Big Data


Rechnen per Lochkarte

Es war in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre, dass ich in Kontakt mit Computern kam. Nicht mit PCs, sondern mit Großrechnern der TU München. Deren immense Rechnerkraft (nach damaligen Maßstäben, heute kann wahrscheinlich jeder PC mehr) durfte man mit ein wenig Glück und guten Beziehungen des Nächtens für wissenschaftliche Zwecke nutzen. Wir hatten uns damals am Institut für Theaterwissenschaften unter Führung von Heribert Schälsky vorgenommen, das Verhalten von Theaterbesuchern empirisch zu untersuchen: mit Umfragen oder auch der Messung von Hautwiderstand.

Visualisierung der Datenmassen von Wikipedia

Das Ergebnis waren riesige Massen an Daten, die es irgendwie auszuwerten galt. Der einzige – und damals verführerisch moderne – Weg dazu war eine Auswertung per (Groß-)Computer. Dazu mussten aber alle Ergebnisse als Datensätze auf Lochkarten gestanzt werden, ein wirklich grässlich aufwändiger und Nerven zermürbender Prozess, bei dem jeder noch so kleine falsch sitzende Lochkartenritz die gesamte Auswertung zunichte machen konnte.  – Und es auch reichlich oft tat. Dann galt es, für eine oder zwei Wochen auf den nächsten Rechnerfreiplatz zu warten, um den nächsten Versuch zu starten.

Digitale Speicherung rarer Daten

Diese missliche Erfahrung hat mir die Neugier auf Computer damals erst mal bis Mitte der 80er-Jahre ausgetrieben, bis der Atari ST als preiswerter Klon des Apple SE auf den Markt kam. Der wurde damals aber erst mal vorwiegend als intelligente Schreibmaschine genutzt und nicht als Rechner. Zwar war auch das Schreiben auf dem Atari eine Verarbeitung von Daten, aber das war mir damals in meiner Unbedarftheit nicht recht bewusst. Wir nutzten damals den Computer, um vermeintlich Informationen zu produzieren, nicht um sie zu beschaffen oder gar zu filtern.

Damals war die mediale Normal-Situation eine des Informations-Defizits. Die einzigen, die sich darum kümmerten, da Abhilfe zu schaffen, waren die Medienproduzenten. Und sie verdienten daran nicht zu knapp. Wenn  man es sich leisten konnte, abonnierte man möglichst viele Zeitschriften, vorzugsweise auch aus anderen Ländern, vorzugsweise aus den USA: Nachrichten- und Lifestyle-Magazine, Fachzeitschriften, Special Interest-, Kultur-, Wissenschafts- und vielleicht auch Wirtschaftsmagazine. Dazu Zeitungen und Fachbücher. Wissensbeschaffung war ein teures, zeitraubendes und anstrengendes Unterfangen, deren Ergebnisse man dann in Zettelkästen oder Aktenordnern ablegte.

Digitale Kinderschuhe

Die Situation änderte sich erst Mitte der 90er-Jahre mit Etablierung des Internet. Da konnte man plötzlich (etwa bei Compuserve) in riesigen Datenbanken recherchieren, man konnte mit den ersten Suchmaschinen Informationen etwa amerikanischer Hochschulen finden, deren Existenz man bis dahin nicht einmal erahnt hatte. Plötzlich wurde die Informationsbeschaffung so viel leichter. Und die Speicherung der Ergebnisse fand nun immer mehr im digitalen Raum statt, das bot sich an und war bequem.

Heute haben wir die Situation, dass sich (geschätzt) etwa alle zwei Jahre unser Wissen verdoppelt. Und das ist heute schon größer als alles Wissen, das wir in der gesamten Menschheitsgeschichte bis zum Jahr 2002 gesammelt haben. Und die Entwicklung beschleunigt sich weiter. Inzwischen sind es nicht nur wir Menschen, die wir exponentiell immer mehr Informationen produzieren, sammeln und speichern, in der Wissenschaft, in den Medien oder in Blogs, bei Facebook, Twitter & Co. Es sind auch noch Abermilliarden von Geräten, die dasselbe tun: Smartphones, GPS-Geräte, Kassen, Minicomputer in unseren Autos und anderen Geräten, Browser, die unsere Web-Aktivitäten beobachten, Kameras, Sensoren, Musikgeräte und… und… und…

Information Overflow vs. Informations-Überfluss

Dieses Phänomen wird bei uns üblicherweise als Information Overflow beschrieben. Die negative Konnotation dieses Begriffs ist gewollt. Denn vorzugsweise sind es die Medien, die diesen Terminus reflexartig propagieren. Denn sie sind die Verlierer dieser Explosion der Daten- und Informationsmengen. Statt Informationen zu beschaffen und/oder über deren Verfügbarkeit zu bestimmen, sind sie jetzt ratlose Beobachter des radikalen Paradigmen-Shifts. Sie können – oder wollen – nicht verstehen, dass bei einem Überangebot an Informationen bei begrenzt wachsender Nachfrage kein Geld durch Informationsbeschaffung und -verbreitung zu verdienen ist.

Clay Shirky hat schon 2008 überzeugend ausgeführt, dass das Problem des Information-Overload genuin eines von ungenügend funktionierenden Filtern ist. Das Problem ist nicht die schiere Masse von Daten, sondern die Mittel, mit ihnen klar zu kommen. Er schloss seinen Vortrag auf der Web2.0-Konferenz damals mit dem Hinweis, dass das Problem des Information Overflow eigentlich seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert besteht, seit es mehr Bücher gab, als ein Mensch in seiner Lebenszeit lesen konnte. Sein lapidares Fazit war damals: „Wenn ein Problem seit solch langer Zeit besteht, ist es vielleicht kein Problem, sondern ein Faktum.“

Mit oder ohne Filter?

Heute ist die Menge der Zunahme an Daten, Informationen und Wissen so massiv, dass dieses Faktum kaum mehr mit den bestehenden Filtern bewältigt werden kann. Das erlebt man immer häufiger, wenn man Informationen im Internet sucht. Google schafft es oft nicht mehr, die jeweils wirklich relevantesten Inhalte jenseits von gesichertem Wissen wie Wikipedia-Einträgen zu ermitteln. Obwohl Google in seinem Suchalgorithmus auf die Intelligenz der Massen setzt, indem es die Akzeptanz von Inhalten durch andere User und Sites einrechnet, sind heute andere Filter wirkungsvoller: etwa die Suche bei Twitter, wo man stets die wirklich aktuellsten Hinweise auf Suchbegriffe bekommt, oft nur Minuten alt. Oder man verzichtet (fast) komplett auf technische Filter und verlässt sich auf das Wissen seines sozialen Umfelds und fragt in Facebook.

Mittlerweile ist die schiere Masse und die dynamische Wucht der stetig wachsenden Übermenge an Daten und Informationen (wie oben beschrieben) so groß, dass die gängigen Ängste von wegen „Information Overflow“ gar nicht mehr greifen mögen. Deswegen redet man heute lieber wertfrei von „Big Data“, von Massen an Daten, die kaum oder schwer mehr beherrschbar scheinen. Der durch die unvorstellbare Menge und deren Wachstum erzwungene Abschied von abwertenden Begriffen wie Information Overflow eröffnet die Sicht auf die ungeheuren Chancen, die Big Data geben.

Neue Perspektiven durch Big Data

Die Zukunft unserer Netze, unserer Businesses und wahrscheinlich auch unserer Gesellschaft wird davon beeinflusst werden, wie wir mit Big Data umgehen. Wer hier die größte Kompetenz entwickelt, wird extrem großen Einfluss – und Gewinnchancen haben. Kompetenz wird sich hier zusammensetzen aus bester Technologie (Algorithmen), die die Massen an Daten sinnvoll interpretieren kann – und aus der Bereitschaft, wie mit dieser Macht sorgsam und verantwortungsvoll umgegangen wird. Schon heute kann mit den Datensets, die wir täglich anonym  übermitteln, problemlos auf uns als konkrete Individuen rückgeschlossen werden und Persönlichkeitsprofile können erstellt werden.

Noch sind diese Profile zu unspezifisch, noch ist die Interpretation der Daten zu irrelevant, um wirklich wirksam verwendet – oder missbraucht – werden zu können. Sicher aber ist , dass Big Data die Wirtschaft und vor allen den Handel mittelfristig komplett verändern wird. Es werden ganze neue Industrien entstehen, die sich der Bewältigung, der Verarbeitung und der Interpretation der Datenkatarakte der Zukunft widmen werden. Und es werden darin ganz neue Jobs entstehen, die heute noch kaum denkbar sind: Data-Stewarts, die sich um die Verarbeitbarkeit von Daten kümmern; Data-Compiler, die kreativ Daten in Verbindung bringen; Data-Profiler, die Daten kreativ zu analysieren wissen – und viele mehr.

Und es wird Data-Condenser und -Interpretatoren geben, was heutigem (investigativen) Journalismus nahe kommen mag. Es mag Data-Controller geben, die mit viel technischem Know how aufpassen, dass Daten und Wissen daraus nicht missbraucht wird. Und schließlich wird es Menschen geben, die aus Daten, Informationen und Wissen Geschichten zu spinnen wissen, damit aus massiven, dispersen Daten Erkenntnisse und Emotionen heraus destilliert werden, die Menschen in ihrem Innersten packen und sie berühren. Das mögen die Journalisten, vielleicht auch die Vermarkter der Zukunft sein. Aber ihre Jobs werden andere Bezeichnungen haben…

Generation Low Cost


Nachwuchsförderung der besonderen Art

Der  Warnungen gibt es massenhaft: Das Zeitungssterben kommt. Die Verleger selbst haben in den letzten Jahren Berater über Berater engagiert, die ihnen dieses Menetekel in allen Variationen und in plastisch grauesten Farben ausgemalt haben. Aber unbeirrt davon fahren die Verleger fort, vor allem das Zeitungsbusiness gegen die Wand zu fahren, weil sie unwillens und möglicherweise unfähig sind, ihr Geschäftsmodell den heutigen Gegebenheiten, also vor allem den digitalen Medien samt Social Media anzupassen.

