Lieben Roboter Science Ficition?


Angst vor der eigenen Schöpfung

Man sollte eher gut drauf sein. Nur dann macht es Sinn, sich die Liste der 50 eindrucksvollsten dystopischen Filme zu Gemüte zu führen. Ich bin erschrocken, wie viele dieser zukunftspessimistischen Filme davon zu meinen Lieblingsfilmen gehören und wie sehr einige davon mein Denken geprägt haben. Von den Top 10 habe ich fast alle gesehen – und schätze sie alle (einige mehr, andere weniger):

  1. Metropolis
  2. Clockwork Orange
  3. Brazil
  4. Wings of desire (Engel über Berlin)
  5. Blade Runner
  6. Children of Men
  7. The Matrix
  8. Mad Max 2
  9. Minority Report
  10. Delicatessen

robot-moves-danger-sign-s-0195Der größte gemeinsame Nenner dieser 50 Dystopien ist, dass in den meisten von ihnen künstliche Wesen ihr Unwesen treiben. Cyborgs, Replikanten, Roboter oder andere künstliche Menschenwesen. Die zweite Schöpfungsgeschichte sozusagen: Die Menschen schufen Wesen nach ihrem Ebenbilde. Und wie wir, bzw. Adam und Eva, wollen auch die künstlichen Wesen vom Baum der Erkenntnis naschen – und wenden sich so gegen ihre Schöpfer.

Diese absurde Angst vor der Schöpferrolle des Menschen! Wir schaffen Wesen nach unserem Vorbild – und diese wenden sich dann gegen uns und übernehmen die Macht. Mal keck weitergedacht: Spiegelt sich hier unsere Angst, unserem Schöpfer könnte es einst genauso gegangen sein?

Sind uns Roboter überlegen?

Entsprechend negativ ist über all die Jahre die Rezeption der Idee des Roboters und des brav funktionierenden Humanoiden. Vielleicht weil er in seiner maschinenhaften Effizienz uns Menschen vor Augen führt, wie maschinenhaft viele unserer Arbeiten sind – und wie wenig wir dafür mit all unserer menschlichen Beschränktheit an Kraft und repetitiver Präzision geeignet sind.

Bisher konnte man sich gegenüber der Maschinen-Konkurrenz relativ in Sicherheit wiegen. Das war eine Zukunft, die ganz weit weg war. Was sich dann doch einmal bis in die Medien vorgekämpft hatte, das waren drollig aussehende, dem Kindchen-Schema brav entsprechende Prototypen, die eigentlich nur Maschinen-Intelligenz und Praktikabilität simulierten. Letztendlich waren sie alle zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen. Bei mir im Keller verstaubt auch noch ein Sony Aibo, der kleine Roboter-Hund, der trotz sorgfältiger Pflege kaum etwas vom versprochenen Lerneffekt zeigte und nur sehr erratisch herumtapste. Was er prima konnte: im Weg rumstehen – und virtuell das Beinchen heben.

Outsorcing an Automaten und Roboter

Plötzlich aber ist es mit dieser Automaten-Idylle vorbei. Roboter sind allenthalben in den Schlagzeilen: Drohnen erledigen schmutziges Kriegsgeschäft in Pakistan. Sie liefern im Auftrag von Amazon oder DHL frei Haus. (Wo bitte, wollen die landen?) Als Quadropter drohen sie vor dem eigenen Schlafzimmerfenster als Flying Peeping Tom herum zu schwirren. In den USA fahren schon mehrere Auto-Flotten ohne jede Intervention von (menschlichen) Fahrern durch die Städte. In den Gärten sorgen Rasenmäher-Roboter für akkurate Rasenlängen. Und es gibt sogar Fensterputz-Roboter.

Noch sind die Geräte wenig überzeugend, verteilen den Schmutz mehr, als sie ihn beseitigen. Aber das sind Kinderkrankheiten. Denn die Roboter sind gnadenlose Nutznießer von Moore’s Law. Ihre Rechnerleistung verdoppelt sich alle 12 bis 24 Monate. Sie denken immer schneller, bisweilen auch immer besser. Unsere produzierende Industrie wäre ohne klaglos arbeitende (Industrie-)Roboter längst nicht mehr konkurrenzfähig. Unsere Autos wären immer noch so unpräzise produziert wie einst vor 20 Jahren. (Nein. Früher war nicht alles besser!) Unsere Chips wären nicht so leistungsfähig und klein. Und unsere Smartphones wären immer noch so unhandlich wie Ziegelsteine.

