Darsteller der Wirklichkeit


Authentizität als rares Gut

Kennen Sie auch dieses kleine Bohren im Bauch, die kleine Versteifung im Nacken oder gar das unerklärliche Gefühl, eigentlich möglichst schnell den Raum verlassen zu wollen. Und man weiß zunächst gar nicht, warum. Dieses Gefühl, das noch weit vor dem Fremdschämen kommt? – Solche kleinen, unangenehmen Körpersensationen entstehen, wenn einem das Unterbewusstsein sanft mitteilen will, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass irgendeine kleine Lüge im Raum steht, dass jemand etwas zu sein vorgibt, das er nicht ist. Kurz: wenn es massiv an Authentizität fehlt.

Mich beschleichen solch unschöne Gefühle immer dann, wenn ich mit Menschen konfrontiert bin, die eine Rolle nur spielen und sie nicht ausfüllen. All die Manager, die in Ausbildung und Praktika nicht gelernt haben, zu analysieren, zu denken und zu entscheiden, sondern nur alle Gesten, die den Eindruck vermitteln sollen, dass man analysiert, dass man denkt oder entscheidet. Da werden Stirne in Falten gelegt, sorgsam die Fingerspitzen gefalteter Hände an die Nasenspitze geführt, da wird ostentativ hinter dem Ohr gekratzt. Allein es fehlt die Überzeugungskraft solcher erlernter Gesten. Das liegt vor allem am Timing. Die Gesten kommen zu schnell hintereinander oder in erratischen Abständen, meist zu falschen Momenten.

Wie sehr solch unauthentisches Gebaren schmerzen kann, ist in (fast) allen Soap-Operas zu erleben. Auch hier muss ja jeder Satz, jeder Dialog mit den Händen gestisch unterstützt werden und ihnen mit heftigem Gesichtsmuskeleinsatz mimische Bedeutsamkeit eingehaucht werden. So etwas ist schon an sich schrecklich. Aber immerhin kann man solchen Situationen mit dem entschlossenen Einsatz der Fernbedienung entfliehen. Schwieriger ist das schon im realen Leben. Da hilft die Fernbedienung nicht weiter, wie einstmals schon Mr. Chance (in „Willkommen, Mr. Chance“) erkennen musste. Da muss man durch, egal wie schlecht die Performance der versammelten Manager-Darsteller gerade ist.

Ich habe lange nicht verstanden, wie man auf die Idee kommen kann, lieber so zu tun, als sei man jemand oder etwas, als es wirklich und real zu sein oder zu tun. Es muss doch, so dachte ich lange, anstrengend und schmerzhaft sein, nur so zu tun – und damit so wenig bewirken zu können. Ich musste mich aber selber über die Zeit hinweg eines Besseren belehren. Es scheint zu gehen, solch eine virtuelle Persönlichkeit zu verkörpern. Es scheint auch vergleichsweise risikoarm zu sein. Da man nur so tut, als täte man etwas, ist das Risiko von Versagen und Niederlagen vergleichsweise gering. Hauptsache man ist so gut in seiner mangelnden Authentizität, dass man wirkungsvoll Entscheidungen, wirklich bahnbrechende Innovationen oder gar mutige Projekte unterbindet.

Virtuelle Schatten sind nicht überspringbar

Wer sich wundert, warum in ewigen Konferenzen so wenig herauskommt, dass trotz massigem Einsatz von Manntagen so wenig geschieht und selbst willkommenste Innovationen immer wieder erfolgreich abgewürgt werden, der weiß jetzt: das ist vor allem solchen Manager-Darstellern zu „verdanken“. Diese Pappkameraden meinen es nicht böse, sie wollen ja nur spielen. Und sie sind logischerweise nicht in der Lage, über ihren Schatten zu springen. Wie auch, virtuelle Schatten sind noch nicht erfunden.

Diese eigenartige Spezies der notorisch Non-Authentischen erlebt man aber nicht nur im Business, sondern täglich, im realen Leben. Beispiel TV: Ich vergesse nie, wie ein „Wer wird Millionär“-Kandidat Günther Jauch schier in den Wahsinn getrieben hat, indem er perfekt den Kandidaten gab: das heißt, er hat alle Sätze, die ein denkender Kandidat normalerweise von sich gibt, aufgesagt und die entsprechende Mimik dazu beigesteuert. Man hatte aber nie den Eindruck, dass er wirklich denkt. Und entsprechend kam er auch nie recht zu einem Entschluss, ob er jetzt A, B, C oder D antworten sollte. Vor allem war er aber so sehr mit seinen auswenig gelernten Texten und nachgeahmten Gesten beschäftigt, dass er nie zu Potte kam. Und Günther Jauch glitt ein ums andere Mal an diesem hauptberuflichen Kandidaten-Darsteller ab. Er bekam ihn nie zu fassen.

Oder auch im privaten Umfeld. Ich habe schon etliche Paare kennengelernt, die es scheinbar perfekt drauf hatten, ein perfekt harmonierendes und natürlich glücklich verliebtes Paar zu geben. Vorstellung war jedes Wochenende auf irgendeiner Einladung, bei einem Essen etc. Eigentlich stimmte bei diesem Stunt jede Geste und jeder Satz, und trotzdem überzeugte das Paar nicht, im Gegenteil es verstörte tief. Das Timing war falsch, es war alles zu dick aufgetragen und die Pointen saßen schon gar nicht. Fast hatte man Mitleid: waren hier zwei Menschen aneinander geraten, die nie zu lieben gelernt hatten, aber in zu vielen schlechten Filmen ein wirres Arsenal an Klischees zum Thema Liebe gesammelt hatten?

Humor zieht den Boden unter den Füßen weg

Apropos Pointen. Solche Darsteller der Wirklichkeit sind am besten und schnellsten durch Ironie, noch nachhaltiger aber durch Humor aus der Fassung zu bringen. Da sie gleichsam im luftleeren Raum agieren ohne jeden echten Bodenkontakt, können sie gar nicht damit umgehen, wenn ihnen durch Witz oder Ironie sozusagen gleichsam noch einmal der Boden unter den Füßen genommen wird. Diese doppelte Leere irritiert sie ungeheuer und lässt sie meist ratlos zurück, während alle um sie herum lächeln oder lachen. Der Horror Vacui solch einer Situation muss entsetzlich sein.

