Schluss mit Evolution


Die Plattform des Neuen

David Weinberger, Internetanalyst und Harvard-Professor („Everything is Miscellaneous“), behauptet bei der Promotion seines neuen Buches „Too Big To Know“, wir hätten heute mit dem Internet ein Medium, das so umfassend wie unsere Neugier ist. Korrigiert um den Irrtum, dass das Internet kein Medium ist, stimmt der Satz so: „Wir haben endlich eine Plattform, die so unendlich ist wie unser Bedürfnis nach Neuem.“ Und Weinberger weiter: „Wir brauchen die Neugier mehr als alles andere, wenn wir unsere Welt verstehen wollen.“ Genauer gesagt: Wir brauchen sie, um uns weiter entwickeln zu können, um weiter zu kommen, wenn wir die Welt dabei auch besser zu verstehen lernen, dann ist das ein willkommener Kollateraleffekt. Denn das Olli Kahn-Paradigma ist tatsächlich unsere Bestimmung: Immer weiter – immer weiter!

Wir sind eine von der Evolution erzeugte und geprägte Spezies, die auf dieser Welt als Erste Sprache, Reflexion und Schrift entwickelt hat und schließlich sogar verstanden zu haben glaubt, dass es so etwas wie eine Evolution gibt. Wir sind eine Spezies, die sogar locker das Paradox aushält, Wesen wie die Kreationisten zu entwickeln, die die Evolution leugnen. Und sogar diese treiben damit die Evolution weiter voran.

Die Evolution ist blind

Denn die Evolution, zumindest soweit wir sie als Menschen verstehen, wird durch jeden Prozess, in dem nach Neuem gesucht wird, nach Erkenntnis, nach Wissen, weitergebracht. Egal ob dadurch etwas Neues entdeckt wird, ob dadurch nur neue Fragen entstehen oder zumindest ein Denkansatz wirderlegt wird, alles zahlt auf die Evolution ein. Unweigerlich.

Brian Cox, der junge und charismatische Astrophysiker, stellt diesen Effekt in seinem Vortrag 2010 auf der TED-Konferenz in London „Why we need the explorers“ exemplarisch dar. Selbst die abgefahrenste Grundlagenforschung kann letztendlich einen großen Erkenntnisgewinn bringen. Oft nicht direkt, oft nicht gleich, aber vielleicht in der Vernetzung mit anderen – möglicherweise später gewonnenen Erkenntnissen anderer. Die Apollo-Mission der USA etwa, so Cox, hat im Nachhinein etwa das Vierfache an Ertrag gebracht, was an Investment hineingesteckt worden war.

Die Evolution und das Internet

Aber der Wille nach neuen Erkenntnissen, der Drang nach Wissen, darf nicht nur nach monetären Gesichtspunkten bewertet werden. Jeder Versuch zu verstehen, wer wir sind, was wir sind – und was noch alles aus uns werden kann, ist essentiell. Und um so besser, wenn unsere Neugier heute verstanden hat, dass sie sich auch dringend darum kümmern muss, dass die Lebenssituation von uns Menschen bewahrt bleibt. Das muss nun gar nicht durch eine Verzichtshaltung passieren, viele pessimistische ökologische Prognosen sind längst durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Erfindungen und eine radikal technologisch optimierte Nutzung von Ressourcen obsolet geworden. Die Neugier ist eben zum einen das Problem – und zugleich auch die Lösung. Sie generiert Probleme – aber auch mögliche Lösungen – aber das in einem ewigen, endlosen Prozess: Immer weiter, immer weiter!

Das deutsche Missverständnis

Nun leben wir aber in einem Land, einer Sprachregion, in der die Fähigkeit, Interesse an Unbekanntem zu entwickeln und Neues wissen zu wollen, als „Neugier“ verunglimpft wird. Als Gier! Das gilt – im katholischen Kontext zumindest – immerhin als Todsünde. – In den anderen westlichen Weltsprachen beruft man sich in diesem Zusammenhang lieber auf den lateinischen Ursprung „curiositas“ des Begriffs: „curiosity/curiousness“ (engl.) – „curiosité“ (franz.) – „curiosità“ (ital.) – „curiosidad“ (span.). Das lateinische „curiosus“ – von „cura“ Sorge, Sorgfalt, umfasst eine Menge positiver Bedeutungen bis hin zum Wissensdrang: „voll Sorge, voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren für, wissbegierig, vorwitzig“ – und dann erst auch „neugierig“. Bei uns ist das Wort „kurios“ in die Nähe der Freak Show gedrängt. Es sagt einiges über ein Land aus, dass es die Lust auf Neues so sprachlich diffamiert.

Die eingangs ausführlich formulierte Prämisse ernst nehmend, ist nichts schlimmer, als sich dem „Immer weiter, immer weiter!“ verweigern zu wollen und ein erbittertes: „Es bleibt so, wie es ist!“ entgegen zu setzen. Abgesehen davon, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, uns von der Evolution abzukoppeln, der Versuch dazu ist besonders töricht. Der Versuch, sich von der Evolution abzukoppeln, ist immer eine Bankrotterklärung der eigenen Verantwortung gegenüber der Welt. Es ist die völlige unnötige Kapitulation davor, die Welt mitgestalten zu wollen. Es ist die Verweigerung, die Welt wenigstens ein bisschen nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen gestalten zu wollen. Vielleicht ja schlicht, weil man nicht weiß, wie man es denn gerne hätte – oder nicht einmal darüber nachdenken will.

Zu dröge zum Wünschen

Neugier meint nun wirklich nicht nur die Sucht nach neuen Konsumgütern, nach neuen Moden, neuen Gadgets oder Apps. Sie beschreibt vor allem auch die Bereitschaft darüber nachzudenken, wie denn eine bessere Welt aussehen könnte, was denn am Bestehenden dringend verändert gehört. Dazu muss man jenseits aller Stammtischparolen mal ins Innere horchen, dem kleinen Unbehagen nachzuforschen – und über die Ursachen dazu nachdenken. Das sind alles Dinge, für die man natürlich im Alltags-Stress keine Zeit hat, wozu der geschäftige Alltag keine Muße lässt. Aber vielleicht ist der Stress, sind die vielen Themen-Hysterien und das allgegenwärtige Lamento darüber auch eine hoch willkommene Ablenkung, nicht über die wirklich ernsten Dinge nachzudenken.

Die ganz hohe Schule der Neugier ist es, kreativ in sich hineinzuhorchen und „Träume“ zu entwickeln, was man denn wirklich wünschen würde, was das Leben wirklich besser machen könnte und vor allen Dingen, welche gesellschaftsverträglichen Freiheiten uns die neuen technischen Möglichkeiten unserer Zeit geben könnten. Es tut immer wieder weh, hirnrissige Szenarien von denkenden Kühlschränken, die unsere Einkäufe autonom organisieren, aushalten zu müssen. So etwas will kein Mensch, das will bestenfalls eine abverkaufsüchtige Industrie. Es sind aber so viele andere, sinnvolle, bisher nicht erdachte, bisher nicht erträumte Dinge möglich. Denen hinterher zu spüren, das ist die vornehmste Aufgabe der Neugier. Oder besser, der „curiositas“, die eben die positive Seite des Neuerungs- und Wissensdrangs beschreibt: „voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren …“