Freiheit & Raum


Stets auf der Suche nach Freiräumen

Wenn man meiner beruflichen Karriere irgendeine Logik geben will, dann am ehesten die, dass ich immer Freiräume gesucht habe. Das ging in der Uni los, Meine Mutter war eine der seltenen Male sprachlos, als ich statt brav auf Lehramt zu studieren mich in Theater- und Kommunikationswissenschaften (plus Germanistik) eingeschrieben hatte. Texte schreiben und inszenieren war eine traumhafte Spielwiese – und dabei konnte man gut austesten, wieweit die Toleranz der Institutsverantwortlichen bei provokativen Inszenierungen ging. Und mit Rezeptionsforschung (samt Computerauswertung mit Lochkarten!) konnte ich die Wirkungsweise solcher Arbeit gut abzuschätzen lernen.

opengateDer nächste logische Schritt war es, Theater- und später auch Filmkritiken zu schreiben – und erste Reportagen im Kulturumfeld. Auch hier viel Freiraum. Den konnte ich dann extrem erweitern, als ich die Münchner Stadtzeitung mit Arno Hess gründete und redaktionell leitete. Hier gab es wirklich keine thematische Begrenzung. Wir nutzten das ausgiebig, um die Grenzen unseres Könnens und mit unseren investigativen Recherchen die Grenzen der rechtlichen Möglichkeiten auszuloten. (Siehe hierzu auch: Humor & Justitia.)

Verrückte Ideen Wirklichkeit werden lassen

Der nächste Schritt, neue Freiräume im Journalismus auszuleben war mein Wechsel zum WIENER. Als Chefreporter und später als stellvertretender Chefredakteur durfte ich lernen, wie mühsam und zugleich höchst befriedigend es sein kann, verrückte Ideen zu spinnen und sie dann doch in funktionierende Geschichten umzusetzen. Und die publizistische Wirkung von investigativen Geschichten wie etwa über das AIDS-KZ oder Alois Müller (Müller Milch) war ungleich höher – und brisanter.

Next Stop Trendforschung. Bei Scholz & Friends war ich im weiten Feld der sich stetig verändernden Szenen, technologischen und soziologischen Entwicklungen und der unendlichen Kreativität von Konsumenten-Bedürfnissen und -Ideen unterwegs. Eine der interessantesten neuen Entwicklungen, die die Firmen damals noch kaum wahr-, geschweige denn ernst nehmen wollten war das Internet. Meine Schilderungen über die unendlichen neuen Möglichkeiten, die hier entstehen könnten, wurden bestenfalls belächelt.  (Ausnahme: „West“ von Reemtsma.)

Aufbruch in The New Frontier

Na dann eben lieber selbst mitten hinein ins reale Geschehen, statt nur beratend am Rande zu stehen. Auf ins Internet, in The New Frontier, wie das Internet damals charakterisiert wurde: die neuen Gebiete, in die die Siedler Amerikas einst zogen, in die „the frontier of unknown opportunities and perils, the frontier of unfilled hopes and unfilled dreams“, wie es John F. Kennedy in seiner Inaugurationsrede als Präsident beschrieb: „Beyond that frontier are uncharted areas of science and space, unsolved problems of peace and war, unconquered problems of ignorance and prejudice, unanswered questions of poverty and surplus.“ Neue Freiräume, jetzt im neuen, weiten, leeren digitalen Raum.

Zuerst Europe Online, dann später MSN (Microsoft Network), dann eine eigene Firma und nun Beratungstätigkeit, zur großen Freude immer zusammen mit etlichen Mitentdeckern der neuen Freiräume – oder wenigstens in stetem Kontakt (etwa per Facebook). Es war anfangs sehr anstrengend, diese neuen Möglichkeiten real werden zu lassen. Aber immer hat es Spaß gemacht, sehr viel Spaß, immer neue Optionen zu entdecken und zu nutzen und zu verstehen. Immer ging es weiter in immer neue zu entdeckende (Frei-)Räume.

Das Beharrungsvermögen des großen Geldes

Sie waren nicht zuletzt deshalb frei, weil die großen Unfrei-Macher entweder diese digitale Welt nicht verstanden, sie unterschätzten und nicht für voll nahmen oder nicht mit ihnen umgehen konnten – und wollten: die (politischen) Institutionen und die Wirtschafts-Giganten. Gerade das große Geld wollte sich zunächst nicht auf das Internet einlassen, weil zu viele Risiken zu drohen schienen – und weil die bewährten Businessmodelle gut, allzu gut funktionierten. Das schuf die wirtschaftlichen Freiräume, die Google, Amazon oder Facebook so unendlich groß werden ließen.