Der Effekt ist frappierend. Statt innezuhalten und kreative Lösungen zu entwickeln oder gar in neue Geschäftsmodelle zu investieren, justieren sie ihre Fahrtrichtung akkurat nach, dass sie auch ganz sicher die Wand frontal erwischen – und sie geben sogar noch weiter Gas. Wie anders soll man sich die Idee erklären, dass in den jetzt mit den Journalistenverbänden und -gewerkschaften verhandelten neuen Tarifverträgen vor allem Jungredakteure finanziell deutlich schlechter gestellt werden sollen als bisher üblich.

Frischer Wind unerwünscht

Ein junger Journalist braucht heute schon viel Idealismus und Enthusiasmus, um sich für den Printjournalismus zu entscheiden. Sie wissen, dass das Businessmodell der Zeitungen und General Interest-Magazine allenfalls noch zehn Jahre halbwegs halten mag und in dieser Zeit Sparmaßnahmen in immer kürzeren Zyklen zu erwarten sind. Man muss schon sehr schreibtalentiert und printverliebt sein, um heute noch unbedingt im Printjournalismus reüssieren zu wollen.

Junge Printjournalisten erinnern in ihrer Persistenz (oder Renitenz, oder Naivität) an junge Menschen, die heute unbedingt Kernkraft-Ingenieure werden wollen. Die aber werden wenigstens gut bezahlt, weil die Betreiber wissen, wie wichtig es ist, nicht nur auf die Expertise – aber auch Eingefahrenheit – der Altgedienten angewiesen zu sein. Frischer Input ist essentiell. Anders die Verleger, die wollen gerade jungen Menschen den Job durch mickrige Bezahlung noch unattraktiver machen.

Das Beispiel der Stadtzeitungen

Wie wichtig die Erneuerung eingefahrener journalistischer Routinen ist, haben wir Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre gezeigt, als die Stadtzeitungen einer ganzen Generation von jungen Blattmachern, meistens Autodidakten, die Chance gab, ihre Schreibe und ihr journalistisches Verständnis zu entwickeln – und für die Branche neu zu definieren. Nach anfänglicher Ignoranz durch  die etablierte Journaille entstand dann hartes Konkurrenzverhalten, als unsere Stadtzeitungen im Verkauf und vor allem in der Anzeigenakquise wachsenden Erfolg hatten – weil wir neue, junge Zielgruppen erreichten.

Am Ende aber wurden mit der Übernahme von uns zu Journalisten gereiften Autodidakten und der stadtzeitungsgestählten Journalistenschüler in die Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften (WIENER, Tempo & Co.) nicht nur unsere Leistungen anerkannt, sondern auch unser lebendigerer und authentischerer Stil, unser mutigerer und oft auch subjektiverer Recherche- und Schreibstil. (Siehe auch Humor & Justitia!) Das fand schließlich auch Eingang  in etablierten Medien – und erfrischte und runderneuerte diese.

Freiräume schaffen neue Ideen

Heute sind ehemalige Mitarbeiter der Redaktion der Münchner Stadtzeitung Feuilletonchefs, Ressortleiter, Büroleiter, Reporter, Kommentatoren, Kritiker, Radiojournalisten – oder sie besitzen erfolgreiche Verlage und Redaktionsbüros – oder sie sind renommierte Filmproduzenten und Talkshowhosts u.v.a. Die Kollegen aus anderen Stadtzeitungen sind und waren Chefredakteure, Trendforscher, TV-Produzenten etc.

Damals gab es für uns in den Stadtzeitungen große Freiräume, in denen wir uns als Autoren, als Reporter, als Blattmacher, als Fotografen und Blattdesigner, als Karikaturisten und Grafiker, als Vermarkter und sogar als Veranstalter ausprobieren konnten. Wir machten damals nicht alles richtig, aber wir machten alle Fehler genau zur richtigen Zeit – und das vor den Augen unserer – vor allem jungen – Leser. So wirkten wir besonders glaubwürdig und authentisch. Vor allem aber haben wir uns rapide weiterentwickelt, weil wir mit unseren eigenen steigenden Ansprüchen mithalten wollten.

Karriere statt Geld

Diese Freiräume existieren heute längst nicht mehr. Heute gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, als Quereinsteiger ins etablierte Print-Business einzusteigen. Da muss man schon von der Journalistenschule kommen, eine der raren Volontariatsstellen ergattert haben und/oder ausgiebig Praktika schrubben, um eine Festanstellung zu bekommen. Künftig, wenn die in Gewerkschaften organisierten Kollegen nicht erfolgreich streiken, dann auch noch zu deutlich verschlechterten finanziellen Konditionen.

Mit dieser Idee sparen die Verleger zwar nur Minimalsummen ein, provozieren aber, dass sich talentierte junge Kräfte vom Printjournalismus fern halten. Wer heute noch Freiräume in seiner Arbeit erleben will, geht doch vorzugsweise ins Online-Business, in die Produktion von Corporate Content, in Agenturen oder zu Video-Produktionen. Hier wird man nicht unbedingt besser entlohnt, aber man hat mehr Gestaltungsmöglichkeiten – und dazu deutlich bessere Karriereperspektiven.

Kreativer Druck von unten

Mit Medien wird in Zukunft nicht mehr so leicht das ganz große Geld zu verdienen sein, nicht ohne großen Aufwand, Talent und Risiko. Aber gerade das Printbusiness, das absehbar die größten Probleme in den Märkten der Zukunft haben wird, braucht am dringendsten frische Ideen, neue Geschäftskonzepte, neue Sichtweisen und kreative Ansätze. Um für Leute, die das bieten können, attraktiv zu sein, muss man ihnen Freiräume, freie Hand – und finanzielle Perspektiven bieten. Wer das nicht tut, verbaut sich erfolgreich die eigene Zukunft.

Das sollte doch gerade denjenigen, die immer wieder den Begriff des Qualitätsjournalismus bemühen, wichtig sein. Nur ein Redaktionskollegium, das kreativen Druck von unten, von jungen Kräften erfährt, die im besten Fall mit digitalen Medien aufgewachsen sind, kann echte Qualität entwickeln – und dauerhaft halten.

Leser-Blatt-Bindung per Kleber

Fragt sich, ob all das auch in Journalistenschulen gelehrt wird? Kümmert man sich dort nicht nur um gute Schreibe, sondern auch darum, wie man mit kreativen Ideen Medien (nicht nur Print) erfolgreich machen kann oder wie man sie erfolgreich vermarktet? Kümmert man sich dort auch darum, wie sich neue, lukrative Geschäftsfelder eröffnen lassen? Auch abseits publizistischen Glamours?

Wir haben damals bei der Münchner Stadtzeitung (und später auch beim WIENER) permanent Ideen gehabt und verwirklicht, wie wir erfolgreicher im Markt werden. Wir haben damals schon Coupons in der Zeitung gehabt (bis uns die Süddeutsche das per Gericht verboten hat!), wir haben Spiele (Brettspiele!) entwickelt, wir haben Konzerte, Wahlpartys und Filmbrunches veranstaltet, wir haben Aufkleber auf dem Titel gehabt, Bilder in 3-D samt Brille und vielerlei mehr. Wir haben Stadtbücher entwickelt und vermarktet, Sonderhefte und wir waren uns nicht zu fein, riesige Aufkleber auf Autos von Lesern zu kleben. (Das war Leser-Blatt-Bindung in des Wortes klebrigster Bedeutung!)

Mann, waren wir toll! – Waren wir das wirklich? Ein bisschen vielleicht. Vor allem aber hatten wir freie Hand, konnten und wollten Neues und vieles anders machen. Wir wurden nicht nur gelassen, sondern vom Verleger Arno Hess ermuntert und ermutigt. Und wir wurden dafür auch bezahlt. Nicht übermäßig, aber für uns war das damals schön verdientes Geld. Und wir konnten uns weiterentwickeln…

Reise nach Analogien


Inseln des analogen Business

Es ist gar nicht so weit nach Mittelitalien. Zwei Stunden mit dem Flugzeug, acht mit dem Auto, elf mit dem Zug. Und doch kommt man in einem ganz anderen Land an, einem, in dem noch die analoge Kultur herrscht, in dem Business noch mündlich verhandelt und auf Papier dokumentiert wird. Der Effekt: eine Zeitreise zehn bis 15 Jahre in die Vergangenheit. Eine Reise ins Analoge, nach Analogien, wenn man so will. Man staunt und ist auch irgendwie amüsiert, wenn man zusieht, wie hier viel, viel (geduldiges?) Papier traktiert wird – und massenhaft Zeit verbrannt wird.

Das schönste Beispiel sind die Banken. Bei der Eröffnung unseres Kontos in Italien waren drei Termine, geschätzte drei Stunden Zeit und viele, viele Diskussionen nötig. Es sind unendlich viele Formulare auszufüllen – mit immer wieder denselben Inhalten. Alle Vornamen, auch die der Eltern, werden erfasst und natürlich werden alle nötigen Ausweise, Nachweise etc. sorgfältig kopiert, oft auch mehrmals. Am Ende solch eines länglichen Prozesses kommt ein ansehnliches Aktenbündel zusammen. Ein Computer kommt bei dem Prozess nicht ins Spiel, irgendwer scheint die Angaben später einzugeben.

