Bigotterie rules


Zwei Göttern sollst Du dienen!

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich ziemlicher Experte in Sachen Bigotterie bin. Wer in einer Reihenhaus-Siedlung des katholischen Siedlungswerkes aufgewachsen ist und eine lange Karriere als Ministrant (bis zum Oberministranten) hinter sich hat, der kennt sich da aus. – Nein, hier kommt kein Bekenntnis für irgendwelche Übergriffe sexueller Natur. Im Gegenteil! Ich habe die Zeit in kirchlich-katholischen Jugendorganisationen nur bestens in Erinnerung. Da gab es damals in den 60-er und 70-er Jahren sogar extrem liberale Patres und Priester, die vor allem eines im Sinne hatten: nachdenkliche, lebensfrohe und offene Menschen zu erziehen. Wenn sie dann auch noch gebetet haben, war es fein. (Haben wir eher nicht.)

Schlimmer war das Alltagsklima in der katholischen Siedlung. Hier war die Selbstgerechtigkeit zu Hause. Da man ja brav jeden Sonntag in die Kirche ging und freitags kein Fleisch aß, konnte man sich sonst jede – wie es so schön hieß – „lässliche“ Sünde leisten. Das reichte von Besserwisserei und Gängelung, übler Nachrede und Tratscherei bis zu Nachbarschaftskriegen mit Stacheldraht zwischen den handtuchbreiten Gärten. War ja nicht weiter schlimm das alles, konnte man ja am nächsten Wochenende beichten, Absolution war garantiert.

Die ganz hohe Schule der Bigotterie ist die Selbstgerechtigkeit. Wenn man aus der Position einer – natürlich vermeintlichen – moralischen Überlegenheit andere abqualifiziert. Den Höhepunkt solch hohler Moralität habe ich aus der Gymnasiumszeit in Erinnerung. Unser geliebter, junger Religionslehrer hatte sich auf dem Faschingsball der Schule als freakiger Militärseelsorger á la M.A.S.H. verkleidet, samt Eisernem Kreuz, das er als 15-jähriger in den letzten Kriegstagen umgehängt bekommen hatte; die sonst sorgsam über seine Glatze drapierten Haare als lange Matte bis auf die Schulter herabhängend nach hinten gekämmt.

In der nächsten Religionsstunde legte sein Chef und zugleich offizieller Religionsbeauftragter des Kultusministeriums mit großer Geste sein Eisernes Kreuz auf den Tisch und wetterte gegen den Nestbeschmutzer soldatischer Ehre und Tapferkeit . Ausgerechnet dieser Religionslehrer, der sein Leben lang im Kirchensinn gegen die Unmoral und für sexuelle Enthaltsamkeit gepredigt hatte, verliebte sich im Jahr seiner Pensionierung dann in seine Krankenschwester, ließ das Zölibat Zölibat sein und heiratete. Ihm haben wir diese Befreiung von sexueller Verklemmung nun wirklich nicht gegönnt…

Giftspritzen im Anschlag

Wer aber Bigotterie nur als typisches Phänomen kirchlicher Kreise vermutet, irrt gewaltig. Der Glauben mag gelitten haben, die Selbstgerechtigkeit und die Bigotterie haben andere Moralinstanzen als neue Heimat gefunden. Die Medien sind voll davon. Der Fall der Bischöfin Käßmann ist da ein gutes Beispiel. Ihren Rücktritt dürften einige schwer bedauert haben, die schon ihre Giftspritzen bis zum Anschlag gefüllt hatten. Das hatten sich die Moraloberaufseher z.B. von BILD sicher anders gedacht.

Ein anderes kurioses Exempel von Bigotterie findet sich in einer Untersuchung der Universität Toronto wieder, über die die Süddeutsche Zeitung berichtet: Menschen, die bewusst Bio-Produkte kaufen, nehmen sich auf der Basis dieser moralischen Überlegenheit dann in Tests durchaus das Recht heraus, ihre Mitmenschen mies zu behandeln. Schlechter auf alle Fälle als Non-Bio-Käufer. „Moral Credentials“ nennen die Psychologen diese irrtümliche Neigung, sich aus der Position einer moralischen Überlegenheit anderswo mehr herausnehmen zu dürfen. Moderner Ablasshandel sozusagen.

Die Herkunft des Begriffes „Bigotterie “ ist strittig. Sie finden sich in der Beschreibung der Normannen in England, die wohl als Christen im Übermaß die Phrase „bei Gott!“ gebrauchten. Ich habe den Begriff immer als „Diener zweier Götter“ missverstanden: dem offiziellen religiösen Gott auf der offiziellen Ebene und dem eigenen Ego und seinem sich selbstständig gemachten Wertesystem. Aber so falsch lag ich damit wohl nicht. Denn Narzissmus spielt hier auf alle Fälle herein: Selbstüberhöhung, Selbstgerechtigkeit und überzogene Selbstwahrnehmung sind die originären Zutaten für Bigotterie.

Gegenmittel Gleich-Gültigkeit

Und damit sind wir abschließend wieder einmal bei unserem Lieblingsopfer gepflegter Häme, dem Außenminister-Darsteller (Zitat Spiegel Online): Guido W. Es ist auch Bigotterie, wenn man seinen Gegnern munter vorwirft, mit Kritik zu verleumden und das auch noch als Schwulenfeindlichkeit abzutun. Wer so denkt, der wackelt bedenklich auf dem Kothurn seines selbst gezimmerten Moral(in)-Systems. So kann man auch als Schwuler schwulenfeindlich agieren.

Ob ich ein Gegenmittel gegen grassierende Bigotterie weiß? – Ich empfehle da dringend Gleich-Gültigkeit. Ein bewusstes und reflektiertes (!) Gleichstellen unterschiedlicher Wertesysteme und dazu eine gesunde Dosis „Demut“, d.h. ein Hintenanstellen persönlicher Wichtigkeit und eigener Interessen. Ist nicht leicht, zugegeben, schon gar nicht für Politiker. Wie das geht hat Margot Käßmann vorbildlich vorgemacht.

Fremdstolz als neue Erfahrung


Lena Meyer-Landrut macht Deutschland stolz 

Wir sind inzwischen in Deutschland schon ganz gut im Fremdschämen geworden. Genug Übung haben wir ja, dank Dschungel- und Casting-Shows, den Selbstentblößungen  der Talk- und Realitysendungen und all dem Schrott des Billig-TV. Spezielle Formate haben sich darauf geradezu kapriziert: Sasha Cohen mit „Borat“ und „Brüno“ und auch „Jackass“ haben es bis ins Kino geschafft – und gerade auch Stefan Raab holt sich die Mehrzahl seiner Gags aus der billigen Schublade der Schadenfreude über mediale Selbstentblößung. 

Lena Meyer-Landrut

Lachen ist schon seit je her eine wirksame und gesellschaftlich akzeptierte Methode, mit unangenehmen und peinlichen Situationen fertig zu werden. Mit solch „operativem“ Lachen werden selbst schmerzhafteste Wahrheiten auszusprechen gewagt und unangenehmste Situationen irgendwie erträglich gemacht. Längst aber ist dieses Lachen instrumentalisiert und zum willkürlichen Belustigungsinstrument degeneriert. Man lacht, weil es peinlich ist, nicht weil witzig. Mario Barth erntet so den Großteil seiner Lachsalven. Man lacht über die Peinlichkeit der anderen und vergisst, dass man auch immer selbst der andere ist.  

