

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die konkrete politische Arbeit, die die Abgeordneten des „Movimento 5 Stelle“ dort leisten, wo sie schon Mehrheiten erzielt haben. Etwa in Parma oder in Sizilien. Sie lassen sich von ihren – in Italien üblicherweise üppigen – Abgeordnetengehältern nur etwa 3.000 Euro auszahlen. Den größeren Teil zahlen sie in einen Fonds ein, aus dem Microdarlehen vergeben werden, mit denen vor allem Arbeitsplätze für arbeitslose Jugendliche geschaffen werden sollen. Das funktioniert und macht das Movimento extrem angesehen in Italien. Die Botschaft davon wird viral weiter getragen und macht Eindruck bei den Benachteiligten und in den ärmeren Schichten. Aber auch den Intellektuellen, die sonst wenig mit Grillos hemdsärmeliger Art anfangen können, macht solch authentisches Arbeiten Eindruck.

Der Lackmus-Test

Spannend wird es nach der Wahl. Beppe Grillo hat angekündigt, mit keiner der etablierten Parteien koalieren zu wollen. Schon aus Ablehnung des etablierten Systems. Das wird, je nach Erflog des „Movimento 5 Stelle“, die Bildung einer handlungsfähigen Koalition – vor allem ohne Berlusconi – schwer machen. Das wird der Lackmus-Test dieser Bewegung. Schon wird geunkt, dass ausgerechnet Grillo, der Intimfeind von Silvio Berlusconi, zum Steigbügelhalter dieses anderen großen Populisten werden könnte. Kaum vorstellbar, dass Grillo das zulässt. Aber fast ebenso schwer lässt sich eine Koalition mit dem trockenen Professor Monti oder dem drögen Sozialisten Bersani denken.

So speziell die Probleme Italiens sind, so karikaturenhaft das politische Personal samt Beppe Grillo, die Situation hier könnte eine Art Zukunftsszenario auch für Zentraleuropa werden. Das Spektrum akzeptabler und ernsthafter Politiker wir auch hier immer schmaler und geht bisweilen gegen Null. Die Sehnsucht nach einer politischen Kraft jenseits der etablierten Politidk ist immens. Das haben die Piraten eindrucksvoll bewiesen. Die Situation unser globalen Welt wird nicht einfacher zu managen werden, im Gegenteil. Das öffnet das Feld für Populisten jedweder Couleur. Es wird sehr spannend werden, mit ihnen real funktionierende Politik zu machen und vielleicht wichtige strukturelle Änderungen durchzuziehen (etwa Kontrolle/Entmachtung der Banken). Dafür ist Beppe Grillo der Prototyp. – Es mag von Deutschland anders ausschauen. Aber manchmal ist Italien der Zeit voraus…

Die Pluralisierung der Renditen


2012 – Das Jahr der Konflikte ums Digitale

Was für ein Jahr! Ich kann mich nicht erinnern, wann sich der Alltags-Lifestyle im Alltag so schnell und massiv wie im Jahr 2012 geändert hat. Bei meinen Fahrten mit der S-Bahn nach München hinein ist die Veränderung mit „Händen zu greifen“. Statt Zeitungen und Bücher werden jetzt mehrheitlich Smartphones, eBook-Lesegeräte und Tablets in Händen gehalten. Nur noch Senioren lesen Zeitungen, nur noch wenige Frauen lesen Bücher. Der massive Wechsel zur digitalen Kommunikation und Rezeption – und das vorrangig mit mobilen Geräten – ist atemberaubend und „erschütternd“.

SchlossStatueRechtsEr erschüttert das Medien- und das PC-Business. Medien werden nicht mehr auf Papier konsumiert, bestenfalls per Tablet oder Smartphone. Der PC, wie wir ihn kennen, hat großenteils ausgedient, das Notebook wird zum Auslaufmodell. Sobald ein Tablet oder ein eReader im Haus – und unterwegs dabei ist – wandern die Daten von der Festplatte in die Cloud. Und die Daten, die wir zu unserer Unterhaltung brauchen, ob Musik, Bild oder Video, kommen von da her – sei es von Google (samt YouTube), Amazon, Apple oder Facebook (samt Spotify). Yahoo und Microsoft versuchen verzweifelt mitzuhalten.

Der organisierte Widerstand

So massiv die Veränderung, so verbreitet der Wechsel zum Digitalen im letzten Jahr war, so energisch – und erstmalig koordiniert – gestaltete sich der Widerstand der Medienunternehmen gegen die digitale Konkurrenz. Dabei waren die Versuche, ein Leistungsschutzrecht (vulgo: Lex Anti-Google) politisch durchzudrücken, nur die Spitze des Eisberges. Dazu kamen Berge von Artikeln, die vor der digitalen Welt warnten, die hysterisch Katastrophen prognostizierten (Untergang der Privatsphäre u.a.) und natürlich massiv gegen die neuen Multis und Giganten der digitalen Welt agitierten: Google, Facebook, Apple und Amazon. (Microsoft gehört plötzlich zu den Guten?)

2012 war das Jahr, in dem die großen Medienhäuser plötzlich unisono Propaganda in eigener Sache machten: Stichwort „Qualitäts-Journalismus“. Als hätten Zeitungen den freien Journalismus erfunden. 2012 war das Jahr, in dem sich Politiker, fast quer durch alle Parteien, für den Widerstand gegen die amerikanischen digitalen Mega-Unternehmen einspannen ließen. Die einen aus Naivität, Unwissen oder Ignoranz, die meisten aus Lobby-Gründen, etliche vielleicht auch, weil sie ahnen (oder wissen), dass der digitale Wandel längst die Politik in den Grundfesten zu erschüttern beginnt. Obama hat es vorgemacht, wie Wahlen per Social Media gewonnen werden können, selbst wenn man eigentlich auf verlorenem Posten steht.

Die Prognose für 2013 ff

Man könnte ein Leistungsschutzrecht als verschrobene Folklore eines leicht verschreckbaren Volkes in der Mitte Europas abtun. Besser man nimmt es (sehr) ernst, was da droht. Denn eines ist sicher: Es wird 2013 und in den Folgejahren alles noch viel dramatischer kommen. Immer mehr Branchen werden vom digitalen Wandel erfasst und in ihren Grundfesten erschüttert werden. Entsprechend wird der Druck dieser Industrien auf die Politik wachsen, etwas gegen die business-bedrohenden Veränderungen zu tun. (Motto: Arbeitsplatzverluste etc.). Und die Bereitschaft der Politik, massiv gegen solch grundlegende Veränderungen einzuschreiten, wird wachsen. Schon aus reiner Selbsterhaltung.

Denn noch immer glaubt man in weiten Teilen von Industrie und Wirtschaft, man könne sich gegen den digitalen Wandel und seine disruptiven Auswirkungen wehren. Man müsse nur den digitalen Mega-Firmen Einhalt gebieten und das Internet endlich effektiv regulieren, dann wird alles nicht ganz so schlimm. (China, Iran und Nordkorea machen es doch vor!) Und so wird eifrig Lobbyarbeit betrieben mit dem Ziel, dem Wandel Einhalt zu gebieten. Oder wenigstens möglichst viel Zeit herauszuschinden, bis die bisherigen Business-, Karriere- und Boni-Modelle endgültig ausgedient haben. Dass dabei unsere sowieso schon fragile, innovationsträge Wirtschaft ernsthaft gefährdet und jegliche Zukunftsfähigkeit vernichtet wird – völlig egal.