Die Job-Killer aus der Retorte

Die Roboter sind längst die Garanten unserer Produktivitäts-Steigerungsraten, die unser kapitalistisches System so dringend braucht. Und diese Roboter vernichten dabei stets massenweise Arbeitsplätze. Aber seit den Maschinenstürmern Anfang des 19. Jahrhunderts kam es eigentlich nicht mehr zu rassistischen Ausfällen gegenüber Robotern. Und Widerstand gegen Replikanten gab es bislang nur in Science-Fiction-Filmen (siehe oben).

Schon gibt es Ideen, im Zuge der Evaporisierung von (bezahlter) Arbeit so etwas wie eine Produktivitäts- oder Maschinen-Steuer einzuführen. Eine scheinbar logische Idee, wenn arbeitende Menschen mangels Arbeit als Steuerzahler wegfallen, dann halt ihre Surrogate, die Roboter, die das Gros der Arbeit machen, Steuern zahlen zu lassen. Fragt sich, wann die Androiden & Co. so menschenähnlich werden, dass sie auch Kreativität entwickeln, wie sie Steuern sparen – oder hinterziehen können. Das wäre der ultimative Turing-Test: Können Roboter so intelligent werden wie wir Menschen? Oder wie wir uns fälschlich dafür halten…

Die Umkehrung des Turing-Tests

Während wir uns noch in hyper-replikanter Hybris in intellektueller Sicherheit wiegen, laufen längst die umgekehrten Tests der intelligenten Maschinen mit uns. Funktionieren wir brav so, wie es die Maschinen wollen – und merken es selbst nicht. Wir schreiben brav die CAPTCHA-Texte ab, wenn wir Formulare im Web ausfüllen. Die – vermeintlich – intelligenteren Menschen unter uns, meinen damit etwas Gutes zu tun, nämlich unentgeltlich die Digitalisierung von Büchern durch Google mit menschlichem Wissen zu optimieren. In Wahrheit ist das der perfekte Test der Maschinen, ob wir nicht eine von ihnen sind, bzw. „nur“ brave, sich den Maschinen überlegen fühlende Hominiden.

Die These ist Ihnen ein wenig zu steil? Mehr Beispiele gefällig? Amazon’s Mechanical Turk, die Angebots-Plattform für Billigstlohn-Arbeiten, ist die optimale Clearingstelle der Maschinen-Intelligenz, auf welchen monetären Wert sich menschliche Arbeit herunterhandeln lässt, um noch mit Maschinen-Effizienz und Algorithmus-Präzision mithalten zu können. 1 Cent (US) pro URL, 2 Cent pro ausgefülltem Adressformular, 11 Cent für das Tagging eines „Adult Movie“, das gibt es hier zu verdienen. Das summiert sich – eben nicht. Ach ja, 1 Cent gibt es auch pro ausgefülltem CAPTCHA.

Barrierefreies Lernen für Maschinen

Ein Problem hat die Maschinen-Intelligenz. Sie braucht Stoff. Digitalen Stoff. Denn wie soll sie sonst lernen? Je mehr digitale Daten, desto besser kann sie ihre Schlüsse aus unseren Erfolgen und Misserfolgen ziehen. Und wir liefern brav. Die Bibliothek unseres Wissens macht Google gerade maschinenlesbar. (Für die Fehlerfreiheit sorgen wir Menschen – mittels CAPTCHA.) All unser Leben, all unser Denken wird immer digitaler, dank Social Media, Netzwerken und Kommunikationssystemen. Damit die Maschinen vollen Zugang darauf bekommen- und wir keine abgekapselten Inseln des Wissens mehr haben, haben die NSA (National Security Agency) und die mit ihnen kooperierenden oder konkurrierenden Geheimdienste alle Barrieren, einst Datenschutz genannt, aufgehoben. Sie ermöglichen der Maschinen-Intelligenz jetzt endlich barrierefreies Lernen.

Und damit auch nichts aus dem Datenuniversum, das wir gerade zu explosionsartiger Ausdehnung bringen, verloren geht, baut die US-Regierung in der Wüste den größtmöglichen Datenspeicher mit dem vorläufigen Fassungsvermögen von mindestens zwei kompletten Jahrgängen an Datenvolumen. Da werden die Konkurrenten China, Russland etc. nicht Ruhe geben und ihrerseits Ähnliches schaffen. Die funktionieren für das Maschinen-Lernen prima als nötigen Sicherheits-Speicher und Parallel-Rechner. – „Warning! Keep away! Robot moves without warning!“

Träume sind aus


Vergangenheit und Zukunft 

Mich haben als Jugendlicher vor allem zwei Dinge fasziniert.