Zeitalter der Peinlichkeiten 

Die Gelegenheiten für Peinlichkeiten sind so hoch wie noch nie zuvor. Unser Wissen, unsere Kultur, unser Lifestyle und der Zeitgeist entwickeln sich so schnell und auf so vielen Ebenen gleichzeitig, dass es so gut wie unmöglich ist immer State of the Art zu sein. Entsprechend oft ist man mal peinlich – und noch nie war die Wahrscheinlichkeit so groß, dass solch ein Moment per Foto oder gar Video festgehalten wird. 

Das trifft auf ganz besondere Weise auf die Politiker zu. Bei Lübke ging das los, die erste große Hochzeit erlebte das Fremdschämen bei „Birne“ Kohl. Nach kurzer Pause dank Maßanzüge tragender rot-grüner Koalition häufen sich wieder die Anlässe, sich auch beim Zusehen der Tagesthemen vor Scham unter der Couch verstecken zu wollen. Dazu braucht es nicht allein krass peinliche Situationen. Forsch gelebte Wichtigtuerei und forcierte fehlende Authentizität reichen dazu schon. 

Die Begriffe „Fremdschämen“ oder „Fremdscham“ sind recht moderne Spracherfindungen. Sie sind eigentlich erst nach der Jahrtausendwende in Gebrauch gekommen. Die Sprachschöpfung des „Fremdschämens“ wird ausgerechnet Harald Schmidt, dem letzten „schamlosen“ Spötter und dem in seinen besten Momenten souveränen Tabuverletzer zugeschrieben. (Toll zu dem Thema auch Jan Delays Song „Überdosis Fremdscham“.) 

Bevor dieses plastische Sprachbild in Gebrauch kam, hieß das unangenehme Gefühl, wenn man sich für die Peinlichkeit eines Anderen schämte bezeichnenderweise „narzisstische Scham“. Der narzisstische Effekt ist offensichtlich. In einer Welt, in der allein ICH im Zentrum stehe (was das Ideal jedes Narzissten ist), bezieht sich jede Gegebenheit auf mich. Ist also etwas in meinem Umfeld massiv blamabel, beziehe ich das unvermittelt auf mich – und schäme mich für ihn und über ihn. 

Fremdstolz statt Fremdscham 

Nun zeigt aber ausgerechnet der Großmeister der Fremdscham-Schadenfreude, Stefan Raab, dass die Fremdscham auch noch eine hübsche Schwester hat: der Fremdstolz bzw. das Fremdfreuen. So geschehen in Raabs Eurovisions-Casting „Ein Star für Oslo“. Die Entdeckung der singenden Märchenfee Lena Meyer-Landrut (so heißen Feen in Deutschland nun mal) hat eine seltene Allianz der kollektiven Freude, der kollektiven Sympathie und eines eigenartigen Stolzes ausgelöst. 

Nach dem Sieg der verspielten, phantastischen wie phantasievollen und dabei selbstbewussten Lena war das Presseecho einhellig begeistert. Sogar die BILD, sonst DSDS verpflichtet und dem Springer-allergischen Raab eher in Feindschaft verbunden, schrieb eine Liebeserklärung an Lena. Twitter explodierte fast mit positiven Affirmationen. Auf der Fanwebsite bei Facebook verdoppelte sich die Zahl der Fans innerhalb von 12 Stunden von 13.000 auf 26.000. Lena führt mit ihren drei Songs aus dem Finale binnen Stunden alle Musik-Download-Plattformen an. 

Und das wohlgemerkt mit einer Musik, die so noch nie in deutschen Charts irgendeine Chance gehabt hat. Mit einem schräg-verspielten Auftreten, das sich so – wohltuend – von aller sonst verbreiteten Langeweile unterscheidet, die sich gerne Professionalität nennt. Hier ist ein Phänomen zu beobachten, das ich als „Fremdstolz“ bezeichnen würde. Deutschland ist stolz darauf, dass es hierzulande eine so nette und dabei nie anbiedernde junge 18-Jährige gibt, die wunderschön versponnene Geschichten zu erzählen weiß und deren Sprache so „derb“ bildreich ist. Deutschland freut sich über sich selbst, dass man doch noch nicht verlernt hat, Ereignisse jenseits der Norm gut finden zu können. Die Hoffnung ist: Sind wir nicht alle ein bisschen Lena?

Die Liebe zum Fisch


Die Beschränktheit der Sterneköche 

Ich esse gern, ich koche gern. Sieht man mir teilweise auch an. An meinen entspannten Gesichtszügen natürlich, weniger an meinen überflüssigen Pfunden. Als Genuss-Koch gehe ich auch gerne essen, um neue Anregungen zu bekommen, neue Geschmackserlebnisse zu machen – und natürlich auch aus Genussfreude. Gerne bin ich daher immer in Sterne-Restaurants gegangen. Wohlgemerkt, das gehört der Vergangenheit an. Zum einen überrascht nur noch sehr selten eine wirklich bahnbrechende Kreation. Vor allem aber haben mir die Mit-Gäste in den Edel-Restaurants den Spaß verdorben. Die Attitüde der meisten Gourmets ist einfach fürchterlich. 

"Ma" in Berlin

Entweder sind sie sowieso nur da, um anzugeben. Vor jungen Damen, jungen Kollegen, Businesspartnern etc. Oder sie dokumentieren ihre Wichtigkeit, ihr Bankkonto und ihr Ego. Das führt dann gerne mal dazu, dass man kaum selbst zu einem vernünftigen Gespräch kommt, weil nebenan laut Unwichtigkeiten dröhnend laut erzählt werden. Mögen Sie auch die Menschen, die Geschichten ohne Pointe erzählen, aber immer im Tonfall, als käme eine? Und das Fürchterliche ist, dass man bei solch intelligenzfreien Reden nicht so wirklich weghören kann. Das ist ähnlich wie man auch kaum seinen Blick von einem wirklich häßlichen Menschen wenden kann. 

Der zweite Grund, der mich aus den Gourmet-Tempeln vertrieben hat, ist die Verwöhnung meines Gaumens mit guten Grundzutaten, seit ich so viel mehr Zeit in Italien verbringe. Gute Dinge, einfach und gekonnt zubereitet, schmecken immer um Längen besser als hochexaltierte Kochrituale. Auf den populistischen Nenner gebracht: Italien schlägt Frankreich um Längen. 

Und ich entdecke immer öfter junge Restaurants, die genau diesen Weg gehen. Nicht hoch kandidelter Unsinn wird gebastelt, sondern beste Zutaten werden gekonnt zubereitet. Zwei Beispiele von vielen: Die „Bar Corso“ in München oder das „Heinrich“ in Berlin. Und das Schönste ist, dort ist auch das Publikum viel netter – und der Geldbeutel bleibt auch noch (etwas) geschont. 

Gewürz-Tiraden im TV 

Von solchen Entwicklungen bekommt man in den Massen von Kochshows im deutschen Fernsehen leider gar nichts mit. Dort wird auch mal schnell dahin gesagt, dass man gute Zutaten nehmen sollte oder Bio angesagt ist. Aber kompetent vertiefen will – und kann – das keiner. Wenn man einmal erlebt hat, wie ein extraordinäres Fleisch, wie nicht-industrielles Gemüse ohne alles Gewürzdoping schmecken kann, weil es selbst so viel Geschmack trägt, weil etwa die Tiere würziges Gras zu fressen hatten (und nicht Silage oder Schlimmeres), für den sind Schuhbecks Gewürz-Tiraden nur gequirlter Unsinn, wenn nichts Schlimmeres. 

