Der ganz normale Nomadismus


Nicht nur Menschen werden zu Nomaden. Auch Business, Besitz und Job.

Ich bin ein Nomade. Wenn ich mir meinen Kalender 2014 ansehe, war ich deutlich weniger als die Hälfte des Jahres „zu Hause“. Also an dem Wohnsitz, an dem ich „gemeldet“ bin, in Erding. Den Rest des Jahres war ich an meinen beiden alternativen Wohnsitzen in Italien und Berlin. Ich war auf Reisen, habe auswärts Businesstermine gehabt und habe bei Freunden übernachtet – und dort z. B. Kinder gehütet.

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Mir erscheint solch ein Leben heute völlig normal. Vor 20 Jahren war das als Idee ganz hip. Aber noch vor 10 Jahren wäre mir das stressig vorgekommen. Heute ist es meine Normalität. Eine Normalität, die ich liebe. Ich liebe es, nach Italien aufzubrechen. Aber von dort kehre ich genau so gerne wieder nach Bayern zurück. Und wenn die nötige Dosis Großstadt fehlt, geht es nach Berlin – oder eine in eine andere Weltstadt wie zuletzt Wien oder New York.

Der Kokon der Hotels

In Hotels bin ich dabei höchst selten. Meist nutzen meine Frau und ich eigene Wohnungen oder welche von Freunden – oder von Airbnb. (Wobei wir dabei auch schon einige „Freundschaften“ mit den Vermietern geschlossen haben.) Dieses Wohnen lässt einen wirklich in eine Stadt eintauchen und dessen Energie erleben. Hotels vermitteln immer nur eine unangenehm seltsame, distanziert Annäherung an eine Stadt, keine direkte, authentische Immersion. Man kauft nicht ein, erlebt keine Lebensgeräusche und -gerüche. Man lebt in einem aseptischen Kokon.

Das nomadische Leben ist natürlich kein Zufall, weil auch mein Berufsleben als freier Journalist und Berater sehr nomadisch geworden ist. Auftraggeber sind über das Land verteilt, in München, Berlin und anderswo. In Wahrheit verdiene ich zeitweise mehr Geld in Berlin als anderswo. Und weil es das Schicksal gut mit mir meinte – Augen auf bei der Berufswahl! – kann ich heute überall arbeiten, wo ich Strom und Internetzugang habe. Also auch im Ausland.

Nomadische Jobs und nomadisches Geld

In Wahrheit habe ich gar keinen festen Beruf mehr. Ich stöpsle immer mehr herum, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde. Ein Mix aus Autor, Herausgeber (Annual Multimedia), Redakteur, (Video-)Produzent, Berater, Konzeptionist, Website-Administrator, Kommentator – ja und Ölbauer und Olivenöl-Vertreiber. (Irgendwas vergessen? Wahrscheinlich ja.)

Solch ein Mix bringt meine Bank immer an den Rand der Verzweiflung. (Und in der Folge dann bisweilen auch mal mich.) Es kommt immer Geld herein, aber selten regelmäßig. Und in extrem unterschiedlicher Intensität. So gesehen ist auch mein Besitz sehr nomadisch geworden. Eine wunderschön euphemistische Beschreibung für den Mix aus unterschiedlichen Zahlungsterminen und bisweilen arg säumiger Zahlungsmoral von Auftraggebern.

Income Streams statt Gehalt

Einkommen darf man das dann auch kaum nennen. Auskommen, ja das auf jeden Fall. Der beste Begriff, den ich für diesen Zustand gelesen habe, ist „Income Streams“ (Geldflüsse). Die sind jeweils dünner geworden und versiegen bisweilen. Aber in der Summe ist das durchaus sehr ansehnlich. Und am erfreulichsten ist der allergrößte Zugewinn: Freiheit. Freiheit der freien Zeiteinteilung, wann ich arbeite. Freiheit der Ortswahl, wo ich arbeite. Und was ich arbeite.

Der Begriff „Income Streams“ stammt u. a. von Thomas L. Friedmann. Er prognostizierte einst, dass wir irgendwann keine festen Berufe mehr haben, kein Gehalt, sondern nur noch „Income Streams“. Er hat recht gehabt. – Auf die Prognose von Tom Friedmann bezieht sich auch Brian Chesky, Chef und Mitbegründer von Airbnb, wenn er in einem Interview mit McKinsey die Zukunftsvision seiner Firma zeichnet.