Computer als Teufelswerk

Das erinnert schwer an die Zeit, als auch in Deutschland noch der Computer als Teufelswerk angesehen wurde, das ausnahmslos dazu erfunden wurde, um Arbeitsplätze zu vernichten. So wurde mir einst glaubhaft versichert, dass in der Redaktion der „Zeit“ alle Artikel, die durchaus an Computern entstanden, konsequent ausgedruckt wurden und dann noch einmal neu ins Redaktionssystem eingegeben wurden, um die Setzer nicht arbeitslos zu machen.

Schecks werden in Italien auf dem Lande auch nicht etwa von Computerdruckern erstellt, sondern mit urtümlich aussehenden Druckmaschinen, bei denen mit viel Kraftaufwand Namen und Kontonummer händisch eingestellt werden müssen und dann mechanisch eingestanzt werden. Das schaut super aus, aber es dauert. Aber weit mehr Zeit verschlingt der Umstand, dass jede noch so kleine Entscheidung, und sei es eine Auszahlung von 100 Euro, nie von einem Bankangestellten alleine erledigt werden kann. Eigentlich ist in jeden Geschäftsvorgang jeder der auch in der kleinen Filiale zahlreich vertretenen Bankangestellten involviert. Mindestens abnicken oder zur Kenntnis nehmen muss jeder im Raum.

Kein Wunder, dass die Bankgebühren in Italien am höchsten sind – und verständlich, dass man bei der einstigen HypoVereinsbank immer wieder hinter vorgehaltener Hand laut jammert, dass hierzulande durch immer neue Sparmaßnahmen der aufgeblähte Personalapparat der italienischen Konzernmutter UniCredit finanziert werden muss.

Bürokratie als Peep-Show

Selbst wenn ein Konto per Computer eröffnet wird, dauert das in Mittelitalien geschlagene 75 Minuten. So erlebt in einer Filiale der Postsparkasse. Denn auch hier müssen unendlich viele Formulare ausgefüllt werden. Das passiert zwar am Computer, aber dann wird alles zur Unterschrift ausgedruckt. Auch hier kommt so ein dickes Aktenkonvolut zusammen. Und es dauert, auch weil der Computer gerne streikt und dann neu gestartet werden muss. In der Zwischenzeit ruhte für die 75 Minuten der gesamte Geschäftsverkehr in der (kleinen) Postfiliale und jeder der (geduldig wartenden) Postkunden bekam den Vorgang in seinem ganzen Ausmaß live mit. Bürokratie als soziale Peep-Show sozusagen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Zeit in Italien mit Warterei verbrannt wird. Das wird geduldig ertragen, ist halt längst erlernt. Man wird sogar als Deutscher geduldig, angesteckt von der Hingabe ans Warten. Aber wer solch eine sinnlose Zeitverschwendung als wohltuende Langsamkeit und langsamere Taktung des Lebens verklären will, der liegt falsch. Wenn man das erste Mal solch ausufernde Warterei erlebt, staunt man noch über die ausgefeilte Zeitvernichtung und amüsiert sich sogar ein wenig darüber, weil es oft kabarettistische Qualität hat. Etwa wenn die Mitarbeiter streiten, welches denn nun das richtige Formular ist. Der Kompromiss: beide werden ausgefüllt. Aber bei jedem weiteren Mal langen Wartens realisiert man immer mehr, wie viel Zeit so vielen Menschen gestohlen wird, die um einen herum stoisch warten.

Organisierte Zeitvernichtung

Und irgendwann realisiert man, dass das bei uns einst ähnlich war. Vielleicht nicht ganz so exzessiv wie in Italien, wo man schließlich auch die Bürokratie – und später das Bankwesen mit all seinen (Dys-)Funktionalitäten einst erfunden hat. Das scheint zu verpflichten. Aber auch uns hier wurde einst so viel Zeit gestohlen. Die digitale Technik hat sie uns zurückgegeben. Fragt sich, wofür wir sie nutzen? Vernünftig und produktiv? Oder ist das Warten am Bankschalter nur die ehrliche Variante von Zeitvernichtung?

Apropos. Natürlich gibt es auch in Italien Online-Banking. Um das zu aktivieren braucht es natürlich einen eigenen Antrags- und Genehmigungsprozess mit weiteren Formularen. Nach einigem Hin und Her und neuerlichen Besuchen in der Bank funktionierte das auch kurz. Aber nur so lange, bis man es mit dem Computer zu Hause in Deutschland probiert. Dann verfällt sofort das Sicherheitszertifikat und die Funktion ist gesperrt. Merke: Online-Banking funktioniert nur von einem dezidierten Computer – und der muss in Italien stehen. Inzwischen bekommen wir einmal im Vierteljahr einen Kontoauszug. Per Email, die ein Bankangestellter händisch erstellt. Das immerhin haben wir nach mehreren Besuchen, Terminen und Email-Nachfragen (!) dann doch geschafft.

Es wäre zu billig, sich über diese Auswüchse analoger Prozesse lustig zu machen. Es ist vielmehr eine willkommene Bewusstwerdung, wie sehr sich die Zeiten schon im digitalen Zeitalter verändert haben. Und das ist nur der Anfang. Wo das hinführt, ist heute erst schemenhaft zu erahnen.

Bleibt zu erraten, wann man solch eine Glosse über die Antiquiertheit eines über Jahrhunderte entwickelten Prozesses schreibt, der uns heute noch selbstverständlich erscheint, wie den Italienern ihr Bankensystem. Etwa die Nachrichtenübermittlung mittels bedruckten Papiers, das die Nachrichten vom Vortag als Neuigkeit verkauft, und das per Bote nach Hause gebracht wird, um dort kaum gelesen im Recycling-Container zu landen? – Oder das Thema Steuererklärung…

Mysterium Bleistift


Duft & Geräusch von Holz und Graphit

Man kann heute mit sehr einfachen Dingen Menschen zum Staunen bringen. Vorausgesetzt, man benutzt nicht moderne Technologie, sondern archaische Tools. Man muss nur etwa in der S-Bahn seine Gedanken mit einem Bleistift zu Papier bringen. Wenn man das lange genug macht, muss der Stift nachgespitzt werden. Das ist ein fast kulinarisches Vergnügen. Man dreht den Stift im Spitzer, das leise Schabegeräusch vermischt sich mit diesem speziellen Geruch aus dünn gespleißtem Holz und Graphit – und Sekunden später hat man wieder einen spitzen, schreibbereiten Stift.

Da staunen die umsitzenden Mitfahrer in der S-Bahn. Das macht mehr Eindruck als jedes Herumspielen am noch so neuen und noch so intelligenten Smartphone. Es ist vor allem ein neidfreies Vergnügen. Es hilft, dass man so wie ein wenig aus der Zeit heraus gefallen scheint. Wer mit Bleistift auf Papier notiert, der outet sich als Wesen aus einer analogen, linearen (sic!) Zeit. So gesehen ist der Bleistift zum geschriebenen Wort was das Vinyl zur Musik ist. Ein Nostalgikum mit Stil – nein mit Stilus (lateinisch für „Griffel“)…

Ideen im Zug zu Papier zu bringen, das war mir schon immer ein besonderes Vergnügen. Nicht zwangsweise mit dem Bleistift, wenn genug Platz ist auch gerne per Tastatur. Aber irgendwie passt der Ausdruck im Amerikanischen, wenn man auf eine Gedankenreise (sic!) geht: „Train of Thought“. Wenn man sein Denken erst einmal auf ein Gleis gebracht hat, kommen die Gedanken wie von selbst und ziehen am inneren Auge wie eine im Moment erschaffene Imaginations-Landschaft an einem vorbei. Dann gilt es, diese so schnell wie möglich festzuhalten. Und wenig eignet sich dazu besser, als ein Skizzen-Monitor aus Papier und Stift.

Analoges Schreiben im Digitalen Zeitalter

Das Schreiben mit einem Stift ist zunächst ein rein analoger Prozess. Aber dank der Option zu Anmerkungen, Korrekturen und Einschüben – und im Notfall unter Einsatz des am Stiftende angebrachten Radiergummis – dennoch relativ offen, sozusagen prä-digital oder archao-digital. Man kann die Prozesshaftigkeit des Schreibens gut und genüsslich auskosten. Man fängt an zu denken – und gerät schnell irgendwohin, wo man nie gedacht hätte, jemals hinkommen zu können. Schreiben ist so stets ein Reisebericht aus einer selbst erdachten, immer gerade neu erlebten, neu eingerichteten Gedankenwelt.

Einst musste man sich, wollte man professionell schreiben , seinen Artikel zu Anfang klar zurecht legen, wollte man nicht seine Tage mit dem Abtippen immer derselben Texte verbringen. Nach vorher festgelegtem Plan wurden die Artikel dann verfasst. Ein relativ unfreies Unterfangen – und wehe, man kam zu sehr vom vorher erdachten Plan ab, dann konnte man, vor allem bei Reportagen von 20.000 oder mehr Zeichen (ja, das gab es einst in der Zeitschriftenlandschaft), schwer verunglücken.

Die Befreiung des Schreibens durch den PC

Die Erfindung des Personal Computers, an dem man seine Texte unbekümmert in die Tastatur hämmern konnte, ohne Rücksicht darauf, sie später noch mal abtippen zu müssen, erlebte ich Ende der 80er-Jahre als echte Befreiung. Endlich konnte man seinen Gedanken freien Lauf lassen, konnte mühelos löschen und korrigieren, ergänzen und modifizieren. Das Schreiben war nicht mehr ein linearer Vorgang, sondern immer mehr ein offener Prozess. Man konnte peu à peu lernen, Schreiben in seiner Prozesshaftigkeit genießen zu lernen.