Wir wundern uns, wie unsere Freiräume im Internet kontinuierlich – und ziemlich rabiat – immer mehr genommen werden. Kein Wunder. Ex-Google-Chef Eric Schmidt hatte das schon vor fünf Jahren kommen sehen. Er warnte damals in Aspen vor dem Beharrungsvermögen des großen Geldes und der politischen Institutionen, die kontinuierlich die Freiräume des Internets beschneiden wollen. Das tun sie seitdem in immer intensiverem Maß. Das große Geld, weil die überkommenen Businessmodelle immer schlechter funktionieren und die wirtschaftlichen Optionen des Internets immer deutlicher sichtbar sind (siehe Google, Amazon, Facebook & Co.).

Gemeinsame Interessen der Wirtschaft und der Politik

Das große Geld scheut das Risiko. Deshalb ist es so lange dem Internet fern geblieben. Nun sind die Risiken kleiner geworden – oder haben sich als kleiner als gedacht herausgestellt. Also gehen die großen Wirtschaftskräfte jetzt ins Internet. Das aber zu ihren Bedingungen: das Risiko soll noch kleiner werden, die Rendite dafür um so größer. Das heißt automatisch, dass die Freiräume kleiner werden. Denn Freiräume bedeuten in diesem tristen Spiel nur unliebsame Risiken und gebremste Renditen.

Die Interessen des großen Geldes korrelieren dabei optimal mit den Interessen der großen Institutionen, speziell der Politik. Die Macht der Politik droht durch die Beschleunigung und der Partizipation, die das Internet brachte, zu bröseln. Und die Risiken, die dabei entstanden, waren der Politik sowieso stets suspekt. Politik scheut Risiken, sie scheut und hasst sie. Politik ist schließlich im besten Fall dazu da, Interessen auszugleichen. Im nicht so optimalen Fall ist sie dazu da, Spezial-Interessen (der Wirtschaft, anderer Institutionen etc.) durchzusetzen. Also auch hier das essentielle Interesse, Freiräume zu beschneiden. Notfalls auch unter dem Deckmäntelchen, Freiräume beschützen zu wollen oder Arbeitsplätze oder alte, lieb gewonnene Rituale.

Wir Freiraum-Bewahrer

Was also tun? Wie können wir diese Freiräume bewahren? Durch Regulationen, durch Limitationen und Vereinbarungen mit Politik & Konsorten? Uups, das stößt sauer auf. Der alternative politische Widerstand ist mit dem Scheitern der Piraten an ihrem störrisch Nicht-Politisch-sein-Wollen und der charakterlichen Beschränktheit vieler ihrer Protagonisten krachend gescheitert. Bisher jedenfalls. Also Rückzug ins Private und dessen Surrogat an Pseudo-Freiräumen? – Disclosure in eigener Sache: Ich schreibe diesen Blogpost während der Olivenernte im schönsten Italien. Aber daher weiß ich: das ist definitiv keine Lösung.

Also Aufbruch zur Suche nach neuen Freiräumen jenseits der heute bekannten? Sollen wir alle programmieren lernen, um Freiräume in der Welt der Algorithmen zu schaffen? Oder gibt es Freiräume in anderen Bereichen, die wir gar nicht recht erahnen können? In den Wissenschaften? Oder in anderen Teilen der Welt? In China? Was ich davon höre, ist es dort einerseits schlimmer als bei uns, aber mit immer wieder überraschenden Optionen. In einem neuen Wirtschafts- und/oder Politiksystem? Angesichts der sichtlichen Erschöpfung jedes Faszinosums des kapitalistischen Systems und seiner politischen Ableger vielleicht gar keine so schlechte Idee. Oder in einer Welt ohne existenzielle Angst – mit Grundrente und sozialer Absicherung und neuen, endlosen kreativen Möglichkeiten?

Eines ist sicher: Ich bin weiter auf der Suche nach Freiräumen für mich, für meine Welt – und die Welt an sich… Wenn ich was gelernt habe aus meiner Biografie: Freiräume sind dazu da, ausgelebt zu werden und dabei an die Grenzen zu gehen.