Die Zukunft von Besitz und Renommee

Seine Vision ist die eines Lebens, das völlig auf alle Besitztümer verzichtet. Zitat: „Unsere heutige Generation sieht Besitztum als Belastung. Menschen wollen angeben. Das ändert sich nicht. Aber in Zukunft geben sie lieber mit ihrem Instagram Feed an, mit ihren Fotos, mit den Orten, an denen sie waren, mit den Erfahrungen, die sie gemacht haben. Das ist das Renommee (bling) der Zukunft.“

Und weiter: „Es geht nicht mehr um Autos. Es geht darum, wo du schon warst – und was du erlebt hast. In Zukunft wollen Menschen nur noch das besitzen, wofür sie gerne Verantwortung übernehmen. Und die meisten Menschen wollen in Zukunft nur noch verantwortlich sein für ihr Ansehen, ihre Freundschaften und ihre Erfahrungen. Vermögen wird nicht mehr durch ein Haus definiert oder durch ein Auto. Der größte Wert wird die Zeit sein, die ihnen zur Verfügung steht.“

Die digitale Dienstleistungsgesellschaft

Eine schöne Einsicht: Je mehr wir uns vom Materiellen befreien, desto freier werden wir auch in unserer Lebensweise. Wir werden Nomaden auf der Suche nach persönlichen Kontakten, nach ureigensten Erlebnissen. Und wir werden Reporter unseres eigenen Lebens – in Social Media, in Blogs etc. Und wir können dieses Wissen dann im besten Fall auch beruflich verwerten.

Brian Chesky gibt in dem Interview auch Anhaltspunkte für eine digitale Business-Zukunft wenn wir kaum mehr feste Berufe haben, wenn alle Dienstleistungstätigkeiten dereguliert sind. In einer künftigen Sharing-Industrie verdienen wir Geld (als Income Stream) durch die Vermietung unserer (verbliebenen) Besitztümer: Unsere Wohnungen – weil wir ja immer woanders sind. Unser Auto – weil wir multiple mobil sind. Und so werden wir Vermieter, (Auto-)Verleiher oder in der Betreuung der Gäste Part-time-Hoteliers. Und in deren Bewirtung Part-time-Gastwirte. (Airbnb isr also nicht nur für Hotelketten eine Bedrohung!)

Part-time-Hotelliers und Part-time-Gastwirte

Aus vermeintlichen niederen Diensten werden in seiner Sicht so willkommene, bescheidene Income Streams, die dann in der Addition durchaus erklecklich genug für ein schönes – nomadisches – Leben sein können. Das ist die vielleicht radikalste und konsequenteste Version einer (digital vernetzten) Dienstleistungsgesellschaft. Menschen mit Besitz vermarkten den. Menschen können ihre sämtlichen Fähigkeiten  zu einem Part-time-Job machen – und so nötiges Geld verdienen. – Ich kenne genug Menschen, die ihre mageren Renten mit Zimmervermietung – auch über Airbnb – aufbessern (müssen).

Oliven-Erntedankfest im Schloss Aufhausen: 150 Gäste.
Oliven-Erntedankfest im Schloss Aufhausen: 150 Gäste.

Eine neue Perspektive auch für mich. Ich koche schon immer gerne für andere Menschen und bewirte sie. (Wie jeweils am zweiten Sonntag im November bei unserem Oliven-Erntedank-Fest im Schloss Aufhausen.) Und ich denke jetzt schon mal nach, wie eine Part-time-Besenschenke oder ein gelegentliches Table d‘ hôte funktionieren könnte… – Egal an welchem Ort auch immer.

 

Digital native products


Indianer von links, Indianer von rechts…

Es gibt Texte, da wird man als Journalist blass um die Nase, wenn man sie liest. Blass vor Neid, weil sie so gut sind. Ein Text, der sich mir in fast traumatischer Manier ins Gedächtnis eingefräst hat, erschien in der vierten Ausgabe des deutschen WIENER (August 1986). Dort beschrieb auf drei Druckseiten die österreichische Motor-Journalisten-Legende Herbert Völker in unnachahmlicher Art die Überführungsfahrt eines Ferrari GTO von Italien nach Salzburg. Am Steuer Niki Lauda, der neue Besitzer dieses GTO, den er für seine Verdienste für den italienischen Rennstall damals geschenkt bekommen hatte.