Das hieß, man konnte das Risiko eingehen, das Schreiben offen zu gestalten und sich selbst damit zu überraschen, wo man am Ende eines Textes hin geriet. – Ein schönes Faszinosum, das nur leider nicht immer von Chefredakteuren und Auftraggebern entsprechend wertgeschätzt wurde. Artikel waren eben keine ergebnisoffenen Kunstwerke, sondern doch klar definierte Aufgaben. Vor allem im Zeitungs- und Zeitschriftenbusiness waren sie Produkte, die im besten Fall auf definierte Zielgruppen ausgerichtet waren, wollten sie erfolgreich sein.

Texte auf Reisen ins Unbekannte

Erst die Blogosphere gab wieder die Freiheit, Texte auf Reisen zu schicken. Auf Reisen ins Unbekannte – oder ins Erahnte. Oder auf Reisen zu sich selbst. Die Befreiung von klar umrissenen publizistischen Vorgaben und strengen Formatvorgaben justierte das Schreiben und die Texte neu. Wenn man sieht, wie viele gute Texte heutzutage täglich – abseits der professionellen journalistischen Domänen – entstehen, erlebt man, wie sehr diese Befreiung des Schreibens Früchte trägt. – Und seit die kleinen Formen der Schreibens, die Tweets oder die Facebook-Einträge, ausgiebig (aus-)geübt werden, erleben noch viel mehr – auch illiterale – Menschen das befreite Schreiben.

Es gibt heute im Internet so viele Texte zu lesen, die geschrieben werden mussten, die geschrieben werden wollten – und die diejenigen, die sie geschrieben haben, wohl am Ende selbst erstaunt haben. Denn wer hätte gedacht, wohin einen der freie „Train of Thought“, der freie Prozess des Schreibens, wie er in Blogs (und Tweets und Miniblogs) üblich ist, schlussendlich bringt. – Und derselbe Prozess, wie er hier am Beispiel des Schreibens beschrieben worden ist, gilt gleichermaßen auch für Fotos oder Videos. Auch hier haben die digitale Technik und die Freiheit der Blogs und Sozialen Netze Unmengen an staunenswerten Bildern und Filmen geschaffen.

Perlen im Ozean der Phantasie

Unwidersprochen, das Internet und die Sozialen Netze sind auch (über-)voll von Banalitäten, Kalamitäten, Gemeinplätzen und Gemeinheiten, von Unsinn und Irrsinn. Aber das ist der Lauf der Evolution. Sie lebt von Irrtum und Irrwegen, von Try und gerade auch „Error“. Kreation ist nicht eine Massenproduktion von Perlen, Kreativität nicht Exzellenz am Fließband. Es geht in einer digitalen Kultur nicht mehr um den Geniestreich eines Einzelnen, sondern um den freien Austausch frei geborener Ideen. Wunderbar bringt diese Erkenntnis der britische Autor Matt Ridley („The Rational Optimist“) in seinem Vortrag bei TED mit dem Titel „When ideas have sex“ auf den Punkt.

Als ein gutes Beispiel, wie wichtig es für uns Menschheit war – und in Zukunft noch viel mehr sein wird, dass wir unsere Gedanken miteinander austauschen und so die Evolution und unser Fortleben (sogar mit mehr Wohlstand und in besserer Gesundheit) garantieren, dient Ridley das Beispiel des Bleistifts. Er zitiert den Wirtschaftswissenschaftler Leonard Read, der bereits in den 50er-Jahren exemplifiziert hat, dass eigentlich kein Mensch weiß, wie ein Bleistift hergestellt wird. Nicht der Fabrikbesitzer, nicht der Ingenieur und nicht der Arbeiter in der Fabrik.

Denn keiner von ihnen weiß, wie Graphit geschürft wird, wie der zu einer Mine wird, wie die Bäume für den Stift gefällt werden – und schon gar nicht, wie die Mine ins Holz kommt. (Das weiß bestenfalls die Maus aus der „Sendung mit der Maus“ – und natürlich Faber Castell.) Muss man auch nicht. Denn es kommt darauf an, dass wir – arbeitsteilig – unsere Gedanken und Ideen austauschen und weiterentwickeln. Ganz frei – global vernetzt – und immer mehr davon – und immer schneller…

Guido-Dämmerung


Westerwelle vs. Guttenberg

Guido Westerwelle ist das exakte Gegenstück zu Karl Theodor zu Guttenberg. So wie Kain und Abel, Yin und Yang, Gelb zu Blau. So hat Guido Westerwelle seine Doktorarbeit glaubwürdig selbst geschrieben. Zum einen gab es damals noch kein Internet und da hätte Abschreiben schon mal richtig Arbeit gemacht. Zudem hat er ein Thema gewählt, bei dem (nur) er sich wirklich auskannte: „Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen.“ In der Jugendorganisation der FDP war er wirklich Experte, war er doch „Mitbegründer der Jungen Liberalen“ (Zitat Wikipedia) und fünf Jahre lang deren Bundesvorsitzender. Außerdem besticht die Doktorarbeit durch eine dem öden Thema angemessene inhaltliche Zurückhaltung. Und nach 140 Seiten ist man auch schon mit dem Thema durch. Guttenberg brachte es auf immerhin ambitionierte 400 Seiten ausgeliehener Textbausteine.

Guido Westerwelle Foto: Dirk Vorderstraße

Aber hier fangen die Unterschiede zwischen Westerwelle und Guttenberg erst an. Man muss den beiden nur einmal bei ihren Reden zuhören; man ist an dekadent-römische Zeiten erinnert: Hier der Volkstribun, der seine Kritik in einer stets besserwisserischen Pose ätzt, dort das Mitglied des Hochadels, der sich nie in den Niederungen der Opposition aufgehalten hat und so eine sorgfältig im Zaum gehaltene Souveränität auf Gutsherrenart virtuos beherrscht. Man braucht gar nicht zu ätzen, denn man weiß sowieso alles besser. Per se, versteht sich.

So verschieden Attitüde und Tonalität von Guttenberg und Westerwelle sind, so ähnlich sind ihre Wurzeln. Beide sind Söhne alleinerziehender Väter. Beide lieben Oper (Bayreuth), aber auch Zeitgenössisches. Guttenberg geht zu AC/DC, mag „Rock, House und Soul“ (Zitat auf Facebook), Westerwelle liebt „Pop und Charts“ (notiert er auf Facebook). Damit hat es sich aber wohl mit den Gemeinsamkeiten. Denn sowohl in ihrem Auftreten wie in der Rezeption durch die Menschen unterscheiden sie sich elementar.

Schwarze Projektionsfläche

Wir hatten zuhause eine Projektionsleinwand, die sorgfältig zusammen gerollt auf das eine Mal im Jahr wartete, dass der Diaprojektor ihm Bilder von den Reisen in den Süden darauf warf. Meist waren es Bilder aus Italien, aber dann auch schon mal Spanien, Jugoslawien – die älteren unter den Lesern mögen sich erinnern – oder Marokko. Diese „Leinwand“ war in Wahrheit ein mit einer speziellen Kristallfolie überzogener schwarzer Stoff. Nach vorne wurden strahlende, brillante Bilder abgestrahlt, umgekehrt aber war die Bildwand schwarz und schluckte jedes noch so schöne Bild, das ein Projektor auf sie warf.

Welch passendes Bild für das ungleiche Paar Westerwelle und Guttenberg. Der eine, Guttenberg, war die strahlende, geschliffene, brillantine-gegelte Projektionsfläche für alle Hoffnungen breitester Bevölkerungskreise nach einem unabhängigen, intelligenten, durchsetzungsstarken Kopf, der davon möglichst nur in homöopathischen Dosen Gebrauch machen sollte. Und wenn, dann nur bei mehrheitsverdächtigen Themen wie etwa der Abschaffung der Wehrpflicht. In der Verklärung von Guttenberg als Kanzler in spe kanalisierten sämtliche Irrationalismen der politischen Mitte – und rechts davon – bis hin zu einem verkappten Monarchismus und dessen kinotauglicher Strahlkraft.

Genau umgekehrt Guido Westerwelle. Er hat es geschafft, in knapp 15 Monaten zur Projektionsfläche allen Ärgers, allen (politischen) Versagens und aller Befürchtungen zu werden, die die breite Öffentlichkeit gegen Politiker seit je her hegt. Er ist wie die Rückseite unserer Familienleinwand von einst. Es ist stets nur tiefstes Schwarz zu sehen, sei es, es wird wirklich Düsternis und Versagen gezeigt oder möglicherweise auch einmal Licht. Manchmal mag man meinen, dass Westerwelle in dieser Negativ-Projektion Unrecht geschieht. Dann aber stärkt er mit entsprechenden Aktionen oder wahlweise saloppen oder hohlen Sprüchen regelmäßig die Befürchtung, dass es nicht an der Projektion der Massen, sondern an den von Westerwelle produzierten und präsentierten Inhalten liegt, dass sein Image so schlecht ist.

Der Hahnenkampf um Libyen

Es ist ewig schade, dass wir den Hahnenkampf zwischen einem Verteidigungsminister Guttenberg und dem Außenminister Westerwelle zur Libyen-Frage nicht mehr miterleben durften. Das wäre bestimmt sehr lustig geworden und wäre sicherlich in aller Unerbittlichkeit quer durch alle Medienkanäle ausgetragen worden.

Guttenberg hätte es nie ausgehalten, mit einer Enthaltung im UN-Sicherheitsrat zur Libyen-Resolution vor seinen vielen amerikanischen Freunden auf die Knochen blamiert zu werden. Das wäre spannend geworden, zu wem in diesem Zwist Angela letztendlich gehalten hätte. Einer der beiden wäre auf alle Fälle politisch so beschädigt gewesen, dass er hätte zurücktreten müssen, schon aus reiner Selbsterhaltung. – Eigentlich schade, dass Guttenbergs Doktor-Schmu nicht ein paar Wochen später aufgedeckt worden ist. Vielleicht wäre uns so Westerwelles sonderlicher Populismus-Pazifismus erspart geblieben. – Im dekadenten Rom hat man nicht zufällig niemals Volkstribune für diplomatische Aufgaben eingesetzt. Agitatoren waren noch nie gute Moderatoren.