Der Anlass meines kleinen Ausfluges von der Welt der Authentizität in das weite Feld der Mimikri und des gelebten Blue Screen ist ein Petitesse heute beim nachmittäglichen Kuchenkauf. Ich hatte eine gefühlte Viertelstunde hinter einem Paar zu warten, dass eigentlich nur zwei Kaffee, einen Kuchen und ein belegtes Brot bei Aran kaufte. Aber bis das so weit war, musste eine immense Menge an Gesten des bedächtigen Nachdenkens, des vorweggenommenen Genusses und des sorgfältigen Abwägens abgespult werden. Das ganze natürlich inklusive der entsprechenden hohlen Dialoge, Nachfragen und Denkpausen. Drei Mitarbeiter waren vollauf beschäftigt, diesem massiven Einsatz virtuellen Lebens irgendwie Herr zu werden und in reale Produkte umzusetzen.

Als das Paar, perfekt gestylt, aber auch hier ausgemacht unauthentisch, sich endlich an seinen Tisch getrollt hatte, kam in mir echt so etwas wie Mitleid auf. Es muss so anstrengend und dabei so wenig erfüllend und spannend sein, solch eine ewige Inszenierung einer Wirklichkeit zu leben. Aber immerhin bekam ich eine Erklärung dafür, warum Authentizität heute so hoch im Kurs steht; warum es so im Trend liegt. Ganz einfach: Das Angebot regelt die Nachfrage. Und Authentiziät scheint ein sehr rares Gut zu werden…

Blogger, Plauderer & Beckmesser


Aktuelle Social Media-Zahlen von Forrester Research

Quelle: Forrester Research

 2008 erschien das erste seriöse, nicht mit der heißen Nadel erschienene Buch über Social Media. Es hieß „Groundswell“ (deutsch: „Dünung“), die Autoren waren Charlene Li und Josh Beroff von Forrester Research. Damals waren sie die Ersten, die ihre Analysen und Prognosen zu Social Media auf validen Zahlen und ersten Praxiserfahrungen (z.B. Dell) stützen konnten. Entsprechend gut und hilfreich war – und ist – dieses Buch.

Damals bekam man dort auch erstmals vernünftige Zahlen über die reale Nutzung von Social Media. Die beiden AutorInnen visualiserten die verschiedenen Nutzergruppen in Form einer Leiter, die in den USA damals unten mit den „Inactives“ (den Nicht-Nutzern – damals bei 50%) anfing und dann über „Spectators“ (die passiven Betrachter, 33%), die „Joiners“ (Netzwerknutzer, 19%), die „Collectors“ (Sammler von Tags & RSS Feeds etc., 15%) und die „Critics“ (Kommentarschreiber aka Beckmesser, 19%) bis nach oben zu den wirklich aktiven „Creators“ (Bloggern & Co., 13%) reichte.

Die Zahlen für Europa, respektive Deutschland waren etwas, aber letztlich unerheblich schlechter. (Auffallend nur, dass in Deutschland die Zahl der Critics, der Kommentarschreiber – und Meckerer – immer höher war als überall sonst in der Welt.)

Jetzt, gut zwei Jahre später, liefert Josh Bernoff in seinem Blog zu „Groundswell“ ein Update zu den Zahlen. Die Nutzungszahlen haben sich natürlich radikal nach oben verändert. Die Leiter ist länger und breiter geworden, sozusagen. Nur noch 17 Prozent der Internetnutzer verweigern sich den Social Media, 70% nutzen Social Media kontinuierlich, 59% gehören nun einem Netzwerk an, 37% schreiben Kommentare und 24% sind voll aktiv, z.B. in Blogs. Fast alle Zahlen der aktiven Nutzung haben sich also in etwa verdoppelt.

Neu in  der Aufzählung sind die so genannten „Conversationalists“, die Plauderer, also Menschen, die In Facebook, Twitter & Co. Microblogging betreben, also Kurznachrichten posten etc. Das tun nun immerhin schon 33% der Internetuser – und damit über die Hälfte derer, die in Sozialen Netzwerken angemeldet sind. (Über die Hälfte davon sind Frauen – 56%, 70% sind unter 30 Jahren.)

Die Lehren aus diese – validen! – Zahlen sind sehr einfach. Wer sich heute den Social Media verweigert, ist hoffnungslos hinterher. Nun kommt es nur darauf an, welche Aktivititäten in welchen Social Media für ein Produkt, eine Marke oder einen Anbieter die richtigen sind – und darüber gilt es kreativ und mutig zu entscheiden – und dann loszulegen und Erfahrungen zu sammeln.

Spielgeld der Spekulanten


Steueroasen heizen die Finanzkrise an

Die Frage ist so einfach, zu einfach. Soll die Daten-CD mit den Steuersündern in der Schweiz gekauft werden oder nicht? Und dann wird mit juristischen Argumenten gefochten, eventuell auch mit Datenschutzgründen. (Zum Beispiel gestern Abend in „Hart aber fair“.) Da bin ich außen vor. Jura ist nicht mein Feld. Bestenfalls wird noch in die Diskussion geworfen, dass es sicher hilfreich wäre, wenn es in Deutschland ein einfaches und gerechtes Steuersystem gäbe. Das ist es aber dann.

legal - illegal - digital

Mich irritiert, dass bei der Diskussion einige wichtige Argumente unbeachtet bleiben. Da ist zum Beispiel das Steuerverhalten der Skandinavier. Dort sind die Steuersätze exorbitant hoch. Aber trotzdem sind die Schweden, Norweger und Dänen nicht dafür bekannt, ihr Geld en masse in die Schweiz zu transferieren. Warum ist das so?

