Wann kommt der Netzsprecher?


Alles nur ein Kommunikationsproblem!

Tausende gehen auf die Straße, um gegen die Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke zu protestieren. Tausende von ideologisch unverdächtigen Menschen, wohlgemerkt. Dasselbe in Stuttgart, um gegen die Tieferlegung des Hauptbahnhofes zu demonstrieren. Auch hier ein eher bürgerliches Klientel ganz vorneweg. Das irritiert sogar hartgesottene Politiker, dass hier gegen ihre sorgsam austarierten Entschlüsse so massiv vom ureigenen Wählerreservoire aufbegehrt wird.

Wenn die Reaktion der Politik nicht gleich narzisstisch gekränkt ausfällt – „alle wohlstandsverwöhnt!“ – dann wird unweigerlich ein Kommunikationsdefizit als Grund für die Proteste ausgemacht. Undenkbar die Vorstellung, dass die weisen Entschlüsse der Politik vielleicht einfach nicht gewollt werden, ja möglicherweise falsch sind. Nein, sie sind dem aufsässigen Volk nur nicht auf die richtige Weise nahe gebracht worden. Ein bisschen hat das die Haltung von einem genervten Vater, der  – in immer gereizterem Ton – versucht, dem Widerstand seines trotzigen Sohnes irgendwie Herr zu werden. Lehrer Lämpel lässt grüßen.

Na dann, viel Spaß! Die Wahrheit ist doch, dass sowohl bei der Atomenergie als auch bei Stuttgart21 sich eine Protestbewegung als Netzwerk organisiert hat und vor allem per Internet, hier speziell über mobile Geräte (Handy, Smartphone). Auf diesem Weg sind auch die Argumente dagegen verbreitet worden. Denn in der Presse hat man dazu, speziell bei Stuttgart21, wenig Kritisches zu lesen bekommen. – Das auch zum Thema schlechte Kommunikation: Die Pro-Argumente wurden mehrheitlich auf konventionellem Weg (Print) verbreitet, die Gegenpositionen eher digital.

Asymmetrische Kampflinien

Wie aber will man überhaupt virale Wirkungen erzielen und Netzwerkeffekte nutzen, wenn man nicht auf den ureigensten Interessen derer aufsetzt, die die Suppe später auslöffeln müssen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Nie wird bei uns ein technologisches Projekt eine ähnliche emotionale Wirkung erzielen wie es – berechtigte – Ängste um radioaktive Verstrahlung, Atommüll und Sorgen um die Startbedingungen kommender Generationen tun.

Wie solch asymmetrisch veranlagte Konflikte ausgehen müssen, hat nicht zuletzt der überraschend klare Erfolg der Anti-Raucher-Initiative in Bayern gezeigt. Hier hat eine gut vernetzte, hoch motivierte, aber finanziell schwache Initiative gegen eine gut finanzierte Kampagne der Raucher- und Gastronomieklientel gewonnen. Erstere mobilisierte viele junge und gesundheits- und umweltinteressierte Menschen an die Urne zu gehen (ich sah bei der Abstimmung viele junge Familien auf dem Weg zu oder von den Wahllokalen), während diejenigen, deren ureigenste (Raucher-)Interessen beschränkt wurden, keinerlei Solidarisierungswirkung erzielen konnten. Gemeinwohl siegte so klar über Individualinteresse.

Kurios ist, dass die Anti-AKW-Bewegung seit je her computer- und später internet-affin war. Entsprechend gut sind hier bis heute die Aktivierungs-Effekte. Eher überraschend ist, dass sich auch die Bewegung in Stuttgart so schnell digital organisiert. Das hat ihr große Vorteile in der Auseinandersetzung mit den Staatsorganen gebracht. Vor allem wenn diese technisch nur mit dem Hilfsmittel des Polizeifunks mithalten kann. (Und der ist bis heute noch analog, oder?) Schön kurios. Die Verfechter der baulichen Moderne (Bahnhof im Untergrund) kämpfen mit veralteten, analogen medialen Mitteln gegen konservative Bewahrer, die bei ihrem Kampf auf modernste digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Politik per SMS

Die mangelnde digitale Kompetenz in Sachen Promotion und Kommunikation ist typisch für die Politik. Hier wird Digitalität nicht gelebt, sondern eher versucht, sie mit legislativen Mitteln in Griff zu bekommen. Es reicht eben nicht, Politik per SMS zu können, wie sie Angela Merkel praktiziert. SMS beweist keinerlei digitale Kompetenz. Und immer mal wieder eine Videoansprache auf YouTube einzustellen, zeigt keine Social Media-Kompetenz. Wie will solch ein Apparat auf die Netzwerkkräfte einer digitalen Vernetzung und auf die tief emotionalisierende Überzeugungskraft einer Mobilisierung über kenntnisreich und authentisch genutzte Social Media mithalten?

Es ist ja kein Zufall, dass es schon als Schritt in die Gegenwart gesehen wird, wenn statt eines Print-Journalisten, wie es seit je üblich war, jetzt mit Steffen Seibert ein TV-Anchorman zum offiziellen Sprachrohr der Kanzlerin gemacht wird. Wie lange wird es noch dauern, bis ein Mensch, der mit dem Internet aufgewachsen ist und in Social Media vernetzt ist, Pressesprecher wird – oder wenigstens Steffen Seibert entsprechend unterstützt. (Obama macht das schon längst…)

Pyramide der Macht

Digitale Kompetenz wird aber so lange in der Politik und der staatlichen Verwaltung nicht möglich sein, solange hier noch im alten hierarchischen Denken verharrt wird. Und das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Denn gerade diese Pyramide der Macht, gerade das lustvoll gelebte Ober-sticht-Unter-Prinzip macht doch den speziellen Reiz der Politik aus. Gäbe es nicht die Aussicht, reale Macht zu haben und ausüben zu können, welch halbwegs vernünftiger Mensch würde sich den Tort der Kärrnertour durch die Parteiorganisationen – und die stete Frustration mit den uneinsichtigen Wählern – antun, die so gar nicht verstehen wollen, welch segensreiche Entschlüsse die Politik für sie fällt. Politiker ohne Lust an der Macht, die müssen erst noch erfunden werden…

Vielleicht wäre inhaltliche Arbeit besser als jeder Versuch, hässliche Geschenke an die uneinsichtige Wählerschaft wohlfeil zu verpacken. Das hat keine Chance, also packt es lieber nicht neu ein!

Lernstunde


Das Stuttgarter Immobilienprojekt

Stuttgart21, ja oder nein? Das war mir lange relativ wurscht. Ein bisschen sehr teuer, dass dafür die Immobilien- und Baubranche dick abkassieren kann. Und die Begründung einer besseren Bahnanbindung war seit je fadenscheinig. Aber schön fand ich den Bahnhof in Stuttgart nie, praktisch auch nicht. Ich kenne etliche Bahnhöfe, die unter die Erde verlegt worden sind. Sie sind nicht schön, aber sie funktionieren. Und wenn wie in Madrid dafür das historische Bahnhofsgebäude intelligent umgewidmet wird, wunderbar. So schön sind breite Bahntrassen quer durch eine Stadt nun wirklich nicht. Sie trennen Wohnviertel, sie machen Lärm und mindern Wohnqualität.

Aber in Wirklichkeit habe ich mir aus einem anderen Grund keine dezidierte Meinung erlaubt. Bei diesem Thema ist meine Ratio schwer geschwächt: Ich bin ein echter Bahn-Romantiker. Nein, gar nicht mal wegen Ökologie oder wegen der bequemen Arbeitsmöglichkeiten – wenn die Züge mal nicht überfüllt sind. Nein, mein Bezug zu Bahn und Bahnreisen ist viel grundsätzlicher, emotionaler Natur.

Das geht schon damit los, dass ich in Berg am Laim, in Hörweite des damals dort gelegenen Rangierbahnhofs aufgewachsen bin. Vor allem in der Stille der Nacht, wenn die jugendlichen, später pubertierenden Gedanken wirr herumschwebten, wurden sie dramatisch durch das eiserne Aufeinanderprallen der Puffer untermalt , wenn neue Güterzüge zusammengestellt wurden. Dazwischen gab es kurze, kryptische Ansagen per Lautsprecher an das Rangierpersonal. (Das war lange vor dem Mobilfunk.) Für mich war das bei allem technoiden Klang eine schöne, eine vertraute Geräuschkulisse, die zugleich Ferne, Technik, vor allem aber Abenteuer versprach.

Abenteuer am Bahndamm

Abenteuer vor allem deswegen, weil das Bahnareal und die in seiner Nachbarschaft gebaute Eisenbahnersiedlung für das brave Kleinbürgertum der Eigenheimsiedlung schlecht beleumundet war. Die gingen dort nicht in die Kirche, waren Sozis und auch sonst eher verdächtig. Kurzum: Es war die ideale Projektionsfläche für wilde Träume und spannende Phantasien junger Köpfe und Seelen. Und als dann noch ein frühreifes Mädchen aus der Nachbarschaft mit einem Jungen von dort durchbrannte und die Gerüchte erzählten, sie würden irgendwo in den aufgelassenen Bahngebäuden ein Lotterleben genießen, war die Bahnsiedlung endgültig ein sehnsüchtiges Abenteuerland.

Die Bahn war für mich zugleich auch immer Synonym für Aufbruch und Fremde. Wir hatten nie ein Auto, also fuhren wir immer mit der Bahn in Urlaub, vorzugsweise mit Liegewagen von Touropa und vorzugsweise nach Italien an die Adria. Und dieses Reisen war wirklich besonders: Dieser Rhythmus der Gleise, wenn der Zug fuhr, über dem man irgendwann einschlief mit der Aussicht, in der Fremde, im warmen, schönen Süden aufzuwachen. Diese traumhaften Momente der Schlaflosigkeit, wenn der Zug lange an der Grenze zu warten hatte und ins Abteil das kaltgelbe Licht der Sodium-Lampen fiel. Und natürlich hatte ich für meine Märklin-Anlage zwei solch schöne Personenwagen mit dem edlen Schriftzug der Touropa am Waggon.