Eine Passage aus dem Artikel kann ich fast auswendig. Völker beschreibt die Geräuschkulisse des Ferrari bei Tempo 280. Zitat: „Als Schreiber ist man an dieser Stelle zu einem Wortbild verpflichtet, das Ihnen alle Urgewalt, Dröhnkraft, Nuancierung und Musikalität eines 400-PS-Ferrari nahe bringt. Wegen der beiden Turbos ist die Sache kompliziert. Man muss sich das so vorstellen: Indianer von links, Indianer von rechts, dazwischen siebentausend fliehende Büffel, hintendran sechzehn Coyoten, die hecheln und pfeifen. Der Rest geht im Lärm unter.“

Mit 421 PS in die Zukunft

Es hat dann genau 28 Jahre gedauert, bis ich selbst am Steuer eines Autos gesessen bin, das 400 PS hat, genauer gesagt 421 PS (310 kW). Und es beschleunigt in 4,4, Sekunden von 0 auf 100 km/h. Ein in des Wortes Bedeutung „atemberaubendes“ Erlebnis, wenn ein Auto so rücksichtslos mit der Körpersensorik umgeht wie dieses und einen bei Vollgas unbarmherzig in die Sitze presst. Und leicht traumatisch, wenn es auch jenseits der 100 km/h damit nicht aufhört.

Der große Unterschied dabei: die Lärmkulisse. Keine Indianer, keine Büffel und keine Coyoten, nix. Nur das Atmen der Mitfahrer ist hörbar. Und damit auch die Beschleunigung der Atemfrequenz der Wageninsassen mit zunehmender Geschwindigkeit. Kein Wunder, denn die 421 PS entstanden hier nicht in acht oder zwölf hektisch explodierenden Verbrennungskammern, sondern sie kamen aus vier Elektromotoren, je einer für jeden Reifen. Denn ich hatte das Vergnügen einen Tesla S fahren zu dürfen. (Danke, Muck!)

Der Genuss des elektrischen Fahrens

Man kann sehr ins Schwärmen kommen, wenn man das Fahren mit einem Tesla beschreibt. Vorausgesetzt, man ist nicht motorgeräusch-abhängig. Ich habe jedenfalls reichlich Kontra bekommen, als ich meinen auto-affinen Freunden vom Tesla vorgeschwärmt habe. Diese Liebhaber von Porsches, schnellen Mercedes und Audi waren gleich mit heftiger Kritik und haufenweise Gegenargumenten unterwegs, warum man Tesla kein vollwertiges Auto ist. Die Reaktion erinnert mich an das starrsinnige Festhalten vieler meiner Generationsgenossen und Freunde an der Vorstellung, dass nur vollwertige Medien sind, wenn sie auf Papier gedruckt sind oder per Funksignal auf dem TV erscheinen.

Ein Auto ohne Krach, Gestank und Ölverbrauch ist für viele Menschen – noch? – nicht vorstellbar. Mich befiel nach knapp 10 Minuten Probefahrt mit dem Tesla das Gefühl – nein, ich war mir sicher, das in spätestens zehn Jahren das Fahren mit Benzin verbrauchenden, lärmenden und Kohlenwasserstoff und Gifte ausstoßenden Vehikeln ebenso verpönt, bäh und unkorrekt sein wird, wie heute im Auto eines Nichtrauchers eine Zigarre anzuzünden – oder im Kreise von Veganern ein blutiges Steak zu verzehren. Und man wird sich wundern, warum die Menschheit so lange gebraucht hat drauf zu kommen, dass es viel sinnvollere und nötigere Verwendungszwecke von Öl und Benzin gibt, als das man diesen Stoff verbrennt, um von A nach B zu kommen. Vor allem, weil es so viel angenehmer, smarter und bequemer ist, elektrisch zu fahren.

Digital native Produkte

Der Grund meiner Begeisterung für Tesla ist dabei gar nicht so sehr der ökologische Faktor. Es ist der umfassende Komfort dieses Autos. Das fängt bei der Fahrleistung und der Geräusch-Schonung an und reicht weiter über die Service-Leistungen bis hin zum Bedienungskomfort. Der Tesla ist nämlich in Wahrheit ein wunderschön großes, einfach zu bedienendes Tablet, das die Mittelkonsole dominiert, mit einem Lenkrad zur Linken und vier Rädern unten dran. Zugegeben, eine schön designte und mit vielen intelligenten Features angereicherte Karosserie drumherum.

