Das Ende der Zukunft


Raub der Zukunft

William Gibson, der Doyen der literarischen Cyberwelt, wird gerne mit seinem Bonmot zitiert: „Die Zukunft ist hier. Sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Wie recht er hat, wissen wir in Deutschland nur zu gut. Wir kriegen zur Zeit wirklich nicht viel ab davon. Von der Zukunft, meine ich. Wir sind dazu verurteilt, den Kämpfen um die Beibehaltung der Vergangenheit zuzuschauen, siehe Leistungsschutzrecht oder Vorratsdatenspeicherung und die ganze vor-digitalen Denk- und Verhaltenswelt, die sich darin manifestiert. Wir sind – scheinbar – dazu verurteilt, zuzuschauen, wie wir allen wirtschaftlich schwachen Partnern (!) in der Europäischen Union ihre Zukunft rauben, indem wir ihre fähigsten und vielversprechendsten – jungen – Menschen berauben. Sie sehen zuhause keine Chancen mehr für sich.

PhysicsFutureWir stellen derweil mal ideologische, mal administrative Paravents auf, die uns gefälligst den Blick auf die Zukunft verstellen mögen. Wir wollen nicht zusehen, wie sich die Zukunft um uns herum hurtig verteilt. Vorzugsweise in Asien. Aber immer auch noch in Amerika. Wir kümmern uns lieber um unsere Illusion einer sorgenfreien finanziellen Zukunft. Wir tun so, als würde das Gros der Menschen, die heute Rentenbeträge zahlen, später einmal Rente kassieren können.

Unter Mehltau erstarrt

Wir vertrösten unverfroren auf eine bessere Zeit nach allem Stress und Burnout der heutigen Arbeitswelt. Wir sorgen in unserer Medienwelt für notorisch gut gelaunte Radiomoderatoren, für seichte Ablenkung im Fernsehen und hektischen Alarmismus in den News-Medien, um so die wirklich brisanten Themen sorgsam zu kaschieren. Etwa die Frage, wie wir uns in Zukunft selbst definieren mögen? Welche Gesellschaft wir denn wollen, wo sich die derzeitige gerade deutlich an allen Ecken heftig zu ändern beginnt?

Und so steuern wir auf eine Bundestagswahl zu, in der beide Spitzenkandidaten in Person und Programm glaubhaft keinerlei Perspektive und nur ein Wir-werden-unbeirrt-weiter-wursteln verkörpern. Eine Bundestagswahl, in der nach der erfolgreichen Selbst-Vaporisierung der Piraten ein ebenso breites wie amorphes Parteieneinerlei zur Wahl steht, das geschlossen das Thema Zukunft ausgeklammert hat. Ich sehe jedenfalls keine energisch oder gar glaubhaft vorgetragenen Ideen, wie unsere Gesellschaft in fünf oder zehn Jahren aussehen könnte oder sollte.

Verklärung der 50er-Jahre

Im Gegenteil, es wird sorgsam das Weiter-so gepflegt. Ganz so, als könnten wir uns gegen die disruptiven Veränderungen immunisieren, die unseren Gesellschaften in den nächsten Jahren in Technik, Kommunikation, Wirtschaft, Arbeitswelt, Gesundheit, Finanzen, Kultur, Medien und vor allem im sozialen Miteinander (oder eher Gegeneinander) bevorstehen. Wir steuern sehenden Auges in ein neues Zeitalter von einer unter Mehltau erstarrten Gesellschaft. Wenn wir aufwachen, genauer gesagt: unsanft geweckt werden, wird es längst zu spät sein, noch etwas im eigenen Sinn ändern zu können.

Ich bin alt genug, um mich noch – wenn auch nur schemenhaft – an die im Nachktriegstrauma und am Psychopharmakum des Wirtschaftswunders erstarrten Gesellschaft der 50er- und 60er-Jahre zu erinnern. Es war damals nicht schön, auch wenn das Filme, die diese Zeit verkitschen („Madmoiselle Populaire“), so zu verklären versuchen. Die Revolten ab Mitte der 60er-Jahre waren kein Zufall. Ich erinnere mich, wie wir in unserer Klasse immer überrascht waren, wer alles aus unserer Klasse auf Demos anzutreffen war. Da machten sogar die Bravsten mit, und zwar mit Überzeugung.

Die Explosion an Zukunft

Mich erinnert die Zeit heute an diese Stimmung damals zu Beginn der 60er-Jahre. Nur brav stillhalten. Schön fleißig sein. Nicht zu viel wollen. Man war viel zu beschäftigt damit, sich um seinen Wohlstand zu kümmern, um auf „dumme Gedanken“ kommen zu können (zu dürfen). Dabei waren die politischen Diskussionen damals noch weit hitziger als heute, weil die Parteien echte inhaltliche Gräben teilten. Heute erleben wir weite, langweilige Tundra und ideelle Steinwüsten.

Als Gegenmittel lese ich zur Zeit viel Literatur zum Thema Zukunft. Etwa Michio Kaku „Physics of the Future – How Science Will Shape Human Destiny and Our Daily Lives by the Year 2100“.  Ein ebenso waghalsiger wie bisweilen fast naiv zukunftsgläubiger Ansatz. Aber bei allem Kopfschütteln an etlichen Stellen, wo er sich mit seiner ungezügelten Zukunftsbegeisterung vielleicht ein wenig vergaloppiert, schildert Michio Kaku wie sich die Welt in den nächsten 20, 50 und 100 Jahren in den Bereichen Computer/Digitalität, (Künstliche) Intelligenz, Medizin, Nanotechnologie, Energietechnologie, Raumfahrt, Wohlstand und menschliches Zusammenleben entwickeln kann – und möglicherweise wird. Als Gerd Gerken und ich Mitte der 90er-Jahre unser Buch „Trends 2025“ nennen wollten, machte der Verlag damals nicht mit, weil die „Leser das ja großteils gar nicht mehr erleben werden“. Das Buch hieß dann „Trends 2015“. (Antiquarisch ist das Buch noch z. B. bei ebay und Amazon erhältlich. – Und es ist immer noch lesenswert…)

Das Ende der Zukunft

Michio Kaku ist für das Thema Zukunft prädestiniert. Er ist einer der prominentesten theoretischen Physiker der USA, u. a. hat er die String- und Quantenfeldtheorie formuliert. Vor allem aber ist er der prominenteste Dokumentarfilmer zum Thema Wissenschaft. Er beschreibt keine seiner möglichen technologischen Entwicklungen ohne nicht in Labors und Forschungsabteilungen Prototypen dafür mit eigenen Augen (und dem der Kamera) gesehen zu haben. Wenn nur ein milder Prozentsatz der prognostizierten Entwicklungen Wirklichkeit wird, sieht unsere Welt sehr bald sehr viel anders aus als heute. Oder salopp formuliert: Dann ist die Welt einer Angela Merkel (eine Physikerin!) oder eines Peer Steinbrück ganz schnell Geschichte. Und zwar eine, die sehr alt aussieht.

Diese Zukunft wird sehr schnell kommen und nicht mehr in technologischen Schüben wie zuletzt das Internet. Sie wird kontinuierlich und immer schneller immer drastischere Veränderungen bringen. So schnell und pausenlos, dass der amerikanische Medientheoretiker und Vortrags-Kapriolist Douglas Rushkoff in seinem neuesten Buch „Present Shock“ ein Ende der Zukunft prognostiziert. Alles  entwickelt sich in seiner Sicht so schnell und passiert so zeitgleich, dass das linerare Bild der Zukunft als Zeitstrahl aus der Gegenwart in ein Jenseits nicht mehr funktioniert.

Die permanente Gegenwart

Rushkoffs relativ steile These ist die, dass die Zukunft ausgedient hat, weil sie in der Gegenwart angekommen ist. Statt auf eine (bessere?) Zukunft zu warten, leben wir in einer sich ständig wandelnden Gegenwart. Statt große Pläne für die Zukunft schmieden zu können, sind wir mehr als gut damit beschäftigt, uns durch die komplexen, miteinander verflochtenen allgegenwärtigen Probleme zu arbeiten und sie graduell zu verbessern, ohne noch die Hoffnung auf eine grundlegende Lösung haben zu dürfen: die Bevölkerungssituation, die Finanzkrisen, globale Erwärmung, Terrorismus, Ernährungssituation etc.

Das setzt dem alten Bild der Politik als Heilsversprecher und Problemlöser ein Ende. Statt Anfang und Ende von Projekten, statt abgeschlossener Kapitel erleben wir in Rushkoffs Sicht die Realität künftig als nicht enden wollendes Computerspiel, in dem es kontinuierlich neue Aufgaben zu lösen gibt, ohne je aufhören zu können und durch einen neuen Spiellevel erlöst zu werden. Er ist in seinem Denken da ganz nah an Zygmunt Bauman und seiner Idee der „Liquid Modernity“. Alles ist permanent im Fluss, es geht immer weiter, ohne Einschnitte, Höhepunkte und alle Erlösungselemente. Nicht: Alles wird gut! Sondern: Alles ist im Fluss.

Ohne Erlösungselemente, nur im Hier und Jetzt. Das heißt in seiner Konsequenz Abschied nehmen von Hoffnungen einer Post-Arbeits-Idylle, die heute Rente heißt. Das heißt eine permanente, ja sich beschleunigende Innovationsverpflichtung. Das heißt Abschied nehmen von der Idee von Lösungen. Das heißt ein permanentes Nachjustieren. Das heißt in seiner Beschleunigungsdynamik ein stetiges Arbeiten mit möglichst disruptiven Entwicklungen. – Die Durchwurstel-Metapher, die würde einer Angela Merkel ja perfekt liegen. Aber auf Innovation oder gar – CDU/CSU/SPD/FDP/Grüne bewahre – Disruption ist bei ihr sicher nicht zu hoffen. Und bei Peer Steinbrück ebenso wenig. Mit ihnen werden wir bei der Verteilung mit Zukunft auf alle Fälle zu kurz kommen.

Ein Kuriosum als Nachtrag: Douglas Rushkoff nennt sich in Abgrenzung zu den Futuristen „Präsentist“. Den Ausdruck gibt es schon in Deutschland. Er bezeichnet Menschen, die nie in der Arbeit fehlen, egal wie krank oder ausgebrannt sie sind…

Die andere Spieltheorie


Wer gewinnt das große Monopoly?

Ich habe von früh an gerne gespielt. Die ganze lange Liste an Brett- und Kartenspielen. Los ging’s, wie bei den meisten damals mit „Mensch ärgere Dich nicht!“ – und dann Halma, Mühle, Fang den Hut bis zu Schach, Monopoly, Risiko und sogar „Öl für uns alle“, in dem es um Schürfrechte und den Transport des geförderten Öls in die Abnehmerländer ging. Jeder war da mal Scheich, mal Shell und mal Onassis. Und je besser man darin war und je mehr das Würfelglück half, desto reicher endete man am Ende eines Spieleabends.