Auch später in erwachsenen Jahren hat mich das Bahnfahren immer begeistert. Kaum woanders kann ich so intensiv, so konzentriert und inspiriert arbeiten wie in einem Zug, der durch die Nacht jagt. Unendliche Male habe ich das auf der Fahrt von Hamburg (aus dem Exil) nach München (in die Heimat)  erprobt – mit großem Erfolg.

Klammheimliche Freude

Und jetzt also Stuttgart. Ich gebe zu. Ich habe lange so etwas wie klammheimliche Freude empfunden über die Proteste in Stuttgart. Es ist immer eine kleine, vielleicht nicht sehr erwachsene, nicht sehr faire, aber sehr genugtuende Freude, wenn die Bürger nicht auf Rosstäuschereien der Politik hereinfallen. Und dass das in Stuttgart sogar bis in die ureigenste CDU-Klientel hineinreicht, war das Tüpfelchen auf dem „i“.

Spätestens seit dem Polizeieinsatz, bei dem es in Kampfmontur, mit Reizgas und den neuen, brutalen Wasserwerfern gegen Schüler und brave Bürger ging, ist es mit der Wurschtigkeit vorbei. Wenn man es nötig hat, mit solchen Mitteln eine Infrastrukturmaßnahme durchzusetzen, die doch eigentlich für die Bürger gedacht sein sollte, dann kann da etwas nicht stimmen.

Dieses Ereignis, die Kommentare der verantwortlichen Politiker im Nachhinein, die zu Publikumsbeschimpfungen gerieten, zeigen, dass es um viel, viel mehr als den Bau eines Bahnhofs geht. Hier eskaliert das Unbehagen, nein der Brechreiz der Bürger, auch gerade auch der der üblichen Protest-Klientel, an der Heuchelei und der Verlogenheit der etablierten Politik. Und die diversen TV-Diskussionen zeigen, dass den verantwortlichen Politikern ihre eigenen falschen Töne, ihre hohlen Phrasen und festgefahrenen Denkschemata gar nicht bewusst sind. Sonst würden sie sie ja nicht weiter so ungeniert perpetuieren.

Latente Wahrheiten

Die Widersprüche, einerseits Hunderte von Milliarden von Euros für die Spekulationen der Finanzmärkte zur Verfügung zu stellen und auf der anderen um fünf Euros für einen Hartz IV-Empfänger zu feilschen, sind eben – latent oder offen – jedem Bürger bewusst, nur scheinbar nicht denjenigen, die das zu verantworten haben: den Politikern. Sie kapieren auch nicht, was da los ist. Sie klammern sich schier verzweifelt an rationale Argumente für den Bahnhof. Zum einen sind diese selten wirklich überzeugend und zum anderen irrelevant, wenn das Projekt längst zur Projektionsfläche für ein Unbehagen, für Ängste und tief sitzende Verärgerung ist.

Und am schlimmsten macht die Sache die notorische Haltung als beleidigte Leberwurst. Alle Politiker der Bahnhofsbefürworter sind brüskiert, wie sich die Wähler, also der Volkssouverän, erdreistet, die sorgfältig ausgekungelten und durch die Instanzen klandestin verabschiedeten Beschlüsse einfach so in Frage zu stellen. Was erlauben Wahlvolk? Einfach so, ohne Vorwarnung, den Souverän spielen zu wollen, egal was das kostet? Das ist die schlimmste narzisstische Kränkung, die ein Politiker und seine Kaste erleben können.

Häutung der Gesellschaft

Das letzte Mal, als es den Autoritäten, den Politikern, den Wirtschaftsverbänden und Lobbyisten, also all denen, die gemeinhin das Sagen haben, die Sprache verschlagen hat, als sie nicht mehr mit dem Volk, das sie zu repräsentieren angetreten waren, funktionabel kommunizieren konnten, das waren die Jahre nach 1968 mit den positiven Folgen einer Runderneuerung der Gesellschaft und den fürchterlichen Folgen der bleiernen Jahre des Terrorismus. Eine neue Generation von Politikern schaffte es damals, wieder den Dialog mit den Bürgern zu eröffnen, ja im besten Fall sogar den Bürgern den Eindruck zu vermitteln, dass sie verstanden werden.

Müssen wir da jetzt  noch einmal durch? Es scheint so. Die Gesellschaft muss sich dringend wieder einmal häuten. Politiker wie Stefan Mappus sind dabei äußerst hilfreich…

Digitalität & Eleganz


Lineare, euklidische Bilder

Meine Eltern stammen noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. War es die Kriegszeit oder das Erbe der Vorgängergeneration, sie schleppten ein Leben lang eigenartige Bilder und Vorstellungen mit sich herum, die ihr Denken bestimmten – und damit auch die in späteren Jahren unausweichlichen Sorgen und Ratschläge: „Übernimm dich nicht!“ Das bekam ich immer wieder zu hören.

Dahinter steckte die unausrottbare Vorstellung, wir Menschen hätten nur eine ganz bestimmte Menge an Kraft, an Nerven und/oder Gehirnzellen. Und damit hatte man sorgsam umzugehen, um sie ja nicht zu schnell aufzubrauchen. Also immer ganz langsam und vorsichtig, damit man im Alter noch übrig hat: Kraft, Gesundheit, Nerven, Gehirnzellen.

Ein anderes unausrottbares Gedanken-Bild waren Pyramiden bzw. Dreiecke. Alles hatte wie einst das klassische Drama einen kontinuierlichen Aufstieg bis zu einem Kulminationspunkt – und von da an ging es unweigerlich abwärts. Das war so. Nur der höchste Punkt und die Steilheit des Auf- bzw. Abstiegs waren der persönlichen Gestaltung überlassen. Das war das Bild für das persönliche Leben – und ganz brav nahm man dann auch irgendwann das Abwärts als gegeben hin.

Hierarchisches Denken

Das Dreieck bestimmte Karrieren, Familienschicksale (Buddenbrooks!), ja die komplette Historie. Und auch die Gesellschaft an sich wurde seither logisch als Pyramide definiert, schön hierarchisch aufeinander gestapelt, je nach Macht und Einfluss (und Reichtum), je nach politischer Richtung etwas steiler oder flacher.

Unser Leben, d.h. der Generation, die ihre Prägung und Sozialisation in der vor-digitalen Zeit erhalten hat, ist voller solch linearer und geometrischer Bilder. Alles, was sich nicht in solche Formen fassen – oder pressen – ließ, galt als ungeordnet, als chaotisch, nicht akzeptabel, als intellektuell unanständig. Schon die Rundung, die sich mit der nie recht zu fassenden Kreiszahl π einer klaren Definition entzog und deshalb als irrationale bzw. transzendentale Zahl gilt, war schon etwas anrüchig.

Wirre Zahlenmuster

So gesehen ist die Akzeptanz der Digitalität zugleich ein kulturelles und ästhetisches Problem. Zum einen fehlen uns die Bilder, die euklidischen Symbole, um die Digitalität in unserem Denkgebäude heimelig unterbringen zu können.

Die Idee, sich statt schöner linearer Verläufe oder vertrauter euklidischer Formen bei der Digitalität eine Unmenge erratisch verteilter Zahlen oder eine wirre, unendliche Folge von „Nullen“ und „Einsen“ vorstellen zu können, tut regelrecht körperlich weh. Man denke nur an die ewig gleichen, untauglichen Versuche, Programme und digitale Daten grafisch oder optisch irgendwie darstellen zu können.

Nebulöse Wolken

Nicht umsonst hat man sich schließlich auf ein solch nebulöses Symbol wie eine Wolke geeinigt, um die Unmenge von Datenkonvoluten in Grafiken und Funktionsplänen darzustellen. Daraus wurde letztendlich, dass wir unsere Daten jetzt in einer „Cloud“ speichern.

Weil die reale physikalische Heimat von global in Speichern und Rechnern wild herum vagabundierenden Daten nicht mehr zu lokalisieren ist, wurde der „nebulöse“ Begriff einer Wolke („Cloud“) gewählt. Ein wahrer Tort für unsere klare Formen und Linien gewohnte Vorstellungskraft.

Eleganter Code

Ich habe wirklich während meines Studiums Ende der 70er-Jahre auch die Grundlagen des Programmierens gelernt. Am Ende des Grundkurses in „Logo“ konnte ich schon einfache Anwendungen programmieren. Als es dann aber daran ging, aberhunderte von Daten in Lochkarten zu erfassen und dafür ein Programm zu schreiben, gewann mein innerer Schweinehund haushoch gegen meine technische Neugier. Und die Rezeptionsforschung musste ohne solide Datenanalyse weiterhin im Ungefähren forschen.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Zusammentreffen mit Programmierern in den Frühzeiten des (deutschen) Onlinebusiness. Da war noch nicht die Rede von HTML und www. Damals dachte man – analog zum Erfolg von Compuserve – ausschließlich in eigens entwickelten, proprietären Programmen („Interchange“ von ZiffDavis!), mit denen Informationen und Daten – gegen Bezahlung, versteht sich – Abonnenten zugänglich gemacht werden sollten. Entsprechend hakelig und buggy war die Performance.

