Homo post-sapiens


Angst vor der geistigen Entgrenzung

Es gibt seltsame Wochen, da scheint eine (eher unerhebliche) Meldung auf wundervolle Weise mit anderen ein unerwartetes Sinngeflecht zu spinnen. Das ist ähnlich, wie wenn man des Nachts wild durch die Vielfalt digitaler TV-Kanäle zappt und auf kuriose Weise ein Film in einem anderen, einem (oder mehreren) Videos oder sogar Talkrunden eine Spiegelung, Ergänzung oder Kommentierung erfährt. Eine liebenswerte Selbsttäuschung unseres Bewusstseins, wenn es sich auf ein bestimmtes Thema kapriziert, möglichst viel darunter subsummieren zu wollen.

Hans-Joachim Kulenkampff - "Einer wird gewinnen"

Manchmal entsteht aber solch eine thematische Assoziationskette auch in den Medien und den sie kommentierenden Sozialen Netzwerken. Am Anfang stand die Meldung, dass uns Google vergesslicher, wenn nicht dümmer macht, weil sich Studenten, die wussten, dass Fakten in Google gespeichert waren, weniger Informationen merkten als eine Kontrollgruppe, die das nicht wusste, so eine Harvard-Studie. Kein neues Thema, da gibt es schon Bücher zu, aber jetzt war die These endlich wissenschaftlich belegt, so hieß es. Der erste Medienreflex ist dann das übliche Google-Bashing: Spiegel Online titelt: „Internet macht vergesslich“. Zitat: „Unser Gehirn lernt immer mehr, nicht zu lernen.“ Und Google, Bing und Wikipedia sind schuld.

Hätten Sie’s gewusst?

Solch eine Lernste-was-biste-was-Logik erinnert mich an meine Eltern, die mich immer mit dem Argument ermuntert haben, Quiz-Sendungen wie „Hätten Sie’s gewusst“ (Heinz Maegerlein), „Einer wird gewinnen -EWG“ (Hans-Joachim Kulenkampff) oder „Der große Preis“ (Wim Thoelke) anzusehen, man würde dadurch klüger. Wahrscheinlich muss solch Argumentation noch heute herhalten, wenn unbedingt  „Wer wird Millionär“ (Günther Jauch) angesehen wird oder suchtartig Sudoku-Rätsel gelöst werden. Die Wahrheit ist brutal: Auf diese Weise wird man nicht klüger, man belastet sein Hirn nur mit unnützem Spezialwissen. (Und dass durch den Konsum von TV-Sendungen die Hirntätigkeit wirksam gegen Null gefahren wird, das ist auch etliche Male wissenschaftlich nachgewiesen worden.)

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Google macht uns nicht dümmer, sondern macht unser Hirn frei für Wichtigeres und Effektiveres als das Speichern (heute immer schneller vergänglicher) Fakten. Diese Tatsache hat dann doch auch tatsächlich die taz erkannt und sogar Frank Schirrmacher in FAZ.net hat sie erahnt. Auf den Punkt aber brachte die Diskussion Douglas Coupland (Generation X, Generation A) im Guardian: „Let’s face it, Google isn’t making us stupider, it’s simply making us realise that omniscience is actually slightly boring.“ Google macht nicht dümmer, es hilft uns nur zu kapieren, dass Allwissenheit ein bisschen langweilig ist.

Allwissen tut weh

Wie sehr Allwissen nerven kann, dazu wird in der Augustausgabe des Wired (US) der Technologie-Kritiker Erik Davis zitiert, den es stört, wie im Internet alles bewertet, kommentiert, mit Sternchen zu belohnt wird oder mit Daumen nach oben ge-liket wird : „Our culture is afflicted with knowingness. We exalt in being able to know as much as possible. (…) But we’re forgetting the pleasures of not knowing. (…) We have started replacing actual experience with someone else’s already digested knowledge.“ Unsere Kultur leidet unter notorischer Wisserei. Wir gefallen uns allzu sehr darin so viel wie möglich zu wissen. Aber wir vergessen dabei, wie angenehm es sein kann, etwas nicht zu wissen. – Wir tendieren dazu, echtes Erleben durch das erlebte Wissen anderer zu ersetzen.