MonopolyEigentlich die perfekte Ausbildung für unser derzeit herrschendes Wirtschaftssystem. Zugegeben: Die Bank bei Monopoly hat nie Geld verzockt und war in ihrem Geschäftsverständnis eher rückständig. Wie gerne hätte man damals oft Geld nachgedruckt, um nicht bankrott zu gehen. – Schon damals hatte verloren, wer seinen Besitz verpfänden musste. Aber immerhin wurde einem damals schon klar gemacht, was der Besitz von Immobilien bedeutet – und dass deren Wert schweren Schwankungen unterliegen kann. Aber auch hier: Es gab keine in der spanischen Wüste leer vor sich hin zerfallenden Wohnsiedlungen.

Der Lerneffekt des Spielens

Leider haben mir diese Spiele nicht wirklich Sinnvolles beigebracht, was ich im realen Berufs- und Geschäftsleben hätte erfolgreich anwenden können: Pokerface, Verhandlungsgeschick, Durchhaltevermögen, Strategie… Dazu habe ich die Spiele wohl zu spielerisch gesehen und den Ernst des Lebens zu ernst. Andersherum wäre es wohl besser gewesen. Spiele ernst nehmen und den Ernst spielerisch anzugehen.

Ach was, manchmal habe ich Spiele ja zu ernst genommen. Ich erinnere mich dunkel, mich einmal bei „Mensch ärgere Dich nicht!“ doch so sehr geärgert zu haben, direkt vor dem Haus noch einmal rausgekegelt worden zu sein, dass ich wütend nicht mehr weiterspielen wollte. Das habe ich nur einmal so gemacht. Nicht, weil mich meine Mutter streng gescholten hat, von wegen „Das macht man nicht!“ und „Man muss auch verlieren können!“ Es war der stille, tief enttäuschte Gesichtsausdruck von Onkel Karl und Tante Else, genannt Elschen. meinen Ersatz-Großeltern, der mich dazu brachte, mich nie mehr so bescheuert zu benehmen.

Spielverderber-Attitüde

Fragt sich, wie wir heute mit der weit verbreiteten Spielverderber-Attitüde umgehen sollen, die in vielen alteingesessenen Branchen verbreitet ist, denen radikal veränderte Spielregeln drohen. Den Verlegern etwa. Jahrzehntelang haben sie prächtig davon gelebt, mit ihren Zeitungen dick Geld zu verdienen. Wohl gemerkt nicht dadurch, dass sie glänzenden Journalismus geboten haben. Das haben sie, fraglos. Aber Geld wurde mit Anzeigen verdient. Mit Job-Anzeigen, Auto-Markt, Wohnungsanzeigen. Heute würde man das wohl als journalismus-fremdes Business bezeichnen.

Um so blindwütiger ist ihr Vorgehen gegen all diese digitalen Gewinner, die die zuvor geltenden Spielregeln so radikal ausgehebelt haben. Schon 1995/1996, als Europe Online aus der Wiege gehoben wurde, gab es Pläne, Geschäftsanzeigen und den Auto-Markt digital umzusetzen. So sollten die journalistischen Angebote von Europe Online querfinanziert werden. Das wurde aber schnell gestoppt. Die beteiligten Verlage befürchteten Kannibalismus-Effekte. Die sind dann auch recht bald eingetreten. Nur dass die Kannibalen aus den USA kamen und Google, Amazon, Apple, Monster hießen. Oder sie kamen aus Europa wie Mobile und die Scout24-Familie (Auto-, Immobilien-, Job-Scout etc.).

Veränderte Spielregeln? – Mit uns nicht!

Jetzt, wo alle die Einkünfte aus den Branchenanzeigen längst weg sind und auch die Einkünfte aus der Werbung immer weiter sinken – und zugleich die Verkaufszahlen – sollen plötzlich die Leser für das Journalistische Angebot zahlen. Und jeder, der sich auch nur erdreistet, ein paar Zeilen aus diesem erst vor Kurzem entdeckten Schatz des „Journalismus“ zu zitieren. Dafür hat man das Leistungsschutzrecht erfunden und tatsächlich – unter Androhung journalistischer Repressalien (!!!) – im Wahljahr im Bundestag und Bundesrat durchgedrückt. Die Causa Wulff, also die ebenso eindrucksvolle wie willkürliche Dokumentation verlegerischer Macht, hat die Regierungskoalition sowieso, aber auch die SPD sichtlich verschreckt samt Führungspersonal der Grünen.

Was für ein dummes Spiel, das absehbar eigentlich nur Verlierer hat. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird in Sachen Zukunftsperspektiven faktisch wie imagemäßig geschädigt. Die Verleger haben ihr Image ruiniert, „tiefer in den Keller geht’s nimmer“ heißt es sogar in einem Kommentar in faz.net. Google wird sich nicht beugen und sitzt am deutlich längeren Hebel. Die Blogger drohen zum Opfer einer Verleger-Vendetta zu werden. Die einzigen Gewinner im Spiel sind die, die gar nicht mitgespielt haben. Die Anwälte in den Abmahn-Kanzleien. Und das alles nur, weil eine Branche die neuen Spielregeln nicht anerkennen will (oder kann).

Das andere Spiele-Dilemma

Während Frank Schirrmacher die Allmacht der Spieltheorie in der Finanz- und Politikwelt verschwörungstheoretisch beschreibt, ist längst ein anderes Spiele-Dilemma viel virulenter: der Unwille und das Unvermögen, neue Spiele zu lernen und zu spielen. Ich habe schon an ein paar Stellen in diesem Blog (hier und hier) Eric Schmidt den langjährigen CEO von Google 2009 beim Aspen Ideas Festival zitiert, wie er vor dem eisernen Beharrungsvermögen des großen Geldes warnte und deren Allianz mit der Politik und deren Regulationsmacht. Als hätte er das Leistungsschutzrecht erahnt. Oder hat er gar unfreiwillig die Idee dazu geliefert?

Es ist wie es ist. Vor jedem (neuen) Spiel werden die Karten neu gemischt. Deswegen scheuen alle, die ein Spiel (gut) beherrschen, ein neues Spiel zu wagen. Denn dort ist offen, wer Sieger und wer Verlierer wird. Ja, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass neue Spiele von jungen, neuen Spielern besser beherrscht werden als von den Alteingesessenen. Und noch wahrscheinlicher ist es, wenn die Spielregeln von den Newcomern bestimmt sind und die Altvorderen das Spiel nur mit großem Widerwillen spielen. Kein Wunder, dass da neue Spiele so weit es geht geregelt, wenn nicht gleich verboten werden.

Das Leistungsschutzrecht war nur der Anfang

Wir müssen froh sein, dass etwa der Versandhandel die Politik nicht so recht in Geiselhaft nehmen kann. Sonst müsste Otto und Karstadt zuliebe schleunigst eine Katalogsdruckpflicht für Amazon, Zalando & Co. erlassen werden. Welch prima Idee: Die Kosten würden die Shopping-Gewinner belasten und die Druckmaschinen der Verleger besser auslasten. Und dasselbe gilt dann auch für Mobile oder AutoScout24. Auch die müssen alle ihre Angebote brav drucken, sonst gelten sie nicht. Na und Monster, Stepstone LinkedIn und Xing genauso ihre Jobangebote. (Aber halt, Xing gehört ja schon Burda…) – Ja und Facebook? Wie wäre es mit einer Like-Abgabe oder einem Freundschaftsschutzrecht?

Ich habe jetzt doch schon einige Zeit nicht mehr Monopoly gespielt. Aber soweit ich mich erinnere, ging das Spiel damals nicht so, dass mitten im Spiel die Spielregeln zugunsten des Seriengewinners geändert werden durften. Das kenne ich nur aus Filmen. Und da waren es immer die Kriminellen, die das Spiel zu ihren Gunsten manipulieren durften. Aber nur so lange, bis James Bond oder andere Gerechtigkeitsfanatiker eingriffen und das Spiel zugunsten der Guten drehten. 007, bitte übernehmen Sie: Aktion Printfall.

Wut auf den Clown


Beppe Grillo, der Buhmann der italienischen Politik

Ich habe Beppe Grillo nur einmal kurz, das ist schon zwei, drei Jahre her, zufällig bei einer Veranstaltung auf einem italienischen Platz erlebt. Das war zu den Anfängen seiner politischen Bewegung „Movimento 5 Stelle“. Mein Italienisch war damals noch sehr dürftig. Trotzdem habe ich gesehen, wie gut seine Witze und wüsten Politikerbeschimpfungen beim – vornehmlich jungen – Publikum ankamen. Es war eine Riesenstimmung schon damals. Inzwischen kommen über 100.000 Menschen im winterlichen Rom zusammen – zu der Abschlussveranstaltung seines Wahlkampfes. Zu einer Wahlkampfveranstaltung, bitteschön!!!

Beppe_Grillo_-_Trento_2012_0325.55 Prozent der Wählerstimmen hat Beppe Grillo bei der Wahl in Italien gewonnen!. Das Movimento 5 Stelle ist sogar die Einzelpartei mit den meisten Stimmen. In etlichen Regionen, etwa in den Marken, in denen wir unsere südliche Heimat haben, ist er mit Abstand die führende Kraft. Das alles hat Grillo mit seinen jungen Mitstreitern innerhalb von nur drei Jahren geschafft. Ohne Geldgeber, nur als Graswurzelbewegung per Internet, vor allem der jungen Italiener. In einem Land, in dem wirklich nur alte Männer das Sagen haben – in allen Bereichen, in Wirtschaft und Politik, in allen Regionen und Kommunen – in dem die jungen so gut wie keine Chance haben.

Vorbildliche Ideen

Die Programmatik der Grillisti, wie sie inzwischen genannt werden, wirkt etwas erratisch. Aber was an konkreten Zielen von Grillo angestrebt wird, sind Initiativen, die auch in Deutschland, vor allem bei kritischeren Geistern, helle Zustimmung finden müssten. Ein Grundlohn von 1.000 € für jeden. Ähnliches wollen auch die Grünen. Mit speziellen Initiativen soll vor allem die Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden. Die Abgeordneten, die das Movimento in Parma und Sizilien in die Parlamente gebracht haben, verzichten auf den größten Teil ihres Gehaltes (wie einst die Grünen) und zahlen das Gros in einen Fonds ein, aus dem Microkredite für Unternehmen, Start ups und Initiativen vergeben werden, die neue Arbeitsplätze für Jugendliche schaffen. Und die Abgeordneten, die jetzt für das Movimento ins Parlament ziehen werden: alles junge Leute, viele junge Frauen. (Alle per Internet zu Abgeordneten gewählt!)

Eigentlich alles wunderbar. Was für eine Erfolgsgeschichte, mit solchen Ideen eine Wahl so spektakulär zu gewinnen. Aber nichts davon in der deutschen Presse. Hier wird Beppe Grillo unisono als Polit-Clown, Populist, Politik-Verweigerer und gar als Wüterich gescholten. Er wird fast durchgängig in eine Schublade mit Silvio Berlusconi gesteckt. Was ist es, dass unsere Medien so wütend und so einseitig gegen Beppe Grillo agitieren lässt? Wäre er der Chef einer erfolgreichen Oppositionsbewegung in einem Land des (ehemaligen) Ostblocks, wäre er längst als Held verklärt.

Aggression gegen Systemverweigerung

Es ist natürlich seine Ablehnung der EU in der gegenwärtigen Form, die Grillo zur Zielscheibe von Kommentatoren-Aggressionen macht. Es ist seine Ablehnung des Sparkurses von Mario Monti (und Angela Merkel), die Grillo hierzulande unbeliebt macht. Aber man muss sich nur ein wenig in Italien umsehen, um zu verstehen, dass die Sparpolitik vor allem die Jungen voll trifft. Sie haben nicht wie ihre Altvorderen Immobilien und Schwarzgeldkassen, mit denen es sich auch in Krisenzeiten noch über die Runden kommen lässt. Sie erleben nur ein Land, in dem die Alten nicht loslassen, in denen Reformen wirksam torpediert werden und Aufbruchstimmung ein Fremdwort ist.

Beppe Grillo aber verkörpert erstmals seit ewigen Zeiten so etwas wie Aufbruchsstimmung und eine Perspektive für die Jugendlichen. Gerade auch weil er sich allen etablierten Kräften verweigert. Den Medien, dem TV, der Presse, der Großwirtschaft und vor allem dem Klüngel (er nennt sie Kaste) der Parteipolitiker in Italien und deren Korruptheit: Italien hat die meisten Abgeordneten in Europa, das zahlreichste Parlament und dazu noch einen Senat, und die Politiker dort gönnen sich die höchsten Diäten. Und genau das möchte Grillo dringend ändern.

Die Kaste schlägt zurück

Aber auch dafür bekommt er von der Presse hierzulande keinen Beifall. Im Gegenteil. Obwohl es hochdringend ist, sich von den Parteien und dem herrschenden Politikapparat abzusetzen, wird Grillo genau dafür abgewatscht. Etwa vor allem deswegen, weil die Presse und die Medien hierzulande eben auch ein integrierter Teil der hiesigen Politkaste sind. Die wahrscheinlich nicht so korrupt wie in Italien ist, aber genauso weit entfernt von der Wirklichkeit, etwa von arbeitslosen Jugendlichen. Fast scheint es so.

Natürlich wird es spannend sein, was Grillo nun mit seinem Wahlsieg macht. Lässt er es per Blockade so weit kommen, dass bald wieder Neuwahlen nötig sind? Dann hätte er die besten Chancen, noch besser abzuschneiden. Oder treibt er mit seinen Themen die demokratischen Sozialisten vor sich her? Hin zu Reformen, einem fairen Wahlrecht, zu einem kleineren Parlament, zu einem Grundeinkommen und einer Wirtschaftsförderung, die unten bei den kleinen Leuten und den Jugendlichen ankommt und nicht kränkelnde Banken und Großkonzerne (FIAT) unterstützt?

Wer blockiert wen, wer blockiert was?

Ich habe eher das Gefühl, dass die Politkaste Italiens da nicht mitspielen wird. Aber wer ist dann der Verweigerer? Wer ist der Blockierer? Und wer, bitte, ist der Politclown? Der, der gute, sinnvolle, soziale Ideen verwirklicht sehen will? Oder die Kaste, die alles tut, um den Euro nicht in die Bredouille zu bringen und brav weiter das deutsche Wirtschaftswunder des 21. Jahrhunderts auf eigene Kosten zu befeuern?

Und warum stellt eigentlich unsere kritische Presse nicht solche Fragen? Auch wenn damit nicht unbedingt Beifall zu erwarten ist. Ich bin einmal gespannt auf das Bild der vielen jungen, weiblichen Köpfe im italienischen Parlament. Und besonders spannend wird es sein, was sie für eine Politik machen werden. – Ich jedenfalls habe da kein so schlechtes Gefühl. Wenn die etablierten Medien so einhellig und so aggressiv gegen etwas sind, dann verspricht das inzwischen so einiges. – Aber das sagt mehr über die hiesigen Medien und ihr Selbstverständnis aus als über Beppe Grillo.

Nachträge:

Sehr interessant, was Grillo jetzt nach der Wahl in Interviews sagt (Beispiel SZ) . Seine Verweigerungspolitik gilt nur für ein „Weiter so“. Würde etwa Basani es ernst meinen mit Konsolidierung, Wahlreform und Abbau von (Politiker-)Privilegien, wäre Grillo sofort dabei.

Und auch Spiegel Online, oder zumindest sin Kolumnist Jakob Augstein versteht inzwischen, wie überzeugend Grillos Opposition ist.

Und hier kann man sich mal ein (bewegtes) Bild von Beppe Grillo und seinen Zielen machen. Im Interview mit dem schwedischen Fernsehen. (mit deutschen Untertiteln).

Der Pirat des Südens


Beppe Grillo und sein „Tsunami“

Wollen wir es mal vorsichtig formulieren: Die Piraten hatten in Deutschland ihr großes Coming Out in den Medien. Und sie sind darin in kürzester Zeit untergegangen. Marina Weisband hat das in ihrem Blog oft sehr gut als direkt Betroffene beschrieben und analysiert. Die Medien sind viel zu sehr Teil des bestehenden politischen Systems, als dass sie den Piraten je wirklich publizistisch eine Chance gegeben hätten. Zunächst haben sie sie konsequent missachtet. Erst als es nach dem Wahlerfolg in Berlin nicht mehr anders ging, hat man sich ihrer angenommen.. Und wie. Extrem intensiv und mit aller Brutalität, Konvention, Häme und als Sympathie getarntem Zynismus, zu dem die etablierten Medien nur fähig sind. – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Beppe Grillo
Beppe Grillo

Wie es ganz anders gehen kann, ist bei unserem winterlichen Besuch in Italien zu besichtigen. Hier mischt ein politischer Outsider die italienische Politlandschaft mit ähnlichen Inhalten, einer ähnlichen Attitüde und ebenso internetaffin auf wie dereinst die Piraten in Deutschland: Beppe Grillo. Die Prognosen zur Wahl in Italien Ende Februar sehen ihn bei 13 bis 16 Prozent – mit guten Zuwachsperspektiven. Mit ein bisschen Glück könnte seine politische Bewegung „Movimento 5 Stelle“ (Fünf Sterne Bewegung) bei der Wahl zweitstärkste Kraft, mindestens aber drittstärkste Fraktion werden.

Der Anti-Pirat

Zugegeben, die politische Situation ist in Italien verfahrener und schlimmer als in Deutschland. Das Parteiensystem ist weit desaströser und die Politikerkaste eine Katastrophe. Zur Wahl stehen ein mehrfach verurteilter Medienmogul, der das Land fast in den Ruin getrieben hat. Ein vom Schlaganfall schwer mitgenommener Rechtsaußen. Ein unglaublich dröger sozialistischer Parteisoldat und ein Wirtschaftprofessor von Banken und Goldman Sachs‘ Gnaden. Alle natürlich altersmäßig weit jenseits der Pensionsgrenze. Und dann eben Beppe Grillo. Einst Kabarettist, Komiker und Fernsehstar. Auch er – nach einem Autounfall – wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft.

Beppe Grillo steht konzeptionell ganz nah bei den Piraten. Seine Kandidaten zur Wahl sind alle per Internet-Votum gewählt worden. Inhaltlich wird Vieles per Internet diskutiert und beschlossen. Und vor allem die Aktivierung der Wähler und Wahlhelfer geschieht über das Internet und Foren auf Beppe Grillos Website beppegrillo.it (inkl. englischer Version). Auch inhaltlich gibt es viele Berührungspunkte zu den Piraten. Netzpolitisch sowieso, aber ebenso ökologisch und ökonomisch und in der teilweise abenteuerlichen Melange aus linken und eher konservativen Positionen, wie sie auch die Piraten in Deutschland bisweilen haben. In Italien ist das Teil des Erfolgsrezeptes. Beppe Grillo gilt als der einzige „Politiker“, der Berlusconi rechts von der Mitte Wähler abspenstig machen kann.

Der bekennende Populist

Grillo kann Berlusconi Stimmen abgraben, weil er ein Bühnenberserker ist – und ein Populist von Gottes Gnaden. Dafür wird er von allen Seiten gescholten. Er macht sich einen Spaß daraus und lässt auf seinen stets bestens besuchten Großauftritten die Menge skandieren: Po-pu-lista! – An dem Beispiel beginnt man zu ahnen, dass Beppe Grillo vielleicht inhaltlich den Piraten nahe steht, aber sonst in allen Belangen das völlige Gegenbild ist. Er macht alles anders als die Piraten in Deutschland – und ist schätzungsweise gerade dadurch so erfolgreich.

Beppe Grillo verweigert sich nämlich komplett und konsequent allen etablierten Medien. Dem italienischen Fernsehen (das ihn einst groß gemacht hat) sowieso, weil es entweder in der Hand von Berlusconi ist oder von ihm, wie im Fall des öffentlichen RAI, zu einstigen Regierungszeiten mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden ist. Eine Kandidatin, die bei einer Talkshow zugesagt hatte, hat Grillo sehr diktatorisch eingebremst. Aber auch mit der italienischen Presse will 5-Sterne-Grillo nichts zu tun haben, auch abseits von Berlusconis Mediaset. Für ihn sind die etablierten Medien samt und sonders Teil der überkommenen politischen Kaste, die ihm niemals nützen werden, sondern ihn immer zu verhindern suchen werden. (Auffällig ist, dass die Medien in Deutschland dem Phänomen Beppe Grillo auch bislang fast völlig mit Missachtung begegnen. Die Ausnahme ist der Tagesspiegel.)

Tsunami, die Polit-Tour

Seine Stimmen, seinen Erfolg und seine politische Wirkung erzielt Beppe Grillo allein durch Multiplikation im Internet, vor allem aber durch seine überaus erfolgreiche Tour über alle großen Stadtplätze quer durch Italien. Er nennt die Tour „Tsunami“. Er ist der einzige Wahlkämpfer Italiens, der sich im winterkalten, nassen Italien auf die Bühne stellt und hier seine – ja, populistische – Bühnenshow mit Politikerbeschimpfungen, Witzen, massenhaft Fakten zur italienischen Politik und ihrer Korruptheit und mit seinen politischen Ideen abzieht. Eine Show, die überall Tausende von Zuhörern auf die zugigen Plätze holt und extrem gut ankommt. Höhepunkt soll ein Auftritt in Rom zwei Tage vor der Wahl vor über 100.000 Zuhörern werden. (Darüber dürfen dann mit Grillos Segen auch die etablierten Medien berichten – möglichst live.)

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die konkrete politische Arbeit, die die Abgeordneten des „Movimento 5 Stelle“ dort leisten, wo sie schon Mehrheiten erzielt haben. Etwa in Parma oder in Sizilien. Sie lassen sich von ihren – in Italien üblicherweise üppigen – Abgeordnetengehältern nur etwa 3.000 Euro auszahlen. Den größeren Teil zahlen sie in einen Fonds ein, aus dem Microdarlehen vergeben werden, mit denen vor allem Arbeitsplätze für arbeitslose Jugendliche geschaffen werden sollen. Das funktioniert und macht das Movimento extrem angesehen in Italien. Die Botschaft davon wird viral weiter getragen und macht Eindruck bei den Benachteiligten und in den ärmeren Schichten. Aber auch den Intellektuellen, die sonst wenig mit Grillos hemdsärmeliger Art anfangen können, macht solch authentisches Arbeiten Eindruck.