Die Faszination des Apfelmännchens

Damals hörte ich die Programmierkollegen das erste Mal von einem „eleganten“ Code sprechen. Das war mit einer derartigen Ehrfurcht und Bewunderung intoniert, dass mir sofort jeder Scherz darüber verging. Seitdem wurde mir allmählich immer klarer, dass meine hergebrachte Idee von Schönheit und Eleganz arg beschränkt war. Es gibt gerade auch in der digitalen Welt eine Schönheit und Eleganz. Nur leider entzieht sie sich wehrhaft aller Assoziation mit hergebrachten Schönheits- und Ebenheitsmodellen.

Wie, bitte, sollte man auch die wundersamen Multiplikations- und Exponential-Effekte von Netzwerken darstellen, wie Crowd-Sourcing, wie die Verknüpfung scheinbar disparater Daten, wie das Mashups tun? Wie soll man die positive Kraft sozialer Netzwerke grafisch umsetzen oder wie Location Based Services? Der einzige digitale Service, der hier vom Namen und dem grafischen Äquivalent überzeugen kann, ist Twitter (Zwitscherer) mit seinem allerliebsten blauen Spatzen.

Der Digitalität insgesamt fehlt ein faszinierendes Symbol, wie es dem Mathematiker Benoit Mandelbrot mit dem „Apfelmännchen“, der wunderschönen Visualisierung der Mandelbrotmenge, gelungen ist, der Unansehnlichkeit der Idee des „Chaos“ durch ein kultisches Symbol ein Ende zu setzen. Hier fehlt noch eine zündende und funktionierende Idee, wie Digitalität optisch attraktiv umgesetzt werden kann. Der grüne Datenregen in „Matrix“ war dazu ein ungeeigneter Versuch.

Gute Freunde


Oh wie schön ist Facebook-Land

Ich liebe meine Facebook-Familie. Es gibt immer etwas Interessantes zu lesen. Man erfährt die wirklich wichtigen Neuigkeiten, bekommt gute Tipps, inspirierende Literaturempfehlungen und die Diskussionen sind mal kritisch, fast immer befruchtend, immer fair und manchmal herrlich frei blödelnd.

Kein Wunder, Meine Facebook-Familie ist ein wunderbarer Mix von Menschen aus den verschiedensten Phasen meines Berufslebens – gerade auch aus der vor-digitalen Zeit. Es sind dazu Menschen aus dem nähesten Umfeld (Familie) und nicht ganz so nahen. Es sind Menschen aus verschiedensten Regionen, Ländern und Kontinenten. Menschen der verschiedensten Generationen, von 12 bis 65+ Jahren.

Entsprechend divers sind deren Posts, deren Themen, deren Ideen und deren Einwürfe. Entsprechend vielfältig die Tonalität, von wortkarg über alltagspoetisch bis hin zu wort- und postreich. Nur ganz wenige Posts in Facebook sind fade und uninteressant. Sie sind schnell überlesen. Die meisten wecken dagegen meine Neugier oder befriedigen sie.

Evolution zum sozialen Wesen

Dann die vielen wunderschönen Bilder, Videos und interessanten Links. So viel neue Gedanken und grandiose intelligente Einwürfe hätte ich ohne meine Facebook-Familie verpasst. So viele intelligente, innovative oder witzige Anregungen, Artikel, Vorträge und Präsentationen. Aber ebenso viel Poesie, wunderbare Alltagsidyllen und Kommentar-Haikus. Kurzum: Oh wie schön ist Facebook-Land. (Ein wunderbarer Artikel (auf Englisch) zu diesem Thema – plus Farmvílle – findet sich hier.)

Vor allem aber erzieht Facebook einen selbst auf angenehme Weise. Man nimmt die Welt bewusster wahr, immer mit dem Hintergedanken, kann das auch andere interessieren? Ist es wert, gepostet zu werden? Vor allem aber hat mich Facebook gelehrt, mein soziales Umfeld bewusster wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Kein wichtiger Geburtstag wird mehr vergessen, und vermeintlich „unwichtigere“ ebensowenig. Und im Laufe der Zeit gibt es keine unwichtigen Geburtstage mehr, schließlich ist jeder meiner Facebook-Kontakte Teil meiner digitalen Familie. (Deswegen hält sich die Zahl meiner Kontakte dort auch ganz bewusst in Grenzen.)

Aggression vs. Empathie

Wenn man so enthusiasmiert ist von Facebook wie ich, dann ist man um so verdutzter, wenn man temperamentvolle Facebook-Allergiker und -Feinde trifft. Davon ist die eine Hälfte ideologisch verblendet. Sie sehen in Facebook nur den Inbegriff menschlicher Eitelkeiten und von rigorosem Narzissmus. Sie tun das, ohne sich je wirklich auf Facebook eingelassen zu haben oder es gar je ausprobiert zu haben. (Meine Meinung zu Facebook-Kritikern, die es selbst nie probiert haben, findet sich unter dem Titel: Mach mich nicht nass!) Das kann man mit einem Schulternzucken abtun.

Viel schwieriger ist es, wenn man gerade von Jugendlichen hört, dass Facebook öde und langweilig ist, weil nur Fadheiten und Überflüssiges gepostet werden – oder schlimmer, dass Facebook (& Co.) ein Hort des Mobbing und der gegenseitigen Kränkungen ist.

Das Fatale ist, dass man den Freundeskreis eines anderen und die dort geübten Posting-Qualitäten nie wirklich kennenlernen können wird. Es ist aber gut vorstellbar, dass nicht jede Facebook-Community gleich attraktiv ist. In meinem Umfeld gibt es viele Journalisten und Werber, die sind meist besonders medienaffin und können gut schreiben – und tun das oft und gerne. Entsprechend lesbar und interessant sind deren Posts. Und sie leben auch meist ein sehr abwechslungsreiches und öffentliches Leben. Entsprechend spannend sind deren Beobachtungen und Tipps.

Jeder Freundeskreis ist anders

Wenn man ein weniger aufregendes Leben hat oder unbewusster vor sich hin lebt und nicht gewohnt ist, seine Reflektionen passend in Worte (oder in Bewegtbildern) zu kleiden, ist die Gefahr groß, dass reine Belanglosigkeiten im Facebook-Umfeld ausgetauscht werden oder gar Übersprungshandlungen passieren wie Mobbing und andere aggressive Akte. Wer das mit dem Spruch kommentiert, „Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient.“, der macht es sich da zu leicht.

Aber Facebook ist nicht so erfolgreich geworden, weil sich dort Menschen Gemeinheiten oder Belanglosigkeiten um die Ohren hauen. Da hier ausschließlich Menschen unter ihrem Namen und mit ihrer Persönlichkeit mit Freunden oder nahen Bekannten beisammen sind, herrschen normalerweise eine Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität und ein Enthusiasmus, wie im echten Leben eher selten anzutreffen sind.

Man muss sich nur einmal die Foren etwa der Süddeutschen Zeitung oder des Spiegel ansehen, wie viel Destruktion, Frustration und Aggression dort herrschen. Und wie herrlich anders, nämlich positiv, konstruktiv und empathisch geht es in den mir zugänglichen Facebook-Familien und Twitter-Communities zu. Ganz im Sinne unseres singenden Fussballheroen und Allzweck-Kaisers Franz:
„Gute Freunde kann niemand trennen – Gute Freunde sind nie allein – Weil sie eines im Leben können – Füreinander da zu sein.“

Füreinander da sein

Franz Beckenbauer singt dieses Lied noch immer gerne, wie ich vor ein paar Wochen bei einem Benefiz-Golfturnier zugunsten seiner Stiftung feststellen durfte. Und er lebt dieses Prinzip. Es waren viele seiner Vereinskameraden von damals dabei (Dürnberger, Janzon, Roth etc.). Und in meinem Flight spielte ein Nachbarsbub von früher, mit dem er auf Giesings Bolzplätzen als Bub gekickt hatte. Nach zig Jahren erinnerte er sich tatsächlich an ihn – und tat nicht nur so.

„Füreinander da zu sein“, das muss im Zentrum einer Freundschaft stehen. Oder wie man in Bayern sagt: „Man muss gemeinsam ein Scheffel Salz essen.“ Meint: es gibt nicht nur schöne und harmonische Zeiten in einer Freundschaft. Und gerade dann, wenn es darauf ankommt, dann beweisen sich Freundschaften.

Mal abwarten, wie Facebook sich hier bewährt. Noch ist diese Plattform ein wenig zu jung, um zu sehen, wie weit es funktionieren kann, online/virtuell füreinander da zu sein oder sich gar real zu helfen. Aber immer mal wieder erlebt man auch hier Brisantes, ob Krankheit, Liebeskummer oder Ratlosigkeit. Und da sehe ich oft sehr sensible Versuche der Unterstützung.

Bei handfesten Problemen, ob es um einen Umzug geht oder ob um Ratschläge gebeten wird, da wird zumindest in meinem Umfeld ernsthaft versucht zu helfen. Vielleicht nicht immer sehr wirksam, vielleicht nicht nachhaltig. Aber das kann ja noch werden. Wir sind ja vielleicht gerade erst mal ein gutes Jahr auf diese Weise miteinander verbunden. Ich bin gespannt…

Ist der Ruf erst ruiniert…


Aggressive Feindbilder und düstere Prognosen

Die ZEIT titelt: „Feindbild Google“. Der STERN unkt: „Big Brother Google“. Und den Vogel schießt Chris Anderson in Wired ab: „The Web is dead!“ (Immerhin geht der Satz weiter: „Long Live the Internet.“) Das  Internet und ganz speziell der Suchgigant Google stehen unter Beschuss. Und keine Angst, bald wird auch wieder Facebook gebasht werden. Facebook Places, dessen neuer Location Service, wird garantiert dafür sorgen. Vor allem wenn er erfolgreich ist.

Es scheint so, als würden alle Ängste, alle Sorgen, alle Hassgefühle gegen das Internet sich Bahn brechen. Schon lang waren das Internet und seine führenden Protagonisten (und finanzielle Nutznießer) so in der Kritik. Und noch selten mit solch kuriosen Argumenten und solch kreischendem Unwissen wie in der Debatte um Google StreetView. – Wer bitte sonnt sich nackt zur Straßenseite hin genau in dem Moment, wenn alle drei bis fünf Jahre der Google-Fotowagen vorbei fährt? Aber so etwas ängstigt etwa Jeanette Biedermann.

An dieser Stelle könnte man sich fürchterlich aufregen. Vorzugsweise über die Kollegen auf der Printseite, die nun völlig ungeniert Ängste schüren, um die Konkurrenz madig zu machen. Oder auch über die Ignoranz von Politikern, die in dem Thema Profilierungspotential sehen. Man könnte aber auch beiläufig mit den Schultern zucken nach dem Motto: Was kümmert’s die Eiche, wenn eine Sau sich dran kratzt?

Aber es gibt auch noch eine dritte Option. Man freut sich ein Loch in den Bauch, dass das Internet dabei ist, endlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Die Aggression findet inzwischen auf einem solch enttechnologisierten, tumbe Ängste triggernden Niveau statt. Das zeigt, wie sehr das Internet dabei ist, nun endlich zur Selbstverständlichkeit wird.

Das Auf und Ab des Hype Cycle

Die Beratungsgesellschaft Gartner hat einst den berühmten (und berüchtigten) Hype-Cycle entwickelt. Er beschreibt das übliche Schicksal neuer Technologien in Medien und Gesellschaft.
1. Am Anfang steht der Technology Trigger. Neue Ideen, Produkte und Erfindungen werden bestaunt und euphorisch beschrieben.
2. Immer mehr Medien nehmen das Thema, wenn es vielversprechend, also hype-fähig ist, auf und entwickeln immer phatasievollere, immer phantastischere Optionen, was damit alles zu machen ist. Das geht steil empor bis zum Peak of Inflated Expectation.
3.  Irgendwann, wenn die Erwartungen ins Absurde abkippen und der Gedanke ausgereizt ist, weicht die Euphorie, es wird die Nase gerümpft und alles wird niedergeschrieben. Bis hinunter ins Tal der Desillusion, den Trough of Disillusionment, wo das Thema dann (vermeintlich) durch ist.
4. Jetzt erst ist der Weg frei für eine ernsthafte Beschäftigung mit dieser neuen Idee, Technologie oder diesem Produkt. Jetzt kommen die ersten ernsthaften und realistischen Einschätzungen. Es geht nun wieder aufwärts im Imagewert – und der Börsenbewertung. Das ist der Slope of Enlightment.
5. Und erst jetzt, nachdem es von „himmelhochjauchzend“ über „zu Tode betrübt“ gegangen ist, pendelt sich ein neues Thema auf einem realistischen Level ein – und nun erst kann Idee/Technologie/Produkt sein volles Potential ausspielen – auf dem Plateau of Productivity.

Jenseits des Hype-Cycle

Das Internet ist da aber schon längst raus, den Hype-Cycle hat es spätestens zur Jahrtausendwende hinter sich gelassen. Jetzt geht es um die breite gesellschaftliche Akzeptanz. Und da macht sich das Internet nicht nur daran, ein neues Medium, vielleicht sogar ein Leitmedium zu werden. Nein, es ist dabei, die generelle Plattform für alle (digitale) Kommunikation zu werden. Daher auch die so vehementen Angriffe all derer, die bisher die Bedeutungsmacht über die Medien hatten (oder es zu haben meinten): die Verlagshäuser und TV-Sender – und die Politiker.

Nein, das Internet macht sich wirklich daran, im Zentrum all unserer Kommunikation zu stehen. Es verändert die Machtstrukturen in der Gesellschaft. Und das heißt, jeder Mensch, der in Zukunft in der Gesellschaft aktiv sein will, muss sich mit dem Internet auseinandersetzen – und die Mehrheit der im analogen Zeitalter Aufgewachsenen muss viel dazu lernen.

Vor allem geht es darum, die Vor- und Nachteile besser einschätzen zu lernen. Denn jetzt rächt sich, dass gerade die Social Media Vor- und Nachteile so asymmetrisch verteilen. Die Vorteile, also sofortige Verbindung, Nähe oder Vertrautheit, werden mit einer ganz neuen Datensammel-Kultur erkauft. Deren negative Auswirkungen erlebt man, wenn überhaupt, erst sehr, sehr viel später. Aus dieser Asymmetrie erklärt sich vielleicht der kuriose Vorschlag von Google-CEO Eric Schmidt, dass man einen neuen Namen erhalten sollte, wenn sich genug belastendes Material im Internet, oder genauer: in den Google-Datenbanken, angesammelt hat.

Ein ebenso ungelenker wie absurder Vorschlag. Schließlich sind Namen im Internet sowieso egal. Die Bedrohung ist das Raster aus erfassten Daten, das wie ein Fingerabdruck unzweifelhaft einer bestimmten Person zugeordnet werden kann. Eric Schmidts Vorschlag ist insofern ein wenig unheimlich, als dass man bisher davon ausgehen konnte, dass bei aller Sammelwut von Google damit technisch noch nicht viel angefangen werden kann – und dass Datenmuster schon gar nicht gegen jemanden verwendt werden konnten, weil sonst der Ruf von Google unheilbar für immer ruiniert wäre. Personalisierte Werbung in Ehren, die Bedrohung durch Datenkraken geht viel weiter, vor allem, wenn sie nicht demokratisch kontrolliert werden.

White Noise

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert.“ Das ist jetzt der Prozess, den das Internet durchmachen muss. Alle überhöhten Erwartungen müssen geschliffen werden, aber genauso alle Vorteile endlich realistisch genutzt werden. Und dasselbe gilt auch für uns. Auch für uns könnte der Sinnspruch mit dem ungenierten Leben mit ruiniertem Ruf gelten.

Mir schwebte schon seit je her die Idee vor Augen, allzu große Neugier der Datensammler durch „White Noise“, ein undurchschaubares, nicht ausrechenbares, widersprüchliches Gewirr aus (fiktiven) persönlichen Daten, auszubremsen. Vorzugsweise sollten das intelligente Bots für mich machen: einen kuriosen Mix aus tiefer Papstverehrung und Porno-Nutzung, Schmetterlings-Sammeln und abstrakter Kunst, Bach-Etüden und Motörhead usw. usw. usw.

Ich gebe zu, ein ziemlich schwieriges Unterfangen, solchen White Noise wirkungsvoll zu programmieren. Denn wir hybriden Konsumenten schaffen sowieso schon viel zu viele absurde Widersprüche in unserem Konsumverhalten. Ich wüsste zu gerne, ob Google daraus wirklich sinnvoll verwendbare Strukturen herausinterpretieren kann.

Verklärte Erinnerungen

Mich tröstet bislang, dass ich auf meinem Gmail-Account noch immer ein Familienhotel bei mir um die Ecke in Erding angeboten bekomme. Sehr absurd, denn genau dort brauche ich ein Hotelzimmer am wenigsten. Schließlich habe ich dort ein sehr bequemes Bett und alle Annehmlichkeiten unseres netten Zuhauses. Solange das Wissen über mich nur so weit geht, dass ich in der Nähe von Erding wohne, bin ich zutiefst beruhigt. Ich muss also keinesfalls in absehbarer Zeit meinen Namen ändern. Vor allem wegen der Gnade der frühen Geburt. Zu meinen wilden Zeiten gab es kein Internet. Ja nicht mal digitale Kameras. Und alle Belastungszeugen von damals sind seltsam milde geworden, was ihre Erinnerungen angeht.

Die Verklärung und Verdrängung, die unser Gehirn so gut beherrscht, das müssen Google, Facebook & Co. noch unbedingt lernen…

Die Pixel-Diebe


Google Streetview und digitale Ängste

Google Streetview funktioniert jetzt schon in vielen Ländern. Unter anderem solchen aus unserem Kulturkreis wie Frankreich, Holland, Italien oder der Schweiz. Wie Streetview funktioniert und welche Bildschärfe möglich ist, das sieht man bei einem Besuch von Amsterdam, Mailand, Paris, London oder Zürich auf Google Maps. Dort kann man auch mal mit dem gelben Signet-Männchen in die Nebenstraßen abschweifen und entdecken, wie viele wirklich lohnende Objekte für Diebe und Einbrecher hier zu finden sind und wie detailliert Informationen für Einbrecher in diesem Monster von Service zu gewinnen sind.

Ich gebe zu, ich habe nie als Einbrecher gearbeitet und meine Kompetenz in dieser Branche ist daher recht bescheiden. Eigentlich ist es nur angelesenes Wissen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie die Herren sich da digital durch die diversen, vielversprechenden Nebenstraßen durchklicken, bis sie das Objekt ihrer Begierde gefunden haben. Und schwupps, mit einem Klick haben sie dann ihr Opfer ausbaldowert.

Bei aller Qualität der Bilder, bei der Bildschärfe selbst im Zoom-Modus und auch im 3-D-Modus – die Sicherungen der Fenster, Alarmanlagen, die Sichtachsen, die Bewohntheit der Objekte, das alles lässt sich mit Google Streetview nicht wirklich recherchieren. Ich habe den schweren Verdacht, dass Einbrechertrupps, die sich allein auf dieses Tool verlassen, nicht sehr erfolgreich sein werden.

Pixel als Orientierungshilfe für Diebe

Der Verdacht liegt nahe, dass sich all die Hausbesitzer, die sich zum Beispiel im Münchner Umland (wo Google Streetview noch gar nicht zur Debatte steht) empören, dass jetzt Einbrechern Tür und Tor geöffnet sind, sich nie mit dem Service selbst befasst haben. Und natürlich können sie so auch gar nicht die Vorzüge solch eines wirklich hilfreichen Navigationstools erkennen. Unterstützt von erratischen Politikern, die ihre Behausungen bei Google Streetview auspixeln lassen, fangen auch sie an, ihre Häuser aus dem Service tilgen zu lassen. (Einen wunderschönen Artikel dazu hat Anatol Stefanowitsch geschrieben.)

Das ist nun aber auch eine wirklich intelligente Methode, möglichen Dieben klar zu machen, dass hier attraktive Einsatzgebiete existieren. Wer etwas zu verbergen hat, wer solche Angst vor Einbrechern hat, der muss in seinen vier Wänden ja große Schätze verborgen haben. Also müssen sich die oben beschriebenen digitalen Einbrecherbanden künftig nur daran orientieren, wer sein Domizil auspixeln hat lassen. – Danach, zugegeben, müssen sie sich doch noch persönlich vor Ort begeben, um ein wenig zu recherchieren – um dann, wenn man dann schon mal da ist, zuzuschlagen.

Apropos Politiker und Pixel-Tarnung. Irgendwie scheint ihr Drang in die Öffentlichkeit an dieser Stelle kurios zu enden. Dabei ist es doch irgendwie interessant, welche Dimensionen ein Zuhause eines von der Bevölkerung gewählten – und bezahlten – StaatsDIENERS hat. Abgesehen davon, kann man die Adressen der Herren und Damen Politiker nicht so einfach recherchieren. Nicht mal per Google. Und schon gar nicht per Streetview. In den USA war übrigens der einzige Politiker, der sein Zuhause auspixeln ließ, der umstrittene Ex-Vizepräsident Dick Cheney. (So berichtet es SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye in seinem Twitter-Channel akreye.)

Gardinen und Makellosigkeit

Ich erinnere mich noch gut an den Zinnober, den meine Mutter um die Gardinen im Haus betrieb. Die mussten möglichst immer geschlossen und natürlich blütenweiß sein. Das war ein schwieriges Unterfangen mit einem Ehemann im Haus, der täglich eine (!) Zigarette (Orient-Tabak, filterlos) und eine Zigarre (1 DM) rauchte. Da galt es immer wieder – unter Wehklagen – die Gardinen abzunehmen, die Stoffmengen zu waschen und zu trocknen. Viel Aufwand für perfekten Sichtschutz.

Kurioserweise nahm die Angst, man könne ins (Reihen-)Haus hineinschauen, im Sommer rapide ab. Da wurde auf der Terrasse gelebt, alle Fenster standen offen und die Gardinen waren aufgezogen. Und wenn es abends warm war, blieb das auch so bis zum Schlafengehen. Befragt vom neugierigen Kindermund (meinem), warum andere Leute ein paar Straßen weiter gar keine Gardinen hatten, wurde man aufgeklärt, dass das sicher Protestanten wären, da könne man immer in die Häuser hineinsehen. Wir Katholiken hatten da wohl mehr zu verbergen…

Das Prinzip des gardinenlosen Protestantismus wurde mir später auch wirklich so erklärt, dass die Angehörigen dieser Konfession immer offen allen Nachbarn zeigen wollten, dass sie nichts zu verbergen hätten und dass sie ein sie ein makelloses Leben führen würden. – Als Barbara und ich dann unsere erste gemeinsame Wohnung hatten, führten wir zwar nicht unbedingt ein makelloses Leben, aber Vorhänge hatten wir nicht. Schon aus Kostengründen – und überhaupt. Gardinen nicht waschen zu müssen empfanden wir nach der Erfahrung des Gardinenwaschzwangs unserer Mütter als echte Befreiung.

Deutsche Digitalphobie

Diesen Gardinenwahn scheint sich Deutschland bis ins digitale Zeitalter bewahrt zu haben. Die Phobie, auch nur die Außenfassade (oder die Hecken und Mauern davor), im Internet sichtbar zu machen, ist ebenso absurd wie dann schon wieder interessant. Wie schwach muss es um das Selbstbewusstsein solcher Menschen bestellt sein, dass sie Streetview so emotional ablehnen. Wie kränkbar müssen solche Menschen sein? Hauptargument dagegen ist meist: „Google hat mich ja nicht gefragt, ob ich das will.“ Und wie ängstlich muss ein Volk sein, das den Umstand, die Öffentlichkeit überall auch digital offen sichtbar zu machen, als Unterstützung von Diebesbanden fürchtet.

Ich schätze Europa – und Deutschland – und die Kultur hier, weil sie so mannigfaltig ist. Ich liebe die Gelassenheit und Selbstverständlichkeit von so vielen Menschen, gerade auch hier außerhalb der großen Stadt. Ich fand es gerade in Amerika immer wieder befremdlich, wieviel Paranoia und Angst in jedem John Doe (dem amerikanischen Herrn Jedermann) zu entdecken sind, gegen die als Hilfsmittel nur Waffen helfen. Wie enspannend und souverän finde ich die vielen, weiten Gegenden etwa auf dem Land, wo Türen nicht abgeschlossen sind. Auch nachts nicht.

Google ist evil

Zugegeben, ich schließe meine Türe ab. Aber das hat Versicherungsgründe. Aber ich habe keine Angst. Nicht vor Dieben, nicht vor Streetview. Aber was mir Sorgen bereitet, das ist der Angriff von Google (und Verizon) auf die Netzneutralität. Hier ist Google evil! Hier wäre es wirklich angebracht, meine verehrten Damen und Herren Politiker dass man sich kümmert. Hier gehört ein Gesetz her – und keines zum Thema Streetview. Aber da hört man nichts. Das scheint weit außerhalb des Kompetenz- und Interessensrahmens zu liegen. Ist ja auch klar. Mit Angstmache lassen sich Wähler anscheinend besser fangen als mit der Sorge um Freiheits- und Gleichheitsprinzipien.

Apropos: Ich habe den Aufruf für Netzneutralität bereits unterzeichnet. Wäre nett, wenn es ganz viele andere tun. Es ist ganz einfach und geht ganz fix: Pro Netzneutralität. – Danke!

Digitales Denken


Gibt es lineare und digitale Gehirne?

Untersuchungen bemängeln beim „gemeinen“ Internet-User zu wenig Denktiefe, zu wenig Reflexion, zu wenig Arbeit im und am Langzeitgedächtnis. (Siehe auch Reflexion & Internet). Der Grund: Zu viele Informationen, zu viele Links, zu viele Medien, zu viel Ablenkung. Das alles hält davon ab, sich in Ruhe hinzusetzen und Dinge mal wirklich zu durchdenken, über das Leben als Ganzes und besondere Vorkommnisse im Besonderen zu sinnieren. Das jedenfalls – oder so ähnlich – meinen Clifford Nass von der Stanford University und andere Wissenschaftler in Studien laut WIRED herausgefunden zu haben.

Es lohnt sicher die Frage, ob solch eine Aussage überhaupt Sinn macht, oder ob hier nur eine – Wissenschaftlern nachsehbare – Affinität zu linearem Denken herrscht und befürchtet wird, möglicherweise bald aus der Zeit zu fallen. Oder anders gefragt: Macht uns das Internet fit für eine neue Art des Denkens – nennen wir es behelfsweise erst mal „digital“ -, das wir in der uns bevorstehenden Zeit einer globalen Wissensexplosion dringend brauchen?

Wer sich ein wenig mit der Gehirnforschung auskennt, weiß, wie sehr die Erkenntnisse hier zwar immens sind, in Summe aber eher vorsichtig zu interpretieren sind. Jede wichtige neue Erkenntnis eröffnet eine riesige Bandbreite neuer Fragen. Mit zunehmendem Wissen über das Denken staunen wir immer mehr über dessen Funktionsweise und -vielfalt und müssen erkennen, dass wir uns immer weiter davon entfernen, annehmen zu können, das Denken in Bälde „verstehen“ zu können. Wir wissen – ganz sokratisch – immer weniger.

Aber zwei Erkenntnisse sind wohl relativ gesichert. Es gibt nichts, was strikter und lernresistenter ist als unser Urgehirn, das unsere unterbewussten Handlungen beeinflusst. Dieses Gehirn ist von Jahrtausenden Jahren Evolution und Kampf in der Natur stark konditioniert. Hier lässt sich nichts ändern, unsere Ängste nicht, unsere Hoffnungen, unser Hass, unsere Liebe, unsere Sehnsüchte und Irrationalismen nicht, damit müssen wir lernen auszukommen.

Das lernfähige Gehirn

Dafür stellt sich unser Gehirn, das wir mit unserem Bewusstsein ansteuern können und das die täglichen Informationen und Reize verarbeitet und unser Denken steuert, als extrem flexibel, veränderbar, lernfähig und neu programmierbar heraus. Ob es die Erkenntnisse einst von Oliver Sacks an Schlaganfall-Patienten waren oder ob es aktuelle Untersuchungen über die Informationsverarbeitung von Internet-Usern sind, man sieht stets, wie sehr und gut das Gehirn fähig ist, neue Synapsen zu bilden, sein Netzwerk neu zu justieren und damit völlig neue Ergebnisse zu erzielen – unter anderem auch bei dem, was einschlägig interessierte Wissenschaftler „Intelligenz“ nennen und messen.

Einen Schritt weiter geht der Psychologie-Professor in Harvard Steven Pinker in einem Beitrag in der New York Times („Mind Over Mass Media“). Zitat: „Das Wissen nimmt exponentiell zu, die Gehirnleistung des Menschen und die Stunden, die er wach verbringen kann, nicht. Glücklicherweise helfen uns das Internet und die Informationstechnologien, unseren k0llektiven intellektuellen Output auf verschiedenen Ebenen zu managen, zu suchen und zu finden. Das reicht von Twitter und Notizen bis zu elektronischen Büchern und Online-Enzyklopädien. Diese Dinge machen uns eben nicht dumm, sondern diese Technologien sind die einzigen Hilfsmittel, die uns intelligent bleiben lassen.“

Outsourcing von Gehirnleistung

Mal ein wenig zugespitzt: Das Wissen explodiert und nur dank der digitalen Hilfsmittel werden wir von dem Wissenstrom nicht verschüttet und weggespült. Oder weiter gedacht: Wir müssen – bei bleibender Hirnleistung – unser Gehirn frei machen für die bestmögliche Verarbeitung der – exponentiell wachsenden – Informations- und Wissensflut. Dabei hilft uns das Internet, an das wir viele bisher unseren Kopf schwer beschäftigende Aufgaben outsourcen können: Daten und Zahlen, Historisches, Faktenwissen, Zeitgeist-Beobachtung, Informationssuche etc.

Und dieses Netzwerk hilft, in unser kommenden Netzwerkgesellschaft die Fluktuation von Signalen, Infos, Wissen und Themen immer besser zu managen. Und dabei helfen uns unsere neu gewonnen Netzwerke:

Selbst mit dieser Entlastung bliebe noch genug für unser Gehirn zu tun. Aber auch hier winkt Hilfe. Noch einmal Steven Pinker im Zitat: „Der Gebrauch tiefer Reflexion, knallharter Recherche oder schlüssigen Denkens ist noch nie etwas gewesen, was Menschen in den Schoß fällt. So etwas muss in speziell dafür geschaffenen Institutionen erlernt werden, die wir Universitäten nennen. Und diese müssen kontinuierlich trainiert werden, durch Analyse, Kritik und Debatten. So etwas bekommt man nicht, indem man ein dickes Lexikon in den Schoß wirft. Aber es verschwindet auch nicht, bloß weil es auf einmal effiziente Wege der Infomationsbeschaffung via Internet gibt.“

Intellektuelles Trainingsfeld Social Media

Und noch einmal etwas verwegen weitergedacht: Die Themen Analyse, Kritik und Debatte, auch hier können wir outsourcen. Es ist vor allem das weite Feld der Social Media, in dem wir diese Trainingsmethoden eines kritischen Bewusstseins üben und trainieren können. Und manchmal übernimmt einer der Freunde dort die kritische Bewertung, an die man selbst vielleicht nie gedacht hätte und man schließt sich an, per Kommentar oder „Gefällt mir“.

Noch nie war die Möglichkeit der Analyse, Debatte und Kritik, aber auch der Zustimmung und Unterstützung so leicht und so weit verbreitet wie heute. Zufall oder wohlgefällige Entlastung unseres vom Informationstornado mitgenommenen Gehirn.

Unser Gehirn ist in Zukunft wohl nicht mehr der Alleskönner und Allesmacher (wie im Geniekult zu Goethes Zeiten), sondern ist zum einen ein perfekter Outsorcing-Manager und zum anderen trainiert er, das schwierige Puzzlespiel, die divergenten Informationsbits in sinnvolle Bilder zusammenzusetzen und diese dann kritisch zu bewerten – und zu reflektieren. Und das immer „With a little help from my friends“.

Reflexion im Internet


Verändert das Internet das Denken?

Es ist wie mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst, was bedingt was? Verändert das Internet unser Denken – und damit in letzter Konsequenz unser Gehirn? Oder leben wir in einer Zeit, die dringend ein anderes Gehirn, ein anderes Denken nötig hat? Und ist daher der weltumspannende Hyper-Informations-Speicher samt seiner intensiven Hypertext-Verlinkung zwingend entstanden, um dies möglich zu machen?

Immer mehr Soziologen, Neurologen, Biologen und Intelligenzforscher machen sich daran, die Effekte zu untersuchen, die das Internet auf uns User und unsere neuronalen Prozessoren ausübt. Eine sehr umfangreiche und lesenswerte Zusammenfassung der Ergebnisse präsentiert Nicholas Carr in der Juni-Ausgabe des WIRED.

Die Wissenschaftler glauben, einige positive Veränderungen feststellen zu können, oder sagen wir mal wertfrei, erhöhte mentale Leistungen nachweisen zu können. Speziell in der Wahrnehmung und Verarbeitung von visuellen Reizen und Informationen. Auf alle Fälle fällt auf, dass die Gehirnaktivität beim Surfen im Internet höher ist als beim normalen Lesen – oder gar beim TV-Konsum. Auch die Fähigkeit zum Multitasking ist bei internet-affinen Menschen wohl höher – wenn man das denn positiv sehen will. Teilweise wird das aber auch als erhöhte Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, weniger positiv gesehen.

Skimmen statt lesen

Die Wahrheit ist, dass die Untersuchungen eher negative Effekte meinen diagnostizieren zu können/müssen. Am dramatischsten ist die Unfähigkeit der meisten Probanden, Informationen, die sie im Internet – im Überfluss – gefunden haben, ins Langzeitgedächtnis sickern zu lassen – und somit auch die Unfähigkeit zu Denkprozessen, zur Reflexion und persönlicher Bewertung.

Verantwortlich wird dafür die spezielle Art der Rezeption im Internet gemacht. Anstatt zu lesen und dabei geistige Bilder zu imaginieren, scannt der User Texte und Bilder, oder es skimmt sie, wie es im Artikel definiert wird (to skim = absahnen, Rahm abschöpfen). Es werden Inhalte also nur nach Verwendbarkeit abgeklopft. Kurzfristige Reize gewinnen dabei stets – und der langsame und langwierige Prozess der Informationsverarbeitung und Gedankenproduktion – samt Reflexion – kommt im Internet zu kurz. So jedenfalls die im WIRED zitierten Wissenschaftler und ihre Studien.

Das zentrale Problem, so die Studien, ist das Ablenkungspotential, das das Internet in jedem Moment bereit hält, es ist ein Interruptions- und Ablenkungs-System. Die Masse der Hyperlinks, die Multimedialität, die parallelen Aktivitäten in sozialen Netzen, bei Twitter, per E-Mail, Chat etc. verhindern wirksam jede stete Konzentration, jedes Beharren bei einer Aufgabe, einem Thema. Das im TV gelernte Zapping erweitert sich zu einer pathologischen Click-eritis. Unser Erregungsgehirn läuft im Overdrive, aber alles geht viel zu schnell vorbei, als den Engpass zum Langzeitgedächtnis zu schaffen, um dort verarbeitet zu werden.

Inszenierte Internet-Rezeption

Also wieder ein weiteres Fiasko-Szenarium für das Internet, wie wir es jetzt so gerne und „nachhaltig“ aus der Welt der Print-Medien vorgelegt bekommen? Vielleicht. Schließlich sind das alles Studien mit wenig Probanden, und wie man erahnen kann, sind die Untersuchungen in sehr konstruierten Versuchsanordnungen entstanden. Wie, bitte, sieht denn der typische Internet-User aus, den es zu untersuchen gilt?

Aber das beiseite gestellt. Etliche Denkansätze der zitierten Studien sind es wert, bedacht zu werden – auch unter der Gefahr, dass man dabei ins Reflektieren kommt. Unser Denken hat sich sicher geändert. Wie sehr, das kann man im Eigenversuch kaum abschätzen, zu sehr sind die Erinnerungen an früheres Denken entweder verklärt oder vergessen – oder mindestens arg verschwommen.

Beobachten lässt sich aber sehr gut die Denkarbeit, zum Beispiel beim Schreiben. Ich gehöre ja noch der Generation an, die ihre ersten Geschichten mit Hand schrieb – und es dann mit ein wenig Übung wagte, gleich in die (mechanische!) Schreibmaschine zu schreiben. Das hieß, man musste sich, bevor man mit dem Schreiben anfing, schon mal seine Gedanken gemacht haben, was und wie man schreiben will. Bei längeren Magazin-Artikeln gab es dafür regelrechte zu „Drehbüchern“ erweiterte Gliederungen, an denen es dann linear entlang zu schreiben galt.

Neue Ideen beim Schreiben waren damals fatal, denn das hätte geheißen, das Tippen neu von vorn neu beginnen zu müssen: Zurück auf Los – und ziehe kein Honorar ein. Der faule Kompromiss waren dann Artikel-Fahnen, die einer dadaistischen Textcollage glichen. Etliche Kollegen, denen damals die guten Ideen immer erst beim Schreiben kamen, brachten mit wirren Patchwork-Manuskripten die Setzer in der Zeitungsproduktion zu veritablen Wutanfällen – und auch Nervenzusammenbrüchen.

Das Ende des linearen Schreibens

Welche Erlösung waren dann die ersten Computer, ob von Commodore, von Atari oder Apple. Sie veränderten die Schreibweise – und Denkweise – ganzer Journalisten-Generationen. Jetzt konnte munter darauf los geschrieben werden, Korrekturen und Ergänzungen waren ja jederzeit und überall möglich. Für mich war das deutlich ein Übergang von einem echten Schreibstress, der geistige Knochenarbeit war, hin zu einer Lust am Schreiben. Und es befreite das Denken.

Automatisch besser wurden die Artikel deswegen nicht. Schlecht recherchierte, schlampig geschriebene Artikel wurden durch den Computer nicht besser. Zu wenig Gehirnschmalz wurde dadurch nicht ausgeglichen. Aber das bergarbeitermäßige Hindurcharbeiten durch einen Stoff war vorbei. Schreiben wurde von der Maloche zum – im besten Fall – Vergnügen.