Das wird schon wieder

Es ist fast rührend zu beobachten, wie gerne so getan wird, als ob die disruptiven Brüche nur für die Medienbranche gelten. Man muss nur dagegen halten, dann ist der digitale Spuk bald vorbei. Dabei wird chronisch übersehen, dass der digitale Wandel systemisch ist. Dass er die Machtverhältnisse zugunsten der Kunden unumkehrbar verschiebt. Dass er völlig neue Verfügbarkeiten schafft, die nur allzu gern genutzt werden, weil sie der Mehrheit (der Konsumenten) sofort Vorteile bringen. Natürlich zu ungunsten der bestehenden Businessmodelle – und bestehender Jobs und Verdienstmöglichkeiten. Die Medienbranche ist nur die Vorhut. Alle anderen Branchen werden folgen.

Dass nach und mit dem Umbruch so viele neue, attraktive Geschäftsmöglichkeiten und Jobs entstehen, wird nicht gesehen. Diese neuen Jobs werden nicht nach denselben Regeln funktionieren und nicht identische Gewinnmöglichkeiten wie einst bieten. Das ist logisch, weil es sich eben um einen grundlegenden Umbruch handelt – vom Industriezeitalter zum digitalen Netzwerkzeitalter. Einst waren die Machtstrukturen streng hierarchisch. Jetzt aber werden am Ende des Industriezeitalters die hierarchischen Systeme durch dynamische Netzwerksysteme abgelöst. Entsprechend waren die Margen und Renditeoptionen des industriellen Zeitalters aufgrund von begrenztem Zugang zu Produktionsmitteln, Distribution und Märkten riesengroß.

Pluralisierung von Gewinnen

Der digitale Wandel beendet diese eindeutigen, hierarchischen und – nennen wir sie monolithischen – Gewinnoptionen. Statt weniger, dafür umso ergiebigerer Renditen (bei Medien einst: Verkäufe und Anzeigen) sind die Gewinne – und die Option darauf – heute demokratisiert und pluralisiert. Jeder hat die Möglichkeit, am Markt teilzunehmen. Jeder kann selbst Unternehmer und/oder Händler werden. Das ist viel einfacher, schneller und unkomplizierter möglich. Dies aber nur unter der Bedingung, dass die Gewinnmöglichkeiten entsprechend pluralistisch sind. Sprich, sie fallen in der Regel jeweils geringer aus und stehen allen offen. Entsprechend ist der Wettbewerb größer. Das macht aber nichts, weil genügend Renditeoptionen parallel nebeneinander bestehen – was erst seit der digitalen, entrepreneurs-pluralistischen Ära möglich ist. Und außerdem können Netzwerkeffekte helfen, die minimalen Einnahmen ansehnlich zu multiplizieren.

Das alles braucht aber ein anderes, kleinteiligeres Denken, es braucht mehr und schnellere Innovation, denn in der digitalen Welt wird jede gute Idee sofort kopiert. Der einzige funktionierende Schutzraum dagegen ist die extreme Nische. Wer aber im Massenbusiness tätig ist, steht voll im Sturm der Veränderung. Das erlebt neben dem Medienbusiness bereits heftig der Einzelhandel, speziell der Elektronikhandel. Hier werden wir 2013 und in den Folgejahren massive Veränderungen erleben. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis in vielen anderen Branchen, die bislang vor massiven Veränderungen verschont geblieben schienen, heftige Umbrüche passieren werden. Hier nur einige Beispiele:

  • Das Banking Business: LendingClub.com und Zopa oder Kickstarter und Startnext u. a. zeigen, dass wir Kunden irgendwann auch ohne Banken, wie wir sie heute kennen, auskommen können, wenn wir Projekte finanzieren wollen.
  • Die Gesundheitsbranche: Mobiles Monitoring, Crowd-Coaching, Gensequenzierung, 3-D-Modelling & -Printing u. a. werden das Business extrem verändern und massiv Berufsbilder „verändern“.
  • Der komplette Bereich der Bildung. Die Khan Academy u.a. ermöglichen es (vorerst noch auf Englisch), den kompletten Schulstoff zu Hause in Eigeninitiative zu lernen – und das mit echtem Spaß. (Wie ich selbst getestet habe.) Oder Udacity und Codecademy führen in die Computer-Technologie ein. – Alles natürlich gratis.
  • Die Tourismusbranche: Hotels und Restaurants müssen sich auf hochindividualisierte Privat-Konkurrenz einstellen müssen. Der Erfolg von AirBnb zeigt, wie neue „Privatmärkte“ im Tourismus prosperieren können.
  • Die (Auto-)Mobilbranche: Der Wandel von Besitz zu Nutzung, von der Kombustion zur Elektrik wird neue Autotypen und völlig  neue Businessmodelle im Bereich der Mobilität bringen.
  • Die Werbebranche: So wie sie ist, hat sie systemisch abgewirtschaftet, da zu analog (kreativ-narzisstisch statt kundenorientiert) und hierarchisch (one to many). Es muss social, kundenbezogen und interagierend werden. Coca Cola probiert schon mal aus, wie werbliche Kommunikation auf Augenhöhe mit den Kunden aussehen könnte.
  • etc. etc. etc.

Alles Gute für 2013… 2014… 2015… …

Ich denke, man kann sich ausmalen, wie die Welt 2013 und den Folgejahren aussehen wird, wenn all diese Branchen und etliche mehr anfangen, gegen die Digitalisierung (politisch) aktiv zu werden, weil sie um ihr Business, um ihre Renditen, um ihre Karrieren und ihre Jobs Angst bekommen. Fast möchte man froh darum sein, dass die digitalen Widersacher der etablierten Industrie (Google & Co.) inzwischen so groß, mächtig und reich geworden sind, dass sie auch auf dem gesellschaftlichen und politischen Parkett Paroli bieten können.

In diesem Sinne: Alles Gute für das Jahr 2013… etc.

Druckmaschinen zu Pflugscharen


Das Ende der Frankfurter Rundschau

Groß war das Entsetzen, als die Frankfurter Rundschau Insolvenz anmeldete. Und bei aller reflexhaften Schuldzuweisung an die Gratiskultur des Internet, die wackeren Zeitungsjournalisten das Brot wegnimmt, war dann sogar auch ein wenig sachliche Kritik zu lesen, dass die Frankfurter Rundschau auch viel falsch gemacht hat. Als da wären: die lokale Berichterstattung vernachlässigt, zu wenig ideologische Aufgeschlossenheit, unausgegorene Digitalstrategie, das familienfeindliche Tabloid-Format u.a.m.

Um so mehr provozierte dann die vom (in Richtung „The Guardian“) scheidenden Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, eher en passant in einem Facebookkommentar formulierte Generalkritik, dass sich das Geschäftsmodell der Tageszeitung wohl überholt habe neu überdacht werden muss. [Korrektur, sie Kommentar unten.] Er hat so recht. Schlicht weil sich unsere Medienlandschaft längst massiv verändert hat – richtig wegen des Internets – aber nicht wegen dessen „Gratiskultur“.

Aktuelle Medien-Wirklichkeit

Wie sehr sich die Tageszeitung überlebt hat, erlebe ich ja selbst ganz real jeden Tag. Mal so, mal so. – Ich bin, seit ich als Student von zu Hause ausgezogen bin, Abonnement der Süddeutschen Zeitung. Ihre Lektüre war jeden Morgen die allererste Handlung. Bis vor ein paar Wochen ein Tablet (Nexus) ins Haus kam. Jetzt ist das mein Gegenwarts- und Realitätsassistent.