Generation Low Cost


Nachwuchsförderung der besonderen Art

Der  Warnungen gibt es massenhaft: Das Zeitungssterben kommt. Die Verleger selbst haben in den letzten Jahren Berater über Berater engagiert, die ihnen dieses Menetekel in allen Variationen und in plastisch grauesten Farben ausgemalt haben. Aber unbeirrt davon fahren die Verleger fort, vor allem das Zeitungsbusiness gegen die Wand zu fahren, weil sie unwillens und möglicherweise unfähig sind, ihr Geschäftsmodell den heutigen Gegebenheiten, also vor allem den digitalen Medien samt Social Media anzupassen.

Der Effekt ist frappierend. Statt innezuhalten und kreative Lösungen zu entwickeln oder gar in neue Geschäftsmodelle zu investieren, justieren sie ihre Fahrtrichtung akkurat nach, dass sie auch ganz sicher die Wand frontal erwischen – und sie geben sogar noch weiter Gas. Wie anders soll man sich die Idee erklären, dass in den jetzt mit den Journalistenverbänden und -gewerkschaften verhandelten neuen Tarifverträgen vor allem Jungredakteure finanziell deutlich schlechter gestellt werden sollen als bisher üblich.

Frischer Wind unerwünscht

Ein junger Journalist braucht heute schon viel Idealismus und Enthusiasmus, um sich für den Printjournalismus zu entscheiden. Sie wissen, dass das Businessmodell der Zeitungen und General Interest-Magazine allenfalls noch zehn Jahre halbwegs halten mag und in dieser Zeit Sparmaßnahmen in immer kürzeren Zyklen zu erwarten sind. Man muss schon sehr schreibtalentiert und printverliebt sein, um heute noch unbedingt im Printjournalismus reüssieren zu wollen.

Junge Printjournalisten erinnern in ihrer Persistenz (oder Renitenz, oder Naivität) an junge Menschen, die heute unbedingt Kernkraft-Ingenieure werden wollen. Die aber werden wenigstens gut bezahlt, weil die Betreiber wissen, wie wichtig es ist, nicht nur auf die Expertise – aber auch Eingefahrenheit – der Altgedienten angewiesen zu sein. Frischer Input ist essentiell. Anders die Verleger, die wollen gerade jungen Menschen den Job durch mickrige Bezahlung noch unattraktiver machen.

Das Beispiel der Stadtzeitungen

Wie wichtig die Erneuerung eingefahrener journalistischer Routinen ist, haben wir Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre gezeigt, als die Stadtzeitungen einer ganzen Generation von jungen Blattmachern, meistens Autodidakten, die Chance gab, ihre Schreibe und ihr journalistisches Verständnis zu entwickeln – und für die Branche neu zu definieren. Nach anfänglicher Ignoranz durch  die etablierte Journaille entstand dann hartes Konkurrenzverhalten, als unsere Stadtzeitungen im Verkauf und vor allem in der Anzeigenakquise wachsenden Erfolg hatten – weil wir neue, junge Zielgruppen erreichten.

Am Ende aber wurden mit der Übernahme von uns zu Journalisten gereiften Autodidakten und der stadtzeitungsgestählten Journalistenschüler in die Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften (WIENER, Tempo & Co.) nicht nur unsere Leistungen anerkannt, sondern auch unser lebendigerer und authentischerer Stil, unser mutigerer und oft auch subjektiverer Recherche- und Schreibstil. (Siehe auch Humor & Justitia!) Das fand schließlich auch Eingang  in etablierten Medien – und erfrischte und runderneuerte diese.

Freiräume schaffen neue Ideen

Heute sind ehemalige Mitarbeiter der Redaktion der Münchner Stadtzeitung Feuilletonchefs, Ressortleiter, Büroleiter, Reporter, Kommentatoren, Kritiker, Radiojournalisten – oder sie besitzen erfolgreiche Verlage und Redaktionsbüros – oder sie sind renommierte Filmproduzenten und Talkshowhosts u.v.a. Die Kollegen aus anderen Stadtzeitungen sind und waren Chefredakteure, Trendforscher, TV-Produzenten etc.

Damals gab es für uns in den Stadtzeitungen große Freiräume, in denen wir uns als Autoren, als Reporter, als Blattmacher, als Fotografen und Blattdesigner, als Karikaturisten und Grafiker, als Vermarkter und sogar als Veranstalter ausprobieren konnten. Wir machten damals nicht alles richtig, aber wir machten alle Fehler genau zur richtigen Zeit – und das vor den Augen unserer – vor allem jungen – Leser. So wirkten wir besonders glaubwürdig und authentisch. Vor allem aber haben wir uns rapide weiterentwickelt, weil wir mit unseren eigenen steigenden Ansprüchen mithalten wollten.

Karriere statt Geld

Diese Freiräume existieren heute längst nicht mehr. Heute gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, als Quereinsteiger ins etablierte Print-Business einzusteigen. Da muss man schon von der Journalistenschule kommen, eine der raren Volontariatsstellen ergattert haben und/oder ausgiebig Praktika schrubben, um eine Festanstellung zu bekommen. Künftig, wenn die in Gewerkschaften organisierten Kollegen nicht erfolgreich streiken, dann auch noch zu deutlich verschlechterten finanziellen Konditionen.

Mit dieser Idee sparen die Verleger zwar nur Minimalsummen ein, provozieren aber, dass sich talentierte junge Kräfte vom Printjournalismus fern halten. Wer heute noch Freiräume in seiner Arbeit erleben will, geht doch vorzugsweise ins Online-Business, in die Produktion von Corporate Content, in Agenturen oder zu Video-Produktionen. Hier wird man nicht unbedingt besser entlohnt, aber man hat mehr Gestaltungsmöglichkeiten – und dazu deutlich bessere Karriereperspektiven.

Kreativer Druck von unten

Mit Medien wird in Zukunft nicht mehr so leicht das ganz große Geld zu verdienen sein, nicht ohne großen Aufwand, Talent und Risiko. Aber gerade das Printbusiness, das absehbar die größten Probleme in den Märkten der Zukunft haben wird, braucht am dringendsten frische Ideen, neue Geschäftskonzepte, neue Sichtweisen und kreative Ansätze. Um für Leute, die das bieten können, attraktiv zu sein, muss man ihnen Freiräume, freie Hand – und finanzielle Perspektiven bieten. Wer das nicht tut, verbaut sich erfolgreich die eigene Zukunft.

Das sollte doch gerade denjenigen, die immer wieder den Begriff des Qualitätsjournalismus bemühen, wichtig sein. Nur ein Redaktionskollegium, das kreativen Druck von unten, von jungen Kräften erfährt, die im besten Fall mit digitalen Medien aufgewachsen sind, kann echte Qualität entwickeln – und dauerhaft halten.

Leser-Blatt-Bindung per Kleber

Fragt sich, ob all das auch in Journalistenschulen gelehrt wird? Kümmert man sich dort nicht nur um gute Schreibe, sondern auch darum, wie man mit kreativen Ideen Medien (nicht nur Print) erfolgreich machen kann oder wie man sie erfolgreich vermarktet? Kümmert man sich dort auch darum, wie sich neue, lukrative Geschäftsfelder eröffnen lassen? Auch abseits publizistischen Glamours?

Wir haben damals bei der Münchner Stadtzeitung (und später auch beim WIENER) permanent Ideen gehabt und verwirklicht, wie wir erfolgreicher im Markt werden. Wir haben damals schon Coupons in der Zeitung gehabt (bis uns die Süddeutsche das per Gericht verboten hat!), wir haben Spiele (Brettspiele!) entwickelt, wir haben Konzerte, Wahlpartys und Filmbrunches veranstaltet, wir haben Aufkleber auf dem Titel gehabt, Bilder in 3-D samt Brille und vielerlei mehr. Wir haben Stadtbücher entwickelt und vermarktet, Sonderhefte und wir waren uns nicht zu fein, riesige Aufkleber auf Autos von Lesern zu kleben. (Das war Leser-Blatt-Bindung in des Wortes klebrigster Bedeutung!)

Mann, waren wir toll! – Waren wir das wirklich? Ein bisschen vielleicht. Vor allem aber hatten wir freie Hand, konnten und wollten Neues und vieles anders machen. Wir wurden nicht nur gelassen, sondern vom Verleger Arno Hess ermuntert und ermutigt. Und wir wurden dafür auch bezahlt. Nicht übermäßig, aber für uns war das damals schön verdientes Geld. Und wir konnten uns weiterentwickeln…