Info-Visualisierung


Info-Design meets Programmierung

50 Prozent unserer Gehirnleistung ist nur mit der Verarbeitung der Eindrücke der Augen beschäftigt. Das deutet an, wie wichtig Visualisierung ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich 65 % der Informationen, die durch Bilder vermittelt werden, 72 Stunden danach noch präsent sind, 10 % sind das nur bei textlichen und gehörten Informationen. Sehr schön dazu ein Vortrag von Alex Lundy (danke #Andrian).

Diese Erkenntnisse zeigen, wie wichtig Infografiken sind – und in Zukunft werden. Und damit sind Infografiken gemeint, nicht die Peinlichkeiten, die Excel oder Powerpoint zur Verfügung stellen. Dazu gehören aber eine gehörige Portion Kreativität, konzeptionelles Denken und technische (Programmier-(Fähigkeiten). Nur dann ist man für die Chart Wars, die uns in Zukunft erwarten, gerüstet. Die Slides auf Ted.com (und mit Abstrichen auf DLD) sind da nur die Vorhut.

Einen Vorgeschmack, was bei der Visualisierung auch extrem großer und komplexer Daten möglich ist, habe ich bei der Jurysitzung zum Multimedia Annual 2010 erlebt. Dort waren unter den Studentenarbeiten mehrere außergewöhnlich gelungene Projekte zur digitalen Visualisierung riesiger Datenmengen zu bestaunen. Da reift die erste Generation von Programmierern und Designern heran, die beides können: kreativ optisch denken und das auch technisch umsetzen. Wenn die Digital Natives erst die wichtigen Plätze in den Medienagenturen und Firmen erreichen, darf man auf eine wahre Explosion neuer grafischer Dimensionen hoffen (ca. 2015 bis 2020).

In der Zwischenzeit bleibt uns literal (mit Buchstabensuppe) Aufgewachsenen  nur als Ausweg, fleißig unsere Phantasie zu trainieren und zu optimieren, um damit Texte und Gehörtes im Bio-Computer über dem Hals in eindrucksvolle und gut merkbare Bilder – und Grafiken –  zu verwandeln. So wie ich es eigentlich immer getan habe. Das hilft, sich zu erinnern. Nur leider lassen sich so keine akuraten Fakten speichern. Fuzzy Logic halt …

Disruptiv & chaotisch


Sicherheitsbedürfnis als Reichtums-Imperialismus

Die Klage ist allgegenwärtig. Die Zeiten sind härter geworden. Abrupte Änderungen geschehen innerhalb kürzester Zeit ohne große Vorwarnzeiten. Die Risiken steigen. Und nicht jedes Problem ist auch gleich eine Chance. Wie sollen auch Menschen oder Unternehmen mit massiven Problemen noch einen unbeschwerten Blick auf neue Chancen haben? Sie tunneln, unweigerlich.

Von außen sieht das meistens absurd und eigentümlich dumm aus. Aber wer sich jemals darauf eingelassen hat, seine eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten von anderen zeigen zu lassen – oder dabei war, wie das anderen passiert ist – der weiß, wie schwer es ist, seinen eigenen blinden Fleck zu sehen oder ihn gar zu akzeptieren. Er ist ja deshalb blind, weil es so weh täte, genau diese Schwäche unbarmherzig anzusehen.

Und in unserer schnellen, komplexen Welt haben wir nicht nur einen blinden Fleck, sondern ganze blinde Systeme. Und der verbreitetste blinde Fleck aller derer, die sich die alte – vermeintliche? – Sicherheit und Risikoarmut wieder herbei sehnen, ist der dahinter verborgene (weiße) Wirtschaftskolonialismus.

Die heutigen Unsicherheiten, Umbrüche und Risiken sind der eigentlich extrem erfreulichen Tatsache geschuldet, dass in den letzten Jahrzehnten Millionen und Abermillionen Menschen – vor allem in Asien (China, Indien, Tigerstaaten), aber sogar auch in Afrika – der schlimmsten Armut entkommen und sogar einen relativen Wohlstand erreichen konnten. Eindrucksvoll und visuell greifbar ist das in den historischen Wohlstands- und Gesundheitsgraphen von Gapminder umgesetzt.

Diese Wohlstandszuwächse (verbunden mit Gesundheitszuwachs = geringerer Sterblichkeitsrate = Bevölkerungszuwachs) belasten massiv unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme, machen sie volatiler, sprunghafter und chaotisch. Sie sind in Unruhe, also auch turbulenter und schwerer beherrschbar (vielleicht sogar unbeherrschbar).

Aber das will keiner hören, keiner sehen. Denn das wäre eine Bankrotterklärung unserer Gesellschaftsselbsttäuschung. Etwa dass Politik ein Prozess des Machbaren ist, dass Wirtschaft gestalten kann und wir kein machtloses Rädchen sind. Dabei ist genau das die große gesellschaftliche Aufgabe, die große gesellschaftliche Chance zu einer Überwindung alter Dichotomien von Links und Rechts, von Oben und Unten, von Kapitalismus und Sozialismus – you name it…

Digitale Realsatire


Süddeutsche Zeitung: Kein Abschied von alten Denkmustern

Es geht doch nichts über gelebte Realsatire. Jüngstes Beispiel: die Süddeutsche Zeitung vom 15. Januar. Da stand ganz oben im Wirtschaftsteil doch tatsächlich mal ein ausführlicher Kommentar zum Digitalen Business. Eine Rarität so etwas in der SZ.

Der Inhalt: Den Werbeagenturen wird wortreich vorgeworfen, nicht (mehr) kreativ zu sein, vor allem nämlich den Trend zu den Social Media verschlafen zu haben. Zitat: „Allerorten wird getwittert, geskypt und gebloggt – doch bisher gab es kaum tragfähige Konzepte, wie Unternehmen diese neuen Kommunikationskanäle sinnvoll nutzen könnten.“

Was für eine Mühsal, ich musste dieses Zitat tatsächlich Wort für Wort von der Print-Ausgabe abtippen. (Ja ich habe noch ein Abo, aber eher aus Solidarität denn aus Bedarf.) Die Süddeutsche hat diesen Kommentar jedenfalls nicht online gestellt. (Deshalb leider kein Link.) Dabei geht es doch hier um genau dieses Business.

Und während man den Werbeagenturen vorwirft, „den wichtigsten kommunikativen Trend des 21. Jahrhunderts verschlafen zu haben.“, hat die Süddeutsche nicht verstanden, wie Kommunikation im 21. Jahrhundert funktioniert: Texte werden online gestellt, damit darüber kommuniziert werden kann, dass ein Diskurs über den Inhalt entstehen kann. Vor allem wenn schon das Online-Business selbst Thema ist.

Der Hohn ist angesichts dieser Ignoranz dann auch noch der Titel des Kommentars: „Kunst der Kommunikation – Viele Werbeagenturen müssen sich von alten Denkmustern lösen“. Da sind dann zwei (zu Recht!) kränkelnde Branchen in ihrer Unfähigkeit solidarisch vereint. Werbung und Print-Business.

Vielleicht schämte man sich aber auch bei der Süddeutschen ein wenig über den Kommentar. Denn er war voller Fehler und Unterstellungen. (Und noch mal geht’s ans Abtippen:) „Manche große Agentur hat nicht einen einzigen Social Media-Experten in ihren Reihen – geschweige denn ein Konzept, wie ihre Kunden diesen Bereich in ihre Kommunikationsstrategie integrieren können.“

Was habe ich eigentlich die letzten 18 Monate gemacht? Eigentlich nichts anderes, Beratung in Sachen Social Media. Einiges wurde auch umgesetzt. Vieles ist noch in der Pipeline. Und einige Firmen haben – zu Recht – einen Riesen-Respekt vor diesem Thema. Online und Social Media wollen gelernt sein. Ich komme auch gerne zur Süddeutschen und helfe da aus.

P.S.: Mein Leserbrief (Mail!) ist natürlich unbeantwortet geblieben…

Info-Prüfstelle


Münchner Stadtzeitung: Zeitreise in die 80er-Jahre

MyOnID hat mir einen mir bislang unbekannten Artikel über Stadtzeitungen aus dem Jahr 1985 aus dem Archiv des „Spiegel“ emporgespült. Zwei neue Erkenntnisse habe ich dem Artikel 25 Jahre nach seinem Erscheinen zu verdanken:

1. Nach dem Erscheinen unseres Artikels in der „Münchner Stadtzeitung“ über die „Schwarzen Sheriffs“ und unserer Verurteilung wegen unbefugten Tragens von Amtskleidung und Missbrauch von Abzeichen (sic!) waren wir in der Stadt abgestempelt. Zitat: „Bei der CSU gelten die Stadtzeitungsleute seither als ,Kommunisten‘.“ Wusste ich noch gar nicht. Dass ich Kommunist war…

Zum Hintergrund. Fidelis Mager (damals Redakteur der Stadtzeitung, heute Geschäftsführer von „megaherz“) und ich haben damals mit ein paar Utensilien aus dem Kostümverleih die Uniform des damals in München überpräsenten privaten Sicherheitsdienstes der „Schwarzen Sheriffs“ nachgeahmt und sind quer durch die Stadt auf Patrouille gegangen – und wir haben dann über die Reaktionen der Bevölkerung auf das martialische Auftreten berichtet.