Aber noch immer verbringe ich am Morgen Zeit mit meiner Süddeutschen. Früher waren das jeden Tag 30 Minuten und mehr. Heute sind das nur noch knapp 10 Minuten. Mehr Neues oder Interessantes hat die Zeitung in gedruckter Form nicht mehr zu bieten. Und ich habe längst erfahren, dass es auch ganz leicht ohne die morgendliche Zeitung geht. Immer wenn wir uns mal wieder nach Italien verabschieden, bestellen wir die SZ ab. Ein Hybrid-Abo, zu Hause in Papier und unterwegs als ePaper bietet der Süddeutsche Verlag natürlich nicht an. Und siehe da: Es geht wunderbar ohne morgendliche Zeitung. Ganz ohne Entzugserscheinungen. Und ohne ein Jota Verlust an Informiertheit und Medieninput. Dank des Internets.

Primär-, Sekundär und Tertiärmedium

Wichtige Aspekte der Medienwirklichkeit werden in der Diskussion um die Medien leider vergessen: Welche Rolle im Medienalltag spielt das jeweilige Produkt und der jeweilige Kanal? Was ist das Primärmedium, die erste Anlaufstation, mit der ich mich aktuell auf dem Laufenden halte? Was ist das Sekundärmedium, wo ich mir Analysen und Hintergrundinformationen hole? Was ist das Tertiärmedium, in dem ich aktuelle Themen in der Breite vertiefe? Und dann gibt es noch Quartiärmedien, bei denen ich blanke Unterhaltung suche.

Einst hat die Tageszeitung alle vier Bereiche bedient. Es gab wirklich neue Nachrichten, selbst wenn man eifrig Nachrichten in TV und Radio verfolgt hat. Es gab die Analysen und Berichte, die Nachrichten in Beziehungssysteme setzten. Im Feuilleton, in (Wochenend-)Beilagen und Magazinen wurde Aktuelles mit Interviews und Reportagen unterfüttert. Und sogar der Quartiärbereich, das Entertainment,  wurde beliefert mit Vermischtem, Rätseln, Witzen und Fortsetzungsromanen.

Frischere Ideen online

Und heute? Finster sieht es im Primärbereich aus, wenn es um Tageszeitungen geht. Kaum eine News steht heute in den Zeitungen, die ich nicht längst schon erfahren habe – in Onlinemedien, per Facebook, Twitter, Google+  etc. Bezeichnend ist doch, dass der Online-Ableger eines typischen Sekündärmediums, des Spiegel, heute die Marktführerschaft im Bereich der Primärmedien hat und allen Konkurrenten der einstigen Primärmedien (Tageszeitungen) den Rang abgelaufen hat. Und wer ist von der Relevanz her auf Platz Zwei? Zeit Online! Das Sekundär- und Tertiärmedium schlechthin. Das digitale Versagen der Tageszeitungen kann deutlicher nicht sein.

Einzige Ausnahme, wo es in Tageszeitungen noch Primärelemente, sprich wirklich Neues zu erfahren gibt, ist das lokale Umfeld. Hier gibt es noch kaum funktionierende, verlässliche Blogs und wenig Konkurrenz. Aber wie lange noch? Vor allem Facebook macht da schwer Boden gut. In unserer italienischen Zweitheimat, wo es kaum funktionierende Lokalberichterstattung gibt, informiert man sich über sein eigenes Umfeld vorzugsweise per Facebook.

Redaktion der Print-Dosis

Und wie schaut es im Sekundärbereich aus? Da liefern die führenden Tageszeitungen nach wie vor zuverlässig Hintergrundinformationen, sogar investigative Stories und reichlich Analysen. Aber schlimm sieht es am Land und bei den kaputtgesparten Redaktionen aus, wo jenseits der (umgeschriebenen) Agenturmeldungen und der Hausaufgaben an Kommentaren wenig mehr zu finden ist. Bekomme ich etwa in Berlin die Berliner Zeitung in die Hand, ist es erschreckend, wie schnell man das Blatt durch hat, weil man fast nirgends zum Lesen verführt wird.

Und die Konkurrenz im Sekundärbereich ist im Internet heute so hoch wie noch nie. So viele erstklassige Autoren bloggen heute, so viele Blogger liefern erstklassige Artikel, hervorragend geschrieben, mit viel Hintergrundwissen. Wie oft habe ich bessere Analysen und Reflexionen online gelesen als tags darauf in meiner Süddeutschen. Vor allem sind die vielen Qualitäts-Blogger, die heute verlässlich liefern, ideologisch viel unbelasteter, stilistisch frischer und gedanklich innovativer als das Gros der Tageszeitungsautoren. Vielleicht weil sie in einer Wirklichkeit jenseits der Redaktionsstuben oder Newsrooms leben. Vielleicht, weil die interessanten und innovativen Köpfe nie in einer Zeitung sitzen wollen würden. (Und exzellente Blogger für Zeitungen zu engagieren ist scheinbar undenkbar?)

Die mobile Konkurrenz 

Ähnlich groß ist für die Zeitungen die Online-Konkurrenz im Tertiär-Markt. (Vom Quartiärbereich ganz zu schweigen. Hier hat man längst kapituliert.) Immer mehr attraktive Inhalte in Sachen Kulturberichterstattung, vor allem abseits der großen Kulturtempel, finden sich online. Immer mehr Analysen, Reportagen und Features finden sich heute im Netz. Und der Tipp per Twitter oder aus einer funktionierenden Facebook-Community lässt solche Perlen verlässlich finden.

Aber nicht so sehr die Sozialen Netzwerke sind das Problem der Tageszeitungen (die schon auch). Es ist die explosionsartige Vermehrung der Mediennutzung über mobile digitale Geräte, sprich Smartphone und Tablets. Den offensichtlichsten Beweis dafür liefert mir jede morgendliche Fahrt mit der S-Bahn. Noch vor einem guten Jahr las ein Drittel bis die Hälfte der S-Bahn-Pendler in Büchern aber vor allem in Zeitungen. Heute hat sich das völlig geändert. Kein Viererabteil, in dem nicht zwei bis drei Menschen auf ihr Smartphone starren, in ihrem Tablet lesen – oder häufiger: Filme ansehen – oder im eReader schmökern.

Lesevergnügen per Tablet

Mit jedem neu verkauften Smartphone und Tablet entdeckt ein Zeitungsleser mehr, dass es auch ohne Zeitung geht – und wie erfreulich ein individuell nach persönlichen Interessen zusammengestellter Medien- und Informationsmix (inklusive Facebook & Co.) sein kann, den Apps wie Flipboard, Currents oder andere aggregieren. Sie entdecken wie man sich so viel bequemer und vielseitiger, weil aus vielen (Gratis-)Quellen, und nicht weniger aktuell informieren und unterhalten lassen kann als mit einer sperrigen Zeitung (und sei sie im Tabloid-Format).

Und mit jedem verlorenen Zeitungsleser wird das Problem der teuren Produktions- und Distributionslogistik der Zeitungen evidenter. Es ist nun einmal teuer auf Papier zu drucken und physikalische Produkte zu vertreiben. Und je weniger Abnehmer es gibt, um so mehr eskalieren die Kosten. Und irgendwann ist es dann einfach zu teuer, Papier zu bedrucken und Zeitungsausträger jeden Morgen loszuschicken.

Eine Gewissensfrage

Hinzu kommt, dass ich fast ein schlechtes Gewissen habe, dass da jemand früh morgens mit dem Auto (!) herumfährt, um mir meine Zeitung an die Türe zu bringen. Und das gesammelte, wenig gelesene Papier bringe ich dann einige Tage später zum Papiercontainer. Ökologisch ist das ja nun nicht. Bur halt eine Gewohnheit, kurios verklärt als Kulturleistung- Wo ich doch die Artikel auch easy digital herunterladen und bequem auf meinem Nexus lesen könnte. – Gerne auch bezahlt.

