Rock Hero


Leben statt Posen ist die Devise

Es gibt Meldungen, die machen einfach Spaß. Weil sie einem den Glauben an den Realitäten und an simplem Menschenverstand zurückgeben. Die Meldung, dass das Computerspiel „Guitar Hero“ mangels Erfolg eingestellt wird, ist solch eine erfreuliche Nachricht. Oder dass die Firma des Konkurrenzproduktes „Rock Band“ für 50 $ von Viacom verkauft worden sind, für die  sie einst 175 Millionen $ bezahlt haben.

Um meine Freude zu verstehen, muss man wissen, dass ich ein begeisterter Gitarrist bin, vorzugsweise der elektrischen Art. Und man muss wissen, wie Computerspiele à la „Guitar Hero“ die Fähigkeit, aus sechs Saiten sehr schöne, sehr eigenartige Töne und auch mal sehr laute und voluminöse Schallwände zu produzieren, banalisiert haben – auf fast schon zynisch verballhornte Art: Es waren hier statt harter Saiten nur bestimmte Tasten am Gitarrengriffbrett zu drücken und ungefähr im richtigen Moment muss man mit der rechten Hand so zu tun, als würde man Saiten anschlagen – und schon war man in der virtuellen Welt von „Guitar Hero“ ein Star.

Was für ein Humbug! Aber das Computer-Spiel war zunächst super-erfolgreich. Es erfüllte perfekt narzisstische Bedürfnisse. Erfolg, Zustimmung, Aufmerksamkeit und Stardom ohne jeden wirklichen Aufwand, weder finanziell, noch ideell oder gar handwerklich.

Narzisstische Genialität

Wer mit jungen Menschen heute zu tun hat, weiß, wie schwer sie sich tun, die schwierige, lange Zeit auszuhalten, bis sich – etwa durch fleißiges Üben – eine Tätigkeit so sehr einschleift, dass sich erste Erfolge einstellen. Kids wollen lieber Dinge sofort können und durch Posen den Glauben an ein außergewöhnliches Talent, ja an Genialität zelebrieren. Und wenn das, was ja meist der Fall ist, nicht funktioniert, dann ist die jeweilige Tätigkeit halt langweilig, blöd, doof.

„Guitar Hero“ hat sich diese Zeitgeist-Krankheit perfide zunutze gemacht. Hier konnte man sich durch Posieren und minimale rhythmische Begabung schnell als Rock-Heroe fühlen. Aber anscheinend nicht dauerhaft – und am schlimmsten: nur im eigenen Kämmerchen, vor dem eigenen Bildschirm, vor einer virtuellen Fangemeinde. Jede soziale Komponente fehlte, die sonst Musik ja erst ausmacht. So war der Misserfolg vorprogrammiert.

Ich will nicht behaupten, dass ich als Jugendlicher mit allzu viel Übungsfleiß gesegnet war. Im Gegenteil. Ich wäre wahrscheinlich auch schnell ein Opfer eines schalen „Guitar Hero“-Erfolgs gewesen. Aber damals gab es solche Ersatz-Freuden im Instant-Format nicht. Es blieb nichts anderes als Üben übrig.

Die Leiden des jungen M.

Die ersten Begriffe des Gitarrenspiels habe ich in einem regulären Gitarrenunterricht gelernt, im Keller des Pfarrhauses in München Berg am Laim. Ich hatte etwa mit 10 Jahren zu Weihnachten eine (billige) Westerngitarre geschenkt bekommen – mit Stahlsaiten – und sollte auf der dann Sonaten von Ferdinand Sor und sogar von Mozart und Beethoven (für Gitarre umgeschrieben) spielen. Das machte so was von keinen Spaß. Warum der Gitarrenlehrer meine Eltern nicht aufklärte, dass man für solch klassische Gitarrenmusik eine Gitarre mit Nylonsaiten brauchte, ist mir bis heute schleierhaft. Nach knapp zwei Jahren hörte ich auf alle Fälle auf – und die Gitarre verstaubte in der Ecke.

Dann aber entdeckte ich mit 13 oder 14 die Rockmusik, zuerst die Kinks, dann die Equals (!), irgendwann auch Cream und vor allem all die Bluesbands damals: John Mayall, Ten Years After, Steamhammer – und wie sie alle hießen. Das bestimmende Instrument dieser Bands war stets die Gitarre – eine mit Stahlsaiten, wohlgemerkt.

Alvin Lee als Lehrer

Da war dann schnell die alte Gitarre wieder aktiviert. Die war inzwischen ein wenig bundunrein, aber das machte nichts. Im eifrigen Abhören und Nachspielen brachte ich mir autodidaktisch die nötigen Akkorde, Harmonien – und schließlich auch erste Solomelodien bei. Meine Lehrmeister waren Muddy Waters, Eric Clapton, Alvin Lee, Stan Webb, Miller Anderson, Carlos Santana – und später Tony Iommi, Jimmy Page oder Mick Abrahams.

Da dauerte es nicht lange, bis dringend die erste elektrische Gitarre her musste. Und natürlich der entsprechende Verstärker dazu. Das kostete damals richtig viel Geld. Mit Zeitungsaustragen (Katholische Kirchenzeitung!), Filmaufnahmen („Herzblatt“ mit Georg Thomalla!) und dann als Briefträger verdiente ich mir das nötige Geld. Meine erste Gitarre war eine „Hagstrøm“ – dazu ein tonnenschwerer Dynacord-Verstärker und ein Lautsprecher-Kabinett von „Allsound“. Später verbesserte ich mich mit einer Höfner-Les Paul mit echten Gibson-Tonabnehmern (Das gute Stück besitze ich bis heute!) und ein echter VOX AC-30 (längst in einem Übungsraum geklaut).

Fazit eines „Musikerlebens“

Was ich damit erzählen will, ist nicht die übliche Schelte an der Ungeduld der Jugend – sondern wie viel mir meine Leidenschaft für mein Leben beschert hat:

  • So mancher bewundernde Blick junger, hübscher Mädels. (Manchmal war es auch mehr – aber zugegeben, viel zu selten und meist bei den falschen.) – Nein im Ernst. Ich habe die Freuden der Autodidaktik gelernt.
  • Ich habe mir selbst beigebracht, wie schön das Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit ist. Ich habe viel gearbeitet in den Ferien, aber ich wusste immer wofür.
  • Ich habe verstanden, wie Musik funktioniert und wie wichtig Rockmusik für mich ist. Und das ganz alleine. Das hilft, sich später vieles andere selbst beizubringen. Ich spiele noch heute gute Stücke mit oder nach, um ihre Struktur zu verstehen.
  • Ich habe mir so eine lebenslange Neugier für immer neue Sounds bewahrt, von Rock über Punk und New Wave über Techno und House immer weiter.
  • Ich habe meine eigenen Stücke komponiert – zu eigenen Texten. Keine Hits. Aber Perlen einer selbst entdeckten und umgesetzten Kreativität.
  • Ich habe gelernt, auf der Gitarre Töne zu kreieren, sie „singen“ zu lassen, Temperament auszuleben und Melodien zu zelebrieren.
  • Ich habe kennengelernt, wie schön es ist, mit anderen in einer Band gemeinsam Musik zu machen und dort gemeinsam völlig neue Musikdimensionen zu erobern. Zuerst mit meinen Freunden Mike und Walter, später in verschiedenen anderen Formationen.
  • Ich habe es zu genießen gelernt, live vor Publikum zu spielen, aller Nervosität, allem Schweiß und technischen Problemen zum Trotz. Am schönsten war der Auftritt der Band der Münchner Musikkritiker „Redaktionsschluss“ für Amnesty International im Domicile. (Ralph Siegel – sic! – bescheinigte dabei in einer Konzertkritik meiner Stimme Chart-Perspektiven!)
  • Ich war mir mein eigener Guitar Hero – in meinen Träumen, in der Trance des Übens, in der Freude des Performens vor anderen. Und das ohne Fake, sondern ganz real.
  • Wenn ich mir über die Hornhaut an den Fingerkuppen der linken Hand streiche, fühle ich, wie real Gitarrensaiten sind und wie schön es ist, Musik zu machen. Wenn ich sie nicht spüre, weiß ich, dass es höchste Zeit ist, wieder mal zu üben.

Es geht doch nichts über real gelebtes Leben (samt Risiken und Nebenwirkungen). Die Alternative erleben wir allzu oft: Menschen posen nur in Funktionen und Rollen, statt sie zu leben. Sie tun nur so, sie sind nicht so. Das Leben ist für sie nur ein Spiel(feld), auf dem man vogibt, als würde man im Puls der Zeit mitschwingen: „Lifetime Heroes“.

Mein lieber Schwede


Was, wenn uns unser Nachbar zu gut kennt?

Die Welt lacht. Wenn sie wohl gesonnen ist, dann schmunzelt sie nur. Sie amüsiert sich über die g’schleckerten Deutschen, die ihre Hausfassaden nicht in Google Street View verewigt sehen wollen. Lieber lassen sie sich einen Pixel-Grauschleier vors Mauerwerk stellen, das sie in einer sonderbaren Ausweitung ihres Narzissmus als Teil ihrer Persönlichkeit verstehen.

Stockholm in 3-D von hitta.se

Ein seltsames Phänomen, dass jetzt teilweise wunderschöne Altstadt-Fassaden, aufwändig renoviert, in aller Hässlichkeit versteckt werden. Für viel Geld mit all den Simsen und Erkern, mit Stuckwerk und vielleicht noch Malerei verschönert, waren sie einst der Stolz ihrer Bauherren und Besitzer. Sie investierten viel Geld, um sich mit dem Haus nach außen darzustellen – und dabei auch für ein schönes Stadtbild zu sorgen.

Jetzt geht es genau anders herum. Jetzt wird alles sorgsam verschleiert, ohne Rücksicht darauf, wie sehr so das virtuelle Straßenbild bei Google Street View verschandelt wird. Jeff Jarvis nennt uns neuerdings nur noch „Blur-mans“, frei übersetzt: Schleiermänner. Eine seltsame Spezies, die sich zickt und ziert, die eigene Fassade zu zeigen. Ein implodierendes Balzverhalten, eine seltsame Bilderstürmerei gegen die höchsteigene Heimat.