In Skandinavien ist es schon rein systemisch sehr schwierig, Schwarzgeld anzuhäufen, das man vor der Steuer verbergen könnte. Dort weiß jeder von seinem Nachbarn, was er verdient und was er besitzt. Unvorstellbar in unseren Breiten (oder gar südlich davon). Aber in Skandinavien ist das eine Selbstverständlichkeit und Teil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Da ist unsere Idee von Datenschutz gänzlich konträr. Noch.

Aber wie sieht das in der Generation Facebook aus? In Zukunft. Da weiß man von manch einem seiner „Freunde“ mehr als alle Steuerbehörden. Nur das Einkommen und die Vermögensverhältnisse kennt man nicht. Aber wahrscheinlich nur, weil man Angst hat, dass da der Staat mithorcht. – Also sind wir da wieder beim Thema eines gerechten Steuersystems in Deutschland.

Ein ganz anderes Thema in dem Zusammenhang, das nur zu gerne verdrängt wird, ist, was mit dem Schwarzgeld in der Schweiz – und anderen Steuerparadiesen – gemacht wird. Da geht es um Billionen von Euros und Dollars, wenn man den Schätzungen glauben mag. Und dieses Geld ist die größte Bedrohung für unser Finanzsystem. Es ist in besonderem Maße das Spielgeld für die schlimmsten Spekulanten in der Finanzwelt. Und da ist es jenseits jeden Populismus schon klug, von staatlicher Seite mit allen Mitteln dagegenzuhalten.

Schwarzes Schmiermittel für Spekulanten

Das volatile Geld der Steuerhinterzieher war das spezielle Schmiermittel der Spekulanten, das uns nach Lehmann knapp vor den finanziellen (und staatlichen Abgrund geführt hat. Ich vergesse nie das weiße, völlig leere und entsetzte Gesicht von Angela Merkel, wie sie bei der ersten Pressekonferenz zur Krise mit Peer Steinbrück verloren und geschockt vor den Fernsehkameras stand. Sie sah aus, als habe sie gerade etwas so Grausames und Unvorstellbares gehört, wie noch nie in ihrem Leben – und wie sie es sich nie hätte vorstellen können. So hatte sich „das Mädchen“ (Zitat Kohl) den Job wohl nie vorgestellt.

Wie wichtig es ist, Schwarzgeld aus dem Umlauf zu nehmen, um die Gefahren weiterer Finanzkrisen oder eines kompletten Finanzkollaps zu mindern, habe ich in einem Vortrag von Prof. Franz Josef Rademacher , Mathematik-Professor und als Mitglied des Club of Rome ein engagierter Klimakämpfer, gelernt: Das beste Geld für extrem überhöhte Wertschöpfungskaskaden ist Geld, dessen Eigentum nicht feststellbar ist. Etwa Geld, das es (noch) gar nicht gibt, sondern das für Spekulationen oder so genannte Leerverkäufe nur geliehen ist und trotzdem Gewinne macht. (Absurd, oder?)

(Leerverkäufe sind gerade in Deutschland wieder erlaubt worden. In den meisten anderen europäischen Ländern bleiben sie verboten, etwa in Frankreich und der UK. Wieder in anderen Ländern war so etwas nie erlaubt, zum Beispiel in Italien!)

Geld außer Rand und Band – und ohne jede Kontrolle

Die größte Gefahr aber ist schwarzes Geld. Es ist an der Steuer außer Landes gebracht worden und bedroht von dort das gesamte Finanzsystem. Denn das Geld, das per Spekulation mit diesem anonymen Geld gemacht wird, geht natürlich stets wieder an jeder Steuer und Beobachtung vorbei. So ensteht eine Finanzblase, die jeder staatlichen oder gesellschaftlichen Kontrolle (und sei sie noch so gerecht) entzogen bleibt. Und dabei werden Wertschöpfungsraten von 7 bis 34 Prozent erzielt. Abenteuerlich hoch und jenseits jeder Ratio. Geld, das sich aus sich heraus vermehrt, ohne jeden gesellschaftlichen Wert und jeden objektiven Benefit.

Nutznießer solcher Steueroasen sind aber auch große internationale Konzerne, die die unterschiedlichen nationalen Steuergesetze ausnützen und so (unversteuertes) Spielgeld für Investitionen, Firmenkäufe aber auch für Spekulationen anhäufen können. Kleinere Firmen, vor allem aus dem Mittelstand, die nicht international agieren (und nicht so hochkarätige Steuerberater haben), können da nicht mithalten. Das ruiniert den Mittelstand – jeder weiß, wie schwer die es haben, an Kredite zu kommen – und lässt ihn „ausbluten“, wie es Prof Rademacher nennt. (Ein Interview zu dem Thema findet sich in der Computerwoche.)

Beim Kauf der geraubten Steuerdaten geht es eben nicht nur um mögliche nachträgliche Steuerzahlungen und um Abschreckung zugunsten etwas mehr (zähneknirschender) Steuerdisziplin. Solche Aktionen entziehen eben auch den Spekulateuren und Spielern in den Finanzmärkten ihr Spielgeld. Aber darüber spricht zur Zeit keiner. Schon gar nicht in der Schweiz. Dabei ist das gerade in der jetztigen Zeit ein wichtiges Thema. Und da schauen Juristen, die in unserer Politik dominieren, eher nicht so gerne hin.

Walfischtran & Mittelmanagement


Das Ende von erfolgreichen Businessmodellen

Ich wohne nicht weit von dem – heute – durch sein Weißbier weltbekannten Städtchen Erding (vor München). Erding war im 19. Jahrhundert eine durchaus wohlhabende Stadt. Im Zentrum lag die Schranne, der Getreidemarkt, wohin alle Bauern Ostbayerns das Getreide für die Landeshauptstadt München brachten. Hier wurden Weizen und Roggen gehandelt und dann in gewaltigen, mehrspännigen Pferdefuhrwerken nach München hinunter gebracht. Der Handel, die Fuhrunternehmen und die Pferde bescherten Erding damals ein schönes Wohlergehen.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dann die Eisenbahn bis Erding gebaut. Und vom Tag der Fertigstellung an hatten die Pferdefuhrwerke ausgedient – und Erding als Handelsort. Es folgten lange Jahrzehnte der Armut und des Mangels, bis wiederum ein neues Verkehrsmittel der Region neuen Wohlstand, niedrige Arbeitslosenraten und heftige Zuwanderung bescherte: der Flughafen München II im Erdinger Moos.

