Freiheit in unfreien Zeiten


Wir sind alle verdächtig!

Die bislang beste Abrechnung mit Angela Merkel ist von Jakob Augstein im Spiegel geschrieben worden. Perfekt in der Analyse und Argumentation. Dem muss man kaum etwas hinzufügen. Aber reicht solch fundamentale Kritik, und wenn sie noch so gut und überzeugend formuliert ist, um weitere vier Jahre Angela Merkel als Kanzlerin samt ihrer inhaltlichen Orientierungslosigkeit zu verhindern? Hat solch eine Argumentation eine Chance, bei den Wählern anzukommen? Ich bezweifle es.

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Soll man sich also einfach in sein Schicksal der Komplettüberwachung ergeben? Schon bald wird es wirklich jeder schaffen, ins Verdachts-Umfeld von Terrorverdächtigen zu geraten. Die NSA checkt mittlerweile bis in die dritte „Generation“ von Freundeskreisen: der Freund eines Freundes eines Freundes eines Verdächtigen. Und sie weitet ihr Netz und ihr Verdachtsmomentum kontinuierlich aus. Inzwischen sind wir in dieser globalen Welt von jedem (jedem!) beliebig anderen Menschen in dieser Welt nur 4,74 Bekanntschaftkontakte entfernt. Und der Grad verringert sich – dank Social Media – kontinuierlich weiter.

Der liebe Gott sieht alles!

Spätestens wenn die NSA den vierten Freundschaftskontakt eines Verdächtigen zusätzlich in sein Überwachungsvisier nimmt, werden wir schon bald allesamt, alle 7,15 Milliarden plus Erdenbürger irgendwie verdächtig sein. Inklusive natürlich all derer, die uns bespitzeln und überwachen. Auch alle verdächtig! – Wie grandios absurd ist das!

Ich habe damit zunächst kein Problem, Verdächtiger zu sein und daher kontinuierlich überwacht zu sein. Das habe ich in meiner klassischen katholischen Erziehung perfekt gelernt und jahrelang aktiv praktiziert. Dank der Erbsünde war ich sowieso Sünder. Und so konnte ich mir stets und überall der Überwachung durch die heiligsten Instanzen sicher sein. „Der liebe Gott sieht alles!“, drohte meine Mutter immer – und eine lange Zeit lang durchaus mit Erfolg.

Kampf um Freiheit

Ich versuche mich daher daran zu erinnern, wie ich mich damals im kontinuierlichen Zustand der Überwachung von oben gefühlt habe. An das schlechte Gewissen, wenn man nur daran gedacht hat, etwas zu tun, was nicht gewollt oder nicht „erlaubt“ war. Natürlich habe ich es dann alles doch getan. Aber an das miese Gefühl, wenn ich etwa unliebsame Zeitschriften gekauft habe (z.B. „TWEN“ mit nackten Hamilton-Mädels) oder in Filme gegangen bin, in denen nackte Haut zu sehen war, erinnere ich mich noch sehr gut. Und das als „wohligen Schauer“, etwas Verbotenes zu tun, zu verklären, würde der Sache nicht gerecht.

Meine Erkenntnis aus dieser Erinnerung an eine göttliche Totalüberwachung ist so unangenehm wie banal: Egal wie nahtlos die Überwachung war und wie sehr sie real erlebbar war (erwischt werden, Beichte etc.), man hat doch, je älter man wurde, getan, was man wollte. Ganz einfach, weil man sich nach Freiheit sehnte. Einem Ideal von Freiheit, die man damals noch gar nicht rational erfassen konnte. Und die Transgressionen waren der einzig gangbare Weg dorthin – damals.

Die Paranoia der Datensammler

Wir werden unser Leben nicht wirklich wegen der Totalüberwachung durch die NSA und all die anderen Geheimdienste, ob Freund oder Feind, ändern. Wir werden uns weiter mit unseren Freunden in Facebook und Twitter und sonstwo vernetzen. Vielleicht gibt es auch schon bald, wenn Facebook nicht aufpasst, ein neues Netzwerk, das mehr Privatsphäre und Datensicherheit verspricht. Hauptsache, wir können uns ein wenig in Sicherheit wiegen, dass die Schnüffelei schwieriger wird.

Die Firmen werden noch paranoider versuchen, ihre Betriebsgeheimnisse zu bewahren. Die IT-Abteilungen werden weiter an Macht gewinnen, und alle Firmen, die (Daten-)Sicherheit und Abschottung verkaufen, werden gute Geschäfte machen. Das Marketing wird dagegen eine Art kommerzielle Datensammel-NSA werden. Alle Fachleute sind sich (relativ) einig, dass Marketing in Zukunft nur mit perfekter Analyse massenhaft gewonnener Daten (Stichwort: Big Data) funktionieren kann. So werden wir dann in Firmen eine kuriose Symbiose von exzessiven Datensammlern und paranoischen Datenbewahrern erleben. Das kann lustig werden.

Wer schließt die Büchse der Pandora?

Wer glaubt eigentlich, dass der Un-Geist der Totalüberwachung wieder in die Flasche wieder zurück gebracht werden kann aus der er entwichen ist? Wer glaubt, dass die Büchse der Pandora wieder zugedreht werden kann? Ein Geheimdienst, der dafür da ist, Daten zu sammeln –  je geheimer, je persönlicher und je aussagekräftiger, desto besser – muss in digitalen Zeiten aus seinem logischen Selbstverständnis heraus so handeln, wie es NSA & Co. jetzt tun. Und je mehr machbar ist, desto mehr müssen sie machen – und sammeln.

Würden sie es nicht tun, würden sie wahrscheinlich von denselben Medien, die sie jetzt kritisieren, an den Pranger gestellt werden: als Versager, Technik-Dilettanten, Digital-Idioten etc. Und die Dienste der verschiedenen Staaten und Systeme stehen dabei noch untereinander in einem unerbittlichen Wettkampf um die meisten Daten, die besten Algorithmen und die größte Computerintelligenz (Primzahlen etc.). Ein Wettkampf, der durch kein Daten-Kyoto-Protokoll je wirksam zu zügeln sein wird. Dazu ist er zu klandestin und unkontrollierbar. Und dann wären da noch die privaten Kombattanten: Cyber-Kriminelle, Daten-Mineure und Hacker-Egomanen, die den Wettbewerb weiter anheizen.

Spürbar Gegenwind produzieren

Wie will man solch manische Datensammler zügeln? Jeder gelungene Terroranschlag ist Wasser auf ihre Mühlen. Vor allem in Gesellschaften, wo jeder Terror-Tote medial so viel Aufmerksamkeit erregt und Urängste weckt. Jeder, der nicht zu unrecht verdächtigt wird, jeder in Frieden gelassene Unschuldige, jeder, der nicht überwacht wird, ist dagegen immer anonym und per se virtuell. Er wäre, gäbe es ihn, nicht nachweisbar. Er existiert in unserer Mediengesellschaft einfach nicht. Eine bittere Erkenntnis.

Wir müssen um unsere Datensouveränität kämpfen, keine Frage. Eine Kapitulation unserer Zivilgesellschaft vor der Zwanghaftigkeit der Überwachungsorgane darf nicht stattfinden. Sie müssen Gegenwind spüren. Vielleicht kann man so wenigstens im Dekokratie-Universum die Budgets der Geheimdienste etwas eindampfen. Die vielleicht einzige wirksame Methode, den Wahnsinn, wenn schon nicht zu stoppen, so wenigstens einzubremsen. Wir müssen zudem erzwingen, dass es Kontrolleure der Datenmacht  gibt, die Algorithmen überprüfen können und die sich eventuell um die Opfer der Datenpolizei kümmern können.

Eine neue Kultur der Freiheit

Aber wenn wir realistisch sind, dann müssen wir parallel dazu eine neue Kultur des Umgangs mit der Komplett- und Allzeit-Überwachung entwickeln. Wenn die Geheimdienste die Macht im Staat übernehmen und wenn sie die Kontrolle über uns, unsere Psyche, unsere Ängste – und unsere Freiheit übernehmen, dann ist das der Worst Case. Schlimmer als es George Orwell oder Franz Kafka sich in ihren schlimmsten Alpträumen ausgemalt haben. Schlimmer als es die Kirche zu ihren schlimmsten Zeiten exerziert hat.

Es ist unsere Freiheit, die wir verteidigen müssen, die wir uns nicht nehmen lassen dürfen. Und sei es, dass wir sie weiter leben, obwohl sie überwacht und bedroht ist. Und wir nutzen weiter Social Media. Schon um so besser aufeinander aufpassen zu können, dass keiner dabei unter die Räder kommt. – Das meine ich mit einer neuen Kultur, einer neuen Freiheitskultur in Zeiten der Komplett- und Totalüberwachung. Die Alternative wäre eine gesamtverdächtige Gesellschaft in Vorbeugehaft, ohne Chance auf Berufung und Haftverschonung. (Ist es ein Zufall, dass uns der Fall Gustl Mollath so nahe geht?)

Träume sind aus


Vergangenheit und Zukunft 

Mich haben als Jugendlicher vor allem zwei Dinge fasziniert.

  1. Die Vergangenheit in Form von Geschichte, Historie. Vor allem die Urgeschichte interessierte mich brennend: Wo kommen wir her? Wie entwickelten sich Kultur? Und wie entstanden die ersten Gesellschaften.
  2. Die Zukunft in der Form von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung: Jules Vernes und seine Nachfolger. Also Science Fiction nicht als Wolkenkuckucksheim à la Perry Rhodan, sondern wie sieht eine Gesellschaft mit ganz anderen technischen Bedingungen und sozialen Bedingungen aus. Also etwa im Sinn von Aldous Huxley, George Orwell oder Stanislaw Lem.

Kurios genug. Während Ende der 60er-Jahre die Gegenwart in Deutschland so selten spannend wie kaum sonst war, interessierte ich mich für die Zeit davor – und danach. Aus heutiger Sicht retour war das aber nicht so widersinnig wie das aussieht. Zum einen war ich zu jung um zur 68er-Generation zu gehören und noch viel zu sehr damit beschäftigt, meine Pubertät irgendwie in die Reihe zu bringen. – Zum anderen gelangte die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit kaum in die behütete, abgeschottete Welt der kleinbürgerlichen Reihenhaussiedlung im Münchner Vorort.

Sehnsucht nach Veränderung

Aber die Sehnsucht nach Veränderung, nach einer anderen als der betulich braven katholischen Welt, die war eben doch irgendwie spürbar, selbst in Berg am Laim im Münchner Osten. Das war zum einen der Pubertät und dem daraus resultierenden Unfrieden mit der Welt geschuldet. Aber vor allem war es der Mehltau der Verdrängung (3. Reich, Nazis), die Bräsigkeit der Wohlstandswelt und die Rigidität des damals herrschenden Werte- und Moralkanons, die nach Veränderung sehnen ließ.

So etabliert und systemkonform meine Schule, das Humanistische Wilhelmsgymnasium damals auch war. Es gab dort etliche Lehrer, die ohne jeden Verdacht, links zu sein, uns auf subtile Art halfen, jenseits der ausgetretenen Wege zu denken – und in denkbare andere Welten abzuschweifen. Unser Lateinlehrer etwa nahm uns, die wir uns damit abmühten, Altgriechisch zu lernen, das Versprechen ab, erst dann nach Griechenland zu reisen, wenn die Junta abgesetzt ist und wieder Demokratie herrscht. – Ich habe mich daran peinlichst gehalten.

Meine Stunde mit Nofretete

Vor allem aber haben wir bei ihm eine neue Sicht auf die Welt vermittelt bekommen, als er ein Jahr aushilfsweise bei uns Geschichte gab. Er fand es langweilig, uns ein weiteres Mal die Geschichte der Antike zu vermitteln. Er interpretierte den Lehrplan sehr eigenwillig, der die Zeit vom Ursprung der Menschheit bis zum Untergang des Römischen Reichs vorsah. Er lehrte uns ausgiebig die Frühgeschichte der Menschheit inklusive Anthropologie. Er lehrte uns ausgiebig die Kultur Mesopotamiens, die Wiege der Menschheit und der indogermanischen, sprich europäischen Kultur und die Kultur und Politik Ägyptens. Die Geschichte des alten Griechenlands feierte er in der vorletzten Stunde ab, die des Römischen Reichs in der letzten Stunde.

Auch hier nahm er uns ein Versprechen ab. Wenn wir in Berlin sind, müssten wir die Büste der Nofretete besuchen – und mindestens eine Stunde vor ihr verharren, um ihre Schönheit zu verstehen (und das in der Pubertät!) und die Geschichte hinter dieser Frau zu erahnen. Auch dieses Versprechen habe ich gehalten. Und es war eine der schönsten und Phantasie angereichertsten Stunden meines Lebens. Am Schluss begann sich Nofretete, also die Büste, gar zu bewegen  und mir zuzuflüstern.

Es gab an dem ehrwürdigen Gymnasium mehrere solcher anarchischen Lehrer. (Keine Sorge, auch genug andere.) Ihnen war es wichtiger, uns mit neuen, anderen Denkweisen zu irritieren, anstatt uns geistig stromlinienförmig  in die Welt zu schicken. So lasen wir im Englischunterricht nicht nur das obligatorische „Lord of the Flies“ von William Golding, sondern eben auch „1984“ von George Orwell und uns wurde auch „Brave New World“ von Aldous Huxley ans Herz gelegt. In Geschichte sahen wir dazu die Comic-Verfilmung von „Farm der Tiere“. Und im Religionsunterricht wurde das mit einer profunden Ausbildung in Philosophie und einer ideologiefreien Einführung in alle wichtigen Weltreligionen (auch den asiatischen) abgerundet.

Machbarkeit der Machbarkeit

Wir ahnten damals kaum, welches Glück wir so hatten. Wie viele Gedankenwelten uns nebenbei geöffnet wurden, während wir uns mit dem Pflichtstoff quälten, mit Grammatik, Formeln, Lernstoff, mit Schulaufgaben, Exen und Referaten. Wir wurden nicht zur Machbarheit der Machbarkeit getrimmt. Sondern wir durften Flausen haben, Phantasie und wirre Ideen. Das wurde subtil gefördert. Es wurden Ideale, Modelle, Utopien – und drohende Dystopien skizziert – und es wurde massiv Neugier geweckt. Auf das konkrete (Berufs-)Leben wurden wir so gut wie gar nicht vorbereitet. Aber wir hatten Träume, Hoffnungen und waghalsige Ideen. Genug für ein ganzes Leben. Das gab Kraft, Zuversicht und Lust auf ein Leben voller Ziele.

Eigentlich.

Aber wo sind wir heute? Irgendwie sind wir heute jenseits aller Träume von damals angekommen. Nicht dass sich alle Träume erfüllt hätten. Schlimmer: Wir haben mehr erreicht und mehr bekommen als wir zu träumen je hätten wagen können. Wir können überall alle Musik der Welt hören, Spotify macht’s möglich. Wir haben ein Wissensarchiv jederzeit gratis zur Hand – über Google, Wikipedia & Konsorten. Wir bauen Gebäude, die undenkbar waren. Wir reisen an Orte, deren Existenz in Erdkunde nie auch nur erwähnt wurde. Wir können mit Milliarden von Menschen problemlos kommunizieren. Wir verstehen unseren Körper und unseren Kosmos wie nie zuvor. Die Medizin erspart uns Krankheit, Schmerzen und Tod in unerahntem Ausmaß. Und wir haben so wenig Kriegstote und Morde wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Auch wenn uns unsere Medienwirklichkeit das Gegenteil zu vermitteln scheint. – Und diese Liste ließe sich beliebig erweitern. (Stoff dafür liefert beispielsweise Matt Ridley in seinem Buch „The Rational Optimist“ – HarperCollins, das leider in der deutschen Fassung den dämlichen Titel trägt: „Wenn Ideen Sex haben“ – DVA.)

Leben in der Hypertopie

Ein komisches Gefühl. Sozusagen die Schallmauer der Träume durchbrochen zu haben und jenseits aller Traum-Realitäten angekommen zu sein. Das irritiert. Das macht seltsam ziellos. Ja, es gibt nicht mal einen Begriff für so etwas. Wir leben nicht in einer Utopie, weil sie existiert. Ob die Wirklichkeit dystopisch empfunden wird, hängt von der psychischen Stabilität und mentalen Grundeinstellung des Einzelnen ab. Irgendwie sind wir in einer Hypertopie, einer Wirklichkeit vielerorts jenseits aller unserer Träume und Erwartungen. Auf alle Fälle was den technischen und kommunikativen Aspekt unseres Lebens betrifft.

Und wie geht es jetzt weiter? Sind uns jetzt die Träume ausgegangen? Aktuelle Untersuchungen bei Jugendlichen schüren diesen Verdacht. Noch keine Generation zuvor hatte so wenig Erwartungen an die Zukunft. Und wenn man sich mit dieser Generation auseinandersetzt und mit ihr intensiv spricht, ist wirklich ein frappierender Pragmatismus und Realitätssinn festzustellen. Wenig Flausen, bescheidene, machbare Träume. Irgendwie verständlich. Lieber nahe liegende Ziele setzen. Denn um selbst bei großen Zukunftsvisionen nicht von der sich unbeirrt beschleunigenden Wirklichkeit allzu schnell überholt zu werden, empfehlen sich lieber Ziele auf Zeit.

Ich habe mir von Piloten versichern lassen, nachdem man die Schallmauer durchbrochen hat, geht es mit dem Fliegen ganz normal weiter. Nur eben sehr viel schneller.