Der Lackmus-Test

Spannend wird es nach der Wahl. Beppe Grillo hat angekündigt, mit keiner der etablierten Parteien koalieren zu wollen. Schon aus Ablehnung des etablierten Systems. Das wird, je nach Erflog des „Movimento 5 Stelle“, die Bildung einer handlungsfähigen Koalition – vor allem ohne Berlusconi – schwer machen. Das wird der Lackmus-Test dieser Bewegung. Schon wird geunkt, dass ausgerechnet Grillo, der Intimfeind von Silvio Berlusconi, zum Steigbügelhalter dieses anderen großen Populisten werden könnte. Kaum vorstellbar, dass Grillo das zulässt. Aber fast ebenso schwer lässt sich eine Koalition mit dem trockenen Professor Monti oder dem drögen Sozialisten Bersani denken.

So speziell die Probleme Italiens sind, so karikaturenhaft das politische Personal samt Beppe Grillo, die Situation hier könnte eine Art Zukunftsszenario auch für Zentraleuropa werden. Das Spektrum akzeptabler und ernsthafter Politiker wir auch hier immer schmaler und geht bisweilen gegen Null. Die Sehnsucht nach einer politischen Kraft jenseits der etablierten Politidk ist immens. Das haben die Piraten eindrucksvoll bewiesen. Die Situation unser globalen Welt wird nicht einfacher zu managen werden, im Gegenteil. Das öffnet das Feld für Populisten jedweder Couleur. Es wird sehr spannend werden, mit ihnen real funktionierende Politik zu machen und vielleicht wichtige strukturelle Änderungen durchzuziehen (etwa Kontrolle/Entmachtung der Banken). Dafür ist Beppe Grillo der Prototyp. – Es mag von Deutschland anders ausschauen. Aber manchmal ist Italien der Zeit voraus…

Scheiternde Neubauten


Desaster passieren überall

Ein gängiger Bauherrenscherz geht so:
„Baue dein erstes Haus für deinen Feind. 
Baue dein zweites Haus für einen Freund. 
Baue erst das dritte Haus für dich.“

Fragt sich, wer der Feind von Wowereit ist…

Es ist wirklich leicht, sich über das Desaster am neuen Flughafen BER aka Willy Brandt Airport lustig zu machen (das hat Willy wirklich nicht verdient!). Häme-Artikel und Beschuldigungen schreiben sich hier wie von selbst. Vor allem, weil Wowereit wirklich ein solch vorbildlicher Sündenbock ist. Uneinsichtig. Ohne einen Deut von Bedauern. Ohne jedes Gran an Selbstkritik.

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Wer kennt sie nicht, die vielen unbekannten Desaster der Berufswelt. Nicht jede Baustelle wird so prominent wie der Flughafen Berlin Brandenburg

Aber mal ehrlich, erinnert das Desaster nicht haarklein an Projekte, deren Desaster man selbst mal miterleben durfte. Mit all der Systematik des Scheiterns und der Planmäßigkeit des Irrsinns, die man jetzt aus den Prüfberichten in Berlin erfährt. (Und da wird noch viel folgen, da bin ich sicher.) Nur ging es in diesen Fällen glücklicherweise nicht um Abermilliarden von Steuergeldern, sondern um kleiner dimensionierte, privat finanzierte Projekte, deren Scheitern man unter den Teppich kehren konnte, weil es ja die Karrieren der Beteiligten zu schonen galt.

Erstens kommt es anders…

Ich weiß von großen Bauvorhaben von Weltunternehmen, in denen die Baukosten auch völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Ich kenne ein berühmtes Gebäude aus privater Hand, in dem mittendrin tragende Wände  herausgerissen werden mussten, weil sie völlig falsch platziert waren. Aber davon erfuhr keiner – und danach gewann der Bau reihenweise Preise und wird hochgelobt. Dass er an etlichen Stellen immer wieder leckt, fällt da nicht ins Gewicht.

Wer jemals selbst gebaut hat, weiß, dass es den perfekten Bau nicht geben kann. Es gibt unausweichlich Fehler, Missverständnisse, miese Laune, Inkompetenz und sonderbare Eigendynamiken, die zu kuriosen Ergebnissen führen. Und dann natürlich gibt es einfach Pfusch. Dass ein Bau am Schluss so ausschaut, wie es sich ein Bauherr anfangs ausgedacht hat, ist definitiv ausgeschlossen.

Jeder, der selbst einmal größere Projekte gemanagt hat, weiß nur zu gut, wie so etwas aus dem Ruder laufen kann: Man hat vielleicht zunächst einen schönen Plan, im besten Fall ohne allzu viele faule Kompromisse. Aber kaum ist dieser verabschiedet und das Projekt kommt ins Laufen, gibt es neue Anforderungen, neue Ideen – und spätestens nach einem halben Jahr massive Änderungswünsche. Es kommen neue Manager mit anderen Vorstellungen, Budgets werden kleiner und die Ansprüche größer. Und der schlimmste Effekt von allen: Wenn der Traum zur Wirklichkeit schrumpft. (Zitat: Karl Kraus)

Einflüsterungen von oben

Solche Entwicklungen passieren immer und überall, wenn man nicht aufpasst. Nicht nur beim Bau von Flughäfen, Bahnhöfen oder (Elb-)Philharmonien. Das passiert auch bei IT-Projekten, bei Software-Programmierungen, bei Produktentwicklungen und Web-Projekten. Überall dort, wo oben schlecht gemanagt wird. Wo Eitelkeiten über Sachverstand und Anspruchsdenken über Rationalität siegen.

Aber was tun, wenn ein eigentlich gut geplantes Projekt auf dem langen Weg zur Umsetzung immer größer, immer widersprüchlicher und immer absurder wird? Dann beginnt im schlimmsten Fall die Zeit der Anpassler, die jeden Irrsinn irgendwie umsetzen, bis sie ein Projekt bis zur Dysfunktionalität treiben. (Von den explodierenden Kosten ganz zu schweigen.) Ich habe erlebt, wie große Webprojekte nach Fertigstellung wieder eingestampft wurden, weil sie hohen Herren, die sie einst beschlossen hatten, nicht mehr gefallen haben. (Weil ihnen von „Beratern“ im Projektverlauf unrealistische Erwartungen eingeimpft worden waren.) Ich habe in Projekten über lange Monate hinweg teuer Funktionalität vortäuschen müssen, weil Entscheidungen über notwendige Software nicht richtlinienkonform (EU!) getroffen worden waren und Ausschreibungen wiederholt werden mussten.

Die ganz normale Obstruktion

Die Kostenfrage ist ein weiteres Feld möglicher Desaster. Es ist doch inzwischen (fast) überall so, dass nicht der beauftragt wird, der einen Job am besten (und wahrscheinlich effektivsten) bewältigen kann, sondern wer am günstigsten anbietet. Seriöse Firmen müssen dafür Kompromisse eingehen, die von Anfang an Bauchschmerzen bereiten und schlussendlich eine optimale Bauabwicklung (finanziell und baulich) verhindern. Weniger seriöse Firmen bieten ohne Rücksicht auf Verluste billig an und holen ihr Geld dann bei den Kosten für Material und Arbeitskräfte wieder herein. Das führt unweigerlich zu Pfusch. Durch mieses Material, durch bedingt kompetente Arbeiter, vor allem aber eine durchgängig miese Stimmung der Ausführenden. Das führt zu passivem Widerstand (Minimum), exzessiver Wurstigkeit bis hin zu gezielter Obstruktion.

Am Ende sind es meist die ganz einfachen Arbeiter, die angeheuerten Programmierer, ja Hilfskräfte, die den Planungsirrsinn und das Managementversagen ausbaden müssen. Von ihnen wird verlangt, dass jetzt endlich was vorwärts geht. Und dann wird halt der sündteure schwarze Stein, der eigentlich fürs repräsentative Foyer geplant war, als Pflastersteine in der Garagenabfahrt verlegt. (Wie in einem Nobelprojekt in München passiert.) Aber der beanstandete Steinhaufen ist erst mal weg. Und in ähnlicher Logik dürften in Berlin Hunderte von Bäumen sinnfrei irgendwohin verpflanzt worden sein, weil sie sonst eingegangen wären. Und so wird in einer eigentlich gelungenen Website der Log in oder der Buy Button, über den keiner im Management so recht nachgedacht hatte, am Ende so schlecht programmiert, dass die Site gar nicht funktionieren kann.

Viele kleine Wowereits

Ich persönlich hatte in den meisten Fällen das Glück, entweder so wenig Zeit bei der Umsetzung von neuen Projekten  – Münchner Stadtzeitung – WIENER – Europe Online – zu haben, dass gar kein Umweg gegangen werden konnte und Wunschextravaganzen sich aufgrund von Zeitnot verboten hatten. Und ich hatte das Glück, mit diesen Projekten so sehr Neuland zu betreten, dass stets die paradoxe Situation herrschte, dass unausweichlich Fehler passieren mussten aber nicht als solche wahrgenommen wurden, weil es noch keinerlei Erfahrungswerte gab. Ich habe es im Fall der Münchner Stadtzeitung mal so formuliert: Wir haben alle Fehler gemacht, die wir machen konnten. Aber immer zur genau richtigen Zeit. Und wir haben daraus gelernt. Unsere Leser liebten uns dafür, weil sie sahen und erlebten, wie etwas entstand, mit ihnen zusammen.

Solch Freiräume gibt es nur selten. Beim Bau von Großprojekten schon gar nicht. Aber dennoch gilt hier – wie überall: Je weniger authentisch etwas ist, desto eher wird es scheitern. Ein Projekt, und sei es ein Flughafen, dessen Kosten unehrlich kleingerechnet werden, weil man ihn nur so durchzusetzen zu können meint, ist eigentlich schon zum Scheitern verurteilt. Ein Projekt, das nicht im offenen, ehrlichen Dialog mit allen Beteiligten durchgeführt wird, kann nicht gelingen.

Abgehobene Vorstände, die hierarchisch apodiktisch Projekte zur Selbstbeweihräucherung aufsetzen; eitle Manager, die Produkte selbstverliebt am Markt vorbei entwickeln; Marketeers, die Kunden für dumm verkaufen, sie alle sollten nicht über Berlin Brandenburg schimpfen. Sie alle sind auch kleine Wowereits. – Nur fallen sie nicht so für alle sichtbar auf die Schnauze. Aber Einsicht, Bedauern, Selbstkritk? Selten bis nie.

Die Pluralisierung der Renditen


2012 – Das Jahr der Konflikte ums Digitale

Was für ein Jahr! Ich kann mich nicht erinnern, wann sich der Alltags-Lifestyle im Alltag so schnell und massiv wie im Jahr 2012 geändert hat. Bei meinen Fahrten mit der S-Bahn nach München hinein ist die Veränderung mit „Händen zu greifen“. Statt Zeitungen und Bücher werden jetzt mehrheitlich Smartphones, eBook-Lesegeräte und Tablets in Händen gehalten. Nur noch Senioren lesen Zeitungen, nur noch wenige Frauen lesen Bücher. Der massive Wechsel zur digitalen Kommunikation und Rezeption – und das vorrangig mit mobilen Geräten – ist atemberaubend und „erschütternd“.

SchlossStatueRechtsEr erschüttert das Medien- und das PC-Business. Medien werden nicht mehr auf Papier konsumiert, bestenfalls per Tablet oder Smartphone. Der PC, wie wir ihn kennen, hat großenteils ausgedient, das Notebook wird zum Auslaufmodell. Sobald ein Tablet oder ein eReader im Haus – und unterwegs dabei ist – wandern die Daten von der Festplatte in die Cloud. Und die Daten, die wir zu unserer Unterhaltung brauchen, ob Musik, Bild oder Video, kommen von da her – sei es von Google (samt YouTube), Amazon, Apple oder Facebook (samt Spotify). Yahoo und Microsoft versuchen verzweifelt mitzuhalten.

Der organisierte Widerstand

So massiv die Veränderung, so verbreitet der Wechsel zum Digitalen im letzten Jahr war, so energisch – und erstmalig koordiniert – gestaltete sich der Widerstand der Medienunternehmen gegen die digitale Konkurrenz. Dabei waren die Versuche, ein Leistungsschutzrecht (vulgo: Lex Anti-Google) politisch durchzudrücken, nur die Spitze des Eisberges. Dazu kamen Berge von Artikeln, die vor der digitalen Welt warnten, die hysterisch Katastrophen prognostizierten (Untergang der Privatsphäre u.a.) und natürlich massiv gegen die neuen Multis und Giganten der digitalen Welt agitierten: Google, Facebook, Apple und Amazon. (Microsoft gehört plötzlich zu den Guten?)

2012 war das Jahr, in dem die großen Medienhäuser plötzlich unisono Propaganda in eigener Sache machten: Stichwort „Qualitäts-Journalismus“. Als hätten Zeitungen den freien Journalismus erfunden. 2012 war das Jahr, in dem sich Politiker, fast quer durch alle Parteien, für den Widerstand gegen die amerikanischen digitalen Mega-Unternehmen einspannen ließen. Die einen aus Naivität, Unwissen oder Ignoranz, die meisten aus Lobby-Gründen, etliche vielleicht auch, weil sie ahnen (oder wissen), dass der digitale Wandel längst die Politik in den Grundfesten zu erschüttern beginnt. Obama hat es vorgemacht, wie Wahlen per Social Media gewonnen werden können, selbst wenn man eigentlich auf verlorenem Posten steht.

Die Prognose für 2013 ff

Man könnte ein Leistungsschutzrecht als verschrobene Folklore eines leicht verschreckbaren Volkes in der Mitte Europas abtun. Besser man nimmt es (sehr) ernst, was da droht. Denn eines ist sicher: Es wird 2013 und in den Folgejahren alles noch viel dramatischer kommen. Immer mehr Branchen werden vom digitalen Wandel erfasst und in ihren Grundfesten erschüttert werden. Entsprechend wird der Druck dieser Industrien auf die Politik wachsen, etwas gegen die business-bedrohenden Veränderungen zu tun. (Motto: Arbeitsplatzverluste etc.). Und die Bereitschaft der Politik, massiv gegen solch grundlegende Veränderungen einzuschreiten, wird wachsen. Schon aus reiner Selbsterhaltung.

Denn noch immer glaubt man in weiten Teilen von Industrie und Wirtschaft, man könne sich gegen den digitalen Wandel und seine disruptiven Auswirkungen wehren. Man müsse nur den digitalen Mega-Firmen Einhalt gebieten und das Internet endlich effektiv regulieren, dann wird alles nicht ganz so schlimm. (China, Iran und Nordkorea machen es doch vor!) Und so wird eifrig Lobbyarbeit betrieben mit dem Ziel, dem Wandel Einhalt zu gebieten. Oder wenigstens möglichst viel Zeit herauszuschinden, bis die bisherigen Business-, Karriere- und Boni-Modelle endgültig ausgedient haben. Dass dabei unsere sowieso schon fragile, innovationsträge Wirtschaft ernsthaft gefährdet und jegliche Zukunftsfähigkeit vernichtet wird – völlig egal.

Das wird schon wieder

Es ist fast rührend zu beobachten, wie gerne so getan wird, als ob die disruptiven Brüche nur für die Medienbranche gelten. Man muss nur dagegen halten, dann ist der digitale Spuk bald vorbei. Dabei wird chronisch übersehen, dass der digitale Wandel systemisch ist. Dass er die Machtverhältnisse zugunsten der Kunden unumkehrbar verschiebt. Dass er völlig neue Verfügbarkeiten schafft, die nur allzu gern genutzt werden, weil sie der Mehrheit (der Konsumenten) sofort Vorteile bringen. Natürlich zu ungunsten der bestehenden Businessmodelle – und bestehender Jobs und Verdienstmöglichkeiten. Die Medienbranche ist nur die Vorhut. Alle anderen Branchen werden folgen.

Dass nach und mit dem Umbruch so viele neue, attraktive Geschäftsmöglichkeiten und Jobs entstehen, wird nicht gesehen. Diese neuen Jobs werden nicht nach denselben Regeln funktionieren und nicht identische Gewinnmöglichkeiten wie einst bieten. Das ist logisch, weil es sich eben um einen grundlegenden Umbruch handelt – vom Industriezeitalter zum digitalen Netzwerkzeitalter. Einst waren die Machtstrukturen streng hierarchisch. Jetzt aber werden am Ende des Industriezeitalters die hierarchischen Systeme durch dynamische Netzwerksysteme abgelöst. Entsprechend waren die Margen und Renditeoptionen des industriellen Zeitalters aufgrund von begrenztem Zugang zu Produktionsmitteln, Distribution und Märkten riesengroß.

Pluralisierung von Gewinnen

Der digitale Wandel beendet diese eindeutigen, hierarchischen und – nennen wir sie monolithischen – Gewinnoptionen. Statt weniger, dafür umso ergiebigerer Renditen (bei Medien einst: Verkäufe und Anzeigen) sind die Gewinne – und die Option darauf – heute demokratisiert und pluralisiert. Jeder hat die Möglichkeit, am Markt teilzunehmen. Jeder kann selbst Unternehmer und/oder Händler werden. Das ist viel einfacher, schneller und unkomplizierter möglich. Dies aber nur unter der Bedingung, dass die Gewinnmöglichkeiten entsprechend pluralistisch sind. Sprich, sie fallen in der Regel jeweils geringer aus und stehen allen offen. Entsprechend ist der Wettbewerb größer. Das macht aber nichts, weil genügend Renditeoptionen parallel nebeneinander bestehen – was erst seit der digitalen, entrepreneurs-pluralistischen Ära möglich ist. Und außerdem können Netzwerkeffekte helfen, die minimalen Einnahmen ansehnlich zu multiplizieren.

Das alles braucht aber ein anderes, kleinteiligeres Denken, es braucht mehr und schnellere Innovation, denn in der digitalen Welt wird jede gute Idee sofort kopiert. Der einzige funktionierende Schutzraum dagegen ist die extreme Nische. Wer aber im Massenbusiness tätig ist, steht voll im Sturm der Veränderung. Das erlebt neben dem Medienbusiness bereits heftig der Einzelhandel, speziell der Elektronikhandel. Hier werden wir 2013 und in den Folgejahren massive Veränderungen erleben. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis in vielen anderen Branchen, die bislang vor massiven Veränderungen verschont geblieben schienen, heftige Umbrüche passieren werden. Hier nur einige Beispiele:

  • Das Banking Business: LendingClub.com und Zopa oder Kickstarter und Startnext u. a. zeigen, dass wir Kunden irgendwann auch ohne Banken, wie wir sie heute kennen, auskommen können, wenn wir Projekte finanzieren wollen.
  • Die Gesundheitsbranche: Mobiles Monitoring, Crowd-Coaching, Gensequenzierung, 3-D-Modelling & -Printing u. a. werden das Business extrem verändern und massiv Berufsbilder „verändern“.
  • Der komplette Bereich der Bildung. Die Khan Academy u.a. ermöglichen es (vorerst noch auf Englisch), den kompletten Schulstoff zu Hause in Eigeninitiative zu lernen – und das mit echtem Spaß. (Wie ich selbst getestet habe.) Oder Udacity und Codecademy führen in die Computer-Technologie ein. – Alles natürlich gratis.
  • Die Tourismusbranche: Hotels und Restaurants müssen sich auf hochindividualisierte Privat-Konkurrenz einstellen müssen. Der Erfolg von AirBnb zeigt, wie neue „Privatmärkte“ im Tourismus prosperieren können.
  • Die (Auto-)Mobilbranche: Der Wandel von Besitz zu Nutzung, von der Kombustion zur Elektrik wird neue Autotypen und völlig  neue Businessmodelle im Bereich der Mobilität bringen.
  • Die Werbebranche: So wie sie ist, hat sie systemisch abgewirtschaftet, da zu analog (kreativ-narzisstisch statt kundenorientiert) und hierarchisch (one to many). Es muss social, kundenbezogen und interagierend werden. Coca Cola probiert schon mal aus, wie werbliche Kommunikation auf Augenhöhe mit den Kunden aussehen könnte.
  • etc. etc. etc.

Alles Gute für 2013… 2014… 2015… …

Ich denke, man kann sich ausmalen, wie die Welt 2013 und den Folgejahren aussehen wird, wenn all diese Branchen und etliche mehr anfangen, gegen die Digitalisierung (politisch) aktiv zu werden, weil sie um ihr Business, um ihre Renditen, um ihre Karrieren und ihre Jobs Angst bekommen. Fast möchte man froh darum sein, dass die digitalen Widersacher der etablierten Industrie (Google & Co.) inzwischen so groß, mächtig und reich geworden sind, dass sie auch auf dem gesellschaftlichen und politischen Parkett Paroli bieten können.

In diesem Sinne: Alles Gute für das Jahr 2013… etc.

Wut auf Social Media


Das digitale Babyboomer-Syndrom

Wenn Menschen meiner Generation (50 +) Social Media ablehnen, ist das – bei ein bisschen gutem Willen – nachvollziehbar. Da addieren sich etliche Ursachen auf:

  • Ungeübtheit in Computerdingen
  • Unverständnis der digitalen Welt
  • Kompetenzdefizite gegenüber der jungen Generation – ja oft gegenüber den eigenen Kindern
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Lineares Denken
  • Hierarchiehöriges Unwohlsein gegenüber Netzwerken
  • Lern-Unlust
  • Komplettverplanung von individuell verfügbarer Zeit
  • etc.