Der Autor des Artikels, Chris Colin, beschreibt die Schönheit neuer Entdeckung von Altbekanntem: „It’s a fundamental bit of humaness to discover, say, the Velvet Underground for the first time – to reach at 13 an unbiaased and wholly personal verdict on those strange sounds.“ Es ist fundamental für ein Menschsein, etwa Velvet Underground heute neu zu entdecken, und etwa als 13-jähriger ein völlig neues, unbefangenes Urteil über diese schrägen Sounds zu fällen. –

Erfahrungen ohne Meinungsvorgaben

Genau darum geht es doch, dass immer neue Erfahrungen gemacht werden. Gerade die Generation der Jungen muss ihre eigene Sicht auf Dinge entwickeln, auch auf historische Klänge wie Velvet Underground oder Jimi Hendrix – genauso wie die älteren Generationen Lady Gaga oder Usher zu genießen lernen müssen. Das ist das Wesen der Evolution, dass immer neue Variationen entwickelt werden. Nur so kann Innovation entstehen und nur so kann für die je aktuelle Zeit die richtige Einstellung gefunden werden, können neue, passendere Lösungen gefunden werden – oder wirklich provokante Innovationen. Je kritischer, instabiler und unübersichtlicher die Zeiten werden, desto notwendiger wird eine riesige Bandbreite an möglichen Ideen. Und die entwickelt sich nicht aus Bewertungssystemen und Empfehlungsalgorithmen eines breiten Massengeschmacks.

Einer der größten – und erfolgreichsten Querdenker und kulturellen Innovatoren ist Brian Eno. Er hat nicht nur erfolgreich Musik produziert (Roxy Music, Talking Heads, U2, Coldplay u.v.a.), sondern hat mit seinen Musikexperimenten  immer wieder Neuland betreten, dem dann viele andere folgten. Sein neuestes Album heißt  “Drums Between the Bells” und ist Klang gewordene Poesie und Sprache.

Selbstveränderung und Selbstmodifikation

In einem Interview zum Album formuliert Brian Eno in der New York Times auf wunderschöne Weise eine fundierte, evolutionäre Vision einer positiven Zukunft:  “Something I’ve realized lately, to my shock, is that I am an optimist, in that I think humans are almost infinitely capable of self-change and self-modification, and that we really can build the future that we want if we’re smart about it.” Ich habe für mich entdeckt, und das war ein Schock, dass ich ein Optimist bin. Ich glaube daran, dass Menschen unendlich talentiert sind zur Selbstveränderung und Selbstmodifikation. So können wir wirklich die Zukunft schaffen, die wir uns wünschen, wenn wir es nur schlau anstellen.

Und die Plattform für diese Entwicklung  ist das Internet samt Google, Facebook, Wikipedia – und was noch alles kommen wird. Das Internet macht nicht dumm, nicht vergesslich. Es schafft nur den Platz, indem es Faktengerümpel aus unseren Gehirnen entfernt, für unsere Selbstmodifikationen, unsere Selbstveränderung – als Individuen, als Gesellschaft, als Menschheit. Und am Schluss kommt es auch gar nicht so sehr an, was das Internet mit unserem Gehirn tut. „Look at what these media are doing to our souls.“, zitiert Douglas Coupland Marshall McLuhan: Passt auf, was diese Medien mit euren Seelen machen! Mit den Seelen des Homo post-sapiens.

Zukunft ohne Visionen


Digitalität und Vernetzung

„Wir erkennen das Gute leider nicht so deutlich wie das Böse. Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal. Eines der erstaunlichsten Phänomene des Internets ist ja, dass Menschen darin so viel miteinander teilen.“, so Brian Eno im Interview in der Süddeutschen Zeitung. Wie recht er hat. Und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Ein Beispiel: Josh Bernoff, Analyst bei Forrester und einer der Autoren des ersten kompetenten Buchs über Social Media („Groundswell“), freut sich via Twitter, dass er als Autor sehen kann, welche Stellen die Leser, die seine Bücher auf Amazons digitalem Lesegerät „Kindle“ lesen, beim Lesen anstreichen, weil sie ihnen besonders wichtig sind. Was für ein Feature. Nun ist auch der Buchautor aus der Isolation des Elfenbeinturms befreit und sieht, was seinen Lesern wichtig ist.

Und hier noch einmal zurück zu Brian Eno. Wie sagt er: „Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal.“ Das stimmt so sehr, und doch geht die Entwicklung darüber hinaus. Wer bitte hat sich je erträumt, dass Autoren mitbekommen, welche Stellen in einem Buch sie für am wichtigsten halten? Und was sagt uns das für die Zukunft des digitalen Buchschaffens voraus?

Die Zukunft des digitalen Buches

Für Kindle hat Amazon sowieso schon neue, kürzere Buchformate (und entsprechende Preismodelle) entwickelt. Amazon will so Buchautoren Mut machen, abseits und jenseits der etablierten Buchformate eine Publishing-Plattform zur Verfügung zu stellen, die sich auch wirtschaftlich rentiert. Für alle Beteiligten wohlgemerkt: für Autoren, die Leser – und Amazon natürlich.

