Das blanke Handgelenk


Die Entzeitlichung der Zeit

Es passiert immer öfter, dass man von jungen Menschen angehauen wird. Nicht um Geld, sondern um Zeit: „Wie spät ist es denn?“ Nicht dass diese Jugendlichen und Jung-Erwachsenen nicht das Geld hätten, sich eine Uhr zu kaufen. Vor allem, seit diese auch schon für wenige Euro zu haben ist. Ja nicht einmal, wenn sie das Geld hätten, sich teure, schicke Uhren zu leisten, sie würden darauf verzichten.

Uhren sind uncool. So wie offene Schnürsenkel und unter dem Hüftknochen platzierte Hosen signalisieren, ich bin cool, ich werde nie einen eilenden Schritt tun, entsprechend zeigt das Fehlen einer Uhr, dass man sich nicht von der Hektik unserer Konsum-/Medien-/Geschäfts- und Arbeitswelt tyrannisieren lassen wird. Das blanke Handgelenk als schicke beiläufige Geste des Protests gegen den Status Quo.

Die amerikanische Vordenkerzeitschrift “The Atlantic“ sorgt sich daher schon darum, dass in jungen Kreisen die übliche Handgeste, wenn man auf das Handgelenk deutet, um stumm nach der Uhrzeit zu Fragen, nicht mehr funktioniert: „Was will er, wenn er dahin zeigt? Hat er Schmerzen im Handgelenk?“

Ohne Zeit keine Leistung

Sehr schön wird im Artikel im „Atlantic“ die Historie der Chronisierung und Mechanisierung der Zeit skizziert. So gesehen sind Uhren und deren Zuwachs an Macht ein Synonym für unsere Industriekultur, den Kapitalismus und das Leistungsprinzip: Leistung = Arbeit x Zeit. Was für eine Perspektive. Auf der einen Seite geht uns die Arbeit aus – und nun vaporiert auch noch die Chronologie. Wie soll sich dann Leistung noch lohnen, Herr Ackermann?

Ich bin nun ein Vielfaches zu alt, um so cool sein zu können wie die uhrlosen jungen Leute, ja auch alt genug, um es nicht mehr sein zu wollen. Trotzdem trage ich keine Uhr. Zum einen hat mich noch nie die Idee fasziniert, den Gegenwert eines Gebrauchtwagens oder gar eines Kleinwagens am Handgelenk spazieren zu tragen. Es war mir schlicht körperlich unangenehm. Warum sollte ich die Manschetten meiner Hemden hoch krempeln, um dann trotzdem noch immer kein freies Handgelenk zu haben? Und ein nettes, kluges oder witziges Wort schmückt allemal mehr als eine dicke Rolex (& Konsorten).

Entspannter Umgang mit Zeit

Jetzt ist mein Handgelenk wieder nackig, denn ich brauche längst keine Uhr mehr. Es gibt genug rundum. Im Arbeitsumfeld sowieso oder etwa am Computer, aber auch massenweise im öffentlichen Raum. Spätestens seit das Smartphone unabdingbar ist, weiß zumindest ein Apparat, den ich bei mir trage verlässlich, wie spät es ist. Das ist die rationale Seite der Geschichte. Aber steckt nicht auch ein Körnchen Attitüde dahinter? Wahrscheinlich.

Ich bin nicht der Einzige meiner Generation, der bewusst auf einen Zeitmesser verzichtet. Professor Karlheinz Geißler, seines Zeichens Zeitforscher, tut das ebenso, wie er in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Sein Argument für den Uhrenverzicht ist ein entspannteres Verhältnis zur Zeit. Um nicht zu spät zu kommen, ist er häufiger früher da und nutzt die verbleibende Zeit, und gesteht aus dieser entkrampften Haltung jedem Menschen auch zu, zu spät zu kommen – und definiert das als Höflichkeit. (Daran kann ich noch arbeiten.)

Wir Händler der Zeit

Den wichtigsten Punkt aber streift er nur kurz: Die Uhr als Taktgeber unserer Gesellschaft hat längst ausgedient. Wir sind nicht mehr Sklaven der Taktung nach Stunden und Minuten, wir sind inzwischen auf der nach oben offenen Skala der Souveränität zu geschickten Händlern und Kaufleuten der Zeit aufgestiegen. Wir verabreden uns nicht mehr zu festen Zeiten, sondern nur unverbindlich in groben Zeitrastern, um dann die Details on the fly, bzw. via air per Handy aktuell vor Ort zu verhandeln: „Wo bist du gerade? – Ich bin hier. – Kommst du die nächste halbe Stunde vorbei?“

An der Deflation der Zeit ist (natürlich!) auch die Digitalität schuld. Seitdem wir uns Dinge jederzeit und überall zu Gemüte führen können und wir uns nicht mehr zu fixen Zeiten vor Radios versammeln müssen, um Musik zu hören oder vor TV-Geräten, um Nachrichten zu erfahren oder eine Sendung zu sehen, ist die Zeit beliebiger geworden.

Die befreite Zeit

Zugleich ist die Zeit immer unverbindlicher geworden – und sie wird es durch unseren Umgang mit der Zeit immer noch mehr. In einer globalen Welt, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr (!) 24 Stunden lang ohne inne zu halten funktioniert, ist die Zeit quasi deflationiert. Wir haben immer weniger davon, sie ist (uns) aber trotzdem immer weniger wert.

Das fällt am meisten auf, wenn die Zeit einmal völlig außer Kraft gesetzt ist. Fragen Sie Ihre Freunde oder Kollegen, die beim Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull  irgendwo in der Welt gestrandet sind und nicht mehr weiter kamen, wie sich das anfühlt. Erst unangenehm, dann rundum befreiend.

Evolution der Zeit

Und hier ist der nächste Schritt der evolutionären Entwicklung der Zeit zu erahnen: Über Zeit entscheidet nicht mehr die neutrale, von Wissenschaftlern definierte Zeit von Minuten und Stunden, Tagen und Jahren, sondern unser ganz persönliches Verhältnis zur Zeit. Jeder kennt das Gefühl, dass sich die Zeit verdichtet, wenn etwas interessant ist und wie sehr sich Zeit verdehnen kann, wenn dem nicht so ist.

Je mehr wir autonome Personen werden, die sich nicht von einer ideellen oder orologischen Taktung des Lebens tyrannisieren lassen, desto mehr werden wir Herrscher unserer Zeit. Und je mehr sie sich dabei verdichtet, desto wichtiger wird der Augenblick – und desto nebensächlicher wird Vergangenheit – oder wird jedes bange machen vor der Zukunft unwahrscheinlich.

Die Augenblicklichkeit – also der Genuss des Hier und Jetzt ist doch eine wunderschöne Vision. – – – Vor allem hier und jetzt, während ich mit dem Zug nach Süden fahre…

Aber halt, ich bin ja schon da und muss aussteigen… – die Zeit ist wie im Flug im Zug vergangen…

P.S.: Jetzt hat auch Spiegel Online das Thema aufgegriffen: „Der digitale Schwarm“.

Zoe’s World


Ein Blick in die Zukunft

Besuch in Berlin. Eine ganz normale U-Bahnfahrt Richtung Uhlandstraße. An der Haltestelle steigt ein Vater mit seiner kleinen, süßen Tochter im heute üblichen Sportbuggy ein. Das Einrangieren dauert in der Enge der Berliner U-Bahn. Das Kind, leise durchgerüttelt, gibt lustige Laute unter seinem Schnuller von sich. Klingt irgendwie wie „eipot, eipot“. Allmählich wird das zur klaren Forderung: „ipod!“ „ipod“

Wir haben uns nicht verhört. Tatsächlich gibt der Papa der kleinen Tochter einen iPod in die Hand. Sie nimmt das Teil zufrieden und fachmännisch, sucht sich in aller Ruhe ihr Lieblingsprogramm – scroll rauf, scroll runter – und fängt an zu spielen. Sichtlich mit großem Vergnügen und in aller Ruhe.

Alle herum staunen und schauen fasziniert dem Kind zu. Und irgendwann drehen sich die Köpfe auch in Richtung Vater. Der kennt das wohl schon und merkt entschuldigend an: „Das hat sie von der Mama, von mir hätte sie es nicht bekommen.“ Er wirkt aber sehr entspannt dabei.

Cool und relaxt, selbstverständlich

Wir kommen ins Gespräch. Sein rosa gewandetes Töchterchen ist zwei Jahre alt (in Zahlen: 2) und hat das Gerät, seit sie es das erste Mal in die Hände bekommen hat, sofort beherrscht. Man sieht es. Sie geht mit einer extremen Entspanntheit mit dem iPod um. Keine hektischen Bewegungen, alles sehr selbstverständlich, ja elegant. Und zugegeben, die winzigen Fingerchen in dem Alter sind für die Handhabung wirklich besonders gut geeignet.

Zoe heißt die Kleine und nimmt inzwischen das Interesse an ihrer Person bzw. ihrem Lieblingsspielzeug wahr. „Meins!“ spricht sie mehrmals aus ihrem Schnuller . „Meins!“ Aber als ich ihr versichere, dass ich gar nicht vorhabe, ihr ihr Spielzeug zu nehmen und ihre Fähigkeiten bestaune, ist alles gut. Sie nimmt nun sogar den Schnuller aus dem Mund und fängt an, mir ihr Spiel zu erklären.

Stimmungs-Aufheller

Ich frage den Vater, ob das Wundermittel iPod immer funktioniert? „Immer!“, versichert er mir. Und Zoe ist tatsächlich stets gut gelaunt? „Sie ist wirklich durchgängig freundlich und lustig!“ Zoe strahlt und wählt ein anderes Programm aus. Diesmal gibt es ein süßes Video mit einem kleinen animierten  Elefanten zu sehen.

Die Situation ist in sich einerseits so putzig und dabei so absurd, dass man sich unwillkürlich umsieht, ob nicht gerade ein Werbespot von Apple gedreht wird. Wird er nicht. Aber eigentlich schade drum. Ein überzeugenderes Modell als Zoe kann es eigentlich nicht geben, um die Vorteile und die positiven Effekte des iPod – und damit der kompletten Produktfamilie – zu bebildern. Was wir hier sehen ist „intuitive Nutzung“ par excellence.

Die Szene und der Umgang von Zoe mit dem Gerät und der lustigen Kommunikation, die sich daraus entwickelt, ist so positiv, dass man nur schwer die üblichen Vorurteile gegen die Nutzung aus dem Bedenkenträgerspeicher ziehen kann. Hier ist ein Kind, das die Interaktion mit seinem Spielzeug absolut zu genießen versteht. Eine freundliche, lustige Zweijährige, deren Fingermotorik extrem weit entwickelt ist, und die sichtbar von ihrer Intelligenz her ihrem Alter weit voraus ist.

Bedenkenträger mit leeren Händen

Sie spielt mit aller Freude und baut sich dabei sichtlich ihr eigenes Phantasiereich auf – und das reagiert sogar auf sie. Nur sind das keine Bauklötzchen, sondern virtuelle Pixelhaufen, mit denen sie spielt. Und statt in einem Kinderbuch, blättert sie durch (stumme!) animierte, kurze Kindervideos.

Der übliche kritische Reflex, dass Kinder in solch einem Alter so etwas nicht tun sollen, funktioniert nicht recht, nicht mal auf der rationalen Ebene. In Wahrheit gönne ich dem Kind die Freude, das es mit seinem Spielzeug hat. Und wenn es stimmt, dass sie damit nachhaltig fröhlich ist, wunderbar. Die fünf, sechs Stationen, die wir gemeinsam gefahren sind, haben jedenfalls viel Spaß gemacht. Ein kleiner Sonnenschein spielt mit viel Freude und kommuniziert fröhlich.

Irgendwann drückt mir Zoe sogar den iPod in die Hand. Von wegen: „Meins!“ Ich soll auch mal spielen. Kucke ich vielleicht nicht freundlich genug? Doch tue ich. Und dann will sie mir noch ihr Lieblingsvideo zeigen. Kurz im Menü gesucht, und – schwupps – ist es da.

Leider muss Zoe schließlich aussteigen. Wir winken ihr hinterher. Der komplette Waggon grinst und schüttelt bewundernd den Kopf. Keiner stänkert. Zoe hat uns verzaubert.

Die Ahnung einer Medien-Zukunft

Ich bin dankbar, hier einen ersten, kurzen Blick in die Zukunft der Medien erhascht zu haben. Wie werden Menschen, die von kleinauf so souverän Geräte bedienen, interaktiv tätig sind, die so viel Freude an so etwas haben und dabei so normal agieren, in Zukunft mit Informationen, Medien und Tools umgehen? – Unvorstellbar! Aber erahnbar!

Und nicht einmal jetzt am Abend, wenn ich die Geschichte aufschreibe, will sich der rationale Miesepeter aufraffen und all die Argumente, die dagegen sprechen, dass Kinder so früh mit – geeigneten! – digitalen Geräten umgehen, aufsagen.

Alles Gute, Zoe!

Wann kommt der Netzsprecher?


Alles nur ein Kommunikationsproblem!

Tausende gehen auf die Straße, um gegen die Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke zu protestieren. Tausende von ideologisch unverdächtigen Menschen, wohlgemerkt. Dasselbe in Stuttgart, um gegen die Tieferlegung des Hauptbahnhofes zu demonstrieren. Auch hier ein eher bürgerliches Klientel ganz vorneweg. Das irritiert sogar hartgesottene Politiker, dass hier gegen ihre sorgsam austarierten Entschlüsse so massiv vom ureigenen Wählerreservoire aufbegehrt wird.

Wenn die Reaktion der Politik nicht gleich narzisstisch gekränkt ausfällt – „alle wohlstandsverwöhnt!“ – dann wird unweigerlich ein Kommunikationsdefizit als Grund für die Proteste ausgemacht. Undenkbar die Vorstellung, dass die weisen Entschlüsse der Politik vielleicht einfach nicht gewollt werden, ja möglicherweise falsch sind. Nein, sie sind dem aufsässigen Volk nur nicht auf die richtige Weise nahe gebracht worden. Ein bisschen hat das die Haltung von einem genervten Vater, der  – in immer gereizterem Ton – versucht, dem Widerstand seines trotzigen Sohnes irgendwie Herr zu werden. Lehrer Lämpel lässt grüßen.

Na dann, viel Spaß! Die Wahrheit ist doch, dass sowohl bei der Atomenergie als auch bei Stuttgart21 sich eine Protestbewegung als Netzwerk organisiert hat und vor allem per Internet, hier speziell über mobile Geräte (Handy, Smartphone). Auf diesem Weg sind auch die Argumente dagegen verbreitet worden. Denn in der Presse hat man dazu, speziell bei Stuttgart21, wenig Kritisches zu lesen bekommen. – Das auch zum Thema schlechte Kommunikation: Die Pro-Argumente wurden mehrheitlich auf konventionellem Weg (Print) verbreitet, die Gegenpositionen eher digital.

Asymmetrische Kampflinien

Wie aber will man überhaupt virale Wirkungen erzielen und Netzwerkeffekte nutzen, wenn man nicht auf den ureigensten Interessen derer aufsetzt, die die Suppe später auslöffeln müssen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Nie wird bei uns ein technologisches Projekt eine ähnliche emotionale Wirkung erzielen wie es – berechtigte – Ängste um radioaktive Verstrahlung, Atommüll und Sorgen um die Startbedingungen kommender Generationen tun.

Wie solch asymmetrisch veranlagte Konflikte ausgehen müssen, hat nicht zuletzt der überraschend klare Erfolg der Anti-Raucher-Initiative in Bayern gezeigt. Hier hat eine gut vernetzte, hoch motivierte, aber finanziell schwache Initiative gegen eine gut finanzierte Kampagne der Raucher- und Gastronomieklientel gewonnen. Erstere mobilisierte viele junge und gesundheits- und umweltinteressierte Menschen an die Urne zu gehen (ich sah bei der Abstimmung viele junge Familien auf dem Weg zu oder von den Wahllokalen), während diejenigen, deren ureigenste (Raucher-)Interessen beschränkt wurden, keinerlei Solidarisierungswirkung erzielen konnten. Gemeinwohl siegte so klar über Individualinteresse.

Kurios ist, dass die Anti-AKW-Bewegung seit je her computer- und später internet-affin war. Entsprechend gut sind hier bis heute die Aktivierungs-Effekte. Eher überraschend ist, dass sich auch die Bewegung in Stuttgart so schnell digital organisiert. Das hat ihr große Vorteile in der Auseinandersetzung mit den Staatsorganen gebracht. Vor allem wenn diese technisch nur mit dem Hilfsmittel des Polizeifunks mithalten kann. (Und der ist bis heute noch analog, oder?) Schön kurios. Die Verfechter der baulichen Moderne (Bahnhof im Untergrund) kämpfen mit veralteten, analogen medialen Mitteln gegen konservative Bewahrer, die bei ihrem Kampf auf modernste digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Politik per SMS

Die mangelnde digitale Kompetenz in Sachen Promotion und Kommunikation ist typisch für die Politik. Hier wird Digitalität nicht gelebt, sondern eher versucht, sie mit legislativen Mitteln in Griff zu bekommen. Es reicht eben nicht, Politik per SMS zu können, wie sie Angela Merkel praktiziert. SMS beweist keinerlei digitale Kompetenz. Und immer mal wieder eine Videoansprache auf YouTube einzustellen, zeigt keine Social Media-Kompetenz. Wie will solch ein Apparat auf die Netzwerkkräfte einer digitalen Vernetzung und auf die tief emotionalisierende Überzeugungskraft einer Mobilisierung über kenntnisreich und authentisch genutzte Social Media mithalten?

Es ist ja kein Zufall, dass es schon als Schritt in die Gegenwart gesehen wird, wenn statt eines Print-Journalisten, wie es seit je üblich war, jetzt mit Steffen Seibert ein TV-Anchorman zum offiziellen Sprachrohr der Kanzlerin gemacht wird. Wie lange wird es noch dauern, bis ein Mensch, der mit dem Internet aufgewachsen ist und in Social Media vernetzt ist, Pressesprecher wird – oder wenigstens Steffen Seibert entsprechend unterstützt. (Obama macht das schon längst…)

Pyramide der Macht

Digitale Kompetenz wird aber so lange in der Politik und der staatlichen Verwaltung nicht möglich sein, solange hier noch im alten hierarchischen Denken verharrt wird. Und das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Denn gerade diese Pyramide der Macht, gerade das lustvoll gelebte Ober-sticht-Unter-Prinzip macht doch den speziellen Reiz der Politik aus. Gäbe es nicht die Aussicht, reale Macht zu haben und ausüben zu können, welch halbwegs vernünftiger Mensch würde sich den Tort der Kärrnertour durch die Parteiorganisationen – und die stete Frustration mit den uneinsichtigen Wählern – antun, die so gar nicht verstehen wollen, welch segensreiche Entschlüsse die Politik für sie fällt. Politiker ohne Lust an der Macht, die müssen erst noch erfunden werden…

Vielleicht wäre inhaltliche Arbeit besser als jeder Versuch, hässliche Geschenke an die uneinsichtige Wählerschaft wohlfeil zu verpacken. Das hat keine Chance, also packt es lieber nicht neu ein!

Lernstunde


Das Stuttgarter Immobilienprojekt

Stuttgart21, ja oder nein? Das war mir lange relativ wurscht. Ein bisschen sehr teuer, dass dafür die Immobilien- und Baubranche dick abkassieren kann. Und die Begründung einer besseren Bahnanbindung war seit je fadenscheinig. Aber schön fand ich den Bahnhof in Stuttgart nie, praktisch auch nicht. Ich kenne etliche Bahnhöfe, die unter die Erde verlegt worden sind. Sie sind nicht schön, aber sie funktionieren. Und wenn wie in Madrid dafür das historische Bahnhofsgebäude intelligent umgewidmet wird, wunderbar. So schön sind breite Bahntrassen quer durch eine Stadt nun wirklich nicht. Sie trennen Wohnviertel, sie machen Lärm und mindern Wohnqualität.

Aber in Wirklichkeit habe ich mir aus einem anderen Grund keine dezidierte Meinung erlaubt. Bei diesem Thema ist meine Ratio schwer geschwächt: Ich bin ein echter Bahn-Romantiker. Nein, gar nicht mal wegen Ökologie oder wegen der bequemen Arbeitsmöglichkeiten – wenn die Züge mal nicht überfüllt sind. Nein, mein Bezug zu Bahn und Bahnreisen ist viel grundsätzlicher, emotionaler Natur.

Das geht schon damit los, dass ich in Berg am Laim, in Hörweite des damals dort gelegenen Rangierbahnhofs aufgewachsen bin. Vor allem in der Stille der Nacht, wenn die jugendlichen, später pubertierenden Gedanken wirr herumschwebten, wurden sie dramatisch durch das eiserne Aufeinanderprallen der Puffer untermalt , wenn neue Güterzüge zusammengestellt wurden. Dazwischen gab es kurze, kryptische Ansagen per Lautsprecher an das Rangierpersonal. (Das war lange vor dem Mobilfunk.) Für mich war das bei allem technoiden Klang eine schöne, eine vertraute Geräuschkulisse, die zugleich Ferne, Technik, vor allem aber Abenteuer versprach.

Abenteuer am Bahndamm

Abenteuer vor allem deswegen, weil das Bahnareal und die in seiner Nachbarschaft gebaute Eisenbahnersiedlung für das brave Kleinbürgertum der Eigenheimsiedlung schlecht beleumundet war. Die gingen dort nicht in die Kirche, waren Sozis und auch sonst eher verdächtig. Kurzum: Es war die ideale Projektionsfläche für wilde Träume und spannende Phantasien junger Köpfe und Seelen. Und als dann noch ein frühreifes Mädchen aus der Nachbarschaft mit einem Jungen von dort durchbrannte und die Gerüchte erzählten, sie würden irgendwo in den aufgelassenen Bahngebäuden ein Lotterleben genießen, war die Bahnsiedlung endgültig ein sehnsüchtiges Abenteuerland.

Die Bahn war für mich zugleich auch immer Synonym für Aufbruch und Fremde. Wir hatten nie ein Auto, also fuhren wir immer mit der Bahn in Urlaub, vorzugsweise mit Liegewagen von Touropa und vorzugsweise nach Italien an die Adria. Und dieses Reisen war wirklich besonders: Dieser Rhythmus der Gleise, wenn der Zug fuhr, über dem man irgendwann einschlief mit der Aussicht, in der Fremde, im warmen, schönen Süden aufzuwachen. Diese traumhaften Momente der Schlaflosigkeit, wenn der Zug lange an der Grenze zu warten hatte und ins Abteil das kaltgelbe Licht der Sodium-Lampen fiel. Und natürlich hatte ich für meine Märklin-Anlage zwei solch schöne Personenwagen mit dem edlen Schriftzug der Touropa am Waggon.

Auch später in erwachsenen Jahren hat mich das Bahnfahren immer begeistert. Kaum woanders kann ich so intensiv, so konzentriert und inspiriert arbeiten wie in einem Zug, der durch die Nacht jagt. Unendliche Male habe ich das auf der Fahrt von Hamburg (aus dem Exil) nach München (in die Heimat)  erprobt – mit großem Erfolg.

Klammheimliche Freude

Und jetzt also Stuttgart. Ich gebe zu. Ich habe lange so etwas wie klammheimliche Freude empfunden über die Proteste in Stuttgart. Es ist immer eine kleine, vielleicht nicht sehr erwachsene, nicht sehr faire, aber sehr genugtuende Freude, wenn die Bürger nicht auf Rosstäuschereien der Politik hereinfallen. Und dass das in Stuttgart sogar bis in die ureigenste CDU-Klientel hineinreicht, war das Tüpfelchen auf dem „i“.

Spätestens seit dem Polizeieinsatz, bei dem es in Kampfmontur, mit Reizgas und den neuen, brutalen Wasserwerfern gegen Schüler und brave Bürger ging, ist es mit der Wurschtigkeit vorbei. Wenn man es nötig hat, mit solchen Mitteln eine Infrastrukturmaßnahme durchzusetzen, die doch eigentlich für die Bürger gedacht sein sollte, dann kann da etwas nicht stimmen.

Dieses Ereignis, die Kommentare der verantwortlichen Politiker im Nachhinein, die zu Publikumsbeschimpfungen gerieten, zeigen, dass es um viel, viel mehr als den Bau eines Bahnhofs geht. Hier eskaliert das Unbehagen, nein der Brechreiz der Bürger, auch gerade auch der der üblichen Protest-Klientel, an der Heuchelei und der Verlogenheit der etablierten Politik. Und die diversen TV-Diskussionen zeigen, dass den verantwortlichen Politikern ihre eigenen falschen Töne, ihre hohlen Phrasen und festgefahrenen Denkschemata gar nicht bewusst sind. Sonst würden sie sie ja nicht weiter so ungeniert perpetuieren.

Latente Wahrheiten

Die Widersprüche, einerseits Hunderte von Milliarden von Euros für die Spekulationen der Finanzmärkte zur Verfügung zu stellen und auf der anderen um fünf Euros für einen Hartz IV-Empfänger zu feilschen, sind eben – latent oder offen – jedem Bürger bewusst, nur scheinbar nicht denjenigen, die das zu verantworten haben: den Politikern. Sie kapieren auch nicht, was da los ist. Sie klammern sich schier verzweifelt an rationale Argumente für den Bahnhof. Zum einen sind diese selten wirklich überzeugend und zum anderen irrelevant, wenn das Projekt längst zur Projektionsfläche für ein Unbehagen, für Ängste und tief sitzende Verärgerung ist.

Und am schlimmsten macht die Sache die notorische Haltung als beleidigte Leberwurst. Alle Politiker der Bahnhofsbefürworter sind brüskiert, wie sich die Wähler, also der Volkssouverän, erdreistet, die sorgfältig ausgekungelten und durch die Instanzen klandestin verabschiedeten Beschlüsse einfach so in Frage zu stellen. Was erlauben Wahlvolk? Einfach so, ohne Vorwarnung, den Souverän spielen zu wollen, egal was das kostet? Das ist die schlimmste narzisstische Kränkung, die ein Politiker und seine Kaste erleben können.

Häutung der Gesellschaft

Das letzte Mal, als es den Autoritäten, den Politikern, den Wirtschaftsverbänden und Lobbyisten, also all denen, die gemeinhin das Sagen haben, die Sprache verschlagen hat, als sie nicht mehr mit dem Volk, das sie zu repräsentieren angetreten waren, funktionabel kommunizieren konnten, das waren die Jahre nach 1968 mit den positiven Folgen einer Runderneuerung der Gesellschaft und den fürchterlichen Folgen der bleiernen Jahre des Terrorismus. Eine neue Generation von Politikern schaffte es damals, wieder den Dialog mit den Bürgern zu eröffnen, ja im besten Fall sogar den Bürgern den Eindruck zu vermitteln, dass sie verstanden werden.

Müssen wir da jetzt  noch einmal durch? Es scheint so. Die Gesellschaft muss sich dringend wieder einmal häuten. Politiker wie Stefan Mappus sind dabei äußerst hilfreich…

Gänsehaut-Feeling


Warum nur haben wir das Staunen verlernt?

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich bei Microsoft in Deutschland anfing. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so anders, so großzügiger, so arbeitnehmerfreundlich. So hatte ich es in den vielen Jahren bei Medien nie kennengelernt. Nur die Mittagskantine bei Scholz & Friends in Hamburg war stylischer und das Essensangebot noch ein bisschen besser. Aber hier: eine Kantine mit allem, was das Herz (nein, der Magen) begehrt. Von ungesund und fettig (Pommes) bis zu Bio-Gemüse und Gesund-Qualität war alles geboten. Und dazu schöne Cafeterias und Kaffeeküchen mit einem breiten Angebot an Gratisgetränken – und ein breites Angebot an Sportmöglichkeiten.

Wir alle, die neu zu Microsoft gekommen waren, um Sidewalk in Deutschland zu launchen (na ja, war dann nix), waren beeindruckt und begeistert. Aber kam man ins Gespräch mit Alteingesessenen, dann wurde nur genörgelt und geschimpft. Haupt-Tenor: Früher war alles besser! Es ist faszinierend, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt und aus der Gewöhnung heraus dann auch kontinuierlich abwertet. Die Gewöhnung ist der Feind jeder Begeisterung, jeden Staunens. Wir sind wirklich gut darin, uns flugs an ein hohes Niveau zu gewöhnen und dies ab sofort als neuen Normalfall zu eichen. Und ab da an kann es fast nur noch bergab gehe…

Unsere Unfähigkeit, über schöne Dinge zu Staunen und sich darüber von Herzen zu freuen, hat der amerikanische Autor und Comedian Louis C.K. (bürgerlich: Szeleey) in seinem Interview bei der Late Night Show perfekt analysiert. Er bringt den Saal vor Lachen zum Kochen (und schaffte bislang über 2 Millionen Abrufe bei YouTube), indem er daran erinnert, was früher der Normalfall war, und welchen Komfort man heute – nörgelnd – für selbstverständlich hält. Beispiel Flugzeug. Tatsache ist: „You’re sitting in a chair, flying!“ Wer schafft es noch, so zu denken. So real – und staunend wie ein Kind?

Positive Verdrängung

Unsere segensreiche Fähigkeit, unangenehme Dinge möglichst schnell verdrängen zu können und zugunsten schönerer Erinnerungen auszutauschen, funktioniert leider auch  recht gut, um auch schöne und spektakuläre Dinge der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Diese Verdrängungsleistung lässt uns immer neue Höhen technischen Fortschritts und hilfreicher Dienstbarkeiten erklimmen – aber ohne positive Wirkung auf unser Seelenkostüm.

Um noch über Selbstverständliches staunen zu können, muss man sich gut in die Vergangenheit und deren Banalitäten zurückerinnern können. Man muss zugleich sensibel für die Alltagswunder sein, die uns eine technische Wunderwelt seit Jahrzehnten zur Verfügung stellt. Weil wir uns aber – natürlich auf ganz hohem Niveau – im täglichen Klein-Klein verheddern und über so viele kleine und große Unzulänglichkeiten aufregen können, geht uns das Staunen über die großen Schritte verloren. Fazit von Louis C.K.: „Everything is amazing and nobody is happy!“

Arsenal des Staunens

Was gibt es nicht alles, worüber wir eigentlich noch immer staunen müssten? Ich freue mich noch immer über den grünen Klee, wenn ich an den alten Grenzstationen – etwa Kiefersfelden und am Brenner – einfach vorbei fahre. Wieviel Zeit ist mir da im Stau gestohlen worden. Oder auf der Fahrt nach Berlin: Da überkommt mich an den Orten, wo einst die Grenzkontrollen standen, noch immer eine Gänsehaut. Dieser Psychoterror, der da zuverlässig geliefert wurde – von Menschen, die heute meine Mitbürger sind.

Oder wie einfach es geht, einen Artikel wie diesen öffentlich zu machen. Ganz ohne jedes Problem. Ohne Chefredakteur, ohne Produktioner, ohne Drucker, ohne Auslieferung – und gratis!  (Nur eine Schlussredakteurin gibt es – sehr zum Wohle meiner Rechtschreibung: Heidi Rauch.) Und ebenso einfach ist es, solch einen Artikel zu lesen – und überhaupt zu finden. Wenn man liest, mit welchen Stichworten Leser zu diesem Blog finden: wirklich phänomenal. Oder das Internet mit allen seinen Ausformungen nach nur 15 Jahren. Was für ein Wunder! Ich staune wirklich immer wieder ganz real, was sich da entwickelt hat. Inklusive wohligem Schauer.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ – Ich kann nicht nur staunen, ich empfinde auch echt und wirklich Glück, über all die Veränderungen, die ich in meiner Lebensspanne erleben durfte: Inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. 55 Jahre Wohlstand in Deutschland und rundherum. Permanent steigende Lebenserwartungen. Ein entsprechend hoher Gesundheitszustand inklusive wahrer Wundertaten der Medizin. Und was wir heute alles genießen dürfen, kulturell, kulinarisch, musikalisch, intellektuell, einfach so, nach jedem Gusto und meist frei Haus!

Die Kraft der positiven Veränderung

Das alles ist kein Grund, nicht die negativen Effekte zu sehen. Es ist kein Grund, Missstände nicht laut anklagen zu dürfen. Und keine Frage, es gibt noch mehr als genug, was dringend geändert und verbessert gehört. Aber ich habe den schweren Verdacht, diese nötigen Veränderungen sind leichter anzugehen und zu meistern, wenn man sich bewusst macht, was möglich ist und was schon alles geschafft worden ist. Und ich vermute, mit dem Glücksgefühl, was schon alles geschafft worden ist, lassen sich die anstehenden Aufgaben besser angehen – und der Spirit der Innovation nährt sich besser aus Erfolgen als aus Mutlosigkeit und Depression.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ Glücklich zu sein, einfach so, das ist uns in unseren Breiten- & Längengraden hochgradig verdächtig. Glück will sauer verdient sein. Glück muss vorzugsweise mit einem gerüttelt Maß Ärger, Frust und am besten auch noch Depression erarbeitet werden. Sich einfach so zu freuen über all das, was schon erreicht ist, was unseren Alltag einfacher und schöner macht, was für eine irritierende Vorstellung…

Digitalität & Eleganz


Lineare, euklidische Bilder

Meine Eltern stammen noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. War es die Kriegszeit oder das Erbe der Vorgängergeneration, sie schleppten ein Leben lang eigenartige Bilder und Vorstellungen mit sich herum, die ihr Denken bestimmten – und damit auch die in späteren Jahren unausweichlichen Sorgen und Ratschläge: „Übernimm dich nicht!“ Das bekam ich immer wieder zu hören.

Dahinter steckte die unausrottbare Vorstellung, wir Menschen hätten nur eine ganz bestimmte Menge an Kraft, an Nerven und/oder Gehirnzellen. Und damit hatte man sorgsam umzugehen, um sie ja nicht zu schnell aufzubrauchen. Also immer ganz langsam und vorsichtig, damit man im Alter noch übrig hat: Kraft, Gesundheit, Nerven, Gehirnzellen.

Ein anderes unausrottbares Gedanken-Bild waren Pyramiden bzw. Dreiecke. Alles hatte wie einst das klassische Drama einen kontinuierlichen Aufstieg bis zu einem Kulminationspunkt – und von da an ging es unweigerlich abwärts. Das war so. Nur der höchste Punkt und die Steilheit des Auf- bzw. Abstiegs waren der persönlichen Gestaltung überlassen. Das war das Bild für das persönliche Leben – und ganz brav nahm man dann auch irgendwann das Abwärts als gegeben hin.

Hierarchisches Denken

Das Dreieck bestimmte Karrieren, Familienschicksale (Buddenbrooks!), ja die komplette Historie. Und auch die Gesellschaft an sich wurde seither logisch als Pyramide definiert, schön hierarchisch aufeinander gestapelt, je nach Macht und Einfluss (und Reichtum), je nach politischer Richtung etwas steiler oder flacher.

Unser Leben, d.h. der Generation, die ihre Prägung und Sozialisation in der vor-digitalen Zeit erhalten hat, ist voller solch linearer und geometrischer Bilder. Alles, was sich nicht in solche Formen fassen – oder pressen – ließ, galt als ungeordnet, als chaotisch, nicht akzeptabel, als intellektuell unanständig. Schon die Rundung, die sich mit der nie recht zu fassenden Kreiszahl π einer klaren Definition entzog und deshalb als irrationale bzw. transzendentale Zahl gilt, war schon etwas anrüchig.

Wirre Zahlenmuster

So gesehen ist die Akzeptanz der Digitalität zugleich ein kulturelles und ästhetisches Problem. Zum einen fehlen uns die Bilder, die euklidischen Symbole, um die Digitalität in unserem Denkgebäude heimelig unterbringen zu können.

Die Idee, sich statt schöner linearer Verläufe oder vertrauter euklidischer Formen bei der Digitalität eine Unmenge erratisch verteilter Zahlen oder eine wirre, unendliche Folge von „Nullen“ und „Einsen“ vorstellen zu können, tut regelrecht körperlich weh. Man denke nur an die ewig gleichen, untauglichen Versuche, Programme und digitale Daten grafisch oder optisch irgendwie darstellen zu können.

Nebulöse Wolken

Nicht umsonst hat man sich schließlich auf ein solch nebulöses Symbol wie eine Wolke geeinigt, um die Unmenge von Datenkonvoluten in Grafiken und Funktionsplänen darzustellen. Daraus wurde letztendlich, dass wir unsere Daten jetzt in einer „Cloud“ speichern.

Weil die reale physikalische Heimat von global in Speichern und Rechnern wild herum vagabundierenden Daten nicht mehr zu lokalisieren ist, wurde der „nebulöse“ Begriff einer Wolke („Cloud“) gewählt. Ein wahrer Tort für unsere klare Formen und Linien gewohnte Vorstellungskraft.

Eleganter Code

Ich habe wirklich während meines Studiums Ende der 70er-Jahre auch die Grundlagen des Programmierens gelernt. Am Ende des Grundkurses in „Logo“ konnte ich schon einfache Anwendungen programmieren. Als es dann aber daran ging, aberhunderte von Daten in Lochkarten zu erfassen und dafür ein Programm zu schreiben, gewann mein innerer Schweinehund haushoch gegen meine technische Neugier. Und die Rezeptionsforschung musste ohne solide Datenanalyse weiterhin im Ungefähren forschen.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Zusammentreffen mit Programmierern in den Frühzeiten des (deutschen) Onlinebusiness. Da war noch nicht die Rede von HTML und www. Damals dachte man – analog zum Erfolg von Compuserve – ausschließlich in eigens entwickelten, proprietären Programmen („Interchange“ von ZiffDavis!), mit denen Informationen und Daten – gegen Bezahlung, versteht sich – Abonnenten zugänglich gemacht werden sollten. Entsprechend hakelig und buggy war die Performance.

Die Faszination des Apfelmännchens

Damals hörte ich die Programmierkollegen das erste Mal von einem „eleganten“ Code sprechen. Das war mit einer derartigen Ehrfurcht und Bewunderung intoniert, dass mir sofort jeder Scherz darüber verging. Seitdem wurde mir allmählich immer klarer, dass meine hergebrachte Idee von Schönheit und Eleganz arg beschränkt war. Es gibt gerade auch in der digitalen Welt eine Schönheit und Eleganz. Nur leider entzieht sie sich wehrhaft aller Assoziation mit hergebrachten Schönheits- und Ebenheitsmodellen.

Wie, bitte, sollte man auch die wundersamen Multiplikations- und Exponential-Effekte von Netzwerken darstellen, wie Crowd-Sourcing, wie die Verknüpfung scheinbar disparater Daten, wie das Mashups tun? Wie soll man die positive Kraft sozialer Netzwerke grafisch umsetzen oder wie Location Based Services? Der einzige digitale Service, der hier vom Namen und dem grafischen Äquivalent überzeugen kann, ist Twitter (Zwitscherer) mit seinem allerliebsten blauen Spatzen.

Der Digitalität insgesamt fehlt ein faszinierendes Symbol, wie es dem Mathematiker Benoit Mandelbrot mit dem „Apfelmännchen“, der wunderschönen Visualisierung der Mandelbrotmenge, gelungen ist, der Unansehnlichkeit der Idee des „Chaos“ durch ein kultisches Symbol ein Ende zu setzen. Hier fehlt noch eine zündende und funktionierende Idee, wie Digitalität optisch attraktiv umgesetzt werden kann. Der grüne Datenregen in „Matrix“ war dazu ein ungeeigneter Versuch.

Gute Freunde


Oh wie schön ist Facebook-Land

Ich liebe meine Facebook-Familie. Es gibt immer etwas Interessantes zu lesen. Man erfährt die wirklich wichtigen Neuigkeiten, bekommt gute Tipps, inspirierende Literaturempfehlungen und die Diskussionen sind mal kritisch, fast immer befruchtend, immer fair und manchmal herrlich frei blödelnd.

Kein Wunder, Meine Facebook-Familie ist ein wunderbarer Mix von Menschen aus den verschiedensten Phasen meines Berufslebens – gerade auch aus der vor-digitalen Zeit. Es sind dazu Menschen aus dem nähesten Umfeld (Familie) und nicht ganz so nahen. Es sind Menschen aus verschiedensten Regionen, Ländern und Kontinenten. Menschen der verschiedensten Generationen, von 12 bis 65+ Jahren.

Entsprechend divers sind deren Posts, deren Themen, deren Ideen und deren Einwürfe. Entsprechend vielfältig die Tonalität, von wortkarg über alltagspoetisch bis hin zu wort- und postreich. Nur ganz wenige Posts in Facebook sind fade und uninteressant. Sie sind schnell überlesen. Die meisten wecken dagegen meine Neugier oder befriedigen sie.

Evolution zum sozialen Wesen

Dann die vielen wunderschönen Bilder, Videos und interessanten Links. So viel neue Gedanken und grandiose intelligente Einwürfe hätte ich ohne meine Facebook-Familie verpasst. So viele intelligente, innovative oder witzige Anregungen, Artikel, Vorträge und Präsentationen. Aber ebenso viel Poesie, wunderbare Alltagsidyllen und Kommentar-Haikus. Kurzum: Oh wie schön ist Facebook-Land. (Ein wunderbarer Artikel (auf Englisch) zu diesem Thema – plus Farmvílle – findet sich hier.)

Vor allem aber erzieht Facebook einen selbst auf angenehme Weise. Man nimmt die Welt bewusster wahr, immer mit dem Hintergedanken, kann das auch andere interessieren? Ist es wert, gepostet zu werden? Vor allem aber hat mich Facebook gelehrt, mein soziales Umfeld bewusster wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Kein wichtiger Geburtstag wird mehr vergessen, und vermeintlich „unwichtigere“ ebensowenig. Und im Laufe der Zeit gibt es keine unwichtigen Geburtstage mehr, schließlich ist jeder meiner Facebook-Kontakte Teil meiner digitalen Familie. (Deswegen hält sich die Zahl meiner Kontakte dort auch ganz bewusst in Grenzen.)

Aggression vs. Empathie

Wenn man so enthusiasmiert ist von Facebook wie ich, dann ist man um so verdutzter, wenn man temperamentvolle Facebook-Allergiker und -Feinde trifft. Davon ist die eine Hälfte ideologisch verblendet. Sie sehen in Facebook nur den Inbegriff menschlicher Eitelkeiten und von rigorosem Narzissmus. Sie tun das, ohne sich je wirklich auf Facebook eingelassen zu haben oder es gar je ausprobiert zu haben. (Meine Meinung zu Facebook-Kritikern, die es selbst nie probiert haben, findet sich unter dem Titel: Mach mich nicht nass!) Das kann man mit einem Schulternzucken abtun.

Viel schwieriger ist es, wenn man gerade von Jugendlichen hört, dass Facebook öde und langweilig ist, weil nur Fadheiten und Überflüssiges gepostet werden – oder schlimmer, dass Facebook (& Co.) ein Hort des Mobbing und der gegenseitigen Kränkungen ist.

Das Fatale ist, dass man den Freundeskreis eines anderen und die dort geübten Posting-Qualitäten nie wirklich kennenlernen können wird. Es ist aber gut vorstellbar, dass nicht jede Facebook-Community gleich attraktiv ist. In meinem Umfeld gibt es viele Journalisten und Werber, die sind meist besonders medienaffin und können gut schreiben – und tun das oft und gerne. Entsprechend lesbar und interessant sind deren Posts. Und sie leben auch meist ein sehr abwechslungsreiches und öffentliches Leben. Entsprechend spannend sind deren Beobachtungen und Tipps.

Jeder Freundeskreis ist anders

Wenn man ein weniger aufregendes Leben hat oder unbewusster vor sich hin lebt und nicht gewohnt ist, seine Reflektionen passend in Worte (oder in Bewegtbildern) zu kleiden, ist die Gefahr groß, dass reine Belanglosigkeiten im Facebook-Umfeld ausgetauscht werden oder gar Übersprungshandlungen passieren wie Mobbing und andere aggressive Akte. Wer das mit dem Spruch kommentiert, „Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient.“, der macht es sich da zu leicht.

Aber Facebook ist nicht so erfolgreich geworden, weil sich dort Menschen Gemeinheiten oder Belanglosigkeiten um die Ohren hauen. Da hier ausschließlich Menschen unter ihrem Namen und mit ihrer Persönlichkeit mit Freunden oder nahen Bekannten beisammen sind, herrschen normalerweise eine Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität und ein Enthusiasmus, wie im echten Leben eher selten anzutreffen sind.

Man muss sich nur einmal die Foren etwa der Süddeutschen Zeitung oder des Spiegel ansehen, wie viel Destruktion, Frustration und Aggression dort herrschen. Und wie herrlich anders, nämlich positiv, konstruktiv und empathisch geht es in den mir zugänglichen Facebook-Familien und Twitter-Communities zu. Ganz im Sinne unseres singenden Fussballheroen und Allzweck-Kaisers Franz:
„Gute Freunde kann niemand trennen – Gute Freunde sind nie allein – Weil sie eines im Leben können – Füreinander da zu sein.“

Füreinander da sein

Franz Beckenbauer singt dieses Lied noch immer gerne, wie ich vor ein paar Wochen bei einem Benefiz-Golfturnier zugunsten seiner Stiftung feststellen durfte. Und er lebt dieses Prinzip. Es waren viele seiner Vereinskameraden von damals dabei (Dürnberger, Janzon, Roth etc.). Und in meinem Flight spielte ein Nachbarsbub von früher, mit dem er auf Giesings Bolzplätzen als Bub gekickt hatte. Nach zig Jahren erinnerte er sich tatsächlich an ihn – und tat nicht nur so.

„Füreinander da zu sein“, das muss im Zentrum einer Freundschaft stehen. Oder wie man in Bayern sagt: „Man muss gemeinsam ein Scheffel Salz essen.“ Meint: es gibt nicht nur schöne und harmonische Zeiten in einer Freundschaft. Und gerade dann, wenn es darauf ankommt, dann beweisen sich Freundschaften.

Mal abwarten, wie Facebook sich hier bewährt. Noch ist diese Plattform ein wenig zu jung, um zu sehen, wie weit es funktionieren kann, online/virtuell füreinander da zu sein oder sich gar real zu helfen. Aber immer mal wieder erlebt man auch hier Brisantes, ob Krankheit, Liebeskummer oder Ratlosigkeit. Und da sehe ich oft sehr sensible Versuche der Unterstützung.

Bei handfesten Problemen, ob es um einen Umzug geht oder ob um Ratschläge gebeten wird, da wird zumindest in meinem Umfeld ernsthaft versucht zu helfen. Vielleicht nicht immer sehr wirksam, vielleicht nicht nachhaltig. Aber das kann ja noch werden. Wir sind ja vielleicht gerade erst mal ein gutes Jahr auf diese Weise miteinander verbunden. Ich bin gespannt…

Mach mich nicht nass!


Des Nichtschwimmers Argumente

Es ist ein wenig so, wie wenn ein überzeugter Nichtschwimmer am Rande eines Schwimmbeckens an die sich dort fröhlich vergnügende Schwimmergemeinde predigt und vor den Gefahren des Badens im Seichten und Tiefen warnt. Baden ist gefährlich. Wenn man nass ist, kann man sich erkälten. Man kann aus Versehen Wasser schlucken. Das kann von Menschen mit wenig Hemmungen auch ein wenig verunreinigt sein. Bei Springen vom Turm oder auf Wasserrutschen kann man sich blaue Flecken holen. Und ja, man kann sogar ertrinken dabei. Und Schwimmbadbesitzer machen mit dem Ganzen sogar Geld.

Alle diese Argumente stimmen ja. Ohne Frage. Und trotzdem hören die Menschen nicht auf, baden zu gehen. Selbst solche, die noch nicht mal zu schwimmen gelernt haben. (Dann wird es sogar richtig gefährlich.) Es macht ihnen sichtlich Spaß. Und die Risiken, die schlagen sie in den Wind.

Selber schuld

An diese Allegorie erinnern die meisten der Stimmen, die enthusiastisch bis hysterisch vor den Abgründen und Gefahren der Social Networks, vorzugsweise Facebook und Twitter warnen. Thilo Weichert etwa, der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, ließ sich auf der „Netzpolitischen Soiree“ der Grünen, am 10. September 2010 in Berlin zu einer Philippika gegen Google und alle Sozialen Netzwerke hinreißen, die Jeff Jarvis, der ebenfalls Gast dieser Veranstaltung war, bissig unter dem Titel „Oh, those Germans“ in seinem Blog buzzmachine.com dokumentierte und kommentierte.

Höhepunkt der fachlichen Selbstdemontage von Thilo Weichert war der Satz: „Solange die Deutschen so dumm sind, dass sie diese Suchmaschine (Google!) nutzen, haben sie es nicht besser verdient.“ Die Begründung: „Google nutzt seine Daten um mich zu manipulieren.“ (???) Wer so ideologieverbohrt argumentiert hat weder die digitale Welt noch den dort nötigen Datenschutz verstanden. Und wie am Nichtschwimmerbeispiel gezeigt: von außen lässt sich am besten irren.

6 mal gegen Facebook

Noch typischer ist diesen Irrweg ausgerechnet der Chefredakteur des britischen WIRED, David Rowan, gegangen. Er hat ganz stolz zum Besten gegeben, warum er nicht in Facebook ist – und je zu sein gedenkt. Sechs Gründe gibt er an, größtenteils die üblichen, wenn es um Facebook-Bashing geht:
1. Facebook ist eine Privatfirma – und die führt per se nichts Gutes im Schilde, sondern nur Kommerz (Thilo Weichert lässt grüßen).
2.  Facebook macht es schwer, sich immer wieder neu zu erfinden.
3. Private Daten können missbraucht werden…
4.  … und zwar gegen einen persönlich.
5.  Wenn man sich daneben benimmt, bleibt das für immer gespeichert.
6.  Sozialer Diskurs wird kommerzialisiert.

Solche Argumente kommen sichtlich von außen. Ähnlich wie bei der Allegorie des Nichtschwimmers am Anfang sind sie nicht per se falsch. Nur treffen sie nicht den Kern der Sache. Es sind die Argumente eines Menschen, der sich auf etwas Neues nicht einlassen will und etwas verkrampft rationale Gründe für seine Haltung sucht. Natürlich ist es nicht verkehrt, auf Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Aber das alles ist keine sinnvolle Argumentation, bei Facebook & Co. nicht mitzumachen.

Richtig ist, dass die Vorteile der Sozialen Netzwerke sofort und in vollem Umfang zu genießen sind. Deswegen ist die Facebook-Gemeinde in aberwitzig kurzer Zeit auf eine halbe Milliarde Menschen angewachsen. Mögliche Nachteile oder Probleme sind garantiert erst sehr viel später zu erleben. Diese Asymmetrie ist typisch für digitale Errungenschaften. Aber gerade der Erfolg in dieser Dimension schützt zugleich vor exorbitantem Missbrauch. Die Konsumentenmacht ist viel zu groß, um missbraucht werden zu können.

Leben als Betriebssystem

Besonders entlarvend für die Denkweise von David Rowan ist sein zweiter Ablehnungsgrund. Facebook mache es schwerer, sich neu zu erfinden. Hier zeigt sich, dass Rowan eine sehr antiquierte Lebensidee hat, man könnte es glatt solitär nennen: Man lebt (ungeniert?) sein Leben und wenn es nicht mehr klappt oder man sich zu sehr daneben benommen hat, fängt man halt neu ganz von vorne an.

Das erinnert an den Umgang mit Windows-PCs, die man halt im Notfall wieder neu hochfährt, aber so etwas hat nichts mit dem Leben zu tun, das man heute zu leben genießt. Ich bin jedenfalls um jede Anregung, um jede Idee, um jede Alternative froh, um jedes neue Argument, auch um jede Meinung, die mir konträr entgegen steht, die mich in meinem täglich gelebten Leben weiter bringt. Und immer mehr dieser Anregungen/Ideen/etc. kommen von meiner „Netzwerkfamilie“ bei Facebook oder meinem „Inspirationskreis“ bei Twitter.

Das Leben ist kein Betriebssystem, das wenn es nicht funktioniert, neu gestartet werden kann. Ein Leben ist ein Prozess. Und je spannender, je abwechslungsreicher und befruchtender dieser ist, um so besser. Wenn ich zurück schaue, dann lebe ich heute ein völlig anderes Leben als vor 10, als vor 20 oder 30 Jahren. Aber das, ohne je einen kompletten Neuanfang gemacht zu haben. Sondern als spannenden Prozess mit allen Höhen und Tiefen.

Kein Leben, das ich glücklicherweise nie vom Beckenrand aus beobachtet oder kommentiert habe, sondern wo ich mitten drin war. Mit allen Risiken, sich nass zu machen, Wasser zu schlucken und auch mal Angst zu haben, zu ertrinken. – Fragt sich, wie sich wohl ein Leben vom Beckenrand aus lebt, Mr. Rowan? Ich jedenfalls möchte nicht nur dort stehen und zuschauen – und „schlaue“ Kommentare abgeben.

Ist der Ruf erst ruiniert…


Aggressive Feindbilder und düstere Prognosen

Die ZEIT titelt: „Feindbild Google“. Der STERN unkt: „Big Brother Google“. Und den Vogel schießt Chris Anderson in Wired ab: „The Web is dead!“ (Immerhin geht der Satz weiter: „Long Live the Internet.“) Das  Internet und ganz speziell der Suchgigant Google stehen unter Beschuss. Und keine Angst, bald wird auch wieder Facebook gebasht werden. Facebook Places, dessen neuer Location Service, wird garantiert dafür sorgen. Vor allem wenn er erfolgreich ist.

Es scheint so, als würden alle Ängste, alle Sorgen, alle Hassgefühle gegen das Internet sich Bahn brechen. Schon lang waren das Internet und seine führenden Protagonisten (und finanzielle Nutznießer) so in der Kritik. Und noch selten mit solch kuriosen Argumenten und solch kreischendem Unwissen wie in der Debatte um Google StreetView. – Wer bitte sonnt sich nackt zur Straßenseite hin genau in dem Moment, wenn alle drei bis fünf Jahre der Google-Fotowagen vorbei fährt? Aber so etwas ängstigt etwa Jeanette Biedermann.

An dieser Stelle könnte man sich fürchterlich aufregen. Vorzugsweise über die Kollegen auf der Printseite, die nun völlig ungeniert Ängste schüren, um die Konkurrenz madig zu machen. Oder auch über die Ignoranz von Politikern, die in dem Thema Profilierungspotential sehen. Man könnte aber auch beiläufig mit den Schultern zucken nach dem Motto: Was kümmert’s die Eiche, wenn eine Sau sich dran kratzt?

Aber es gibt auch noch eine dritte Option. Man freut sich ein Loch in den Bauch, dass das Internet dabei ist, endlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Die Aggression findet inzwischen auf einem solch enttechnologisierten, tumbe Ängste triggernden Niveau statt. Das zeigt, wie sehr das Internet dabei ist, nun endlich zur Selbstverständlichkeit wird.

Das Auf und Ab des Hype Cycle

Die Beratungsgesellschaft Gartner hat einst den berühmten (und berüchtigten) Hype-Cycle entwickelt. Er beschreibt das übliche Schicksal neuer Technologien in Medien und Gesellschaft.
1. Am Anfang steht der Technology Trigger. Neue Ideen, Produkte und Erfindungen werden bestaunt und euphorisch beschrieben.
2. Immer mehr Medien nehmen das Thema, wenn es vielversprechend, also hype-fähig ist, auf und entwickeln immer phatasievollere, immer phantastischere Optionen, was damit alles zu machen ist. Das geht steil empor bis zum Peak of Inflated Expectation.
3.  Irgendwann, wenn die Erwartungen ins Absurde abkippen und der Gedanke ausgereizt ist, weicht die Euphorie, es wird die Nase gerümpft und alles wird niedergeschrieben. Bis hinunter ins Tal der Desillusion, den Trough of Disillusionment, wo das Thema dann (vermeintlich) durch ist.
4. Jetzt erst ist der Weg frei für eine ernsthafte Beschäftigung mit dieser neuen Idee, Technologie oder diesem Produkt. Jetzt kommen die ersten ernsthaften und realistischen Einschätzungen. Es geht nun wieder aufwärts im Imagewert – und der Börsenbewertung. Das ist der Slope of Enlightment.
5. Und erst jetzt, nachdem es von „himmelhochjauchzend“ über „zu Tode betrübt“ gegangen ist, pendelt sich ein neues Thema auf einem realistischen Level ein – und nun erst kann Idee/Technologie/Produkt sein volles Potential ausspielen – auf dem Plateau of Productivity.

Jenseits des Hype-Cycle

Das Internet ist da aber schon längst raus, den Hype-Cycle hat es spätestens zur Jahrtausendwende hinter sich gelassen. Jetzt geht es um die breite gesellschaftliche Akzeptanz. Und da macht sich das Internet nicht nur daran, ein neues Medium, vielleicht sogar ein Leitmedium zu werden. Nein, es ist dabei, die generelle Plattform für alle (digitale) Kommunikation zu werden. Daher auch die so vehementen Angriffe all derer, die bisher die Bedeutungsmacht über die Medien hatten (oder es zu haben meinten): die Verlagshäuser und TV-Sender – und die Politiker.

Nein, das Internet macht sich wirklich daran, im Zentrum all unserer Kommunikation zu stehen. Es verändert die Machtstrukturen in der Gesellschaft. Und das heißt, jeder Mensch, der in Zukunft in der Gesellschaft aktiv sein will, muss sich mit dem Internet auseinandersetzen – und die Mehrheit der im analogen Zeitalter Aufgewachsenen muss viel dazu lernen.

Vor allem geht es darum, die Vor- und Nachteile besser einschätzen zu lernen. Denn jetzt rächt sich, dass gerade die Social Media Vor- und Nachteile so asymmetrisch verteilen. Die Vorteile, also sofortige Verbindung, Nähe oder Vertrautheit, werden mit einer ganz neuen Datensammel-Kultur erkauft. Deren negative Auswirkungen erlebt man, wenn überhaupt, erst sehr, sehr viel später. Aus dieser Asymmetrie erklärt sich vielleicht der kuriose Vorschlag von Google-CEO Eric Schmidt, dass man einen neuen Namen erhalten sollte, wenn sich genug belastendes Material im Internet, oder genauer: in den Google-Datenbanken, angesammelt hat.

Ein ebenso ungelenker wie absurder Vorschlag. Schließlich sind Namen im Internet sowieso egal. Die Bedrohung ist das Raster aus erfassten Daten, das wie ein Fingerabdruck unzweifelhaft einer bestimmten Person zugeordnet werden kann. Eric Schmidts Vorschlag ist insofern ein wenig unheimlich, als dass man bisher davon ausgehen konnte, dass bei aller Sammelwut von Google damit technisch noch nicht viel angefangen werden kann – und dass Datenmuster schon gar nicht gegen jemanden verwendt werden konnten, weil sonst der Ruf von Google unheilbar für immer ruiniert wäre. Personalisierte Werbung in Ehren, die Bedrohung durch Datenkraken geht viel weiter, vor allem, wenn sie nicht demokratisch kontrolliert werden.

White Noise

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert.“ Das ist jetzt der Prozess, den das Internet durchmachen muss. Alle überhöhten Erwartungen müssen geschliffen werden, aber genauso alle Vorteile endlich realistisch genutzt werden. Und dasselbe gilt auch für uns. Auch für uns könnte der Sinnspruch mit dem ungenierten Leben mit ruiniertem Ruf gelten.

Mir schwebte schon seit je her die Idee vor Augen, allzu große Neugier der Datensammler durch „White Noise“, ein undurchschaubares, nicht ausrechenbares, widersprüchliches Gewirr aus (fiktiven) persönlichen Daten, auszubremsen. Vorzugsweise sollten das intelligente Bots für mich machen: einen kuriosen Mix aus tiefer Papstverehrung und Porno-Nutzung, Schmetterlings-Sammeln und abstrakter Kunst, Bach-Etüden und Motörhead usw. usw. usw.

Ich gebe zu, ein ziemlich schwieriges Unterfangen, solchen White Noise wirkungsvoll zu programmieren. Denn wir hybriden Konsumenten schaffen sowieso schon viel zu viele absurde Widersprüche in unserem Konsumverhalten. Ich wüsste zu gerne, ob Google daraus wirklich sinnvoll verwendbare Strukturen herausinterpretieren kann.

Verklärte Erinnerungen

Mich tröstet bislang, dass ich auf meinem Gmail-Account noch immer ein Familienhotel bei mir um die Ecke in Erding angeboten bekomme. Sehr absurd, denn genau dort brauche ich ein Hotelzimmer am wenigsten. Schließlich habe ich dort ein sehr bequemes Bett und alle Annehmlichkeiten unseres netten Zuhauses. Solange das Wissen über mich nur so weit geht, dass ich in der Nähe von Erding wohne, bin ich zutiefst beruhigt. Ich muss also keinesfalls in absehbarer Zeit meinen Namen ändern. Vor allem wegen der Gnade der frühen Geburt. Zu meinen wilden Zeiten gab es kein Internet. Ja nicht mal digitale Kameras. Und alle Belastungszeugen von damals sind seltsam milde geworden, was ihre Erinnerungen angeht.

Die Verklärung und Verdrängung, die unser Gehirn so gut beherrscht, das müssen Google, Facebook & Co. noch unbedingt lernen…

Die Pixel-Diebe


Google Streetview und digitale Ängste

Google Streetview funktioniert jetzt schon in vielen Ländern. Unter anderem solchen aus unserem Kulturkreis wie Frankreich, Holland, Italien oder der Schweiz. Wie Streetview funktioniert und welche Bildschärfe möglich ist, das sieht man bei einem Besuch von Amsterdam, Mailand, Paris, London oder Zürich auf Google Maps. Dort kann man auch mal mit dem gelben Signet-Männchen in die Nebenstraßen abschweifen und entdecken, wie viele wirklich lohnende Objekte für Diebe und Einbrecher hier zu finden sind und wie detailliert Informationen für Einbrecher in diesem Monster von Service zu gewinnen sind.

Ich gebe zu, ich habe nie als Einbrecher gearbeitet und meine Kompetenz in dieser Branche ist daher recht bescheiden. Eigentlich ist es nur angelesenes Wissen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie die Herren sich da digital durch die diversen, vielversprechenden Nebenstraßen durchklicken, bis sie das Objekt ihrer Begierde gefunden haben. Und schwupps, mit einem Klick haben sie dann ihr Opfer ausbaldowert.

Bei aller Qualität der Bilder, bei der Bildschärfe selbst im Zoom-Modus und auch im 3-D-Modus – die Sicherungen der Fenster, Alarmanlagen, die Sichtachsen, die Bewohntheit der Objekte, das alles lässt sich mit Google Streetview nicht wirklich recherchieren. Ich habe den schweren Verdacht, dass Einbrechertrupps, die sich allein auf dieses Tool verlassen, nicht sehr erfolgreich sein werden.

Pixel als Orientierungshilfe für Diebe

Der Verdacht liegt nahe, dass sich all die Hausbesitzer, die sich zum Beispiel im Münchner Umland (wo Google Streetview noch gar nicht zur Debatte steht) empören, dass jetzt Einbrechern Tür und Tor geöffnet sind, sich nie mit dem Service selbst befasst haben. Und natürlich können sie so auch gar nicht die Vorzüge solch eines wirklich hilfreichen Navigationstools erkennen. Unterstützt von erratischen Politikern, die ihre Behausungen bei Google Streetview auspixeln lassen, fangen auch sie an, ihre Häuser aus dem Service tilgen zu lassen. (Einen wunderschönen Artikel dazu hat Anatol Stefanowitsch geschrieben.)

Das ist nun aber auch eine wirklich intelligente Methode, möglichen Dieben klar zu machen, dass hier attraktive Einsatzgebiete existieren. Wer etwas zu verbergen hat, wer solche Angst vor Einbrechern hat, der muss in seinen vier Wänden ja große Schätze verborgen haben. Also müssen sich die oben beschriebenen digitalen Einbrecherbanden künftig nur daran orientieren, wer sein Domizil auspixeln hat lassen. – Danach, zugegeben, müssen sie sich doch noch persönlich vor Ort begeben, um ein wenig zu recherchieren – um dann, wenn man dann schon mal da ist, zuzuschlagen.

Apropos Politiker und Pixel-Tarnung. Irgendwie scheint ihr Drang in die Öffentlichkeit an dieser Stelle kurios zu enden. Dabei ist es doch irgendwie interessant, welche Dimensionen ein Zuhause eines von der Bevölkerung gewählten – und bezahlten – StaatsDIENERS hat. Abgesehen davon, kann man die Adressen der Herren und Damen Politiker nicht so einfach recherchieren. Nicht mal per Google. Und schon gar nicht per Streetview. In den USA war übrigens der einzige Politiker, der sein Zuhause auspixeln ließ, der umstrittene Ex-Vizepräsident Dick Cheney. (So berichtet es SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye in seinem Twitter-Channel akreye.)

Gardinen und Makellosigkeit

Ich erinnere mich noch gut an den Zinnober, den meine Mutter um die Gardinen im Haus betrieb. Die mussten möglichst immer geschlossen und natürlich blütenweiß sein. Das war ein schwieriges Unterfangen mit einem Ehemann im Haus, der täglich eine (!) Zigarette (Orient-Tabak, filterlos) und eine Zigarre (1 DM) rauchte. Da galt es immer wieder – unter Wehklagen – die Gardinen abzunehmen, die Stoffmengen zu waschen und zu trocknen. Viel Aufwand für perfekten Sichtschutz.

Kurioserweise nahm die Angst, man könne ins (Reihen-)Haus hineinschauen, im Sommer rapide ab. Da wurde auf der Terrasse gelebt, alle Fenster standen offen und die Gardinen waren aufgezogen. Und wenn es abends warm war, blieb das auch so bis zum Schlafengehen. Befragt vom neugierigen Kindermund (meinem), warum andere Leute ein paar Straßen weiter gar keine Gardinen hatten, wurde man aufgeklärt, dass das sicher Protestanten wären, da könne man immer in die Häuser hineinsehen. Wir Katholiken hatten da wohl mehr zu verbergen…

Das Prinzip des gardinenlosen Protestantismus wurde mir später auch wirklich so erklärt, dass die Angehörigen dieser Konfession immer offen allen Nachbarn zeigen wollten, dass sie nichts zu verbergen hätten und dass sie ein sie ein makelloses Leben führen würden. – Als Barbara und ich dann unsere erste gemeinsame Wohnung hatten, führten wir zwar nicht unbedingt ein makelloses Leben, aber Vorhänge hatten wir nicht. Schon aus Kostengründen – und überhaupt. Gardinen nicht waschen zu müssen empfanden wir nach der Erfahrung des Gardinenwaschzwangs unserer Mütter als echte Befreiung.

Deutsche Digitalphobie

Diesen Gardinenwahn scheint sich Deutschland bis ins digitale Zeitalter bewahrt zu haben. Die Phobie, auch nur die Außenfassade (oder die Hecken und Mauern davor), im Internet sichtbar zu machen, ist ebenso absurd wie dann schon wieder interessant. Wie schwach muss es um das Selbstbewusstsein solcher Menschen bestellt sein, dass sie Streetview so emotional ablehnen. Wie kränkbar müssen solche Menschen sein? Hauptargument dagegen ist meist: „Google hat mich ja nicht gefragt, ob ich das will.“ Und wie ängstlich muss ein Volk sein, das den Umstand, die Öffentlichkeit überall auch digital offen sichtbar zu machen, als Unterstützung von Diebesbanden fürchtet.

Ich schätze Europa – und Deutschland – und die Kultur hier, weil sie so mannigfaltig ist. Ich liebe die Gelassenheit und Selbstverständlichkeit von so vielen Menschen, gerade auch hier außerhalb der großen Stadt. Ich fand es gerade in Amerika immer wieder befremdlich, wieviel Paranoia und Angst in jedem John Doe (dem amerikanischen Herrn Jedermann) zu entdecken sind, gegen die als Hilfsmittel nur Waffen helfen. Wie enspannend und souverän finde ich die vielen, weiten Gegenden etwa auf dem Land, wo Türen nicht abgeschlossen sind. Auch nachts nicht.

Google ist evil

Zugegeben, ich schließe meine Türe ab. Aber das hat Versicherungsgründe. Aber ich habe keine Angst. Nicht vor Dieben, nicht vor Streetview. Aber was mir Sorgen bereitet, das ist der Angriff von Google (und Verizon) auf die Netzneutralität. Hier ist Google evil! Hier wäre es wirklich angebracht, meine verehrten Damen und Herren Politiker dass man sich kümmert. Hier gehört ein Gesetz her – und keines zum Thema Streetview. Aber da hört man nichts. Das scheint weit außerhalb des Kompetenz- und Interessensrahmens zu liegen. Ist ja auch klar. Mit Angstmache lassen sich Wähler anscheinend besser fangen als mit der Sorge um Freiheits- und Gleichheitsprinzipien.

Apropos: Ich habe den Aufruf für Netzneutralität bereits unterzeichnet. Wäre nett, wenn es ganz viele andere tun. Es ist ganz einfach und geht ganz fix: Pro Netzneutralität. – Danke!