Der Tesla ist, und das steht im Kern meiner Begeisterung, ein digital natives Produkt. Es stammt aus der digitalen Gegenwart und ist für unsere digitale Zukunft gebaut. All die anderen Autos stammen aus der industriellen Vergangenheit und sind mit Computern und digitalen Assistenzsystemen angereichert. Dafür müssen Keilriemen und Antriebswellen Elektrizität erzeugen und weitere analoge Systeme deren Befehle wieder mechanisch umsetzen. Das hat der Tesla eben nicht nötig. Daher gibt es dort keine störenden Tunnel im Fahrgastraum, daher gibt es keinen Ölwechsel, keine platzenden Kühlwasserschläuche und andere Unsäglichkeiten. Er ist ein Auto, das zu allererst von Programmierern konzipiert und dann ingenieurisch umgesetzt worden ist. Bei den konventionellen Autos ist es umgekehrt, da steht der Ingenieur im Mittelpunkt und Programmierer werden nur notgedrungen geduldet, wenn es denn sein muss.

Digitale Business-Modelle

Das ist der Vorteil aller digital native Produkte. Sie sind originär und zentral für das digitale Zeitalter konzipiert und nicht mühsam und ungenügend und mit viel Kompromissen an die digitale Neuzeit nachgerüstet. Daher funktionieren mit ihnen ganz andere Businessmodelle und daher sind ganz andere Service-Optionen möglich. Das gilt für viele digital native Produkte und Services – und deswegen tun sie allesamt den etablierten Produkten und Services weh, egal wie sehr sie sich um digitales Aufhübschen bemühen. Und deshalb sind die Wächter des Undigitalen, vorneweg die Politik und die Verwaltung immer schnell dabei, den Startvorteil der digital nativen Angebote durch Verbote zu behindern oder zu verunmöglichen.

Chris Dixon, Partner des Hedge Fonds Andreessen Horwitz und Investor in Buzzfeed, bringt die besondere Qualität solcher Firmen in seinem Blog auf den Punkt: „BuzzFeed is a media company in the same sense that Tesla is a car company, Uber is a taxi company, or Netflix is a streaming movie company.“ Sie alle sind es in dem Sinne, dass sie digital native sind und keine Kompromisse mit überkommenen Ideen und Konzepten vornehmen (müssen). Und sie sind es nicht, wenn man sie an den etablierten Erwartungen der jeweiligen Produktkategorien misst. Denn sie bieten so viel mehr als die „analogen“ Vorgänger.

Die Vorteile der Digital Natives

Tesla ist nicht nur ein Tablet auf Rädern, sondern auch ein Netzwerk von Ladestationen, Fahrern und Afficionados. Netflix ist nicht nur ein Streaming Service, sondern die größte Abstimmungsplattform von Filmen mit einer grandiosen Empfehlungsqualität. Buzzfeed ist der wohl radikalste Ansatz eines populären Mediums, zugleich populistisch und anspruchsvoll, das User auf wirksame Weise einbindet und die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion neu definiert. Uber ist ein persönlicher Mobilitätsservice und zugleich ein Bewertungs-Netzwerk von Mobilitäts-Service. (Das sollten mal Taxivereinigungen hinkriegen, dass man die Fahrer und Autos und deren Service bewerten kann!)

Die Liste ließe sich locker fortsetzen. Airbnb ist keine Zimmer-Vermittlung, sondern mit seinem Netzwerk von Empfehlungen und Bewertungen ein echter City- & Fremdheitsintegrator von Reisenden. Wikipedia ist eben kein elektronisches Lexikon, sondern eine Plattform, auf der die verschiedenen Wahrheits- und Wissensvarianten von Themen einvernehmlich integriert werden (oder nicht, wie beim Beispiel Scientology). Facebook ist kein elektronischer Freundeskreis-Organisator, sondern für viele junge Menschen deren vornehmlicher Erfahrungskosmos im Internet. Und Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern der weltgrößte private Datensammler und die größte Keyword-Versteigerungsplattform.

Die Deployment-Phase

Chris Dixon beschreibt ganz richtig die heutige Zeit als die Deployment Phase des Computers, die Zeit der vielfältigen Anwendung, die auf die Installationsphase folgt. Und in dieser Phase gewinnen die Produkte, die originär die Vorteile der digitalen Zeit nutzen, gegenüber denen der industriellen Vorzeit, egal wie sehr sie und wie gut sie digital erweitert sind. Das genau erlebt man sogar rein physisch, wenn man einen Tesla fährt.

Herbert Völker schrieb damals vor fast 30 Jahren, würde nicht der Motor acht Zentimeter hinter seinen Ohren so laut arbeiten (Mittelmotor!), wäre es in dem so genial designten Ferrari so „still wie in einer geräumigen Kathedrale“. Er hat schon vor knapp 30 vorausgeahnt, wie ein Tesla klingt. Dass er ebenso gut fährt, konnte er kaum ahnen.