Wir wurden letztendlich von einem Dutzend Polizisten „aufgebracht“ und sind tatsächlich angeklagt und verurteilt worden. (Der Staatsanwalt damals entschuldigte sich dafür später klammheimlich bei mir.)

2. In dem Artikel werde ich als Chefredakteur der „Münchner Stadtzeitung“ über unsere Redaktionsmaxime folgendermaßen zitiert: „Alles – aber nicht alles immer wieder!“ Heißt wohl, wir berichten über alles, aber nicht immer in der gleichen Weise. Ich kann da aber nur mutmaßen, denn der Artikel samt Zitat war meiner Erinnerung völlig entfallen.

Nun fällt mir auf, dass sich das Printbusiness seit damals so recht nicht weiter entwickelt hat. Die frechen Überschriften, die schrägen Ideen, die wir damals einfach mal so umsetzten, die finden sich heute auch in den etablierten Zeitungen und Magazinen. Sind ja auch viele Kollegen von damals dort inzwischen, oft genug in führenden Positionen.

Bei solchen Reisen in die Vergangeheit wird einem erst der krasse Wandel in unserer Medienlandschaft plastisch bewusst: Damals konnten wir noch echte Infos verbreiten. Damals war so ein junges Medium wie die Stadtzeitung dringend nötig. Heute wird all das – und noch viel mehr – digital ins Haus geliefert. Heute geht es darum, die Überflut von Infos, Nachrichten und Meinungen irgendwie gefiltert zu bekommen. Etwa per Social Media oder Twitter-Intelligent-Following.

Nur haben die Zeitungen und Zeitschriften in der großen Überzahl das noch nicht gecheckt, oder sie wollen es nicht wahr haben. Ihre Aufgabe ist nicht mehr die Beschaffung von Nachrichten und Infos. Ihre Aufgabe ist, sofern mit Kompetenz, guten Journalisten und einer starken Marke gesegnet, die Prüfung und Gewichtung von News und Infos. Vor allem aber die Bewertung und das Herstellen von Zusammenhängen – in Reportagen, Kommentaren und Features. News brauchen heute Prüfstempel und Unbedenklichkeitsnachweise.

Da ist auf alle Fälle ein echter und wichtiger Markt. Wikipedia macht es vor, wie groß das Bedürfnis nach verlässlicher Information ist und wie bereitwillig freiwillig (!) dafür bezahlt wird. Ein Spendenaufruf und schon wird mehr als benötigt gespendet. Oder auch die „taz“. Auch da geht die Spendenbereitschaft nicht zurück. Im Gegenteil.

Na ja, nur braucht es dafür halt nur gute Redaktionen – und ganz wenig Verwaltung und Management. Die Huffington Post macht es vor, oder eben Wikipedia…

Flache Hierarchien


Mehr Unsicherheit und breitere Armut

Das Internet baut Informations- und Macht-Hierarchien ab und damit viele, alte Vertriebs- und Rendite-Strukturen.

Bildlich kann man sich die verschiedenen Hierarchie-Typen gut als Pyramide vorstellen. Einst waren sie hoch und steil. Es gab verschiedene, klar unterscheidbare Schichten.

Werden die Hierarchien flach, wird diese Pyramide von oben her in die Breite gestaucht. Das sieht auf den ersten Blick sehr schön aus. Die Distanz zwischen Oben und Unten wird deutlich geringer, die verschiedenen Schichten dazwischen verschwimmen und lösen sich auf. Das alles wird durchlässiger.

Das Bild kann man aber auch anders sehen. Die unterste Basis wird in die Breite gedrückt. Das heißt, der untere Rand der Gesellschaft wird größer. Und die massive einstige Mittelschicht wird nach unten und in die Breite gestaucht. Schon in diesem Bild sieht man die Auflösung der Mittelschicht.

Und da der Abstand zwischen Oben und Unten kleiner geworden ist, wird auch die Angst derer oben, nach unten durchgereicht zu werden, größer.

Aus diesem Bild sieht man sehr gut die Chancen und Probleme der digitalen Gesellschaft. Es wird alles durchlässiger, und die Chancen werden größer (oder breiter), aber zugleich schwindet die Mittelschicht und die Risiken werden größer.

Unsere Gesellschaften haben sich aus steil hierarchischen Systemen entwickelt. Die Umstellung auf flache, breite Hierarchien ist schwierig, risikoreich und oft unangenehm. Kein Wunder, dass die (Phantom-?)Schmerzen so verbreitet sind und die Widerstände vor allem derer, die viel zu verlieren haben, so massiv sind.

Das wird uns noch bis in die Zeit begleiten, in der die Digitalität Normalität und Selbstverständlichkeit ist. Also die nächsten fünf bis zehn Jahre.