Wer einmal wirklich eine Alternative zu dem Koch-Gedöhns und Koch-Geschwafel hierzulande erleben will, dem seien Dan Barber und seine Vorträge bei TED ans Herz gelegt. Einmal geht es um Foie Gras, die Entenstopfleber, aus der Barber in 20 Minuten eine Tierfabel aus der realen Welt entwickelt, die einem den Mund wahlweise wässert und/oder offen stehen lässt. Hier ist eben Thema, dass Fleisch längst vor der Zubereitung, nämlich bei der Aufzucht perfekt gewürzt werden kann, in bester Erlebnis-Rhetorik behandelt. 

Noch beeindruckender ist seine Parabel von dem Fisch, den er zu lieben lernte. Hier wird eine real gewordene Utopie einer Lebensmittelproduktion in sämtlichen Details erzählt, die alle Paradigmen der Nahrungsmittelindustrie auf den Kopf stellt. An dem Beispiel einer außergewöhnlichen Fischfarm in Spanien wird gezeigt, wie Nahrungsmittelproduktion in Zukunft aussehen sollte. In diesem Fall ist Naturförderung, nicht mehr Naturverträglichkeit das Ziel. Qualität steht vor Quantität. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist dann nur noch eine unzulässige Untertreibung. Dan Barber erledigt im Vorbeigehen auch noch all das ideologische Blendwerk, das die Nahrungsmittelindustrie in Sachen Welternährung verbreitet. Das Ergebnis: ein Fisch, der selbst bei Zubereitung durch einen mittelbegabten Koch gut schmeckt. 

Der andere Sternekoch 

Die Pointe an dieser Geschichte ist, dass Dan Barber ein Sternekoch ist. Nicht hierzulande, sondern in den USA, im Einzugsbereich von New York. Und seine Erzählweise ähnelt der Zubereitung eines Gourmet-Menüs: nur erstklassige Zutaten, sorgsam zubereitet, mit viel Liebe zum Detail, aber auch dem Blick für das große Ganze. Perfekt gewürzt (mit guten Scherzen) und getragen von einer grandiosen Begeisterung für das Thema Essen und dessen Verträglichkeit mit der Natur. In meinen Worten: Euphorie at it’s best! 

Liebe TV-Verantwortlichen. Alle Lafers, Polettos, Kleebergs und Herrmanns dieser Welt in Ehren. Aber warum muss kochen immer nur Show sein? Warum kann man nicht eine Kochsendung machen, die einem kochen, essen – und vor allem bewusst einkaufen und zubereiten – mit Begeisterung nahe bringt? Im europäischen Umfeld kommt da Jamie Oliver noch am nächsten. In Deutschland gibt es das leider nicht. Tim Mälzer ist dafür einfach zu sehr Proll. 

Das Problem nämlich ist, dass man sich, wenn man wirklich gutes Essen propagieren will, unweigerlich mit der Nahrungsmittelindustrie anlegen muss. Und das wird kein Sternekoch je tun. Dazu ist er viel zu sehr im Wertemuster der Food-Industrie zementiert. Sie können – in des Wortes Bedeutung – nicht über den Tellerrand hinausschauen. 

Der einzige Koch, dem ich so etwas in Deutschland zutrauen würde, ist Tim Raue in Berlin. Das war das einzige Mal, wo ich Sterneküche wirklich inspirierend und lehrreich empfand. im „Ma“ in Berlin habe ich neue Gemüse, neue Geschmackserlebnisse und neue Zubereitungsweisen auf voll mundende Art erlebt. Unter anderem den besten Kabeljau meines Lebens.

Die neuen Gut-Menschen


Facebook –  alles viel zu nett hier?

Ein Blick auf die Riege meiner Freunde auf Facebook. Alles so nette Leute! Kein Wunder, sind ja meine Freunde! Aber im Ernst, so weit man rum kuckt, was immer man liest, alles ist nett, interessant und oft genug überraschend und anregend. (Na ja, fast alles – ich mag Farmville & Co. nicht.) Ich werde den Eindruck nicht los, dass Facebook ein Tool ist, das auf eine ganz kuriose Weise die eher angenehmere Art jedes Menschen zum Vorschein bringt. Es macht nicht bessere Menschen aus uns, aber – mal mutig formuliert – es bringt unsere gute Seite zum Klingen.

Wer kennt das nicht? Eine der eher früheren Erfahrungen in meinem Leben war, wie sehr sich Freunde mit wechselnden Partnern ganz verschieden entwickelten. Mit der einen Freundin waren sie arrogante Dödel, mit der anderen fiese Möppe – und dann plötzlich erlebten sie eine Bekehrung auf ihre beste Seite – mit einer anderen Flamme an der Seite. (Nicht alle sind dann bei der geblieben, komisch!) Es gibt einfach Menschen, die bringen einen dazu, auf der Bandbreite menschlicher Qualitäten, die einem mit in die Wiege gelegt worden sind oder später mühsam dazu erworben sind, die Juwelen, Kristalle und Gemmen zu zeigen, und nicht die dunklen Brocken, das Kryptonit oder andere Giftstoffe.

Und jetzt gibt es eben eine Plattform im Internet, die Ähnliches schafft. – „Ja, ja!“, winken die Facebook- und Web 2.0-Miesepeter da sicher gleich ab. „Alles Heuchelei, alles nur Fassade! Denn wer will denn vor aller Welt seine dunklen Seiten ins Schaufenster stellen.“ Und dann geht es mit den üblichen Vorurteilen und Bedenken weiter: Wenn man dort was Falsches postet, dann begleitet einen das sein ganzes Leben. Arbeitgeber haben nichts Besseres zu tun, als  gnadenlos so lange im Netz zu recherchieren, bis irgendein belastendes Foto zu finden ist. Das falsche YouTube-Video oder die falsche Mucke empfohlen und schon entlarvt man sich psychologisch als labil oder geschmackstechnisch als untalentiert.

Facebook = Digitale Bigotterie?

Ich liebe solch Kritik und Skepsis von Menschen (not!), die kaum selbst mal richtig in die Sozialen Netze reingeschmeckt haben, ganz zu schweigen, dass sie sich ernsthaft darauf eingelassen und vielleicht sogar so etwas wie digitale Euphorie zugelassen haben. Die wollen vielleicht einfach nicht, dass Facebook ihre guten, schönen, sympathischen, netten Seiten betont. Schränkt ja auch sehr ein, zugegeben. Ich jedenfalls finde es eine echte Befreiung, meine positive Seite zu zelebrieren.

Das alles hat mit Heuchelei oder digitaler Bigotterie nichts zu tun. Ein faszinierendes Phänomen ist, dass Netzwerke automatisch dazu neigen, gute Stimmung zu verbreiten. Während es in analogem Ambiente wie S-Bahnen, Warteräumen, Büros oder Kneipen durchaus gelingen kann, eine ganze Fahrt, einen ganzen Tag oder einen ganzen Abend lang nur zu mosern, zu klagen und schlechte Stimmung zu verbreiten, funktioniert das in Netzwerken so gar nicht. Stimmungsmuffel und Miesepeter haben hier auf die Dauer keine Chance. Sie vereinsamen schnell. (Hide-Button sei dank!)

Gerade Facebook ist eigentlich eine einzige große Überraschungs-, Wunder- und Lernmaschine. Dort (und natürlich auch bei Twitter) werden die außergewöhnlichen Momente mit den Freunden geteilt. Fotos, Videos, Links, Ideen, Aphorismen und Sinnsprüche. In den besten Fällen entwickeln Facebook-Poster eine ihnen eigene Poesie in ihren Texten und Fotos. Andere setzen witzige Akzente, wieder andere sind echt euphoriebegabt. In langen Kommentarketten entstehen im besten Fall regelrechte Satire-Perlen – oder auf der ernsten Seite echt hilfreiche Initiativen. Wenn das eine Vorahnung davon ist, wie eine künftige Kultur und der Umgangston der Digital Natives aussehen könnte. Wunderbar.