Digitale Gratiskultur


Tim und Kai-Hinrich Renner: Digital ist besser (Campus Verlag)

Eine spezielle Situation. Ich kenne beide Autoren, den einen (Tim) flüchtig aus meiner Zeit als Musikkritiker, den anderen (Kai-Hinrich) sehr viel besser, weil ich mit ihm beim WIENER zusammengearbeitet habe und ihn dort als energischen Journalisten und als gewitzten und engagierten Menschen zu schätzen gelernt habe. Jetzt kenne ich die beiden aber noch viel besser, weil sie anhand ihrer eigenen Biografie im Hamburg der 70er und 80er ihre Ich-Werdung im Kosmos der Pop-Kultur beschreiben. Und das tun sie in einer ebenso sympathischen wie exemplarischen Weise. Ich bin nun noch ein paar Jahre älter als die beiden, aber meine Ich-Findung fand ebenso in der Pop-Kultur (na ja, auch in der Rock-Kultur) statt wie bei ihnen.

Die Kernthese des angenehm locker geschriebenen Buches (Campus Verlag) ist die: Wer seine Sozialisation in der Pop-Kultur erlebt hat, tut sich mit der digitalen Kultur und ihrer Spontaneität und Fluidität (sehr viel) leichter als alle diejenigen, die den bildungsbürgerlichen Kulturkanon als Leitbild ihres kulturellen – und vor allem ihres medialen – Daseins gewählt haben. Also die gesamte Kaste der etablierten Journalisten und Medienmacher bis hin zu jüngeren Semestern wie Frank Schirrmacher, der seine Digital-Phobie immerhin als Buch-Bestseller vermarkten konnte: „Payback“ (Blessing Verlag).

Sozialisierung durch Alvin Lee & Co.

So sehr meine Eltern es versuchten, mich mittels Oper, Theater, Büchern und Kirche bildungsbürgerlich zu erden, sie konnten gegen die Faszination der Rock- und Pop-Kultur nicht an. Ende der 60er emanzipierte ich mich aus dem elterlichen (klein-)bürgerlichen Kultur-Ghetto mit Hilfe meiner E-Gitarre unter gütiger Mithilfe von Alvin Lee, Tommy Iommi, Peter Green, Rory Gallagher, Jimi Hendrix und Robert Fripp u.a.. In den 70er-Jahren wurde ich zum eifrigen Plattensammler, soweit es karges Taschengeld und bisweilen ansehnliches Honorar aus vielen Jobs (Briefträger, Nachhilfe, Schreiben) zuließen. Die 80er Jahre über bis Mitte der 90er-Jahre kamen die Platten – und später CDs – frei Haus, weil ich in der Münchner Stadtzeitung und dann beim WIENER kontinuierlich und viel über Musik (Platten, Konzerte) schrieb und reihenweise Pop-, Rock und Filmstars interviewte.

Und dann, als ich beim WIENER kündigte und nach Hamburg zu Scholz & Friends als Trendforscher und Zukunftsberater ging, war schon das Internet da, zunächst als seltsames Schlupfloch bei Compuserve. (Danke Anatol, dass du mich damals erstmals in diese fremde, neue Welt, die damals noch sehr grau war und keine Bilder kannte, mitgenommen hast!) Bald danach hatte ich sehr zu kämpfen, dass die Kunden den Trend Internet a) verstanden und b) seine Perspektiven wenigstens zu erahnen bereit waren. So wurde ich zu einem der ersten „Experten“ in diesem Thema hierzulande.

Mitschuld an Gratiskultur

Ab dann durfte ich die digitale Kultur aus operativer Sicht kennen lernen, verstehen lernen – und sie aktiv mitgestalten. Zuerst bei Europe Online, dann bei Sidewalk von Microsoft und dann bei MSN (Microsoft Network), wo ich das erste deutsche Portal gestalten durfte. Ich war damals aktiv mit schuld daran, dass die Gratis-Kultur des Internets in Deutschland entstand, die Kai-Hinrich Renner nicht müde wird in „Digital ist besser“ zu beklagen.

Europe Online wollte zunächst wie America Online für alle Inhalte Abonnement-Gebühren verlangen. Als dann aber die proprietäre Software nicht funktionierte und wir auf das HTML-Format (Netscape 2.0) wechselten, war bald klar, dass die Inhalte zum Großteil gratis sein sollten. Damals wurde schon ein ähnliches Modell diskutiert, das jetzt die New York Times einzuführen versucht. Bei uns hieß das das „Zwiebel-Modell“: Viele Inhalte sollten gratis sein und die User locken. Genau das macht die NYT jetzt auch, 10 Seitenabrufe sind gratis, danach muss man sich registrieren – und alle Links von Google, Facebook oder Twitter sind auch stets kostenfrei. Danach fällt die Zahlschranke – und um die mühsame Einzelabrechnung gelesener Inhalte einfacher zu machen, werden attraktive Abonnements (für Print plus Online, iPads oder Online only) angeboten.

Technisches Manko

Genauso war es mal für Europe Online angedacht. Leider war damals keine technische Lösung für solch ein Modell zu entwickeln. Wie auch? Das war noch bevor Content Management Systeme (CMS) entwickelt waren. Also wurden alle Inhalte gratis ins Netz gestellt. So wie es der Spiegel und Focus bald danach machten. Das geschah als Vorsichtsmaßnahme, damit nicht etwa irgendwelche Garagenfirmen den Verlagen die Leser abspenstig machen würden. Das war damals die höchste Angst der Verleger.

Die Garagenfirmen schlugen dann aber ganz wo anders zu. Weil die Verleger es verabsäumten, in ihren Häusern eigenes digitales und technisches Know how aufzubauen, entstanden aus „Garagen“ heraus technikgetriebene Firmen wie Scout24, wie Mobile, wie Parship oder StepStone, die den Verlagen – ohne großen Widerstand – alle Rubriken-, Kontakt- und Jobanzeigen abspenstig machten – und so den Anfang der wirtschaftlichen Talfahrt initiierten. Diese Gratiskultur war den Verlagen damals nicht geheuer. Damals hätte ihnen gesunder Kannibalismus und weniger Angst vor neuen digitalen Geschäftsmodellen gut getan. Die sind, zugegeben, komplexer und scheinbar weniger ergiebig. Aber wie eine andere Garagenfirma bewiesen hat, kann derjenige, der die digitale Technik und die digitale Kultur versteht, durchaus damit sehr viel Geld verdienen: Google beweist das tagtäglich.

Keine Angst vor der Digitalität

Das ist dann auch die spezielle Stärke von „Digital ist besser“: Es widerlegt elegant alle Angst- und Horror-Szenarien zur digitalen Kultur. Das Buch macht Mut und Lust, sich auf das Internet, die digitale Kultur (samt Games) – und auch auf Social Media – einzulassen. Das tut es vor allem auch, weil es kein abstraktes Traktat ist, sondern weil man so viel über die beiden Autoren und ihren Weg  via Popkultur in die digitale Kultur erfährt.

Die Physiker(in)


Die etwas schlimmere Kettenreaktion

Der Spruch ist so banal wie treffend: „Chemie ist, wenn es kracht und stinkt; Physik ist, wenn es nicht gelingt.“ Heute erlebt Japan die schlimmstmögliche Bestätigung dieses Schüler-Juxes. In Fukushima ist live mitzuerleben, wie die Hybris von Physikern, die Kernspaltung für beherrschbar hielten, eine Katastrophe noch in seine Eskalation treiben.

Selbst der einfachst denkende Mensch käme nicht auf die Idee, einen Reaktor neben den anderen zu setzen, am besten gleich sechs davon. Atomphysik funktioniert nach dem Prinzip der Kettenreaktion, eine radioaktive Katastrophe genauso: Wenn man sechs Reaktoren nebeneinander baut, schaffen die Probleme eines Reaktors Probleme in den daneben liegenden. Wenn einer durchbrennt, müssen die anderen in Mitleidenschaft gezogen sein, etwa durch Explosionen – und effektive Gegenmaßnahmen können dann logischerweise weder hier noch dort mehr durchgeführt werden. Fukushima beweist das tragisch eindrucksvoll.

Wahrscheinlich waren es nicht Physiker, die auf den Irrwitz gekommen sind, sechs Kernkraftwerke in Reihe zu bauen, das werden wohl eher die Business-Developer und Rendite-Rechner der Betreiber gewesen seien. Physiker hätten allerdings dagegen Einspruch erheben müssen. Keine Chance jedoch dazu im konsenssüchtigen Japan. Aber bei uns haben sie ja genauso mehrere Atomkraftwerke in trauter Nachbarschaft gebaut: drei Stück in Grundremmingen, zwei in Biblis, Ohu, Neckarwestheim, Philippsburg und in Greifswald waren es derer sogar fünf. Auch hier kein Einspruch von Seiten der Atomphysiker.

Brennstab auf dem Dach

Oder die Idee, die alten Brennstoffe in unmittelbarer Nähe zum Reaktor in Abklingbecken aufzubewahren. In Fukushima ausgerechnet über dem Reaktor. Wenn der explodiert, müssen die Brennstäbe unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen werden – und setzen radioaktive Strahlung frei – und liefern dann noch Nachschub für die drohende Kernschmelze. Natürlich ist solch eine reaktornahe Lagerung den physikalischen Bedürfnissen geschuldet. Schließlich müssen die alten, noch lange heißen Brennelemente jederzeit mit Wasser gekühlt werden. Da bietet es sich an, dass man da die Transportwege kurz hält. Vor allem, weil ja nichts passieren kann.