Eine ähnliche Geschichte von disruptiven Änderungen, die ganze Wirtschaftszweige düpieren und komplett ummodeln, erzählt Brian Eno, die Musiker- (Roxy Music) und Produzenten-Legende (David Bowie, Talking Heads, U2, Coldplay u.v.a.). In einem Interview mit der BBC schildert er sehr gelassen den Niedergang der Platten- und Musikindustrie:

„Schallplatten waren auch nur eine Blase für eine gewisse Zeit und die, die davon profitieren konnten, hatten viel Glück. Aber es gibt eigentlich keinen rationalen Grund, warum man so viel Geld durch den Verkauf von Platten machen kann. Außer das damals die Zeit dafür genau richtig war. Ich wusste immer, dass das irgendwann zuende sein wird. Mir macht das nichts aus und ich finde es gut, wie es ist. Das ist ähnlich wie um 1840 herum, als Walfischtran als Brennstoff verwendet wurde. Damals waren die Tran-Händler mit die reichsten Menschen auf Erden. Aber als dann das Gas aufkam, war es damit vorbei. Sorry, Jungs, aber so funktioniert Geschichte, es geht immer weiter. Und Musik auf Platten ist heute wie Walfischtran. Sie wird gnadenlos durch etwas anderes ersetzt.“

Die disruptive Kraft des Digitalen

So ist das, wenn neue Technologien kommen und sich durchsetzen. So ist es, wenn disruptive Entwicklungen ganze Branchen quasi über Nacht von Grund auf umkrempeln. Ich erinnere mich gut, wie 1994/1995 alle großen Verlagshäuser ins Internet investiert haben. Moderat zwar nur, aber in ihrem Verständnis hochwaghalsig, schließlich befürchteten sie (zu Recht) Kannibalisierungseffekte.

Aber der Versuch, das neue Medium in ihrem Sinne zu bändigen, war es allemal wert. Immer noch besser als die wenigen, aber attraktiven Kunden, die das Internet damals begeisterte, an „Garagenfirmen“ zu verlieren: als da waren Yahoo, Netscape, AOL, Altavista… (Google kam erst sehr viel später.) Der Versuch war es wert, aber er konnte nicht gelingen, weil wir alle nicht die disruptive Kraft der Online-Digitalität in seiner letzten Konsequenz erkannt haben. (Oder behauptet das jemand von sich? Bitte melden!)

Der Effekt ist ebenso eindeutig wie brutal. Seth Godin, Marketing-Guru (oder -Papst – je nach Glaubensmuster), hat das in seinem Blog knallhart beschrieben: „Wer rettet uns? Wer rettet das Buchbusiness? Wer die Zeitungen? – Was heißt hier retten. Meint das: ,die Dinge sollen bleiben wie sie sind‘? Dann ist die Anwort: Nichts wird uns retten. Es ist vorbei. Wenn es meint: ,wir wollen die Jobs der Presseleute, der Laufburschen und der Legionen an Buchhaltern, Verpackern, Logistikern und Hilfsredakteuren retten‘. Auch dann ist die Anwort: Keine Chance. Da hilft kein Kindle, kein iPad und kein Parlamentsbeschluss. (…)

Wenn es aber darum geht, die Freude am Lesen zu retten, oder die Wirkung von brandheißen News oder die Freude, wenn man durch eine Idee in einem Buch in seinen Grundfesten erschüttert wird, dann keine Sorge. Das braucht man nicht zu retten! Das bleibt und wird sich um den Faktor Zehn verstärken, wenn wir aufhören, unsere Kräfte beim Retten von Unrettbarem zu vergeuden. – Jede Revolution wird zuerst den Mittelbau zerstören, und zwar äußerst heftig.“ (frei übersetzt)

Es geht um Inhalte, nicht um Strukturen

Er hat so recht. Alle großen Medienhäuser, ob öffentlich rechtlich oder privat, ob TV oder Print, haben viel zu viel Ballast. Verwaltungen, Anzeigenakquise (was soll das in Zukunft?), (Mittel-)Management und Verwalter von inhaltlichem Mittelmaß. Es geht darum Inhalte zu bewahren, aber nicht darum Strukturen zu retten. Die wirklich gute Presse, die Top-Nachrichtenleute, die Analytiker, die investigativen Journalisten, die grandiosen Geschichtenerzähler, die Bildkünstler und genialen Gestalter, sie alle sind in der Minderheit. 

Diese rare Spezies zu ernähren – und zwar durchaus respektabel – wird nie ein Problem sein. Dafür ist das Bedürfnis für gute Inhalte, faszinierende Reportagen, gute Filme und entlarvende Features viel zu groß. Der Medienkonsum hat explosiv zugenommen. Die Medienkompetenz auch (wenn auch sicher nicht genug). Es wird so viel Geld für Medien ausgegeben wie noch nie zuvor.

Ein Businessmodell hat absehbar ausgedient. Mit ihm hat man lange gutes Geld gemacht. Aber halt nur, weil es die richtige Zeit dafür war. Jetzt kommt/kam die Disruption. So wie für Pferdefuhrwerke und Walfischtran. Und es trifft zumeist zuerst den Mittelbau von Firmen. Das muss so sein in einem Zeitalter des Abbaus von Hierarchien. Die Oben und die Besten bleiben, weil sie gut sind und/oder die Macht haben. Die unten überleben, weil sie so wenig kosten. Dazwischen aber wird es eng. Sehr eng.

Digital Anxiety Syndrom


Wer hat Angst vor dem großen, weiten Web?

