The de-material Boy


Das Paradox des segenreichen Verlusts von Materie

Die beeindruckendste Schallplattensammlung habe ich einst in der Wohnung von Musikjournalismus-Legende Ingeborg Schober († 2010) zu sehen bekommen. Ein Zimmer voller Platten, alle vier Wände voll – und in den angrenzenden Zimmern in der Schwabinger Wohnung noch mehr. Bei mir nahm die Schallplattensammlung nur eine halbe Wohnzimmerwand ein, dafür reichte sie in meiner Haidhauser Altbauwohnung bis zur Decke und versammelte ca. 8.000 Alben. Heute verstauben meine ca. 2.000 CDs in einem Schubladenschrank, denn all meine Lieblingsmusik ruht längst digitalisiert auf Festplatte und PC. Aktuell aber höre ich fast ausschließlich Musik, die ich physikalisch nicht besitze. Ich bin Abonnent bei Spotify. Hier habe ich Zugriff auf Millionen von Musiktiteln.

Bei Spotify kann ich jetzt problemlos Ingeborg Schobers These nachprüfen, „Soon Over Baluma“, das Album, das Can 1974 veröffentlicht hat, sei vielleicht erst 2014 zu verstehen. So hat sie es einst in einer Rezension formuliert. – Ingeborg hat nur bedingt recht: Wer sein Ohr nicht ausreichend mit Jazz und Weltmusik trainiert hat, wird auch 2014 ratlos bleiben.

Der virtuelle Sammler

Spotify macht solche Hör-Abenteuer möglich, die man bis jetzt aus Kostengründen und wegen Beschaffungsstress gemieden hat. Es öffnet völlig neue Hörgefilde – und liefert dabei auch fast alle lieb gewonnenen Songs und Sounds. Dass ein paar Bands wie Led Zeppelin oder Metallica sich noch verweigern, geschenkt. (Kurioserweise sind alle LedZep-Mitglieder mit ihren Soloprojekten auf Spotify.)

Fakt ist, meine Leidenschaft, die unterschiedlichsten Arten von Musik zu hören, ist ungebrochen. Das war einst nur durch den Kauf von Unmengen von Platten und später CDs möglich. Dementsprechend galt ich seit dem Kauf meiner ersten Single „See my Friends“ von den Kinks 1965 als Plattensammler. Aber seit der Verbreitung von MP3 Files hat sich meine Sammler-Leidenschaft schwer virtualisiert und dematerialisiert. Ich wundere mich selbst, wie wenig es mir ausmacht, Musik nicht mehr zu besitzen. Es reicht die Verfügbarkeit, wie sie Spotify bietet. Und so viel mehr an Musik und Klanggemälden dazu.

Wer soll das bezahlen?

Der absurde Nebeneffekt ist, dass das alles so viel billiger kommt. 10 Euro pro Monat kostet das Premium-Paket. (Die Basis-Version mit minderer – aber akzeptabler – Soundqualität und Werbung ist gratis.) Das ist atemberaubend weniger Geld als ich bisher für den regelmäßigen Nachschub an Musik per Download pro Monat bezahlt habe. Und es ist bequemer. Die Playlists sind leichter zu verwalten – und vor allem kann man sich jetzt mit seinen Freunden (zumindest denen auf Facebook) über seine Hörleidenschaften austauschen. Musikalisch gesehen ist jetzt jeder Tag als würde Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag zusammenfallen.

Trotzdem darf man bei Spotify ein gutes Gewissen haben, denn für jeden gespielten Titel geht Geld an diejenigen, die die Rechte an dem Song halten. (Nicht immer sind das die Musiker, die die Musik geschaffen haben.) Aber das können bei den geringen Abo-Summen und der Über-Masse der abgehörten Titel nur Nano-Beträge sein, die sich nur bedingt akkumulieren. Noch funktioniert Spotify wie einst das Gratisanhören im Plattenladen: Man kauft dann doch Platten, die man dort entdeckt und die einem wichtig erscheinen. Noch tut man das. Das wird in ein paar Jahren, wenn man sich an die Convenience und die Vorzüge dematerialisierten Hörens gewöhnt hat, anders werden.

Die Zukunft der Pflichtmedien

Das Musikbusiness ist hier der Vorreiter. Wahrscheinlich, weil die Musik als erstes Medium die komplette Umwandlung ins Digitale vollzog, als die CD eingeführt wurde. Als Nächstes werden die Print-Medien samt Buch folgen. Die E-books kommen unaufhaltsam, sie sind zu bequem und mobil gut nutzbar – und billiger sind sie auch überall dort, wo es keine Buchpreisbindung wie in Deutschland gibt. Spannend wird, ob sich hier Kiosk-Modelle mit Einzelbezahlung durchsetzen werden. Ich vermute, eher nicht. Ein All-for-wenig-Geld-Abomodell wie Spotify ist aber für Print-Medien nur schwer vorstellbar. Höchstens, wenn sie sich Kultur-Flatrate nennt und staatlicherseits ähnlich rigide umgesetzt wird wie die Pflichtsteuer für die öffentlich-rechtlichen Sender (Hörfunk & TV).

Der Weg zur De-Materialisierung, zum Abschied von materiellem Besitz, wird sich aber unbeirrbar fortsetzen. Alle Waren, die es im Überfluss gibt, und die so zur Commodity, zur Selbstverständlichkeit werden, wird man immer weniger „besitzen“ wollen, sondern einfach zur freien Verfügung haben wollen. Das betrifft nicht nur Medien und Kulturgüter wie Musik, Filme, Texte, Kunst (auch die kann man längst leihen), sondern auch Maschinen, inklusive Automobile, Waschmaschinen, Kaffeemaschinen etc. Die Selbstverständlichkeit, wie wir uns heute teure Smartphones von unseren Carriern „schenken“ lassen, um die Kosten dann mit teurer Nutzung abzubezahlen, wird sich auch auf andere Branchen ausbreiten. Der Elektrocar-Betreiber „Better Place“ (Israel, Dänemark, Kalifornien) von Shai Agassi (Ex-SAP) hält es heute schon für möglich, seine Autos zu verschenken, um dann die Kosten über Nutzungsgebühren für die Batterien zu refinanzieren.

Die Ent-Materialisierung von Geld

Die gesamte Debatte über geistiges Eigentum, Urheberrecht und die dafür fehlenden Businessmodelle in einer digitalen Welt der Zukunft bekommt in der Perspektive einer Ent-Materialisierung ganz neue Aspekte. Wir werden uns an ganz neue Finanzierungsmodelle gewöhnen, die unser Monatsbudget in der Summe letztlich nicht weniger belasten werden als heute unsere Kauf-Gewohnheiten. Aber sie werden „stiller“ sein, so wie heute unsere Rechnung fürs Handy. Dafür werden nicht zuletzt die digitalen Powerhouses wie Facebook, Google, Amazon, Apple oder Microsoft sorgen, die gerade jeder für sich eigene digitale Zahlungsmöglichkeiten entwickeln – und anfangen sie uns schmackhaft zu machen. Und die bisherigen Zahlungs-Platzhirsche wie Visa, Mastercard, American Express und die Banken mit ihren Karten wehren sich mit eigenen digitalen Bezahlungs-Techniken.

Egal wie der erwartbare Mega-Clash der alten und neuen Bezahl-Mogule ausgehen wird – und das wird spannend werden! – danach wird das reale Geld aus Scheinen und Münzen weitgehend ausgedient haben. Es wird eine ähnlich nostalgische Rolle spielen wie heute der Hinweis: „Bei uns kann man noch mit der guten alten D-Mark bezahlen.“ Bezahlt wird künftig mit dem Handy, mit intelligenten NFC-Chips oder was auch immer einen Konsumenten digital eindeutig identifizieren kann. So wird auch das Geld de-materialisiert – und nur noch still und diskret abgebucht werden.

Und so wird man digital durchaus noch materielle Dinge kaufen. Aber nur noch rare und spezielle, die einem einen Mehrwert bieten – in der individuellen Ausformung der Persönlichkeit, in der Abgrenzung zu anderen und in einer wie auch immer gearteten Besitz-Obsession. Das werden Fetische sein, die einem sein Ich verschönen. Dinge, die den jeweils aktuellen Luxus darstellen. (Das können dann auch – selten gewordene – Print-Magazine sein.) Das werden Produkte sein, die einem ganz besondere Geschichten erzählen (die man dann weitererzählen kann). Das werden Verrücktheiten sein, die einen von anderen abgrenzen und einem in ihrer Skurrilität diebische Freude bereiten werden: Zum Beispiel der Besitz von Vintage-Datenträgern aus Vinyl, die man im 20. Jahrhundert Langspielplatten nannte.

Disruption, Baby!


Moderner Revisionismus

Unser gesellschaftlicher Diskurs beharrt seit Monaten monomanisch auf solch Nebensächlichkeiten, welchen Bundespräsidenten wir loswerden und welchen wir haben wollen. Darüber hinaus wird nur eher widerwillig die Eurokrise abgehandelt. Ein politischer Diskurs dazu findet so gut wie nicht statt. Die Folge ist eine mentale Entwertung des Geldwertes in weiten Kreisen der Bevölkerung: Lasst uns das Geld ausgeben, bald ist es nichts mehr wert. Der Rest ist Schulternzucken. So wird der Weg in die Inflation perfekt planiert. Und die Macht der Spekulanten bleibt unangetastet.

Uns wird auf diese Weise vorgegaukelt, das Leben könnte so weiter gehen, wie es immer war. Mit solch naiv revisionistischem Optimismus wird erfolgreich verhindert, dass über wichtige Entwicklungen der Zukunft diskutiert wird. Die etablierte Politik tut einfach so, als würden es in den nächsten 20, 30, 50 Jahre einfach so weiter gehen wie gehabt. Dabei hat gerade die Politik von Angela Merkel in den letzten zwei, drei Jahren bewiesen, zu welchen Disruptionen unsere Welt heute fähig ist. (Bezeichnend, dass die Begriffe „Disruption“ und „disruptiv“ in der deutschen Version von Wikipedia bislang nicht vorkommen.)

Disruption ist kein Zuckerschlecken

Die abrupten politischen Kehrtwendungen von Angela Merkel in den letzten Monaten waren keine Zufälle. Sie waren auch kein Abschneiden von alten Zöpfen. Nein, sie waren die logische Konsequenz einer sich abrupt geänderten gesellschaftlichen Fakten- und Meinungslage. Die Atomwende war Fukushima geschuldet, richtig. Aber die Abschaffung der Wehrpflicht? Die logische Folge einer veränderten Sicherheitslage? Vor allem war sie der Einsicht der Militärs zu verdanken, dass man mit komplett unmotivierbaren Rekruten nur Ärger, Arbeit und hohe Kosten bei null Mehrwert einhandelt. Und der Mindestlohn? Es gab einfach in den Medien – und im Internet – zu viele und zu krasse Beispiele von Lohn-Ungerechtigkeit, von Lohn-Dumping und Mitarbeiterbashing, als dass man die heilige Kuh der freien Märkte nicht schleunigst vom Eis holen musste.

Solch abrupte, disruptive Entwicklungen werden künftig immer häufiger vorkommen. Jeder politische und gesellschaftliche Diskurs kann heute solch eine Wucht und solch eine Unerbittlichkeit entwickeln, dass man darauf als Politiker unausweichlich reagieren muss, egal was die Parteiprogramme dazu meinen. Eine Entwicklung, wie sie noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Christian Wulff hat das auf sehr brutale und persönlich bittere Art und Weise erleben müssen.

Der Machtkampf der Mediensphären

Wulff ist jenseits seiner eigenen Unzulänglichkeiten und seiner katastrophalen Pressepolitik auch das Opfer eines Machtkampfes der professionellen und „privaten“ Medien geworden, wie er gerade tobt. Ein Kampf der etablierten Medien mit den Meinungsmachern im Internet (alias Netzgemeinde oder Blogosphäre) um die Themen und die Deutungshoheit in unserer Gesellschaft. Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch eine Machtdemonstration der etablierten Medien, zu was sie (noch!!!) in der Lage sind. Motto: Wulff muss weg, egal warum, weil das auf unserer Agenda steht. Die etablierten Medien reagieren wie ein waidwundes Tier. Denn die Themen, mit denen sie sich beschäftigen müssen, werden ihnen mittlerweile meist vom Internet vorgegeben. Das Thema Wulff war noch ihre Erfindung, also musste es besonders erbarmungslos durchgezogen werden.

Diese Mischung aus spontaner Themenbestimmung durch das Internet und dessen Beschleunigungs- und Erhitzungskraft, gepaart mit der Hysterisierungs-Maschine der etablierten Medien und ihrer Bildgewalt, wird in Zukunft noch zu vielen knallharten gesellschaftlichen Disruptionen und politischen Kehrtwendungen führen. Denn die Fähigkeit, politische Themen zu setzen, ist der etablierten Politik längst entglitten. Die FDP könnte davon ein besonders garstiges Lied singen, wenn sie denn kapiert hätte, was da gerade mit ihr passiert. Sie ist zum parteipolitischen Pendant von Wulff geworden, zur Bashing-Figur, an der die pure Lust an politischer Degradierung ausgespielt wird. (Da sind sich Internet und die Massenmedien ausnahmsweise einmal einig.)

Opfer spontaner Disruptionen

Vor diesem Hintergrund, wie abrupt bei solch heiklen Themen wie Wehrpflicht, Atompolitik oder Europa Kehrtwendungen vollzogen wurden, amüsiert mich, mit welch Blauäugigkeit an all die anderen heiklen Themen unserer Gesellschaft herangegangen wird: unsere Zukunftssysteme etwa, vulgo Rente. Jeder, der eine Bevölkerungsstatistik und den aktuellen Schuldenstand zu lesen vermag, weiß, dass uns dieses Thema nur allzu bald um die Ohren fliegen wird. Oder die Bildungspolitik. Hier wird über PISA, über kürzere und dann wieder längere Schulzeiten debattiert, über eine Vereinheitlichung der Prüfungen und eine höhere Chancengleichheit. Es kommt einem vor, als seien die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wieder auferstanden.

Dabei muss es doch heute darum gehen, junge Menschen für eine Zukunft fit zu machen, die wir kaum erahnen können, von der wir aber wissen, dass sie grundlegend anders aussehen wird als die Gegenwart – oder die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie wird voller Disruptionen sein, immer wieder wird man sich völlig neu justieren müssen. Das ist nicht einfach. Gut wäre es, wenn man dazu vorbereitet wäre und dafür eine genügend große Palette an Fähigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung hätte.

In den USA hat der Marketiung-Guru Seth Godin daher eine Kampagne für ein besseres, zeitgemäßeres Schulsystem mit der Verbreitung eines Gratisbuches gestartet, in dem er fordert, mit der Faktenhuberei und Anpassungsritualen unseres heutigen Bildungssystems aufzuhören und eine (digitale!) Schule der Förderung von Talenten und des Unangepasstseins zu entwickeln. „Stop Stealing Dreams – What is School for?“ heißt sein Werk und ist in allen möglichen digitalen Formaten auf der Website des Domino Projektes (von Amazon gesponsort) herunterzuladen.

Die Illusion der Linearität

Bildung und Zukunftsversorgung sind nur zwei Themen, die sich ähnlich disruptiv zu entwickeln drohen wie Wehrdienst, Atomkraft oder Energiepolitik. Viele weitere Themen stehen ebenso an. Wir sind als Gesellschaft hochkomplex, Entwicklungen geschehen immer schneller und unerwartet. Entsprechend öfter wird es zu Krisen und Konflikten kommen. Jede davon wird unabsehbare mediale Reaktionen auslösen, die eine jeweils spezielle Eigendynamik haben. Vorhersagen von Kommunikations-Verläufen sind künftig so gut wie unmöglich. Lineare Prozesse finden nicht mehr statt. Nur die Politik tut noch so.

Die etablierten Medien spielen bei diesem Spiel mit. Sie geben der Parteienpolitik immer noch die gewünschte Plattform. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht als eine Art Selbsterhaltungs-Reflex. Denn disruptive Veränderungen, vor allem, wenn sie zur Regel werden, sind für die Massenmedien eine veritable Bedrohung. Das zeigt auch die seltsame Aggression, mit der die Verursacher von Disruptionen, speziell das Internet, bedacht werden. Disruptionen sind nur durch extrem schnelle und vor allem sozial vernetzte Kommunikation bewältigbar. Das kann die Blogosphäre so viel besser und schneller als die etablierte Presse. Mit gut gewähltem Twitter-Following und einem aufgeweckten Facebook-Freundeskreis erfährt man nicht nur News schneller, man bekommt sie auch in Blogkommentaren schneller kompetent bewertet und wichtige Hintergrundinformationen dazu.

Und in aller Bescheidenheit: Es gibt dort mehr erstklassige Köpfe und Federn. Autoren und Persönlichkeiten, denen Disruptionen keine Angst machen, weil sie sich nicht davon bedroht fühlen…

Die Daten-Mehrwertsteuer


Leistung geht vor Schutz geht vor Recht

Jetzt scheint die Lobbyarbeit der Verlage doch noch Erfolg zu haben. Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass Content-Aggregatoren, also vor allem Google News, den Verlagen für die von ihnen zitiert Inhalte Geld zahlen sollen. Das ganze nennt sich Leistungsschutzrecht und ist die Bankrotterklärung der deutschen Zeitungsverleger vor der digitalen Neuzeit. Und weil das Thema ja sowieso gerade heiß ist, wird das ganze als Verbesserung des Urheberrechts verkauft. Kurios nur, dass sich die Politik dafür vereinnahmen lässt. So tief kann doch die Freundschaft zwischen Angela Merkel und Friede Springer & Konsorten nicht sein? Und warum versteht eine diplomierte Physikerin nicht, wie das Internet systemisch funktioniert? Und warum hilft ihr da keiner der Berater. Und Herr Rösler, die Presse schreibt auch mit Leistungsschutzrecht nicht besser über die FDP!

Die Bankrotterklärung der Verleger, die hinter der Idee des Leistungsschutzrechtes steht, erfolgt gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen haben sie, die das Monopol auf qualitative (und weniger qualitative) Berichterstattung in Deutschland, ja Europa hatten, vor langen Jahren völlig die Idee einer guten Suchmaschine völlig verschlafen. Ausgerechnet die Verlagshäuser, die sich einst für teures Geld riesige Archive und hochqualifiziertes Betreuungspersonal geleistet haben, um wirklich kompetent Artikel schreiben zu können, kamen nicht auf die Idee, dass es in einem noch riesigeren Datenarchiv, wie es das Internet bald geworden ist, sinnvoll wäre, eine kompetente Suche zu erfinden.

Zu selbstherrlich zum Suchen

Selbst nachdem Yahoo mit seinen von Menschen erarbeiteten Datenverzeichnis immens erfolgreich war, kam man in Verlagskreisen nicht auf die Idee, das vorhandene Datenhandling-Knowhow auf das Internet zu übertragen und hier zu reüssieren. Zu vernagelt glaubte man an die Strahlkraft von gedruckten Inhalten – und gönnte sich die Hybris, digitale Inhalte, weil virtuell, nicht ernst zu nehmen. Ich weiß, von was ich hier schreibe, war ich zu der Zeit ja bei Gesprächen mit den meisten großen Verlagshäusern Deutschlands dabei, als es darum ging, Europe Online inhaltlich wie finanziell auf eine breitere Basis zu stellen.

Und das Versagen ging weiter: Als dann die Suchmaschinen, damals in erster Linie Altavista, dann Lycos oder Infoseek, begannen, die ersten nennenswerten Werbeumsätze zu machen, während die Werbeeinnahmen auf den Websites der Verlage (wenn es sie denn damals überhaupt gab), noch mehr als minimal waren, sprangen einige Verleger auf den Zug und kauften sich bei Suchmaschinen ein. Leider bei den falschen, die technologisch zurücklagen, Holtzbrinck etwa bei Infoseek. Die erfolgreichste Suchmaschinen-Neugründung überhaupt wurde dann völlig verschlafen: Google. Das finanzierte sich über Venture Capital und definierte den Markt der Suchmaschinen und Inhalteanbieter – und später dann auch der Anzeigenvermarktung im Internet komplett neu. Natürlich ohne die Zeitungsproduzenten.

Daten als Intelligenz

Google ist so erfolgreich geworden, weil es nicht nur einen genialen Suchalgorithmus entwickelt hat und kontinuierlich optimiert. Es ist so erfolgreich, weil es die geniale Idee hatte, so viele Inhalte wie nur möglich zu digitalisieren und sie gratis ins Netz zu stellen – zur Freude aller User: Bücher, Zeitungsartikel, Landkarten, Fotos, Videos, Blogs. Und es bietet Gratis-Services an wie Mail, Kalender, Office-Software etc. – mit der Prämisse, die dabei entstehenden Inhalte datenmäßig zu erfassen – um so ihre Anzeigenvermarktung besser, intelligenter und umfassender machen zu können. Google hat verstanden, aus digitalen Spuren einen Mehrwert zu schaffen, weil es geschafft wurde, aus den Übermassen an Daten Informationen, Strukturen und Entwicklungen herauszulesen und diese „Intelligenz“ zu Geld zu machen.