Das ist das Dilemma der Physik – und der Physiker. Sie versuchen die Welt zu erklären, sie versuchen die Welt in Formeln zu erfassen und sie berechenbar zu machen. Dumm nur, dass die Natur hier nicht so recht mitspielt. Anders als in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen, in denen reflektierende Wissenschaftler die Tatsache nicht leugnen, dass mit jeder neuen Erkenntnis der Forschung klar wird, wie viel mehr noch nicht bekannt ist, glaubt ein Großteil der Physiker noch, die Welt immer besser erklären – und beherrschen zu können. – Wie fatal.

Physik als Politik

Die Ironie der Geschichte – Geschichte hier im Sinne Historie – ist es, dass in der Bundesrepublik ausgerechnet eine Physikerin die Atompolitik verantwortet. Eine Physikerin, die 1978 ihre Diplomarbeit am Zentralinstitut für Isotopen- und Strahlenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR schrieb. Titel der Arbeit: „Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“. Für die Arbeit bekam sie die Note Eins: „sehr gut“. Später war sie, passend zu ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, von 1994 bis 1998 im Kabinett von Helmut Kohl „Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit“ (sic!).

Es ist schwer vorstellbar, wie Angela Merkel als Physikerin mit dem Desaster und dem drohenden multiplen Super-GAU in Fukushima zurecht kommt. Hier muss eine lebenslange Illusion, dass die Kernkraft beherrschbar ist, die sie jenseits jeder fachlichen Naivität gelebt hat, mit einem Mal geborsten sein. Eine Illusion, die sie vor einem halben Jahr vielleicht dazu gebracht hat, die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke zu verlängern – will man ihr keine unlauteren Motive unterstellen.

Kernschmelze einer Illusion

Um so verwunderlicher ist es, wie Angela Merkel sich windet und in halbgare Floskeln flüchtet. Um so verwunderlicher ist es, dass sie nur die Entscheidungskraft für ein „Moratorium“ aufbringt. Als würde in drei Monaten die Welt wieder heiler aussehen – und als sei bis dahin die Illusion der Beherrschbarkeit der Kernkraft irgendwie wieder herstellbar.

Das Entsetzen darüber, sich hier als Physikerin ein ganzes wissenschaftliches und berufliches Leben lang grundlegend getäuscht zu haben, ist anscheinend so krass, dass sie ihren politischen Instinkt, der sonst so ausgeprägt war, verloren hat. Diese Kernschmelze einer Illusion muss unheimlich weh tun. Und das ist ein Problem, wenn man als Physikerin Bundeskanzlerin ist. Das ist das Problem, wenn sich Deutschland eine Physikerin als Bundeskanzlerin leistet.

Ideelle Schockstarre

Peinlich, wenn selbst halbseidene Politiker wie der bayerische Umweltminister Markus Söder glaubwürdiger und konsequenter rüberkommen als die Kanzlerin. Peinlich, wenn ein Kernkraft-Junkie wie Stefan Mappus deutlichere Worte findet und zu härteren Maßnahmen bereit ist als Angela Merkel, die er einst in die desaströse Laufzeitverlängerung getrieben hat. Nahezu tragisch ist es, wenn sich eine Atomlobby-Partei wie die FDP unter Guido Westerwelle schneller und konsequenter von der Atompolitik lösen kann als die Chefin der schwarz-gelben Koalition. Das scheint die logische Folge einer ideellen Schockstarre bei der Physikerin Angela Merkel zu sein.

Die Welt hat uns Deutsche dafür beneidet, dass wir eine Wissenschaftlerin als Regierungschefin haben und nicht einen der üblichen Berufspolitiker. Eine Frau, die es gelernt hat, rational zu denken und kühl abzuwägen. Eine Frau des Geistes und des Wissens, die nicht Kalkül mit Intrige verwechselt, sondern weiß, dass damit Geistesleistung gemeint ist. – Die Welt kann wohl damit aufhören, uns für Angela Merkel zu beneiden.

Steve Jobs meets Guttenberg


Steve Jobs über Lebensplanung, Liebe und Tod

Mal vorweg, ich bin kein Apple-Fan. Mein erster Computer war ein Atari, ein Apple-Klon, mein zweiter Computer war ein Apple SE30, das war es aber dann schon mit Geräten aus Cupertino. Anschließend war es bereits dem Web geschuldet, dass ich Windows-Geräte benutze, danach unter anderem, dass ich ein paar Jahre für MSN (Microsoft Network) arbeitete. Nichtsdestoweniger habe ich großen Respekt für Steve Jobs. Mehr als alle seine grandiosen Leistungen (Apple, neXT, Pixar) in den Bereichen Produkt-Idee, Business, Design und Marketing hat mich seine 15-minütige Rede beeindruckt, die er 2005 vor den Alumni der Stanford University gehalten hat, die man auf der Website der Universität oder auch auf TED.com oder YouTube sehen kann. Hier hat ein Mensch wirklich tief über sein Leben nachgedacht.

Die beste Zusammenfassung dieses atemberaubenden ehrlichen, mutigen wie menschlich bewegenden Vortrags kann man nun auf FAZ.NET lesen, ausgerechnet in einem langen, intelligenten und irritierend menschlichen Artikel von Volker Zastrow über Karl-Theodor zu Guttenberg und die Guttenberg-Causa. Er schildert perfekt, wie Steve Jobs  seinen jungen Zuhörern drei Themen mit auf den Weg ins (Berufs-)Leben gibt.

1. Connecting the dots

Die erste These Jobs‘ ist, dass man sein Leben nicht planen kann, man aber möglichst viel Projekte wagen und dabei Erfahrungen sammeln sollte. Motto: „Stay hungry, stay foolish!“ Mit ein bisschen Glück ergeben all diese Lebensstationen in der Rückschau einen sinnvollen Lebensweg: „You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards.“ Wenn Jobs etwa nach seinem abgebrochenen Studium ausgerechnet Kalligraphie gelernt hat, so half ihm das viel später, als es darum ging, den Apple II zu designen – und alle anderen Geräte von Apple. Das Verständnis für die Komplexität, die hinter jedem Konzept von Simplicity steht, hat er hier gelernt.

2. Love and loss

Als Jobs 1985 aus seinem eigenen Unternehmen hinausgeworfen wurde, war das für ihn die schlimmstmögliche Kränkung. So schlimm das damals für ihn war, so wichtig war diese Negativerfahrung für seine persönliche Entwicklung. Motto hier: „Don’t settle!“ Ihm half an diesem Punkt, dass er seine Arbeit liebte, also machte er weiter, er gründete die Computerfirma neXT und die digitale Filmproduktionsfirma Pixar – und war mit beiden erfolgreich. Das war er, weil er gut war. Und gut war er, weil er seine Arbeit liebte: „The only way to do a great work is to love what you do.“ Schließlich kaufte Apple neXT und Jobs wurde später wieder Chef der Firma.

3. Prepare to die

Der dritte Punkt, den Jobs in seiner Rede hervorhebt, ist das Bewusstsein, dass alles endlich ist, dass die einzige große Gemeinsamkeit aller Menschen der Tod ist. Das begann in seinem Leben mit der Binse: „Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte.“ Das hat er ein Leben lang so gehalten – und wenn er zwei Tage das Gefühl hatte, so ein Tag sollte nicht der Letzte sein, wusste er, dass er etwas verändern musste. Das war für Jobs ein nettes, intellektuelles Spiel, bis bei ihm ein Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden war, der unheilbar schien. Seitdem ist sein Verhältnis zum Tod noch einmal anders, Motto: „Death is very likely the single best invention in life.“ Denn für ihn ist der Tod der „life‘ change agent“, der verhindert, dass man seine Lebenszeit vergeudet. Seine Aufforderung an seine junge Zuhörerschaft: „Don’t waste time living someones else life!“

Karl-Theodor zu Guttenberg und das geglückte Leben

Auf den Punkt gebracht sind die Empfehlungen Steve Jobs‘ eine Anleitung für ein gelungenes Leben:
1. Sei neugierig und gebe nie auf – und mit ein bisschen Glück wird daraus in der Rückschau ein geglücktes Leben.
2. Liebe ist der Schlüssel zu allem, zu Energie, Sinn und Enthusiasmus.
3. Der Tod gibt immer wieder Neuem Raum, das ist unsere Bestimmung aus der Evolution.

Fragt sich nun, warum Volker Zastrow seinen sensiblen Beobachtungen zu KTG und seinem wirklich ingeniösen Szenario, warum Karl-Theodor zu Guttenberg so gehandelt haben mag, wie er es getan hat, die Rede von Steve Jobs vorangestellt hat. Denn er nimmt diesen Faden später in seinem (wirklich langen) Artikel nicht mehr auf – bis auf den krampfhaften Verweis am Schluss, dass die Schwarmintelligenz die trügerische Doktorarbeit entlarvt hat.

Dabei wäre der logische Schluss so nah gelegen. Ich wage es, ihn hier kurz zu skizzieren:
1. Connecting the dots: Karl-Theodor zu Guttenberg hat versucht, seine Dots zu planen und zu inszenieren, daher hat er unbedingt einen Doktor im Namen führen wollen, obwohl sein Examen das eigentlich gar nicht zuließ. Und vielleicht hat er noch viele andere Punkte geplant (Kanzler?), anstatt zu leben, Dinge zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln.
2. Love & loss. Nie war spürbar, wofür KTG steht, was er liebt, wofür er brennt, was er wirklich will. Liebe zu seinem Amt oder seinem Beruf war nie echt erkennbar, Liebe zu sich selbst, zu Beifall und Zuneigung dafür schon. Dafür hat er die  Höchststrafe erhalten: ein sehr, sehr großer „Loss“.
3. Bei allem zur Schau gestellten Hedonismus und aller Selbstzufriedenheit hatte man nie das Gefühl, dass Karl-Theodor zu Guttenberg etwas bewegen wollte. Nie war klar, wofür er denn Politik machen wollte, was sein Beitrag zu einer besseren Politik, einem besseren Deutschland oder einer besseren Welt (Evolution!) hätte sein können.

Fehler abseits des Drehbuchs

Solch eine Analyse von (weit!) außen ist eigentlich vermessen. Ich habe sie mir lange verkniffen. Ich versuche sie, seit ich aus einer verlässlichen Quelle die Geschichte eines engen Mitarbeiters von Karl-Theodor von Guttenberg aus dem Verteidigungsministerium erzählt bekommen habe. Der Mitarbeiter, ein gestandener Fachmann, war zunächst begeistert von dem jungen zu Guttenberg. Er packte an, er machte Nägel mit Köpfen, kommunizierte gut, hörte zu – und vor allem hatte er ein perfektes Auftreten und hielt begeisternde Reden.

Mit der Zeit aber schrumpfte die Begeisterung. Die Reden waren immer dieselben – oder in sich ähnlich. Die lässige Haltung entpuppte sich als Manierismus und eingeübt. Am schlimmsten aber wurde es, wenn Karl-Theodor zu Guttenberg spontan sein wollte, oder – noch schlimmer – witzig. Das endete, so der Insider, stets  in arger Peinlichkeit. Seine Witze verletzten, Verfehlten ihr Ziel oder trafen mitten ins Fettnäpfchen. Je länger er im Amt war, desto mehr fürchteten seine Mitarbeiter seine Improvisationen, wenn er das festgelegte Drehbuch beiseite ließ.

Ein Bild, das zu passen scheint. Hier hatte sich jemand eine Drehbuch für sein Leben geschrieben (oder schreiben lassen?) – das hatte er dann auch ganz gut drauf. (Siehe hier auch The Difference: Drehbuch des eigenen Lebens.) Aber wehe, wenn das einmal nicht passte, wenn Dinge passierten, für die keine Handlungsanleitung da war – oder wenn aus Lust und Laune improvisiert wurde. Genauso wie die Doktorarbeit. Entweder wurde hier das Drehbuch auch von jemand anderem verfasst – oder aber hier wurde genauso improvisiert.

Gesellschaftliches Botox


Affirmation als Selbstlähmung der Medien

Henri Nannen hatte es noch einfach. Er wusste, wie die Leser seines „Stern“ aussahen. Oder er meinte es zumindest: Sein Testpublikum war seine Putzfrau. Sie fragte er bei strittigen Fragen, so geht zumindest die Legende. Und deshalb war der Nil eben blau, auch wenn das die vorliegenden Fotos nicht so ganz hergaben. Für Nannens Zielgruppe war der Nil blau.

Das ist alles heute so viel anders. Heute wiegen sich die meisten Medienmacher zwar nicht mehr in dem naiven Glauben, sie würden ihr Blatt, ihren Sender etc. für ihr verehrtes Publikum machen. Ihnen ist längst bewusst, dass sie Produkte kreieren, um möglichst genau bestimmte Zielgruppen zu erreichen, um den Kontakt zu diesen möglichst gut an Werbetreibende verhökern zu können. Aber das ist ja heute nicht mehr so einfach, wo etwa Facebook so viel über jeden einzelnen seiner Kunden weiß, dass man Werbung individuell maßschneidern kann – und dabei noch billiger weg kommt.

Trauriges Weltbild

Manchmal ist das dann sehr traurig, welche Zielgruppe sich ein Medium aussucht. Besonders traurig ist das im Fall der öffentlich-rechtlichen Medien. Da meine ich nicht (nur) das ZDF und seine Kapitulation vor jüngeren Zielgruppen. Nicht so sehr die 3. Programme, die ein seltsames Bild regionaler oder ländlicher Interessen abgeben. Schlimm sind da auch die Radiostationen. Andreas Bernard hat dankenswerterweise im SZ-Magazin  in einer sehr genauen Analyse von Bayern 3, dem unausweichlichen Autoradiosender des Bayerischen Rundfunks, die traurige Lebenssicht der Radiomacher skizziert.

Grob zusammengefasst spiegelt sich in den Themen und Äußerungen der stets aufgekratzten Moderatoren ein deprimierendes Weltbild: Arbeit ist Fron, daher thematisiert man am Montag, dass das Wochenende leider vorbei ist – und ab Dienstag wird mit wachsender Verve wahlweise auf Dienstschluss und/oder das Wochenende vertröstet. Das zweite Zentralthema ist das Wetter, dass entweder (wenn schlecht) jedweden Frust entschuldigt oder (wenn gut) der Lebensinhalt der Hörerschaft zu sein hat. Dazu dann die ewige Retro-Masche der Hits aus den 70ern, 80ern und 90ern, in denen noch alles gut war – und in dem das Leben noch schöne Momente bereit hielt, mit denen man sich in der tristen Gegenwart zu trösten hat. (Neue Highlights und Glücksmomente scheinen in der Radiowelt jenseits der überlaut promoteten Radio-Parties nicht denkbar zu sein.)

Prozac fürs Volk

Besonders traurig ist, wie man auch in den Kommentaren zu dem Artikel merkt, dass die Populismus-Sender der anderen Rundfunkanstalten genau dasselbe Weltbild propagieren: SWR3, HR1, NDR2 etc. Sie alle sind so etwas wie die populärkulturelle Radioversion der Yellow-Press. Oldie-Hits als Prozac fürs Volk, gewürzt mit Gewinnspielen, dämlichen Geschlechterkämpfen und ein paar Feigenblatt-Minuten am Abend, wenn mal schräge Moderatoren randürfen (wenn kaum einer zuhört).

Das Niederschmetternde an solchen Medien – und es gibt mehr als genug Pendants dazu im Zeitschriftenmarkt – ist deren dröge, temperamentlose, affirmative Art. Diese so bleierne Art, das Leben zu verlangweilen, Arbeit und Alltag zu banalisieren und zu lamentarisieren. Als gäbe es nichts Sinnvolleres als Selbstmitleid zu pflegen und zu hegen. Keine Frage, Menschen brauchen auch Ruhepausen und Erholung, aber das liefert geballte Affirmation nicht, sondern nur Passivität und Kapitulation. Und beides ist alles andere als erholsam, im Gegenteil.

Affirmation als Prinzip

Jeder Mensch braucht Affirmation. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer seelischen Balance. Immer wieder muss sich unser in stetem Wandel befindliches Ich versichern, dass es im persönlichen Kontext noch aufgehoben und akzeptiert ist. Nichts tut dem Durchschnitts-Ich mehr weh, als vereinsamt zu sein, weil man sich etwa allzu sehr aus dem derzeit gängigen kulturellen und sozialen Kontext herausbewegt hat. Dort draußen, in Trend-Sibirien, weht der Zeitgeist besonders eisig.

Man muss aber zwischen Affirmation unterscheiden, die einem soziale (und damit psychische) Geborgenheit verschafft und einer, die seelische Lethargie und soziale Mutlosigkeit produziert. Letzteres ist fürchterlich, weil es jede Bewegung nach vorne, jeden Mut zu etwas Neuem nimmt und nur alte Ressentiments und Sentimentalitäten pflegt. Diese lähmen – den Einzelnen, den Zuhörerkreis, das Lesepublikum – und die Gesellschaft in seiner Gesamtheit. In dieser Abart ist Affirmation gesellschaftliches Botox. Es lässt die Gesellschaft in einer fälschlicherweise als nett empfundenen Form erstarren – und vergiftet sie von innen heraus.

Ideologischer Sumpf

Und Affirmation funktioniert nicht nur von rechts, sondern auch von links. Manchmal ist es wahrlich schmerzhaft, wie reflexhaft auch kritische Medien bei den meisten Themen ihre Position einnehmen und oft unreflektiert und störrisch daran festhalten. Andere Sichtweisen werden ausgeblendet. Man macht es sich in seinem ideologischen Sumpf gemütlich – im schlimmsten Fall suhlt man sich noch darin.

Affirmation als Selbstzweck, das führt unweigerlich zu Verkrustungen und Erstarrung. Zuschauerzahlen und Auflagen gehen nicht zuletzt auch deswegen zurück, weil zu wenig Neues, Interessantes passiert. Vor lauter Affirmation wirken Sender und Presseorgane seltsam hohl, nicht zuletzt deswegen können sich junge Menschen nicht mehr für sie begeistern. Denn diese sind verwöhnt von der Menge an Anregungen, Innovationen und Überraschungen, die das Internet für sie (per Social Media) für sie bereit hält.

Intelligenz und Neues Denken

Ein Medium, das zukunftstauglich ist, muss die richtige Mischung aus Affirmation und Neuerungen und Innovation finden. Durch richtig eingesetzte und dosierte Affirmation nimmt man seine Leserschaft/Zuschauer mit und macht sie bereit für neue Ideen und Sichtweisen, für Provokationen und Irritationen. Solche Medien vermisse ich hierzulande, die notorischer Affirmation Innovation, Mut, Intelligenz und Neugier entgegensetzen. Zeitschriften, die Gedanken lancieren, die neuen Ideen Platz geben.

Seit ein paar Monaten habe ich „The Atlantic“ abonniert. Wenn man hier die – oft sehr langen, aber gut lesbaren – Artikel intus hat, dann weiß man mehr, erfährt neue Sichtweise und fängt unweigerlich an, selbst darüber nachzudenken. Denn „The Atlantic“ zeigt in unserer komplexen Welt auch konkurrierende Sichtweisen, statt ein Thema über nur einen ideologischen Kamm zu scheren.