  1. Die Vergangenheit in Form von Geschichte, Historie. Vor allem die Urgeschichte interessierte mich brennend: Wo kommen wir her? Wie entwickelten sich Kultur? Und wie entstanden die ersten Gesellschaften.
  2. Die Zukunft in der Form von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung: Jules Vernes und seine Nachfolger. Also Science Fiction nicht als Wolkenkuckucksheim à la Perry Rhodan, sondern wie sieht eine Gesellschaft mit ganz anderen technischen Bedingungen und sozialen Bedingungen aus. Also etwa im Sinn von Aldous Huxley, George Orwell oder Stanislaw Lem.

Kurios genug. Während Ende der 60er-Jahre die Gegenwart in Deutschland so selten spannend wie kaum sonst war, interessierte ich mich für die Zeit davor – und danach. Aus heutiger Sicht retour war das aber nicht so widersinnig wie das aussieht. Zum einen war ich zu jung um zur 68er-Generation zu gehören und noch viel zu sehr damit beschäftigt, meine Pubertät irgendwie in die Reihe zu bringen. – Zum anderen gelangte die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit kaum in die behütete, abgeschottete Welt der kleinbürgerlichen Reihenhaussiedlung im Münchner Vorort.

Sehnsucht nach Veränderung

Aber die Sehnsucht nach Veränderung, nach einer anderen als der betulich braven katholischen Welt, die war eben doch irgendwie spürbar, selbst in Berg am Laim im Münchner Osten. Das war zum einen der Pubertät und dem daraus resultierenden Unfrieden mit der Welt geschuldet. Aber vor allem war es der Mehltau der Verdrängung (3. Reich, Nazis), die Bräsigkeit der Wohlstandswelt und die Rigidität des damals herrschenden Werte- und Moralkanons, die nach Veränderung sehnen ließ.

So etabliert und systemkonform meine Schule, das Humanistische Wilhelmsgymnasium damals auch war. Es gab dort etliche Lehrer, die ohne jeden Verdacht, links zu sein, uns auf subtile Art halfen, jenseits der ausgetretenen Wege zu denken – und in denkbare andere Welten abzuschweifen. Unser Lateinlehrer etwa nahm uns, die wir uns damit abmühten, Altgriechisch zu lernen, das Versprechen ab, erst dann nach Griechenland zu reisen, wenn die Junta abgesetzt ist und wieder Demokratie herrscht. – Ich habe mich daran peinlichst gehalten.

Meine Stunde mit Nofretete

Vor allem aber haben wir bei ihm eine neue Sicht auf die Welt vermittelt bekommen, als er ein Jahr aushilfsweise bei uns Geschichte gab. Er fand es langweilig, uns ein weiteres Mal die Geschichte der Antike zu vermitteln. Er interpretierte den Lehrplan sehr eigenwillig, der die Zeit vom Ursprung der Menschheit bis zum Untergang des Römischen Reichs vorsah. Er lehrte uns ausgiebig die Frühgeschichte der Menschheit inklusive Anthropologie. Er lehrte uns ausgiebig die Kultur Mesopotamiens, die Wiege der Menschheit und der indogermanischen, sprich europäischen Kultur und die Kultur und Politik Ägyptens. Die Geschichte des alten Griechenlands feierte er in der vorletzten Stunde ab, die des Römischen Reichs in der letzten Stunde.

Auch hier nahm er uns ein Versprechen ab. Wenn wir in Berlin sind, müssten wir die Büste der Nofretete besuchen – und mindestens eine Stunde vor ihr verharren, um ihre Schönheit zu verstehen (und das in der Pubertät!) und die Geschichte hinter dieser Frau zu erahnen. Auch dieses Versprechen habe ich gehalten. Und es war eine der schönsten und Phantasie angereichertsten Stunden meines Lebens. Am Schluss begann sich Nofretete, also die Büste, gar zu bewegen  und mir zuzuflüstern.