Die Artikel, die sie von Websites von Verlagshäusern dafür nutzten, waren dafür nur Mittel zum Zweck. Sie verkauften auf diesen Seiten ja keine Anzeigen, sondern sie machten sich nur schlau, welche Inhalte, welche Schlagworte im jeweiligen Moment von wem nachgesucht wurden. Google machte nie direkt mit den Inhalten Geld, sondern mittelbar. Per Google News und Google Suche wurde massenhaft Traffic auf die Websites von Inhalteanbietern geschickt, gratis versteht sich. Damit optimierte Google sowohl die Suche, vor allem aber die Treffgenauigkeit ihrer Anzeigen – gerne auch auf den Websites von Contentproduzenten.

Daten als Mehrwert

Die bittere Wahrheit auf der anderen Seite des Marktes: Die Inhalteanbieter haben es nie verstanden, aus den Massen an Inhalten und Daten, die sie produzieren und im Kundenkontakt im Internet bekommen, eine ähnliche Intelligenz herauszulesen. Sie haben es nie verstanden (in jeder Bedeutung des Wortes), aus Daten Mehrwert zu generieren. – Man muss ihnen zugute halten, dass sie Inhalte schaffen konnten und keine Softwareschmieden sind. Sie können Texte produzieren lassen, aber keine Algorithmen programmieren (lassen). – Dafür können sie Lobbyarbeit sehr gut. Das beweist die Entscheidung des Bundeskabinetts, den Verlagen zu erlauben, über Verwertungsgesellschaften Geld von Suchmaschinenbetreibern und Contentaggregatoren verlangen zu dürfen, wenn die auf ihre Inhalte verlinken. (!!!)

Spannend, wie Google & Co. reagieren werden. Ist ihnen das Wissen um die Nutzerinteressen und die Nachfrageströme bei aktuellen Inhalten in Echtzeit wert, dafür Geld an die Produzenten zu bezahlen, die selbst unfähig sind, dieses Wissen zu schöpfen und zu vermarkten? Das wäre dann tatsächlich eine Mehrwertsteuer für Datenintelligenz, die Google an die Verleger zahlt. Einen Mehrwert, eine Intelligenz, die Google mit den Inhalten schafft, wohlgemerkt. Naheliegender aber ist, dass Google, wie schon in einem ähnlichen Kontext in Belgien geschehen, einfach auf alle Inhalte von Verlegern verzichtet und die Links zu ihren Inhalten kappt. Dann bekommen diese kein Geld – und spürbar weniger Traffic auf ihre Seiten – und damit noch weniger Werbeeinnahmen.

Wer ist Aggregator?

Wer auf jeden Fall viel Geld verdienen wird, wenn die Pläne des Bundeskabinetts überhaupt je Wirklichkeit werden und in ein Gesetz umgesetzt werden sollten, sind die Rechtsanwälte. Denn es wird dann mehr als strittig sein, wer als Content-Aggregator gilt. Im Interesse von Abmahnanwälten wird die Interpretation sehr rigide gehandhabt werden, weil so mehr Geld zu kassieren ist. Schon heute sind unselige Rechtsanwälte aggressiv im Auftrag der Verlage im Internet unterwegs, und mahnen etwa Künstler und Sänger erfolgreich ab, wenn diese Zeitungs-Kritiken ihrer künstlerischen Leistungen auf ihre Website stellen. (Eintritt werden diese Journalisten wohl kaum gezahlt haben, die Künstler müssen aber für den Abdruck von Zitaten 700 bis 1.400 € zahlen. (Und das sind schon „Kulanzangebote“.)

Rechtsfrieden ade! Es wird rund gehen nach dieser politischen Entscheidung. Der Kampf gegen ACTA wird schärfer werden (müssen). Die Piraten werden noch mehr Zulauf bekommen. Und die Zeitungen werden noch erbitterter gegen das Internet und die bösen sozialen Netzwerke anschreiben. Der Kulturkampf zwischen digital und analog wird wirklich bitter werden. Das Überleben der Print-Verlage mit ihrem überkommenen Content-Verständnis wird auch das Leistungsschutzrecht nicht verhindern, bestenfalls ein wenig hinauszögern.Die Nutzer werden entscheiden. Sie werden gegen gedruckte Produkte votieren. Vor allem die jungen Leser/User.

Und wenn die weg sind, wird die Werbewirtschaft noch weniger in Anzeigen in Print investieren. Das bedeutet finanziell das Aus, Leistungsschutzrecht hin oder her. Ein Blick auf den Einbruch der Anzeigenumsätze in den USA lässt ahnen, was bald auch in Deutschland Fakt sein wird:

Meins! – Meins! – Meins!


Ende der Besitzstands-Kakophonie!

Die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht erinnert mich an die köstlichen Filmszene in „Findet Nemo“, in dem die gierigen Möwen um den auf dem Pier gestrandeten Nemo sich in eine Beanspruchungs-Kakophonie hineinsteigern: „Meins!“ – „Meins!“ – „Meins!“ … Genauso beharren Rechteinhaber heute darauf, dass alle Inhalte ihnen gehören: „Meins!“ Auf der anderen Seite die Gratis-Medien-Apologeten, die alles für lau haben wollen: „Meins!“

Eine grundlegende Diskussion zum Thema Urheberrecht, oder genauer gesagt zu den Nutzungsrechten ist längst überfällig. Für die Vergütung von geistigem Eigentum muss genauso dringend und zügig ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden wie zum Thema Privatsphäre. Beides sind Themen, die in der digitalen Welt und der Welt der Zukunft besonders essentiell sein werden, weil sie eine zentrale Rolle im Wirtschaftgefüge einer kommenden Netzwerk- und Innovationsgesellschaft spielen werden. Um so wichtiger ist es, dass die Diskussion aus dem Reklamierungs-Geschnatter („Meins!“) befreit und wirklich zukunftsperspektivisch diskutiert wird, anstatt Vergangenheitsrecht für die Zukunft zu zementieren, wie das ACTA will.

Blüte der virtuellen Produktion

Einen sinnvollen ersten Schritt zur Klärung der Debatte hat Max Winde in seinem Blog 343max geliefert. Er definiert, ganz ohne jede Parteinahme für oder gegen Content-Eigner, wie denn ein Interessenausgleich idealerweise aussehen könnte. Leider – oder besser: verständlicherweise – liefert er keine Lösung, wie eine angemessene Bezahlung von Werken geistigen Eigentums aussehen könnte, wie hoch sie sein müsste/könnte und was die Nutzer dieser Werke möglicherweise zahlen würden – und wie? Das sind die zentralen Fragen und – leider – dafür gibt es dafür (noch) keine wirklich innovative, keine kreative Lösung. Vielleicht auch nicht, weil die wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Ideen-Industrie und die Jäger der Urheber-Schätze der Zukunft arbeiten werden müssen, noch kaum angedacht sind. Aber das wäre einen Versuch wert:

Max Winde hat in seinem Beitrag schon einen guten Hinweis auf die künftige Wichtigkeit von ideeller Produktion geliefert. Zitat: „Urheber sollten nicht schlechter gestellt werden als Produzenten von physischen Produkten. Vielleicht sogar besser: Wenn jemand ein physisches Produkt herstellt, dann vernichtet er dabei der Allgemeinheit gehörende Ressourcen. Diese Vernichtung von Ressourcen können wir vermutlich nur bremsen, wenn wir die Produktion von ,virtuellen‘ Produkten ähnlich lukrativ machen wie die Produktion von physischen Gütern.“ Richtig, die Produktion im virtuellen Raum wird in Zukunft immens wichtig werden. Es ist leicht, sich über Farmville & Co. lustig zu machen, aber das sind frühe, embryonale Vorboten einer Zukunftsindustrie der Virtualität.

Dysfunktionalität durch Rechtestreit

Fakt ist, dass unsere Welt noch nie so viele Menschen beherbergen und ernähren musste wie heute. Und noch nie auf einem so hohen globalen Wohlstands-Niveau wie heute. Wir werden als Folge davon künftig unglaublich viele Krisen, Irritationen, Hysterien und Konflikte erleben – das ist in solch einem hochentwickelten, nervösen, komplexen Systemen unausweichlich. (Mit Griechenland & Co. üben wir das gerade auf Sandkasten-Niveau!) Aber das ist in und mit einer Network-Gesellschaft lös- und bewältigbar, weil man so innerhalb kürzester Zeit Ideen und Lösungen finden – und umsetzen kann.

Das geht aber nur, wenn solch eine Ideen-Produktion in der Lage ist, ungehemmt und schnell zu operieren. Da darf keine Abmahn-Industriemit mit irrwitzigen Forderungen Knüppel dazwischen werfen. Die Kriege zwischen den Eignern von Smartphone-Patenten wie Apple, Google, Samsung, Nokia, Microsoft & Co. geben da nur einen ersten Vorgeschmack, wie ein überkommenes Rechtesystem droht, eine Branche – und eine Innovations-Sparte – dysfunktional werden zu lassen. (Meins! – Meins! – Meins!) Es ist hier gut zu erahnen, dass man in dieser vernetzten, globalen, innovationsbeschleunigenden Welt mit Besitzstandsdenken nicht mehr weit kommt und das Sharing-Prinzip funktionaler ist. (Sicher auch gegen entsprechendes Entgelt.)

Die Ideenlieferanten funktionieren

Allzu große Sorgen, dass uns in Krisensituationen die Ideen und Lösungen ausgehen, brauchen wir uns nicht zu machen. Denn die große Mehrheit der globalen Internet-Gemeinde ist von ACTA und sonstigem Urheberrechts-Klüngel nicht betroffen: China, Russland, Indien, ja fast das komplette Asien und Afrika und Südamerika machen bei ACTA nicht mit. (Die Schweiz und Norwegen auch nicht!) Hier werden daher die Ideen-Schmieden der Zukunft  entstehen, die schnell, pragmatisch und nötigenfalls rücksichtslos handeln werden. Schon heute ist die Mehrzahl der Websites und der Web-Inhalte asiatisch…

ACTA Unterzeichner

Fragt sich, ob wir uns hierzulande freiwillig der eigenen Dysfunktionalität ergeben wollen oder ob wir aktiv im Ideen-Wettbewerb mitmachen wollen. Genug einzubringen hätten Europa (West), Amerika (Nord) plus Anhang. Wir haben das Erfinden erfunden. Wir waren über Jahrhunderte die Innovatoren der Welt, im Guten wie im Schlechten. In uns müssten noch reichlich die Meme des Erfindergeistes vorrätig sein. Es wäre fatal, wenn statt ihrer die Häme der Ideen-Verwertungs-Industrie obsiegt.

Längere Fristen in einer beschleunigenden Welt

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Disney in der Sucht, sein Film und Figuren-Repertoire länger monetarisieren zu können, die Laufzeiten von Urheber- und Nutzungsrechten auf 70 Jahre verlängert hat. Das gab es nie zuvor. Und wir in Europa machen da brav mit. Und jetzt sind die Schutzzeiten so lang, dass sie wirkungsvoll zur Dysfunktionalität einer Ideen-Industrie beitragen.

In Zukunft, wenn es immer schneller immer mehr Ideen geben wird (s. o.), dann haben sie automatisch eine kürzere Laufzeit. Es ist also widersinnig, ihnen eine längere Rechte-Geltungsdauer zu geben. Wie will ein Rechteinhaber einer davorliegenden Idee gegen die darauf aufbauende seine Rechte einklagen, wenn die Welt- und Wirtschaftsgeschichte längst schon etliche Kapitel weiter ist?

Das Ende des Fortunismus

Die Vorstellung, dass Ideen eine Ewigkeit gelten und entgolten werden müssen, ist wohl auch der Angst geschuldet, nur eine begrenzte Zahl von Ideen haben zu können. Solche Ängste führten dazu, dass man Ideen ausgiebig verwerten wollte. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet die Film- und Musikbranche so sehr für ACTA kämpft. Zwei Industrien, in denen man Glück haben musste, um sein „Glück zu machen“. Ein Hit, und man war reich. Aber die Mehrzahl der Songs waren Flops. „Fortunismus“ nennt Peter Sloterdijk diese Art von kulturell sanktioniertem Glücksspiel.

Die Vorstellung, nur eine begrenzte Zahl an geistigen Werken in einem Leben schaffen zu können und davon umfangreich zehren zu müssen, ist mit einem Blick in die Zukunft absurd. Früher, zugegeben, waren erfolgreiche Ideen Mangelware, weil es schwierig war, dafür das nötige Publikum zu bekommen. Diese Wirtschaft der Verknappung ist seit dem Internet und seinen unendlichen Optionen der Wahrnehmung vorbei. Die Angst, Ideen könnten nur begrenzt vorhanden sein, ist in einer Netzwerk-Gesellschaft absurd, denn sie können hier so viel leichter und schneller entstehen. Und damit hat der Fortunismus ausgedient. Es reicht nun nicht mehr, eine oder wenige gute Ideen oder Werke zu schaffen. Jetzt muss man kontinuierlich, ein (langes!) Leben lang neue Ideen, Werke und Projekte entwickeln. (Ganz wie im richtigen Leben…)

Der Anfang von etwas radikal Neuem

Natürlich müssen gute, wichtige Ideen entlohnt werden, keine Frage. Je besser sie sind, mit um so mehr Geld. Und wenn es viel Arbeit, Planung und Investition gebraucht hat, um etwa eine Software zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, umso mehr. Trotzdem wäre es falsch und (zukunfts-)wirtschaftlich unvernünftig, auch hier zu lange Nutzungsfristen zu gewähren. Denn gute Ideen müssen sich verbreiten, und das schnell – und sie müssen weiterentwickelt werden. Die logische Folge: Schluss mit dem bisherigen Anspruchs-Denken! Her mit radikal neuen Ideen!

Mein Freund Helmut Müller, selbst Produzent hochspezialisierter Software, schreibt in einer Replik auf meine Facebook-Empfehlung des Blogs von Max Winde richtig: „Wir können alle miteinander die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf unser ökonomisches, kulturelles und soziales System noch gar nicht abschätzen, wir sehen schemenhaft den Anfang von etwas radikal Neuem. Die Diskussion um das Urheberrecht lässt uns das erahnen, denn sie wird sich ergebnislos im Kreis drehen.“ – Der Anfang von etwas radikal Neuem, kann das nicht so aussehen? Eine Innovations-Gesellschaft mit einer ungeheuren Dynamik, die man lustvoll genießen kann. Und in der wundervolle Ideen (aber auch doofe) entstehen werden, en masse.

Aber wer wie und wie viel Geld damit verdient und wer wem wie viel Geld zahlt, das bleibt zu klären. Diesen Konflikt zwischen freier Verfügbarkeit von Ideen und angemessenem, unbürokratischem Entgelt zu lösen ist jetzt die große Aufgabe für unsere digitale Netzwerkgesellschaft. Aber eine Idee dafür ist nur zu finden, wenn man von den alten Zöpfen der Kreativ-Kultur und der Kreativ-Verwertung und von seinen Limitationen und Ängsten Abschied nimmt. Schluss mit „Meins! – Meins! – Meins!“

P.S.; Ein erster guter Ansatz eines zeitgemäßen Urheberrechts hat Marcel Weiß im ZDF Hyperland formuliert: Kürzere Schutzfristen, keine automatische Verlängerung, Opt-In statt Automatik, Erlaubnis der privaten Nutzung…

P.P.S.: Und hier bei neunetz.com eine sehr schlüssige Argumentation, warum es „geistiges Eigentum“ nicht geben kann – und nicht geben soll.

Willkommen Krise – wenn es denn sein muss


Änderungsprozesse sind nie gemütlich

Wenn man einmal in einer wissenschaftlichen Animation gesehen hat, wie sich ein System in ein anderes transformiert, sei es ein Bakterienstamm oder ein soziales System, dann ist das eindrucksvoll: Ein stabiles System arbeitet zunächst brav in einem funktionierenden Schema. Alles ist ruhig und „normal“. Dann erscheint irgendwo ein kleiner Störfaktor. Normalerweise wird er von dem System absorbiert. Ist aber das System dazu nicht mehr in der Lage, vielleicht weil es in Teilen heimlich schon dysfunktional ist, dann verbreitet sich dieser kleine Störfaktor immer mehr. Zunächst minimal und fast unscheinbar, dann aber immer mehr und mit wachsender Dynamik.

Rosette Nebula - Galaktische Evolution

Ab einem kritischen Punkt wird nun das System immer unruhiger, es gerät immer mehr in Unordnung, wird immer hektischer und chaotischer. Man nennt diesen Vorgang dann nicht zu unrecht Krise. κρίσις (krísis) stammt aus dem Griechischen (!) und bedeutet in etwa „Zuspitzung“ oder auch Wendepunkt. Er beschreibt den Zustand des Wechsels von einem stabilen Zustand in einen anderen. Und solch ein Wechsel ist unweigerlich mit einem sehr unruhigen, turbulenten, chaotischen Moment verbunden bis sich das neue System, das einmal als kleiner Störfaktor begonnen hat, durchgesetzt hat. Nun erst beruhigt sich das System in der dann neuen Funktionsweise. So funktioniert  Evolution.

Schaut man sich um, liest und sieht die Nachrichten, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir uns gerade in solch einer turbulenten, hitzigen Wechselphase befinden. Und das Wort „Krise“ liest und hört man sowieso allenthalben. Fragt sich nur, wohin der Wechsel gehen soll. Welche unserer gewohnten, aber vielleicht doch etwas überholten Systeme stehen denn zur Abwahl an? Da fällt uns recht viel ein, ohne auch nur ansatzweise in die Esoterik abgleiten zu müssen:

1. Das Banken- & Glückspielsystem

Da ist als erstes sicher das Bankensystem, das nach seiner Liberalisierung zu großen Teilen – vor allem denen, wo am meisten Umsatz und Profit gemacht wird – zu einem Wettbüro degeneriert ist. Heute muss schon jeder Lottobetreiber darauf aufmerksam machen, dass Glücksspiel süchtig macht. Warum müssen das die Investmentbanker, Derivate-Händler & Konsorten nicht? Und wäre es nicht ein willkommener Effekt der Krise, wenn damit in Zukunft erst einmal Schluss wäre?

2. Das kapitalistische System

Nur einen kleinen Gedanken-Fußbreit weiter gedacht: Vielleicht hat nach dem sozialistischen System auch der Kapitalismus in seiner Reinkultur ausgedient. Sein naiver Glauben an unaufhörliches Wachstum als Heilmittel hat sich überholt. Und wie sich der Sozialismus heute in sonderbare kapitalisteske Mutationen manifestiert, beispielsweise in China, und damit wirtschaftlich nicht schlecht fährt, so muss sich vielleicht der Kapitalismus neu erfinden, um noch im 21. Jahrhundert lebensfähig zu bleiben. Er muss möglicherweise sozialer werden – ohne seine Grundidee des Wettbewerbs aufgeben zu müssen.

3. Das Sozialsystem

Apropos sozial. Unser viel gelobtes Sozialsystem, das so viel auf sich hält, muss schätzungsweise auch möglichst bald von seinen Lebenslügen geheilt werden. Es braucht wahrscheinlich eine grundlegende Runderneuerung, um den vorhersehbaren Katastrophen wie Rentenpleite, marodem Gesundheitssystem und System-Arbeitslosigkeit irgendwie noch zu entgehen.

Braucht es erst eine Verelendung auf breiter Front mit begleitenden Unruhen und Aufständen, bis sich vernünftige Ideen wie eine Grundrente – oder positiver formuliert: Bürgereinkommen – durchsetzen können? So etwas wäre ein dermaßen grundlegender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der viele andere anstehende Probleme leichter lösbar machen würde: Leistungsschutz, Nutzungsrechte, Versorgungsbürokratie etc. Wie anders als durch eine Krisensituation soll sich solch eine Idee, die grundlegende Paradigmen berührt, durchsetzen?

4. Konsum-System

Es fällt auf, wo in dieser Welt welcher Luxus gelebt wird. Einerseits der laute, protzige Glam-Luxus als Reichtums-Peep Show. Das findet vorzugsweise dort statt, wo es besonders viel Wohlstands-Nachholbedarf gibt und zugleich noch sehr feudale Strukturen überlebt haben, etwa in Russland oder auf der arabischen Halbinsel. Anders in Indien oder China. Auch hier gibt es reichlich Nachholbedarf und genug feudalistische Reste, und Reichtum wird stolz gezeigt, aber es gibt längst nicht solch prosperitäts-exhibitionistische Exzesse. Es fällt auf, dass ausgerechnet dort Luxus am dekadentesten gelebt wird, wo am wenigsten produktiver Reichtum aus neuen Ideen und innovativer Produktion entsteht, sondern Geldüberflüsse nur durch Förderung von Rohstoffen erzielt werden.

Bei uns im Westen, wo wir seit langem Reichtum und Prosperität gelernt haben, wird offensive Zurschaustellung von Luxus längst als peinlich empfunden. Vielleicht sind wir jetzt so weit, neue Wertesysteme des Luxus zu entwickeln . Die haben weniger mit Insignien des Reichtums zu tun, als vielmehr mit Lifestyle, neuen Optionen und gelebter Erfahrung und gelebtem Wissen. Genuss wird hier anders zelebriert. Durch neue Geschmackserlebnisse, durch neue Freiheits-Optionen, durch neue Perspektiven.

5. Die Welt der Arbeit

Es ist heute sehr gut absehbar, dass die Arbeitswelt schon mitten dabei ist, sich massiv zu verändern. Das kann man ganz brav und uninspiriert darstellen wie etwa aktuell in der Süddeutschen Zeitung, oder aber man bezieht den Paradigmenwechsel in eine digitale Netzgesellschaft mit ein, wie es Jeanne C. Meister und Karie Willyerd in ihrem Buch „The 2020 Workplace“ entwerfen. Dankenswerterweise hat Karen Heidl die Grundthesen des Buchs in ihrem Blog kurz zusammengefasst. Es wird in Zukunft darauf ankommen, Talente und Könner damit zu ködern, dass sie ihre Marke (Employee Brand) weiter entwickeln können und dass sie sich kontinuierlich weiterentwickeln können. Beruflich, fachlich, menschlich, sozial etc.

6. Steuersystem

Wie will man übrigens bei einem Arbeitssystem, das auf neue Freiheit, Flexibilität und gleichzeitig auf extreme Effektivität ausgerichtet ist, noch darauf hoffen, darauf sein Steuersystem aufbauen zu können. Es braucht deutlich andere Bewertungsgrundlagen: etwa Effektivität, Wertschöpfung, Maschinenleistung etc. Genug intelligente Ideen dazu gibt es längst. Den Mut, hier einen Schnitt zu machen, können Politiker, die immer die nächste Wahl vor Augen haben, nicht aufbringen. Das ist nur aus einer massiven Krisensituation heraus durchzusetzen.

7. Digitales Denken und Leben

Realistisch gesehen wird die Ablösung unseres Denkens aus den Limitationen des analogen Systems auf breiter Basis noch Zeit brauchen. Aber analoges Denken wird sich, gerade weil es bei uns in Deutschland (Dichter & Denker?) so tief verankert und mit seltsamer Nostalgie und Wehleidigkeit aufgeladen ist, nur in krisenhaften Situationen durchsetzen können. Nur wenn es gar nicht mehr weitergehen mag, ist man wohl bereit, sich an eine Digitale Intelligenz samt Netzwerk-Denken mit ihren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Und sie dann ganz schnell genießen zu lernen. Nur so lässt sich die weitere unausweichliche Beschleunigung unserer Welt, unseres Wissens und unseres neuen, fluiden Wertesystems überhaupt aushalten.

Oder kurz zusammengefasst: Es wird höchste Zeit, dass wir endlich im 21. Jahrhundert, im 3. Jahrtausend ankommen. Kann sein, dass wir dafür ein weiteres Mal, wie schon bei so vielen Fin de siècles, eine Krisensituation brauchen. Schade! … Aber wenn es denn sein muss…

Neue Spielregeln


Finanzhaie mit Torschlusspanik 

Ich stelle mir das Leben der Finanzjongleure und -spekulanten heute nicht leicht vor. Da haben sie geackert und gebuckelt, Stress ohne Ende, jahrelang, um endlich auch an die Position oben zu kommen, in der man selbst Entscheidungen treffen kann. Vor allem aber, wo man Provisionen bekommt – oder noch besser – über sie entscheiden kann. Kurz: Wo man so richtig absahnen und „nachhaltig“ reich werden kann.

In all den Jahren haben diese Menschen ihre Vorgänger und Vorvorgänger und Vorvorvorgänger mit Millionen und Abermillionen an Provisionen und Abfindungen etc. in das vermeintliche Nirwana des unkaputtbaren Reichtums abwandern sehen. Sie haben aber warten müssen, bis sie selbst dran waren. Und jetzt auf einmal soll das nicht mehr gelten, soll das nicht mehr funktionieren? Eine wirklich fatale Situation für eine Kaste, der Gier genetisch eingepflanzt zu sein scheint.  (Warum sonst haben sie diesen Beruf gewählt?) Diese Menschen haben nie auch nur im (Alp-)Traum daran gedacht, vielleicht ein Leben lang zu arbeiten – oder gar bei der Arbeit Glück und Befriedigung erleben zu können oder zu sollen.

Spieler & Dealer

Diese Menschen sind Spieler, und wie jeder Spieler, der zu lange dabei ist, ist er von dem alltäglichen Thrill, den vielen kleinen Siegen (und dem damit verbundenen Reibach) längst trunken. Diese Menschen sind süchtig nach diesem großen Spiel. Deshalb kommen sie auf immer neue Ideen, Geld durch Wetten zu verdienen. Viel Geld! Sie wetten auf Firmen, Märkte, Bodenschätze, auf Lebensmittel, Geld, Währungen und Gold, aber ebenso auf Pleiten, kaputt gehende Märkte und Konkurs gehende Staaten. Und das stets mit geliehenem Geld. Geliehen von Anlegern oder neuerdings gleich vom Staat und seinen Kreditinstituten bis hinauf zu den Zentralbanken. Der Staat drängt den Süchtigen ihren Stoff noch regelrecht auf.

Soll man von solchen Menschen Einsicht erwarten? Darf man da auf die „Selbstheilungskräfte“ eines Marktes hoffen? Soll man nicht! Darf man nicht! Darf man dann den freien Finanzmärkten ihre Freiheit lassen? Darf man auf keinen Fall, weil Freiheit immer nur mit Verantwortung funktioniert. Und Verantwortung kann nicht funktionieren, wenn es darum geht, (viele, viele!) Millionen zu kassieren – und die Zeit drängt, an diese noch herankommen zu können! So edel, rein und korruptionsimmun kann kein Mensch sein. Schon gar nicht einer mit dem Gier-Gen.

Entzugs-Therapie

Fragt sich, ob die Politik die Situation in dieser Weise schon kapiert hat? Es geht nicht mehr darum, ob man diesem Treiben Einhalt gebieten muss. Das muss man ganz dringend! Es geht nur noch darum, ob man sich noch eine Entzugs-Therapie leisten kann – sowohl finanziell, vor allem aber zeitlich. Oder ist es nicht längst so weit, dass nur noch der kalte Entzug funktioniert? Einfach absetzen der Droge – mit all den absehbaren Folgen: Schweißausbrüchen, Torschlusspanik, Aggression, Verzweiflung, Zerstörung – Cold Turkey.

Das klingt jetzt vielleicht „brutal“. Aber es geht um eine Wertabschätzung. Auf der einen Seite das Bedürfnis weniger, doch noch auf einen Schlag (schöner Begriff) reich werden zu dürfen. Am besten hyperreich, dass es auch über Krisen und Staatsbankrotte hinüber reicht. Auf der anderen Seite das Bedürfnis der ganz vielen, ihr Leben in vergleichsweise geordneten Bahnen weiter leben zu können und nicht dafür verarscht zu werden, dass sie gespart und Geld beiseite gelegt haben. – Eigentlich müsste der Politik die Entscheidung leicht fallen.

Training für Perma-Instabilität

Und während diejenigen, die wähnen, die Macht zu haben – die Politik, oder doch das Geld – über die Zukunft der Finanzsysteme verhandeln, üben wir Normalbürger uns in Gelassenheit. Ganz nach dem Motto: Es ist Krise, aber keiner geht hin. Oder: Unser Geld geht den Bach runter – aber wir haben schon längst unser Badezeug an. Wie immer, wenn Hiobsbotschaften und Panikmeldungen in Überintensitäten auf uns einprasseln, entwickeln wir nahezu traumwandlerisch (!) eine Sorgen-Imprägnierung, eine Krisenallergie, eine – um im Bild zu bleiben – Krokodillederhaut gegen die täglichen Beängstigungen. Wir wissen, das 21. Jahrhundert ist eines der Transition in die Perma-Instabilität. Und wir üben jetzt schon mal dafür, die richtige Mentalität zu entwickeln. Gelassenheit, Gleichmut, aber mit MUT in Versalien: GleichMUT.

Dafür haben wir schon gut und lange geübt. Ob Nachrüstung, Viren, Lebensmittelgifte, radioaktive Verseuchung oder Untergang des Abendlandes. Wir haben aus der Überdosis von Sorgen und Bedrohungen gelernt, lieber mal ganz ruhig zu bleiben. Manchmal zu ruhig. Das hat dann andere ermutigt, einfach so weiter zu machen wie bisher. Vielleicht haben wir mittlerweile unsere Lektionen gelernt: Wir bleiben gelassen und lassen alle Panik an uns vorüber ziehen – aber wir machen nun endlich den Verantwortlichen klar, dass unsere Geduld am Ende ist. Wenn wir lieb sind, zeigen wir das an Wahlurnen und geben Denkzettel ab. Aber wenn wir richtig sauer sind, gehen wir jetzt auch mal auf die Straße – oder per Internet.

Netzwerke der kalten Wut

Eine gute Idee: Wir organisieren uns ausgerechnet da, wo die Mächtigen, seien sie Politiker oder Besitzende, sich am allerwenigsten auskennen: im Internet. Gerade die wirklich Mächtigen haben ihre eigenen Netzwerke. Aber dieses Wissen hilft ihnen nicht weiter im großen Netzwerk des Internet . Deshalb reagieren sie ja so panisch bis peinlich auf alles, was sich da an Kraft und Gegen-Macht entwickelt.

Es ist sehr schwierig, ein System zu ändern, das lange ungestört gelaufen ist und das für einige so eindeutige Vorteile von solch riesigen Dimensionen hat. Das schafft mehr als massive Gegenkräfte. (Das ist jetzt täglich real zu erleben.) Das 20. Jahrhundert mit seinen Millionen von Toten, die aufgrund von (Umsturz-)Ideologien gestorben sind, hat sich an der Idee abgearbeitet, das System mit seinen eigenen Mitteln, also Gewalt, zu ändern.

Im 21. Jahrhundert muss das anders funktionieren. Die Finanzspekulanten, die Nutznießer von wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Instabilitäten, müssten mit einer neuen, digitalen Kompetenz ausgebremst werden. Daher macht es so Sinn mit Instabilitäten umzugehen zu lernen und wie man durch Netzwerk-Intelligenz alerter und schneller wird. Die Idee ist ganz einfach. Man muss „nur“ die Spielregeln ändern, dann gewinnt es sich am leichtesten.

Na ja, ein bisschen Wut wäre auch nicht schlecht. – Kalte Wut. Die wirkt am besten. Weil sie nicht blind macht.

Generation Low Cost


Nachwuchsförderung der besonderen Art

Der  Warnungen gibt es massenhaft: Das Zeitungssterben kommt. Die Verleger selbst haben in den letzten Jahren Berater über Berater engagiert, die ihnen dieses Menetekel in allen Variationen und in plastisch grauesten Farben ausgemalt haben. Aber unbeirrt davon fahren die Verleger fort, vor allem das Zeitungsbusiness gegen die Wand zu fahren, weil sie unwillens und möglicherweise unfähig sind, ihr Geschäftsmodell den heutigen Gegebenheiten, also vor allem den digitalen Medien samt Social Media anzupassen.

Der Effekt ist frappierend. Statt innezuhalten und kreative Lösungen zu entwickeln oder gar in neue Geschäftsmodelle zu investieren, justieren sie ihre Fahrtrichtung akkurat nach, dass sie auch ganz sicher die Wand frontal erwischen – und sie geben sogar noch weiter Gas. Wie anders soll man sich die Idee erklären, dass in den jetzt mit den Journalistenverbänden und -gewerkschaften verhandelten neuen Tarifverträgen vor allem Jungredakteure finanziell deutlich schlechter gestellt werden sollen als bisher üblich.

Frischer Wind unerwünscht

Ein junger Journalist braucht heute schon viel Idealismus und Enthusiasmus, um sich für den Printjournalismus zu entscheiden. Sie wissen, dass das Businessmodell der Zeitungen und General Interest-Magazine allenfalls noch zehn Jahre halbwegs halten mag und in dieser Zeit Sparmaßnahmen in immer kürzeren Zyklen zu erwarten sind. Man muss schon sehr schreibtalentiert und printverliebt sein, um heute noch unbedingt im Printjournalismus reüssieren zu wollen.

Junge Printjournalisten erinnern in ihrer Persistenz (oder Renitenz, oder Naivität) an junge Menschen, die heute unbedingt Kernkraft-Ingenieure werden wollen. Die aber werden wenigstens gut bezahlt, weil die Betreiber wissen, wie wichtig es ist, nicht nur auf die Expertise – aber auch Eingefahrenheit – der Altgedienten angewiesen zu sein. Frischer Input ist essentiell. Anders die Verleger, die wollen gerade jungen Menschen den Job durch mickrige Bezahlung noch unattraktiver machen.

Das Beispiel der Stadtzeitungen

Wie wichtig die Erneuerung eingefahrener journalistischer Routinen ist, haben wir Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre gezeigt, als die Stadtzeitungen einer ganzen Generation von jungen Blattmachern, meistens Autodidakten, die Chance gab, ihre Schreibe und ihr journalistisches Verständnis zu entwickeln – und für die Branche neu zu definieren. Nach anfänglicher Ignoranz durch  die etablierte Journaille entstand dann hartes Konkurrenzverhalten, als unsere Stadtzeitungen im Verkauf und vor allem in der Anzeigenakquise wachsenden Erfolg hatten – weil wir neue, junge Zielgruppen erreichten.

Am Ende aber wurden mit der Übernahme von uns zu Journalisten gereiften Autodidakten und der stadtzeitungsgestählten Journalistenschüler in die Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften (WIENER, Tempo & Co.) nicht nur unsere Leistungen anerkannt, sondern auch unser lebendigerer und authentischerer Stil, unser mutigerer und oft auch subjektiverer Recherche- und Schreibstil. (Siehe auch Humor & Justitia!) Das fand schließlich auch Eingang  in etablierten Medien – und erfrischte und runderneuerte diese.

Freiräume schaffen neue Ideen

Heute sind ehemalige Mitarbeiter der Redaktion der Münchner Stadtzeitung Feuilletonchefs, Ressortleiter, Büroleiter, Reporter, Kommentatoren, Kritiker, Radiojournalisten – oder sie besitzen erfolgreiche Verlage und Redaktionsbüros – oder sie sind renommierte Filmproduzenten und Talkshowhosts u.v.a. Die Kollegen aus anderen Stadtzeitungen sind und waren Chefredakteure, Trendforscher, TV-Produzenten etc.

Damals gab es für uns in den Stadtzeitungen große Freiräume, in denen wir uns als Autoren, als Reporter, als Blattmacher, als Fotografen und Blattdesigner, als Karikaturisten und Grafiker, als Vermarkter und sogar als Veranstalter ausprobieren konnten. Wir machten damals nicht alles richtig, aber wir machten alle Fehler genau zur richtigen Zeit – und das vor den Augen unserer – vor allem jungen – Leser. So wirkten wir besonders glaubwürdig und authentisch. Vor allem aber haben wir uns rapide weiterentwickelt, weil wir mit unseren eigenen steigenden Ansprüchen mithalten wollten.

Karriere statt Geld

Diese Freiräume existieren heute längst nicht mehr. Heute gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, als Quereinsteiger ins etablierte Print-Business einzusteigen. Da muss man schon von der Journalistenschule kommen, eine der raren Volontariatsstellen ergattert haben und/oder ausgiebig Praktika schrubben, um eine Festanstellung zu bekommen. Künftig, wenn die in Gewerkschaften organisierten Kollegen nicht erfolgreich streiken, dann auch noch zu deutlich verschlechterten finanziellen Konditionen.

Mit dieser Idee sparen die Verleger zwar nur Minimalsummen ein, provozieren aber, dass sich talentierte junge Kräfte vom Printjournalismus fern halten. Wer heute noch Freiräume in seiner Arbeit erleben will, geht doch vorzugsweise ins Online-Business, in die Produktion von Corporate Content, in Agenturen oder zu Video-Produktionen. Hier wird man nicht unbedingt besser entlohnt, aber man hat mehr Gestaltungsmöglichkeiten – und dazu deutlich bessere Karriereperspektiven.

Kreativer Druck von unten

Mit Medien wird in Zukunft nicht mehr so leicht das ganz große Geld zu verdienen sein, nicht ohne großen Aufwand, Talent und Risiko. Aber gerade das Printbusiness, das absehbar die größten Probleme in den Märkten der Zukunft haben wird, braucht am dringendsten frische Ideen, neue Geschäftskonzepte, neue Sichtweisen und kreative Ansätze. Um für Leute, die das bieten können, attraktiv zu sein, muss man ihnen Freiräume, freie Hand – und finanzielle Perspektiven bieten. Wer das nicht tut, verbaut sich erfolgreich die eigene Zukunft.

Das sollte doch gerade denjenigen, die immer wieder den Begriff des Qualitätsjournalismus bemühen, wichtig sein. Nur ein Redaktionskollegium, das kreativen Druck von unten, von jungen Kräften erfährt, die im besten Fall mit digitalen Medien aufgewachsen sind, kann echte Qualität entwickeln – und dauerhaft halten.

Leser-Blatt-Bindung per Kleber

Fragt sich, ob all das auch in Journalistenschulen gelehrt wird? Kümmert man sich dort nicht nur um gute Schreibe, sondern auch darum, wie man mit kreativen Ideen Medien (nicht nur Print) erfolgreich machen kann oder wie man sie erfolgreich vermarktet? Kümmert man sich dort auch darum, wie sich neue, lukrative Geschäftsfelder eröffnen lassen? Auch abseits publizistischen Glamours?

Wir haben damals bei der Münchner Stadtzeitung (und später auch beim WIENER) permanent Ideen gehabt und verwirklicht, wie wir erfolgreicher im Markt werden. Wir haben damals schon Coupons in der Zeitung gehabt (bis uns die Süddeutsche das per Gericht verboten hat!), wir haben Spiele (Brettspiele!) entwickelt, wir haben Konzerte, Wahlpartys und Filmbrunches veranstaltet, wir haben Aufkleber auf dem Titel gehabt, Bilder in 3-D samt Brille und vielerlei mehr. Wir haben Stadtbücher entwickelt und vermarktet, Sonderhefte und wir waren uns nicht zu fein, riesige Aufkleber auf Autos von Lesern zu kleben. (Das war Leser-Blatt-Bindung in des Wortes klebrigster Bedeutung!)

Mann, waren wir toll! – Waren wir das wirklich? Ein bisschen vielleicht. Vor allem aber hatten wir freie Hand, konnten und wollten Neues und vieles anders machen. Wir wurden nicht nur gelassen, sondern vom Verleger Arno Hess ermuntert und ermutigt. Und wir wurden dafür auch bezahlt. Nicht übermäßig, aber für uns war das damals schön verdientes Geld. Und wir konnten uns weiterentwickeln…

Der Algorithmus, wo man mit muss


Bad Air Days und andere Katastrophen

Der Worst Case für Dienstleister und deren Anbieter ist die Erfindung von Twitter. Egal was einem als Konsument auch an Widrigkeiten passiert, der Ärger und die Frustration muss raus. Und wie kann man das besser, wirksamer und publikumsträchtiger machen als per Twitter (oder auch Facebook). So viel Zeit ist immer, um mal schnell 140 Zeichen abzusetzen, die es in sich haben. Und so bekommt die private Öffentlichkeit mit – und bei genügend Retweets und/oder einem Follower-Multi auch eine breite Öffentlichkeit in Echtzeit, wer wo wie versagt, einen Auftrag vergeigt oder sonstwie Kunden-Bashing betrieben hat. Ein Horror für alle großen Dienstleister.

Es hatte diesen Winter dann schon echt kabarettistische Ausmaße, was verzweifelte bis wutglühende Bahnfahrer von ihren misslichen Abenteuern im verschneiten Deutschland zu twittern hatten. Oder die S-Bahn-Nutzer, und das wohlgemerkt nicht nur im pannengeplagten Berlin. Nicht viel besser ging es Flugpassagieren. Interessant zu verfolgen, an welchen Tagen Air Berlin seine Fluggäste bis zur Weißglut verärgerte, dann gab es wieder typische Bad-Air-Days bei der Lufthansa, manchmal performten beide deutsche Fluglinien lausig. Egal was passiert, es entsteht bei jeder massiven Störung von Verkehrsmitteln unweigerlich so genannte „tote“ Zeit, die man nicht produktiv nutzen kann.

Tote Zeit für Wut nutzen

Nicht produktiv nutzen konnte. Das ist jetzt vorbei. Zumindest kann man jetzt wirksam seinem Ärger Luft machen und seine Wut in 140 säureätzenden Buchstaben veredeln. Und je mehr einer des Schreibens im verdichteten Raum fähig ist, desto vernichtender sind solche Rundumschläge. Und je mehr einer auf Reisen ist, desto öfter – und kompetenter – kann er seinem Frust Ausdruck geben. (Mein Tipp hier: die Tweets von Thomas Koch.) Und je länger die Wartezeiten sind, desto öfter kann man bei einem Desaster auf dem Laufenden gehalten werden. Es lassen sich dann wahre Fortsetzungs-Romane des Verkehrs-Terrors im Twitter-Telegrammstil mitverfolgen. Womöglich noch mit Fotos illustriert.

Ich könnte an dieser Stelle auch so manche Leidensgeschichte zum Besten geben. Nicht nur über die S-Bahn in München oder DB-Carsharing (ja auch hier hat die Bahn Performance-Defizite). Mein ganz besonderer Stein des Anstoßes ist die Stadtsparkasse München, die mich nach über 40 Jahren Kundentreue unbedingt loswerden will. Denn was macht ein Girokonto ohne Dispo Sinn? Die Stadtsparkasse München interessiert nicht, wie viel Geld regelmäßig auf meinem Konto ist oder wie viel Geld hereinkommt. Nein ihr geht es darum, dass jeden Monat gleich viel herein kommt. Was bei einem, der freiberuflich tätig ist, nun mal nicht der Fall sein kann. Besonders schön ist, dass der Filialleiter, der so etwas verantwortet, nie telefonisch erreichbar ist und lieber Untergebene vorschickt, die dann „leider nichts tun können“. Aber die Stadtsparkasse München soll ihren Willen haben, ich beende meine Laufbahn als Kunde möglichst bald. Versprochen!

Der Fall soll wie die oben erwähnten auch nur als Beispiel eines neuen Service-Desasters stehen, das sich in den Jahren notorischer Sparmaßnahmen eingeschlichen hat, und letztlich ein notorischer Missbrauch digitaler Informations- und (vermeintlicher) Rationalisierungs-Möglichkeiten ist. Die Stadtsparkasse München hat meinen Dispo gestrichen, weil irgend ein Algorithmus Alarm geschlagen hat. Scheint der Anti-Freiberufler-Algorithmus zu sein. Und gegen diesen Algorithmus kann natürlich kein Mitarbeiter „etwas machen“. Algorithm rules!

Algorithm rules

Flugpassagiere konnten nicht abheben, weil die Verbrauchsberechnungen für Enteisungsmittel irgendwie falsch waren. Ob es hier die Dummheit derer ist, die die Daten eingegeben haben, oder dem Algorithmus nicht gesagt worden ist, dass Enteisungsmittel im Winter gebraucht werden und dann gerne auch mal Straßen vereist sind, auf denen der Nachschub „just in time“ geliefert werden soll. Aber die Straßen waren da leider „just in ice“.

Den Fluggesellschaften fehlte es allerdings nicht nur an Enteisungsflüssigkeit, sondern oft genug an Personal im Cockpit. Irgendein Schönwetter-Rationalisierer hat die grandiose Idee gehabt, dass man die teure Ressource Mensch noch effektiver einsetzen kann, wenn man sie wild von Flugzeug zu Flugzeug wechseln lässt. Dumm nur, wenn die Fluggäste vollzählig und eingecheckt sind, aber die Crew in Paris fest sitzt, weil dort Nebel herrscht. Neulich ging es mit der Lufthansa gar eine Stunde später auf die Startbahn, weil alle da waren, nur der Co-Pilot nicht, der flog gerade aus Lissabon ein. Es werden also nicht nur komplette Crews hin und her geschubst, sondern diese „just in time“ zusammengewürfelt. Sicherlich von einem ausgeklügelten Computerprogramm, also einem Algorithmus.

Schönwetter-Manager

An dieser Stelle ist es natürlich dringend notwendig, die viel gescholtenen Algorithmen in Schutz zu nehmen. Die sind nur so doof wie die, die sie programmiert haben, bzw. konzipiert und beschlossen haben. Denn wenn wir Stunden warten, weil kein Zug kommt, weil die Crew nicht da ist oder wenn wir als Bankkunden in Misskredit geraten, dann reibt sich ja irgendwo irgendein Manager die Hände. Er hat sich schließlich seinen Bonus oder seine Pluspunkte auf dem Personalkonto eingeheimst, weil er kreativ ganz tolle neue Einsparungsmöglichkeiten gefunden hat.

Dass solche“Effizienz-Maßnahmen“ nur bei idealen Bedingungen, also bestem Wetter, und nur für Normalkunden taugen, interessiert ja in dem Moment nicht. Dass massig Geld verloren geht oder in Kundenberuhigungsaktivitäten investiert werden muss, interessiert genauso wenig. Die Boni sind ja schon verteilt. Und dass Kunden verloren gehen, schreckt auch keinen, denn die Konkurrenz ist mindestens genauso schlimm. (Vielleicht arbeitet die ja sogar mit demselben Algorithmus.) Die dort verärgerten Kunden ersetzen dann halt die im eigenen Betrieb vergraulten. – Das ist die neue, die digitale Service-Wüste. Die Service-Atacama.

Maschinen-Intelligenz als Daffamierung

So etwas wäre ja mal ein Thema für eine Verbraucherschutz-Ministerin. Aber so lange weniger als fünf Prozent der Bevölkerung weiß, was ein Algorithmus ist und was er bewirkt – und nicht mal das Wort richtig zu schreiben versteht, ist das natürlich kein Thema für die Politik. Aber wie sehr inzwischen Schindluder etwa mit digital berechneten Bonitäts-Bewertungen getrieben wird, hat Marco Friedersdorf  erlebt und in seinem Blog „Minds Delight“ perfekt dokumentiert. Seine Kreditwürdigkeit wurde allein durch die Tatsache, dass er in Berlin-Neukölln wohnt, massiv eingeschränkt. Das ist eine flagrante Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes unserer Verfassung. Und irgendwer hat sich solch einen Sozialer-Brennpunkt-Algorithmus ausgedacht – und schlimmer: irgendwer ganz oben hat ihn sich konzeptionell ausgedacht und in irgendeinem Gremium gut geheißen.

Hier brennt es politisch lichterloh. Viel schlimmer als bei Google oder Facebook, weil abseits aller Aufmerksamkeit. Hier müssen wir Digital-Apologeten aktiv werden. Wer, wie auch ich, die Schönheiten einer digitalen Zukunft besingt, muss klandestine Fehlentwicklungen anprangern, will er seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren. So lange Politik meint, man wäre schon digital, wenn man im Bundestag ein iPad nutzt, müssen halt andere ran…

Wandel und Handel


Paradigmenwechsel gehen nie sanft vonstatten

Mario Sixtus, kompetenter Blogger und Twitterer, lange Zeit „Elektrischer Reporter“ des ZDF, brachte es am 6. Dezember in einem Tweet auf den Punkt: „2010, das Jahr, in dem nicht Bomben eine Großmacht die Fassung verlieren ließen, sondern Informationen. #wikileaks“ – um Minuten später im nächsten Tweet zu prognostizieren: „2011, das Jahr, in dem die Mächtigen alles versuchen werden, um das Netz unter Kontrolle zu bekommen.“ Er könnte recht haben.

John Wilkes

Noch kein Paradigmenwechsel, vor allem kein essentieller, ist je still, sanft und friedlich verlaufen. Und schon gar nicht, wenn es um einen Quantensprung in der Verbreitung von Informationen ging. Man denke da nur mal an Johannes Gutenberg oder Martin Luther – oder auch an John Wilkes. Dieser Kämpfer für die Pressefreiheit im England des 18. Jahrhunderts wurde etliche Male verhaftet, verbannt und verurteilt, weil er dafür kämpfte, dass über Unterhausdebatten im Wortlaut berichtet werden durfte. Das war verboten, weil geheim; weil die Obrigkeit davon ausging, dass das gemeine Volk zu dumm, zu sensibel und psychologisch zu wenig stabil war, um die politischen Debatten im Wortlaut mitzuverfolgen. Juristisch verfolgt wurde Wilkes damals vor allem aufgrund seines sexuell recht ausschweifenden Lebens! (sic!) (Die Geschichte erzählt Henry Porter sehr schön im Guardian.)

Trägheit der Evolution

Es ist das Wesen der Evolution, dass es immer wieder Umbrüche und Neuerungen gibt. Wäre es nicht so, wir Menschen hätten es nie so weit gebracht, dass wir uns über WikiLeaks und die Folgen streiten könnten. Ja wir hätten es nicht einmal so weit geschafft, zu solch Boshaftigkeiten (Diplomaten-Depeschen) oder Bösartigkeiten (Militär-Mord per Hubschrauber im Irak) fähig zu sein, über die WikiLeaks uns aufklärt. (Eine sehenswerte Dokumentation zu Wikileaks hat das schwedische Fernsehens produziert – und online gestellt.)

Noch nie aber gab es in der Geschichte der Menschheit – oder unserer kleinen Evolutions-Brutstätte namens „Erde“, dass Neuerungen oder Umbrüche ohne den Widerstand des Bestehenden passierten. Im Normalfall siegt sogar der Status Quo gegen das Neue. Neue Paradigmen müssen schon sehr stark und überzeugend sein, um gegen die Kraft der Norm zu siegen. Diese müssen schon sehr dringend nötig sein, dass sie den Durchbruch schaffen. Diese Trägheit der Evolution ist hilfreich und nimmt ihr die Willkürlichkeit – und sorgt für ihre positive Intention.

Der Widerstand des Bestehenden ist verständlich und erklärlich. So leicht es sich dahin spricht, dass in jedem Neuen große Chancen liegen, es gibt immer viele, die dabei verlieren werden oder zurückstecken müssen. Und das ist im Normalfall die große Mehrheit. Und wer verliert schon gerne, woran er vielleicht sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, einer Position, einer Karriere, einer vermeintlichen finanziellen Sicherheit. Da wird Neues aus schlichtem schnöden Eigeninteresse blockiert. Maxime: Hinter mir die Sintflut.

John Paton, der Sanierer der Journal Register Company (JRC), die in Michigan, Ohio, Connecticut und Philadelphia Marktführer in der Zeitungsbranche ist, erklärt in seiner erfrischend direkten Abrechnung mit der (amerikanischen) Zeitungswirtschaft, warum der nötige Umbruch gescheut wird wie der Teufel das Weihwasser: „The reasons are simple: Fear, lack of knowledge and an aging managerial cadre that is cynically calculating how much they DON’T have to change before they get across the early retirement goal line. Look at the grey heads in any newspaper and you will see what I am talking about.“

Die Latenz des großen Geldes

Der größte Bremser des (über-)fälligen Paradigmenwechsels von analoger Welt zu einer digitalen, von analogen zu digitalen Medien, von analoger Politik und analoger Wirtschaft zu digitaler ist allen voran das Geld. So wild auch immer auf die irrwitzigsten Finanzkonstruktionen gewettet wird, bis es buchstäblich „kracht“, so risikoscheu ist im Prinzip das große Geld. Es hat so viel mehr zu verlieren als zu gewinnen, wenn es zu grundlegenden paradigmatischen Veränderungen kommt.

Es gibt bei Umbrüchen zwar stets mehr Gewinner als Verlierer, aber wer Verlierer und wer Gewinner sein wird, steht vorab nicht fest. Und die Gewinner sind leise, die Verlierer laut. Also bekommt die Mehrheit Angst, eventuell Verlierer sein zu können. Und die. die relativ sicher sein können, zu den Verlierern zu gehören, investieren alles in ihrer (verbliebenen) Macht stehende, um den Status Quo möglichst lange hinaus zu zögern. Und die beste Methode dabei ist, Angst und Zweifel zu säen.

Eric Schmidt, CEO von Google, hat das auf sehr offene Weise in seiner Rede am Aspen-Institut – und speziell in seiner Antwort dort auf die Frage von Jeff Jarvis klar gemacht. Er stellt fest, dass das Geld, das große Kapital den Wandel ins Digitale (noch) nicht will. Daher bauen diese zusammen mit der Politik und der Verwaltung Barrieren und Regulative auf, um den Wandel, wenn sie ihn schon nicht verhindern können, wenigstens möglichst weit abzubremsen und aufzuhalten. Entwicklungen, die einen Bruch absehbar machen, sind daher gegen all die Interessen derer gerichtet, die es sich in dem bestehenden System bequem gemacht haben.

Druck des Systems

Das ist nicht die Sicht eines der Kapitalismuskritik verdächtigen Umstürzlers, sondern des Chefs eines der erfolgreichsten und innovativsten digitalen Konzerns. Und er meint das nicht als Kritik, sondern als Feststellung einer Tatsache. Und was wir in den vergangenen Wochen als Reaktion des Big Business auf WikiLeaks und dem daraus entstehenden politischen Druck erlebt haben, ist nur die logische Konsequenz daraus: Mastercard, Visa und die Banken haben kein Interesse an WikiLeaks und deren Sprengkraft.

Überraschender – und enttäuschender – ist da schon die wetterwändische Haltung digitaler Megabusinesses wie Amazon oder Paypal. Aber auch hier sind „analoge“ Manager am Werk, und gerade auch diese Firmen sind vom großen Geld und den Regulatoren in der Politik abhängig – oder meinen es zu sein.

Eric Schmidt sieht aus seiner Sicht nur einen Ausweg, wie es dann doch zum nötigen Wandel – von analog zu digital – kommen kann. Der Druck des Marktes muss so groß sein, dass auch Bremser mit den großen Geldbündeln einsehen, dass das große Geld nicht mehr im Bestehenden zu holen ist, sondern dass da eher mehr zu verlieren ist.

Würde mich freuen von Mario Sixtus zu lesen: 201x, das Jahr, in dem die Mächtigen den Kampf gegen das Digitale aufgegeben haben. – Zugegeben, das wird noch eine Weile brauchen. Aber auch wir, der Markt, der Wähler und Netzbürger entscheiden mit, wie lange das dauern wird. Weniger durch Attacken auf Netserver, sondern weit besser durch gezielte Wahl unserer digitalen (Finanz-)Dienstleister…

Geheim, geheim, geheim


Die Fänger der Binsen

Manchmal kann man ihn wirklich mit Händen greifen, den Zeitgeist. Wie genervt, wie enttäuscht war man nach den neuesten Veröffentlichungen von Wikileaks. Alles was man ahnte, durfte man als Einschätzung des örtlichen Personals der amerikanischen Botschaft noch einmal nachlesen. Merkel unkreativ, Westerwelle überschäumend, Seehofer unberechenbar. Was für Binsen, die höchstens narzisstische Seelen, die es direkt betraf, in ihrer Schwarz-auf-Weiß-nachzulesen-Wucht getroffen haben mag. Merkel aber ist des Narzissmus erfreulich unverdächtig.

Ich war selber zu lange investigativ als Journalist unterwegs. Da sind mir massivere Informationen zugetragen worden, die sich dann als nicht haltbar oder nicht nachweisbar erwiesen  haben. Da blieb nichts anderes übrig als klein bei zu geben, wollte man nicht vor Gericht wegen übler Nachrede belangt werden. Die Lektion durfte ich sehr früh in meiner Journalistenwerdung lernen. Da wurde ich flugs verurteilt, weil ich den Bericht eines Schwarzen Sheriffs, der die üblichen Gepflogenheiten in seinem Job geschildert hatte, wiedergegeben hatte. Und weil ich mich weigerte, den Informanten preis zu geben, hatte ich sehr schnell eine saftige Geldstrafe an der Backe. Wegen übler Nachrede.

Öffentlichkeit als Schutz

Später in strittigen Themen als Reporter beim WIENER, wo Aussage gegen Aussage stand, schützte mich die Scheu der Entlarvten vor der Öffentlichkeit. Bei meinem Besuch als Spendeneintreiber bei Alois Müller, bei meinen Recherchen im Bayerischen Umland auf der Suche nach Bauplatz und Arbeitskräften für ein AIDS-KZ oder bei meiner Akquise von Schleichwerbung bei Dieter Thomas Heck, nie kam es zu Klagen gegen mich oder den WIENER. Die Angst vor negativer Publicity, die eine öffentliche Verhandlung – noch dazu bei einem Journalisten – bringen würde, war zu groß. So schützte mich bei meinen Leakings (das Wort war sowas von noch nicht erfunden damals) die Öffentlichkeit und ihr Interesse an Enthüllungen.

Nichts davon war zu Beginn der Wikileaks-Enthüllungen zu spüren, eher ein genervtes Augenverdrehen. Dann aber kam die Reaktion der Politik. Plötzlich wurden Server abgeschaltet, Bankkonten gesperrt, Anklage erhoben, Haftbefehle erteilt – und von einem US-Senator sogar die Todesstrafe für Wikileaks-Chef Julian Assange gefordert. Alles viel zu heftig, verdächtig uncool. Was man selbst mit einem Schulterzucken abgetan hatte, scheint andere schwer getroffen zu haben. Da scheint einer Kaste von Mächtigen das übliche Spiel kräftig vermiest worden zu sein. So reagiert, wer wirklich was zu verbergen hat.

Spielgeld für Monopoly

Zur selben Zeit passieren dann in aller Öffentlichkeit Kuriositäten wie die Vergabe der Fußball-WM an Russland und Katar. Da denkt sich noch der unbedarfteste Mensch so seinen Teil. Zur selben Zeit wird bei der Schlichtung in Stuttgart deutlich, wie selbstverständlich die Politik das Desinteresse von Bürgern an einem als Infrastrukturmaßnahme (Bahn) getarnten Immobiliendeal vorausgesetzt hatte. Und zur selben Zeit wird darüber verhandelt, weitere Aberhunderte von Milliarden zur Rettung von Banken, die sich verspekuliert haben, aus sonst sorgsam verschlossenen Haushaltskassen frei zu machen. Diesmal in Irland, demnächst anderswo. Hier spielen Leute Monopoly und lassen die, die fürs „Spielgeld“ sorgen, nicht teilhaben? Ja nicht einmal dabei zusehen sollen sie dürfen?

Und siehe da, plötzlich macht sich in weiten Kreisen schnell mehr als nur „klammheimliche“ Freude bemerkbar, dass hier den Mächtigen in die Suppe gespuckt worden ist. Egal wo man hinhört, plötzlich erlebt man immer mehr ideelle Unterstützung. Natürlich viel davon im Internet. Die Zahl der Server, die inzwischen Wikileaks gespiegelt haben, steigen behende, derzeit sind es über 500. Die Freunde von Wikileaks auf Facebook sind weit über eine Million, bald eine halbe Million Follower sind es bei Twitter, Tendenz überall steil steigend.

Aber auch die Presse, die zunächst enttäuscht bis genervt reagiert hat, erschrickt über die massive Reaktion der Mächtigen und wertschätzt mindestens die Prozesse, die Wikileaks ausgelöst hat: das Nachdenken über unnötige Geheimhaltung und Staats-Privacy; das Erschrecken über die Unbekümmertheit von Berlusconi und anderen, Politik als ungezügelte Ego-Befriedigung zu pervertieren. Und immer ausgewogenere, klügere und positivere Artikel zu Wikileaks sind jetzt zu lesen. Zu allererst im Feuilleton der Süddeutschen (danke, Andrian), dann auch in der Welt, die einen Artikel zu Wikileaks, den Jeff Jarvis für die Huffington Post geschrieben hat, hier in Deutschland veröffentlicht hat. Besonders beeindruckend der Artikel von David Samuels in „The Atlantic“ (schon jetzt über 9.000 like it!), der die überzogene Reaktion US-amerikanischer Behörden auf Wikileaks anprangert. [Neu dazu gekommen: James Moore. „I am Julian Assange“ in der Huffington Post! ]

Den Zeitgeist spüren

Auf den Punkt bringt den Schwenk im Meinungsbild Clay Shirkey. Der erste Satz seiner klugen Reflexion zu Wikileaks und Nutzen und Unsinn von Geheimnistuerei in seinem Blog beginnt bezeichnenderweise mit dem Satz: „Like a lot of people, I am conflicted about Wikileaks“ Genau so ging es den meisten Menschen. Mir genauso. Inzwischen aber haben sich überraschend viele von denen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, auf die Seite von Wikileaks geschlagen. In der Zeitspanne von Tagen. Das sind die Momente, in denen der Zeitgeist fast körperlich spürbar wird. Danke, Herr Blatter, grazie, Signor Berlusconi, merci, Monsieur Trichet.

Und diesen Wandel erlebt man auch abseits der Medien. Gerade auch in gut bürgerlichen Kreisen, in denen man jetzt in der Adventzeit gerne zusammenkommt, und die seit Stuttgart 21 eine neue Macht und Durchschlagskraft erahnen, erlebt Wikileaks inzwischen Unterstützung und Rückhalt. Ja sogar bei durch ein Jurastudium vorbelasteten Menschen. (Das hat mich dann doch wirklich überrascht!)

So blöd es klingt. Das Spiel der Mächtigen wird seit Wikileaks nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. (Binse 1) Und das ist gut so! (Binse 2) Es wird weiter im Geheimen agiert werden, in allen Sphären der Macht. (Binse 3) Aber das Spiel wird schwieriger. Will man etwas tun, was nicht ganz koscher ist, sollte man sich dann jetzt nur auf mündliche Abmachung verlassen, um keine schriftlichen Spuren zu hinterlassen? Schwierig und riskant!

Das macht doch seit frühesten Kindertagen am meisten Spaß: Wenn man schon nicht mitspielen darf, obwohl man den Ball mitgebracht hat, dann diesen bösen Buben wenigstens das Spiel so richtig zu vermiesen.