Protest gegen alles Digitale

Mir kann keiner erzählen, dass die Verpixelung schöner Hausfassaden mitten in München Schwabing dem Schutz vor Dieben dienen mag. Der Protest gegen Google ist zum einen ein regressiver Protestakt gegen alles Digitale – und die von ihm verursachte Komplexität der Neuen Welt – und die damit verbundene Ohnmacht dem Digitalen gegenüber. Und wenn man sonst gegen nichts zu protestieren hat, dann halt gegen Google. Ausgerechnet am völlig falschen Produkt des Hauses!

Wie es der Zufall will, lerne ich die Tage einen neuen Kollegen kennen, ein Schwede. Auch er lächelt milde über unsere Agoraphotophobie. Er versteht die Aufregung nicht so richtig. In Schweden, speziell Stockholm, kennt man solche Straßen-Fotoservices längst. Die einheimische Firma „hitta.se“ zeigt seit 2008 Stockholm in einer dem Street View ähnlichen Art. Zusätzlich bietet der Straßenservice noch ein fotorealistisches 3-D-Modell der Stadt an, natürlich inklusive sämtlicher Hausfassaden.

Stolz auf Stockholm

Als hitta.se damals durch die Straßen Stockholms fuhr und die Stadt fotografisch erfasste, wurde dieses Projekt von der ansässigen Presse sehr positiv begleitet und das digitale Produkt dann gut promotet. Es machte die Stockholmer ein Stück stolzer auf ihre Stadt – und besser zurecht finden kann man sich dort seitdem auch. Und von einem Anstieg der Diebstähle ist auch nichts bekannt.

Gatubild von hitta.se, das Schwedische Streetview

Die Akzeptanz in Schweden muss auch nicht verwundern. Hier geht man seit je her extrem relaxt mit privaten Daten um. Erzählt mein Kollege: „Jeder kann jederzeit sehen, wer wo wohnt, wann er geboren ist, alles samt Foto des Hauses, in dem er wohnt. Das ist bei uns so.“ Ach, ja, scherze ich, und das Einkommen weiß man dann auch. „Na ja, das kostet – umgerechnet – einen Euro, dann bekommt man die Information auch.“

So ist das in Schweden. Hier gibt es keine – digitalen – Gardinen. Hier weiß jeder vieles vom anderen. Und das stört nicht, sondern wird als Qualität gesehen. Man versteht sich als großes Dorf, in dem man aufeinander achtet. Und das geht nur, wenn man auch genug übereinander weiß. – Eine Horrorvorstellung für uns Deutschen.

Die Enge des Dorfes

Ich bin eigentlich in der Stadt aufgewachsen, in München. Aber Berg am Laim, der Vorort im Osten war damals in den 60er-Jahren noch wirklich dörflich geprägt, mit Weizenfeldern, Dorfgaststätte, funktionierenden Vereinsstrukturen. Kurios nur, dass in den Dorfkern eine Straßenbahn fuhr – und dort kehrt machte.

Wenn wir – natürlich mit der Tram – zum Einkaufen fuhren oder ich in die Schule, dann hieß das: „Ich gehe in die Stadt.“ Die Stadt, die begann dann aber schon knapp zwei Kilometer später nach der Unterführung am Ostbahnhof. Für uns Kinder eine kleine Weltreise, denn dort begann die große weite Welt.

Ich hatte dann auch nichts Dringenderes zu tun nach dem Erreichen der Volljährigkeit (das war damals noch mit 21!), in die Stadt zu ziehen, nach Haidhausen – gute zweieinhalb Kilometer entfernt von meinem Elternhaus. Hier erst fühlte ich mich frei. Hier kannte mich nicht jeder, hatte sich noch kein „Bild von mir gemacht“. Hier gab es die Anonymität, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte.

Das globale Dorf

Jetzt, ein paar Jahrzehnte später geht die Volte wieder zurück. Peu à peu entwinde ich mich der Anonymität und werde zum Citizen eines globalen Dorfes. Immer mehr Menschen erfahren immer mehr über mich, auch Persönliches. In meinem Blog, auf Twitter, via Facebook. Und ich lerne dieses zunehmend gläserne Leben zu genießen.

Treffe ich die Menschen, mit denen ich etwa auf Facebook verbunden bin ganz real, stelle ich fest, dass zwischen uns eine ganz neue Vertrautheit herrscht. Die Gespräche werden besser, tiefer, persönlicher. Der ganze Alltags-Tand und Gesellschafts-Smalltalk, der sonst solche Gespräche prägt, fällt weg. Man weiß „zu viel“ übereinander, um noch Belanglosigkeiten austauschen zu können – und zu wollen.

Das trifft dann sogar für die eigenen Familienmitglieder zu. Man erfährt so viel Neues, Persönliches, aber auch Alltägliches voneinander, dass man sich auf das nächste Familientreffen freut, weil die Gespräche besser sind – und man sich so viel näher ist.

Willkommen im globalen Dorf, lieber Michael! Mir gefällt es hier. Und mir tun die Menschen eigentlich leid, die sich bemüßigt fühlen, sich und ihr Leben mit hässlichen Pixelvorhängen verbergen zu müssen. Die sind die neuen Kleinhäusler, vor denen ich einst in die „große“ Stadt geflohen bin. Jetzt finde ich diese ausgerechnet dort wieder. (Keine Frage, mehr als genug von ihnen sind in den Vorstädten geblieben und lassen dort ihre popeligen Bausparvillen verpixeln.)

