Wirkung und Piraten


Krise der Krise

Wenn man Nachrichten liest oder im Radio hört oder im TV sieht, dann ist es ein Wort, das wirklich keiner mehr hören will und kann: „Krise“. Wenn es eine veritable Angst vor Inflation gibt, dann vor dem inflationären Gebrauch dieses Wortes. Kein Tag ohne neue Volte zum Schlechten, kein Tag mit einem neuen Plan, alles in den Griff zu bekommen. Zugegeben, das politische Personal für die Perma-Krise ist hochqualifiziert. Papandreou und speziell Berlusconi sind echte Garanten für Sisyphos-Arbeit, denn sie haben beide eine andere Agenda als die der Rettung des Euros: die Rettung der eigenen Karriere bzw. dem Entrinnen strafrechtlicher Verfolgung.

Cover der englischen Neuausgabe von George Orwells "1984". Wie zeitgemäß das ist: "Ignorance is Strength". Silvio Berlusconi & Co,. lassen grüßen.

Mich erinnert dieses Trommelfeuer an Krisen-Situationen – und Krisen-Unkereien – sehr an die mediale Unterjochung durch Dauerkonflikte, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat. Faszinierend, wie nach 10 Jahren Dauerstress durch den Kampf gegen Osama bin Laden und seine Terrorkommandos jetzt ein neuer Schauplatz von Angst und Schrecken mit viel Potential für „nachhaltige“ Krisenkultur entstanden ist. Angela Merkel schätzt schon mal, dass es mindestens zehn Jahre dauern wird, bis die Krise des Euros oder wahlweise der Banken oder des Finanzsystems behoben sein könnte. Auch eine Art von Verlässlichkeit.

Mediale Sozialisation

Ich hatte im (Humanistischen) Gymnasium das Privileg, im Deutsch- und Sozialkundeunterricht ca. ausgiebig „Medienkunde“ zu haben (anno 1972!) und ausgiebig die Wirkungen von Presse, Presseagenturen (!) und TV vermittelt zu bekommen. Aber meine wirksamste mediale Sozialisation habe ich im Englisch-Unterricht bekommen, eben durch Orwells „1984“. Da habe ich erahnen können, wie manipulierte und manipulierende Medien Wirkungen auf eine Gesellschaft und ihre Kultur haben können.

Wie viel Wirkung die Medien  wirklich haben, konnte ich dann über Jahre im praktischen Selbstversuch erleben. Bei der Münchner Stadtzeitung und beim WIENER. Mal bitterernst, wenn es um investigative Geschichten wie die „Schwarzen Sheriffs“ oder die Gründung von „AIDS-KZs“ ging. Oder auch extrem kurios, wenn wir etwa den Müll von Prominenten analysierten oder den reichsten und mächtigsten Deutschen einen Scheck über 1,23 DM schickten, dessen Einlösung teurer als der Wert des Schecks war. (Der ernste Teil war, dass ich jahrelang kein Konto mehr bei einer großen deutschen Bank eröffnen konnte.)

Nächtliche Rache

Die wohl kurioseste Wirkungs-Episode war dann über Jahre die eher anstrengendste. Bei der Münchner Stadtzeitung hatten wir des Öfteren für unsere Leser auch Spiele entwickelt und mit der Zeitung ausgeliefert. Brettspiele mit sehr kreativen und vielleicht auch gemeinen Aufgaben. So bekam man etwa entsprechend viel Punkte für jede Minute, die man einen willkürlich angewählten Telefonpartner im Gespräch hielt.

Was wir damals nicht recht bedacht hatten war die Tatsache, dass solche Spiele gern spät nachts gespielt werden – und dann die Hemmschwellen eher niedrig sind. Der Endeffekt war jedenfalls, dass ich über Jahre hinweg immer wieder nachts Anrufe bekam – auch um 3 oder 4 Uhr morgens – um mit mir viele Minuten am Telefon zu verbringen, um Punkte zu sammeln. – Wie witzig. – Aber wir hatten halt findige Leser.

Sind Sie der Konitzer?

Wie sehr TV wirkt, habe ich dann viele Jahre später durch Günther Jauch erleben dürfen. Ich war für meine Ex-Frau Beate, die es in die Sendung „Wer wird Millionär“ geschafft hatte, als Telefon-Joker vorgesehen. Ich war an dem Tag der Aufzeichnung aber in Italien in Urlaub, aber unser Urlaubsdomizil hatte einen Festnetzanschluss. Nachmittags war schon ein Kontrollanruf – und dann hieß es, ich sollte mich bis 22.00 Uhr bereit halten, so lange dauert die Aufzeichnung. Kein Problem, ich wartete und drückte Beate die Daumen, dass sie es auf den Stuhl schaffen möge.

Die Zeit verrann, ich war nie weiter als 10 Meter vom Telefon entfernt. Ich traute mich nicht mal aufs Klo zu gehen, man weiß ja nie. Irgendwann war es 22.00 Uhr. Aber ich hielt noch durch, man weiß ja nie. Erst um 22.30 Uhr wagte ich mich auf die Toilette – und es kam wie es kommen musste, genau dann klingelte das Telefon. Ich schaffte es noch innerhalb der vereinbarten fünf Klingelphasen, und tatsächlich Günther Jauch war am Telefon.

Ich hatte mir eine Strategie zurecht gelegt, wie ich das Gespräch lenken wollte, um möglichst viel Andeutungen zur Frage vorab zu bekommen. Abgesehen davon, dass ich schon gestresst an den Hörer kam, nahm mir Günther Jauch sofort allen Wind aus den Segeln mit der Frage: „Sind Sie der Michael Konitzer?“ Er kannte mich und meine Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung und beim WIENER inklusive meiner investigativen Recherchen und interviewte mich dazu in aller Länge. Auch so kann man Wirkung erzielen. – Ich habe dann tatsächlich die Frage beantworten können – es ging um den Ural als drittlängsten Fluss Europas. – Beate war mir sehr dankbar…

Die nächsten Tage habe ich dann real erfahren, wie bekannt man werden kann, wenn man in einer gern gesehenen Sendung nur per Telefon erlebbar ist. Die Nachbarschaft, alle Verkäufer, die meinen Namen kennen, Kollegen, Freunde und eher unbekannte Menschen riefen an und schrieben Mails. (Das war noch weit vor Erfindung von Facebook & Co.) Noch Monate später wurde ich immer wieder auf Jauch und meinen Cameo-Auftritt angesprochen.

Ohnmacht vor Piraten

Diese (kleine) Wirkungshistorie von Medien im Hinterkopf, bin ich dann doch erschrocken, wie sehr die etablierten Medien an Durchschlagskraft und Effizienz verloren haben. Den Zeitungsmachern und TV-Redakteuren muss doch der Schrecken in die Glieder gefahren sein, als sie nach der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses sehen mussten, wie die Piraten fast 8 Prozent der Stimmen eroberten, obwohl sie so gut wie keine Presse bekommen hatten und in keine TV-Runde im Vorfeld der Wahl eingeladen waren. Man kann heute auch abseits der großen Meinungsmacher Wahlerfolge feiern.

Und diesen Gedanken weiter gedacht: Wie wenig Wirkung zeitigt letztlich doch die kontinuierliche Bombardierung der Bevölkerung mit wirtschaftlichen Untergangsszenarien. Wie krisenimmun sind wir letztlich schon geworden. Wir widerstehen nicht nur alljährlich neu beschworenen Killerviren und drohenden Epidemien. Wir geben sogar unbeirrt weiter unser Geld aus, vielleicht sogar etwas mehr mit leichter Hand, wenn es denn schon bald nichts mehr wert ist. Wir lassen uns nicht unterkriegen. – Und das ist gut so.

Damit hat Orwell nicht gerechnet, dass man immun gegen Panikmache und Krisenbeschwörungen werden kann.

Angst & Keime


Don’t touch Sagrotan 

Es gibt nichts Schöneres, als wenn eine Firma wirklich ihre Kunden versteht, ihre geheimen Ängste, ihre verborgenen Wünsche. Und was brauchen zwanghafte Menschen, die sich von Herzen vor Keimen und Bakterien fürchten, dringender als eine Automatik, die ihnen keimtötende Substanzen auf die Hände sprüht, ohne dass sie dafür einen Hebel bedienen müssen? Schließlich könnten ja gerade dabei neue Keime auf die Hand kommen. Dass diese Sekunden später durch genau die aufgetragene, Keim vernichtende Substanz abgetötet werden, kümmert einen konsequent zwanghaften Menschen ja nicht.

Zwang ist nun mal nicht mit Ratio in Griff zu bekommen. Und das weiß Reckitt Bensicker, die sich auf aggressive Reinigungsprodukte spezialisiert haben. Ihre 17 Keim- & Schmutzvernichter vermarktet die Firma sinnigerweise unter dem Motto „Keep Customers Delighted“. Beispielsweise eben mit „No Touch Sagrotan“.

Es lohnt sich auch das Video anzusehen, mit welch unsubtilen Mitteln der Zielgruppe das neue Produkt nahe gebracht wird. Es ist so gesehen dann schon wieder Realsatire. Natürlich sind die Helden des Werbespots Kinder. Die wilden Racker neigen ja dazu, Schmutz und Keime in die so sorgsam steril gehaltenen Küchen zu bringen. Zum Beispiel, in dem sie dort mit (seltsam sauberen) Kröten spielen. Das macht die Patsch-Händchen ganz keimverseucht. (Das wird mit roten Stäbchen auf seltsam krötenfarbenem Untergrund symbolisiert.) Und Mami kocht und fasst rohes Fleisch an – igittigitt – und Papi fasst in den Müll – igittigittigittigitt!

Das Leben endet meistens tödlich

Es ist so leicht, sich über zwanghafte Menschen lustig zu machen, die Angst vor der Wirkung von Keimen und Bakterien haben. Und kein Business ist so leicht und ersprießlich wie das Geschäft mit der Angst. Hier sind Wirkung und Ertrag fast garantiert, weil die Ratio als Kontroll-Element keine Chance hat. Dass die Werbung das so oft und gerne ausnutzt, ist traurig, aber logisch. Schade ist nur, dass ausgerechnet die Medien, denen bislang eigentlich die Rolle der Aufklärung und so der einzig wirksamen rationellen Kontrolle zukamen, jetzt in ihrer selbst verordneten Existenzangst auch lieber auf Ängste als auf deren Abbau setzen. Keine Woche, in der nicht eine Meldung über neue, ganz schlimme Keime durch die Medien geistern. Eine ganz sichere Sache das, denn das Leben endet nun mal meistens tödlich…

Erreger in Lebensmitteln und die Schuldenkrise sind dann auch die beiden größten Ängste der Nation, wie eine Studie feststellt. Entsprechend vergeht kein Tag mit neuen Untergangs-Szenarien des Euro, mit neuen Angstmachereien vor einer Wirtschaftsreform und einer Weltrezession. Nicht umsonst kritisiert die einzig funktionierende deutsche Reflexions-Institution Helmut Schmidt im aktuellen Interview der Zeit mit Giovanni di Lorenzo die Angstmache der Medien vor dem Verlust der Ersparnisse der Deutschen: „Wenn es Deutsche gibt, die Angst haben, dann ist ihnen die Angst gemacht worden. Zum Beispiel durch dicke Überschriften im Spiegel oder in der Bild-Zeitung. Dabei wurde die Bankenkrise des Jahres 2008 noch sehr vernünftig zurückhaltend kommentiert. Aber das ist vorbei. Jetzt machen fast alle in Angst – selbst in der Süddeutschen Zeitung habe ich schon gelesen, dass wir es mit einer Euro-Krise zu tun hätten. Aber das stimmt nicht. Wir haben es mit einer Krise der europäischen Institutionen zu tun.“

Die Wirtschaftspresse, die die erste Bankenkrise in ihrer Wachstumseuphorie so gar nicht hatte kommen sehen, will nicht noch mal auf dem falschen Fuß erwischt werden. Um so energischer und drastischer werden jetzt gebetsmühlenartig Untergangs- und Verarmungs-Szenarien gemalt. Mit dieser Haltung weiß man sich auf der sicheren Seite. Sollte es nun doch nicht so schlimm kommen, wird einem das im Nachhinein keiner übel nehmen.

Die Kartelle der Angst

Pavel Mayer, einer der Piraten, die in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen sind, beschreibt in einer Replik auf faz.net gut die „Kartelle der Angst“, die ihre Besitzstände zu verteidigen suchen: „Da sind die „Kartelle der Angst“, die sich dem Wandel entgegen stemmen. Es sind mehr oder weniger mächtige Interessengruppen, die Angst vor Veränderung haben. Sie glauben, dass ihre bisherigen wirtschaftlichen und politischen Erfolge sie moralisch dazu berechtigen, die Regeln der neuen Welt bestimmen zu können. Sie wollen weiter erfolgreich und mächtig sein, ohne sich so radikal ändern zu müssen, wie es die neuen Umstände der digitalen Welt erfordern.“ Was Pavel Mayer vergisst – oder übersieht – sind die Mittel, die diese Kartelle zur Verteidigung ihrer Besitzstände nutzen: Angst, blanke Angst. Ein Mittel, das in Deutschland schon immer funktioniert hat. Und in den USA sowieso.

Man erinnere sich nur an die Vision eines Unterdrückungsstaates, wie ihn George Orwell einst mit „1984“ beschrieben hat. Wer dieses Werk nur als Warnung vor Faschismus und/oder Stalinismus interpretieren mag, der greift zu kurz. Bei mir hat schon damals, als wir den Roman in der Schule (!) behandelt haben, vor allem die kontinuierliche Angstmache mittels Terrorismus, Krieg und anderen Katastrophen Beklommenheit ausgelöst. Schaut man heute Tag für Tag Nachrichten, sind wir so weit davon nicht entfernt. Einziger Unterschied ist, dass es uns im Gegensatz zu „1984“ wirtschaftlich gut geht. Umso besser funktioniert das Schreckgespenst, dass es damit schon bald vorbei sein könnte.

Die Stimme der Optimisten

Umso willkommener sind in diesen Zeiten die Stimmen von Gelassenheit und Optimismus. Matthias Horx, der nun wirklich nicht im Rufe eines Euphorikers steht, predigt in einem mehr als lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau auf überzeugende Weise Gelassenheit: „Angst ist ein Geschäft. Das muss man wissen, wenn man Krisen begreifen will. In einer durchgängig vernetzten Medienwelt bildet sich eine eigene Erregungs-Ökonomie, mit eigenen Gesetzen und neuen Stars. Aber auch hier gilt: Die Karawane wird weiterziehen. Was gestern die Islam-Angst war, ist heute Euro-Hysterie. Sich diesem Zirkus zu verweigern, das Spiel nicht mitzuspielen, ist eine Form mentalen Widerstands.“

Die Steigerung von Gelassenheit ist aktiver Optimismus – oder sogar der Glaube an das Gute – oder gar an die positive Absicht der Evolution. Der beste Protagonist dafür ist Matt Ridley. Sein Vortrag „When Ideas Have Sex“ auf der TED-Konferenz ist auf alle Fälle als Mutmacher und Kraftgeber immer wieder sehenswert. Inzwischen ist sein Buch „Wenn Ideen Sex haben“ auch in Deutschland erschienen. Andrian Kreye hat es sehr gut und ausführlich in der Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung bewertet.  Es tut einfach gut, auch aus wissenschaftlicher Sicht positive Nachrichten zu bekommen.

Schule zu Lebensmut

Ich bin einst als 16-Jähriger sehr nachhaltig von Zukunftsangst und Miesepetrigkeit geheilt worden (von einigen Rückfällen abgesehen). Es war ein alter, blinder Mann, der mir das ausgetrieben hat. Mein Vater hatte zu seinen Junggesellenzeiten im Berlin der Vorkriegszeit ein möbliertes Zimmer bei der Familie Kleina. Nach dem Tod meines Vaters besuchten wir noch einmal Hannes Kleina und seine Frau. Er war damals über 70, seit Jahren blind, er hatte Krebs und wusste, dass er nur noch wenige Zeit zu leben hatte.

Ich hatte aber noch nie zuvor (und ganz selten danach) einen Menschen mit solcher Lebenslust und solchem Lebensmut getroffen. Er genoss jeden Tag, war politisch informiert (per Radio & vorgelesener Zeitung), er ging ins Fußballstadion zu Hertha. Er sprühte vor Ideen, Begeisterung und war sich für sexuelle Scherze nicht zu schade. – Ich weiß noch, wie ich nach dem Besuch im Treppenhaus auf dem Weg nach unten geflennt habe. Seine positive Art war damals zuviel für mich gewesen. Sein Motto: „Ich habe nicht mehr lange zu leben, warum soll ich mir da auch nur eine einzige Stunde vermiesen lassen.“ Das beste Gegenmittel gegen Angstmache und ihre Folgen: LebensMUT!

Asymmetrie des Wissens


Sokrates hat recht – teilweise zumindest

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“ – Es ist doch manchmal ein Vorteil, auf einem Humanistischen Gymnasium gewesen zu sein. So hat man die wesentliche Erkenntnis von Sokrates früh vermittelt bekommen – und auch noch inhaltlich richtig im Sinne: „Ich weiß als Nicht-Wissender.“ Dieses Prinzip sollte der Ausgangspunkt eines lebenslangen (In-)Fragestellens sein – und der Reflexion – auch über sich selbst.

Heute wissen sehr viele Datenbanken sehr viel über mich – davon darf man ausgehen.Vorgeblich können damit Profile über mich erstellt werden, die meine innersten, vielleicht auch geheimsten Wünsche entlarven. Es heißt sogar, die Algorithmen der Datenbankeigner durchschauen mich irgendwann besser als ich mich selbst. „Ich kenne dich besser als du selbst!“ Diesen Satz habe ich einst aus dem Mund meiner Mutter gehört, als ich ernst machte mit der Abnabelung von zuhause. Und ich wusste damals nur allzu gut, dass sie nicht recht hatte. (!!!)

Manipulation statt Anamnese

Ähnlich geht es mir mit den Datenbankprofilen. Ich bin mir relativ sicher, dass die Komplexität, die Sensibilität und Intelligenz von Maschinen und die sie steuernden Algorithmen so lange mehr als beschränkt sein müssen, solange sie von Menschen programmiert werden. Vor allem auch so lange, als der erwünschte Erkenntnisgewinn von psychologisch eher schlicht gestrickten Marketing- und Vertriebsmanagern bestimmt wird. (Siehe dazu auch meinen Blogeintrag: Der Gläserne Mensch.)

Eine tiefenpsychologische Anamnese eines Kunden, wie sie mit einem umfangreichen Arsenal von im Internet und Konsumenten-Datenbanken gesammelten Daten im Idealfall möglich sein könnte, ist nur hilfreich, wenn dabei wirklich verborgene Wünsche zu Tage kämen, die den Menschen individuell weiterbringen – und die dazu noch real finanzierbar wären. Meine Befürchtung aber ist, dass es Marketing und Vertrieb immer noch viel zu gerne darauf anlegen, Konsumenten zu manipulieren, um ihnen statt individuell gewünschter (und finanzierbarer) Wunschprodukte lieber irgendwelche Produkte aufzuschwätzen, die sie nicht brauchen, die sie sich nicht leisten können. Das alles nur der lieben Rendite und womöglich der Bonifikation der jeweiligen Manager zuliebe.

Wissen ist Macht

So lange das hierarchische Prinzip der alten Produktions- und Vermarktungsweise von oben nach unten weiter beibehalten wird und die Haltung praktiziert wird, dass man selbst (oben) am besten weiß, was die Kunden wollen, kann eine Analyse oder Interpretation von Kunden anhand von Daten nicht funktionieren. Solange nicht sichtbar und real erlebbar wird, dass Kundendaten zugunsten der Kunden, gerne auch in einer Win-Win-Situation, ausgewertet werden, sondern zur Erhöhung von Umsätzen und Renditen, vulgo zur Belohnung der Einfallslosigkeit von Produktentwicklern und Vermarktern, muss man bei allem Verständnis für eine offene Datenwelt der Zukunft erst einmal noch Vorsicht walten lassen, sprich die Privatsphäre des Einzelnen mittels Datenschutz berücksichtigen. Das kann man restriktiv tun, wie es in Europa und speziell in Deutschland allzu gerne betrieben wird, es ginge aber auch anders.

Zur Zeit ist die Wissensmacht im Internet schmerzhaft asymmetrisch. Die Datensammler wissen so viel über uns, wenn sie die richtigen Daten verknüpfen und intelligent daraus Schlüsse ziehen. Wir dagegen haben keinerlei Ahnung, was genau über uns gespeichert ist, ob die Daten überhaupt zutreffend sind – und am wenigsten ahnen wir, welche Schlüsse die auswertenden Algorithmen über uns ziehen. Was ist da zu unserer Kreditwürdigkeit errechnet worden – und mit welchen Daten? Welche geheimen Bedürfnisse sind über uns ermittelt – und gespeichert? Gelten wir als guter, als schlechter, als renitenter oder als dummdoofer Kunde? Wir haben davon keine Ahnung. Die einen sitzen im Dunkeln – und die anderen wissen – angeblich – alles.

Das Gleichgewicht des Datenschreckens

Diese Asymmetrie ist so nicht akzeptabel. Um wenigstens ein wenig ein Gleichgewicht (des Datenschreckens) herzustellen, müsste für jeden Einzelnen von uns Einsicht auf alle über uns gesammelten Daten gegeben werden – und die Schlüsse, die daraus gezogen werden (können). Und wirklich alle Daten, natürlich nur für jeden einzelnen User. Und natürlich darf dieses Wissen nicht als undurchsichtiger Datenwust präsentiert werden, sondern ganz schick aufbereitet.

Wie so etwas aussehen kann, machen etwa die unterschiedlichen Monitoring-Dienste schon mal vor. Da kann man zu den Social Media Daten, die zu einem Stichwort, einem Firmennamen etc. gesammelt werden, in schön aufbereiteten Tortengrafiken, in Manometer-Skalen, in Statistik-Balken – und natürlich in bunten Farben. Digital Dashboard heißt so etwas, das digitale Armeturenbrett. Dort ließe sich etwa ganz kulinarisch die eigene Kreditwürdigkeit ablesen – samt möglicher Bewegung hin zum roten Bereich. Man könnte seine Obsessionen in bunten Info-Grafiken bewundern, samt ihrer kontinuierlichen Veränderungen. Man kann seine Hitzigkeit im Umgang mit Behörden oder Call Centern an einem Thermometer ablesen. Der Kreativität an Inhalten und grafischer Umsetzung ist hier Tür und Tor offen.

Bequemes Ego-Mirroring

So gerne, wie heute Menschen Ego-Googeling betreiben, so bereitwillig würde solch digitale Ego-Bespiegelung angenommen werden, keine Frage. In einer narzisstoiden Gesellschaft, wie wir es sind, ist solch ein Tool die ultima Ratio. – Ja man könnte sogar vielleicht bestimmte Daten und Auswertungen für die Öffentlichkeit freigeben und könnte damit lustige Vergleiche – und Spiele – starten. So könnte gar das reale Leben zum Spielfeld werden. Und die Partnervermittlungen im Netz könnten sich die albernen Persönlichkeits-Tests sparen – und gleich ihre Parameter für eine gelungene Paarkonstellation mit realen Daten von Usern füttern.

Scherz beiseite. Die Asymmetrie des Datenwissens kann nicht auf Dauer akzeptiert werden. Es baut eine (neue) Hierarchie des Wissens auf, ausgerechnet im Digitalen Raum, der bisher alle bestehenden Hierarchien eingerissen hat. Auf alle Fälle müssen alle wirklich wesentlichen Daten, vor allem persönlichkeitskritische Informationen wie Kreditwürdigkeit, Zahlungsverlässlichkeit, strafrechtliche Erkenntnisse, Einreiseverbote, Bewegungsprotokolle etc. einsehbar sein.

Es gab – und gibt laufend – zu viele Falscheinträge, Verwechslungen und Daten-Irrläufer, die immer wieder zu kritischen Situationen führen. Die Polizei verhaftet Namens-Zwillinge. Ein Tippfehler hat oft dramatische Folgen, wenn es um Job, Geld, Steuern oder andere brisante Themen geht. Und Datenirrläufer werden immer mehr, je mehr Daten gesammelt  und verarbeitet werden. Das ist unausweichlich. Und wenn schon, möchte ich für mein Verhalten „büßen“ – und nicht das eines virtuellen Doppelgängers.

Der gläserne Mensch


Big Brother is watching you

Ich hatte einst enthusiastisch gegen die Volkszählung in den 70er-Jahren (in der Münchner Stadtzeitung) angeschrieben und deren Boykott unterstützt. Genauso engagiert waren wir damals gegen die Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises. Ich war damals, als der einzige ernsthafte Sammler persönlicher Daten der Staat war, entschiedener Kämpfer für Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre. Dabei war ich beeinflusst von der beängstigenden Vision einer Überwachungsdiktatur, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat, in dem er die historischen Erfahrungen des Nazi- und des Stalin-Regimes eindrucksvoll verdichtet hat.

Der Widerstand gegen die Daten-Allmacht des Datenmonopolisten Staat nährte sich in den 70er-Jahren durch die Erlebnisse mit der Raster-Fahndung, die damals zwar kaum einen Terroristen der RAF enttarnte, dafür aber vielen anderen – unbescholtenen – Menschen Probleme bereitete, vor allem wenn sie jung waren, Bart trugen und schnelle Autos fuhren. (Und wehe, sie trugen einen Parka!) Damals schon entstand die Angst vor einem Allwissen von Institutionen über jeden Einzelnen und vor einem Missbrauch dieser Daten zugunsten einer Diktatur der Wissenden.

Little Brother is knipsing me

Heute habe ich ein Smartphone (Android!), das brav immer meldet, wo ich mich aufhalte. Ich besitze Kreditkarten, die manchmal nicht funktionieren, weil etwa Mastercard nicht glauben will, dass ich schon wieder auf Reisen bin. Ich bin längst bei so ziemlich jeder wichtigen Social Media-Plattform angemeldet, auf Facebook, Google+, Twitter und anderen täglich aktiv. Ich habe Mail-Accounts bei Hotmail, Yahoo und  Gmail. Ich führe diesen Blog auf WordPress, andere, private, auf ning.com. Ich kaufe bei amazon und schreibe dort auch Rezensionen. Mehr Datenspuren im Web lassen sich nur mit einiger Mühe produzieren. Glaubt man den Menschen, die sich mit Targeting wirklich gut auskennen, dann müssten etliche Firmen alles über mich, meine Bewegungen im Netz und mein Konsumverhalten wissen. Google sollte sogar mehr über mich wissen als ich selbst. Auf jeden Fall wissen sie mehr als der Staat über mich.

Big Brother ist nicht Wirklichkeit geworden, dafür knipsen mich – unbemerkt – Unmengen von Little Brothers unaufhörlich mit ihren Digitalkameras und Videoüberwachungskameras filmen mich. Da tröstet es wenig, dass die Erfolgsquote von Gesichtserkennungssystemen erst bei 70 Prozent liegt. Wir sind heute so viel weiter als in den 70er-Jahren je zu befürchten stand. Wir sind unaufhörlich auf dem Weg zum „Gläsernen Menschen“ – und ich störe mich längst nicht mehr daran.

Bergwerker im Datenwust

Ich bin weit davon entfernt, mein Leben so öffentlich zu leben wie es etwa Jeff Jarvis tut oder auch in Ansätzen Thomas Koch. Aber ich finde solch digitale Offenheit absolute positiv und beachtenswert. Mir aber reicht meine digitale Mitteilsamkeit, die jedem Datenbergwerker (Miner) genug Material bieten sollte, um weit in mein Leben hinein leuchten zu können. Und mich schreckt die Vorstellung nicht, dass so viel Wissen über mich gesammelt werden kann. Mich schreckt nicht die Vorstellung, dass so über meine Kreditwürdigkeit (mit) entschieden wird. (Dazu bin ich viel zu oft und zu tief von Banken – selbst in vordigitalen – Zeiten enttäuscht worden, und das selbst zu best prosperierenden Zeiten.)

Mich schreckt auch nicht die Vorstellung, dass Datenbanken Dinge über mich wissen können, die meine besten Freunde nicht wissen – vor allem weil ich es schätzungsweise selber nicht weiß. Was soll jemand damit anfangen? Wenn das Targeting so weit optimiert wird, dass nur noch Produkte beworben werden, die mich im jeweiligen Moment wirklich interessieren, ja selbst wenn sogar mein Unterbewusstsein durchschaubar werden sollte, kann ich dennoch nicht mehr kaufen als es meine Kauflust und mein Budget zulassen. (Da vertraue ich im übrigen wirklich auf die ausgeprägte Non-Linearität meines Denkens und Fühlens.)

Was ist es, dass mich bei der Vorstellung eines Gläsernen Digitalen Menschen nicht mehr schaudern lässt? Ich bin weit entfernt, eine Spießermoral von wegen „Wer-ordentlich-ist-hat-auch-nichts-zu-verbergen“ zu propagieren. Normverletzungen und irreguläres Verhalten sind viel zu wichtig für das Funktionieren unserer Evolution, als dass man eine strikte Bravheit je irgendwie gut oder richtig finden dürfte. Der Sinn von – politisch motivierten – Grenzüberschreitungen beweist sich ja nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Grünen oder im Atomausstieg. Ich erinnere mich noch allzu gut etwa an die so gar nicht lustigen Räuber- & Gendarm-Spiele in Wackersdorf.

Phantasie des Missbrauchs

Mich beruhigt eher die Gewissheit, dass ein Missbrauch von Datenmengen in einer – wohlgemerkt offenen – digitalen Gesellschaft nicht recht funktionieren kann. Wer Zugang zu Netzwerken, offenen Informationen hat und Teil einer kritischen Öffentlichkeit ist, der kann sich gegen jeden Missbrauch wehren. Denn eine Firma, die Daten missbraucht, wird in einer offenen Gesellschaft, die Konkurrenz kennt, gnadenlos abgestraft. Voraussetzung dafür sind aber Netzneutralität, eine funktionierende Netzcommunity und ein Sanktionssystem, das im Netz – und bei strafrechtlich relevanten Vergehen auch juristisch greift. Das setzt natürlich eine Gesetzgebung voraus, die die digitale Welt wirklich begreift, ihre Gesetze berücksichtigt und möglichst auch international – greift.

Kritiker und Warner vor Social Media und der Datensammelwut im Internet argumentieren gerne mit der Asymmetrie der Nutzungseffekte: Die Vorteile der Gratisdienste genieße man sofort, die Nachteile und Missbräuche kämen dann erst sehr viel später. In Wahrheit ist eher eine Asymmetrie der Anwendungsphantasie zu konstatieren: Die Vorteile der – nutzungsoffenen – Plattformen erlebt man nicht nur sofort, sie werden durch die Anwendungskreativität der Nutzer und die Gestaltungskreativität der Programmierer immer größer und vielfältiger. Die Missbrauchs-Szenarien, die die Warner skizzieren, sind dagegen äußerst banal und eindimensional.

Ademokratische Dystopien

Fast alle negativen Dystopien gehen von einem ademokratischen Weltbild aus, in dem Menschen wegen ihrer Rasse, Herkunft, sozialen Stellung oder sexuellen Vorlieben diskreditiert werden und in dem Firmen Missbrauch treiben dürfen wie sie wollen. In solch einer Welt will ich aber nicht leben und werde alles mir Mögliche tun, dass es nicht so weit kommt. Warum also soll ich mich gegen solch ein Szenario schützen? Das ist dasselbe wie mit der Warnung, dass Firmen bei der Personalsuche nach jugendlichen Sünden, die in Facebook oder anderswo dokumentiert sein könnten, suchen, um Bewerber abzulehnen. In Firmen, die so etwas tun, sollte man auf gar keinen Fall arbeiten wollen!

Es ist genau anders herum: Die Vernetzung, die uns Social Media ermöglichen, und der individuelle und gesellschaftliche Machtzuwachs, den uns diese Plattformen geben, sind der beste Sicherungsmechanismus gegen den Missbrauch der Daten durch Internet-Mogule oder bösartige Algorithmen. Das haben die Diktatoren in Arabien feststellen müssen. Und wir haben erlebt, wie schnell unerwünschte Datenschutz-Reduzierungen von Facebook, Apple und Google nach manifesten Protesten der Nutzergemeinde – oder auch das Vorbild eines Konkurrenzproduktes – zurückgenommen wurden. Gerade die Vernetzung schützt gegen den Missbrauch des Netzes. Und zwar gegen Missbrauch durch die User, durch Kriminelle, durch Betreiber oder durch den Staat.

Homo post-sapiens


Angst vor der geistigen Entgrenzung

Es gibt seltsame Wochen, da scheint eine (eher unerhebliche) Meldung auf wundervolle Weise mit anderen ein unerwartetes Sinngeflecht zu spinnen. Das ist ähnlich, wie wenn man des Nachts wild durch die Vielfalt digitaler TV-Kanäle zappt und auf kuriose Weise ein Film in einem anderen, einem (oder mehreren) Videos oder sogar Talkrunden eine Spiegelung, Ergänzung oder Kommentierung erfährt. Eine liebenswerte Selbsttäuschung unseres Bewusstseins, wenn es sich auf ein bestimmtes Thema kapriziert, möglichst viel darunter subsummieren zu wollen.

Hans-Joachim Kulenkampff - "Einer wird gewinnen"

Manchmal entsteht aber solch eine thematische Assoziationskette auch in den Medien und den sie kommentierenden Sozialen Netzwerken. Am Anfang stand die Meldung, dass uns Google vergesslicher, wenn nicht dümmer macht, weil sich Studenten, die wussten, dass Fakten in Google gespeichert waren, weniger Informationen merkten als eine Kontrollgruppe, die das nicht wusste, so eine Harvard-Studie. Kein neues Thema, da gibt es schon Bücher zu, aber jetzt war die These endlich wissenschaftlich belegt, so hieß es. Der erste Medienreflex ist dann das übliche Google-Bashing: Spiegel Online titelt: „Internet macht vergesslich“. Zitat: „Unser Gehirn lernt immer mehr, nicht zu lernen.“ Und Google, Bing und Wikipedia sind schuld.

Hätten Sie’s gewusst?

Solch eine Lernste-was-biste-was-Logik erinnert mich an meine Eltern, die mich immer mit dem Argument ermuntert haben, Quiz-Sendungen wie „Hätten Sie’s gewusst“ (Heinz Maegerlein), „Einer wird gewinnen -EWG“ (Hans-Joachim Kulenkampff) oder „Der große Preis“ (Wim Thoelke) anzusehen, man würde dadurch klüger. Wahrscheinlich muss solch Argumentation noch heute herhalten, wenn unbedingt  „Wer wird Millionär“ (Günther Jauch) angesehen wird oder suchtartig Sudoku-Rätsel gelöst werden. Die Wahrheit ist brutal: Auf diese Weise wird man nicht klüger, man belastet sein Hirn nur mit unnützem Spezialwissen. (Und dass durch den Konsum von TV-Sendungen die Hirntätigkeit wirksam gegen Null gefahren wird, das ist auch etliche Male wissenschaftlich nachgewiesen worden.)

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Google macht uns nicht dümmer, sondern macht unser Hirn frei für Wichtigeres und Effektiveres als das Speichern (heute immer schneller vergänglicher) Fakten. Diese Tatsache hat dann doch auch tatsächlich die taz erkannt und sogar Frank Schirrmacher in FAZ.net hat sie erahnt. Auf den Punkt aber brachte die Diskussion Douglas Coupland (Generation X, Generation A) im Guardian: „Let’s face it, Google isn’t making us stupider, it’s simply making us realise that omniscience is actually slightly boring.“ Google macht nicht dümmer, es hilft uns nur zu kapieren, dass Allwissenheit ein bisschen langweilig ist.

Allwissen tut weh

Wie sehr Allwissen nerven kann, dazu wird in der Augustausgabe des Wired (US) der Technologie-Kritiker Erik Davis zitiert, den es stört, wie im Internet alles bewertet, kommentiert, mit Sternchen zu belohnt wird oder mit Daumen nach oben ge-liket wird : „Our culture is afflicted with knowingness. We exalt in being able to know as much as possible. (…) But we’re forgetting the pleasures of not knowing. (…) We have started replacing actual experience with someone else’s already digested knowledge.“ Unsere Kultur leidet unter notorischer Wisserei. Wir gefallen uns allzu sehr darin so viel wie möglich zu wissen. Aber wir vergessen dabei, wie angenehm es sein kann, etwas nicht zu wissen. – Wir tendieren dazu, echtes Erleben durch das erlebte Wissen anderer zu ersetzen.

Der Autor des Artikels, Chris Colin, beschreibt die Schönheit neuer Entdeckung von Altbekanntem: „It’s a fundamental bit of humaness to discover, say, the Velvet Underground for the first time – to reach at 13 an unbiaased and wholly personal verdict on those strange sounds.“ Es ist fundamental für ein Menschsein, etwa Velvet Underground heute neu zu entdecken, und etwa als 13-jähriger ein völlig neues, unbefangenes Urteil über diese schrägen Sounds zu fällen. –

Erfahrungen ohne Meinungsvorgaben

Genau darum geht es doch, dass immer neue Erfahrungen gemacht werden. Gerade die Generation der Jungen muss ihre eigene Sicht auf Dinge entwickeln, auch auf historische Klänge wie Velvet Underground oder Jimi Hendrix – genauso wie die älteren Generationen Lady Gaga oder Usher zu genießen lernen müssen. Das ist das Wesen der Evolution, dass immer neue Variationen entwickelt werden. Nur so kann Innovation entstehen und nur so kann für die je aktuelle Zeit die richtige Einstellung gefunden werden, können neue, passendere Lösungen gefunden werden – oder wirklich provokante Innovationen. Je kritischer, instabiler und unübersichtlicher die Zeiten werden, desto notwendiger wird eine riesige Bandbreite an möglichen Ideen. Und die entwickelt sich nicht aus Bewertungssystemen und Empfehlungsalgorithmen eines breiten Massengeschmacks.

Einer der größten – und erfolgreichsten Querdenker und kulturellen Innovatoren ist Brian Eno. Er hat nicht nur erfolgreich Musik produziert (Roxy Music, Talking Heads, U2, Coldplay u.v.a.), sondern hat mit seinen Musikexperimenten  immer wieder Neuland betreten, dem dann viele andere folgten. Sein neuestes Album heißt  “Drums Between the Bells” und ist Klang gewordene Poesie und Sprache.

Selbstveränderung und Selbstmodifikation

In einem Interview zum Album formuliert Brian Eno in der New York Times auf wunderschöne Weise eine fundierte, evolutionäre Vision einer positiven Zukunft:  “Something I’ve realized lately, to my shock, is that I am an optimist, in that I think humans are almost infinitely capable of self-change and self-modification, and that we really can build the future that we want if we’re smart about it.” Ich habe für mich entdeckt, und das war ein Schock, dass ich ein Optimist bin. Ich glaube daran, dass Menschen unendlich talentiert sind zur Selbstveränderung und Selbstmodifikation. So können wir wirklich die Zukunft schaffen, die wir uns wünschen, wenn wir es nur schlau anstellen.

Und die Plattform für diese Entwicklung  ist das Internet samt Google, Facebook, Wikipedia – und was noch alles kommen wird. Das Internet macht nicht dumm, nicht vergesslich. Es schafft nur den Platz, indem es Faktengerümpel aus unseren Gehirnen entfernt, für unsere Selbstmodifikationen, unsere Selbstveränderung – als Individuen, als Gesellschaft, als Menschheit. Und am Schluss kommt es auch gar nicht so sehr an, was das Internet mit unserem Gehirn tut. „Look at what these media are doing to our souls.“, zitiert Douglas Coupland Marshall McLuhan: Passt auf, was diese Medien mit euren Seelen machen! Mit den Seelen des Homo post-sapiens.

Digitale Assimilanten


Die andere Gnade der späten Geburt

Ich habe mich einst eine zeitlang geärgert, knapp zu spät geboren worden zu sein, um zu den  68-ern zu gehören. Nix war’s mit „Summer of Love“ und so. Im Hippiesommer ’68 war ich gerade mal 14 Jahre alt und trug brav jede Woche die Katholische Kirchenzeitung im Münchner Osten aus. Als Woodstock stattfand, war ich 15 und Komparse in „Herzblatt“, einem Pennäler-Film mit Mascha Gonska und Georg Thomalla. Da Mascha in dem Film mit blankem Busen zu sehen war, war der Streifen erst ab 16 Jahren freigegeben – ich habe ihn deshalb nie selbst zu sehen bekommen. So war das mit dem Jugendschutz damals.

Später habe ich die Tatsache, etwas „zu spät“ für große Zeitenwenden gekommen zu sein, nicht mehr bereut. Im Gegenteil. Sie schuf die Möglichkeit, kritischen Abstand zu den schlimmsten Auswüchsen des Zeitgeistes zu bewahren. Als etwa in der Schülermitverwaltung am Gymnasium ausgerechnet der bei weitem fetteste und hässlichste Mitschüler (vier Jahre älter) mit viel Verve ein Sex-Zimmer in der Schule forderte – in einem reinen Knabengymnasium wohlgemerkt – fand ich das sehr, sehr strange. Immerhin haben wir damals die Einrichtung eines Raucherzimmers durchgesetzt. (Für solche „Freiheiten“ wurde damals gekämpft!) Oder wenn sich Konstantin Wecker (fünf Jahre älter) mit seinen Freunden im Musiksaal austobte, dann klang das toll, aber irgendwie altmodisch. Rock klang anders: rauher, weniger poetisch, so wie Cream oder Jimi Hendrix.

Kelly vs. Ditfurth vs. Fischer

Als 1980 die Grünen gegründet wurden waren es wieder die 68er, die  maßgeblich daran beteiligt waren. Ich war ein sympathisierender Beobachter, bis ich eine Versammlung des Ortsvereins der Grünen in München-Haidhausen besuchte. Ich ahnte eigentlich sofort als ich rein kam, dass ich hier falsch war (viele Jahre zu jung und Meilen zu unideologisch). Nach einer Stunde genervten Zuhörens war ich fortan nur mehr interessierter journalistischer Begleiter. Nur mit diesem Abstand konnte ich intensive Interviews mit Petra Kelly, Jutta Ditfurth und Joschka Fischer führen, obwohl sie sich gegenseitig so wenig leiden konnten, dass sie schnell mal sauer waren, wenn ein „Parteifreund“ interviewt wurde.

Ich bin seitdem recht glücklich damit, ein Post-68er zu sein. Biografisch nah genug, um die Idee zu verstehen, weit genug, um sich ideologisch nicht anzustecken. Nah genug, um den Freiheitsdrang zu verstehen, weit genug, um ihn für sich anders und weiter definieren zu können. Außerdem kann man – sozusagen von außen – die Situation besser analysieren und reflektieren – und man kann auch als Mittler zwischen den Generationen oder Ideologien agieren. Das tröstet ganz gut darüber hinweg, scheinbar etwas „verpasst“ zu haben.

Wir glücklichen Prä-Digitalisten

Die Distanz funktioniert biografisch nicht nur altersmäßig rückwärts, sondern auch umgekehrt, sozusagen nach vorne.  So finde ich es nicht schlecht, ein Prä-95er zu sein, ein Prä-Digitalist, ein Mensch, der weit vor dem Internet geboren und sozialisiert worden ist. So analog, literal und bildungsbürgerlich, wie am altehrwürdigen Wilhelmsgymnasium in München (*1559), einem humanistischen Gymnasium, kann man kaum anderswo ausgebildet werden. Hier haben wir nicht nur Latein und Altgriechisch gelernt, sondern sogar altägyptische Hieroglyphen. Bis heute kann ich, wenn ich bildungs-angeberisch gelaunt bin, einfache Sätze und etliche Pharaonen-Namen auf Stelen oder Obelisken etc. entziffern.

Genau diese Literalität über etliche Kulturen hinweg hat es mir vergleichsweise leicht gemacht, mich in immer neue Logiken hinein zu arbeiten, ob das HTML-Code, komplexe Excel-Sheets oder die Logik von Algorithmen waren. Nie vergesse ich während meines Linguistik-Studiums meinen Kampf mit einem Fachbuch eines Finnen, in dem er (auf Englisch!) die Entwicklung von Lautverschiebungen in indogermanischen Sprachen in Relation zum Wachstumsalgorithmus von Farnen interpretierte. Auf Seite 200 oder so war ich sprichwörtlich „mit meinem Latein am Ende“ und wandte mich hilfesuchend an meinen Dozenten. Der schaute mich irritiert an: „So weit sind Sie gekommen? Toll. Ich bin schon bei Seite 100 ausgestiegen.“ Das machte mich nicht stolz – sondern erschütterte nachhaltig meinen Glauben an den Wissenschaftsbetrieb.

Kritische Assimilation

Ich bin also definitiv kein Digital Native. Und das ist gut so. Gerade aus der Distanz kann man – bei richtiger Einstellung Neuem gegenüber – die Entwicklungen in die digitale Welt gleichzeitig euphorisch und kritisch begleiten. Euphorisch, weil man die immensen Vorteile dieses weltumspannenden, interaktiven und unhierarchischen Kommunikations-Tools, dieses – wenn man so will  – Über-Mediums täglich erlebt und genießt (zum Beispiel in und mit diesem Blog). Kritisch, weil man mögliche misslichen Entwicklungen beobachten bzw. absehen kann. Damit meine ich aber nicht das Internet-Bashing und digitale Katastrophen-Management, das so viele meiner Journalistenkollegen pflegen.

Ich finde es absurd, wie in den etablierten Medien das Internet fast reflexhaft als Feind und Übel behandelt wird, von den Menschen, denen man die größte Kompetenz im Umgang mit Medien zubilligen möchte. Ausgerechnet die verweigern in großer Mehrzahl den Umgang mit dem neuen Hypermedium Internet. Zugegeben, man muss hier einiges neu erlernen und sich von manch Liebgewonnenem verabschieden. Wer aber einfach nur motzt, dass das Internet ein einziger Haufen Mist sei (wenn es nicht noch drastischer formuliert ist), der übersieht, dass solch eine Einschätzung in einem Medium, in dem der User selbst sein eigener Programmgestalter ist, gegen einen selbst spricht, wie es Martin Oetting in seinem Vortrag bei Scholz & Friends sehr schön beschrieben hat.

Gerade Menschen mit hoher Medien-Kompetenz könnten so nützlich sein, die neue Welt der digitalen Kommunikation möglichst qualitativ, innovativ und vor allem frei zu gestalten. Denn auch wenn das Internet viele Paradigmen umgestürzt hat, so ist der „Faktor Mensch“ derselbe geblieben. Die User wollen weiterhin professionell gestaltete Inhalte (obwohl sie nun selbst die Definitionshoheit haben, was „gut“ ist). Auch im Internet funktionieren gut erzählte Geschichten am besten, und gerade hier wird Authentizität besonders hoch geschätzt.

So spielen wir Digitalen Assimilanten, die wir aus den analogen Medien kommen und deren Grenzen kennengelernt und/oder erlitten haben, eine interessante Rolle. Wir haben begierig, eifrig und vielleicht auch effizient die neue Welt der digitalen Medien erlernt, viel mit Try & Error. Und wir haben sie intensiv reflektiert. Das mag für Digital Natives manchmal komisch altmodisch, vielleicht auch nervig sein. Hilfreich ist Reflexion allemal. Ein schönes Beispiel dazu ist das gerade veröffentlichte Video von Harald Taglinger, der etliche deutsche Onliner der ersten Stunde in Interviewform porträtiert hat. (Unter anderem auch meine Wenigkeit.)

Big Data


Rechnen per Lochkarte

Es war in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre, dass ich in Kontakt mit Computern kam. Nicht mit PCs, sondern mit Großrechnern der TU München. Deren immense Rechnerkraft (nach damaligen Maßstäben, heute kann wahrscheinlich jeder PC mehr) durfte man mit ein wenig Glück und guten Beziehungen des Nächtens für wissenschaftliche Zwecke nutzen. Wir hatten uns damals am Institut für Theaterwissenschaften unter Führung von Heribert Schälsky vorgenommen, das Verhalten von Theaterbesuchern empirisch zu untersuchen: mit Umfragen oder auch der Messung von Hautwiderstand.

Visualisierung der Datenmassen von Wikipedia

Das Ergebnis waren riesige Massen an Daten, die es irgendwie auszuwerten galt. Der einzige – und damals verführerisch moderne – Weg dazu war eine Auswertung per (Groß-)Computer. Dazu mussten aber alle Ergebnisse als Datensätze auf Lochkarten gestanzt werden, ein wirklich grässlich aufwändiger und Nerven zermürbender Prozess, bei dem jeder noch so kleine falsch sitzende Lochkartenritz die gesamte Auswertung zunichte machen konnte.  – Und es auch reichlich oft tat. Dann galt es, für eine oder zwei Wochen auf den nächsten Rechnerfreiplatz zu warten, um den nächsten Versuch zu starten.

Digitale Speicherung rarer Daten

Diese missliche Erfahrung hat mir die Neugier auf Computer damals erst mal bis Mitte der 80er-Jahre ausgetrieben, bis der Atari ST als preiswerter Klon des Apple SE auf den Markt kam. Der wurde damals aber erst mal vorwiegend als intelligente Schreibmaschine genutzt und nicht als Rechner. Zwar war auch das Schreiben auf dem Atari eine Verarbeitung von Daten, aber das war mir damals in meiner Unbedarftheit nicht recht bewusst. Wir nutzten damals den Computer, um vermeintlich Informationen zu produzieren, nicht um sie zu beschaffen oder gar zu filtern.

Damals war die mediale Normal-Situation eine des Informations-Defizits. Die einzigen, die sich darum kümmerten, da Abhilfe zu schaffen, waren die Medienproduzenten. Und sie verdienten daran nicht zu knapp. Wenn  man es sich leisten konnte, abonnierte man möglichst viele Zeitschriften, vorzugsweise auch aus anderen Ländern, vorzugsweise aus den USA: Nachrichten- und Lifestyle-Magazine, Fachzeitschriften, Special Interest-, Kultur-, Wissenschafts- und vielleicht auch Wirtschaftsmagazine. Dazu Zeitungen und Fachbücher. Wissensbeschaffung war ein teures, zeitraubendes und anstrengendes Unterfangen, deren Ergebnisse man dann in Zettelkästen oder Aktenordnern ablegte.

Digitale Kinderschuhe

Die Situation änderte sich erst Mitte der 90er-Jahre mit Etablierung des Internet. Da konnte man plötzlich (etwa bei Compuserve) in riesigen Datenbanken recherchieren, man konnte mit den ersten Suchmaschinen Informationen etwa amerikanischer Hochschulen finden, deren Existenz man bis dahin nicht einmal erahnt hatte. Plötzlich wurde die Informationsbeschaffung so viel leichter. Und die Speicherung der Ergebnisse fand nun immer mehr im digitalen Raum statt, das bot sich an und war bequem.

Heute haben wir die Situation, dass sich (geschätzt) etwa alle zwei Jahre unser Wissen verdoppelt. Und das ist heute schon größer als alles Wissen, das wir in der gesamten Menschheitsgeschichte bis zum Jahr 2002 gesammelt haben. Und die Entwicklung beschleunigt sich weiter. Inzwischen sind es nicht nur wir Menschen, die wir exponentiell immer mehr Informationen produzieren, sammeln und speichern, in der Wissenschaft, in den Medien oder in Blogs, bei Facebook, Twitter & Co. Es sind auch noch Abermilliarden von Geräten, die dasselbe tun: Smartphones, GPS-Geräte, Kassen, Minicomputer in unseren Autos und anderen Geräten, Browser, die unsere Web-Aktivitäten beobachten, Kameras, Sensoren, Musikgeräte und… und… und…

Information Overflow vs. Informations-Überfluss

Dieses Phänomen wird bei uns üblicherweise als Information Overflow beschrieben. Die negative Konnotation dieses Begriffs ist gewollt. Denn vorzugsweise sind es die Medien, die diesen Terminus reflexartig propagieren. Denn sie sind die Verlierer dieser Explosion der Daten- und Informationsmengen. Statt Informationen zu beschaffen und/oder über deren Verfügbarkeit zu bestimmen, sind sie jetzt ratlose Beobachter des radikalen Paradigmen-Shifts. Sie können – oder wollen – nicht verstehen, dass bei einem Überangebot an Informationen bei begrenzt wachsender Nachfrage kein Geld durch Informationsbeschaffung und -verbreitung zu verdienen ist.

Clay Shirky hat schon 2008 überzeugend ausgeführt, dass das Problem des Information-Overload genuin eines von ungenügend funktionierenden Filtern ist. Das Problem ist nicht die schiere Masse von Daten, sondern die Mittel, mit ihnen klar zu kommen. Er schloss seinen Vortrag auf der Web2.0-Konferenz damals mit dem Hinweis, dass das Problem des Information Overflow eigentlich seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert besteht, seit es mehr Bücher gab, als ein Mensch in seiner Lebenszeit lesen konnte. Sein lapidares Fazit war damals: „Wenn ein Problem seit solch langer Zeit besteht, ist es vielleicht kein Problem, sondern ein Faktum.“

Mit oder ohne Filter?

Heute ist die Menge der Zunahme an Daten, Informationen und Wissen so massiv, dass dieses Faktum kaum mehr mit den bestehenden Filtern bewältigt werden kann. Das erlebt man immer häufiger, wenn man Informationen im Internet sucht. Google schafft es oft nicht mehr, die jeweils wirklich relevantesten Inhalte jenseits von gesichertem Wissen wie Wikipedia-Einträgen zu ermitteln. Obwohl Google in seinem Suchalgorithmus auf die Intelligenz der Massen setzt, indem es die Akzeptanz von Inhalten durch andere User und Sites einrechnet, sind heute andere Filter wirkungsvoller: etwa die Suche bei Twitter, wo man stets die wirklich aktuellsten Hinweise auf Suchbegriffe bekommt, oft nur Minuten alt. Oder man verzichtet (fast) komplett auf technische Filter und verlässt sich auf das Wissen seines sozialen Umfelds und fragt in Facebook.

Mittlerweile ist die schiere Masse und die dynamische Wucht der stetig wachsenden Übermenge an Daten und Informationen (wie oben beschrieben) so groß, dass die gängigen Ängste von wegen „Information Overflow“ gar nicht mehr greifen mögen. Deswegen redet man heute lieber wertfrei von „Big Data“, von Massen an Daten, die kaum oder schwer mehr beherrschbar scheinen. Der durch die unvorstellbare Menge und deren Wachstum erzwungene Abschied von abwertenden Begriffen wie Information Overflow eröffnet die Sicht auf die ungeheuren Chancen, die Big Data geben.

Neue Perspektiven durch Big Data

Die Zukunft unserer Netze, unserer Businesses und wahrscheinlich auch unserer Gesellschaft wird davon beeinflusst werden, wie wir mit Big Data umgehen. Wer hier die größte Kompetenz entwickelt, wird extrem großen Einfluss – und Gewinnchancen haben. Kompetenz wird sich hier zusammensetzen aus bester Technologie (Algorithmen), die die Massen an Daten sinnvoll interpretieren kann – und aus der Bereitschaft, wie mit dieser Macht sorgsam und verantwortungsvoll umgegangen wird. Schon heute kann mit den Datensets, die wir täglich anonym  übermitteln, problemlos auf uns als konkrete Individuen rückgeschlossen werden und Persönlichkeitsprofile können erstellt werden.

Noch sind diese Profile zu unspezifisch, noch ist die Interpretation der Daten zu irrelevant, um wirklich wirksam verwendet – oder missbraucht – werden zu können. Sicher aber ist , dass Big Data die Wirtschaft und vor allen den Handel mittelfristig komplett verändern wird. Es werden ganze neue Industrien entstehen, die sich der Bewältigung, der Verarbeitung und der Interpretation der Datenkatarakte der Zukunft widmen werden. Und es werden darin ganz neue Jobs entstehen, die heute noch kaum denkbar sind: Data-Stewarts, die sich um die Verarbeitbarkeit von Daten kümmern; Data-Compiler, die kreativ Daten in Verbindung bringen; Data-Profiler, die Daten kreativ zu analysieren wissen – und viele mehr.

Und es wird Data-Condenser und -Interpretatoren geben, was heutigem (investigativen) Journalismus nahe kommen mag. Es mag Data-Controller geben, die mit viel technischem Know how aufpassen, dass Daten und Wissen daraus nicht missbraucht wird. Und schließlich wird es Menschen geben, die aus Daten, Informationen und Wissen Geschichten zu spinnen wissen, damit aus massiven, dispersen Daten Erkenntnisse und Emotionen heraus destilliert werden, die Menschen in ihrem Innersten packen und sie berühren. Das mögen die Journalisten, vielleicht auch die Vermarkter der Zukunft sein. Aber ihre Jobs werden andere Bezeichnungen haben…

Generation Low Cost


Nachwuchsförderung der besonderen Art

Der  Warnungen gibt es massenhaft: Das Zeitungssterben kommt. Die Verleger selbst haben in den letzten Jahren Berater über Berater engagiert, die ihnen dieses Menetekel in allen Variationen und in plastisch grauesten Farben ausgemalt haben. Aber unbeirrt davon fahren die Verleger fort, vor allem das Zeitungsbusiness gegen die Wand zu fahren, weil sie unwillens und möglicherweise unfähig sind, ihr Geschäftsmodell den heutigen Gegebenheiten, also vor allem den digitalen Medien samt Social Media anzupassen.

Der Effekt ist frappierend. Statt innezuhalten und kreative Lösungen zu entwickeln oder gar in neue Geschäftsmodelle zu investieren, justieren sie ihre Fahrtrichtung akkurat nach, dass sie auch ganz sicher die Wand frontal erwischen – und sie geben sogar noch weiter Gas. Wie anders soll man sich die Idee erklären, dass in den jetzt mit den Journalistenverbänden und -gewerkschaften verhandelten neuen Tarifverträgen vor allem Jungredakteure finanziell deutlich schlechter gestellt werden sollen als bisher üblich.

Frischer Wind unerwünscht

Ein junger Journalist braucht heute schon viel Idealismus und Enthusiasmus, um sich für den Printjournalismus zu entscheiden. Sie wissen, dass das Businessmodell der Zeitungen und General Interest-Magazine allenfalls noch zehn Jahre halbwegs halten mag und in dieser Zeit Sparmaßnahmen in immer kürzeren Zyklen zu erwarten sind. Man muss schon sehr schreibtalentiert und printverliebt sein, um heute noch unbedingt im Printjournalismus reüssieren zu wollen.

Junge Printjournalisten erinnern in ihrer Persistenz (oder Renitenz, oder Naivität) an junge Menschen, die heute unbedingt Kernkraft-Ingenieure werden wollen. Die aber werden wenigstens gut bezahlt, weil die Betreiber wissen, wie wichtig es ist, nicht nur auf die Expertise – aber auch Eingefahrenheit – der Altgedienten angewiesen zu sein. Frischer Input ist essentiell. Anders die Verleger, die wollen gerade jungen Menschen den Job durch mickrige Bezahlung noch unattraktiver machen.

Das Beispiel der Stadtzeitungen

Wie wichtig die Erneuerung eingefahrener journalistischer Routinen ist, haben wir Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre gezeigt, als die Stadtzeitungen einer ganzen Generation von jungen Blattmachern, meistens Autodidakten, die Chance gab, ihre Schreibe und ihr journalistisches Verständnis zu entwickeln – und für die Branche neu zu definieren. Nach anfänglicher Ignoranz durch  die etablierte Journaille entstand dann hartes Konkurrenzverhalten, als unsere Stadtzeitungen im Verkauf und vor allem in der Anzeigenakquise wachsenden Erfolg hatten – weil wir neue, junge Zielgruppen erreichten.

Am Ende aber wurden mit der Übernahme von uns zu Journalisten gereiften Autodidakten und der stadtzeitungsgestählten Journalistenschüler in die Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften (WIENER, Tempo & Co.) nicht nur unsere Leistungen anerkannt, sondern auch unser lebendigerer und authentischerer Stil, unser mutigerer und oft auch subjektiverer Recherche- und Schreibstil. (Siehe auch Humor & Justitia!) Das fand schließlich auch Eingang  in etablierten Medien – und erfrischte und runderneuerte diese.

Freiräume schaffen neue Ideen

Heute sind ehemalige Mitarbeiter der Redaktion der Münchner Stadtzeitung Feuilletonchefs, Ressortleiter, Büroleiter, Reporter, Kommentatoren, Kritiker, Radiojournalisten – oder sie besitzen erfolgreiche Verlage und Redaktionsbüros – oder sie sind renommierte Filmproduzenten und Talkshowhosts u.v.a. Die Kollegen aus anderen Stadtzeitungen sind und waren Chefredakteure, Trendforscher, TV-Produzenten etc.

Damals gab es für uns in den Stadtzeitungen große Freiräume, in denen wir uns als Autoren, als Reporter, als Blattmacher, als Fotografen und Blattdesigner, als Karikaturisten und Grafiker, als Vermarkter und sogar als Veranstalter ausprobieren konnten. Wir machten damals nicht alles richtig, aber wir machten alle Fehler genau zur richtigen Zeit – und das vor den Augen unserer – vor allem jungen – Leser. So wirkten wir besonders glaubwürdig und authentisch. Vor allem aber haben wir uns rapide weiterentwickelt, weil wir mit unseren eigenen steigenden Ansprüchen mithalten wollten.

Karriere statt Geld

Diese Freiräume existieren heute längst nicht mehr. Heute gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, als Quereinsteiger ins etablierte Print-Business einzusteigen. Da muss man schon von der Journalistenschule kommen, eine der raren Volontariatsstellen ergattert haben und/oder ausgiebig Praktika schrubben, um eine Festanstellung zu bekommen. Künftig, wenn die in Gewerkschaften organisierten Kollegen nicht erfolgreich streiken, dann auch noch zu deutlich verschlechterten finanziellen Konditionen.

Mit dieser Idee sparen die Verleger zwar nur Minimalsummen ein, provozieren aber, dass sich talentierte junge Kräfte vom Printjournalismus fern halten. Wer heute noch Freiräume in seiner Arbeit erleben will, geht doch vorzugsweise ins Online-Business, in die Produktion von Corporate Content, in Agenturen oder zu Video-Produktionen. Hier wird man nicht unbedingt besser entlohnt, aber man hat mehr Gestaltungsmöglichkeiten – und dazu deutlich bessere Karriereperspektiven.

Kreativer Druck von unten

Mit Medien wird in Zukunft nicht mehr so leicht das ganz große Geld zu verdienen sein, nicht ohne großen Aufwand, Talent und Risiko. Aber gerade das Printbusiness, das absehbar die größten Probleme in den Märkten der Zukunft haben wird, braucht am dringendsten frische Ideen, neue Geschäftskonzepte, neue Sichtweisen und kreative Ansätze. Um für Leute, die das bieten können, attraktiv zu sein, muss man ihnen Freiräume, freie Hand – und finanzielle Perspektiven bieten. Wer das nicht tut, verbaut sich erfolgreich die eigene Zukunft.

Das sollte doch gerade denjenigen, die immer wieder den Begriff des Qualitätsjournalismus bemühen, wichtig sein. Nur ein Redaktionskollegium, das kreativen Druck von unten, von jungen Kräften erfährt, die im besten Fall mit digitalen Medien aufgewachsen sind, kann echte Qualität entwickeln – und dauerhaft halten.

Leser-Blatt-Bindung per Kleber

Fragt sich, ob all das auch in Journalistenschulen gelehrt wird? Kümmert man sich dort nicht nur um gute Schreibe, sondern auch darum, wie man mit kreativen Ideen Medien (nicht nur Print) erfolgreich machen kann oder wie man sie erfolgreich vermarktet? Kümmert man sich dort auch darum, wie sich neue, lukrative Geschäftsfelder eröffnen lassen? Auch abseits publizistischen Glamours?

Wir haben damals bei der Münchner Stadtzeitung (und später auch beim WIENER) permanent Ideen gehabt und verwirklicht, wie wir erfolgreicher im Markt werden. Wir haben damals schon Coupons in der Zeitung gehabt (bis uns die Süddeutsche das per Gericht verboten hat!), wir haben Spiele (Brettspiele!) entwickelt, wir haben Konzerte, Wahlpartys und Filmbrunches veranstaltet, wir haben Aufkleber auf dem Titel gehabt, Bilder in 3-D samt Brille und vielerlei mehr. Wir haben Stadtbücher entwickelt und vermarktet, Sonderhefte und wir waren uns nicht zu fein, riesige Aufkleber auf Autos von Lesern zu kleben. (Das war Leser-Blatt-Bindung in des Wortes klebrigster Bedeutung!)

Mann, waren wir toll! – Waren wir das wirklich? Ein bisschen vielleicht. Vor allem aber hatten wir freie Hand, konnten und wollten Neues und vieles anders machen. Wir wurden nicht nur gelassen, sondern vom Verleger Arno Hess ermuntert und ermutigt. Und wir wurden dafür auch bezahlt. Nicht übermäßig, aber für uns war das damals schön verdientes Geld. Und wir konnten uns weiterentwickeln…

Reise nach Analogien


Inseln des analogen Business

Es ist gar nicht so weit nach Mittelitalien. Zwei Stunden mit dem Flugzeug, acht mit dem Auto, elf mit dem Zug. Und doch kommt man in einem ganz anderen Land an, einem, in dem noch die analoge Kultur herrscht, in dem Business noch mündlich verhandelt und auf Papier dokumentiert wird. Der Effekt: eine Zeitreise zehn bis 15 Jahre in die Vergangenheit. Eine Reise ins Analoge, nach Analogien, wenn man so will. Man staunt und ist auch irgendwie amüsiert, wenn man zusieht, wie hier viel, viel (geduldiges?) Papier traktiert wird – und massenhaft Zeit verbrannt wird.

Das schönste Beispiel sind die Banken. Bei der Eröffnung unseres Kontos in Italien waren drei Termine, geschätzte drei Stunden Zeit und viele, viele Diskussionen nötig. Es sind unendlich viele Formulare auszufüllen – mit immer wieder denselben Inhalten. Alle Vornamen, auch die der Eltern, werden erfasst und natürlich werden alle nötigen Ausweise, Nachweise etc. sorgfältig kopiert, oft auch mehrmals. Am Ende solch eines länglichen Prozesses kommt ein ansehnliches Aktenbündel zusammen. Ein Computer kommt bei dem Prozess nicht ins Spiel, irgendwer scheint die Angaben später einzugeben.

Computer als Teufelswerk

Das erinnert schwer an die Zeit, als auch in Deutschland noch der Computer als Teufelswerk angesehen wurde, das ausnahmslos dazu erfunden wurde, um Arbeitsplätze zu vernichten. So wurde mir einst glaubhaft versichert, dass in der Redaktion der „Zeit“ alle Artikel, die durchaus an Computern entstanden, konsequent ausgedruckt wurden und dann noch einmal neu ins Redaktionssystem eingegeben wurden, um die Setzer nicht arbeitslos zu machen.

Schecks werden in Italien auf dem Lande auch nicht etwa von Computerdruckern erstellt, sondern mit urtümlich aussehenden Druckmaschinen, bei denen mit viel Kraftaufwand Namen und Kontonummer händisch eingestellt werden müssen und dann mechanisch eingestanzt werden. Das schaut super aus, aber es dauert. Aber weit mehr Zeit verschlingt der Umstand, dass jede noch so kleine Entscheidung, und sei es eine Auszahlung von 100 Euro, nie von einem Bankangestellten alleine erledigt werden kann. Eigentlich ist in jeden Geschäftsvorgang jeder der auch in der kleinen Filiale zahlreich vertretenen Bankangestellten involviert. Mindestens abnicken oder zur Kenntnis nehmen muss jeder im Raum.

Kein Wunder, dass die Bankgebühren in Italien am höchsten sind – und verständlich, dass man bei der einstigen HypoVereinsbank immer wieder hinter vorgehaltener Hand laut jammert, dass hierzulande durch immer neue Sparmaßnahmen der aufgeblähte Personalapparat der italienischen Konzernmutter UniCredit finanziert werden muss.

Bürokratie als Peep-Show

Selbst wenn ein Konto per Computer eröffnet wird, dauert das in Mittelitalien geschlagene 75 Minuten. So erlebt in einer Filiale der Postsparkasse. Denn auch hier müssen unendlich viele Formulare ausgefüllt werden. Das passiert zwar am Computer, aber dann wird alles zur Unterschrift ausgedruckt. Auch hier kommt so ein dickes Aktenkonvolut zusammen. Und es dauert, auch weil der Computer gerne streikt und dann neu gestartet werden muss. In der Zwischenzeit ruhte für die 75 Minuten der gesamte Geschäftsverkehr in der (kleinen) Postfiliale und jeder der (geduldig wartenden) Postkunden bekam den Vorgang in seinem ganzen Ausmaß live mit. Bürokratie als soziale Peep-Show sozusagen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Zeit in Italien mit Warterei verbrannt wird. Das wird geduldig ertragen, ist halt längst erlernt. Man wird sogar als Deutscher geduldig, angesteckt von der Hingabe ans Warten. Aber wer solch eine sinnlose Zeitverschwendung als wohltuende Langsamkeit und langsamere Taktung des Lebens verklären will, der liegt falsch. Wenn man das erste Mal solch ausufernde Warterei erlebt, staunt man noch über die ausgefeilte Zeitvernichtung und amüsiert sich sogar ein wenig darüber, weil es oft kabarettistische Qualität hat. Etwa wenn die Mitarbeiter streiten, welches denn nun das richtige Formular ist. Der Kompromiss: beide werden ausgefüllt. Aber bei jedem weiteren Mal langen Wartens realisiert man immer mehr, wie viel Zeit so vielen Menschen gestohlen wird, die um einen herum stoisch warten.

Organisierte Zeitvernichtung

Und irgendwann realisiert man, dass das bei uns einst ähnlich war. Vielleicht nicht ganz so exzessiv wie in Italien, wo man schließlich auch die Bürokratie – und später das Bankwesen mit all seinen (Dys-)Funktionalitäten einst erfunden hat. Das scheint zu verpflichten. Aber auch uns hier wurde einst so viel Zeit gestohlen. Die digitale Technik hat sie uns zurückgegeben. Fragt sich, wofür wir sie nutzen? Vernünftig und produktiv? Oder ist das Warten am Bankschalter nur die ehrliche Variante von Zeitvernichtung?

Apropos. Natürlich gibt es auch in Italien Online-Banking. Um das zu aktivieren braucht es natürlich einen eigenen Antrags- und Genehmigungsprozess mit weiteren Formularen. Nach einigem Hin und Her und neuerlichen Besuchen in der Bank funktionierte das auch kurz. Aber nur so lange, bis man es mit dem Computer zu Hause in Deutschland probiert. Dann verfällt sofort das Sicherheitszertifikat und die Funktion ist gesperrt. Merke: Online-Banking funktioniert nur von einem dezidierten Computer – und der muss in Italien stehen. Inzwischen bekommen wir einmal im Vierteljahr einen Kontoauszug. Per Email, die ein Bankangestellter händisch erstellt. Das immerhin haben wir nach mehreren Besuchen, Terminen und Email-Nachfragen (!) dann doch geschafft.

Es wäre zu billig, sich über diese Auswüchse analoger Prozesse lustig zu machen. Es ist vielmehr eine willkommene Bewusstwerdung, wie sehr sich die Zeiten schon im digitalen Zeitalter verändert haben. Und das ist nur der Anfang. Wo das hinführt, ist heute erst schemenhaft zu erahnen.

Bleibt zu erraten, wann man solch eine Glosse über die Antiquiertheit eines über Jahrhunderte entwickelten Prozesses schreibt, der uns heute noch selbstverständlich erscheint, wie den Italienern ihr Bankensystem. Etwa die Nachrichtenübermittlung mittels bedruckten Papiers, das die Nachrichten vom Vortag als Neuigkeit verkauft, und das per Bote nach Hause gebracht wird, um dort kaum gelesen im Recycling-Container zu landen? – Oder das Thema Steuererklärung…

Mysterium Bleistift


Duft & Geräusch von Holz und Graphit

Man kann heute mit sehr einfachen Dingen Menschen zum Staunen bringen. Vorausgesetzt, man benutzt nicht moderne Technologie, sondern archaische Tools. Man muss nur etwa in der S-Bahn seine Gedanken mit einem Bleistift zu Papier bringen. Wenn man das lange genug macht, muss der Stift nachgespitzt werden. Das ist ein fast kulinarisches Vergnügen. Man dreht den Stift im Spitzer, das leise Schabegeräusch vermischt sich mit diesem speziellen Geruch aus dünn gespleißtem Holz und Graphit – und Sekunden später hat man wieder einen spitzen, schreibbereiten Stift.

Da staunen die umsitzenden Mitfahrer in der S-Bahn. Das macht mehr Eindruck als jedes Herumspielen am noch so neuen und noch so intelligenten Smartphone. Es ist vor allem ein neidfreies Vergnügen. Es hilft, dass man so wie ein wenig aus der Zeit heraus gefallen scheint. Wer mit Bleistift auf Papier notiert, der outet sich als Wesen aus einer analogen, linearen (sic!) Zeit. So gesehen ist der Bleistift zum geschriebenen Wort was das Vinyl zur Musik ist. Ein Nostalgikum mit Stil – nein mit Stilus (lateinisch für „Griffel“)…

Ideen im Zug zu Papier zu bringen, das war mir schon immer ein besonderes Vergnügen. Nicht zwangsweise mit dem Bleistift, wenn genug Platz ist auch gerne per Tastatur. Aber irgendwie passt der Ausdruck im Amerikanischen, wenn man auf eine Gedankenreise (sic!) geht: „Train of Thought“. Wenn man sein Denken erst einmal auf ein Gleis gebracht hat, kommen die Gedanken wie von selbst und ziehen am inneren Auge wie eine im Moment erschaffene Imaginations-Landschaft an einem vorbei. Dann gilt es, diese so schnell wie möglich festzuhalten. Und wenig eignet sich dazu besser, als ein Skizzen-Monitor aus Papier und Stift.

Analoges Schreiben im Digitalen Zeitalter

Das Schreiben mit einem Stift ist zunächst ein rein analoger Prozess. Aber dank der Option zu Anmerkungen, Korrekturen und Einschüben – und im Notfall unter Einsatz des am Stiftende angebrachten Radiergummis – dennoch relativ offen, sozusagen prä-digital oder archao-digital. Man kann die Prozesshaftigkeit des Schreibens gut und genüsslich auskosten. Man fängt an zu denken – und gerät schnell irgendwohin, wo man nie gedacht hätte, jemals hinkommen zu können. Schreiben ist so stets ein Reisebericht aus einer selbst erdachten, immer gerade neu erlebten, neu eingerichteten Gedankenwelt.

Einst musste man sich, wollte man professionell schreiben , seinen Artikel zu Anfang klar zurecht legen, wollte man nicht seine Tage mit dem Abtippen immer derselben Texte verbringen. Nach vorher festgelegtem Plan wurden die Artikel dann verfasst. Ein relativ unfreies Unterfangen – und wehe, man kam zu sehr vom vorher erdachten Plan ab, dann konnte man, vor allem bei Reportagen von 20.000 oder mehr Zeichen (ja, das gab es einst in der Zeitschriftenlandschaft), schwer verunglücken.

Die Befreiung des Schreibens durch den PC

Die Erfindung des Personal Computers, an dem man seine Texte unbekümmert in die Tastatur hämmern konnte, ohne Rücksicht darauf, sie später noch mal abtippen zu müssen, erlebte ich Ende der 80er-Jahre als echte Befreiung. Endlich konnte man seinen Gedanken freien Lauf lassen, konnte mühelos löschen und korrigieren, ergänzen und modifizieren. Das Schreiben war nicht mehr ein linearer Vorgang, sondern immer mehr ein offener Prozess. Man konnte peu à peu lernen, Schreiben in seiner Prozesshaftigkeit genießen zu lernen.

Das hieß, man konnte das Risiko eingehen, das Schreiben offen zu gestalten und sich selbst damit zu überraschen, wo man am Ende eines Textes hin geriet. – Ein schönes Faszinosum, das nur leider nicht immer von Chefredakteuren und Auftraggebern entsprechend wertgeschätzt wurde. Artikel waren eben keine ergebnisoffenen Kunstwerke, sondern doch klar definierte Aufgaben. Vor allem im Zeitungs- und Zeitschriftenbusiness waren sie Produkte, die im besten Fall auf definierte Zielgruppen ausgerichtet waren, wollten sie erfolgreich sein.

Texte auf Reisen ins Unbekannte

Erst die Blogosphere gab wieder die Freiheit, Texte auf Reisen zu schicken. Auf Reisen ins Unbekannte – oder ins Erahnte. Oder auf Reisen zu sich selbst. Die Befreiung von klar umrissenen publizistischen Vorgaben und strengen Formatvorgaben justierte das Schreiben und die Texte neu. Wenn man sieht, wie viele gute Texte heutzutage täglich – abseits der professionellen journalistischen Domänen – entstehen, erlebt man, wie sehr diese Befreiung des Schreibens Früchte trägt. – Und seit die kleinen Formen der Schreibens, die Tweets oder die Facebook-Einträge, ausgiebig (aus-)geübt werden, erleben noch viel mehr – auch illiterale – Menschen das befreite Schreiben.

Es gibt heute im Internet so viele Texte zu lesen, die geschrieben werden mussten, die geschrieben werden wollten – und die diejenigen, die sie geschrieben haben, wohl am Ende selbst erstaunt haben. Denn wer hätte gedacht, wohin einen der freie „Train of Thought“, der freie Prozess des Schreibens, wie er in Blogs (und Tweets und Miniblogs) üblich ist, schlussendlich bringt. – Und derselbe Prozess, wie er hier am Beispiel des Schreibens beschrieben worden ist, gilt gleichermaßen auch für Fotos oder Videos. Auch hier haben die digitale Technik und die Freiheit der Blogs und Sozialen Netze Unmengen an staunenswerten Bildern und Filmen geschaffen.

Perlen im Ozean der Phantasie

Unwidersprochen, das Internet und die Sozialen Netze sind auch (über-)voll von Banalitäten, Kalamitäten, Gemeinplätzen und Gemeinheiten, von Unsinn und Irrsinn. Aber das ist der Lauf der Evolution. Sie lebt von Irrtum und Irrwegen, von Try und gerade auch „Error“. Kreation ist nicht eine Massenproduktion von Perlen, Kreativität nicht Exzellenz am Fließband. Es geht in einer digitalen Kultur nicht mehr um den Geniestreich eines Einzelnen, sondern um den freien Austausch frei geborener Ideen. Wunderbar bringt diese Erkenntnis der britische Autor Matt Ridley („The Rational Optimist“) in seinem Vortrag bei TED mit dem Titel „When ideas have sex“ auf den Punkt.

Als ein gutes Beispiel, wie wichtig es für uns Menschheit war – und in Zukunft noch viel mehr sein wird, dass wir unsere Gedanken miteinander austauschen und so die Evolution und unser Fortleben (sogar mit mehr Wohlstand und in besserer Gesundheit) garantieren, dient Ridley das Beispiel des Bleistifts. Er zitiert den Wirtschaftswissenschaftler Leonard Read, der bereits in den 50er-Jahren exemplifiziert hat, dass eigentlich kein Mensch weiß, wie ein Bleistift hergestellt wird. Nicht der Fabrikbesitzer, nicht der Ingenieur und nicht der Arbeiter in der Fabrik.

Denn keiner von ihnen weiß, wie Graphit geschürft wird, wie der zu einer Mine wird, wie die Bäume für den Stift gefällt werden – und schon gar nicht, wie die Mine ins Holz kommt. (Das weiß bestenfalls die Maus aus der „Sendung mit der Maus“ – und natürlich Faber Castell.) Muss man auch nicht. Denn es kommt darauf an, dass wir – arbeitsteilig – unsere Gedanken und Ideen austauschen und weiterentwickeln. Ganz frei – global vernetzt – und immer mehr davon – und immer schneller…