„The Atlantic“ hat seine Qualität nach einer Insolvenz neu definieren müssen. Sein (neuer) Chefredakteur James Bennet, der sich bescheiden nur „Editor“ nennt, hat „The Atlantic“ neu erdacht. Dabei war sein Konzept: „online first“. Die Website ist der Nukleus des journalistischen Schaffens – und das Print-Magazin hat davon überdeutlich profitiert. Es ist die Quintessenz der Themen, die zuvor im Internet debattiert worden sind.

Das Insolvenzrecht der USA (Chapter 11) machte solch eine Selbsterneuerung möglich. In Deutschland ist das schon (insolvenz-)rechtlich kaum möglich. Sonst würde man so manchem Verlags- oder Medienhaus die Insolvenz wünschen, damit daraus die Chance eines Neuanfangs genutzt wird. Denn ich vermisse dringend Medien, die mehr als nur Zielgruppen-Affirmation betreiben. – Ob das auch ohne Insolvenz gelingen kann?

Rock Hero


Leben statt Posen ist die Devise

Es gibt Meldungen, die machen einfach Spaß. Weil sie einem den Glauben an den Realitäten und an simplem Menschenverstand zurückgeben. Die Meldung, dass das Computerspiel „Guitar Hero“ mangels Erfolg eingestellt wird, ist solch eine erfreuliche Nachricht. Oder dass die Firma des Konkurrenzproduktes „Rock Band“ für 50 $ von Viacom verkauft worden sind, für die  sie einst 175 Millionen $ bezahlt haben.

Um meine Freude zu verstehen, muss man wissen, dass ich ein begeisterter Gitarrist bin, vorzugsweise der elektrischen Art. Und man muss wissen, wie Computerspiele à la „Guitar Hero“ die Fähigkeit, aus sechs Saiten sehr schöne, sehr eigenartige Töne und auch mal sehr laute und voluminöse Schallwände zu produzieren, banalisiert haben – auf fast schon zynisch verballhornte Art: Es waren hier statt harter Saiten nur bestimmte Tasten am Gitarrengriffbrett zu drücken und ungefähr im richtigen Moment muss man mit der rechten Hand so zu tun, als würde man Saiten anschlagen – und schon war man in der virtuellen Welt von „Guitar Hero“ ein Star.

Was für ein Humbug! Aber das Computer-Spiel war zunächst super-erfolgreich. Es erfüllte perfekt narzisstische Bedürfnisse. Erfolg, Zustimmung, Aufmerksamkeit und Stardom ohne jeden wirklichen Aufwand, weder finanziell, noch ideell oder gar handwerklich.

Narzisstische Genialität

Wer mit jungen Menschen heute zu tun hat, weiß, wie schwer sie sich tun, die schwierige, lange Zeit auszuhalten, bis sich – etwa durch fleißiges Üben – eine Tätigkeit so sehr einschleift, dass sich erste Erfolge einstellen. Kids wollen lieber Dinge sofort können und durch Posen den Glauben an ein außergewöhnliches Talent, ja an Genialität zelebrieren. Und wenn das, was ja meist der Fall ist, nicht funktioniert, dann ist die jeweilige Tätigkeit halt langweilig, blöd, doof.

„Guitar Hero“ hat sich diese Zeitgeist-Krankheit perfide zunutze gemacht. Hier konnte man sich durch Posieren und minimale rhythmische Begabung schnell als Rock-Heroe fühlen. Aber anscheinend nicht dauerhaft – und am schlimmsten: nur im eigenen Kämmerchen, vor dem eigenen Bildschirm, vor einer virtuellen Fangemeinde. Jede soziale Komponente fehlte, die sonst Musik ja erst ausmacht. So war der Misserfolg vorprogrammiert.

Ich will nicht behaupten, dass ich als Jugendlicher mit allzu viel Übungsfleiß gesegnet war. Im Gegenteil. Ich wäre wahrscheinlich auch schnell ein Opfer eines schalen „Guitar Hero“-Erfolgs gewesen. Aber damals gab es solche Ersatz-Freuden im Instant-Format nicht. Es blieb nichts anderes als Üben übrig.

Die Leiden des jungen M.

Die ersten Begriffe des Gitarrenspiels habe ich in einem regulären Gitarrenunterricht gelernt, im Keller des Pfarrhauses in München Berg am Laim. Ich hatte etwa mit 10 Jahren zu Weihnachten eine (billige) Westerngitarre geschenkt bekommen – mit Stahlsaiten – und sollte auf der dann Sonaten von Ferdinand Sor und sogar von Mozart und Beethoven (für Gitarre umgeschrieben) spielen. Das machte so was von keinen Spaß. Warum der Gitarrenlehrer meine Eltern nicht aufklärte, dass man für solch klassische Gitarrenmusik eine Gitarre mit Nylonsaiten brauchte, ist mir bis heute schleierhaft. Nach knapp zwei Jahren hörte ich auf alle Fälle auf – und die Gitarre verstaubte in der Ecke.

Dann aber entdeckte ich mit 13 oder 14 die Rockmusik, zuerst die Kinks, dann die Equals (!), irgendwann auch Cream und vor allem all die Bluesbands damals: John Mayall, Ten Years After, Steamhammer – und wie sie alle hießen. Das bestimmende Instrument dieser Bands war stets die Gitarre – eine mit Stahlsaiten, wohlgemerkt.

Alvin Lee als Lehrer

Da war dann schnell die alte Gitarre wieder aktiviert. Die war inzwischen ein wenig bundunrein, aber das machte nichts. Im eifrigen Abhören und Nachspielen brachte ich mir autodidaktisch die nötigen Akkorde, Harmonien – und schließlich auch erste Solomelodien bei. Meine Lehrmeister waren Muddy Waters, Eric Clapton, Alvin Lee, Stan Webb, Miller Anderson, Carlos Santana – und später Tony Iommi, Jimmy Page oder Mick Abrahams.

Da dauerte es nicht lange, bis dringend die erste elektrische Gitarre her musste. Und natürlich der entsprechende Verstärker dazu. Das kostete damals richtig viel Geld. Mit Zeitungsaustragen (Katholische Kirchenzeitung!), Filmaufnahmen („Herzblatt“ mit Georg Thomalla!) und dann als Briefträger verdiente ich mir das nötige Geld. Meine erste Gitarre war eine „Hagstrøm“ – dazu ein tonnenschwerer Dynacord-Verstärker und ein Lautsprecher-Kabinett von „Allsound“. Später verbesserte ich mich mit einer Höfner-Les Paul mit echten Gibson-Tonabnehmern (Das gute Stück besitze ich bis heute!) und ein echter VOX AC-30 (längst in einem Übungsraum geklaut).

Fazit eines „Musikerlebens“

Was ich damit erzählen will, ist nicht die übliche Schelte an der Ungeduld der Jugend – sondern wie viel mir meine Leidenschaft für mein Leben beschert hat:

  • So mancher bewundernde Blick junger, hübscher Mädels. (Manchmal war es auch mehr – aber zugegeben, viel zu selten und meist bei den falschen.) – Nein im Ernst. Ich habe die Freuden der Autodidaktik gelernt.
  • Ich habe mir selbst beigebracht, wie schön das Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit ist. Ich habe viel gearbeitet in den Ferien, aber ich wusste immer wofür.
  • Ich habe verstanden, wie Musik funktioniert und wie wichtig Rockmusik für mich ist. Und das ganz alleine. Das hilft, sich später vieles andere selbst beizubringen. Ich spiele noch heute gute Stücke mit oder nach, um ihre Struktur zu verstehen.
  • Ich habe mir so eine lebenslange Neugier für immer neue Sounds bewahrt, von Rock über Punk und New Wave über Techno und House immer weiter.
  • Ich habe meine eigenen Stücke komponiert – zu eigenen Texten. Keine Hits. Aber Perlen einer selbst entdeckten und umgesetzten Kreativität.
  • Ich habe gelernt, auf der Gitarre Töne zu kreieren, sie „singen“ zu lassen, Temperament auszuleben und Melodien zu zelebrieren.
  • Ich habe kennengelernt, wie schön es ist, mit anderen in einer Band gemeinsam Musik zu machen und dort gemeinsam völlig neue Musikdimensionen zu erobern. Zuerst mit meinen Freunden Mike und Walter, später in verschiedenen anderen Formationen.
  • Ich habe es zu genießen gelernt, live vor Publikum zu spielen, aller Nervosität, allem Schweiß und technischen Problemen zum Trotz. Am schönsten war der Auftritt der Band der Münchner Musikkritiker „Redaktionsschluss“ für Amnesty International im Domicile. (Ralph Siegel – sic! – bescheinigte dabei in einer Konzertkritik meiner Stimme Chart-Perspektiven!)
  • Ich war mir mein eigener Guitar Hero – in meinen Träumen, in der Trance des Übens, in der Freude des Performens vor anderen. Und das ohne Fake, sondern ganz real.
  • Wenn ich mir über die Hornhaut an den Fingerkuppen der linken Hand streiche, fühle ich, wie real Gitarrensaiten sind und wie schön es ist, Musik zu machen. Wenn ich sie nicht spüre, weiß ich, dass es höchste Zeit ist, wieder mal zu üben.

Es geht doch nichts über real gelebtes Leben (samt Risiken und Nebenwirkungen). Die Alternative erleben wir allzu oft: Menschen posen nur in Funktionen und Rollen, statt sie zu leben. Sie tun nur so, sie sind nicht so. Das Leben ist für sie nur ein Spiel(feld), auf dem man vogibt, als würde man im Puls der Zeit mitschwingen: „Lifetime Heroes“.