Eigentlich hatte ich mir geschworen, auf Frank Schirrmacher und seine mediale Allpräsenz nicht zu reagieren. Zu beschränkt scheint mir seine Web-Sicht in „Payback“ zu sein. Aber man kommt ihm ja kaum aus. In seinen diversen Talkshow-Auftritten wirkte er seltsam missionarisch und oft auch wirr. Stets fühlte er sich in seiner Argumentation wohl nicht genug verstanden oder ernst genommen und entsprechend ereiferte er sich noch streberischer – und damit erratischer.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung war sein Auftritt auf dem DLD. Wenn man sich das Video der Podiumsdiskussion ansieht (und das ist dank Schirrmacher nur begrenzt ein Vergnügen), dann kann man ihn beobachten, wie verzweifelter und mäandernder seine Argumentation wurde. Dass das Symposion in Englisch diskutierte, machte es nur noch schlimmer. Schirrmacher wirkte wie ein von einer schweren Angstpsychose getriebener Eiferer. Diagnose schätzungsweise: Digital Anxiety Disorder, zu Deutsch, Angst vor den Weiten – und der Unkontrollierbarkeit – des Internet.

Wie kann es zu solch einem Fall von digitaler Agoraphobie kommen? Erster Lösungsansatz: der Patient hat sich zu lange in zu engen Räumen aufgehalten, in diesem Fall den analogen Welterklärungs-Stuben der FAZ. Dabei kann es nach gängiger Lehrmeinung allzu leicht passieren, dass man sich vor weiten Räumen zu fürchten beginnt.

Kontrollverlust, Kontrollverlust, oh Gott!

Aber ein zweiter Diagnoseansatz ist vielleicht zielführender. Es ist der Kontrollverlust, der den Patienten so virulent unruhig und manisch mitteilungsbedürftig macht. Dieses Problem hat eigentlich in Ansätzen jeder erlebt, der tief in der analogen Kultur verankert war und sich dann auf die Digitale Welt einzulassen hatte. Nur ist Frank Schirrmacher eben kein Early Adopter – und artikuliert daher erfolgreich die Irritationen, Frustrationen und Ängste der nun langsam zwangsdigitalisierten Generation, die das Internet lange unterschätzt – oder aber arrogant als Kinderkram abgetan hat. Motto: „Das macht meine Sekretärin für mich…“

Wenn man es richtig versteht, ist das zentrale Anliegen von Frank Schirrmacher die (drohende?) Allmacht der Algorithmen und der sie beherrschenden Firmen. Das ist im Ansatz ein wirklich wichtiges Anliegen. In Schirrmacher hat es leider nur den falschen Protagonisten. Durch seine begrenzte Internet-Kompetenz  („Tweed“ statt „Tweet“!) und sein eiferndes bis erratisches Auftreten diskreditiert er das wichtige Anliegen und drängt es an den Rand kabarettistischer Themenstellungen. Schade auch. – Und schade, dass ihm beim DLD – aus Höflichkeit? – so wenig Einhalt geboten wurde – oder seine Einlassungen wenigstens zugespitzt wurden.

Die kulturelle Leistung des Internets

Panel-Teilnehmer Andrian Kreye, Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat Gott im Nachgang seine Sicht der Dinge in einem Leitartikel mit dem Titel „Digitales LSD“ klar gemacht. Seine Klage, das Internet habe zwar unseren Alltag komplett verändert, aber kulturell (noch?) viel zu wenig geleistet. – Ich erinnere mich noch gut an die Frühzeiten von Europe Online 1995. Da wurde wild und munter herumexperimentiert. Es gab echt avantgardistische Magazine – so lange das Investorengeld reichte.

Das Faszinierende am Internet ist eben, dass es es – auch dank etlicher Finanzblasen – geschafft hat, sich binnen eines Jahrzehnts als mediale Leittechnologie durchzusetzen und dabei genug Geld in Bewegung zu setzen, um eine weltumspannende billionenschwere Infrastruktur zu schaffen, zu Land und in der Luft. Kein Wunder, dass das Internet dafür so schnell so kommerziell wurde.

Die kulturellen Leistungen des Internets sind nicht herausragende Einzelperformances, sondern es ist die exorbitante generelle Erweiterung und Verbreitung von Spielmitteln für kreative kulturelle Leistungen. (Zum Beispiel die Reality-Animation von blublu.) Und wir stehen da noch ganz am Anfang. Noch ist das Internet in seiner Pubertät, mal sehen, was es leistet, wenn es älter und reifer wird. Wenn man sieht, wie leicht neue Ideen per Internet kreiert und propagiert werden, bleibt einem noch heute oft der Mund vor Staunen offen. Wie viel mehr schafft man pro Tag, wie viel mehr Themen kann man verfolgen – und dabei sich so nahe mit Freunden und Gesinnungspartnern vernetzen. In meiner Erinnerung der vor-digitalen (Medien-)Ära war das Arbeiten auch schön und kreativ, aber langsam und oft mühselig.

iPad – mickrige Fernbedienung der Welt

Und an dem Punkt komme ich dann doch noch mal auf Frank Schirrmacher zurück. Überraschend gut sind seine  neuesten Einlassungen zu Apples iPad im FAZ.NET. Droht durch die konzeptionell wohl bewusst so wenig interaktiv gehaltene „Fernbedienung der Welt“, aka iPad, eine neue Generation von digitalen Couchpotatoes – und mit ihnen, eine Passivisierung des Web-Konsums, wie es bislang nur das Fernsehen geschafft hat?

Andrian Kreye bemerkt in seinem Artikel treffend, dass es Steve Jobs mit Apple sichtlich nicht daran gelegen ist, kulturelle Spitzenleistungen zu schaffen – oder auch nur zu ermöglichen. Das war, wenn überhaupt, nur ein hingenommenes Kollateralereignis. Jobs baut Interfaces, mehr nicht . Und jetzt halt auch für die Digital Beginners. (Für kulturell Leistungen ist bei Steve Jobs wohl nur Pixar, die von ihm gegründete Filmfirma, zuständig, die so geniale Werke wie „Oben“, „Wall E“ oder „Ratatouille“ geschaffen hat.)