Und an dieser Stelle meiner Argumentation gebe ich an Richard Gutjahr ab, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag vorbildlich schlüssig die mangelhafte Angebotspolitik der Verlage kritisiert, die ebenso dumm wie effektiv dem absehbaren Zeitungssterben in Deutschland Vorschub leistet. Sein Fazit: „Es geht den Verlagen noch zu gut – oder einfach noch nicht schlecht genug.“ – Aber sicher nicht mehr lange. – Irgendwann heißt es dann: Druckmaschinen zu Pflugscharen.

Das Ende der Prinzen


Das deutsche Zeitungssterben

Der 13. November wird in die Annalen der deutschen Mediengeschichte eingehen. An dem Tag hat das Zeitungssterben endgültig auch Deutschland erreicht. Am selben Tag meldet die Frankfurter Rundschau Insolvenz an und der Jahreszeiten Verlag gibt bekannt, dass es die Stadtillustrierte PRINZ mit der Dezemberausgabe nicht mehr als Printprodukt geben wird. Lange genug gab es (nur) Unkenrufe, jetzt ist der Niedergang von Print Realität. Das bricht den Bann: Das Exempel macht es anderen Verlagen, die bisher aus Imagegründen defizitäre Print-Objekte noch irgendwie am Leben erhalten haben, nur leichter, demnächst auch den Stecker zu ziehen.

Die Einstellung von PRINZ trifft, wenn auch auf Umwegen, mich ganz persönlich. Kurz die Historie. 1979 habe ich im Münchner Cultura Verlag von Arno Hess die lokale Musikpostille „Pop Zeitung“ als Redakteur übernommen. Ich hatte den Job (nur) unter der Prämisse übernommen, dass ich daraus eine veritable Stadtzeitung mache. Und rund acht (Monats-)Ausgaben später war es soweit. Im September 1980 erschien die erste Ausgabe der „Münchner Stadtzeitung“.

Die Münchner Stadtzeitung

Eine Erfolgsgeschichte. Von der ersten Ausgabe an verkaufte sich die Münchner Stadtzeitung gut. Die Themen funktionierten: Schwulenszene, Atomkraftwerk in München (Garching), Mietskandale, die Titelbilder (von Arno Hess) waren knallig. Und von der ersten Ausgabe an war das Anzeigenvolumen groß, weil man von der Aufbauarbeit beim Vorgänger profitierte. Stetig stiegen Auflage, Heftumfang, Anzeigenvolumen – und rasch auch der Kleinanzeigenmarkt.

Der Erfolg hatte viele Väter. Die inhaltliche Schwäche der ideologisch verbremsten Konkurrenz „Das Blatt“ ließ die Leser und Kleinanzeigenkunden rasch zu uns wechseln. Arno Hess war ein exzellenter Anzeigenverkäufer und Vertriebsmensch. Und die Redaktion nutzte die Freiheiten, die die Konkurrenz der etablierten Blätter im Münchner Zeitungsmarkt eröffnete. Es gab genug Themen, die in der SZ, AZ und tz nicht behandelt wurden. Und die Zielgruppe der jungen Leser war damals überhaupt nicht in ihrem Scope. (War sie es je?)

Außerdem gab es damals in München unheimlich viele gute, junge Schreiber und Fotografen. Sie kamen von der Journalistenschule, von der Uni, von der Kunstakademie und anderen Fakultäten, samt Jura. (Ich selbst war Theaterwissenschaftler!) Sie alle suchten eine Plattform, auf der sie sich frei entfalten konnten, kreative Ideen entwickeln konnten und auch Risiken eingehen durften. Und sie wurden bei der Münchner Stadtzeitung auch entlohnt. Die Honorare waren nicht fürstlich, aber fair – und weit über dem Niveau ähnliche Blätter.

5 Erfolgsfaktoren

Es wäre vermessen zu glauben, die Münchner Stadtzeitung wäre nur erfolgreich gewesen, weil sie so gute Geschichten gehabt hat. Hat sie gehabt. Aber fünf Komponenten kamen da ideal zusammen:
1. Der penibel recherchierte und kommentierte Programmkalender mit Events und Konzerten. Das hatte damals kein anderer in der Stadt. Und als die Münchner Stadtzeitung dann 1984 14-tägig wurde, weil sie zu umfangreich für die Druckmaschinen geworden war, wurde der Programmteil noch besser.
2. Der Kleinanzeigenteil wuchs exponentiell und war dann – nicht nur wegen der witzigen Kommentare der „Sätzer“ – ein eigener redaktioneller Wert und Kaufanreiz. Das war User-Content, nur nahm das damals noch keiner als solchen wahr.
3. Die Redaktion war engagiert, ideenreich und vor allem authentisch. Mein Lieblingsspruch dazu: „Wir haben alle Fehler gemacht, die möglich waren. Aber immer zur genau richtigen Zeit.“ Wir haben aber auch viel richtig gemacht, und das nicht nur mit unseren investigativen Geschichten wie bei den Schwarzen Sheriffs. (Siehe dazu Artikel hier im Blog „Humor & Justitia“!)
4. Wir haben immer den Kontakt mit den Lesern gesucht. Dazu haben wir uns in der Redaktion immer wieder spezielle Aktionen ausgedacht: Spiele, Ausflüge, Radtouren; wir haben damals schon Kino-Previews mit Schauspielern veranstaltet, wir haben Stadtzeitungsparties mit angesagten Bands wie den Neonbabies mit Inga Humpe (jetzt: 2raumwohnung) organisiert oder auch eine Wahlparty der Grünen mit Petra Kelly & Co.
5. Und wir haben uns in der Redaktion mit dem Verleger gute Marketing-Aktionen ausgedacht. Leser rissen sich darum, riesige Aufkleber der Münchner Stadtzeitung auf ihre Autos zu kleben. Wir haben als Erste Coupon-Aktionen (hieß damals noch nicht so) durchgeführt, bis die SZ uns das gerichtlich verboten hat. Wir haben uns Spiele ausgedacht und ins Heft (und auf den Titel) gebracht, die wirklich innovativ und interaktiv waren. Noch Jahre später wurde ich von Menschen  nachts um 3 Uhr angerufen, weil sie gerade die Aufgabenkarte gezogen hatten, einen unbekannten Menschen anzurufen und mit ihm mindestens 15 Minuten lang locker zu plaudern. Besonders kreativ rachsüchtige Spieler machten sich die Mühe, mich im Telefonbuch zu suchen und anzurufen.

Naivität statt Zynismus

Der größte Erfolgsfaktor war aber das Team der Münchner Stadtzeitung. Mit vielen Autoren, Fotografen und Grafikern von damals bin ich heute noch in Kontakt. Mit einigen wenigen noch eng, mit vielen per Facebook, bei anderen kann man sagen: man liest sich – oder hört sich. Sehr viele der Redakteure und Autoren haben in Zeitungen, Zeitschriften und im Radio Karriere gemacht. Sie sind Chefredakteure, Ressortleiter, leitende Redakteure. Andere haben eigene Verlage gegründet und eigene Redaktionsbüros.

Uns allen war damals gemeinsam, dass wir engagierte Schreiber waren. Engagiert nicht nur im politischen Sinn, sondern im journalistischen Sinn. Wir glaubten an das, was wir schrieben. Wir hofften noch, die Welt so ein bisschen besser zu machen. Und wir hatten wohl erkennbar Spaß am Schreiben. Das war manchmal fast schon naiv. Aber wir waren definitiv nie zynisch.

