Das böse, böse, böse Internet


Kritik am Internet – unter allem Niveau

Das hat das Internet nicht verdient. Wirklich nicht. Es hat einfach miserable Kritiker. Und sie werden immer schlechter. Aber das niedrige Niveau der Kritik am Internet hilft beiden interessierten Seiten. Den Digitalphobikern, weil sie es sich weiter in ihrer Modernitäts-Allergie und Technologie-Angst gemütlich machen können. Und es kommt zugleich den Internet-Technologen und -Magnaten zupass, weil sie dank solch zahnloser, nur Vorurteile wiederkäuende Kritik völlig ungestört weitermachen können und so gut wie nie kompetent (!) hinterfragt werden. Eine reverse Win-Win-Situation…

Andrew Keen
Andrew Keen

Zu Beginn des Internets, in den 90er-Jahren, war in den deutschen Medien immerhin noch ein Joseph Weizenbaum der bevorzugte Kritiker des Internet. Sein eigentlicher Gegner waren der Computer an sich und die künstliche Intelligenz. Und hier waren seine warnenden Worte nicht so falsch. Aber da Internet-Kritik höher nachgefragt war, bediente Weizenbaum auch diesen Markt. Er nannte also das Internet einen „Schrotthaufen“ mit nur 10 Prozent „Perlen und Goldgruben“. Den Term „Schrotthaufen“ hörte die non-digitale Intelligenzia hierzulande nur allzu gerne. Dass 10 Prozent Perlen bei der Unmenge der Inhalte im Netz ein ungeheurer Fundus ist, wurde geflissentlich übersehen.

Vom Paulus zum Saulus

Den nächsten Heroen der Internet-Kritik gab dann Jaron Lanier. Er wurde umso mehr geliebt, weil er einst Internet-Wunderkind war und erst zum Kritiker mutierte. Aussagen von ihm wie: „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“, gehen hierzulande runter wie geschmolzene Platinen. Was dabei aber übersehen wird, ist die Tatsache, dass Lanier nicht das Internet an sich kritisiert, sondern speziell seine derzeitige (hyper-)kapitalistische Ausgestaltung.

Fachlich waren bzw. sind Weizenbaum und Lanier unbestritten. In ihren Thesen waren sie nie um Deftigkeit und Knalligkeit verlegen, aber all ihre Kritik hatte noch irgendwie Hand und Fuß. Es war eher die Rezeption, speziell in Deutschland, die ihre Kritik problematisch machte. Ihre Argumente wurden stets auf Plattitüden verkürzt, wo sie doch eher als Anstöße für eine fruchtbare Diskussion geeignet waren. Vor allem aber hatten beide intellektuellen Esprit.

Wer verkauft Daten

Die kann man Andrew Keen keineswegs attestieren. Der füllt zur Zeit die kurzzeitig vakante Position des Internet-Bashers in Deutschland aus. Seine Kompetenz ist der Start eines obskuren, längst gescheiterten Internet-Start up. Seitdem lebt er von seinen Büchern, die er eifrig auf Vortragstourneen zu vermarkten weiß. Zuerst nahm er in „The Cult of the amateur“ („Die Stunde der Stümper“) Wikipedia aufs Korn, jetzt ist es in „The Internet is not the answer“ das Internet selbst, speziell aber Social Media, an dem er sich abarbeitet. Mit arg unzulänglichen Mitteln. Wie billig und auch falsch seine Kritik ist, zeigt ein Interview mit ihm in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Februar 2015. (Natürlich nicht online.)

1. Zitat Keen: „Firmen wie Google und Facebook verkaufen unsere Daten im Netz.“ – Das stimmt doch so nicht. Es gibt genug Firmen, die Daten verkaufen. Adresshändler, Datenaggregatoren und natürlich auch alle unsere Medienhäuser. Und die verkaufen Daten seit ewigen Zeiten und auch schon vor der Internet-Zeit: Etwa frei zugängliche statistische und persönliche Informationen, Kreditkartendaten etc. Richtig ist, dass Google, Facebook – und auch Apple – mit Daten Geld verdienen. Aber nicht indem sie Daten verkaufen, sondern personalisierte Werbung in Auktionen zu Geld machen. Das kann man in Frage stellen. Aber wer behauptet: Google & Co. verkaufen Daten, macht es sich zu leicht, bedient tumbe Ressentiments – und verdummt seine Leser.

Der Job-Vernichter Internet

2. Zitat Keen: „Das Internet zerstört alte Berufe, ohne dass es neue schafft. Die Internetökonomie zerstört nur.“ Das stimmt so nicht. Das Internet schafft unglaublich viele neue Einkommensmöglichkeiten, auch viele neue Berufe. Vor allem verwechselt Andrew Keen die Digitalwirtschaft mit der Internetökonomie. Das zeigt sein gern genutztes Beispiel des Filmherstellers Kodak, bei dem 134.000 Arbeitsplätze verloren gingen. Daran war nicht Instagram schuld, wie er behauptet, sondern die Digitalisierung der Fotografie. Warum behauptet Keen solchen Unfug? Instagram hilft nur, die sowieso digital geschossenen Fotos netzwerktauglich zu verbreiten.

3. Oder Keen über Twitter: „Dieser permanente Schwall an 140-Zeichen-Nachrichten, voll von selbstreferenziellem Narzissmus. Jeder spricht dort immerzu mit sich selbst.“ Dieser Vorwurf würde bei vielen Facebook-Accounts sicher stimmen, aber nicht bei Twitter. Genau deswegen hat Twitter auch nicht ansatzweise dieselbe Verbreitung wie Facebook. Twitter ist ein hervorragendes Micro-Distributions-Tool, ideal für Recherche, ideal für inhaltlich wertvolle Updates. Und jeder kann sich ganz leicht gegen Dampfplauderer wehren: einfach entfolgen. – Hat Keen Twitter nicht verstanden, oder warum behauptet er solchen Unsinn?

Blanke Banalitäten 

4. Zitat Keen: „Demokratie und Internet sind ein Widerspruch in sich. Man sagt ja immer, das Netz gäbe auch Milieus eine Stimme, die vorher keine hatten. Das ist ein sehr herablassender Gedanke. Die Menschen in Demokratien hatten immer eine Stimme.“ – Fragt sich, wie Keen zu so etwas kommt? Einzelne Stimmen wurden vor dem Internet wirklich nicht gehört. Und es wurde die Stimme auch gar nicht erst erhoben, weil man Ohnmacht spürte. Man ahnte ja nicht, wie viele Menschen etwa ähnlich dachten und fühlten. Heute ist das dank des Internets möglich. Dass das auch unsinnigen und politisch unliebsamen Protest möglich macht, ist die Kehrseite einer aber generell sehr ehrenwerten Medaille.

Aber so etwas passt natürlich nicht in das sehr einfach gezimmerte digitale Weltbild eines Andrew Keen. Schade drum. Durch seinen Hang zu simplen Ressentiments nimmt er vielen Themen, die es verdienten diskutiert zu werden, jede Chance. Keen geht es nicht darum, das Internet besser zu machen, sondern nur darum, seine Bücher zu verkaufen. Das ist legitim. Aber noch lang kein Grund, ihm zuhören zu müssen. Es ist faszinierend zu beobachten, dass die etablierten Medien es dennoch so gerne tun.

Tim O’Reilly, Internet- und Social 2.0-Vordenker – und Kongress-Veranstalter, hat das Phänomen Andrew Keens gut auf den Punkt gebracht: „Nach meiner Einschätzung geht es ihm einfach nur darum, einen Dreh zu finden, irgendeine Kontroverse loszutreten, um dazu ein Buch zu verkaufen. Seiner Kritik geht stets jede Substanz ab.“

Digitale Assimilanten


Die andere Gnade der späten Geburt

Ich habe mich einst eine zeitlang geärgert, knapp zu spät geboren worden zu sein, um zu den  68-ern zu gehören. Nix war’s mit „Summer of Love“ und so. Im Hippiesommer ’68 war ich gerade mal 14 Jahre alt und trug brav jede Woche die Katholische Kirchenzeitung im Münchner Osten aus. Als Woodstock stattfand, war ich 15 und Komparse in „Herzblatt“, einem Pennäler-Film mit Mascha Gonska und Georg Thomalla. Da Mascha in dem Film mit blankem Busen zu sehen war, war der Streifen erst ab 16 Jahren freigegeben – ich habe ihn deshalb nie selbst zu sehen bekommen. So war das mit dem Jugendschutz damals.

Später habe ich die Tatsache, etwas „zu spät“ für große Zeitenwenden gekommen zu sein, nicht mehr bereut. Im Gegenteil. Sie schuf die Möglichkeit, kritischen Abstand zu den schlimmsten Auswüchsen des Zeitgeistes zu bewahren. Als etwa in der Schülermitverwaltung am Gymnasium ausgerechnet der bei weitem fetteste und hässlichste Mitschüler (vier Jahre älter) mit viel Verve ein Sex-Zimmer in der Schule forderte – in einem reinen Knabengymnasium wohlgemerkt – fand ich das sehr, sehr strange. Immerhin haben wir damals die Einrichtung eines Raucherzimmers durchgesetzt. (Für solche „Freiheiten“ wurde damals gekämpft!) Oder wenn sich Konstantin Wecker (fünf Jahre älter) mit seinen Freunden im Musiksaal austobte, dann klang das toll, aber irgendwie altmodisch. Rock klang anders: rauher, weniger poetisch, so wie Cream oder Jimi Hendrix.

Kelly vs. Ditfurth vs. Fischer

Als 1980 die Grünen gegründet wurden waren es wieder die 68er, die  maßgeblich daran beteiligt waren. Ich war ein sympathisierender Beobachter, bis ich eine Versammlung des Ortsvereins der Grünen in München-Haidhausen besuchte. Ich ahnte eigentlich sofort als ich rein kam, dass ich hier falsch war (viele Jahre zu jung und Meilen zu unideologisch). Nach einer Stunde genervten Zuhörens war ich fortan nur mehr interessierter journalistischer Begleiter. Nur mit diesem Abstand konnte ich intensive Interviews mit Petra Kelly, Jutta Ditfurth und Joschka Fischer führen, obwohl sie sich gegenseitig so wenig leiden konnten, dass sie schnell mal sauer waren, wenn ein „Parteifreund“ interviewt wurde.

Ich bin seitdem recht glücklich damit, ein Post-68er zu sein. Biografisch nah genug, um die Idee zu verstehen, weit genug, um sich ideologisch nicht anzustecken. Nah genug, um den Freiheitsdrang zu verstehen, weit genug, um ihn für sich anders und weiter definieren zu können. Außerdem kann man – sozusagen von außen – die Situation besser analysieren und reflektieren – und man kann auch als Mittler zwischen den Generationen oder Ideologien agieren. Das tröstet ganz gut darüber hinweg, scheinbar etwas „verpasst“ zu haben.

Wir glücklichen Prä-Digitalisten

Die Distanz funktioniert biografisch nicht nur altersmäßig rückwärts, sondern auch umgekehrt, sozusagen nach vorne.  So finde ich es nicht schlecht, ein Prä-95er zu sein, ein Prä-Digitalist, ein Mensch, der weit vor dem Internet geboren und sozialisiert worden ist. So analog, literal und bildungsbürgerlich, wie am altehrwürdigen Wilhelmsgymnasium in München (*1559), einem humanistischen Gymnasium, kann man kaum anderswo ausgebildet werden. Hier haben wir nicht nur Latein und Altgriechisch gelernt, sondern sogar altägyptische Hieroglyphen. Bis heute kann ich, wenn ich bildungs-angeberisch gelaunt bin, einfache Sätze und etliche Pharaonen-Namen auf Stelen oder Obelisken etc. entziffern.

Genau diese Literalität über etliche Kulturen hinweg hat es mir vergleichsweise leicht gemacht, mich in immer neue Logiken hinein zu arbeiten, ob das HTML-Code, komplexe Excel-Sheets oder die Logik von Algorithmen waren. Nie vergesse ich während meines Linguistik-Studiums meinen Kampf mit einem Fachbuch eines Finnen, in dem er (auf Englisch!) die Entwicklung von Lautverschiebungen in indogermanischen Sprachen in Relation zum Wachstumsalgorithmus von Farnen interpretierte. Auf Seite 200 oder so war ich sprichwörtlich „mit meinem Latein am Ende“ und wandte mich hilfesuchend an meinen Dozenten. Der schaute mich irritiert an: „So weit sind Sie gekommen? Toll. Ich bin schon bei Seite 100 ausgestiegen.“ Das machte mich nicht stolz – sondern erschütterte nachhaltig meinen Glauben an den Wissenschaftsbetrieb.

Kritische Assimilation

Ich bin also definitiv kein Digital Native. Und das ist gut so. Gerade aus der Distanz kann man – bei richtiger Einstellung Neuem gegenüber – die Entwicklungen in die digitale Welt gleichzeitig euphorisch und kritisch begleiten. Euphorisch, weil man die immensen Vorteile dieses weltumspannenden, interaktiven und unhierarchischen Kommunikations-Tools, dieses – wenn man so will  – Über-Mediums täglich erlebt und genießt (zum Beispiel in und mit diesem Blog). Kritisch, weil man mögliche misslichen Entwicklungen beobachten bzw. absehen kann. Damit meine ich aber nicht das Internet-Bashing und digitale Katastrophen-Management, das so viele meiner Journalistenkollegen pflegen.

Ich finde es absurd, wie in den etablierten Medien das Internet fast reflexhaft als Feind und Übel behandelt wird, von den Menschen, denen man die größte Kompetenz im Umgang mit Medien zubilligen möchte. Ausgerechnet die verweigern in großer Mehrzahl den Umgang mit dem neuen Hypermedium Internet. Zugegeben, man muss hier einiges neu erlernen und sich von manch Liebgewonnenem verabschieden. Wer aber einfach nur motzt, dass das Internet ein einziger Haufen Mist sei (wenn es nicht noch drastischer formuliert ist), der übersieht, dass solch eine Einschätzung in einem Medium, in dem der User selbst sein eigener Programmgestalter ist, gegen einen selbst spricht, wie es Martin Oetting in seinem Vortrag bei Scholz & Friends sehr schön beschrieben hat.

Gerade Menschen mit hoher Medien-Kompetenz könnten so nützlich sein, die neue Welt der digitalen Kommunikation möglichst qualitativ, innovativ und vor allem frei zu gestalten. Denn auch wenn das Internet viele Paradigmen umgestürzt hat, so ist der „Faktor Mensch“ derselbe geblieben. Die User wollen weiterhin professionell gestaltete Inhalte (obwohl sie nun selbst die Definitionshoheit haben, was „gut“ ist). Auch im Internet funktionieren gut erzählte Geschichten am besten, und gerade hier wird Authentizität besonders hoch geschätzt.

So spielen wir Digitalen Assimilanten, die wir aus den analogen Medien kommen und deren Grenzen kennengelernt und/oder erlitten haben, eine interessante Rolle. Wir haben begierig, eifrig und vielleicht auch effizient die neue Welt der digitalen Medien erlernt, viel mit Try & Error. Und wir haben sie intensiv reflektiert. Das mag für Digital Natives manchmal komisch altmodisch, vielleicht auch nervig sein. Hilfreich ist Reflexion allemal. Ein schönes Beispiel dazu ist das gerade veröffentlichte Video von Harald Taglinger, der etliche deutsche Onliner der ersten Stunde in Interviewform porträtiert hat. (Unter anderem auch meine Wenigkeit.)