Hier droht also der ultimative Kontrollverlust. (Richtig bemerkt, Herr Schirrmacher!) Der Paradigmenwechsel wäre schon krass. Aus Apple, dem Lieblingstool der Kreativen, wird eine Marke für die tumben, passiven Medien-Konsumenten, die auch brav für immer wieder neu aufbereitete Inhalte bezahlen. Und der PC, bislang die Inkarnation des tumben Nerd, wird das Tool der kreativen, interaktiven, digitalen Fundamentalopposition. Kurios. Die erste erfreuliche Sicherheitslücke im Windows-System…

Placebo vs. Nocebo


Neu im Psycho-Angebot: Posttraumatic Embitterment Disorder

Die sonst temperamentvoll miteinander konkurrierenden Pharmazeutik-Firmen haben sich doch tatsächlich zusammengetan, um mit vereinten Kräften einem Phänomen auf die Spur zu kommen, das ihre Geschäftsgrundlage zu gefährden droht. Sie finanzieren gemeinsam ein großes Forschungsprojekt, um verstehen zu lernen, wie und warum die Selbstheilungskräfte der Menschen immer besser und wirksamer werden.

Das Dilemma der Pharmazeuten ist, dass in den Blindtests, die für neue Medikamente und Therapien zwingend vorgeschrieben sind, bei denen nebeneinander die neuen Wirkstoffe mit gleich aussehenden, wirkstofffreien Mitteln verglichen werden, die Placebos immer öfter mindest ebenso gut, wenn nicht besser als die Medikamente wirken. Placebos sind sozusagen die neuen Wundermittel. (Wenn das bloß nicht unsere Gesundheitspolitiker spitz kriegen!)

Aber auch hier gilt es zu differenzieren. Placebo ist nicht gleich Placebo. Die Placeboforschung hat bislang unter anderem herausgefunden, wie die Zeitschrift WIRED im September letzten Jahres berichtete, dass gelbe Zuckerpillen gut gegen Depressionen helfen, rote dagegen anregend wirken. Grüne Pseudo-Pillen helfen gegen Angst, weiße gegen Übersäuerung. Und wie im richtigen Leben helfen mehr Placebos besser als weniger. Und Markennamen auf den Fake-Tabletten helfen auch mehr, und je besser die Marken klingen, um so besser.

Die faszinierende Wahrheit dahinter ist, dass die Selbstheilungskräfte der Menschen extrem groß sind. Der Arzt, der mir mal spät abends an der Hotelbar nach der Einnahme von reichlich vielen Tinkturen mit dem Wirkstoff Alkohol vertraulich ins Ohr brüllte, hat anscheinend recht: „97 Prozent der Heilung macht jeder Patient selbst. Nur für den Rest sind wir Ärzte wirklich zuständig.“ Die Patienten sind sich selbst die besten Gesundbeter. Es kommt wohl nur auf den geeigneten Trigger an: Pillen, Nadeln, Coaching – oder auch liebevoller oder strenger – je nach mentaler Prädisposition – Zuspruch. Erinnert sich doch jeder selbst: das Blasen auf Schrammen und Wunden hat in Kinderzeiten doch auch immer prima geholfen.

Nocebo, der Negativ-Placebo

Aber wie das so ist im Leben, der Effekt funktioniert auch umgekehrt. Dann nennt man das den Nocebo-Effekt. (So weit ich mich einnere: nocebo – lat. ich werde schaden.) Und für diesen Effekt sind jetzt weniger Pharmazeutika, sondern eher die immer schlimmer grassierenden Medien-Hysterien und Apokalypse-Szenarien schuld, die so viele Medien für auflagesteigernd halten. Stichwort: Schweinegrippe. Oder Vogelgrippe.

Zu Zeiten vom WIENER haben wir uns dort schon wirksam über Phänomene wie „Pseudo-Aids“ oder das „Waldi-Sterben“ (Umweltschäden bei Haustieren) lustig gemacht. – Was heißt, lustig gemacht. Solche Phänomene waren durchaus medizinisch gut nachweisbar. Leider war mir damals „Nocebo“ noch kein gängiger Begriff – und über Placebos habe ich mich damals noch lustig gemacht. Heute längst nicht mehr.

Ob Behandlung mit farbigem Licht, mit Infrarot, mit Wärme, mit Akupunkturnadeln, mit Globuli oder auch mit Hammermedikamenten. Ich habe alles schon prima wirken gesehen – bzw. selbst erlebt. Ich bin mir aber heute relativ sicher, dass nicht dieWirkstoffe geholfen haben, sondern der Glaube daran. Und da tun sich natürlich hyperkritische Geister schwer. Als im Katholizismus aufgewachsener Mensch (samt Ministranten-Karriere) stehe ich dem natürlich entspannt und aufgeschlossen gegenüber.

Sind wir alle (depresive) Berliner?

Und es hilft in dem Zusammenhang auch in Bayern zu leben. Die Maximen „Wann’s schee macht!“ oder: „Wann’s dann huift!“ waren hier schon immer Volksgut. Nocebos dagegen waren hier seit je her wenig verbreitet. Die wurden, wenn überhaupt, schlimmstenfalls aus dem Norden importiert. Die neueste einschlägige psychische Errungenschaft ist PTED. Die „Posttraumatic Embitterment Disorder“, die posttraumatische Verbitterungs Störung. Dieses Problem, das mit Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Depressionen etc. einher geht, wird vor allem in den USA jetzt bei Menschen, die in der Finanzkrise viel verloren haben (Geld, Job, Perspektive) diagnostiziert. Die American Psychiatric Association diskutiert bereits, ob diese Störung in den offiziellen Diagnostik-Kanon aufgenommen wird.