Und ja, es gibt ja auch einige ernst zu nehmende Argumente. Die mediale und wirtschaftliche Übermacht von digitalen Giganten wie Facebook, Google, Apple oder der liebste Altfeind Microsoft. (Amazon wird da gerne vergessen…) Man muss bedenken, dass wir hier von einer Generation sprechen, die gegen Monopolisten, gegen einen Schnüffelstaat, gegen Repressalien – also Unfreiheiten – politisch und gesellschaftlich gekämpft hat. Der eine mehr, der andere weniger. Aber dieser Kampf ist so etwas wie der Erfolgs-Mythos dieser Generation, der Babyboomer.

Hass auf Facebook

Das alles macht eine Ablehnung von Social Media und speziell Facebook in Teilen erklärbar. Aber ich bin immer wieder erschrocken darüber, welch Intensität die Ablehnung annehmen kann, sie reicht bis hin zu glühendem Hass. (Das alles natürlich sorgsam als Vorsicht und/oder politische Sorgsamkeit inszeniert.)

Aber die Heftigkeit der Emotionen und die Wucht der Ablehnung machen dann doch nachdenklich. Da muss viel Angst mit im Spiel sein, anders ist solch Emotionalität nicht erklärbar. Wenn man hier aber ganz vorsichtig nachfragt, kommen als Erklärungen entweder wilde Modernitäts-Mythen oder ein schnippisches und den anderen für blöd verkaufenden „Ich weiß schließlich, wie gefährlich das ist!“. Was für Gefahren da sein mögen, bleibt dann undefiniert – das macht es so schön brisant geheimnisvoll.

Babyboomer für Babyboomer

Wirklich kurios sind die Mythen, die man als Erklärung für die Ablehnung jeder aktiven Teilnahme an Facebook & Co. zu hören bekommt: Fotos etwa könnten missbraucht werden, um dann per Photoshop („Da geht ja heute alles!“) in Pornos auf nackte Körper montiert zu werden. Und dann wird man damit erpresst – oder so… Gerne wird auch auf das Risiko verwiesen, durch private Informationen für Staat und Wirtschaft zum gläsernen Opfer von Willkürmaßnahmen von Finanzamt und Werbeindustrie zu werden. Und natürlich treibt die Sorge um, dass Kontoinformationen, Kreditkartennummern etc. ausspioniert werden.

Die zur Betroffenheitsindustrie verkommenen Medien, die mit Ängsten und Furcht so ungerührt ihr Geschäft macht, hat in dieser Generation ganze Arbeit geleistet. Sie berichten genau das, was diese hören bzw. lesen will. Kein Wunder, schließlich herrscht hier meist Generationssolidarität: Babyboomer schreiben für Babyboomer. Da weiß man, was ankommt.

Machtverlust durch Globalisierung

Aber auch das erklärt nicht wirklich den Hass auf Facebook, Google + (Streetview!), auf Twitter, Foursquare (ganz schlimm!) oder Instagram, also auf die ganze „Bagage“! Da muss es eine grundlegendere, eine existentiellere Ursache geben. Jenseits von Unsicherheit, Angst, ideologischer Vorbehalte – oder auch Neid auf die Optionen jüngerer Generationen.

Eine interessante Spur, die emotionale Social Media-Aversion zu verstehen, habe ich bei Zygmunt Baumann, in seinem erst 2007 geschriebenen Werk „Liquid Times“ gefunden. Der einst in Großbritannien (seiner Wahlheimat) und Warschau (seiner Heimat) lehrende Soziologe hat in seinem seltsam dystopischen Alterswerk sehr gut die Politik der Angst beschrieben, mit der die Politiker weltweit den Machtverlust wettzumachen versuchen, den ihnen die Globalisierung und die Machtverschiebungen durch das Internet zugunsten von Bürgern und Konsumenten gebracht haben.

Negative Globalisierung

Baumann geißelt diesen Trick der Politik, über das Schüren von Ängsten ihre Macht zu bewahren. – Welchen Beweis oder wenigstens Hauch von Evidenz gibt es etwa zu der Geschichte der Unterhosen-Bomben aus dem Jemen außer Verlautbarungen von Politik und Geheimdiensten? Und was ist mit den regelmäßigen wiederkehrenden Warnungen vor anstehenden terroristischen Anschlägen, die dann nicht geschehen? Ein Szenario von wahrlich Orwellscher Dimension.

Aber zugleich bedauert Baumann den Machtverlust der Politik und die Tatsache, dass sie ihr originäres Versprechen, für Gerechtigkeit, Ordnung und Struktur und somit für Sicherheit und Friede zu sorgen, nicht halten kann. Stattdessen tun die Politiker alles, damit ihre Bürger die Globalisierung als negativ empfinden müssen: sie deregulieren, sie bauen Bürger- und Freiheitsrechte ab, sie schwächen die Sicherheitsoptionen der Bürger.

Das Scheitern des Lebensprojektes

Vor allem aber diffamieren sie die Globalisierung zum Buhmann unserer modernen Gesellschaften, indem sie sie als Inbegriff des Fremden inszenieren. Sie tun das in der Personifizierung des Bösen und der Bedrohung unserer Sicherheit als afghanischer/orientalischer Terrorist und als Bedrohung unseres Wohlstands als illegaler Einwanderer aus den Armutsregionen dieser Welt.

Die Babyboomer erleben diesen Machtverlust der Politik und ihr programmatisches Scheitern oft auch als Scheitern ihres Weltbildes und ihres Lebensprojektes. Sie glaubten einst, durch eine (meist linke) Politik die Welt besser und gerechter machen zu können. Aber das Gegenteil ist passiert. Die von ihnen oft mühsam und langwierig durchgesetzten Freiheitsrechte werden im Handstreich kassiert. Ein Terroranschlag oder eine kleine Finanzkrise genügen.

Internet als Inbegriff negativer Globalisierung

Und wer ist schuld daran? Die Globalisierung! Und was ist das markanteste Symbol der Globalisierung? Das allumfassende, in jeder Beziehung keine Grenzen kennende Internet. Und wer repräsentiert dieses böse, negative Internet am signifikantesten? Die Datenkrake von Google natürlich. Aber besser noch die erfolgreichste Website aller Zeiten, die noch dazu das informelle Selbstbestimmungsrecht – aus Sicht der Babyboomer, die das einst erkämpft haben – so gnadenlos gründlich missinterpretiert: Facebook. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass deren Gründer so jung – und mindestens im Fall von Mark Zuckerberg – unbedarft und politisch völlig unbeleckt sind.

Die Vision der Babyboomer eines gerechten Staatssystems, das den Bürgern Sicherheit gibt, ist gescheitert. An ihre Stelle ist ein globales, inkonsistentes, undurchsichtiges Patchwork getreten, in dem kaum ein Minimalkonsens an Rechtsstaatlichkeit, an Bürger- und Freiheitsrechten und Schutz der Privatsphäre zu realisieren ist. Stattdessen schürt es in seiner Monstrosität und Unübersichtlichkeit alle möglichen diffusen Ängste. Es ist so die perfekte Projektionsfläche aller Ängste, allen Unmuts. Und an so etwas soll man sich mit 50 + Jahren (oder mehr) gewöhnen, mit so etwas soll man sich positiv arrangieren?

Die Banausen der Zukunft

Flexibilität heißt das Zauberwort, das von Netzapologeten, Digital-Apologeten, aber auch von Politikern eingefordert wird. Dazu noch einmal Zygmunt Baumann in „Liquid Times“: „Flexibilität ist das einzige Heilmittel, das von der Politik angeboten wird. Dabei wird doch damit nur noch mehr Unsicherheit propagiert, noch mehr Privatisierung aller Unzumutbarkeiten, noch mehr Ohnmacht und Einsamkeit.“

Ich gebe zu, auch ich habe Flexibilität immer viel zu schnell als Lösungsansatz zur Hand. Für mich klingt das stets positiv. Befürchten aber Menschen, mit Veränderungen Wichtiges zu verlieren – Wohlstand, Sicherheit, Privilegien, Lebenslügen –, kann die Idee von Flexibilität sehr kontraproduktiv wirken. Dann entwickelt sie eine „Bedrohlichkeit“. Und das scheint veritable negative Emotion bis hin zum Hass wecken zu können…

Schade. Denn Veränderungen nehmen nicht nur, sie geben auch. Vor allem öffnen sie Freiräume. Schade, wenn einem diese Sichtweise und die Freude darüber (im Alter) abhandengekommen ist. Veränderung ist immer auch Risiko. Gott sei Dank ist das so. Ohne Risiko gäbe es uns und unser Leben nicht, denn es ist das Treibmittel (Triebmittel?) der Evolution… Alvin Toffler, Schriftsteller und Futurologe, hat die Konsequenz daraus in seinem Aufsatz „Rethinking the Future“ (1998) so formuliert: „Die Banausen (Illiterates) des 21. Jahrhunderts sind nicht die, die nicht lesen können, sondern die, die nicht lernen, entlernen und wieder neu lernen können.“ – Oder die es nicht wollen…

Bella figura rules


Italien 2012: alles in bester Ordnung?

Das Leben in Italien geht seinen gewohnten Gang. Nach außen hin ist alles in Ordnung. Es gibt eine Krise? Na gut, aber das muss doch keiner mitbekommen. Italien ist schon immer perfekt gewesen „bella figura“ zu machen. Egal wie schlimm es zuhause aussieht und wie klamm man sein mag, mit einem guten Anzug, einer stolzen Haltung und einem strahlenden Lächeln auf den Lippen ist noch immer Eindruck zu machen bei der passeggiata, beim abendlichen Bummeln durch die Hauptstraße, auf dem Hauptplatz oder der Uferpromenade.

Auch der Strand macht bella figura – nachdem die Spuren der Winterstürme beseitigt sind.

Und wie der einzelne Bürger, so setzt auch der Staat alles daran, eine „bella figura“ zu machen. Alles geht seinen Gang. Die Auslagen sind voll, die Läden sind offen, die Busse fahren, alles prima. Und sie es hinter den Fassaden aussieht, geht keinen etwas an. Fragt man die Italiener nach der Krise, wird kurz über Monti, die gestiegenen Benzinpreise und höhere Gebühren für Gas, Elektrizität etc. gejammert. Aber das hat man schon immer so getan. Das war bei Berlusconi nicht viel anders.

Berlusconi, wer bitte ist das?

Letzterer passt inzwischen auch gar nicht mehr zur „bella figura“. Silvio Berlusconi ist zur Unfigur geworden. Nicht dass man Schlechtes über ihn sagt. Man will nur gar nicht mehr über ihn reden. Oder über Ugo Bossi. Man will nicht einmal mehr seinen Namen erwähnen. Die unsensiblen Touristen, die immer noch über Silvio reden wollen, furchtbar. Der Name steht einfach auf dem Index.- Aber auch über Monti mag man nicht wirklich reden. Jeder weiß, dass es zu ihm keine Alternative gibt. Aber er verkörpert als Person einfach zu sehr die Krise, die man so gar nicht sehen will, weil sie hässlich ist (bella figura!). Also ist Monti auch irgendwie tabu.

Gott sei dank, sind in Italien erst in einem Jahr Wahlen. Was da passieren mag, welche Parteien sich bis dahin selbst zerstört haben – wie die Lega Nord – oder sich in Wohlgefallen aufgelöst haben – wie Berlusconis Wahlverein, keiner weiß es. Und ob sich bis dahin neue, echte Alternativen im Parteienspektrum gebildet haben mögen, die wählbar sind? Jenseits der Protestbewegung vom Satiriker und öffentlichen Enfant terrible Beppe Grillo ist da nichts absehbar. (Sie kennen Beppe Grillo nicht? – Man stelle sich als Deutscher einfach eine ziemlich hochtourige und politische Mixtur aus Urban Priol und Atze Schröder vor.)

Interessant wird die Geschichte, wenn man ein wenig hinter die Fassaden schaut. Denn es wird derzeit in Italien weiterhin viel gebaut. Zum Beispiel Straßen. Letztere sind eine große Konjunkturmaßnahme. Derzeit werden alle großen Autobahnen Italiens verbreitert – auf drei oder vier Spuren. Und das in einer Zeit, wo so gesittet Auto gefahren wird wie noch nie in Italien. Die hohen Benzinpreise haben auch noch den letzten Raser gebändigt. Es wirkt schon sehr kurios, wenn ein BMW X6 oder ein Mercedes SLK Benzin sparen, indem sie auf der Autobahn im Windschatten von LKWs fahren. Ein in Italien derzeit nicht seltenes Bild.

Bauboom ohne Geld

Aber es wird auch privat viel gebaut. In jeder kleineren Stadt prägen etliche Baukräne das Stadtbild. Der Bauboom erklärt sich zum einen dadurch, dass Bargeld zu Immobilien umgewandelt wird. Gemunkelt wird, dass hier auch viel Schwarzgeld den Weg zurück in die Realwirtschaft findet. Gebaut wird aber auch auf Pump. Das Geld leihen aber nicht Banken, die geben nämlich so gut wie keine Kredite mehr, egal wie viel Sicherheiten geboten sind. Die Banken sind nicht mehr flüssig, das Geld, das die EZB massenhaft zur Verfügung stellt, wird von dem Finanzbedarf der Banken fast völlig aufgesogen.

Trotzdem wird gebaut. Aber auf eine sehr fatale Methode. (Auch hier gilt: „bella figura“!) – Man baut, die Bauarbeiter sind billig, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist. Und die Arbeiter werden erst mal nicht bezahlt. Das ist in Italien seit je her üblich. Erst nach einem halben oder dreiviertel Jahr, wenn der Bau schon weit fortgeschritten ist, wird gezahlt. Per Scheck. Per vordatiertem Scheck, der erst zwei oder drei Monate später eingelöst werden kann. Oder per vordatiertem Scheck, den der Bauherr bekommen hat und weiterreicht. Und auch die Baustoff-Lieferanten werden so (virtuell) bezahlt.

Die verkrustete Gesellschaft

So hat nach außen hin erst mal alles seine Ordnung. Aber wehe, wenn in ein paar Monaten die Schecks fällig werden. Wenn nur einer in der Kette der vordatierten Schecks platzt, funktioniert das komplette System nicht mehr. Pleiten sind dann unausweichlich. – Auf diese Weise wird die komplette Krise Italiens nach hinten datiert. Immer in der Hoffnung, dass irgendwie doch noch Geld in das System kommt. Von der EU, der EZB oder gar von Investoren, die Anleihen kaufen. – Wehe das klappt nicht, dann ist Monti schuld. Oder die EU. Oder die Deutschen. Oder Merkel. Aber fürs Erste ist alles in bester Ordnung. „Bella figura“ rules!

Und natürlich machen auch die Banken „bella figura“. Kredite haben sie ja keine mehr zu vergeben, also machen sich die vielen Bankangestellten, die selbst in der kleinsten Filiale auf dem Land anzutreffen sind, unabkömmlich. Da der Online-Kontoauszug nicht funktioniert (den müsste man stets vom selben stationären PC abrufen), darf man ihn persönlich abholen. Das führt im besten Fall dazu, dass alle fünf im Kassenraum anwesenden Angestellte irgendwie in den Prozess – beratend oder aktiv – eingebunden werden. Eine sehr wirksame Art der Arbeitsplatzsicherung.

So respektabel Mario Monti als Person ist und so wohl gemeint seine Taten sein mögen. Im Grunde seines Herzens ist der Wirtschaftsprofessor ein Freund der Banken. Und er tut daher alles, um den Banken seines Landes zu helfen. Dummerweise kommen dabei die Interessen anderer Gesellschaftsgruppen eher zu kurz. Monti kämpft auch darum, die Verkrustungen in der italienischen Gesellschaft zu sprengen. Aber mit wenig Erfolg. Italien wird unverändert von alten Menschen regiert und geprägt, und die denken nicht daran, ihre Macht an Jüngere abzugeben. Junge, talentierte Menschen haben da kaum Chancen – und wandern ab – zum Beispiel in europäische Institutionen. Da zählen Leistungen – und nicht „bella figura“.

Disruption, Baby!


Moderner Revisionismus

Unser gesellschaftlicher Diskurs beharrt seit Monaten monomanisch auf solch Nebensächlichkeiten, welchen Bundespräsidenten wir loswerden und welchen wir haben wollen. Darüber hinaus wird nur eher widerwillig die Eurokrise abgehandelt. Ein politischer Diskurs dazu findet so gut wie nicht statt. Die Folge ist eine mentale Entwertung des Geldwertes in weiten Kreisen der Bevölkerung: Lasst uns das Geld ausgeben, bald ist es nichts mehr wert. Der Rest ist Schulternzucken. So wird der Weg in die Inflation perfekt planiert. Und die Macht der Spekulanten bleibt unangetastet.

Uns wird auf diese Weise vorgegaukelt, das Leben könnte so weiter gehen, wie es immer war. Mit solch naiv revisionistischem Optimismus wird erfolgreich verhindert, dass über wichtige Entwicklungen der Zukunft diskutiert wird. Die etablierte Politik tut einfach so, als würden es in den nächsten 20, 30, 50 Jahre einfach so weiter gehen wie gehabt. Dabei hat gerade die Politik von Angela Merkel in den letzten zwei, drei Jahren bewiesen, zu welchen Disruptionen unsere Welt heute fähig ist. (Bezeichnend, dass die Begriffe „Disruption“ und „disruptiv“ in der deutschen Version von Wikipedia bislang nicht vorkommen.)

Disruption ist kein Zuckerschlecken

Die abrupten politischen Kehrtwendungen von Angela Merkel in den letzten Monaten waren keine Zufälle. Sie waren auch kein Abschneiden von alten Zöpfen. Nein, sie waren die logische Konsequenz einer sich abrupt geänderten gesellschaftlichen Fakten- und Meinungslage. Die Atomwende war Fukushima geschuldet, richtig. Aber die Abschaffung der Wehrpflicht? Die logische Folge einer veränderten Sicherheitslage? Vor allem war sie der Einsicht der Militärs zu verdanken, dass man mit komplett unmotivierbaren Rekruten nur Ärger, Arbeit und hohe Kosten bei null Mehrwert einhandelt. Und der Mindestlohn? Es gab einfach in den Medien – und im Internet – zu viele und zu krasse Beispiele von Lohn-Ungerechtigkeit, von Lohn-Dumping und Mitarbeiterbashing, als dass man die heilige Kuh der freien Märkte nicht schleunigst vom Eis holen musste.

Solch abrupte, disruptive Entwicklungen werden künftig immer häufiger vorkommen. Jeder politische und gesellschaftliche Diskurs kann heute solch eine Wucht und solch eine Unerbittlichkeit entwickeln, dass man darauf als Politiker unausweichlich reagieren muss, egal was die Parteiprogramme dazu meinen. Eine Entwicklung, wie sie noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Christian Wulff hat das auf sehr brutale und persönlich bittere Art und Weise erleben müssen.

Der Machtkampf der Mediensphären

Wulff ist jenseits seiner eigenen Unzulänglichkeiten und seiner katastrophalen Pressepolitik auch das Opfer eines Machtkampfes der professionellen und „privaten“ Medien geworden, wie er gerade tobt. Ein Kampf der etablierten Medien mit den Meinungsmachern im Internet (alias Netzgemeinde oder Blogosphäre) um die Themen und die Deutungshoheit in unserer Gesellschaft. Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch eine Machtdemonstration der etablierten Medien, zu was sie (noch!!!) in der Lage sind. Motto: Wulff muss weg, egal warum, weil das auf unserer Agenda steht. Die etablierten Medien reagieren wie ein waidwundes Tier. Denn die Themen, mit denen sie sich beschäftigen müssen, werden ihnen mittlerweile meist vom Internet vorgegeben. Das Thema Wulff war noch ihre Erfindung, also musste es besonders erbarmungslos durchgezogen werden.

Diese Mischung aus spontaner Themenbestimmung durch das Internet und dessen Beschleunigungs- und Erhitzungskraft, gepaart mit der Hysterisierungs-Maschine der etablierten Medien und ihrer Bildgewalt, wird in Zukunft noch zu vielen knallharten gesellschaftlichen Disruptionen und politischen Kehrtwendungen führen. Denn die Fähigkeit, politische Themen zu setzen, ist der etablierten Politik längst entglitten. Die FDP könnte davon ein besonders garstiges Lied singen, wenn sie denn kapiert hätte, was da gerade mit ihr passiert. Sie ist zum parteipolitischen Pendant von Wulff geworden, zur Bashing-Figur, an der die pure Lust an politischer Degradierung ausgespielt wird. (Da sind sich Internet und die Massenmedien ausnahmsweise einmal einig.)

Opfer spontaner Disruptionen

Vor diesem Hintergrund, wie abrupt bei solch heiklen Themen wie Wehrpflicht, Atompolitik oder Europa Kehrtwendungen vollzogen wurden, amüsiert mich, mit welch Blauäugigkeit an all die anderen heiklen Themen unserer Gesellschaft herangegangen wird: unsere Zukunftssysteme etwa, vulgo Rente. Jeder, der eine Bevölkerungsstatistik und den aktuellen Schuldenstand zu lesen vermag, weiß, dass uns dieses Thema nur allzu bald um die Ohren fliegen wird. Oder die Bildungspolitik. Hier wird über PISA, über kürzere und dann wieder längere Schulzeiten debattiert, über eine Vereinheitlichung der Prüfungen und eine höhere Chancengleichheit. Es kommt einem vor, als seien die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wieder auferstanden.

Dabei muss es doch heute darum gehen, junge Menschen für eine Zukunft fit zu machen, die wir kaum erahnen können, von der wir aber wissen, dass sie grundlegend anders aussehen wird als die Gegenwart – oder die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie wird voller Disruptionen sein, immer wieder wird man sich völlig neu justieren müssen. Das ist nicht einfach. Gut wäre es, wenn man dazu vorbereitet wäre und dafür eine genügend große Palette an Fähigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung hätte.