Irgendwie erinnert mich das an Kinder, die die Hände vor die Augen pressen und erleichtert seufzen: „Keiner sieht mich! Ich bin gar nicht da!“

Zukunft ohne Visionen


Digitalität und Vernetzung

„Wir erkennen das Gute leider nicht so deutlich wie das Böse. Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal. Eines der erstaunlichsten Phänomene des Internets ist ja, dass Menschen darin so viel miteinander teilen.“, so Brian Eno im Interview in der Süddeutschen Zeitung. Wie recht er hat. Und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Ein Beispiel: Josh Bernoff, Analyst bei Forrester und einer der Autoren des ersten kompetenten Buchs über Social Media („Groundswell“), freut sich via Twitter, dass er als Autor sehen kann, welche Stellen die Leser, die seine Bücher auf Amazons digitalem Lesegerät „Kindle“ lesen, beim Lesen anstreichen, weil sie ihnen besonders wichtig sind. Was für ein Feature. Nun ist auch der Buchautor aus der Isolation des Elfenbeinturms befreit und sieht, was seinen Lesern wichtig ist.

Und hier noch einmal zurück zu Brian Eno. Wie sagt er: „Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal.“ Das stimmt so sehr, und doch geht die Entwicklung darüber hinaus. Wer bitte hat sich je erträumt, dass Autoren mitbekommen, welche Stellen in einem Buch sie für am wichtigsten halten? Und was sagt uns das für die Zukunft des digitalen Buchschaffens voraus?

Die Zukunft des digitalen Buches

Für Kindle hat Amazon sowieso schon neue, kürzere Buchformate (und entsprechende Preismodelle) entwickelt. Amazon will so Buchautoren Mut machen, abseits und jenseits der etablierten Buchformate eine Publishing-Plattform zur Verfügung zu stellen, die sich auch wirtschaftlich rentiert. Für alle Beteiligten wohlgemerkt: für Autoren, die Leser – und Amazon natürlich.

Gut denkbar, dass hier in schriftlicher Form ein Pendant zu den grandiosen Ideen und Vorträgen entstehen könnte, wie sie TED in Video-Form etabliert hat: ein Thema und eine Vision anhand eines spektakulären Beispiels auf den Punkt gebracht und damit eine neue Idee erfolgreich in Umlauf gebracht. Das würde dann Abhilfe schaffen, dass heute zu wenig Visionen für die Zukunft geschaffen werden, wie es Brian Eno befürchtet: „Es fehlt die Zielmarke am Horizont. Die letzte war vielleicht 2001, wegen Kubricks Film. (…) Seither bewegen wir uns sozusagen auf unbeschriebenem Terrain.“

Futurismus auf der Kriechspur

Ich war einst in vor-digitaler Zeit Abonnent und begeisterter Leser von etlichen Zukunfts-Publikationen: „The Futurist“ (USA), „Avenir“ /Frankreich) oder auch von „WIRED“, als noch Gründer Louis Rossetto Chefredakteur war. „Avenir“ gibt es längst nicht mehr,“The Futurist“ gibt es noch, ist aber heute eher eine Debattier-Plattform für neue, aber bereits vorhandene Ideen und Entwicklungen, und WIRED, jetzt bei Condé Nast, ist heute ein respektabler Guide für den digitalen Lifestyle. Neue Visionen, so falsch sie auch sein mögen, finden sich heute nicht mehr.

Wie auch. Die Entwicklungen in der digitalen Welt passieren heute so schnell, dass man kaum Schritt halten kann, geschweige denn wagen möchte, vorneweg zu laufen. Sie sind außerdem so unabsehbar, weil eben, wie oben gesehen, die Menschen in der Verbindung zueinander immer neue Ideen spinnen und neue Anwendungen entwickeln, wie man sie aus der Warte einer Redaktion, eines Trendforschers oder einer Futurismus-Instanz nie erahnen könnte.

Zukunft ohne Visionen

Unser Schicksal scheint es also zu sein, eher unserer eigenen unbewussten, weil nur im Verbund zu anderen funktionierenden digitalen Ingeniosität hinterher zu hecheln. Es ist ja auch auffallend, wie altbacken alle Sci-Fi-Filme zuletzt waren, inklusive „Minority Report“, die versucht haben, ein halbwegs positives Zukunftsbild zu entwerfen. Nur die Visionen einer dysfunktionalen Gesellschaft der Zukunft waren – wenigstens cineastisch – ansehnlich. Von „2001“, „Blade Runner“ bis „Wall.E“.

1994 habe ich mich zusammen mit Gerd Gerken an einem Zukunfts-Szenarium versucht. „Trends 2015“ hieß das Buch und ist im Scherz Verlag erschienen, das Taschenbuch bei dtv. (Inzwischen ist es als Book on demand bei Fischer digital erhältlich.) Wir hatten es eigentlich unter dem Titel „Trends 2021“ lancieren wollen. Gegenargument des Lektors: „Das ist zu weit weg!“ Recht hatte er. Wir müssen uns für keine der Thesen in dem Buch schämen, im Gegenteil, wir haben die digitalen Medien erahnt und viele soziale Entwicklungen richtig skizziert. Aber in der Dynamik und in der Unprädiktabilität, wie sich die Welt derzeit entwickelt, muss man der Intervention des Lektors im Nachhinein dankbar sein. 2021 wäre wirklich zu weit weg.

Die Magie des Augenblicks

Was also bleibt von der Sehnsucht Brian Enos nach Zukunftsvisionen? Flug zum Mars? Nochmal auf den Mond? Autark funktionierende Autos? Wie schal sind solche Visionen! Es gibt so viel Wichtigeres zu tun, wenn es auch nicht wirklich spannend klingt: Klima „erhalten“; die Schere zwischen arm und reich nicht zu groß werden lassen;  die Versorgung der Welt mit (genug guten) Lebensmitteln sicher stellen; die Abhängigkeit vom Öl reduzieren etc. etc.

Aber keine Angst, wenn die Zukunft ein wenig spröde klingt. Es sind die Gegenwart und der Augenblick, die uns in Zukunft immer wieder überraschen werden – und bei genügend Talent zur kleinen Euphorie zwischendurch – uns auch immer mal wieder glücklich machen werden. Wie der Tweet von Josh Bernoff heute früh. Dafür sorgen wir digital Vernetzten sowieso…

Gänsehaut-Feeling


Warum nur haben wir das Staunen verlernt?

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich bei Microsoft in Deutschland anfing. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so anders, so großzügiger, so arbeitnehmerfreundlich. So hatte ich es in den vielen Jahren bei Medien nie kennengelernt. Nur die Mittagskantine bei Scholz & Friends in Hamburg war stylischer und das Essensangebot noch ein bisschen besser. Aber hier: eine Kantine mit allem, was das Herz (nein, der Magen) begehrt. Von ungesund und fettig (Pommes) bis zu Bio-Gemüse und Gesund-Qualität war alles geboten. Und dazu schöne Cafeterias und Kaffeeküchen mit einem breiten Angebot an Gratisgetränken – und ein breites Angebot an Sportmöglichkeiten.

Wir alle, die neu zu Microsoft gekommen waren, um Sidewalk in Deutschland zu launchen (na ja, war dann nix), waren beeindruckt und begeistert. Aber kam man ins Gespräch mit Alteingesessenen, dann wurde nur genörgelt und geschimpft. Haupt-Tenor: Früher war alles besser! Es ist faszinierend, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt und aus der Gewöhnung heraus dann auch kontinuierlich abwertet. Die Gewöhnung ist der Feind jeder Begeisterung, jeden Staunens. Wir sind wirklich gut darin, uns flugs an ein hohes Niveau zu gewöhnen und dies ab sofort als neuen Normalfall zu eichen. Und ab da an kann es fast nur noch bergab gehe…

Unsere Unfähigkeit, über schöne Dinge zu Staunen und sich darüber von Herzen zu freuen, hat der amerikanische Autor und Comedian Louis C.K. (bürgerlich: Szeleey) in seinem Interview bei der Late Night Show perfekt analysiert. Er bringt den Saal vor Lachen zum Kochen (und schaffte bislang über 2 Millionen Abrufe bei YouTube), indem er daran erinnert, was früher der Normalfall war, und welchen Komfort man heute – nörgelnd – für selbstverständlich hält. Beispiel Flugzeug. Tatsache ist: „You’re sitting in a chair, flying!“ Wer schafft es noch, so zu denken. So real – und staunend wie ein Kind?

Positive Verdrängung

Unsere segensreiche Fähigkeit, unangenehme Dinge möglichst schnell verdrängen zu können und zugunsten schönerer Erinnerungen auszutauschen, funktioniert leider auch  recht gut, um auch schöne und spektakuläre Dinge der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Diese Verdrängungsleistung lässt uns immer neue Höhen technischen Fortschritts und hilfreicher Dienstbarkeiten erklimmen – aber ohne positive Wirkung auf unser Seelenkostüm.

Um noch über Selbstverständliches staunen zu können, muss man sich gut in die Vergangenheit und deren Banalitäten zurückerinnern können. Man muss zugleich sensibel für die Alltagswunder sein, die uns eine technische Wunderwelt seit Jahrzehnten zur Verfügung stellt. Weil wir uns aber – natürlich auf ganz hohem Niveau – im täglichen Klein-Klein verheddern und über so viele kleine und große Unzulänglichkeiten aufregen können, geht uns das Staunen über die großen Schritte verloren. Fazit von Louis C.K.: „Everything is amazing and nobody is happy!“

Arsenal des Staunens

Was gibt es nicht alles, worüber wir eigentlich noch immer staunen müssten? Ich freue mich noch immer über den grünen Klee, wenn ich an den alten Grenzstationen – etwa Kiefersfelden und am Brenner – einfach vorbei fahre. Wieviel Zeit ist mir da im Stau gestohlen worden. Oder auf der Fahrt nach Berlin: Da überkommt mich an den Orten, wo einst die Grenzkontrollen standen, noch immer eine Gänsehaut. Dieser Psychoterror, der da zuverlässig geliefert wurde – von Menschen, die heute meine Mitbürger sind.

Oder wie einfach es geht, einen Artikel wie diesen öffentlich zu machen. Ganz ohne jedes Problem. Ohne Chefredakteur, ohne Produktioner, ohne Drucker, ohne Auslieferung – und gratis!  (Nur eine Schlussredakteurin gibt es – sehr zum Wohle meiner Rechtschreibung: Heidi Rauch.) Und ebenso einfach ist es, solch einen Artikel zu lesen – und überhaupt zu finden. Wenn man liest, mit welchen Stichworten Leser zu diesem Blog finden: wirklich phänomenal. Oder das Internet mit allen seinen Ausformungen nach nur 15 Jahren. Was für ein Wunder! Ich staune wirklich immer wieder ganz real, was sich da entwickelt hat. Inklusive wohligem Schauer.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ – Ich kann nicht nur staunen, ich empfinde auch echt und wirklich Glück, über all die Veränderungen, die ich in meiner Lebensspanne erleben durfte: Inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. 55 Jahre Wohlstand in Deutschland und rundherum. Permanent steigende Lebenserwartungen. Ein entsprechend hoher Gesundheitszustand inklusive wahrer Wundertaten der Medizin. Und was wir heute alles genießen dürfen, kulturell, kulinarisch, musikalisch, intellektuell, einfach so, nach jedem Gusto und meist frei Haus!

Die Kraft der positiven Veränderung

Das alles ist kein Grund, nicht die negativen Effekte zu sehen. Es ist kein Grund, Missstände nicht laut anklagen zu dürfen. Und keine Frage, es gibt noch mehr als genug, was dringend geändert und verbessert gehört. Aber ich habe den schweren Verdacht, diese nötigen Veränderungen sind leichter anzugehen und zu meistern, wenn man sich bewusst macht, was möglich ist und was schon alles geschafft worden ist. Und ich vermute, mit dem Glücksgefühl, was schon alles geschafft worden ist, lassen sich die anstehenden Aufgaben besser angehen – und der Spirit der Innovation nährt sich besser aus Erfolgen als aus Mutlosigkeit und Depression.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ Glücklich zu sein, einfach so, das ist uns in unseren Breiten- & Längengraden hochgradig verdächtig. Glück will sauer verdient sein. Glück muss vorzugsweise mit einem gerüttelt Maß Ärger, Frust und am besten auch noch Depression erarbeitet werden. Sich einfach so zu freuen über all das, was schon erreicht ist, was unseren Alltag einfacher und schöner macht, was für eine irritierende Vorstellung…

Digitalität & Eleganz


Lineare, euklidische Bilder

Meine Eltern stammen noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. War es die Kriegszeit oder das Erbe der Vorgängergeneration, sie schleppten ein Leben lang eigenartige Bilder und Vorstellungen mit sich herum, die ihr Denken bestimmten – und damit auch die in späteren Jahren unausweichlichen Sorgen und Ratschläge: „Übernimm dich nicht!“ Das bekam ich immer wieder zu hören.

Dahinter steckte die unausrottbare Vorstellung, wir Menschen hätten nur eine ganz bestimmte Menge an Kraft, an Nerven und/oder Gehirnzellen. Und damit hatte man sorgsam umzugehen, um sie ja nicht zu schnell aufzubrauchen. Also immer ganz langsam und vorsichtig, damit man im Alter noch übrig hat: Kraft, Gesundheit, Nerven, Gehirnzellen.

Ein anderes unausrottbares Gedanken-Bild waren Pyramiden bzw. Dreiecke. Alles hatte wie einst das klassische Drama einen kontinuierlichen Aufstieg bis zu einem Kulminationspunkt – und von da an ging es unweigerlich abwärts. Das war so. Nur der höchste Punkt und die Steilheit des Auf- bzw. Abstiegs waren der persönlichen Gestaltung überlassen. Das war das Bild für das persönliche Leben – und ganz brav nahm man dann auch irgendwann das Abwärts als gegeben hin.

Hierarchisches Denken

Das Dreieck bestimmte Karrieren, Familienschicksale (Buddenbrooks!), ja die komplette Historie. Und auch die Gesellschaft an sich wurde seither logisch als Pyramide definiert, schön hierarchisch aufeinander gestapelt, je nach Macht und Einfluss (und Reichtum), je nach politischer Richtung etwas steiler oder flacher.

Unser Leben, d.h. der Generation, die ihre Prägung und Sozialisation in der vor-digitalen Zeit erhalten hat, ist voller solch linearer und geometrischer Bilder. Alles, was sich nicht in solche Formen fassen – oder pressen – ließ, galt als ungeordnet, als chaotisch, nicht akzeptabel, als intellektuell unanständig. Schon die Rundung, die sich mit der nie recht zu fassenden Kreiszahl π einer klaren Definition entzog und deshalb als irrationale bzw. transzendentale Zahl gilt, war schon etwas anrüchig.

Wirre Zahlenmuster

So gesehen ist die Akzeptanz der Digitalität zugleich ein kulturelles und ästhetisches Problem. Zum einen fehlen uns die Bilder, die euklidischen Symbole, um die Digitalität in unserem Denkgebäude heimelig unterbringen zu können.

Die Idee, sich statt schöner linearer Verläufe oder vertrauter euklidischer Formen bei der Digitalität eine Unmenge erratisch verteilter Zahlen oder eine wirre, unendliche Folge von „Nullen“ und „Einsen“ vorstellen zu können, tut regelrecht körperlich weh. Man denke nur an die ewig gleichen, untauglichen Versuche, Programme und digitale Daten grafisch oder optisch irgendwie darstellen zu können.

Nebulöse Wolken

Nicht umsonst hat man sich schließlich auf ein solch nebulöses Symbol wie eine Wolke geeinigt, um die Unmenge von Datenkonvoluten in Grafiken und Funktionsplänen darzustellen. Daraus wurde letztendlich, dass wir unsere Daten jetzt in einer „Cloud“ speichern.