Erstmals wurde PTED aber in Deutschland, genauer gesagt in den Neuen Bundesländern und dort speziell in Berlin entdeckt. Dort unter den Opfern der Wende, unter Arbeitslosen und in der vom Absturz bedrohten unteren Mittelschicht. WIRED beschließt seinen Artikel in der aktuellen Ausgabe über PTED mit dem schönen Fazit: „We’re all Berliners now.“

Design überall


Auch ein Ergometer kann schön sein: STIL-FIT

Es gibt Produkte, bei denen akzeptiert man kurioserweise klaglos hässliche bis mittelmäßige Gestaltung. Das war lange bei Computern so. Da durchbrach erst Apple den schicksalsergebenen Konsens, dass Apparate praktisch sein müssen, dafür aber nicht schön und schon gar nicht sexy.

STIL FIT SFE09

Eine Produktkategorie, für die diese Haltung bis heute gilt, sind Fitnessgeräte. Sie sollten eigentlich gerne gebraucht werden, damit sie wirklich wirkungsvoll unserer Gesundheit dienen. Denn nur wenn nicht schon vom ersten Moment an das Unterbewusstsein, das subkutan sehr wohl weiß, was schön ist und was nicht, innere Abscheu meldet, wird man gerne und oft die entsprechenden Geräte nutzen.

Wenn man sich heue in den Zahnarztstuhl setzt, genießt man bei den neuesten Geräten wirklich gutes und innovatives Design. Ja selbst Computertomographen sind ansprechend gestaltet. Warum? Sie sollen offensichtlich wenigstens vom Design her Aversionen eliminieren, wenn schon deren Funktion genug einschüchternd ist.

Warum sind dann fast all die Apparate, die unsere körperliche Spannkraft stählen sollen, so stumpf und lieblos gestaltet? Um den einen oder anderen Euro an Produktionskosten zu sparen, werden die schlimmsten gestalterischen Kompromisse eingegangen. Die Bedürfnisse der Kunden sind völlig egal. Und statt zeitlosem Design, was die Idee alljährlich wechselnder (hässlicher!) Geräte unterlaufen würde, wird lieber gesichtsloses Design geboten.

Und der Effekt? Die hässlichen Geräte werden in die Randzonen unseres Habitat abgeschoben: in Keller, auf Speicher, in Ankleideräume und Abstellkammern. Eben dorthin, wo man sich am allerwenigstens oft und möglichst regelmäßig aufhalten will. Entsprechend wenig erfolgreich sind solche Fitnesshelfer. Denn wer nicht zugleich diszipliniert und völlig design-unaffin ist, kann eigentlich solche Geräte nicht dauerhaft nutzen wollen.

Der erste Produzent von Fitnessgeräten, der diesen Circulus vitiosus durchbricht, ist STIL-FIT. Der  Industriedesigner Anton Rief, der schon für verschiedene Hersteller Fitnessmaschinen designt hat, hat diese Firma im Alleingang gegründet, um endlich ohne Rücksicht auf Produktzyklen und Designignoranz großer Hersteller gestalten zu können. Das Ergebnis ist ein wirklich schönes, simplistisches, elegantes Ergometer, das ein Zimmer auch mitten im belebten Wohnambiente eher schmückt .

Das Gerät ist nicht billig (1.380,- Euro), dafür aber effektiv, weil es gerne benutzt wird. Nicht nur wegen des gelungenen, modernen Designs, sondern auch weil es funktioal optimal gelungen ist. Außerdem lässt es sich sogar personalisieren. Da bei den Accessoires bewusst auf Fahrradzubehör hoher Designqualität zurückgegriffen worden ist, kann man sich das Gerät nach eigenen Bedürfnissen und Geschmack individuell ausstatten. Bezug über das Internet über www.stil-fit.com.

Corporate Content


Oder: Wie wächst man in die Herausgeber-Rolle?

Alle großen Firmen investieren heute klaglos in ihre Websites. Da wird auch nicht gespart. Vorausgesetzt es sind Einmalkosten. Für die laufende Betreuung hingegen wird gerne entweder gar kein Etat bereitgestellt oder viel zu wenig. Hier spiegelt sich noch die alte Kampagnen-Mentalität der Werbung wider. Einmal ein kreativer Kraftakt, aber dann muss Ruhe sein – und die Kunden brav kommen und ordern/kaufen/bezahlen.

Diese alte Gewohnheit, über Jahrzehnte im überkommenen Reklame-Business antrainiert, ist heute in Zeiten Digitaler Kommunikation und vor allem Sozialer Netze längst überkommen. Wer heute nicht permanent den Ball spielt, wer nicht kontinuierlich in Kommunikation investiert, wird mittel- und langfristig kaum Erfolg haben. Und in Kommunikation zu investieren heißt, konsequent Monitoring zu betreiben und unermüdlich Content zu produzieren.

Monitoring ist das Marktforschungstool der Gegenwart (und der Zukunft). Macht man das gut und intelligent (ja, dafür braucht es auch Human Brain!), dann erfährt man in Echtzeit und billig was die Kunden bewegt, was sie interessiert und was sie gegenbenenfalls wünschen. Das kann Marktforschung so kaum (mehr) liefern.

Sie kennen das Bild vom Unternehmen als Autofahrer? War Marktforschung immer nur der Blick in den Rückspiegel, anhand dessen man zielgerecht steuern sollte, so ist Monitoring heute mindestens der Blick zum Seitenfenster hinaus, manchmal erhascht man sogar einen Blick zur Frontscheibe hinaus nach vorne. (Und das bei stetig beschleunigender Fahrt!)

Und dann heißt es, auf diese Einsichten zu reagieren. Man muss also selbst kommunizieren, d.h. in letzter Konsequenz Content produzieren. Und der sollte gefälligst so interessant und spannend sein, dass er sein Publikum findet und fesselt. Das funktioniert aber nur mit Inhalten, die nicht glattpoliert und langweilig sind. Jeder erfolgreiche Medienmacher weiß, dass (nur) Inhalte, die Konflikte nicht scheuen, wirklich erfolgreich sein werden.

Um solche Inhalte zu produzieren, vor allem aber zu verantworten und die daraus resultierenden Konflikte ausstehen zu können, braucht es inhaltliche Kompetenz und eine gestandene Persönlichkeit. Oder schlicht gesagt, es braucht Mut. Gute Herausgeber von Medien haben den. Sie wissen, dass Zuschauerinteresse nicht für lau zu haben ist.