Bis heute passiert es immer wieder, dass mich Menschen, hören sie meinen Namen, tatsächlich noch mit der Münchner Stadtzeitung in Verbindung bringen. Wenn ich dann deren Lob und Begeisterung für die Zeitung von damals höre, ist es mir fast peinlich. Die Vergangenheit wird ja immer etwas verklärt, aber damals scheinen wir wirklich den Nerv von vielen (jungen) Menschen getroffen zu haben. Kein Wunder, schließlich schrieben wir dort für unsere eigene Generation.

Die Prinzen kommen

1986 habe ich die Münchner Stadtzeitung verlassen und bin zum WIENER gegangen, d. h. ich wurde Mitglied der Gründungsredaktion des deutschen WIENER. Die sonst so peinliche Floskel stimmte in diesem Fall: Ich hatte – dringend – eine neue Herausforderung gesucht. Einige meiner besten Redakteure waren gerade von Tempo abgeworben worden. Später wurden sie die Gründungsredaktion von PRINZ in München. Irgendwann um das Jahr 1989 wurde dann die Münchner Stadtzeitung von PRINZ gekauft – und zu PRINZ München umfirmiert.

Unter der Leitung des Jahreszeiten Verlages wurden die lokalen Redaktionen zu reinen Event-Rechercheuren, die Geschichten wurden deutschlandweit angedacht  – und waren entsprechend austauschbar. Dasselbe galt für den Kulturteil. Lokales war gar nicht mehr wichtig. Und über die Jahre verflachten die Inhalte immer mehr. Ich habe es dann – zugegeben – schon seit längerem nicht mehr verfolgt. Bisweilen hatte ich noch Kontakt mit Personal des Jahreszeiten Verlages und von Prinz, etwa als ich für MSN nach Content-Zulieferern für einen lokalen Onlinedienst suchte. Aber die digitale Kompetenz damals in den 90er-Jahren war dort noch sehr unterentwickelt.

Die Prinzen gehen

Das Ende von PRINZ ist so gesehen nur noch logisch. Die Zeitschrift hat sich überholt. Keine der Erfolgsfaktoren der Münchner Stadtzeitung waren noch präsent. Arno Frank, ein Stadtzeitungsveteran, lästert noch kurz in Spiegel Online dem PRINZ hinterher. „Die Mutter aller Stadtzeitungen war eigentlich schon immer nutzlos.“ Mit der zweiten Hälfte des Satzes hat er Recht. Die „Mutter der Stadtzeitungen“ war PRINZ nie, das waren „Zitty“ und der „Tip“ in Berlin. Nicht einmal „Stiefmutter“ war sie, eher ungeliebte, unsensible, etwas großmäulige, entfernte Verwandtschaft mit Geld.

Der PRINZ verschwindet. Und das ist gut so.

Das digitale Fremdbild


Fremdbild vs. Selbstbild

Jeder kennt einen Menschen, der stylemäßig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie stylen sich und ziehen Klamotten an, wie sie Jahrzehnte zuvor mal hip gewesen sein mögen. Als ich in jungen Jahren mit Freunden lange Zeit eine Hütte (ohne Strom, das fließende Wasser war der Brunnen vor der Tür) in der Kelchsau hatte, kehrten wir verlässlich auf dem Weg nach Hause in der „Traube“ in Hopfgarten zur Jause ein. Nicht weil das Essen dort so überragend war. Im Gegenteil, es war sehr holländerkompatibel mit viel Fritten und einem halben Dosenpfirsich als Beilage bei so ziemlich jedem Fleischgericht.

WIENER 12/90 – Foto: Uwe Arens

Nein, die Attraktion war über Jahrzehnte hinweg die Bedienung. (Hieß sie Christine?) Sie war lustig und freundlich. Vor allem trug sie stets eine grandios aufgetürmte Toupetfrisur, wie sie später die Mädels von B52 ironisch zitierten – oder noch später Amy Winehouse. Christine aber trug den Toupet-Turm nicht als ironisches Zitat, sondern weil sie es irgendwie für chic hielt. Irritierend, wie sie dieses Selbstbild liebte, während sich die Welt längst drum herum weiter entwickelt hatte und solch eine (aufwändige) Haarinstallation eher kurios fand. Selbstbild und Fremdbild klafften epochenweit auseinander. (Ein ähnliches, typisches – prominentes – Beispiel für solch ein Time- und Persönlichkeits-Gap ist das Ehepaar Thomas und Thea Gottschalk.)

Schmerzhafte Divergenz

Das Phänomen der Divergenz zwischen Selbstbild und Fremdbild kennt jeder Journalist, der Menschen beschreibt. Jedes Porträt, jede Reportage über Menschen ist nichts anderes, als jeweils dem Betreffenden einen Spiegel vorzuhalten. Einen sehr subjektiven, selbstverständlich. Und oft kollidiert das mit dem Selbstbild des Porträtierten. Je größer die Divergenz, desto heftiger ist die Reaktion. Und das ist nicht immer die Schuld des Journalisten, der eine Geschichte aufzumotzen versucht.

Mir sind solche Selbst-/Fremdbild-Konflikte zwei Mal besonders krass begegnet. Einmal in den Frühzeiten des WIENER, als ich über mehrere Tage hinweg die Mutter von Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, interviewt hatte. Sie erkannte sich in dem Interview – obwohl stets wörtlich zitiert – nicht wieder und protestierte vehement dagegen, wie sie und ihr Sohn in dem Interview rüber kamen. Ähnlich heftig war die Reaktion auf eine Reportage kurz nach der Wende 1990 unter Kindern in Halle und Dresden. Wir zitierten dort Texte, die sie in Aufsätzen zum Thema „Meine Hoffnungen und Ängste für meine Zukunft im vereinigten Deutschland“ geschrieben hatten und setzten eindrucksvolle Fotos der Kinder in Schwarzweiß von Uwe Arens dazu. Das kam bei den Eltern und den Lehrern der Kinder sehr schlecht an und wir wurden mit Protestbriefen überschüttet.

Narzisstische Kränkung

Zur Erinnerung: Narzisst ist der stolze Jüngling, der sich aus Rache der Nymphe „Echo“ (!) immer wieder in sein Spiegelbild verlieben musste. Das macht deutlich, wie schmerzhaft es in einer weithin durch-narzisstisierten Gesellschaft sein muss, in seinem Spiegelbild etwas sehen zu müssen, was einem gar nicht gefällt. Etwas, was so gar nicht der eigenen Vorstellung, dem eigenen Anspruch entspricht. Diese narzisstischen Kränkungen (nicht im Freud’schen Sinne, bitte!) prägen das Leben heute. Je ausgeprägter und idealer das Selbstbild ist – und das braucht es in unserer hoch-individualisierten Welt heute – desto häufiger und herber sind diese Kränkungen. Sie prägen unseren Alltag und wohl dem, der gelernt hat, damit klug und aggressionsfrei umzugehen.

Wer heute häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bekommt unweigerlich das Gejammere zu hören und die Aggressionen zu spüren, die narzisstische Kränkungen in Menschen auslösen. Jede Verspätung der S-Bahn ist ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Jeder schiefe Satz eines Kollegen ist ein Drama. Jeder Tropfen Regen eine persönliche Beleidigung und jede Hitzeperiode jenseits von drei Stunden ein Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Eigenartigerweise werden die wirklich schwerwiegenden Kränkungen des fragilen Selbstwertgefühls, die von Chefs, Instanzen, Behörden oder gar der Politik ausgeübt werden, da nicht thematisiert. Je gravierender und Identität gefährdender die Angriffe sind, desto stiller werden sie ertragen. Sie zu beklagen wäre zu entblößend, zu blamabel.

Das finanzielle Eigenschämen

Die am meisten verschwiegene Kränkung der Gegenwart sind die Geldverluste, die Menschen in den sich gegenseitig hetzenden Krisen ereilen. Sie sind das absolute Tabu-Thema, bei dem man sich oft nicht einmal bei allerengsten Freunden seelische Erleichterung holen mag. Es wird spannend, wann dieses Tabu einmal gebrochen wird. (Vielleicht in einer Stern-Aktion: 100 Prominente bekennen, wir haben uns verspekuliert?) Zeit wird es, denn gerade die Banken und Finanzinstitutionen profitieren am meisten von der Omerta der geprellten Gierigen und der breiten Front teilenteigneter Finanz-Amateure.

Dabei ist die Bandbreite der narzisstischen Kränkungen, die Banken heute für ihre Kunden auf Lager haben, nahezu unendlich. Jahrzehntelang treuen Kunden wird im ersten Moment einer Krise (etwa Arbeitslosigkeit) sofort und unangekündigt der Dispo gekündigt samt Einzug der EC-Karte. Selbst erfolgreiche Firmen bekommen vereinbarte Kreditlinien nicht mehr verlängert, weil irgendein anonymer Controller in der Zentrale neue Richtlinien erlassen hat. Und wenn man älter als 55 Jahre ist, hat man sowieso kaum mehr Chancen auf Hypotheken oder Kredite, nicht mal wenn man massenhaft Immobilien als Sicherheit bieten kann. – Das alles ist so im näheren Bekanntenkreis aktuell passiert.

Der anonyme Algorithmus 

Und es wird noch schlimmer. Längst sind die Finanzinstitute und eigene, von ihnen beauftragte Datenanalytiker dabei, ganz klandestin ein zusätzliches, digitales Fremdbild von jedem von uns zu malen. Mit der Abermenge von digitalen Finanz-Transaktions-Daten, kommerziellen Datenbanken (Adressen, Schufa & Co.) und den im Internet in Abundanz verfügbaren Daten (inkl. Social Media) zeichnen sie ihr eigenes, sehr granulares und konkretes Bild vom Konsumverhalten, von Kreditwürdigkeit und finanziellen Perspektiven jedes Einzelnen von uns.

Ein sehr eindrucksvolles Bild, wie das e-score genannte Solvenz-Profil eines jeden von uns aussieht, hat die New York Times gezeigt. Ein erschreckendes Bild vor allem, weil es vor dem, den es angeht, stets verborgen bleibt. Es wird nur in den Kränkungen, die von diesem klandestinen Datenprofil, dem dritten – digitalen – Ich verursacht werden, erlebbar sein: wenn man keinen Kredit bekommt – oder nur zu sehr unvorteilhaften Konditionen. Wenn man teurere Preise zahlen soll (wie etwa Apple-User). Wenn man keine Verlängerung einer Hypothek bekommt und die Spareinlagen unter dem Inflationswert verzinst werden usw.

Und wer sich ein wenig auskennt, wie Algorithmen entstehen, wie sie funktionieren und weiß, wie sie oft falsch eingesetzt werden, der kann erahnen, wie oft von Algorithmen errechnete (Finanz-)Persönlichkeitsprofile falsch liegen können. Die Banken & Co. sind ja schon froh, wenn halbwegs die Pareto-Regel gilt. Für uns Kunden hieße das, dass ein Fehlerquotient von 20 Prozent gilt und mindestens jedes fünfte digitale Profil falsch ist. Und es ist unkorrigierbar, da nicht öffentlich kontrolliert und nicht individuell einsehbar. Eine wahrhaft kafkaeske Situation solange nicht Hacker eine e-score-Leaks-Initiative starten.

Auf die Politiker darf man nach den Erfahrungen der letzten Jahre und Monate wohl nicht hoffen, dass sie sich in diesem Punkt gegen das Finanzsystem zugunsten ihrer Wähler durchsetzen. Vielleicht auch, weil sie ganz privat Angst haben, von dieser Seite herbe narzisstische Kränkungen zu erfahren…

Ein Hauch von Zukunft


Did you have fun today?

Es gibt so Tage, da sitzt man am Abend im Arbeitssessel und staunt. Denn man hat rein zufällig einen Blick in eine Zukunft getan, die man so bisher nicht zu sehen oder zu denken gewagt hat. Ende 2010 ist mir so etwas passiert als ich Zoe in der U-Bahn in Berlin kennen gelernt habe und die Selbstverständlichkeit, mit der die Zweijährige ihren iPod bediente. Heute war es – nennen wir sie –  Martha, die mir in der Münchner S-Bahn gegenüber saß. Ein fröhliches, staunendes Kind, das mit ihrem Papa, hörbar ein Amerikaner, deutsch sprach, der antwortete Englisch. Und während der Zeit las sie in Kinderbüchern ihm vor, in hebräisch. Martha war noch keine vier Jahre alt.

Ich mag Väter nicht, die ihre Kinder schon so jung mit Lesen, Schreiben, Lernen triezen. Aber der Charme, die Unbekümmertheit, die Neugier und der Wissenseifer der Kleinen vertrieb so ziemlich alle Skepsis. Pappi fragte dann auch brav: „Did you have fun today, my dear?“ – Martha konnte nicht antworten, denn am Gleis gegenüber fuhr gerade ein Güterzug langsam nebenher, das war natürlich superinteressant. Aber Pappi ließ nicht locker: „Did you have your fun today? A little bit?“ – Martha hatte Mitleid mit ihrem besorgten Vater. Sie nahm ihn, so gut sie es mit ihren kleinen Ärmchen konnte, in den Arm, strich ihm über den Kopf und tröstete ihn: „Oh, Papa!“ Zweimal mit ganz langem Aaaa. Subtext: „Was fragst du denn für einen Quatsch!“

Digitales Sütterlin

Schnellvorlauf ins Jahr 2032. Wie soll ich mir Martha dann vorstellen? Oder Zoe? Sie sind garantiert menschliche Wesen mit all ihren Macken und Talenten. Sie sind keine Cyborgs. Aber wie soll ich mir ihr Denken dann vorstellen? Wie weit werden sie sich in diesen Jahren von unserer heutigen Normalität entfernt haben? Wie geduldig oder wie genervt werden sie reagieren, wenn etwa Digitalverweigerer oder Dys-Nostalgiker alten Zeiten nachtrauern. Als es noch Zeitungen, noch Fernsehen, noch Bücher gab. Oder wird es Menschen geben, die Windows oder Laptops nachtrauern? Welche Kluft wird sich da auftun? Dramatischer auf alle Fälle als wir sie je erlebten, als wir uns mühten, die Postkarten der Großmutter zu entziffern, die sie unbeirrt in Sütterlin-Schrift geschrieben hatte.

Als die ersten Home-Computer aufkamen, war einer meiner Freunde uns allen weit voraus. Er hatte einen Commodore, einen CBM oder PET. Eines dieser Geräte, das optisch irgendwo zwischen Star Trek-Kommandostand und Registrierkasse balanzierte. Es war eine wahre Kunst dieses Gerät zu bedienen. Der Monitor klein mit den ominösen grünen Grob-Pixel-Buchstaben – und natürlich haufenweise kryptische Kürzel und Kommandos, die es zu beherrschen galt. Immer wieder muckte das Gerät, wenn es drucken sollte, aber es machte schwer Eindruck auf mich vordigitalen Menschen, der bisher nur Lochkarten-Computer kennengelernt hatte.

Old-School-Internet

Die Pointe der Geschichte ist, dass dieser Freund zwischendurch fast komplett die Arbeit mit Computern aufgegeben hatte. Er fand Mäuse und vor allem Betriebssysteme, bei denen man ohne kryptische Kommandos auskam, schlicht blöd und unsexy. Erst sehr spät legte er sich dann einen PC zu und beharrte lange darauf, noch ein Betriebssystem zu haben, das man irgendwie noch mit Tastatur-Kommandos bedienen konnte. Entsprechend spät machte er seinen Frieden mit dem Internet – und nutzt es heute für Recherchen. Aber Liebe sieht anders aus.

Habe ich hier – schon sehr früh – eine Ahnung erleben dürfen, wie es uns in 20, 30 Jahren ergehen wird, auch wenn wir uns noch so mühen auf der Höhe der digitalen Zeit zu bleiben. Oder wird es gnädigerweise Old School-Nischen im Internet geben – das dann längst nicht mehr so heißt, weil dies ein Ausdruck einer längst vergangenen digitalen Zeit ist, die ähnliches Staunen und Stirnrunzeln erzeugt wie steinzeitliche Höhlenmalereien es heute tun? Und wie sehr nervt dann erst das Gejammer von aus der Zeit Gefallenen, dass früher alles so viel besser war. Das wir können doch schon heute nicht ab. Wie schlimm wird das erst einst in ferner Zukunft?

Eine Ahnung jenseits des Kapitalismus

Als ich Martha gegenüber saß, versuchte ich gerade einen Text auf meinem Kindle zu lesen, den ich mir aus dem Internet heruntergeladen hatte. [Ist der Name Kindle eigentlich Programm: der erste ernst zu nehmende eReader heißt ausgerechnet wie ein Kinderspielzeug? Heißt die kommende Gerätegeneration dann Teenle und Twenle? Egal.] Mich faszinierte Martha so sehr, dass ich in dem Text nicht so recht weiter kam. Als sie dann am Stadtrand mit Papa, den sie an der Hand nahm, ausstieg, kam ich endlich dazu den Text zu lesen, einen Artikel mit dem sperrigen Titel: „Crowdfunding is just the beginning of the horizontal funding of creativity“ von Ian MacKenzie. Ein Artikel im Umfeld der Idee von „OpenMoney„.

Der Artikel beschreibt sehr eindrucksvoll den Unterschied zwischen einem Projekt, das um Geld bettelt, weil es unterfinanziert ist und einem, das auf Crowdfunding setzt. Beim ersten hilft man aus, wird das aber nur begrenzt oft tun. Schnell ist man es leid, immer wieder aushelfen zu können. Alle Unterstützer der „taz“ wissen, wie schal sich das anfühlt, immer wieder retten zu dürfen. Crowdfunding ist anders. Hier ist man im Normalfall Teil des Projektes, bleibt auch nach einer Geldinvestition eingebunden, bekommt Updates, Erinnerungsstücke – vor allem aber ist man erlebbar ein Teil einer Fördercommunity, die eine Sache, die einem am Herzen liegt, fördert. Dieser evolutionäre Aspekt, dieses möglich Machen von etwas Unmöglichem, ist der besondere Effekt. Unmöglich ist es, weil es den gängigen kommerziellen Gesetzen widerspricht. Möglich wird es, weil es Menschen wichtig ist, ein schönes, hilfreiches, verrücktes, gutes, unkonventionelles oder kreatives Projekt Wirklichkeit werden zu lassen und so erlebbar Teil eines Schaffensprozesses zu sein.

Nicht-hierarchische Kultur

Ian MacKenzie nennt das ein Horizontales Funding, weil es quer über eine Community abseits aller Gewinn- oder Verlusterwartungen (vertikal!) Projekte finanziert. Aus ihr kann eine kreative Kultur entstehen, die nicht mehr nach hierarchischen Mustern verläuft wie bisher, wo der Staat, Institutionen, Medienhäuser oder auch Mäzene oder Sponsoren Kreativleistungen finanzierten. Immer von oben herab, immer hierarchisch, immer in klarer Machtverteilung: Ich oben, ich Macht, ich Geld. Du unten, du arm, du um Geld betteln.

Ein wunderschönes Bild: das möglich Machen jenseits aller hierarchischen Muster. Wer je ein Projekt bei Kickstarter aus purer Begeisterung für die Idee mitfinanziert hat, wer je wirklich selbstlos ein Projekt mit unbezahlter Arbeit gefördert hat, der hat die Befreiung aus der üblichen Hierarchie einer Finanzierung oder einer  Ideenverwirklichung leibhaft erlebt. Eine Manifestation von Freiheit der ganz besonderen Art. Im kleinen kann man das selbst jeden Tag üben, wenn man Straßenmusikern nicht Geld in den Gitarrenkasten wirft, weil sie betteln, sondern um mit seinem Euro eine Kulturleistung aktiv zu fördern. – Einfach mal ausprobieren.

Vor allem aber gibt solch eine Erfahrung eine winzig kleine Ahnung, wie viel Freiheit in einer Welt möglich sein könnte, in der möglichst viel horizontal finanziert wird, statt wie bisher vertikal, hierarchisch. Solche Erfahrungen lassen für einen Moment eine mögliche Welt erahnen, die entstehen könnte, wenn sich der – hierarchische, vertikale – Kapitalismus selbst ad absurdum führen würde, wie es zur Zeit den Anschein hat. Ist der Post-Kapitalismus dann etwa horizontal?

Und: Schaut so die Welt von Martha und Zoe aus?

Wut auf Social Media


Das digitale Babyboomer-Syndrom

Wenn Menschen meiner Generation (50 +) Social Media ablehnen, ist das – bei ein bisschen gutem Willen – nachvollziehbar. Da addieren sich etliche Ursachen auf:

  • Ungeübtheit in Computerdingen
  • Unverständnis der digitalen Welt
  • Kompetenzdefizite gegenüber der jungen Generation – ja oft gegenüber den eigenen Kindern
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Lineares Denken
  • Hierarchiehöriges Unwohlsein gegenüber Netzwerken
  • Lern-Unlust
  • Komplettverplanung von individuell verfügbarer Zeit
  • etc.

Und ja, es gibt ja auch einige ernst zu nehmende Argumente. Die mediale und wirtschaftliche Übermacht von digitalen Giganten wie Facebook, Google, Apple oder der liebste Altfeind Microsoft. (Amazon wird da gerne vergessen…) Man muss bedenken, dass wir hier von einer Generation sprechen, die gegen Monopolisten, gegen einen Schnüffelstaat, gegen Repressalien – also Unfreiheiten – politisch und gesellschaftlich gekämpft hat. Der eine mehr, der andere weniger. Aber dieser Kampf ist so etwas wie der Erfolgs-Mythos dieser Generation, der Babyboomer.

Hass auf Facebook

Das alles macht eine Ablehnung von Social Media und speziell Facebook in Teilen erklärbar. Aber ich bin immer wieder erschrocken darüber, welch Intensität die Ablehnung annehmen kann, sie reicht bis hin zu glühendem Hass. (Das alles natürlich sorgsam als Vorsicht und/oder politische Sorgsamkeit inszeniert.)

Aber die Heftigkeit der Emotionen und die Wucht der Ablehnung machen dann doch nachdenklich. Da muss viel Angst mit im Spiel sein, anders ist solch Emotionalität nicht erklärbar. Wenn man hier aber ganz vorsichtig nachfragt, kommen als Erklärungen entweder wilde Modernitäts-Mythen oder ein schnippisches und den anderen für blöd verkaufenden „Ich weiß schließlich, wie gefährlich das ist!“. Was für Gefahren da sein mögen, bleibt dann undefiniert – das macht es so schön brisant geheimnisvoll.

Babyboomer für Babyboomer

Wirklich kurios sind die Mythen, die man als Erklärung für die Ablehnung jeder aktiven Teilnahme an Facebook & Co. zu hören bekommt: Fotos etwa könnten missbraucht werden, um dann per Photoshop („Da geht ja heute alles!“) in Pornos auf nackte Körper montiert zu werden. Und dann wird man damit erpresst – oder so… Gerne wird auch auf das Risiko verwiesen, durch private Informationen für Staat und Wirtschaft zum gläsernen Opfer von Willkürmaßnahmen von Finanzamt und Werbeindustrie zu werden. Und natürlich treibt die Sorge um, dass Kontoinformationen, Kreditkartennummern etc. ausspioniert werden.

Die zur Betroffenheitsindustrie verkommenen Medien, die mit Ängsten und Furcht so ungerührt ihr Geschäft macht, hat in dieser Generation ganze Arbeit geleistet. Sie berichten genau das, was diese hören bzw. lesen will. Kein Wunder, schließlich herrscht hier meist Generationssolidarität: Babyboomer schreiben für Babyboomer. Da weiß man, was ankommt.

Machtverlust durch Globalisierung

Aber auch das erklärt nicht wirklich den Hass auf Facebook, Google + (Streetview!), auf Twitter, Foursquare (ganz schlimm!) oder Instagram, also auf die ganze „Bagage“! Da muss es eine grundlegendere, eine existentiellere Ursache geben. Jenseits von Unsicherheit, Angst, ideologischer Vorbehalte – oder auch Neid auf die Optionen jüngerer Generationen.

Eine interessante Spur, die emotionale Social Media-Aversion zu verstehen, habe ich bei Zygmunt Baumann, in seinem erst 2007 geschriebenen Werk „Liquid Times“ gefunden. Der einst in Großbritannien (seiner Wahlheimat) und Warschau (seiner Heimat) lehrende Soziologe hat in seinem seltsam dystopischen Alterswerk sehr gut die Politik der Angst beschrieben, mit der die Politiker weltweit den Machtverlust wettzumachen versuchen, den ihnen die Globalisierung und die Machtverschiebungen durch das Internet zugunsten von Bürgern und Konsumenten gebracht haben.

Negative Globalisierung

Baumann geißelt diesen Trick der Politik, über das Schüren von Ängsten ihre Macht zu bewahren. – Welchen Beweis oder wenigstens Hauch von Evidenz gibt es etwa zu der Geschichte der Unterhosen-Bomben aus dem Jemen außer Verlautbarungen von Politik und Geheimdiensten? Und was ist mit den regelmäßigen wiederkehrenden Warnungen vor anstehenden terroristischen Anschlägen, die dann nicht geschehen? Ein Szenario von wahrlich Orwellscher Dimension.

Aber zugleich bedauert Baumann den Machtverlust der Politik und die Tatsache, dass sie ihr originäres Versprechen, für Gerechtigkeit, Ordnung und Struktur und somit für Sicherheit und Friede zu sorgen, nicht halten kann. Stattdessen tun die Politiker alles, damit ihre Bürger die Globalisierung als negativ empfinden müssen: sie deregulieren, sie bauen Bürger- und Freiheitsrechte ab, sie schwächen die Sicherheitsoptionen der Bürger.

Das Scheitern des Lebensprojektes

Vor allem aber diffamieren sie die Globalisierung zum Buhmann unserer modernen Gesellschaften, indem sie sie als Inbegriff des Fremden inszenieren. Sie tun das in der Personifizierung des Bösen und der Bedrohung unserer Sicherheit als afghanischer/orientalischer Terrorist und als Bedrohung unseres Wohlstands als illegaler Einwanderer aus den Armutsregionen dieser Welt.

Die Babyboomer erleben diesen Machtverlust der Politik und ihr programmatisches Scheitern oft auch als Scheitern ihres Weltbildes und ihres Lebensprojektes. Sie glaubten einst, durch eine (meist linke) Politik die Welt besser und gerechter machen zu können. Aber das Gegenteil ist passiert. Die von ihnen oft mühsam und langwierig durchgesetzten Freiheitsrechte werden im Handstreich kassiert. Ein Terroranschlag oder eine kleine Finanzkrise genügen.

Internet als Inbegriff negativer Globalisierung

Und wer ist schuld daran? Die Globalisierung! Und was ist das markanteste Symbol der Globalisierung? Das allumfassende, in jeder Beziehung keine Grenzen kennende Internet. Und wer repräsentiert dieses böse, negative Internet am signifikantesten? Die Datenkrake von Google natürlich. Aber besser noch die erfolgreichste Website aller Zeiten, die noch dazu das informelle Selbstbestimmungsrecht – aus Sicht der Babyboomer, die das einst erkämpft haben – so gnadenlos gründlich missinterpretiert: Facebook. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass deren Gründer so jung – und mindestens im Fall von Mark Zuckerberg – unbedarft und politisch völlig unbeleckt sind.

Die Vision der Babyboomer eines gerechten Staatssystems, das den Bürgern Sicherheit gibt, ist gescheitert. An ihre Stelle ist ein globales, inkonsistentes, undurchsichtiges Patchwork getreten, in dem kaum ein Minimalkonsens an Rechtsstaatlichkeit, an Bürger- und Freiheitsrechten und Schutz der Privatsphäre zu realisieren ist. Stattdessen schürt es in seiner Monstrosität und Unübersichtlichkeit alle möglichen diffusen Ängste. Es ist so die perfekte Projektionsfläche aller Ängste, allen Unmuts. Und an so etwas soll man sich mit 50 + Jahren (oder mehr) gewöhnen, mit so etwas soll man sich positiv arrangieren?

Die Banausen der Zukunft

Flexibilität heißt das Zauberwort, das von Netzapologeten, Digital-Apologeten, aber auch von Politikern eingefordert wird. Dazu noch einmal Zygmunt Baumann in „Liquid Times“: „Flexibilität ist das einzige Heilmittel, das von der Politik angeboten wird. Dabei wird doch damit nur noch mehr Unsicherheit propagiert, noch mehr Privatisierung aller Unzumutbarkeiten, noch mehr Ohnmacht und Einsamkeit.“

Ich gebe zu, auch ich habe Flexibilität immer viel zu schnell als Lösungsansatz zur Hand. Für mich klingt das stets positiv. Befürchten aber Menschen, mit Veränderungen Wichtiges zu verlieren – Wohlstand, Sicherheit, Privilegien, Lebenslügen –, kann die Idee von Flexibilität sehr kontraproduktiv wirken. Dann entwickelt sie eine „Bedrohlichkeit“. Und das scheint veritable negative Emotion bis hin zum Hass wecken zu können…

Schade. Denn Veränderungen nehmen nicht nur, sie geben auch. Vor allem öffnen sie Freiräume. Schade, wenn einem diese Sichtweise und die Freude darüber (im Alter) abhandengekommen ist. Veränderung ist immer auch Risiko. Gott sei Dank ist das so. Ohne Risiko gäbe es uns und unser Leben nicht, denn es ist das Treibmittel (Triebmittel?) der Evolution… Alvin Toffler, Schriftsteller und Futurologe, hat die Konsequenz daraus in seinem Aufsatz „Rethinking the Future“ (1998) so formuliert: „Die Banausen (Illiterates) des 21. Jahrhunderts sind nicht die, die nicht lesen können, sondern die, die nicht lernen, entlernen und wieder neu lernen können.“ – Oder die es nicht wollen…