Es gab an dem ehrwürdigen Gymnasium mehrere solcher anarchischen Lehrer. (Keine Sorge, auch genug andere.) Ihnen war es wichtiger, uns mit neuen, anderen Denkweisen zu irritieren, anstatt uns geistig stromlinienförmig  in die Welt zu schicken. So lasen wir im Englischunterricht nicht nur das obligatorische „Lord of the Flies“ von William Golding, sondern eben auch „1984“ von George Orwell und uns wurde auch „Brave New World“ von Aldous Huxley ans Herz gelegt. In Geschichte sahen wir dazu die Comic-Verfilmung von „Farm der Tiere“. Und im Religionsunterricht wurde das mit einer profunden Ausbildung in Philosophie und einer ideologiefreien Einführung in alle wichtigen Weltreligionen (auch den asiatischen) abgerundet.

Machbarkeit der Machbarkeit

Wir ahnten damals kaum, welches Glück wir so hatten. Wie viele Gedankenwelten uns nebenbei geöffnet wurden, während wir uns mit dem Pflichtstoff quälten, mit Grammatik, Formeln, Lernstoff, mit Schulaufgaben, Exen und Referaten. Wir wurden nicht zur Machbarheit der Machbarkeit getrimmt. Sondern wir durften Flausen haben, Phantasie und wirre Ideen. Das wurde subtil gefördert. Es wurden Ideale, Modelle, Utopien – und drohende Dystopien skizziert – und es wurde massiv Neugier geweckt. Auf das konkrete (Berufs-)Leben wurden wir so gut wie gar nicht vorbereitet. Aber wir hatten Träume, Hoffnungen und waghalsige Ideen. Genug für ein ganzes Leben. Das gab Kraft, Zuversicht und Lust auf ein Leben voller Ziele.

Eigentlich.

Aber wo sind wir heute? Irgendwie sind wir heute jenseits aller Träume von damals angekommen. Nicht dass sich alle Träume erfüllt hätten. Schlimmer: Wir haben mehr erreicht und mehr bekommen als wir zu träumen je hätten wagen können. Wir können überall alle Musik der Welt hören, Spotify macht’s möglich. Wir haben ein Wissensarchiv jederzeit gratis zur Hand – über Google, Wikipedia & Konsorten. Wir bauen Gebäude, die undenkbar waren. Wir reisen an Orte, deren Existenz in Erdkunde nie auch nur erwähnt wurde. Wir können mit Milliarden von Menschen problemlos kommunizieren. Wir verstehen unseren Körper und unseren Kosmos wie nie zuvor. Die Medizin erspart uns Krankheit, Schmerzen und Tod in unerahntem Ausmaß. Und wir haben so wenig Kriegstote und Morde wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Auch wenn uns unsere Medienwirklichkeit das Gegenteil zu vermitteln scheint. – Und diese Liste ließe sich beliebig erweitern. (Stoff dafür liefert beispielsweise Matt Ridley in seinem Buch „The Rational Optimist“ – HarperCollins, das leider in der deutschen Fassung den dämlichen Titel trägt: „Wenn Ideen Sex haben“ – DVA.)

Leben in der Hypertopie

Ein komisches Gefühl. Sozusagen die Schallmauer der Träume durchbrochen zu haben und jenseits aller Traum-Realitäten angekommen zu sein. Das irritiert. Das macht seltsam ziellos. Ja, es gibt nicht mal einen Begriff für so etwas. Wir leben nicht in einer Utopie, weil sie existiert. Ob die Wirklichkeit dystopisch empfunden wird, hängt von der psychischen Stabilität und mentalen Grundeinstellung des Einzelnen ab. Irgendwie sind wir in einer Hypertopie, einer Wirklichkeit vielerorts jenseits aller unserer Träume und Erwartungen. Auf alle Fälle was den technischen und kommunikativen Aspekt unseres Lebens betrifft.

Und wie geht es jetzt weiter? Sind uns jetzt die Träume ausgegangen? Aktuelle Untersuchungen bei Jugendlichen schüren diesen Verdacht. Noch keine Generation zuvor hatte so wenig Erwartungen an die Zukunft. Und wenn man sich mit dieser Generation auseinandersetzt und mit ihr intensiv spricht, ist wirklich ein frappierender Pragmatismus und Realitätssinn festzustellen. Wenig Flausen, bescheidene, machbare Träume. Irgendwie verständlich. Lieber nahe liegende Ziele setzen. Denn um selbst bei großen Zukunftsvisionen nicht von der sich unbeirrt beschleunigenden Wirklichkeit allzu schnell überholt zu werden, empfehlen sich lieber Ziele auf Zeit.

Ich habe mir von Piloten versichern lassen, nachdem man die Schallmauer durchbrochen hat, geht es mit dem Fliegen ganz normal weiter. Nur eben sehr viel schneller.