Die wundersame Welt der Digitalität

Eine andere Sorge formuliert aktuell der Elektrische Reporter im ZDF. In seiner Folge über Digitale Identität wird sich um das Wohlbefinden des hybriden Menschen in sozialen Netzwerken gesorgt. Welche Aspekte seiner vielen Seiten soll ein moderner Mensch aus seiner widersprüchlichen Mixtur von gesellschaftlichen Rollen auf Facebook zeigen? Eine kuriose Sorge. Es macht gerade den besonderen Charme einer Facebook-Identität aus, wenn diese vielschichtig und speziell ist, gerne auch widersprüchlich. Welch ein Irrtum, wenn man Authentizität mit einem monolithischen, vermeintlich klaren Persönlichkeitsbild verwechselt. Oder was für eine kuriose Sorge, dass bei Facebook die „Trennwände zwischen unseren Identitäten“ einstürzen.

Abgesehen davon, dass hier Rollen mit Identitäten verwechselt werden, wird hier überholtes und seit je nur künstliches ein Menschen- und Identitätsbild gezeichnet, wie es die Werbebranche seit Jahrzehnten als Karikatur der Wirklichkeit entwickelt hat. Der vielbesungene Gourmet, der auch mal zu McDonald geht. Das Fashion-Victim, das auch mal bei H&M einkauft. Das waren künstliche Pappkameraden, die – durchaus erfolgreich – an die werbende Industrie verkauft wurden. Aber das korrelierte nie so recht mit den Erkenntnissen aus der aktuellen Psychologie, Sozio-Psychologie oder mit modernen Identitäts-Theorien. Und das charakterisierte wohlgemerkt Menschen in analogen Zeiten und Welten.

Wie das einmal – und diese Zeit kann schon sehr bald losgehen – in einer digitalen Welt aussehen wird, das kann man heute nur in Ansätzen erahnen. Keine Angst, es wird nicht übermäßig cyberhaft aussehen. Das gerade lassen Facebook und Twitter heute schon erahnen. Da herrscht keine TRON-hafte Kälte und keine Cyberpunk-Düsternis, sondern eher erfrischende Offenheit, Konstruktivität und kraftvolle Kreativität. Immerhin erkennt auch der Elektrische Reporter, dass widersprüchliche Menschen nicht mehr in ihrer Widersprüchlichkeit auffallen, wenn jedermann widersprüchlich ist, weil wir nun mal alle widersprüchlich sind – und vielschichtig.

Und das ist der Reichtum, den Facebook zu Tage bringt – und dessen Schätze er täglich schürft. Aus uns – für uns.

Schwarze Sheriffs reloaded


Investigativer Journalismus – Old School 

Es gibt die kleinen Siege in einer journalistischen Karriere. Dies hier ist genau ein solcher. Ich muss der Post-80er-Generation erklären, wer und was die „Schwarzen Sheriffs“ waren. Der Sieg? Sie sind heute Geschichte, man muss sie erklären! 

Michael Konitzer (l.) und Fidelis Mager 1983

 

Die Schwarzen Sheriffs waren ein komplett in schwarzer US-Cop-Montur auftretender, voll bewaffneter, privater Sicherheitsdienst, der in München lange Jahre in städtischem Auftrag in der U-Bahn, im Olympiapark und u. a. um die bayerischen Atomkraftwerken herum patrouillierten. 

Die paramilitärisch trainierte und organisierte Truppe sorgte immer wieder für Zwischenfälle und Skandale bei Übergriffen auf Penner und durch übermäßige Brutalität gegenüber Jugendlichen. Nicht zuletzt wurde auch Schusswaffen-Missbrauch – aus Langeweile – kolportiert. Aber die Schwarzen Sheriffs waren nicht nur deswegen ein „schwarzes“ Tuch. Sie erlangten als Muster für ein umstrittenes privates Sicherheitsunternehmen bundesweite Berühmtheit, besser Berüchtigtheit. Ein Reizthema der post-terroristischen, grünbewegten 80er-Jahre. 

All das natürlich genug Anlass für eine sich kritisch verstehende (Münchner) Stadtzeitung, sich dieses Themas anzunehmen. Um von den normalen, letztlich wenig ergiebigen Archiv-Artikeln wegzukommen und einen eigenen Zugang zum Themenkomplex zu bekommen, hatten wir in der Redaktion in bester Sponti-Manier (Achtung, wir schreiben das Jahr 1983!) auf die Idee, uns selbst als Schwarze Sheriffs zu kostümieren und so „ausgestattet“ auf Patrouille durch München zu gehen. 

Gedacht, getan. Fidelis Mager und ich als Chefredakteur mussten da selbst ran, wir hatten schließlich auch die Idee. Der größte Kostümverleiher der Stadt half uns auf kreative Weise weiter. Schirmmützen der Bundesbahn z.B. wurden schwarz umgefärbt, die Bewaffnung perfekt improvisiert, beispielsweise mit einem schwarz gefärbten Stück Holz, das gar nicht schlecht einen Pistolengriff simulierte. 

So marschierten wir dann zu verschiedenen Gelegenheiten durch das Zentrum Münchens und erlebten ein Stück Realsatire, wie wir sie uns selbst nicht erwartet hatten. Wir erlebten die einschüchternde Wirkung von Uniform und Patrouillen-Attitüde und die kleine Faschistoidität einer Großstadtgesellschaft (der 80er-Jahre) samt Polizeieinsatz gegen die (selbsternannten) Ordnungshüter. 

Link zur Original-Story 

Die komplette Story würde das Format dieses Blogeintrages sprengen. Daher habe ich die komplette Originalstory aus der Novemberausgabe 1983 der Münchner Stadtzeitung hier auf „The Difference“ gepostet. – Viel Spaß beim Lesen! 

Die Geschichte machte Furore. Erstmals berichtete auch die etablierte Presse über diese selbsternannten Journalisten der Alternativ-Presse. Die Auflage stieg, der Mut des Verlegers Arno Hess, der die Geschichte von Anfang an unterstützt hatte, wurde belohnt. Zudem bekamen wir viel Leserecho. Viele neue interessante Episoden von Fehlverhalten der Schwarzen Sheriffs wurden kolportiert. Vor allem aber meldeten sich nun (meist ehemalige) Mitarbeiter der Schwarzen Sheriffs und packten über die Missstände in dem Unternehmen aus. 

Juristisches Nachspiel 

Die Geschichte hatte noch ein kurioses juristisches Nachspiel. Fidelis Mager und ich wurden von der Stadt München, konkret vom damaligen Kreisverwaltungsreferenten (und sich heute gerne links gerierenden CSU-Bundestagsabgeordneten) Dr. Peter Gauweiler verklagt. Eine Verurteilung gestaltete sich mangels geeigneter Gesetze und unserer Vorsicht (keine Waffen) als relativ kompliziert. 

Letztlich wurden wir in erster Instanz wegen unberechtigten Tragens einer Berufsuniform (dabei wurden als Beispiel die Uniform der Taxifahrer und Hotelportiers genannt!) zu einer Geldstrafe verurteilt. In zweiter Instanz wurde das Urteil in eine Geldstrafe auf Vorbehalt (= Bewährung) abgemildert. Der Staatsanwalt entschuldigte sich danach bei uns Verurteilten, dass er das leider auf Druck von oben hatte verfolgen müssen. 

Noch Jahre später wurde ich immer wieder auf die Geschichte angesprochen. Sogar im Urlaub am Strand auf einer einsamen griechischen Insel: „… bist du nicht? …“ Dieses Stück investigativer Journalismus war nicht nur komisch und sonderbar, sondern traf wohl genau den Zeitgeist von damals. 

Und die Story hat bis heute ihre ganz spezielle Rezeptionsgeschichte. Ein häufiger Suchbegriff, mit denen Leser auf „The Difference“ kommen, ist „Schwarze Sheriffs“. Grund genug, diesen Artikel aus der vor-digitalen Zeit hier digital verfügbar – und findbar – zu machen.

Biografische Exit-Strategien


Das Dilemma – wie kommt man aus der Nummer raus?

Einer meiner Lieblingsautoren, wenn es um Action-Filme in Buchform geht, ist Lee Child. Perfekt, wie er das Format seines Helden Jack Reacher und seiner Romane gestaltet hat. Innerhalb dieses klar gesteckten Areals lässt er dann seiner Phantasie und seinem Einfallsreichtum freien Lauf.

Lee Child beschreibt seinen Schreibstil so: Er erfindet eine spannende, außergewöhnliche Situation, in die er seinen Helden aussetzt. Dann lässt er der Geschichte bis zur Mitte des Romans ihren Lauf (und dabei viel Fahrt aufnehmen), und die zweite Hälfte der normalerweise 500 bis 600 Seiten verwendet er dann darauf, einen sinnvollen und befriedigen Schluss zu finden. Normalerweise gelingt es ihm ganz gut, dass sein Held gut aus der Nummer, die ihm sein Autor eingebrockt hat, heraus kommt.

Im realen Leben ist das nicht so einfach. Wer sich da ein falsches Drehbuch geschrieben hat – oder hat schreiben lassen – für den kann es sehr schwer werden, aus seiner Nummer wieder herauszukommen. Exemplarische Beispiele finden sich gerade zuhauf: Riekel, Amerell, Westerwelle… Das Dilemma ist, dass es in der Medienwelt von heute kaum mehr brauchbare Exit-Strategien gibt für Menschen, die sich heillos verrannt haben. Die simpelste und glaubwürdigste Lösung verbietet sich leider von selbst, einfach zu sagen: „Sorry, ich habe mich geirrt!“ Oder: „Wir haben verstanden!“

Es ist ja kein Zufall, wenn jemand in eine prekäre Position (inhaltlich, nicht institutionell) geraten ist. Entweder hat er eine andere Agenda als die Mehrheit der Journalisten – oder schlimmer der Menschen, draußen im Lande. Griffiges Beispiel ist Westerwelles Versuch, die Umfragewerte mit Angriffen auf Hartz IV zu verbessern. Ganz grausam ist es, wenn der Zeitgeist sich so markant dreht, dass es Beteiligte in ihrer Binnenwahrnehmung nicht mehr mitbekommen. Schönes Beispiel Riekel und ihre juristische Replik an Künast. Es geht eben nicht mehr um das verbriefte Recht, mit glitschigen Liebesstories Auflage zu machen, sondern um einen desaströsen Imageverfall von Journalismus und eine schlimme Banalisierung von Politik.

Drei Stationen U-Bahn-Fahrt

Und es kommt noch die persönliche Komponente hinzu. Politiker, Journalisten und Medienprominenz leben alle in einem unguten Kokon, der eine vernünftige Selbstwahrnehmung fast unmöglich macht. Guido Westerwelle missversteht die Zustimmung einer BILD wohl tatsächlich als Lebenswirklichkeit.

Tom Schimmeck bringt das Problem im Interview im aktuellen „Journalist“ (leider – und bezeichnenderweise nicht online!) auf den Punkt: „Wirklichkeitskontakt? Regelmäßige Ausflüge drei, vier Stationen mit der U-Bahn in eine beliebige Richtung? Das wäre ein Anfang, für den man Zeit aufbringen müsste.“ Eine leider nicht mehr praktizierte Exit-Strategie. Da sind schon die Bodyguards vor. (Der letzte passionierte U-Bahn-Fahrer in der Politik war wohl Hans-Jochen Vogel.)

Das zweite Problem ist die psychologische Komponente. Politiker, Journalisten und Medienprominenz stehen ja nicht zufällig im Rampenlicht. Sie wollten ja dort hin. Entsprechend ist ihre psychische Grundausstattung: narzisstisch bis hoch-narzisstisch. Und für einen Narzisst bricht per definitionem eine Welt zusammen, wenn er einen Fehler eingestehen müsste. Falsch: er kann ja gar keine Fehler machen, weil ja großübermächtig. Die Welt ist falsch, nicht er selbst. Aber die Idee, dass sich die Welt ändert, nur damit ein selbst-gerechter Mensch recht behalten darf, ist auch keine gangbare Exit-Strategie.

Ich habe einmal in meinem Leben das Vergnügen gehabt, Jörg Haider zu interviewen. Ich war dafür wohl so gut vorbereitet wie noch zu keinem Interview zuvor. Und ich kann nicht behaupten, dass ich in dem Interview gewonnen hätte. Man kann keinen Pudding an die Wand nageln – und keinen rechten, liberalen Populisten auf eine Position festlegen, um von dort aus mit ihm zu streiten. Die Weltlage ist für solche Menschen ein Konstrukt, das je nach Bedarf und Laune interpretiert werden darf.

Die Frage an Haider, auf die ich vorweg am meisten stolz war, lautete so. „Wenn Sie, Herr Haider, in Afrika geboren wären oder auf dem Balkan, so fit und ehrgeizig wie Sie sind, Sie wären doch der erste, der sich auf den Weg macht, illegal in Europa einzuwandern!“ Haiders trockene Antwort: „Genau vor denen müssen wir uns hier in Europa schützen!“ – Eben.

Die letzte Hoffnung: Genscher oder Neo

Wie also könnte eine funktionierende Exit-Strategie aussehen? Irgendwelche Peinlichkeiten von wegen „Missverständnis“ oder „missverstanden“ schließen sich längst aus. Auch die beliebte Medienschelte ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr glaubhaft: …falsch interpretiert worden…“. Der Gang nach Canossa ist (für Narzissten) sowieso nicht gangbar. Bleibt als einzige Hoffnung Hilfe von außen. Bei Westerwelle: bitte, heiliger Dietrich (Genscher), hilf! Bei Riekel könnten ja Spin-Doktoren des Burda-Verlages hilfreich einschreiten. Bei Amerell? Schwierig, nachdem Kerner jetzt schon mal ausfällt. Collina?

In Filmen, die aus einem Plot nicht mehr vernünftig herausfinden, ist ja der Trick sehr beliebt, dass der Held am Ende aus seinem Alptraum, den er die 90 Minuten zuvor gehabt hat, aufwacht. Fragt sich, wer weckt uns? Neo, Ihr Einsatz bitte…

Die Leichtigkeit des Tuns


Sprezzatura statt Maloche

Italien ist nicht nur das Land, wo Zitronen und Pomeranzen blühen. Es ist das Land, in dem der Stil die vielleicht wichtigste Komponente ist. Wichtig ist für den Italiener, wie etwas nach außen wirkt. Es muss gut aussehen, vor allem aber unangestrengt rüberkommen. Dafür hat der italienische Höfling und Schriftsteller Baldassare Castiglione zur Hochzeit der Renaissance im 16. Jahrhundert in seinem Meisterwerk „Il libro del Cortegiano – das Buch des Höflings“ einen speziellen Begriff geprägt: Sprezzatura.

Baldassare Castiglione

Der Terminus ist eine kecke Umkehrung eines eigentlich negativen Wortes „Verachtung“ ins Positive. (Danke dafür an das Sprachlabor der SZ.) Es beschreibt eine besondere Leichtigkeit des Tuns, eine Arbeit ohne Anstrengung, dafür mit Eleganz, Elan und Grazie. Also alles Eigenschaften, die Italienern sehr wichtig sind. – Man sehe nur einem wirklich guten italienischen Kellner zu und dann versteht man sehr gut, was Sprezzatura meint. (Wenn man diese Leistung nicht achtet, erlebt man sehr schnell die ursprüngliche Bedeutung des Wortes sprezzare = verachten!)

Der Begriff erlebt zur Zeit vor allem im englischsprachigen Bereich eine echte Renaissance. Er ziert Firmennamen (aus der IT-Branche!) und findet sogar im Marketing seine Verwendung. Selbst Marketing-Guru Seth Godin begeistert sich für den Begriff und stellt ihn als Beschreibung für einen vorbildlichen Stil, vor allem von Dienstleistern. Je lockerer und selbstverständlicher sie rüberkommen, dabei aber zugleich dynamisch und authentisch, desto erfolgreicher sind sie. Erfolgreich, weil das ein Unterscheidungsmerkmal ist – weil das so nur einige hinbekommen, erfolgreich aber auch, weil solch einem Service zuzuschauen Spaß macht – und nie ein schlechtes Gewissen.

Als negative Alternative zu Sprezzatura setzt Godin das Malocher-Image. Tennisspieler, die beim Ballwechsel stöhnen, oder Dienstleister, die einem unablässig erklären, wie schwer sie ees haben. Ich habe vor Jahren meinen Zahnarzt gewechselt, der zwar beste Arbeit geleistet hat, aber die langen Momente, in denen mein Mund aufgesperrt und mit Watte ausgepolstert war, dafür missbraucht hatte, mir seine Leid und sein schweres Dasein zu klagen. (Die Praxis lag wohlgemerkt in der Münchner Maximilianstraße!) Mein Freund Pius, der jetzt das Unvergnügen hat, meine Zahnarzt-Dysphorie zu ertragen, hat dafür echte Sprezzatura. (Weiß er bloß – noch – nicht.) Der erzählt nur über schöne und nette Dinge.

Jenseits von cool und stylish

Der Begriff Sprezzatura hat echte Zukunftschancen. Das Wort „cool“ ist abgenutzt und zu vielseitig missbraucht. Worte wie „elegant“ oder „galant“ wirken eigenartig antiquiert ohne wirklich Retro-Charme zu haben. „Stylisch“ ist heute fast schon ein Synonym zu billig und cheesy. Also bedienen wir uns doch lieber eines italienischen Begriffs. Er spricht sich frisch (mit leichtem Pellegrino-/Prosecco-Effekt), er ist unverbraucht und hat spürbaren Trend-Appeal.

Abzuwarten ist, wie sehr sich der Begriff auch für ein neues, klares, aber nicht so Apple-iPod-kaltes Design durchsetzen können wird. Hier ist schon seit langem ein Suchen nach einem Begriff zu beobachten, der jenseits von cool, simplistisch oder reduziert den Widerspruch von klaren Linien und dennoch spürbarer Emotionalität auflöst.

Dasselbe Dilemma haben auch Marken, die den Bogen zwischen Stil und der Begabung, Menschen wirksam dienen zu können, wirksam spannen möchten. Denn nur Dienstleister, von denen man nicht das Gefühl hat, dass sie demnächst einem Helfer-Syndrom anheim fallen werden, werden in Zukunft eine Chance haben. Ihnen ist eine gute Dosis „Sprezzatura“ dringendst zu empfehlen. Fachberatung dafür gibt jeder Chefkellner beim Qualitäts-Italiener der Stadt sicher gerne. Oder fragen Sie mich…

Berufskrankheit Zynismus


Die „Bunte“ und ihre Politikerüberwachung

Der Journalismus fördert allzu oft eine schlimme Gemütskrankheit: den Zynismus. Definieren wir diese Berufskrankheit hier einmal als fatale Wirkungskette einer
●  rabiaten Entwertung aller Werte
●  diebischen Freude über die daraus entstehende Freiheit
●  Missbrauch dieser zur Gewinnung skandalöser bis komisch-absurder Situationen
●   und das ohne jeden Versuch eines irgendwie gearteten neuen Werteüberbaus. – Es sei denn, man will eine Auflagenzahl oder damit verbundenes Renommee oder Gehalt als Wert missverstehen.

Ich tue mir leicht, über Zynismus zu schreiben. Ich war auch schon schwer von dieser Mismundialität angekränkelt. Ein verständlicher Kollateralschaden in einem Berufsstand, der sein seelisches Gleichgewicht zwischen Urzweifel (das leere Blatt) und Hybris und Narzissmus (das gefüllte Blatt) zu finden hatte. Und in einer vor-Digitalen Zeit, als man noch Texte linear per Stift oder Schreibmaschine zu Blatt zu bringen hatte, war der Triumph eines gelungenen Textes immens. Und er wurde nie von irgendwelchen Nutzungszahlen, Bewertungen oder gar User-Kommentaren geschmälert. (Das ist erst heute der Fall und ein massives Problem für alle Berufs-Zyniker.)

Der zweite große Auslöser von Zynismus ist die tiefe Enttäuschung und die herbe Frustration, dass man als Journalist so oft mehr weiß als man schreiben darf oder kann. Weil politischer Druck entgegen steht, persönliches Desinteresse eines Vorgesetzten, die Recherchelage zu dünn ist – oder schlicht das Publikum (angeblich) nicht daran interessiert ist. Daran geht schnell einmal der glühendste Idealist – buchstäblich – vor die Hunde. (Zynismus leitet sich vom altgriechischen κυνισμός ab und meint „Hündischkeit“ – oder etwas charmanter „Bissigkeit“.)

Ich habe recht – und du bist doof

Das einzige halbwegs wirksame Mittel gegen diese Gemütsverkümmerung ist die Recherche. Je besser und je erfolgreicher sie ist, desto besser kann man Fakten sprechen lassen und um so weniger muss man Meinungshuberei betreiben. Auffallend ist, dass die besten und fleißigsten Rechercheure selten Zyniker werden. Wer es mit der Recherche nicht so hat, dem bleibt dann nur die gepflegte Hybris und dessen häßliche Schwester Zynismus.

Kurt Kister, der Großmeister des reflektierten Zynismus, hat so unrecht nicht, wenn er, wie jetzt in der SZ am Wochenende, sich selbst zitiert: „Irgendjemand, es könnte der Autor dieser Kolumne gewesen sein, hat einmal gesagt, „Politik“ komme aus dem Griechischen und bedeute auf Deutsch so viel wie „ich habe recht“, wohingegen „Feuilleton“ aus dem Französischen stamme und sinngemäß übersetzt „ich habe recht und du bist doof“ heiße.“ – Leider trifft letzteres beileibe nicht nur auf Feuilleton-Journalisten zu, sondern auf eine valide Grundmenge, vor allem der Edelfedern.

Die hohe Schule der Recherche und ein besonders geeignetes Gegenmittel zum Zynismus ist der investigative Journalismus. Auch den habe ich ja lange Jahre betrieben und nicht nur für hehre, schwere  Themen, sondern bisweilen auch zum Amüsement aller Beteiligten, Journalisten und Leser. Aber immer steckte bei diesen Recherchen unter Einsatz der eigenen Person wenigstens ein Mehr an aufklärerischem Ehrgeiz als zynischem Vergnügen. Vor allem aber war damals – in den 80-ern und 90-ern – die Tabuzone klar definiert: die Privatsphäre der Recherche-„Opfer“. Nur was wirklich gesellschaftlich – oder nennen wir es „politisch“ – relevant war, wurde auch geschrieben, alles andere (und das war viel!) blieb unter Verschluss.

Politik mit A-Politischem

Aus dieser Position entsetzt die Recherchepraxis der „Bunten“. Da wird ganz gezielt nur im Privatleben recherchiert – und das dann auch noch an Detektive outgesourct. Die können ja gar nicht irgendwelche inhaltliche, sprich journalistische Relevanz einschätzen. Sollten sie wohl auch nie. Es ging nur um Bettgeschichten und deren vermeintliche Leserattraktion.

Wir wissen, wie gerne und erfolgreich mit Bettgeschichten Politik gemacht wird. Ein seriöser Politiker wie Theo Waigel wird so ganz berechnend abgeschossen, ein nicht so seriöser wie Horst Seehofer zumindest angeschossen. Willy Brandt ist der Jagdmeute nur durch Rücktritt entkommen. Andere haben ganz kregel überlebt: Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder auch Christian Wulff.

Darum geht es der „Bunten“ aber wohl kaum. Hier werden viel mehr die schon fast pubertären Erotik-Phantasien verklemmter Medienmacher ausgelebt. Wer sich mal ein paar Tage im Kreis verdienter Journalismus-Kollegen bewegt, bekommt massenhaft Tatsachen und Fakten erzählt, die bei Licht besehen nur Tratsch und Gerüchte sind. Der treibt es mit der, diese mit jenem. Der ist schwul und diese Lesbe. Diese Ehe ist im Eimer, jener ist jener hörig. Und alles ist so belanglos, und wenn es denn stimmen würde, dann nur reinste Privatsache der Beteiligten.

Die Idee, dass Oskar Lafontaine etwas mit Sarah Wagenknecht haben könnte, ist solch ein typischer Wunschtraum permapubertierender Berufszyniker. So sehr Klischee, dass es weh tut: die Linke, ein Sündenpfuhl! Solche Dümmlichkeiten verbietet sich mindestens seit den 60-er Jahren selbst die CDU ! Und selbst wenn es wahr wäre, so what? Wenn einer nie einen Hehl aus seiner Genussfreude gemacht hat, dann Oskar. „Und das ist gut so!“ – um es mal mit Klaus W. auszudrücken.

Aber der Verdacht liegt schon nahe, dass hier die „Bunte“ hunderttausende von Euro für inhaltliche Banalitäten einer Liaison, und sei sie erotisch, ausgegeben hat, damit vielleicht anderswo mit diesen Fakten, Fakten, Fakten Politik zu machen versucht wird. Die Attacke des „Stern“ zielt doch sicher nicht nur auf ein so niedliches journalistisches Schoßhündchen, wie es die „Bunte“ nun mal ist. – Ach ja, apropos Zynismus, das Hündische – ist es nun schon so weit? Dog eat dog!

Bullshit / Unendlichkeit / Dummheit


Über die Dummheit

Meine Erinnerung an Robert Musil machte mich auf ein kleines Pamphlet aus seiner Feder aufmerksam: „Über die Dummheit“ (Alexander Verlag Berlin). Ein Abdruck einer Rede, die Robert Musil 1937 (!) vor dem Österreichischen Werkbund gehalten hat. Es ist die Ausformulierung seines 1931 formulierten köstlichen Bonmots: „Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.“

Das Büchlein, gerade mal 63 knappe, in großen Lettern gedruckte Seiten dick, liest sich teilweise amüsant – und hält einige Perlen bereit. Etwa die Schilderung einer damals wohl bekannten Dame, deren Beschränktheit Musil so beschreibt: „Sie spricht viel von sich, und sie spricht überhaupt viel. Sie urteilt sehr bestimmt und über alles. Sie ist eitel und unbescheiden. Sie belehrt uns oft. “ Es muss der Zeitgeist sein, der mir bei dieser Beschreibung das Bild eines Mannes mit gelben Haaren vor Augen brachte.

Das Gefühl von Unendlichkeit

Und hier fällt mir spontan mein Lieblingszitat von Ödön von Horvath ein: „Nichts vermittelt einem so sehr das Gefühl von Unendlichkeit, wie die Dummheit.“ Eine Beobachtung, die Horvath mit Albert Einstein teilt. Dessen Seufzen über menschliche Denkdefizite klingt ähnlich: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit; aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Das Schlimme an der Dummheit des 21. Jahrhunderts ist, dass die Dummheit immer lauter wird. Da keiner mehr als dumm gelten will (siehe Musil weiter oben), wird alles dafür getan, nicht dumm zu wirken. Lautstärke scheint da immer ein geeignetes Mittel zu sein. Dummerweise fällt Dummheit um so mehr auf, je lauter sie daher kommt. Und auch der Versuch, dann wenigstens die Rolle eines weniger Dummen spielen zu wollen (siehe hierzu „Darsteller der Wirklichkeit“), funktioniert sehr selten. Eine falsche Geste, ein falscher Mucks, und schon platzt der Ballon der Mimikry .

Notorische Dummheit

Mein Plädoyer geht bei diesem Thema aber in eine andere Richtung. So wie wir gelernt haben, dass es nicht die Intelligenz, sondern eine riesige Bandbreite davon gibt: emotionale Intelligenz, soziale Intelligenz, mathematische, geometrische, memnotische und was es sonst noch alles gibt – so sollten wir auch bei der Dummheit solch kluge Kategorisierungen vornehmen. Soziale, finanzpolitische, politische, strategische, notorische, emotionale Dummheit etc. – Und da kommen wir ganz schnell im Bereich der menschlichen Unreife an. Genauer gesagt, zu meinem Lieblingsthema Narzissmus.

Diese in pubertären Zeiten absolut sinnvolle, später aber für die (Um-)Welt eher schmerzhafte Persönlichkeitsstörung ist für mich heute der Ursprung der allerschlimmsten Dummheiten. Der Allmachtsgedanke des Narzissten schaltet von vornherein allen Zweifel und alle Reflexion aus. Beste Voraussetzungen für Dummheit jeden Kalibers. – Am häufigsten findet man das dort, wo Narzissmus berufsbedingt vorkommt, wo Macht per se das vorrangige Berufsziel ist. Im Top-Management und vor allem in der Politik. Dort lässt man sich ja hinwählen, weil man berufsmäßig immer recht hat.

About bullshitting

Wer dieses Thema vertiefen mag, dem sei folgende kleine Perle geschliffenen Philosophie-Unsinns empfohlen: „On Bullshit“ (Princeton University Press) von Harry G. Frankfurt, einem emeritierten Philosophie-Professor der Princeton University. Seine Analyse des Bullshitting bei Politikern ist sehr präzise: „Bullshit is unavoidable whenever circumstances require someone to talk without knowing what he is talking about. Thus the production of bullshit is stimulated whenever a person’s obligations or opportunities to speak about some topic exceed his knowledge of the facts that are relevant to that topic. This discrepancy is common in public life…“

Professor Frankfurt bietet auch leider nur wenig Trost. Ernsthaftigkeit als Heilmittel gegen Bullshitting ist für ihn auch keine Lösung: „Sincerity itself is bullshit!“ Und selbst Konfuzius hilft hier nicht recht weiter. Zitat: „Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern.“

Das tiefe Tal des gedanklichen Mülls

Jetzt hat sich zudem mein Lieblings-Blog „ribbonfarm“ mit dem epochalen Werk von Harry G. Frankfurt auseinandergesetzt. Natürlich aus aktuellem – amerikanischem -Anlass. Denn die Masse an Bullshit, von lautem, ja offiziellem und machtvollen Bullshit war noch nie so groß wie heute. Der Versuch eines Trosts ist da sehr speziell: Vielleicht müsse man erst ein tiefes Tal von Bullshit (und Fake News) durchwaten, bis man neue Höhen von Wahrheit und Brillianz erleben darf.

Auch Musil tröstet am Ende seiner Rede über die Dummheit: „…einen Schritt (weiter) und wir kämen aus dem Bereich der Dummheit, der selbst theoretisch noch abwechslungsreich ist, in das Reich der Weisheit, eine öde und im allgemeinen gemiedene Gegend.“ Also amüsieren wir uns halt weiter wie doof…

Stilvoll in die Nische


PrintPlus-Innovation Summit in München

Wenn schon etwas zu Ende gehen muss, dann bitte wenigstens stilvoll. Das war schon das Motto des Salon-Orchesters auf der Titanic. – Nein, mit solch einem Vergleich tut man der Print-Branche und ihrem ersten vollmundig getauften Kongress „Innovation Summit 2010 – PrintPlus – The Future of Publishing“ ein wenig unrecht. Die von der w&v und TrendONE veranstaltete Veranstaltung hatte grundsätzlich den richtigen Ansatz, gute Themen und auch einige gute Vorträge. Nur ob den Teilnehmern aus dem Print-Business  – Druckereien, Softwareanbieter, Agenturen und recht wenige Zeitungs- und Zeitschriftenproduzenten – das so bewusst war, ist nicht ganz klar.

Los ging die Veranstaltung am 25.2. in München mit einem Vortrag von Dr. Mercedes Bunz, die von ihrer Biographie prädestiniert für diese Veranstaltung war. Die Mitgründerin von De:Bug, dem Printmagazin (!) zur Digitalen Kultur, ist inzwischen über die Leitung der Online-Redaktion des Tagesspiegel zum Media Editor des Guardian avanciert. Gut ihr Hinweis, wie schwer sich das von den Verlagen weithin abgeschriebene Print-Business mit Innovationen tut. Hier fehlt Mut, Entschlusskraft – und vor allem Budget, um etwas Neues zu wagen. Was das aber sein könnte, das blieb zunächst eher im Dunklen.

Schade, dass Bunz in ihrer Argumentation für eine Selbstermutigung des Print stets Redaktion, Content und Produkt quasi als Synonyme gebrauchte. Mit solch unscharfer Prämisse muss jeder sinnvolle Ansatz einer Zukunftsvision für Print und dafür tauglicher Business-Modelle scheitern. Dabei deutete ihr Aufruf, auf Papier gedruckte Medien im Premiumbereich anzusiedeln, in die richtige Richtung. Motto: Zeitung als Juwel! Aber Dr. Bunz scheute geflissentlich, unangenehme Wahrheiten zu verbreiten.

Beifall für brutale Wahrheit

Das tat dafür dann um so treffender, kompetenter und dabei noch mit polnisch-englischen Chaos-Charme  umso netter der Zeitungsdesigner Jacek Utko. Sein Vortrag war sowohl optisch, rhetorisch als auch vor allem inhaltlich ein echtes Highlight. (Die Kurzfassung davon kann man als TED Talk genießen, und auch sein Blog ist mehr als lesenswert!) Ganz exzellent ist Utkos Arbeitsansatz beim – erfolgreichen – Redesign von Zeitungen und Magazinen. Erst widmet er sich mindestens sechs Wochen der Leserstruktur, dem Content, dem Businessmodell und vor allem dem Team der Zeitung, bevor er mit ihm zusammen ein neues, wirtschaftlich tragfähiges Produkt schafft, das er erst abschließend neu – und sehr mutig plakativ neu designt.

Ganz am Ende seines perfekten Zehnpunkte-Programms einer erfolgreichen Revitalisierung eines Print-Produktes spricht er die brutale Wahrheit über das Printbusiness explizit aus: „Ich sehe keinen einzigen Grund, warum auf Papier gedruckte Medien noch irgendeine Rolle im Bereich der Massenmedien spielen sollten.“ Aber solch einen schmerzhaften Satz spricht er so verbindlich und charmant aus, dass das Auditorium tatsächlich dafür auch noch herzlich Applaus spendet. – In dem Moment war der Gedanke an das Orchester auf der Titanic unausweichlich…

„Gutes“ Geld vor der Nische

Aber wie recht Utko hat! Print hat seine Zukunft, unbestritten. Aber eben nur in der Nische. Etwa als Fetisch für Bildung, Wissen, politisches Interesse, an Kultur oder Kunst, an Bildern und Fotografie und Sonderinteressen. Meinetwegen auch als Juwel. – Und bis das so weit ist, kann man doch trotzdem gute und schöne Zeitungen und Zeitschriften machen und auch noch ein Zeitlang „gutes Geld“ damit verdienen, wie Peter Würtemberger von Springer nicht müde wurde im Diskussionspanel mit Florian Haller (Serviceplan), Boris Schramm (GroupM) und Joachim Tillessen (Presse Coop, CH) zu betonen. – Fragt sich: wer verdient dann „schlechtes Geld“? Google?

Auch die Diskussionsrunde war sich implizit einig, dass es mit Print als Massenmedium nicht mehr sehr lange gut gehen wird. Der Weg in die Nische war kaum widersprochen. (Nur die Schweiz und Coop scheinen auf einer „Insel der Seligen“ – Zitat Würtemberger – zu leben.) Interessant aber zu erfahren, wie kompliziert noch immer der Buchungsvorgang von Anzeigen im Printbusiness ist. Ein weiterer Nachteil im „Effizienzdilemma der etablierten Medien“ im Zeichen der „Digitalisierung der Planungsprozesse“ (Schramm).

Wie sich die Printmedien in der Nische künftig aufhübschen können bzw. als Initial- und Steuerungs-Plattform für Digitale Medien reüssieren können (Augmented Print), wurde in eindrucksvollen, wenn auch eher techno-naiven Präsentationen gezeigt. Da irrlichterten (sic!) lustig flockig neue Catchwords durch den Raum: Augmented Reality, 3-D-Druck, 3-D-Animation, Printed Electronics, OLED/AMOLED, 5-Sense-Print, Transactive Print, Illuminated Print, Hybrid Publishing, Mobile Augmented Reality… Motto: Just name it!

Der Leser ist unwichtig?

Eine analytische Einordnung all dieser Phänomene, jedwede soziologische, business- oder bedarfsorientierte Analyse all dieser neuen Zukunftsoptionen schenkte man sich komplett. Auffallend auch, dass den ganzen Tag eine nicht ganz unwichtige Komponente der Zukunftswelt der Medien gar nicht vorkam: der Leser aka User und seine Bedürfnisse. Der scheint in dem Spiel irgendwie völlig unwichtig zu sein. Der darf nur kaufen und zahlen. Aber wie Businessmodelle – ob Nische oder nicht – funktionieren sollen, ohne auch nur die blasseste Ahnung von den Bedürfnissen und den sich derzeit dramatisch ändernden und „partikularisierenden“ Rezeptionsgewohnheiten etwa der Digital Natives zu haben, das bleibt unerklärt.

Ein lustiges Panoptikum an Optionen ohne jede Analyse, ohne jede Bedarfsorientierung, ohne jede gesellschaftliche und soziale Einordnung, das kann auch in der kleinsten Nische nicht funktionieren. Vorschlag für die nächste Folge des Kongresses: Print PLUS Leser, Medien PLUS User!