In den USA hat der Marketiung-Guru Seth Godin daher eine Kampagne für ein besseres, zeitgemäßeres Schulsystem mit der Verbreitung eines Gratisbuches gestartet, in dem er fordert, mit der Faktenhuberei und Anpassungsritualen unseres heutigen Bildungssystems aufzuhören und eine (digitale!) Schule der Förderung von Talenten und des Unangepasstseins zu entwickeln. „Stop Stealing Dreams – What is School for?“ heißt sein Werk und ist in allen möglichen digitalen Formaten auf der Website des Domino Projektes (von Amazon gesponsort) herunterzuladen.

Die Illusion der Linearität

Bildung und Zukunftsversorgung sind nur zwei Themen, die sich ähnlich disruptiv zu entwickeln drohen wie Wehrdienst, Atomkraft oder Energiepolitik. Viele weitere Themen stehen ebenso an. Wir sind als Gesellschaft hochkomplex, Entwicklungen geschehen immer schneller und unerwartet. Entsprechend öfter wird es zu Krisen und Konflikten kommen. Jede davon wird unabsehbare mediale Reaktionen auslösen, die eine jeweils spezielle Eigendynamik haben. Vorhersagen von Kommunikations-Verläufen sind künftig so gut wie unmöglich. Lineare Prozesse finden nicht mehr statt. Nur die Politik tut noch so.

Die etablierten Medien spielen bei diesem Spiel mit. Sie geben der Parteienpolitik immer noch die gewünschte Plattform. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht als eine Art Selbsterhaltungs-Reflex. Denn disruptive Veränderungen, vor allem, wenn sie zur Regel werden, sind für die Massenmedien eine veritable Bedrohung. Das zeigt auch die seltsame Aggression, mit der die Verursacher von Disruptionen, speziell das Internet, bedacht werden. Disruptionen sind nur durch extrem schnelle und vor allem sozial vernetzte Kommunikation bewältigbar. Das kann die Blogosphäre so viel besser und schneller als die etablierte Presse. Mit gut gewähltem Twitter-Following und einem aufgeweckten Facebook-Freundeskreis erfährt man nicht nur News schneller, man bekommt sie auch in Blogkommentaren schneller kompetent bewertet und wichtige Hintergrundinformationen dazu.

Und in aller Bescheidenheit: Es gibt dort mehr erstklassige Köpfe und Federn. Autoren und Persönlichkeiten, denen Disruptionen keine Angst machen, weil sie sich nicht davon bedroht fühlen…

Die Daten-Mehrwertsteuer


Leistung geht vor Schutz geht vor Recht

Jetzt scheint die Lobbyarbeit der Verlage doch noch Erfolg zu haben. Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass Content-Aggregatoren, also vor allem Google News, den Verlagen für die von ihnen zitiert Inhalte Geld zahlen sollen. Das ganze nennt sich Leistungsschutzrecht und ist die Bankrotterklärung der deutschen Zeitungsverleger vor der digitalen Neuzeit. Und weil das Thema ja sowieso gerade heiß ist, wird das ganze als Verbesserung des Urheberrechts verkauft. Kurios nur, dass sich die Politik dafür vereinnahmen lässt. So tief kann doch die Freundschaft zwischen Angela Merkel und Friede Springer & Konsorten nicht sein? Und warum versteht eine diplomierte Physikerin nicht, wie das Internet systemisch funktioniert? Und warum hilft ihr da keiner der Berater. Und Herr Rösler, die Presse schreibt auch mit Leistungsschutzrecht nicht besser über die FDP!

Die Bankrotterklärung der Verleger, die hinter der Idee des Leistungsschutzrechtes steht, erfolgt gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen haben sie, die das Monopol auf qualitative (und weniger qualitative) Berichterstattung in Deutschland, ja Europa hatten, vor langen Jahren völlig die Idee einer guten Suchmaschine völlig verschlafen. Ausgerechnet die Verlagshäuser, die sich einst für teures Geld riesige Archive und hochqualifiziertes Betreuungspersonal geleistet haben, um wirklich kompetent Artikel schreiben zu können, kamen nicht auf die Idee, dass es in einem noch riesigeren Datenarchiv, wie es das Internet bald geworden ist, sinnvoll wäre, eine kompetente Suche zu erfinden.

Zu selbstherrlich zum Suchen

Selbst nachdem Yahoo mit seinen von Menschen erarbeiteten Datenverzeichnis immens erfolgreich war, kam man in Verlagskreisen nicht auf die Idee, das vorhandene Datenhandling-Knowhow auf das Internet zu übertragen und hier zu reüssieren. Zu vernagelt glaubte man an die Strahlkraft von gedruckten Inhalten – und gönnte sich die Hybris, digitale Inhalte, weil virtuell, nicht ernst zu nehmen. Ich weiß, von was ich hier schreibe, war ich zu der Zeit ja bei Gesprächen mit den meisten großen Verlagshäusern Deutschlands dabei, als es darum ging, Europe Online inhaltlich wie finanziell auf eine breitere Basis zu stellen.

Und das Versagen ging weiter: Als dann die Suchmaschinen, damals in erster Linie Altavista, dann Lycos oder Infoseek, begannen, die ersten nennenswerten Werbeumsätze zu machen, während die Werbeeinnahmen auf den Websites der Verlage (wenn es sie denn damals überhaupt gab), noch mehr als minimal waren, sprangen einige Verleger auf den Zug und kauften sich bei Suchmaschinen ein. Leider bei den falschen, die technologisch zurücklagen, Holtzbrinck etwa bei Infoseek. Die erfolgreichste Suchmaschinen-Neugründung überhaupt wurde dann völlig verschlafen: Google. Das finanzierte sich über Venture Capital und definierte den Markt der Suchmaschinen und Inhalteanbieter – und später dann auch der Anzeigenvermarktung im Internet komplett neu. Natürlich ohne die Zeitungsproduzenten.

Daten als Intelligenz

Google ist so erfolgreich geworden, weil es nicht nur einen genialen Suchalgorithmus entwickelt hat und kontinuierlich optimiert. Es ist so erfolgreich, weil es die geniale Idee hatte, so viele Inhalte wie nur möglich zu digitalisieren und sie gratis ins Netz zu stellen – zur Freude aller User: Bücher, Zeitungsartikel, Landkarten, Fotos, Videos, Blogs. Und es bietet Gratis-Services an wie Mail, Kalender, Office-Software etc. – mit der Prämisse, die dabei entstehenden Inhalte datenmäßig zu erfassen – um so ihre Anzeigenvermarktung besser, intelligenter und umfassender machen zu können. Google hat verstanden, aus digitalen Spuren einen Mehrwert zu schaffen, weil es geschafft wurde, aus den Übermassen an Daten Informationen, Strukturen und Entwicklungen herauszulesen und diese „Intelligenz“ zu Geld zu machen.

Die Artikel, die sie von Websites von Verlagshäusern dafür nutzten, waren dafür nur Mittel zum Zweck. Sie verkauften auf diesen Seiten ja keine Anzeigen, sondern sie machten sich nur schlau, welche Inhalte, welche Schlagworte im jeweiligen Moment von wem nachgesucht wurden. Google machte nie direkt mit den Inhalten Geld, sondern mittelbar. Per Google News und Google Suche wurde massenhaft Traffic auf die Websites von Inhalteanbietern geschickt, gratis versteht sich. Damit optimierte Google sowohl die Suche, vor allem aber die Treffgenauigkeit ihrer Anzeigen – gerne auch auf den Websites von Contentproduzenten.

Daten als Mehrwert

Die bittere Wahrheit auf der anderen Seite des Marktes: Die Inhalteanbieter haben es nie verstanden, aus den Massen an Inhalten und Daten, die sie produzieren und im Kundenkontakt im Internet bekommen, eine ähnliche Intelligenz herauszulesen. Sie haben es nie verstanden (in jeder Bedeutung des Wortes), aus Daten Mehrwert zu generieren. – Man muss ihnen zugute halten, dass sie Inhalte schaffen konnten und keine Softwareschmieden sind. Sie können Texte produzieren lassen, aber keine Algorithmen programmieren (lassen). – Dafür können sie Lobbyarbeit sehr gut. Das beweist die Entscheidung des Bundeskabinetts, den Verlagen zu erlauben, über Verwertungsgesellschaften Geld von Suchmaschinenbetreibern und Contentaggregatoren verlangen zu dürfen, wenn die auf ihre Inhalte verlinken. (!!!)

Spannend, wie Google & Co. reagieren werden. Ist ihnen das Wissen um die Nutzerinteressen und die Nachfrageströme bei aktuellen Inhalten in Echtzeit wert, dafür Geld an die Produzenten zu bezahlen, die selbst unfähig sind, dieses Wissen zu schöpfen und zu vermarkten? Das wäre dann tatsächlich eine Mehrwertsteuer für Datenintelligenz, die Google an die Verleger zahlt. Einen Mehrwert, eine Intelligenz, die Google mit den Inhalten schafft, wohlgemerkt. Naheliegender aber ist, dass Google, wie schon in einem ähnlichen Kontext in Belgien geschehen, einfach auf alle Inhalte von Verlegern verzichtet und die Links zu ihren Inhalten kappt. Dann bekommen diese kein Geld – und spürbar weniger Traffic auf ihre Seiten – und damit noch weniger Werbeeinnahmen.

Wer ist Aggregator?

Wer auf jeden Fall viel Geld verdienen wird, wenn die Pläne des Bundeskabinetts überhaupt je Wirklichkeit werden und in ein Gesetz umgesetzt werden sollten, sind die Rechtsanwälte. Denn es wird dann mehr als strittig sein, wer als Content-Aggregator gilt. Im Interesse von Abmahnanwälten wird die Interpretation sehr rigide gehandhabt werden, weil so mehr Geld zu kassieren ist. Schon heute sind unselige Rechtsanwälte aggressiv im Auftrag der Verlage im Internet unterwegs, und mahnen etwa Künstler und Sänger erfolgreich ab, wenn diese Zeitungs-Kritiken ihrer künstlerischen Leistungen auf ihre Website stellen. (Eintritt werden diese Journalisten wohl kaum gezahlt haben, die Künstler müssen aber für den Abdruck von Zitaten 700 bis 1.400 € zahlen. (Und das sind schon „Kulanzangebote“.)

Rechtsfrieden ade! Es wird rund gehen nach dieser politischen Entscheidung. Der Kampf gegen ACTA wird schärfer werden (müssen). Die Piraten werden noch mehr Zulauf bekommen. Und die Zeitungen werden noch erbitterter gegen das Internet und die bösen sozialen Netzwerke anschreiben. Der Kulturkampf zwischen digital und analog wird wirklich bitter werden. Das Überleben der Print-Verlage mit ihrem überkommenen Content-Verständnis wird auch das Leistungsschutzrecht nicht verhindern, bestenfalls ein wenig hinauszögern.Die Nutzer werden entscheiden. Sie werden gegen gedruckte Produkte votieren. Vor allem die jungen Leser/User.

Und wenn die weg sind, wird die Werbewirtschaft noch weniger in Anzeigen in Print investieren. Das bedeutet finanziell das Aus, Leistungsschutzrecht hin oder her. Ein Blick auf den Einbruch der Anzeigenumsätze in den USA lässt ahnen, was bald auch in Deutschland Fakt sein wird: