Guido-Dämmerung


Westerwelle vs. Guttenberg

Guido Westerwelle ist das exakte Gegenstück zu Karl Theodor zu Guttenberg. So wie Kain und Abel, Yin und Yang, Gelb zu Blau. So hat Guido Westerwelle seine Doktorarbeit glaubwürdig selbst geschrieben. Zum einen gab es damals noch kein Internet und da hätte Abschreiben schon mal richtig Arbeit gemacht. Zudem hat er ein Thema gewählt, bei dem (nur) er sich wirklich auskannte: „Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen.“ In der Jugendorganisation der FDP war er wirklich Experte, war er doch „Mitbegründer der Jungen Liberalen“ (Zitat Wikipedia) und fünf Jahre lang deren Bundesvorsitzender. Außerdem besticht die Doktorarbeit durch eine dem öden Thema angemessene inhaltliche Zurückhaltung. Und nach 140 Seiten ist man auch schon mit dem Thema durch. Guttenberg brachte es auf immerhin ambitionierte 400 Seiten ausgeliehener Textbausteine.

Guido Westerwelle Foto: Dirk Vorderstraße

Aber hier fangen die Unterschiede zwischen Westerwelle und Guttenberg erst an. Man muss den beiden nur einmal bei ihren Reden zuhören; man ist an dekadent-römische Zeiten erinnert: Hier der Volkstribun, der seine Kritik in einer stets besserwisserischen Pose ätzt, dort das Mitglied des Hochadels, der sich nie in den Niederungen der Opposition aufgehalten hat und so eine sorgfältig im Zaum gehaltene Souveränität auf Gutsherrenart virtuos beherrscht. Man braucht gar nicht zu ätzen, denn man weiß sowieso alles besser. Per se, versteht sich.

So verschieden Attitüde und Tonalität von Guttenberg und Westerwelle sind, so ähnlich sind ihre Wurzeln. Beide sind Söhne alleinerziehender Väter. Beide lieben Oper (Bayreuth), aber auch Zeitgenössisches. Guttenberg geht zu AC/DC, mag „Rock, House und Soul“ (Zitat auf Facebook), Westerwelle liebt „Pop und Charts“ (notiert er auf Facebook). Damit hat es sich aber wohl mit den Gemeinsamkeiten. Denn sowohl in ihrem Auftreten wie in der Rezeption durch die Menschen unterscheiden sie sich elementar.

Schwarze Projektionsfläche

Wir hatten zuhause eine Projektionsleinwand, die sorgfältig zusammen gerollt auf das eine Mal im Jahr wartete, dass der Diaprojektor ihm Bilder von den Reisen in den Süden darauf warf. Meist waren es Bilder aus Italien, aber dann auch schon mal Spanien, Jugoslawien – die älteren unter den Lesern mögen sich erinnern – oder Marokko. Diese „Leinwand“ war in Wahrheit ein mit einer speziellen Kristallfolie überzogener schwarzer Stoff. Nach vorne wurden strahlende, brillante Bilder abgestrahlt, umgekehrt aber war die Bildwand schwarz und schluckte jedes noch so schöne Bild, das ein Projektor auf sie warf.

Welch passendes Bild für das ungleiche Paar Westerwelle und Guttenberg. Der eine, Guttenberg, war die strahlende, geschliffene, brillantine-gegelte Projektionsfläche für alle Hoffnungen breitester Bevölkerungskreise nach einem unabhängigen, intelligenten, durchsetzungsstarken Kopf, der davon möglichst nur in homöopathischen Dosen Gebrauch machen sollte. Und wenn, dann nur bei mehrheitsverdächtigen Themen wie etwa der Abschaffung der Wehrpflicht. In der Verklärung von Guttenberg als Kanzler in spe kanalisierten sämtliche Irrationalismen der politischen Mitte – und rechts davon – bis hin zu einem verkappten Monarchismus und dessen kinotauglicher Strahlkraft.

Genau umgekehrt Guido Westerwelle. Er hat es geschafft, in knapp 15 Monaten zur Projektionsfläche allen Ärgers, allen (politischen) Versagens und aller Befürchtungen zu werden, die die breite Öffentlichkeit gegen Politiker seit je her hegt. Er ist wie die Rückseite unserer Familienleinwand von einst. Es ist stets nur tiefstes Schwarz zu sehen, sei es, es wird wirklich Düsternis und Versagen gezeigt oder möglicherweise auch einmal Licht. Manchmal mag man meinen, dass Westerwelle in dieser Negativ-Projektion Unrecht geschieht. Dann aber stärkt er mit entsprechenden Aktionen oder wahlweise saloppen oder hohlen Sprüchen regelmäßig die Befürchtung, dass es nicht an der Projektion der Massen, sondern an den von Westerwelle produzierten und präsentierten Inhalten liegt, dass sein Image so schlecht ist.

Der Hahnenkampf um Libyen

Es ist ewig schade, dass wir den Hahnenkampf zwischen einem Verteidigungsminister Guttenberg und dem Außenminister Westerwelle zur Libyen-Frage nicht mehr miterleben durften. Das wäre bestimmt sehr lustig geworden und wäre sicherlich in aller Unerbittlichkeit quer durch alle Medienkanäle ausgetragen worden.

Guttenberg hätte es nie ausgehalten, mit einer Enthaltung im UN-Sicherheitsrat zur Libyen-Resolution vor seinen vielen amerikanischen Freunden auf die Knochen blamiert zu werden. Das wäre spannend geworden, zu wem in diesem Zwist Angela letztendlich gehalten hätte. Einer der beiden wäre auf alle Fälle politisch so beschädigt gewesen, dass er hätte zurücktreten müssen, schon aus reiner Selbsterhaltung. – Eigentlich schade, dass Guttenbergs Doktor-Schmu nicht ein paar Wochen später aufgedeckt worden ist. Vielleicht wäre uns so Westerwelles sonderlicher Populismus-Pazifismus erspart geblieben. – Im dekadenten Rom hat man nicht zufällig niemals Volkstribune für diplomatische Aufgaben eingesetzt. Agitatoren waren noch nie gute Moderatoren.

Digitale Gratiskultur


Tim und Kai-Hinrich Renner: Digital ist besser (Campus Verlag)

Eine spezielle Situation. Ich kenne beide Autoren, den einen (Tim) flüchtig aus meiner Zeit als Musikkritiker, den anderen (Kai-Hinrich) sehr viel besser, weil ich mit ihm beim WIENER zusammengearbeitet habe und ihn dort als energischen Journalisten und als gewitzten und engagierten Menschen zu schätzen gelernt habe. Jetzt kenne ich die beiden aber noch viel besser, weil sie anhand ihrer eigenen Biografie im Hamburg der 70er und 80er ihre Ich-Werdung im Kosmos der Pop-Kultur beschreiben. Und das tun sie in einer ebenso sympathischen wie exemplarischen Weise. Ich bin nun noch ein paar Jahre älter als die beiden, aber meine Ich-Findung fand ebenso in der Pop-Kultur (na ja, auch in der Rock-Kultur) statt wie bei ihnen.

Die Kernthese des angenehm locker geschriebenen Buches (Campus Verlag) ist die: Wer seine Sozialisation in der Pop-Kultur erlebt hat, tut sich mit der digitalen Kultur und ihrer Spontaneität und Fluidität (sehr viel) leichter als alle diejenigen, die den bildungsbürgerlichen Kulturkanon als Leitbild ihres kulturellen – und vor allem ihres medialen – Daseins gewählt haben. Also die gesamte Kaste der etablierten Journalisten und Medienmacher bis hin zu jüngeren Semestern wie Frank Schirrmacher, der seine Digital-Phobie immerhin als Buch-Bestseller vermarkten konnte: „Payback“ (Blessing Verlag).

Sozialisierung durch Alvin Lee & Co.

So sehr meine Eltern es versuchten, mich mittels Oper, Theater, Büchern und Kirche bildungsbürgerlich zu erden, sie konnten gegen die Faszination der Rock- und Pop-Kultur nicht an. Ende der 60er emanzipierte ich mich aus dem elterlichen (klein-)bürgerlichen Kultur-Ghetto mit Hilfe meiner E-Gitarre unter gütiger Mithilfe von Alvin Lee, Tommy Iommi, Peter Green, Rory Gallagher, Jimi Hendrix und Robert Fripp u.a.. In den 70er-Jahren wurde ich zum eifrigen Plattensammler, soweit es karges Taschengeld und bisweilen ansehnliches Honorar aus vielen Jobs (Briefträger, Nachhilfe, Schreiben) zuließen. Die 80er Jahre über bis Mitte der 90er-Jahre kamen die Platten – und später CDs – frei Haus, weil ich in der Münchner Stadtzeitung und dann beim WIENER kontinuierlich und viel über Musik (Platten, Konzerte) schrieb und reihenweise Pop-, Rock und Filmstars interviewte.

Und dann, als ich beim WIENER kündigte und nach Hamburg zu Scholz & Friends als Trendforscher und Zukunftsberater ging, war schon das Internet da, zunächst als seltsames Schlupfloch bei Compuserve. (Danke Anatol, dass du mich damals erstmals in diese fremde, neue Welt, die damals noch sehr grau war und keine Bilder kannte, mitgenommen hast!) Bald danach hatte ich sehr zu kämpfen, dass die Kunden den Trend Internet a) verstanden und b) seine Perspektiven wenigstens zu erahnen bereit waren. So wurde ich zu einem der ersten „Experten“ in diesem Thema hierzulande.

Mitschuld an Gratiskultur

Ab dann durfte ich die digitale Kultur aus operativer Sicht kennen lernen, verstehen lernen – und sie aktiv mitgestalten. Zuerst bei Europe Online, dann bei Sidewalk von Microsoft und dann bei MSN (Microsoft Network), wo ich das erste deutsche Portal gestalten durfte. Ich war damals aktiv mit schuld daran, dass die Gratis-Kultur des Internets in Deutschland entstand, die Kai-Hinrich Renner nicht müde wird in „Digital ist besser“ zu beklagen.

Europe Online wollte zunächst wie America Online für alle Inhalte Abonnement-Gebühren verlangen. Als dann aber die proprietäre Software nicht funktionierte und wir auf das HTML-Format (Netscape 2.0) wechselten, war bald klar, dass die Inhalte zum Großteil gratis sein sollten. Damals wurde schon ein ähnliches Modell diskutiert, das jetzt die New York Times einzuführen versucht. Bei uns hieß das das „Zwiebel-Modell“: Viele Inhalte sollten gratis sein und die User locken. Genau das macht die NYT jetzt auch, 10 Seitenabrufe sind gratis, danach muss man sich registrieren – und alle Links von Google, Facebook oder Twitter sind auch stets kostenfrei. Danach fällt die Zahlschranke – und um die mühsame Einzelabrechnung gelesener Inhalte einfacher zu machen, werden attraktive Abonnements (für Print plus Online, iPads oder Online only) angeboten.

Technisches Manko

Genauso war es mal für Europe Online angedacht. Leider war damals keine technische Lösung für solch ein Modell zu entwickeln. Wie auch? Das war noch bevor Content Management Systeme (CMS) entwickelt waren. Also wurden alle Inhalte gratis ins Netz gestellt. So wie es der Spiegel und Focus bald danach machten. Das geschah als Vorsichtsmaßnahme, damit nicht etwa irgendwelche Garagenfirmen den Verlagen die Leser abspenstig machen würden. Das war damals die höchste Angst der Verleger.

Die Garagenfirmen schlugen dann aber ganz wo anders zu. Weil die Verleger es verabsäumten, in ihren Häusern eigenes digitales und technisches Know how aufzubauen, entstanden aus „Garagen“ heraus technikgetriebene Firmen wie Scout24, wie Mobile, wie Parship oder StepStone, die den Verlagen – ohne großen Widerstand – alle Rubriken-, Kontakt- und Jobanzeigen abspenstig machten – und so den Anfang der wirtschaftlichen Talfahrt initiierten. Diese Gratiskultur war den Verlagen damals nicht geheuer. Damals hätte ihnen gesunder Kannibalismus und weniger Angst vor neuen digitalen Geschäftsmodellen gut getan. Die sind, zugegeben, komplexer und scheinbar weniger ergiebig. Aber wie eine andere Garagenfirma bewiesen hat, kann derjenige, der die digitale Technik und die digitale Kultur versteht, durchaus damit sehr viel Geld verdienen: Google beweist das tagtäglich.

Keine Angst vor der Digitalität

Das ist dann auch die spezielle Stärke von „Digital ist besser“: Es widerlegt elegant alle Angst- und Horror-Szenarien zur digitalen Kultur. Das Buch macht Mut und Lust, sich auf das Internet, die digitale Kultur (samt Games) – und auch auf Social Media – einzulassen. Das tut es vor allem auch, weil es kein abstraktes Traktat ist, sondern weil man so viel über die beiden Autoren und ihren Weg  via Popkultur in die digitale Kultur erfährt.

Steve Jobs meets Guttenberg


Steve Jobs über Lebensplanung, Liebe und Tod

Mal vorweg, ich bin kein Apple-Fan. Mein erster Computer war ein Atari, ein Apple-Klon, mein zweiter Computer war ein Apple SE30, das war es aber dann schon mit Geräten aus Cupertino. Anschließend war es bereits dem Web geschuldet, dass ich Windows-Geräte benutze, danach unter anderem, dass ich ein paar Jahre für MSN (Microsoft Network) arbeitete. Nichtsdestoweniger habe ich großen Respekt für Steve Jobs. Mehr als alle seine grandiosen Leistungen (Apple, neXT, Pixar) in den Bereichen Produkt-Idee, Business, Design und Marketing hat mich seine 15-minütige Rede beeindruckt, die er 2005 vor den Alumni der Stanford University gehalten hat, die man auf der Website der Universität oder auch auf TED.com oder YouTube sehen kann. Hier hat ein Mensch wirklich tief über sein Leben nachgedacht.

Die beste Zusammenfassung dieses atemberaubenden ehrlichen, mutigen wie menschlich bewegenden Vortrags kann man nun auf FAZ.NET lesen, ausgerechnet in einem langen, intelligenten und irritierend menschlichen Artikel von Volker Zastrow über Karl-Theodor zu Guttenberg und die Guttenberg-Causa. Er schildert perfekt, wie Steve Jobs  seinen jungen Zuhörern drei Themen mit auf den Weg ins (Berufs-)Leben gibt.

1. Connecting the dots

Die erste These Jobs‘ ist, dass man sein Leben nicht planen kann, man aber möglichst viel Projekte wagen und dabei Erfahrungen sammeln sollte. Motto: „Stay hungry, stay foolish!“ Mit ein bisschen Glück ergeben all diese Lebensstationen in der Rückschau einen sinnvollen Lebensweg: „You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards.“ Wenn Jobs etwa nach seinem abgebrochenen Studium ausgerechnet Kalligraphie gelernt hat, so half ihm das viel später, als es darum ging, den Apple II zu designen – und alle anderen Geräte von Apple. Das Verständnis für die Komplexität, die hinter jedem Konzept von Simplicity steht, hat er hier gelernt.

2. Love and loss

Als Jobs 1985 aus seinem eigenen Unternehmen hinausgeworfen wurde, war das für ihn die schlimmstmögliche Kränkung. So schlimm das damals für ihn war, so wichtig war diese Negativerfahrung für seine persönliche Entwicklung. Motto hier: „Don’t settle!“ Ihm half an diesem Punkt, dass er seine Arbeit liebte, also machte er weiter, er gründete die Computerfirma neXT und die digitale Filmproduktionsfirma Pixar – und war mit beiden erfolgreich. Das war er, weil er gut war. Und gut war er, weil er seine Arbeit liebte: „The only way to do a great work is to love what you do.“ Schließlich kaufte Apple neXT und Jobs wurde später wieder Chef der Firma.

3. Prepare to die

Der dritte Punkt, den Jobs in seiner Rede hervorhebt, ist das Bewusstsein, dass alles endlich ist, dass die einzige große Gemeinsamkeit aller Menschen der Tod ist. Das begann in seinem Leben mit der Binse: „Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte.“ Das hat er ein Leben lang so gehalten – und wenn er zwei Tage das Gefühl hatte, so ein Tag sollte nicht der Letzte sein, wusste er, dass er etwas verändern musste. Das war für Jobs ein nettes, intellektuelles Spiel, bis bei ihm ein Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden war, der unheilbar schien. Seitdem ist sein Verhältnis zum Tod noch einmal anders, Motto: „Death is very likely the single best invention in life.“ Denn für ihn ist der Tod der „life‘ change agent“, der verhindert, dass man seine Lebenszeit vergeudet. Seine Aufforderung an seine junge Zuhörerschaft: „Don’t waste time living someones else life!“

Karl-Theodor zu Guttenberg und das geglückte Leben

Auf den Punkt gebracht sind die Empfehlungen Steve Jobs‘ eine Anleitung für ein gelungenes Leben:
1. Sei neugierig und gebe nie auf – und mit ein bisschen Glück wird daraus in der Rückschau ein geglücktes Leben.
2. Liebe ist der Schlüssel zu allem, zu Energie, Sinn und Enthusiasmus.
3. Der Tod gibt immer wieder Neuem Raum, das ist unsere Bestimmung aus der Evolution.

Fragt sich nun, warum Volker Zastrow seinen sensiblen Beobachtungen zu KTG und seinem wirklich ingeniösen Szenario, warum Karl-Theodor zu Guttenberg so gehandelt haben mag, wie er es getan hat, die Rede von Steve Jobs vorangestellt hat. Denn er nimmt diesen Faden später in seinem (wirklich langen) Artikel nicht mehr auf – bis auf den krampfhaften Verweis am Schluss, dass die Schwarmintelligenz die trügerische Doktorarbeit entlarvt hat.

Dabei wäre der logische Schluss so nah gelegen. Ich wage es, ihn hier kurz zu skizzieren:
1. Connecting the dots: Karl-Theodor zu Guttenberg hat versucht, seine Dots zu planen und zu inszenieren, daher hat er unbedingt einen Doktor im Namen führen wollen, obwohl sein Examen das eigentlich gar nicht zuließ. Und vielleicht hat er noch viele andere Punkte geplant (Kanzler?), anstatt zu leben, Dinge zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln.
2. Love & loss. Nie war spürbar, wofür KTG steht, was er liebt, wofür er brennt, was er wirklich will. Liebe zu seinem Amt oder seinem Beruf war nie echt erkennbar, Liebe zu sich selbst, zu Beifall und Zuneigung dafür schon. Dafür hat er die  Höchststrafe erhalten: ein sehr, sehr großer „Loss“.
3. Bei allem zur Schau gestellten Hedonismus und aller Selbstzufriedenheit hatte man nie das Gefühl, dass Karl-Theodor zu Guttenberg etwas bewegen wollte. Nie war klar, wofür er denn Politik machen wollte, was sein Beitrag zu einer besseren Politik, einem besseren Deutschland oder einer besseren Welt (Evolution!) hätte sein können.

Fehler abseits des Drehbuchs

Solch eine Analyse von (weit!) außen ist eigentlich vermessen. Ich habe sie mir lange verkniffen. Ich versuche sie, seit ich aus einer verlässlichen Quelle die Geschichte eines engen Mitarbeiters von Karl-Theodor von Guttenberg aus dem Verteidigungsministerium erzählt bekommen habe. Der Mitarbeiter, ein gestandener Fachmann, war zunächst begeistert von dem jungen zu Guttenberg. Er packte an, er machte Nägel mit Köpfen, kommunizierte gut, hörte zu – und vor allem hatte er ein perfektes Auftreten und hielt begeisternde Reden.

Mit der Zeit aber schrumpfte die Begeisterung. Die Reden waren immer dieselben – oder in sich ähnlich. Die lässige Haltung entpuppte sich als Manierismus und eingeübt. Am schlimmsten aber wurde es, wenn Karl-Theodor zu Guttenberg spontan sein wollte, oder – noch schlimmer – witzig. Das endete, so der Insider, stets  in arger Peinlichkeit. Seine Witze verletzten, Verfehlten ihr Ziel oder trafen mitten ins Fettnäpfchen. Je länger er im Amt war, desto mehr fürchteten seine Mitarbeiter seine Improvisationen, wenn er das festgelegte Drehbuch beiseite ließ.

Ein Bild, das zu passen scheint. Hier hatte sich jemand eine Drehbuch für sein Leben geschrieben (oder schreiben lassen?) – das hatte er dann auch ganz gut drauf. (Siehe hier auch The Difference: Drehbuch des eigenen Lebens.) Aber wehe, wenn das einmal nicht passte, wenn Dinge passierten, für die keine Handlungsanleitung da war – oder wenn aus Lust und Laune improvisiert wurde. Genauso wie die Doktorarbeit. Entweder wurde hier das Drehbuch auch von jemand anderem verfasst – oder aber hier wurde genauso improvisiert.

Gesellschaftliches Botox


Affirmation als Selbstlähmung der Medien

Henri Nannen hatte es noch einfach. Er wusste, wie die Leser seines „Stern“ aussahen. Oder er meinte es zumindest: Sein Testpublikum war seine Putzfrau. Sie fragte er bei strittigen Fragen, so geht zumindest die Legende. Und deshalb war der Nil eben blau, auch wenn das die vorliegenden Fotos nicht so ganz hergaben. Für Nannens Zielgruppe war der Nil blau.

Das ist alles heute so viel anders. Heute wiegen sich die meisten Medienmacher zwar nicht mehr in dem naiven Glauben, sie würden ihr Blatt, ihren Sender etc. für ihr verehrtes Publikum machen. Ihnen ist längst bewusst, dass sie Produkte kreieren, um möglichst genau bestimmte Zielgruppen zu erreichen, um den Kontakt zu diesen möglichst gut an Werbetreibende verhökern zu können. Aber das ist ja heute nicht mehr so einfach, wo etwa Facebook so viel über jeden einzelnen seiner Kunden weiß, dass man Werbung individuell maßschneidern kann – und dabei noch billiger weg kommt.

Trauriges Weltbild

Manchmal ist das dann sehr traurig, welche Zielgruppe sich ein Medium aussucht. Besonders traurig ist das im Fall der öffentlich-rechtlichen Medien. Da meine ich nicht (nur) das ZDF und seine Kapitulation vor jüngeren Zielgruppen. Nicht so sehr die 3. Programme, die ein seltsames Bild regionaler oder ländlicher Interessen abgeben. Schlimm sind da auch die Radiostationen. Andreas Bernard hat dankenswerterweise im SZ-Magazin  in einer sehr genauen Analyse von Bayern 3, dem unausweichlichen Autoradiosender des Bayerischen Rundfunks, die traurige Lebenssicht der Radiomacher skizziert.

Grob zusammengefasst spiegelt sich in den Themen und Äußerungen der stets aufgekratzten Moderatoren ein deprimierendes Weltbild: Arbeit ist Fron, daher thematisiert man am Montag, dass das Wochenende leider vorbei ist – und ab Dienstag wird mit wachsender Verve wahlweise auf Dienstschluss und/oder das Wochenende vertröstet. Das zweite Zentralthema ist das Wetter, dass entweder (wenn schlecht) jedweden Frust entschuldigt oder (wenn gut) der Lebensinhalt der Hörerschaft zu sein hat. Dazu dann die ewige Retro-Masche der Hits aus den 70ern, 80ern und 90ern, in denen noch alles gut war – und in dem das Leben noch schöne Momente bereit hielt, mit denen man sich in der tristen Gegenwart zu trösten hat. (Neue Highlights und Glücksmomente scheinen in der Radiowelt jenseits der überlaut promoteten Radio-Parties nicht denkbar zu sein.)

Prozac fürs Volk

Besonders traurig ist, wie man auch in den Kommentaren zu dem Artikel merkt, dass die Populismus-Sender der anderen Rundfunkanstalten genau dasselbe Weltbild propagieren: SWR3, HR1, NDR2 etc. Sie alle sind so etwas wie die populärkulturelle Radioversion der Yellow-Press. Oldie-Hits als Prozac fürs Volk, gewürzt mit Gewinnspielen, dämlichen Geschlechterkämpfen und ein paar Feigenblatt-Minuten am Abend, wenn mal schräge Moderatoren randürfen (wenn kaum einer zuhört).

Das Niederschmetternde an solchen Medien – und es gibt mehr als genug Pendants dazu im Zeitschriftenmarkt – ist deren dröge, temperamentlose, affirmative Art. Diese so bleierne Art, das Leben zu verlangweilen, Arbeit und Alltag zu banalisieren und zu lamentarisieren. Als gäbe es nichts Sinnvolleres als Selbstmitleid zu pflegen und zu hegen. Keine Frage, Menschen brauchen auch Ruhepausen und Erholung, aber das liefert geballte Affirmation nicht, sondern nur Passivität und Kapitulation. Und beides ist alles andere als erholsam, im Gegenteil.

Affirmation als Prinzip

Jeder Mensch braucht Affirmation. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer seelischen Balance. Immer wieder muss sich unser in stetem Wandel befindliches Ich versichern, dass es im persönlichen Kontext noch aufgehoben und akzeptiert ist. Nichts tut dem Durchschnitts-Ich mehr weh, als vereinsamt zu sein, weil man sich etwa allzu sehr aus dem derzeit gängigen kulturellen und sozialen Kontext herausbewegt hat. Dort draußen, in Trend-Sibirien, weht der Zeitgeist besonders eisig.

Man muss aber zwischen Affirmation unterscheiden, die einem soziale (und damit psychische) Geborgenheit verschafft und einer, die seelische Lethargie und soziale Mutlosigkeit produziert. Letzteres ist fürchterlich, weil es jede Bewegung nach vorne, jeden Mut zu etwas Neuem nimmt und nur alte Ressentiments und Sentimentalitäten pflegt. Diese lähmen – den Einzelnen, den Zuhörerkreis, das Lesepublikum – und die Gesellschaft in seiner Gesamtheit. In dieser Abart ist Affirmation gesellschaftliches Botox. Es lässt die Gesellschaft in einer fälschlicherweise als nett empfundenen Form erstarren – und vergiftet sie von innen heraus.

Ideologischer Sumpf

Und Affirmation funktioniert nicht nur von rechts, sondern auch von links. Manchmal ist es wahrlich schmerzhaft, wie reflexhaft auch kritische Medien bei den meisten Themen ihre Position einnehmen und oft unreflektiert und störrisch daran festhalten. Andere Sichtweisen werden ausgeblendet. Man macht es sich in seinem ideologischen Sumpf gemütlich – im schlimmsten Fall suhlt man sich noch darin.

Affirmation als Selbstzweck, das führt unweigerlich zu Verkrustungen und Erstarrung. Zuschauerzahlen und Auflagen gehen nicht zuletzt auch deswegen zurück, weil zu wenig Neues, Interessantes passiert. Vor lauter Affirmation wirken Sender und Presseorgane seltsam hohl, nicht zuletzt deswegen können sich junge Menschen nicht mehr für sie begeistern. Denn diese sind verwöhnt von der Menge an Anregungen, Innovationen und Überraschungen, die das Internet für sie (per Social Media) für sie bereit hält.

Intelligenz und Neues Denken

Ein Medium, das zukunftstauglich ist, muss die richtige Mischung aus Affirmation und Neuerungen und Innovation finden. Durch richtig eingesetzte und dosierte Affirmation nimmt man seine Leserschaft/Zuschauer mit und macht sie bereit für neue Ideen und Sichtweisen, für Provokationen und Irritationen. Solche Medien vermisse ich hierzulande, die notorischer Affirmation Innovation, Mut, Intelligenz und Neugier entgegensetzen. Zeitschriften, die Gedanken lancieren, die neuen Ideen Platz geben.

Seit ein paar Monaten habe ich „The Atlantic“ abonniert. Wenn man hier die – oft sehr langen, aber gut lesbaren – Artikel intus hat, dann weiß man mehr, erfährt neue Sichtweise und fängt unweigerlich an, selbst darüber nachzudenken. Denn „The Atlantic“ zeigt in unserer komplexen Welt auch konkurrierende Sichtweisen, statt ein Thema über nur einen ideologischen Kamm zu scheren.

„The Atlantic“ hat seine Qualität nach einer Insolvenz neu definieren müssen. Sein (neuer) Chefredakteur James Bennet, der sich bescheiden nur „Editor“ nennt, hat „The Atlantic“ neu erdacht. Dabei war sein Konzept: „online first“. Die Website ist der Nukleus des journalistischen Schaffens – und das Print-Magazin hat davon überdeutlich profitiert. Es ist die Quintessenz der Themen, die zuvor im Internet debattiert worden sind.

Das Insolvenzrecht der USA (Chapter 11) machte solch eine Selbsterneuerung möglich. In Deutschland ist das schon (insolvenz-)rechtlich kaum möglich. Sonst würde man so manchem Verlags- oder Medienhaus die Insolvenz wünschen, damit daraus die Chance eines Neuanfangs genutzt wird. Denn ich vermisse dringend Medien, die mehr als nur Zielgruppen-Affirmation betreiben. – Ob das auch ohne Insolvenz gelingen kann?

Wandel und Handel


Paradigmenwechsel gehen nie sanft vonstatten

Mario Sixtus, kompetenter Blogger und Twitterer, lange Zeit „Elektrischer Reporter“ des ZDF, brachte es am 6. Dezember in einem Tweet auf den Punkt: „2010, das Jahr, in dem nicht Bomben eine Großmacht die Fassung verlieren ließen, sondern Informationen. #wikileaks“ – um Minuten später im nächsten Tweet zu prognostizieren: „2011, das Jahr, in dem die Mächtigen alles versuchen werden, um das Netz unter Kontrolle zu bekommen.“ Er könnte recht haben.

John Wilkes

Noch kein Paradigmenwechsel, vor allem kein essentieller, ist je still, sanft und friedlich verlaufen. Und schon gar nicht, wenn es um einen Quantensprung in der Verbreitung von Informationen ging. Man denke da nur mal an Johannes Gutenberg oder Martin Luther – oder auch an John Wilkes. Dieser Kämpfer für die Pressefreiheit im England des 18. Jahrhunderts wurde etliche Male verhaftet, verbannt und verurteilt, weil er dafür kämpfte, dass über Unterhausdebatten im Wortlaut berichtet werden durfte. Das war verboten, weil geheim; weil die Obrigkeit davon ausging, dass das gemeine Volk zu dumm, zu sensibel und psychologisch zu wenig stabil war, um die politischen Debatten im Wortlaut mitzuverfolgen. Juristisch verfolgt wurde Wilkes damals vor allem aufgrund seines sexuell recht ausschweifenden Lebens! (sic!) (Die Geschichte erzählt Henry Porter sehr schön im Guardian.)

Trägheit der Evolution

Es ist das Wesen der Evolution, dass es immer wieder Umbrüche und Neuerungen gibt. Wäre es nicht so, wir Menschen hätten es nie so weit gebracht, dass wir uns über WikiLeaks und die Folgen streiten könnten. Ja wir hätten es nicht einmal so weit geschafft, zu solch Boshaftigkeiten (Diplomaten-Depeschen) oder Bösartigkeiten (Militär-Mord per Hubschrauber im Irak) fähig zu sein, über die WikiLeaks uns aufklärt. (Eine sehenswerte Dokumentation zu Wikileaks hat das schwedische Fernsehens produziert – und online gestellt.)

Noch nie aber gab es in der Geschichte der Menschheit – oder unserer kleinen Evolutions-Brutstätte namens „Erde“, dass Neuerungen oder Umbrüche ohne den Widerstand des Bestehenden passierten. Im Normalfall siegt sogar der Status Quo gegen das Neue. Neue Paradigmen müssen schon sehr stark und überzeugend sein, um gegen die Kraft der Norm zu siegen. Diese müssen schon sehr dringend nötig sein, dass sie den Durchbruch schaffen. Diese Trägheit der Evolution ist hilfreich und nimmt ihr die Willkürlichkeit – und sorgt für ihre positive Intention.

Der Widerstand des Bestehenden ist verständlich und erklärlich. So leicht es sich dahin spricht, dass in jedem Neuen große Chancen liegen, es gibt immer viele, die dabei verlieren werden oder zurückstecken müssen. Und das ist im Normalfall die große Mehrheit. Und wer verliert schon gerne, woran er vielleicht sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, einer Position, einer Karriere, einer vermeintlichen finanziellen Sicherheit. Da wird Neues aus schlichtem schnöden Eigeninteresse blockiert. Maxime: Hinter mir die Sintflut.

John Paton, der Sanierer der Journal Register Company (JRC), die in Michigan, Ohio, Connecticut und Philadelphia Marktführer in der Zeitungsbranche ist, erklärt in seiner erfrischend direkten Abrechnung mit der (amerikanischen) Zeitungswirtschaft, warum der nötige Umbruch gescheut wird wie der Teufel das Weihwasser: „The reasons are simple: Fear, lack of knowledge and an aging managerial cadre that is cynically calculating how much they DON’T have to change before they get across the early retirement goal line. Look at the grey heads in any newspaper and you will see what I am talking about.“

Die Latenz des großen Geldes

Der größte Bremser des (über-)fälligen Paradigmenwechsels von analoger Welt zu einer digitalen, von analogen zu digitalen Medien, von analoger Politik und analoger Wirtschaft zu digitaler ist allen voran das Geld. So wild auch immer auf die irrwitzigsten Finanzkonstruktionen gewettet wird, bis es buchstäblich „kracht“, so risikoscheu ist im Prinzip das große Geld. Es hat so viel mehr zu verlieren als zu gewinnen, wenn es zu grundlegenden paradigmatischen Veränderungen kommt.

Es gibt bei Umbrüchen zwar stets mehr Gewinner als Verlierer, aber wer Verlierer und wer Gewinner sein wird, steht vorab nicht fest. Und die Gewinner sind leise, die Verlierer laut. Also bekommt die Mehrheit Angst, eventuell Verlierer sein zu können. Und die. die relativ sicher sein können, zu den Verlierern zu gehören, investieren alles in ihrer (verbliebenen) Macht stehende, um den Status Quo möglichst lange hinaus zu zögern. Und die beste Methode dabei ist, Angst und Zweifel zu säen.

Eric Schmidt, CEO von Google, hat das auf sehr offene Weise in seiner Rede am Aspen-Institut – und speziell in seiner Antwort dort auf die Frage von Jeff Jarvis klar gemacht. Er stellt fest, dass das Geld, das große Kapital den Wandel ins Digitale (noch) nicht will. Daher bauen diese zusammen mit der Politik und der Verwaltung Barrieren und Regulative auf, um den Wandel, wenn sie ihn schon nicht verhindern können, wenigstens möglichst weit abzubremsen und aufzuhalten. Entwicklungen, die einen Bruch absehbar machen, sind daher gegen all die Interessen derer gerichtet, die es sich in dem bestehenden System bequem gemacht haben.

Druck des Systems

Das ist nicht die Sicht eines der Kapitalismuskritik verdächtigen Umstürzlers, sondern des Chefs eines der erfolgreichsten und innovativsten digitalen Konzerns. Und er meint das nicht als Kritik, sondern als Feststellung einer Tatsache. Und was wir in den vergangenen Wochen als Reaktion des Big Business auf WikiLeaks und dem daraus entstehenden politischen Druck erlebt haben, ist nur die logische Konsequenz daraus: Mastercard, Visa und die Banken haben kein Interesse an WikiLeaks und deren Sprengkraft.

Überraschender – und enttäuschender – ist da schon die wetterwändische Haltung digitaler Megabusinesses wie Amazon oder Paypal. Aber auch hier sind „analoge“ Manager am Werk, und gerade auch diese Firmen sind vom großen Geld und den Regulatoren in der Politik abhängig – oder meinen es zu sein.

Eric Schmidt sieht aus seiner Sicht nur einen Ausweg, wie es dann doch zum nötigen Wandel – von analog zu digital – kommen kann. Der Druck des Marktes muss so groß sein, dass auch Bremser mit den großen Geldbündeln einsehen, dass das große Geld nicht mehr im Bestehenden zu holen ist, sondern dass da eher mehr zu verlieren ist.

Würde mich freuen von Mario Sixtus zu lesen: 201x, das Jahr, in dem die Mächtigen den Kampf gegen das Digitale aufgegeben haben. – Zugegeben, das wird noch eine Weile brauchen. Aber auch wir, der Markt, der Wähler und Netzbürger entscheiden mit, wie lange das dauern wird. Weniger durch Attacken auf Netserver, sondern weit besser durch gezielte Wahl unserer digitalen (Finanz-)Dienstleister…

Geheim, geheim, geheim


Die Fänger der Binsen

Manchmal kann man ihn wirklich mit Händen greifen, den Zeitgeist. Wie genervt, wie enttäuscht war man nach den neuesten Veröffentlichungen von Wikileaks. Alles was man ahnte, durfte man als Einschätzung des örtlichen Personals der amerikanischen Botschaft noch einmal nachlesen. Merkel unkreativ, Westerwelle überschäumend, Seehofer unberechenbar. Was für Binsen, die höchstens narzisstische Seelen, die es direkt betraf, in ihrer Schwarz-auf-Weiß-nachzulesen-Wucht getroffen haben mag. Merkel aber ist des Narzissmus erfreulich unverdächtig.

Ich war selber zu lange investigativ als Journalist unterwegs. Da sind mir massivere Informationen zugetragen worden, die sich dann als nicht haltbar oder nicht nachweisbar erwiesen  haben. Da blieb nichts anderes übrig als klein bei zu geben, wollte man nicht vor Gericht wegen übler Nachrede belangt werden. Die Lektion durfte ich sehr früh in meiner Journalistenwerdung lernen. Da wurde ich flugs verurteilt, weil ich den Bericht eines Schwarzen Sheriffs, der die üblichen Gepflogenheiten in seinem Job geschildert hatte, wiedergegeben hatte. Und weil ich mich weigerte, den Informanten preis zu geben, hatte ich sehr schnell eine saftige Geldstrafe an der Backe. Wegen übler Nachrede.

Öffentlichkeit als Schutz

Später in strittigen Themen als Reporter beim WIENER, wo Aussage gegen Aussage stand, schützte mich die Scheu der Entlarvten vor der Öffentlichkeit. Bei meinem Besuch als Spendeneintreiber bei Alois Müller, bei meinen Recherchen im Bayerischen Umland auf der Suche nach Bauplatz und Arbeitskräften für ein AIDS-KZ oder bei meiner Akquise von Schleichwerbung bei Dieter Thomas Heck, nie kam es zu Klagen gegen mich oder den WIENER. Die Angst vor negativer Publicity, die eine öffentliche Verhandlung – noch dazu bei einem Journalisten – bringen würde, war zu groß. So schützte mich bei meinen Leakings (das Wort war sowas von noch nicht erfunden damals) die Öffentlichkeit und ihr Interesse an Enthüllungen.

Nichts davon war zu Beginn der Wikileaks-Enthüllungen zu spüren, eher ein genervtes Augenverdrehen. Dann aber kam die Reaktion der Politik. Plötzlich wurden Server abgeschaltet, Bankkonten gesperrt, Anklage erhoben, Haftbefehle erteilt – und von einem US-Senator sogar die Todesstrafe für Wikileaks-Chef Julian Assange gefordert. Alles viel zu heftig, verdächtig uncool. Was man selbst mit einem Schulterzucken abgetan hatte, scheint andere schwer getroffen zu haben. Da scheint einer Kaste von Mächtigen das übliche Spiel kräftig vermiest worden zu sein. So reagiert, wer wirklich was zu verbergen hat.

Spielgeld für Monopoly

Zur selben Zeit passieren dann in aller Öffentlichkeit Kuriositäten wie die Vergabe der Fußball-WM an Russland und Katar. Da denkt sich noch der unbedarfteste Mensch so seinen Teil. Zur selben Zeit wird bei der Schlichtung in Stuttgart deutlich, wie selbstverständlich die Politik das Desinteresse von Bürgern an einem als Infrastrukturmaßnahme (Bahn) getarnten Immobiliendeal vorausgesetzt hatte. Und zur selben Zeit wird darüber verhandelt, weitere Aberhunderte von Milliarden zur Rettung von Banken, die sich verspekuliert haben, aus sonst sorgsam verschlossenen Haushaltskassen frei zu machen. Diesmal in Irland, demnächst anderswo. Hier spielen Leute Monopoly und lassen die, die fürs „Spielgeld“ sorgen, nicht teilhaben? Ja nicht einmal dabei zusehen sollen sie dürfen?

Und siehe da, plötzlich macht sich in weiten Kreisen schnell mehr als nur „klammheimliche“ Freude bemerkbar, dass hier den Mächtigen in die Suppe gespuckt worden ist. Egal wo man hinhört, plötzlich erlebt man immer mehr ideelle Unterstützung. Natürlich viel davon im Internet. Die Zahl der Server, die inzwischen Wikileaks gespiegelt haben, steigen behende, derzeit sind es über 500. Die Freunde von Wikileaks auf Facebook sind weit über eine Million, bald eine halbe Million Follower sind es bei Twitter, Tendenz überall steil steigend.

Aber auch die Presse, die zunächst enttäuscht bis genervt reagiert hat, erschrickt über die massive Reaktion der Mächtigen und wertschätzt mindestens die Prozesse, die Wikileaks ausgelöst hat: das Nachdenken über unnötige Geheimhaltung und Staats-Privacy; das Erschrecken über die Unbekümmertheit von Berlusconi und anderen, Politik als ungezügelte Ego-Befriedigung zu pervertieren. Und immer ausgewogenere, klügere und positivere Artikel zu Wikileaks sind jetzt zu lesen. Zu allererst im Feuilleton der Süddeutschen (danke, Andrian), dann auch in der Welt, die einen Artikel zu Wikileaks, den Jeff Jarvis für die Huffington Post geschrieben hat, hier in Deutschland veröffentlicht hat. Besonders beeindruckend der Artikel von David Samuels in „The Atlantic“ (schon jetzt über 9.000 like it!), der die überzogene Reaktion US-amerikanischer Behörden auf Wikileaks anprangert. [Neu dazu gekommen: James Moore. „I am Julian Assange“ in der Huffington Post! ]

Den Zeitgeist spüren

Auf den Punkt bringt den Schwenk im Meinungsbild Clay Shirkey. Der erste Satz seiner klugen Reflexion zu Wikileaks und Nutzen und Unsinn von Geheimnistuerei in seinem Blog beginnt bezeichnenderweise mit dem Satz: „Like a lot of people, I am conflicted about Wikileaks“ Genau so ging es den meisten Menschen. Mir genauso. Inzwischen aber haben sich überraschend viele von denen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, auf die Seite von Wikileaks geschlagen. In der Zeitspanne von Tagen. Das sind die Momente, in denen der Zeitgeist fast körperlich spürbar wird. Danke, Herr Blatter, grazie, Signor Berlusconi, merci, Monsieur Trichet.

Und diesen Wandel erlebt man auch abseits der Medien. Gerade auch in gut bürgerlichen Kreisen, in denen man jetzt in der Adventzeit gerne zusammenkommt, und die seit Stuttgart 21 eine neue Macht und Durchschlagskraft erahnen, erlebt Wikileaks inzwischen Unterstützung und Rückhalt. Ja sogar bei durch ein Jurastudium vorbelasteten Menschen. (Das hat mich dann doch wirklich überrascht!)

So blöd es klingt. Das Spiel der Mächtigen wird seit Wikileaks nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. (Binse 1) Und das ist gut so! (Binse 2) Es wird weiter im Geheimen agiert werden, in allen Sphären der Macht. (Binse 3) Aber das Spiel wird schwieriger. Will man etwas tun, was nicht ganz koscher ist, sollte man sich dann jetzt nur auf mündliche Abmachung verlassen, um keine schriftlichen Spuren zu hinterlassen? Schwierig und riskant!

Das macht doch seit frühesten Kindertagen am meisten Spaß: Wenn man schon nicht mitspielen darf, obwohl man den Ball mitgebracht hat, dann diesen bösen Buben wenigstens das Spiel so richtig zu vermiesen.

Zukunft ohne Visionen


Digitalität und Vernetzung

„Wir erkennen das Gute leider nicht so deutlich wie das Böse. Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal. Eines der erstaunlichsten Phänomene des Internets ist ja, dass Menschen darin so viel miteinander teilen.“, so Brian Eno im Interview in der Süddeutschen Zeitung. Wie recht er hat. Und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Ein Beispiel: Josh Bernoff, Analyst bei Forrester und einer der Autoren des ersten kompetenten Buchs über Social Media („Groundswell“), freut sich via Twitter, dass er als Autor sehen kann, welche Stellen die Leser, die seine Bücher auf Amazons digitalem Lesegerät „Kindle“ lesen, beim Lesen anstreichen, weil sie ihnen besonders wichtig sind. Was für ein Feature. Nun ist auch der Buchautor aus der Isolation des Elfenbeinturms befreit und sieht, was seinen Lesern wichtig ist.

Und hier noch einmal zurück zu Brian Eno. Wie sagt er: „Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal.“ Das stimmt so sehr, und doch geht die Entwicklung darüber hinaus. Wer bitte hat sich je erträumt, dass Autoren mitbekommen, welche Stellen in einem Buch sie für am wichtigsten halten? Und was sagt uns das für die Zukunft des digitalen Buchschaffens voraus?

Die Zukunft des digitalen Buches

Für Kindle hat Amazon sowieso schon neue, kürzere Buchformate (und entsprechende Preismodelle) entwickelt. Amazon will so Buchautoren Mut machen, abseits und jenseits der etablierten Buchformate eine Publishing-Plattform zur Verfügung zu stellen, die sich auch wirtschaftlich rentiert. Für alle Beteiligten wohlgemerkt: für Autoren, die Leser – und Amazon natürlich.

Gut denkbar, dass hier in schriftlicher Form ein Pendant zu den grandiosen Ideen und Vorträgen entstehen könnte, wie sie TED in Video-Form etabliert hat: ein Thema und eine Vision anhand eines spektakulären Beispiels auf den Punkt gebracht und damit eine neue Idee erfolgreich in Umlauf gebracht. Das würde dann Abhilfe schaffen, dass heute zu wenig Visionen für die Zukunft geschaffen werden, wie es Brian Eno befürchtet: „Es fehlt die Zielmarke am Horizont. Die letzte war vielleicht 2001, wegen Kubricks Film. (…) Seither bewegen wir uns sozusagen auf unbeschriebenem Terrain.“

Futurismus auf der Kriechspur

Ich war einst in vor-digitaler Zeit Abonnent und begeisterter Leser von etlichen Zukunfts-Publikationen: „The Futurist“ (USA), „Avenir“ /Frankreich) oder auch von „WIRED“, als noch Gründer Louis Rossetto Chefredakteur war. „Avenir“ gibt es längst nicht mehr,“The Futurist“ gibt es noch, ist aber heute eher eine Debattier-Plattform für neue, aber bereits vorhandene Ideen und Entwicklungen, und WIRED, jetzt bei Condé Nast, ist heute ein respektabler Guide für den digitalen Lifestyle. Neue Visionen, so falsch sie auch sein mögen, finden sich heute nicht mehr.

Wie auch. Die Entwicklungen in der digitalen Welt passieren heute so schnell, dass man kaum Schritt halten kann, geschweige denn wagen möchte, vorneweg zu laufen. Sie sind außerdem so unabsehbar, weil eben, wie oben gesehen, die Menschen in der Verbindung zueinander immer neue Ideen spinnen und neue Anwendungen entwickeln, wie man sie aus der Warte einer Redaktion, eines Trendforschers oder einer Futurismus-Instanz nie erahnen könnte.

Zukunft ohne Visionen

Unser Schicksal scheint es also zu sein, eher unserer eigenen unbewussten, weil nur im Verbund zu anderen funktionierenden digitalen Ingeniosität hinterher zu hecheln. Es ist ja auch auffallend, wie altbacken alle Sci-Fi-Filme zuletzt waren, inklusive „Minority Report“, die versucht haben, ein halbwegs positives Zukunftsbild zu entwerfen. Nur die Visionen einer dysfunktionalen Gesellschaft der Zukunft waren – wenigstens cineastisch – ansehnlich. Von „2001“, „Blade Runner“ bis „Wall.E“.

1994 habe ich mich zusammen mit Gerd Gerken an einem Zukunfts-Szenarium versucht. „Trends 2015“ hieß das Buch und ist im Scherz Verlag erschienen, das Taschenbuch bei dtv. (Inzwischen ist es als Book on demand bei Fischer digital erhältlich.) Wir hatten es eigentlich unter dem Titel „Trends 2021“ lancieren wollen. Gegenargument des Lektors: „Das ist zu weit weg!“ Recht hatte er. Wir müssen uns für keine der Thesen in dem Buch schämen, im Gegenteil, wir haben die digitalen Medien erahnt und viele soziale Entwicklungen richtig skizziert. Aber in der Dynamik und in der Unprädiktabilität, wie sich die Welt derzeit entwickelt, muss man der Intervention des Lektors im Nachhinein dankbar sein. 2021 wäre wirklich zu weit weg.

Die Magie des Augenblicks

Was also bleibt von der Sehnsucht Brian Enos nach Zukunftsvisionen? Flug zum Mars? Nochmal auf den Mond? Autark funktionierende Autos? Wie schal sind solche Visionen! Es gibt so viel Wichtigeres zu tun, wenn es auch nicht wirklich spannend klingt: Klima „erhalten“; die Schere zwischen arm und reich nicht zu groß werden lassen;  die Versorgung der Welt mit (genug guten) Lebensmitteln sicher stellen; die Abhängigkeit vom Öl reduzieren etc. etc.

Aber keine Angst, wenn die Zukunft ein wenig spröde klingt. Es sind die Gegenwart und der Augenblick, die uns in Zukunft immer wieder überraschen werden – und bei genügend Talent zur kleinen Euphorie zwischendurch – uns auch immer mal wieder glücklich machen werden. Wie der Tweet von Josh Bernoff heute früh. Dafür sorgen wir digital Vernetzten sowieso…

Verlust der Deutungs-Hoheit


Die Zeitungen in Deutschland sterben 2030?

Jetzt wissen wir es endlich genau. Der amerikanische – selbsternannte – Futurist und Strategieberater Ross Dawson hat es in seinem Blog gewagt, das Ableben der Zeitungen in ihrer gedruckten Form (engl. „newspaper„) weltweit exakt zu terminieren. Das geht 2017 in den USA los, 2019 folgt Großbritannien, 2020 Kanada und Norwegen. Deutschland hat seiner Meinung nach noch eine Galgenfrist bis ins Jahr 2030. Ganz am Ende der Entwicklung stehen die Mongolei (2038), Argentinien (2039) und das komplette Afrika (2040+). (Die komplette Weltkarte dazu ist beigefügt.)

Wäre man zynisch, dann könnte man solch eine Prognose als smartes Akquisetool und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme werten. Denn die Reaktion auf das exakt datierte Zeitungs-Dahinscheiden ist weltweit schon beträchtlich und diese Aufmerksamkeit und die Chuzpe, genaue Jahreszahlen zu prognostizieren, garantiert Einladungen zu Vorträgen, Symposien und Kongressen.

Self Fulfilling Death

Solch exakte Terminierungen sind natürlich, trotz aller Rationalisierungen, ein Unsinn. Aber sie können durchaus zu einer Selffulfilling Prophecy werden, je nachdem, wie hysterisch die Reaktion vor allem der Betroffenen ausfallen wird. Denn bei allen wirtschaftlichen und technischen Imponderabilien, die Ross Dawson aufzählt, werden vor allem Faktoren, die er in seiner Analyse nicht bedacht hat, über das Fortleben von Zeitungen in gedruckter Form entscheiden. In digitaler Form, auf Lesegeräten und Foliendisplays wird es Nachrichten- und Feature-Inhalte sowieso weiter geben. Gratis höchstwahrscheinlich oder teilweise mit verdeckter Finanzierung durch Nutznießer von stets aktuellen Inhalten – und das werden in dem zur Debatte stehenden Zeitraum kaum mehr Werbetreibende im heutigen Verständnis sein.

Papierlogistik mit angeschlossener Intelligenzia

Das Problem ist also nicht, dass wir nach einem wann immer zu datierenden Zeitungssterben ohne Nachrichten und Meinungen auskommen müssen. Das Problem ist einzig und alleine, dass bislang zu diesem Zweck Unmengen von Papier bedruckt und zu den weit verstreuten Lesern transportiert werden müssen. Die Medienhäuser heute sind eben eher Papier- und Drucklogistiker mit angeschlossener Verwaltung und – im besten Fall – mit einer kleinen angeschlossenen schreibenden Intelligenzia.  Um das Ende dieser Medienhäuser und ihres Businessmodells geht es letztendlich. Und klar ist, dass hier Länder, in denen die Logistik des Zeitungsverteilens besonders aufwändig ist, weil die Entfernungen zu den immer verstreuter werdenden Lesern weit sind, als erste vom Zeitungssterben heimgesucht werden könnten. Also etwa die USA.

Einfluss-Faktoren und blinde Flecke

Ross Dawson hat seiner Prognose eine Menge Faktoren zugrunde gelegt, die durchaus in der Bewertung der Zukunftsperspektiven von Zeitungen Sinn machen. Global gesehen: Verbreitung und Kosten von Smartphones, ePads, Bildschirmfolien, Entwicklung des Anzeigenmärkte, der Druckkosten und der Vermarktungsmöglichkeiten digitaler Inhalte. Regional haben die demographische Entwicklung, technologische Besonderheiten (Bandbreiten), Branchenbesonderheiten (z. B. öffentlich rechtliche Medien), die Besitzverhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung, Gesetzgebung und das Kundenverhalten Einfluss auf die Lebenserwartung von auf Papier gedruckten Medien. (Alle Faktoren – auf Englisch – hier.)

Das ist alles soweit richtig, lässt aber ganz wesentliche Faktoren außer acht oder wertet sie nicht richtig. Das sind wirtschaftliche, personelle, inhaltliche und strukturelle Faktoren. Wie schnell und unbarmherzig der Umbruch von analogen auf digitale Medien gehen kann, das hat die Fotoindustrie bereits exemplarisch vorgelebt. Hier hat sich der Markt innerhalb eines halben Jahrzehnts komplett gedreht.

Quelle: GfK

Die Verkaufszahlen (der GFK) zeigen das eindrucksvoll. (Grafik anbei.) Solche Entwicklungen haben eine exponentiale Dynamik – und sind unumkehrbar. Und je schneller die Kosten für Papier, Transport und Verteilung steigen, desto schneller versagt das Businessmodell und der Punkt ist erreicht, an dem es sich nicht mehr rechnet, Zeitungen zu drucken. Der wesentliche Faktor, der diese Entwicklung beeinflusst (und beschleunigt), ist der Mensch – und zwar gleichermaßen auf der Verbraucher- als auch auf der Produzentenseite.

Zeitungen von gestern

Je nachdem in welcher Geschwindigkeit Menschen Zeitungen nicht mehr attraktiv finden und sie für verzichtbar halten, desto schneller werden Werbekunden nicht mehr Anzeigenseiten buchen – und desto weniger rentabel wird der Vertrieb.

Auslöser, warum Menschen Zeitungen für verzichtbar halten, sind auch technische Entwicklungen. Wenn man wie heute ganze Sektionen der Zeitungen am Morgen überblättern kann, wenn man aktiv News in Online-Medien verfolgt, weil man alles schon weiß und tags zuvor gelesen hat, dann lässt das so manchen überlegen, eine Zeitung nicht mehr zu kaufen oder sein Abonnement aufzugeben.

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Qualität der Zeitungen kaum mehr mit denen der Online-Medien mithält, weil die Redaktionen kaputt gespart wurden. Bestes Beispiel ist hierfür Berlin. Wer dort die Tageszeitungen durchschaut, erlebt quer durch alle Tageszeitungen kaum mehr irgendwelchen Mehrwert gegenüber den Online-Medien.

Verlust der Bedeutungshoheit

Das viel gravierendere Problem aber ist, dass die Print-Medien drohen, die Bedeutungs-Relevanz und jede Zeitgeist-Kompetenz zu verlieren. Christian Jakubetz, Journalist und Journalismus-Dozent hat das in seinem JakBlog in 10 Thesen zur Zukunft der Zeitungen perfekt auf den Punkt gebracht: „Die Tageszeitungen vergreisen in ihren Redaktionen“.

Fakt ist: Junge Journalisten zieht es nicht mehr in Zeitungs-Redaktionen, und dort wären für sie auch gar keine Plätze frei, weil Personal abgebaut wird. So organisieren dann ältere Redakteure, die der Kündigungsschutz geschont hat, Inhalte für ihresgleichen.

Jeder Versuch, imaginäre jüngere Zielgruppen zu erreichen, muss fast notwendigerweise scheitern. Das System des Print-Journalismus ist schon lange nicht mehr für neue Ideen und neue Themen durchlässig. Dazu ist es seit langem wirtschaftlich wie ideologisch unter Druck. Hinzu kommen Standesdünkel, Selbstgenügsamkeit und Besitzstandswahrung.

Als Verleger Arno Hess und ich als Chefredakteur 1979 die „Münchner Stadtzeitung“ gründeten, waren wir damals auch Nutznießer solch einer Verkrustung der journalistischen Strukturen. Das war damals der Zeitpunkt, als durch das Aufkommen neuer Produktionsmethoden (Kugelkopfschreibmaschine, Offset-Druck) die Produktion neuer, billiger produzierter Zeitungs-Medien technisch und wirtschaftlich möglich war. Und eine neue Generation von Schreibern und Fotografen, teilweise von den Journalistenschulen, teilweise Autodidakten wie ich selbst, konnte sich hier ausprobieren. Sie konnten einen neuen, jüngeren Schreibstil entwickeln, neue Themen entwickeln, kritischer zupacken, neue optische Sichtweisen ausprobieren und nicht zuletzt eine neue Art von Service-Journalismus kreieren.

Bluttransfusion für die Zeitungen

Der wirtschaftliche und inhaltliche Erfolg der Stadtzeitungen – und in ihrer unmittelbaren Folge die Zeitgeistmagazine Tempo und WIENER – waren eine (nötige!) Bluttransfusion für einen sich damals relativ selbst genügenden Journalismus. Fast alle Autoren von damals schreiben heute in den großen Zeitungen und Zeitschriften: Spiegel, Focus, SZ, AZ, Zeit, taz, FAZ, sind im TV- und Filmbusiness oder haben eigene Verlage und Redaktionsbüros aufgemacht.

Ich war 27, als ich die Münchner Stadtzeitung gründete. Und ich war einer der ältesten der Redaktionsriege. Beim WIENER war Wolfgang Maier auch noch keine 30, als er die Chefredaktion übernahm, gleiches gilt für Markus Peichl (Tempo). Das schuf Chancen für junge Schreiber und Talente, wie sie heute undenkbar sind.

Ohne Kontakt zum Neuen

Das garantierte, dass sich die junge Generation in Stil und Inhalten wiederfand. Das war das Erfolgsrezept der Stadtzeitungen quer durch die Republik, allen voran TIP und Zitty in Berlin. Heute findet diese Generation ihre Themen und Ideen bestenfalls in Online-Medien, vor allem aber in den Sozialen Netzwerken. Sie sind für das Zeitungsbusiness ein für allemal verloren.

Wer aber die jungen Menschen als Publikum verliert, der kann keine (neuen) Themen mehr setzen, der kann nicht authentisch den Zeitgeist prägen – oder wenigstens repräsentieren. Der kann nicht wirklich Neues leisten, weder inhaltlich, noch optisch, weder rational, noch emotional. Dann hat sich ein (Massen-)Medium überlebt. Dann bleibt nur die Nische – und für die gelten völlig andere wirtschaftliche Bedingungen.

Ich halte daher die Einschätzung von Ross Dawson, dass in Deutschland 2030 die Zeitungen sterben werden, eher für zu vorsichtig. Ich stimme der Meinung von Christian Jakubetz zu: „Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.“

Zoe’s World


Ein Blick in die Zukunft

Besuch in Berlin. Eine ganz normale U-Bahnfahrt Richtung Uhlandstraße. An der Haltestelle steigt ein Vater mit seiner kleinen, süßen Tochter im heute üblichen Sportbuggy ein. Das Einrangieren dauert in der Enge der Berliner U-Bahn. Das Kind, leise durchgerüttelt, gibt lustige Laute unter seinem Schnuller von sich. Klingt irgendwie wie „eipot, eipot“. Allmählich wird das zur klaren Forderung: „ipod!“ „ipod“

Wir haben uns nicht verhört. Tatsächlich gibt der Papa der kleinen Tochter einen iPod in die Hand. Sie nimmt das Teil zufrieden und fachmännisch, sucht sich in aller Ruhe ihr Lieblingsprogramm – scroll rauf, scroll runter – und fängt an zu spielen. Sichtlich mit großem Vergnügen und in aller Ruhe.

Alle herum staunen und schauen fasziniert dem Kind zu. Und irgendwann drehen sich die Köpfe auch in Richtung Vater. Der kennt das wohl schon und merkt entschuldigend an: „Das hat sie von der Mama, von mir hätte sie es nicht bekommen.“ Er wirkt aber sehr entspannt dabei.

Cool und relaxt, selbstverständlich

Wir kommen ins Gespräch. Sein rosa gewandetes Töchterchen ist zwei Jahre alt (in Zahlen: 2) und hat das Gerät, seit sie es das erste Mal in die Hände bekommen hat, sofort beherrscht. Man sieht es. Sie geht mit einer extremen Entspanntheit mit dem iPod um. Keine hektischen Bewegungen, alles sehr selbstverständlich, ja elegant. Und zugegeben, die winzigen Fingerchen in dem Alter sind für die Handhabung wirklich besonders gut geeignet.

Zoe heißt die Kleine und nimmt inzwischen das Interesse an ihrer Person bzw. ihrem Lieblingsspielzeug wahr. „Meins!“ spricht sie mehrmals aus ihrem Schnuller . „Meins!“ Aber als ich ihr versichere, dass ich gar nicht vorhabe, ihr ihr Spielzeug zu nehmen und ihre Fähigkeiten bestaune, ist alles gut. Sie nimmt nun sogar den Schnuller aus dem Mund und fängt an, mir ihr Spiel zu erklären.

Stimmungs-Aufheller

Ich frage den Vater, ob das Wundermittel iPod immer funktioniert? „Immer!“, versichert er mir. Und Zoe ist tatsächlich stets gut gelaunt? „Sie ist wirklich durchgängig freundlich und lustig!“ Zoe strahlt und wählt ein anderes Programm aus. Diesmal gibt es ein süßes Video mit einem kleinen animierten  Elefanten zu sehen.

Die Situation ist in sich einerseits so putzig und dabei so absurd, dass man sich unwillkürlich umsieht, ob nicht gerade ein Werbespot von Apple gedreht wird. Wird er nicht. Aber eigentlich schade drum. Ein überzeugenderes Modell als Zoe kann es eigentlich nicht geben, um die Vorteile und die positiven Effekte des iPod – und damit der kompletten Produktfamilie – zu bebildern. Was wir hier sehen ist „intuitive Nutzung“ par excellence.

Die Szene und der Umgang von Zoe mit dem Gerät und der lustigen Kommunikation, die sich daraus entwickelt, ist so positiv, dass man nur schwer die üblichen Vorurteile gegen die Nutzung aus dem Bedenkenträgerspeicher ziehen kann. Hier ist ein Kind, das die Interaktion mit seinem Spielzeug absolut zu genießen versteht. Eine freundliche, lustige Zweijährige, deren Fingermotorik extrem weit entwickelt ist, und die sichtbar von ihrer Intelligenz her ihrem Alter weit voraus ist.

Bedenkenträger mit leeren Händen

Sie spielt mit aller Freude und baut sich dabei sichtlich ihr eigenes Phantasiereich auf – und das reagiert sogar auf sie. Nur sind das keine Bauklötzchen, sondern virtuelle Pixelhaufen, mit denen sie spielt. Und statt in einem Kinderbuch, blättert sie durch (stumme!) animierte, kurze Kindervideos.

Der übliche kritische Reflex, dass Kinder in solch einem Alter so etwas nicht tun sollen, funktioniert nicht recht, nicht mal auf der rationalen Ebene. In Wahrheit gönne ich dem Kind die Freude, das es mit seinem Spielzeug hat. Und wenn es stimmt, dass sie damit nachhaltig fröhlich ist, wunderbar. Die fünf, sechs Stationen, die wir gemeinsam gefahren sind, haben jedenfalls viel Spaß gemacht. Ein kleiner Sonnenschein spielt mit viel Freude und kommuniziert fröhlich.

Irgendwann drückt mir Zoe sogar den iPod in die Hand. Von wegen: „Meins!“ Ich soll auch mal spielen. Kucke ich vielleicht nicht freundlich genug? Doch tue ich. Und dann will sie mir noch ihr Lieblingsvideo zeigen. Kurz im Menü gesucht, und – schwupps – ist es da.

Leider muss Zoe schließlich aussteigen. Wir winken ihr hinterher. Der komplette Waggon grinst und schüttelt bewundernd den Kopf. Keiner stänkert. Zoe hat uns verzaubert.

Die Ahnung einer Medien-Zukunft

Ich bin dankbar, hier einen ersten, kurzen Blick in die Zukunft der Medien erhascht zu haben. Wie werden Menschen, die von kleinauf so souverän Geräte bedienen, interaktiv tätig sind, die so viel Freude an so etwas haben und dabei so normal agieren, in Zukunft mit Informationen, Medien und Tools umgehen? – Unvorstellbar! Aber erahnbar!

Und nicht einmal jetzt am Abend, wenn ich die Geschichte aufschreibe, will sich der rationale Miesepeter aufraffen und all die Argumente, die dagegen sprechen, dass Kinder so früh mit – geeigneten! – digitalen Geräten umgehen, aufsagen.

Alles Gute, Zoe!

Wann kommt der Netzsprecher?


Alles nur ein Kommunikationsproblem!

Tausende gehen auf die Straße, um gegen die Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke zu protestieren. Tausende von ideologisch unverdächtigen Menschen, wohlgemerkt. Dasselbe in Stuttgart, um gegen die Tieferlegung des Hauptbahnhofes zu demonstrieren. Auch hier ein eher bürgerliches Klientel ganz vorneweg. Das irritiert sogar hartgesottene Politiker, dass hier gegen ihre sorgsam austarierten Entschlüsse so massiv vom ureigenen Wählerreservoire aufbegehrt wird.

Wenn die Reaktion der Politik nicht gleich narzisstisch gekränkt ausfällt – „alle wohlstandsverwöhnt!“ – dann wird unweigerlich ein Kommunikationsdefizit als Grund für die Proteste ausgemacht. Undenkbar die Vorstellung, dass die weisen Entschlüsse der Politik vielleicht einfach nicht gewollt werden, ja möglicherweise falsch sind. Nein, sie sind dem aufsässigen Volk nur nicht auf die richtige Weise nahe gebracht worden. Ein bisschen hat das die Haltung von einem genervten Vater, der  – in immer gereizterem Ton – versucht, dem Widerstand seines trotzigen Sohnes irgendwie Herr zu werden. Lehrer Lämpel lässt grüßen.

Na dann, viel Spaß! Die Wahrheit ist doch, dass sowohl bei der Atomenergie als auch bei Stuttgart21 sich eine Protestbewegung als Netzwerk organisiert hat und vor allem per Internet, hier speziell über mobile Geräte (Handy, Smartphone). Auf diesem Weg sind auch die Argumente dagegen verbreitet worden. Denn in der Presse hat man dazu, speziell bei Stuttgart21, wenig Kritisches zu lesen bekommen. – Das auch zum Thema schlechte Kommunikation: Die Pro-Argumente wurden mehrheitlich auf konventionellem Weg (Print) verbreitet, die Gegenpositionen eher digital.

Asymmetrische Kampflinien

Wie aber will man überhaupt virale Wirkungen erzielen und Netzwerkeffekte nutzen, wenn man nicht auf den ureigensten Interessen derer aufsetzt, die die Suppe später auslöffeln müssen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Nie wird bei uns ein technologisches Projekt eine ähnliche emotionale Wirkung erzielen wie es – berechtigte – Ängste um radioaktive Verstrahlung, Atommüll und Sorgen um die Startbedingungen kommender Generationen tun.

Wie solch asymmetrisch veranlagte Konflikte ausgehen müssen, hat nicht zuletzt der überraschend klare Erfolg der Anti-Raucher-Initiative in Bayern gezeigt. Hier hat eine gut vernetzte, hoch motivierte, aber finanziell schwache Initiative gegen eine gut finanzierte Kampagne der Raucher- und Gastronomieklientel gewonnen. Erstere mobilisierte viele junge und gesundheits- und umweltinteressierte Menschen an die Urne zu gehen (ich sah bei der Abstimmung viele junge Familien auf dem Weg zu oder von den Wahllokalen), während diejenigen, deren ureigenste (Raucher-)Interessen beschränkt wurden, keinerlei Solidarisierungswirkung erzielen konnten. Gemeinwohl siegte so klar über Individualinteresse.

Kurios ist, dass die Anti-AKW-Bewegung seit je her computer- und später internet-affin war. Entsprechend gut sind hier bis heute die Aktivierungs-Effekte. Eher überraschend ist, dass sich auch die Bewegung in Stuttgart so schnell digital organisiert. Das hat ihr große Vorteile in der Auseinandersetzung mit den Staatsorganen gebracht. Vor allem wenn diese technisch nur mit dem Hilfsmittel des Polizeifunks mithalten kann. (Und der ist bis heute noch analog, oder?) Schön kurios. Die Verfechter der baulichen Moderne (Bahnhof im Untergrund) kämpfen mit veralteten, analogen medialen Mitteln gegen konservative Bewahrer, die bei ihrem Kampf auf modernste digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Politik per SMS

Die mangelnde digitale Kompetenz in Sachen Promotion und Kommunikation ist typisch für die Politik. Hier wird Digitalität nicht gelebt, sondern eher versucht, sie mit legislativen Mitteln in Griff zu bekommen. Es reicht eben nicht, Politik per SMS zu können, wie sie Angela Merkel praktiziert. SMS beweist keinerlei digitale Kompetenz. Und immer mal wieder eine Videoansprache auf YouTube einzustellen, zeigt keine Social Media-Kompetenz. Wie will solch ein Apparat auf die Netzwerkkräfte einer digitalen Vernetzung und auf die tief emotionalisierende Überzeugungskraft einer Mobilisierung über kenntnisreich und authentisch genutzte Social Media mithalten?

Es ist ja kein Zufall, dass es schon als Schritt in die Gegenwart gesehen wird, wenn statt eines Print-Journalisten, wie es seit je üblich war, jetzt mit Steffen Seibert ein TV-Anchorman zum offiziellen Sprachrohr der Kanzlerin gemacht wird. Wie lange wird es noch dauern, bis ein Mensch, der mit dem Internet aufgewachsen ist und in Social Media vernetzt ist, Pressesprecher wird – oder wenigstens Steffen Seibert entsprechend unterstützt. (Obama macht das schon längst…)

Pyramide der Macht

Digitale Kompetenz wird aber so lange in der Politik und der staatlichen Verwaltung nicht möglich sein, solange hier noch im alten hierarchischen Denken verharrt wird. Und das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Denn gerade diese Pyramide der Macht, gerade das lustvoll gelebte Ober-sticht-Unter-Prinzip macht doch den speziellen Reiz der Politik aus. Gäbe es nicht die Aussicht, reale Macht zu haben und ausüben zu können, welch halbwegs vernünftiger Mensch würde sich den Tort der Kärrnertour durch die Parteiorganisationen – und die stete Frustration mit den uneinsichtigen Wählern – antun, die so gar nicht verstehen wollen, welch segensreiche Entschlüsse die Politik für sie fällt. Politiker ohne Lust an der Macht, die müssen erst noch erfunden werden…

Vielleicht wäre inhaltliche Arbeit besser als jeder Versuch, hässliche Geschenke an die uneinsichtige Wählerschaft wohlfeil zu verpacken. Das hat keine Chance, also packt es lieber nicht neu ein!