Und hier liegt die zentrale Crux von Corporate Content. Die Verantwortlichen für die Inhalte müssen lernen, Herausgeber zu werden, möglichst mutige und ingeniöse Herausgeber. Das ist nur schwer von Managern der mittleren Ebene, die ja noch Karriere machen wollen, zu erwarten. Da muß entweder ein erfahrener Dienstleister oder Fachmann von außen her, oder wenn man es partout selber machen will, muss aus dem Vorstand heraus Ermutigung kommen und klar gemacht werden, dass sich Mut und Entscheidungsfreude auszahlen.

Die neuen Herausgeber


Bratpfannen zu Content! Oder so…

Keine Frage. Gute journalistische Arbeit ist nur gegen (gutes) Geld zu haben. Gerade im Information Overflow ist man froh für jede Justierung von Tatsachen, für jede schlüssige Erklärung und natürlich besonders, wenn Missstände aufgezeigt werden – etwa durch investigativen Journalismus. Aber die Frage bleibt, wer das finanziert. Das müssen nicht zwangsweise Abonnenten von starken Medien (Zeitungen, Magazinen, TV-Anstalten etc.) sein.

RED BULLetin

Warum können das nicht ganz neue Medienanbieter sein. Zum Beispiel so kleine und wendige Neugründungen wie die Huffington Post. Oder warum nicht große Medien-Distributoren wie Vodaphone, die Deutsche Telekom, Verizon, AT&T etc. Warum nicht starke Konsumenten-Marken, die schon heute mehr und mehr Marketingmittel in eigene Medien stecken wie zum Beispiel Red Bull. Vielleicht ist ja investigativer Journalismus bald solch ein waghalsiger und riskanter Job, dass er zu einer Marke wie Red Bull passt (s.a. Red Bulletin).

Oder mal anders herum argumentiert. Wenn Medienunternehmen wie die Süddeutsche, Focus, The Guardian etc. Geld damit verdient, indem sie Wein verkaufen, DVDs oder auch Bratpfannen, warum sollten dann Produzenten von Bratpfannen (oder besser von anderen hochwertigeren Konsumentenprodukten) nicht umgekehrt in Qualitätsjournalismus investieren?

Warum sie das tun sollten? Alle großen Konsumentenmarken haben das Problem, dass sie die direkten Kundenbeziehungen an Amazon, Google und andere verlieren. Warum sollen sie den Kontakt zu ihren Kunden nicht durch gut gemachte Medien – also Journalismus – zurück zu gewinnen versuchen?

Qualitativer Journalismus kostet Geld. Aber die Frage bleibt offen, wer dafür zahlt. Womöglich in Zukunft nicht mehr (nur) der Leser oder Zuschauer. Hier hilft vielleicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Journalismus. Die meisten Zeitungen und Magazine sind entstanden, weil Besitzer von Druckmaschinen einen Weg gesucht haben, ihre Druckpressen besser auszulasten. Dafür haben sie Magazine und Zeitungen gegründet – und Journalisten angeheuert. Alle großen Medienhäuser haben so angefangen. Und warum soll es heute anders sein. Wenn Produzenten einen Sinn in einem Engagement in Medien sehen…

Im Digitalen Zeitalter kann jeder Herausgeber sein. Jeder kann hochqualitativen Journalismus bieten – per Internet. Hans Mustermann ebenso wie große Marken. Und das müssen eben nicht zwangsweise große Medienmarken sein. Entsprechend absurd ist die Vorstellung von Paid Content als einzige Option einer funktionierenden Medienwelt. Medien haben die letzten Jahrzehnte immer davon gelebt, dass sie Marketingvehikel waren. Warum soll auf einmal einzig der Konsument für die Medien zahlen, bloß weil Marketing glücklicherweise heute das Geld nicht mehr in manipulative und impertinente Werbung investiert…

Armeen der Beschleunigung


Unmittelbarkeit und Real Time als Machtmittel

Microblogging-Medien wie Twitter haben Real-Time zur Selbstverständlichkeit gemacht. Auch wenn die Zuwachszahlen schwächer werden, Real-Time, zu deutsch „Unmittelbarkeit“, gehört die Zukunft. Ein schlüssiger Beleg dafür findet sich in dem wunderbar bereichernden Buch „Liquid Modernity“ (schlecht ins Deutsche übersetzt als „Flüchtige Moderne“ – edition suhrkamp): „Heute herrschen diejenigen, die schneller handeln und sich schneller bewegen, die der Momenthaftigkeit der Bewegungen am nächsten kommen. Beherrscht werden hingegen jene, die sich nicht mit der gleichen Geschwindigkeit bewegen können, und noch deutlicher trifft es jene, die ihren Platz nicht verlassen wollen oder ihn nicht verlassen können.

Gegenwarts-Kanarie

Herrschaft besteht in der eigenen Fähigkeit, zu verschwinden, sich zu entziehen, „Woanders zu sein“ und das Recht zu haben, über die Geschwindigkeit zu entscheiden, mit der all das passiert – während man zur gleichen Zeit den Menschen auf der anderen, der beherrschten Seite die Möglichkeit nimmt, ihre Bewegungen anzuhalten oder zu verlangsamen. Der heutige Kampf um die Herrschaft wird ausgetragen zwischen den Armeen der Beschleunigung und der Verzögerung.“

Unmittelbarkeit, Real-Time als Machtmittel, Twitter als Armee der Beschleunigung. Und zugleich ist es ein neues Freiheitsversprechen. Die extreme Verankerung in der Gegenwart, in der Momentarität, schafft Luft und Abstand sowohl zur Vergangenheit („Gott sei Dank, vorbei!“) und der immer unsicheren Zukunft. So wird Unmittelbarkeit als Lifestyle-Attitüde sozusagen das Zeitäquivalent zur heute so hoch verehrten – und hoch wirksamen – Authentizität.