Gut denkbar, dass hier in schriftlicher Form ein Pendant zu den grandiosen Ideen und Vorträgen entstehen könnte, wie sie TED in Video-Form etabliert hat: ein Thema und eine Vision anhand eines spektakulären Beispiels auf den Punkt gebracht und damit eine neue Idee erfolgreich in Umlauf gebracht. Das würde dann Abhilfe schaffen, dass heute zu wenig Visionen für die Zukunft geschaffen werden, wie es Brian Eno befürchtet: „Es fehlt die Zielmarke am Horizont. Die letzte war vielleicht 2001, wegen Kubricks Film. (…) Seither bewegen wir uns sozusagen auf unbeschriebenem Terrain.“

Futurismus auf der Kriechspur

Ich war einst in vor-digitaler Zeit Abonnent und begeisterter Leser von etlichen Zukunfts-Publikationen: „The Futurist“ (USA), „Avenir“ /Frankreich) oder auch von „WIRED“, als noch Gründer Louis Rossetto Chefredakteur war. „Avenir“ gibt es längst nicht mehr,“The Futurist“ gibt es noch, ist aber heute eher eine Debattier-Plattform für neue, aber bereits vorhandene Ideen und Entwicklungen, und WIRED, jetzt bei Condé Nast, ist heute ein respektabler Guide für den digitalen Lifestyle. Neue Visionen, so falsch sie auch sein mögen, finden sich heute nicht mehr.

Wie auch. Die Entwicklungen in der digitalen Welt passieren heute so schnell, dass man kaum Schritt halten kann, geschweige denn wagen möchte, vorneweg zu laufen. Sie sind außerdem so unabsehbar, weil eben, wie oben gesehen, die Menschen in der Verbindung zueinander immer neue Ideen spinnen und neue Anwendungen entwickeln, wie man sie aus der Warte einer Redaktion, eines Trendforschers oder einer Futurismus-Instanz nie erahnen könnte.

Zukunft ohne Visionen

Unser Schicksal scheint es also zu sein, eher unserer eigenen unbewussten, weil nur im Verbund zu anderen funktionierenden digitalen Ingeniosität hinterher zu hecheln. Es ist ja auch auffallend, wie altbacken alle Sci-Fi-Filme zuletzt waren, inklusive „Minority Report“, die versucht haben, ein halbwegs positives Zukunftsbild zu entwerfen. Nur die Visionen einer dysfunktionalen Gesellschaft der Zukunft waren – wenigstens cineastisch – ansehnlich. Von „2001“, „Blade Runner“ bis „Wall.E“.

1994 habe ich mich zusammen mit Gerd Gerken an einem Zukunfts-Szenarium versucht. „Trends 2015“ hieß das Buch und ist im Scherz Verlag erschienen, das Taschenbuch bei dtv. (Inzwischen ist es als Book on demand bei Fischer digital erhältlich.) Wir hatten es eigentlich unter dem Titel „Trends 2021“ lancieren wollen. Gegenargument des Lektors: „Das ist zu weit weg!“ Recht hatte er. Wir müssen uns für keine der Thesen in dem Buch schämen, im Gegenteil, wir haben die digitalen Medien erahnt und viele soziale Entwicklungen richtig skizziert. Aber in der Dynamik und in der Unprädiktabilität, wie sich die Welt derzeit entwickelt, muss man der Intervention des Lektors im Nachhinein dankbar sein. 2021 wäre wirklich zu weit weg.

Die Magie des Augenblicks

Was also bleibt von der Sehnsucht Brian Enos nach Zukunftsvisionen? Flug zum Mars? Nochmal auf den Mond? Autark funktionierende Autos? Wie schal sind solche Visionen! Es gibt so viel Wichtigeres zu tun, wenn es auch nicht wirklich spannend klingt: Klima „erhalten“; die Schere zwischen arm und reich nicht zu groß werden lassen;  die Versorgung der Welt mit (genug guten) Lebensmitteln sicher stellen; die Abhängigkeit vom Öl reduzieren etc. etc.

Aber keine Angst, wenn die Zukunft ein wenig spröde klingt. Es sind die Gegenwart und der Augenblick, die uns in Zukunft immer wieder überraschen werden – und bei genügend Talent zur kleinen Euphorie zwischendurch – uns auch immer mal wieder glücklich machen werden. Wie der Tweet von Josh Bernoff heute früh. Dafür sorgen wir digital Vernetzten sowieso…