Das Recherche-Wunder Internet

Noch freier und noch vergnüglicher wurde das Schreiben dann mit dem Internet. Das unmittelbare User-Feedback (Hits, Verweildauer) war die beste Schule für ein gutes, schnelles und intelligentes – ja auch effekthascherisches – Schreiben. Vor allem aber vereinfachte das Internet den Aufwand der Recherchen. Was war es einst eine Mühsal, einfache lexikalische Informationen zu bekommen. Die Wege in Bibliotheken kosteten so viel Zeit und brachten oft kaum Zugewinn. Das ist heute längst vorbei. Google, Wikipedia & Co. sei Dank. Die Basics sind jetzt so gut und so schnell zu erledigen. Da bleibt dann im besten Fall genug Zeit zu weitergehender Recherche und Reflexion.

Das ist ja auch der Grund, warum sich das Schreiben, das Drehen von Videos und das Posten von tollen Fotos so breit popularisiert hat. Parallel zu viel Schrott und Spam ist die Menge ausgezeichneter Artikel und Filme in Blogs und auf Websites exorbitant gestiegen. Und nie war es mithilfe guter Suchmaschinen und der Hilfe aus sozialen Netzen so leicht, die Perlen zu finden – und den Rest in den unendlichen Weiten der Speichermedien verdorren zu lassen.

Ach ja, apropos. Was in diesen schönen, leicht zu findenden Artikeln, Videos, Bildern, Kunstwerken, Haikus (Twitter) und Facebook-Nachrichten etc. an Reflexion, an Kreativität, an Sensibilität, an Wissen, an Denken, an sozialem Engagement und an Aufmerksamkeit geschaffen wird, das ist so exorbitant mehr als je zuvor in der Weltgeschichte geschehen ist. Das entzieht sich aller Untersuchung von Wissenschaftlern, ist aber faktisch zu erleben.

Denken, Reflexion, Abwägen im öffentlichen Raum waren früher ein Privileg einer winzigen Minderheit (Journalisten, Wissenschaftler). Heute ist es ein Massenphänomen. Und das, obwohl nach wohlmeinenden Untersuchungen (Forrester) „nur“ zwischen 10 Prozent (Deutschland/Europa) und 25 Prozent (USA) der Internet-User selbst aktiv Inhalte posten. Und das allen Ablenkungen, die das Internet bietet, zum Trotz.

Olympia 1972 München


Aufbruch eines jungen Mannes – und einer Stadt

Heute geht das Leben junger Menschen (spätestens) mit 18 Jahren los. Dann sind sie volljährig und sollten die Verantwortung – vor allem aber die mit der Unabhängigkeit (=Freiheit?) verbundenen Freuden zu genießen lernen. Ich gehörte gerade noch zu der Generation, die erst mit 21 Jahren volljährig wurde. (Der Treppenwitz der Geschichte hier: Genau einen Monat nach meinem 21. Geburtstag wurde das Volljährigkeitsalter auf 18 herabgesetzt.)

Trotzdem begann das Leben als Jugendlicher Anfang der 70er-Jahre durchaus mit dem 18. Geburtstag. Dann durfte man nämlich auch damals schon den Führerschein machen. Und dann war es vorbei mit der nächtlichen Sperrstunde, die bis dahin die letzte Tram in Richtung Berg am Laim definiert hatte. Jetzt konnte man auch mal später nach Hause kommen – den Krach am nächsten Morgen (oder noch des Nächtens, weil die besorgte Mama „nicht einschlafen konnte“) rechnete man dafür gerne mit ein.

So wie damals in den Jahren 1971/1972 mein Leben mit dem Führerschein und dann auch mit dem ersten eigenen Auto in Fahrt kam – einem elfenbeinfarbenen VW Käfer 1300 (mit dankenswerterweise unverbiegbaren Stoßstangen) – so wachte zu dieser Zeit die gesamte Stadt München aus ihrer Behäbigkeit und Betulichkeit auf. Die ideologische Basis hatten die Schwabinger Krawalle 1962 und dann die 68er-Revolte samt den studentischen Sit-Ins und Teach-Ins geliefert.

Weltstadt mit Herz

Für eine echte Integration in die 68er-Jahre war ich zu spät geboren. Immerhin durfte ich als jüngstes Mitglied der (neu erkämpften!) Schülermitverwaltung den Triumph der Einrichtung eines Raucherzimmers für die Oberstufe mitverantworten. Ich durfte des Nachmittags im Musikzimmer des Wilhelm-Gymnasiums die wüsten Klavierkaskaden eines wilden Pianisten und Sängers und seiner Begleitmusiker erleben: Konstantin Wecker. Eine herbe Niederlage mussten wir bei der Forderung nach einem designierten Sex-Zimmer im Gymnasium einstecken. (Wir waren ein humanistisches Jungen-Gymnasium, wohlgemerkt!) Das wurde glatt abgelehnt.

Den großen Pusch der Emanzipation von einer verkrusteten und verschlafenen Landeshauptstadt zu einer attraktiven Großstadt erlebte München damals in der Vorbereitung – und dann der Feier der Olympiade 1972. Plötzlich waren die Baugruben, die das München der 60er-Jahre geprägt hatten, verschwunden, es gab eine U- und eine S-Bahn. Neue Hotels, Restaurants und Cafes schossen aus dem Boden, und auch Fast Food- und Pizza-Buden.

Bunter Mix von Menschen

Dann kam die Welt zu Besuch nach München. Wir rückten in unserem sowieso kleinen Reihenhaus zusammen und hatten die Olympia-Tage über ein junges Ehepaar aus Sapporo zu Gast. Wie fremd und schick. Dazu kam noch mein Onkel – mit ganz vielen Eintrittskarten zu den verschiedensten Sportereignissen inkl. Boxen, Volleyball, Leichtathletik, Fußball etc. Es war ein wunderschöner Mix an Menschen in der Stadt. Endlich konnte man auch mal das mühsam erlernte Englisch live anwenden.

Trotz der niederschmetternden Tage der Geiselnahme der israelischer Sportler samt deren tragischen Ausgangs, war die Olympiade in München ein echtes Coming Out der Stadt und ihrer Bewohner. Plötzlich war nicht mehr nur das berühmte Schwabing ein Ort der Boheme, sondern ganz neue Viertel wurden hip: das Lehel, Haidhausen, die Isarvorstadt, die Au, die Schwanthalerhöh etc. Überall schossen neue Läden, junge Kneipen und lustige Alternativen aus dem Boden.

Jazz statt Rock

Besonders unvergesslich bleiben mir die Wochen der Olympiade aber vor allem aufgrund eines Konzertes. Im Rahmen des Kulturprogramms gab es für die jüngeren Zuhörer ein sehr spezielles Jazz-Konzert im Kongress-Saal des Deutschen Museums. Ein Rock-Konzert in staatlicher Verantwortung war damals noch undenkbar. Aber Jazz, das schon. Das hatte ja schon Eingang ins Feuilleton gefunden.

Irgendein sehr kompetenter und zugleich sehr subversiver Mensch muss dieses Programm gestaltet haben. Es spielten nacheinander drei Gruppen. Zuerst eine polnische Jazz-Band, deren Name mir leider (aber zurecht) entfallen ist. Das war gut gemeint von wegen Ostpolitik etc., mehr aber nicht. Danach folgte die Charles Mingus Band. Ein echtes Highlight, so weit ich es mit meiner damals begrenzten Musik-Kompetenz beurteilen konnte. Das Publikum war jedenfalls gebannt, sowohl von den Solo-Leistungen als auch dem perfekten Zusammenspiel unter der Führung des Altmeisters am Bass. Und dem Affen wurde auch Zucker gegeben: Selbst die singende Säge wurde ausgepackt.

Metal-Jazz: Mahavishnu Orchestra

Den Abschluss des Konzertes machte das Mahavishnu Orchestra von John McLaughlin. Ich hatte die erste LP des legendären Jazz-Rock-Quintetts schon im Plattenschrank. Die ingeniöse Mischung aus Instrumental-Virtuositis , genialen „anderen“ Melodien und einem bisweilen extrem aggressiven Drive hatte mich von Anfang an begeistert. Daher auch meine Investition in die teuren Konzertkarten des Olympia-Kulturprogrammes.

Nach einer längeren Umbaupause war schließlich das riesige Equipment der Band aufgebaut: Eine Mauer aus mannshohen, hellblau verchromten Boxen von Shure und dazu die üblichen Türme von Marshall für Gitarre, Bass und die Violine. Ein leises Surren der Anlage schwebte im Saal. John McLaughlin, guruhaft ganz in Weiß gekleidet, begrüßte das Publikum höflich-schüchtern und legte erst einmal eine kurze Meditations-Minute in aller Stille ein. Es war mucksmäuschenstill.

Und dann brach das Inferno los. Ich habe außer einem Motörhead-Konzert im Beton-Quader des Schwabinger Bräu nie wieder solch eine laute Band gehört. Und was sie da in mörderischer Lautstärke boten, war musikalisch eine Ungeheuerlichkeit: höchste Virtuosität, ein geniales Zusammenspiel von fünf extrem versierten – und motivierten – Musikern. Verrückte Harmonien, aberwitzige Rhythmus-Kaskaden (Billy Cobham at his best!!!), schräge Taktgebung, überraschende Breaks, hypnotisierende Soli und wilde Melodie-Verfolgungsrennen zwischen John McLaughlin (Gitarre), Jerry Goodman (Violine) und Jan Hammer (Keyboards, Synthesizer) – und nicht zu vergessen Rick Laird (Bass).

Das vielleicht beste Konzert, das ich je gehört habe. Das Publikum reagierte zuerst wie paralysiert. Die Lautstärke hatte alle in ihre Sitze gepresst. Die Münder standen offen. Teils aus Staunen, teils um die Lautstärke irgendwie aushalten zu können. Der erste Song war „Meeting the Spirit“, danach folgte „You Know, You Know“. – das zu wissen, verdanke ich der extensiven Beschreibung des Konzertes von Christopher Schneider, der damals das Konzert auf Kassettenrekorder mitgeschnitten hat.

Nach etwa zehn Minuten Paralyse aufgrund von Harmonik und Lautstärke muckten dann endlich die Jazz-Puristen auf. Ihre Buhrufe hatte keine Chance, gehört zu werden, zu laut spielte das Mahavishnu Orchestra – und zu gut. Also verließen die Jazz-Spießer unter Protest den Saal. Nach kurzer Unruhe war der wohl zu einem Drittel geleert. Der Rest aber feierte die Band und das Konzert. Und – man war jetzt unter sich.

Mahavishu Orchestra, August 1972, München

Musikalisches Erweckungserlebnis

Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Live-Konzerten des Mahavishnu Orchestras auf meiner Festplatte. Auf Wolfgangs Vault kann man sehr gut ihre kurze Live-Karriere anhand verschiedenster Konzerte mitverfolgen. (Die Konzerte sind gratis per Stream, man kann sie aber auch für kleines Geld als MP3 kaufen.) Auch auf Youtube gibt es Mitschitte, die die Grandiosität und Aggressivität des Konzerts erahnen lassen: You know, you know, You know You know (HD), Meeting of the spirits, und in weniger berauschender Soundqualität Dance of the Maya, Birds, A Lotus on Irish Streams. (Trilogy ist aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.)

Das Konzert war für mich ein Erweckungserlebnis. Ich hatte schon längst Rockmusik geliebt – und auch in diversen Bands selbst gemacht. Ich hatte bis dahin auch schon einige Konzerte gehört, darunter Jethro Tull, Pink Floyd – und natürlich alle lokalen Heroen: Out of Focus (jetzt MP3s auf Amazon ), Subject Esquire/Sahara, Amon Düül, Red Rooster u.v.a. Aber nach diesem Konzert hatten sich mein Gehör und mein Musikgeschmack neu justiert. Seitdem war mir keine Band auf Dauer genug, die immer dasselbe spielte. Seitdem liebe ich Musik, die neue Wege geht. Seitdem liebe ich Musik, die im ersten Moment weh tut, weil sie Hörgewohnheiten (und Denkgewohnheiten) verletzt.

Seitdem liebe ich nur noch Musiker und Bands, die einen Unterschied machen. – Und da es solche Musik und solche Musiker unverändert gibt, habe ich bis heute nicht aufgehört, Musik zu sammeln, Musik zu hören – und auch ein wenig Musik (für mich) zu machen. – Und das habe ich irgendeinem wunderbar verrückten Menschen zu verdanken, der Programmverantwortlichen des Kulturprogramms der Olympischen Spiele eingeredet hat, dass das Mahavishnu Orchestra eine Jazzband ist…

P.S.: Gerade entdecke ich, dass „Underworld“ auf dem Sampler-Album „Athens“, auf dem sie die Bands verewigt haben, die sie maßgeblich beeinflusst haben, auch das Mahavishnu Orchestra mit dabei haben – mit You Know, You Know“!

Ich bin nun mal so…


Wie der Präsident, so das Land

Es schmerzt wirklich nicht wenig, erkennen zu müssen, von einer beleidigten Leberwurst als Staats-Präsidenten repräsentiert worden zu sein. Aber beim zweiten Nachdenken keimt ein viel schlimmerer Verdacht auf. Der Präsident in seiner Wehleidigkeit war vielleicht ein adäquater Repräsentant unseres Landes.

Dieser Eindruck entsteht, wenn man wieder einmal des Volkes Stimme unaufgefordert aufgedrängt bekommt. In der S-Bahn etwa. Im Abteil gegenüber sitzt ein Rentner-Ehepaar. Beide reden ungerührt aufeinander ein, jeder in seinem eigenen Klage-Monolog über den Lauf der Welt, vor allem aber über die unermesslichen Unbillen, die er bzw. sie täglich zu erleiden haben. Das geht von den schrecklichen Nachbarn über die missratenen Nichten und Neffen bis – natürlich – zu den unfähigen Politikern. Wie da zwei Menschen längst verlernt haben, einander zuzuhören und stattdessen ganze S-Bahn-Abteile ungerührt mit negativer Energie und ewigem Wehklagen zumüllen, lässt einen schaudern.

Jung und Alt klagen um die Wette

Ähnlich wenig erbaulich sind aber auch in der S-Bahn zwangsweise mitgehörte Gespräche junger weiblicher Teens im besten spätpubertären Alter. Wie sie sich gegenseitig über die schlimmsten Zumutungen, die das Leben an sie stellt, beklagen. Von Chefs, die sich erdreisten, (zugegeben: berechtigte!) Kritik zu äußern, über die doofen Kollegen und Freundinnen, die die eigene Genialität nicht anerkennen wollen, bis zu den derzeitigen Freunden, die so gar nicht funktionieren wollen, wie sie es gerne hätten. Eine einzige Lawine von Selbstmitleid und Wehleidigkeit.

Man kann über solch unangenehme, allzu menschliche Unzulänglichkeiten wie Wehleidigkeiten am besten schreiben, wenn man sie selbst durchlebt, durchlitten und – wenigstens etwas – gezähmt hat. Als Einzelkind – mein Schicksal – hat man die ideale Disposition, Wehleidigkeiten zu entwickeln. Keine Schwester, kein Bruder bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn man sich auf irgendeine fixe Idee kapriziert, und weil sie nicht funktioniert, dann die Welt und ihre Bösartigkeit dafür verantwortlich macht, wenn man mit ihr scheitert.

Der Weg aus der Wehleidigkeits-Falle

Mich haben später liebende Frauen in nicht immer liebevoller Art von den schlimmsten Auswüchsen von Wehleidigkeit geheilt. Für den nächsten Schritt auf dem Weg zu weniger emotionaler Wichtigtuerei und eitlem Narzissmus haben dann Kinder gesorgt, für die man Verantwortung übernommen hat. Wie sollte man ihnen die schlimmsten Auswüchse an Wehleidigkeit austreiben, wenn man sie selbst hemmungslos auslebt?

Aus der Falle der Wehleidigkeit befreit haben mich dann mehrere Phasen von Coaching. Da wurde die Falle, die man sich durch Wehleidigkeiten stellt, endlich klar: Die irrationale Fixierung auf Bedürfnisse, auf Ideen und Pseudowerte, die meist irgendwo und irgendwie unreflektiert akquiriert, meist sogar oktroyiert worden sind, machen den Lebensweg so schwierig. Sie sind ein riesengroßer Rucksack, an dem man sich abschleppt, ohne darüber nachzudenken, wer ihn gepackt hat – oder gar, ob man ihn überhaupt will.

Großtierherde an Fetischen

Kurioserweise verwechselt man diese Beipacklast mit dem eigentlichen Leben und verteidigt jede einzelne Nichtigkeit daraus: Jede noch so kuriose bis lästige Eigenschaft. Jede neblige Hoffnung und jede noch so schwiemelige Sentimentalität. Jede längst hohl gewordene Werte-Illusion und dazu eine ganze Armada von kitschigen bis dysfunktionalen Fetischen, die man sich über Jahre zugelegt hat wie einst die von Tanten und Omas zwangsbehegte Großtierherde an Plüschtieren.

Das Ganze firmiert dann unter dem Totschlag-Argument: „Ich bin nun mal so!“ Dies ist der Schlachtruf der Reflexionsverweigerung und eines störrischen Innovations- und Evolutions-Boykotts, der immer und wieder gnadenlos ertönt. Unglaublich, welche Paraphernalia und Belanglosigkeiten ins Feld geführt werden, um nur ja nicht einmal einen Deut in seinem Leben ändern zu  „können“.

Eisenkugeln am Fuß

Aber all das, an dem man da so irrational festhält, macht das Leben schwer. Die Wehleidigkeiten sind wie Mühlsteine am Hals, wie Eisenkugeln am Fuß. Sie machen ein flexibles, ein neugieriges, ein lebendiges Leben unmöglich. Und da das Leben keine Rücksicht auf Mühlsteine und Eisenkugeln nimmt und sich einfach munter vor sich hin ändert, entstehen die Konflikte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die es so wortreich und lautstark zu beklagen gilt. Das ist die Sprengkraft, aus der sich die Wehleidigkeit so erfolgreich munitioniert.

Wehleidigkeiten sind die Gefängnismauern einer immobilen, einer beharrenden, einer zukunftsstörrischen Gesellschaft. Gefängnismauern, die immer dicker werden, je lauter die Wehklagen dahinter ertönen. Aus ihnen kann man sich nur befreien, wenn man erst erkennt, in welch verfahrene Situation man sich gebracht hat. Und dann gilt es viel zu üben und wirkungsvolle Rituale dagegen zu entwickeln.

Leider bleibt den meisten Menschen, die nicht aus den Fesseln der Wehleidigkeit ausbrechen können, nicht der flinke Ausweg eines Rücktritts mit unmittelbarer Wirkung – bei vollen Pensionsbezügen. Genauso wenig ist das Gesellschaften vergönnt, die sich vor lauter Wehleidigkeit nicht vorwärts entwickeln wollen. Die Welt entwickelt sich weiter, erbarmungslos, ohne auf Wehleidigkeiten auch nur ein Quentchen Rücksicht zu nehmen…