Weil die reale physikalische Heimat von global in Speichern und Rechnern wild herum vagabundierenden Daten nicht mehr zu lokalisieren ist, wurde der „nebulöse“ Begriff einer Wolke („Cloud“) gewählt. Ein wahrer Tort für unsere klare Formen und Linien gewohnte Vorstellungskraft.

Eleganter Code

Ich habe wirklich während meines Studiums Ende der 70er-Jahre auch die Grundlagen des Programmierens gelernt. Am Ende des Grundkurses in „Logo“ konnte ich schon einfache Anwendungen programmieren. Als es dann aber daran ging, aberhunderte von Daten in Lochkarten zu erfassen und dafür ein Programm zu schreiben, gewann mein innerer Schweinehund haushoch gegen meine technische Neugier. Und die Rezeptionsforschung musste ohne solide Datenanalyse weiterhin im Ungefähren forschen.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Zusammentreffen mit Programmierern in den Frühzeiten des (deutschen) Onlinebusiness. Da war noch nicht die Rede von HTML und www. Damals dachte man – analog zum Erfolg von Compuserve – ausschließlich in eigens entwickelten, proprietären Programmen („Interchange“ von ZiffDavis!), mit denen Informationen und Daten – gegen Bezahlung, versteht sich – Abonnenten zugänglich gemacht werden sollten. Entsprechend hakelig und buggy war die Performance.

Die Faszination des Apfelmännchens

Damals hörte ich die Programmierkollegen das erste Mal von einem „eleganten“ Code sprechen. Das war mit einer derartigen Ehrfurcht und Bewunderung intoniert, dass mir sofort jeder Scherz darüber verging. Seitdem wurde mir allmählich immer klarer, dass meine hergebrachte Idee von Schönheit und Eleganz arg beschränkt war. Es gibt gerade auch in der digitalen Welt eine Schönheit und Eleganz. Nur leider entzieht sie sich wehrhaft aller Assoziation mit hergebrachten Schönheits- und Ebenheitsmodellen.

Wie, bitte, sollte man auch die wundersamen Multiplikations- und Exponential-Effekte von Netzwerken darstellen, wie Crowd-Sourcing, wie die Verknüpfung scheinbar disparater Daten, wie das Mashups tun? Wie soll man die positive Kraft sozialer Netzwerke grafisch umsetzen oder wie Location Based Services? Der einzige digitale Service, der hier vom Namen und dem grafischen Äquivalent überzeugen kann, ist Twitter (Zwitscherer) mit seinem allerliebsten blauen Spatzen.

Der Digitalität insgesamt fehlt ein faszinierendes Symbol, wie es dem Mathematiker Benoit Mandelbrot mit dem „Apfelmännchen“, der wunderschönen Visualisierung der Mandelbrotmenge, gelungen ist, der Unansehnlichkeit der Idee des „Chaos“ durch ein kultisches Symbol ein Ende zu setzen. Hier fehlt noch eine zündende und funktionierende Idee, wie Digitalität optisch attraktiv umgesetzt werden kann. Der grüne Datenregen in „Matrix“ war dazu ein ungeeigneter Versuch.

Gute Freunde


Oh wie schön ist Facebook-Land

Ich liebe meine Facebook-Familie. Es gibt immer etwas Interessantes zu lesen. Man erfährt die wirklich wichtigen Neuigkeiten, bekommt gute Tipps, inspirierende Literaturempfehlungen und die Diskussionen sind mal kritisch, fast immer befruchtend, immer fair und manchmal herrlich frei blödelnd.

Kein Wunder, Meine Facebook-Familie ist ein wunderbarer Mix von Menschen aus den verschiedensten Phasen meines Berufslebens – gerade auch aus der vor-digitalen Zeit. Es sind dazu Menschen aus dem nähesten Umfeld (Familie) und nicht ganz so nahen. Es sind Menschen aus verschiedensten Regionen, Ländern und Kontinenten. Menschen der verschiedensten Generationen, von 12 bis 65+ Jahren.

Entsprechend divers sind deren Posts, deren Themen, deren Ideen und deren Einwürfe. Entsprechend vielfältig die Tonalität, von wortkarg über alltagspoetisch bis hin zu wort- und postreich. Nur ganz wenige Posts in Facebook sind fade und uninteressant. Sie sind schnell überlesen. Die meisten wecken dagegen meine Neugier oder befriedigen sie.

Evolution zum sozialen Wesen

Dann die vielen wunderschönen Bilder, Videos und interessanten Links. So viel neue Gedanken und grandiose intelligente Einwürfe hätte ich ohne meine Facebook-Familie verpasst. So viele intelligente, innovative oder witzige Anregungen, Artikel, Vorträge und Präsentationen. Aber ebenso viel Poesie, wunderbare Alltagsidyllen und Kommentar-Haikus. Kurzum: Oh wie schön ist Facebook-Land. (Ein wunderbarer Artikel (auf Englisch) zu diesem Thema – plus Farmvílle – findet sich hier.)

Vor allem aber erzieht Facebook einen selbst auf angenehme Weise. Man nimmt die Welt bewusster wahr, immer mit dem Hintergedanken, kann das auch andere interessieren? Ist es wert, gepostet zu werden? Vor allem aber hat mich Facebook gelehrt, mein soziales Umfeld bewusster wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Kein wichtiger Geburtstag wird mehr vergessen, und vermeintlich „unwichtigere“ ebensowenig. Und im Laufe der Zeit gibt es keine unwichtigen Geburtstage mehr, schließlich ist jeder meiner Facebook-Kontakte Teil meiner digitalen Familie. (Deswegen hält sich die Zahl meiner Kontakte dort auch ganz bewusst in Grenzen.)

Aggression vs. Empathie

Wenn man so enthusiasmiert ist von Facebook wie ich, dann ist man um so verdutzter, wenn man temperamentvolle Facebook-Allergiker und -Feinde trifft. Davon ist die eine Hälfte ideologisch verblendet. Sie sehen in Facebook nur den Inbegriff menschlicher Eitelkeiten und von rigorosem Narzissmus. Sie tun das, ohne sich je wirklich auf Facebook eingelassen zu haben oder es gar je ausprobiert zu haben. (Meine Meinung zu Facebook-Kritikern, die es selbst nie probiert haben, findet sich unter dem Titel: Mach mich nicht nass!) Das kann man mit einem Schulternzucken abtun.

Viel schwieriger ist es, wenn man gerade von Jugendlichen hört, dass Facebook öde und langweilig ist, weil nur Fadheiten und Überflüssiges gepostet werden – oder schlimmer, dass Facebook (& Co.) ein Hort des Mobbing und der gegenseitigen Kränkungen ist.

Das Fatale ist, dass man den Freundeskreis eines anderen und die dort geübten Posting-Qualitäten nie wirklich kennenlernen können wird. Es ist aber gut vorstellbar, dass nicht jede Facebook-Community gleich attraktiv ist. In meinem Umfeld gibt es viele Journalisten und Werber, die sind meist besonders medienaffin und können gut schreiben – und tun das oft und gerne. Entsprechend lesbar und interessant sind deren Posts. Und sie leben auch meist ein sehr abwechslungsreiches und öffentliches Leben. Entsprechend spannend sind deren Beobachtungen und Tipps.

Jeder Freundeskreis ist anders

Wenn man ein weniger aufregendes Leben hat oder unbewusster vor sich hin lebt und nicht gewohnt ist, seine Reflektionen passend in Worte (oder in Bewegtbildern) zu kleiden, ist die Gefahr groß, dass reine Belanglosigkeiten im Facebook-Umfeld ausgetauscht werden oder gar Übersprungshandlungen passieren wie Mobbing und andere aggressive Akte. Wer das mit dem Spruch kommentiert, „Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient.“, der macht es sich da zu leicht.

Aber Facebook ist nicht so erfolgreich geworden, weil sich dort Menschen Gemeinheiten oder Belanglosigkeiten um die Ohren hauen. Da hier ausschließlich Menschen unter ihrem Namen und mit ihrer Persönlichkeit mit Freunden oder nahen Bekannten beisammen sind, herrschen normalerweise eine Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität und ein Enthusiasmus, wie im echten Leben eher selten anzutreffen sind.

Man muss sich nur einmal die Foren etwa der Süddeutschen Zeitung oder des Spiegel ansehen, wie viel Destruktion, Frustration und Aggression dort herrschen. Und wie herrlich anders, nämlich positiv, konstruktiv und empathisch geht es in den mir zugänglichen Facebook-Familien und Twitter-Communities zu. Ganz im Sinne unseres singenden Fussballheroen und Allzweck-Kaisers Franz:
„Gute Freunde kann niemand trennen – Gute Freunde sind nie allein – Weil sie eines im Leben können – Füreinander da zu sein.“

Füreinander da sein

Franz Beckenbauer singt dieses Lied noch immer gerne, wie ich vor ein paar Wochen bei einem Benefiz-Golfturnier zugunsten seiner Stiftung feststellen durfte. Und er lebt dieses Prinzip. Es waren viele seiner Vereinskameraden von damals dabei (Dürnberger, Janzon, Roth etc.). Und in meinem Flight spielte ein Nachbarsbub von früher, mit dem er auf Giesings Bolzplätzen als Bub gekickt hatte. Nach zig Jahren erinnerte er sich tatsächlich an ihn – und tat nicht nur so.

„Füreinander da zu sein“, das muss im Zentrum einer Freundschaft stehen. Oder wie man in Bayern sagt: „Man muss gemeinsam ein Scheffel Salz essen.“ Meint: es gibt nicht nur schöne und harmonische Zeiten in einer Freundschaft. Und gerade dann, wenn es darauf ankommt, dann beweisen sich Freundschaften.

Mal abwarten, wie Facebook sich hier bewährt. Noch ist diese Plattform ein wenig zu jung, um zu sehen, wie weit es funktionieren kann, online/virtuell füreinander da zu sein oder sich gar real zu helfen. Aber immer mal wieder erlebt man auch hier Brisantes, ob Krankheit, Liebeskummer oder Ratlosigkeit. Und da sehe ich oft sehr sensible Versuche der Unterstützung.

Bei handfesten Problemen, ob es um einen Umzug geht oder ob um Ratschläge gebeten wird, da wird zumindest in meinem Umfeld ernsthaft versucht zu helfen. Vielleicht nicht immer sehr wirksam, vielleicht nicht nachhaltig. Aber das kann ja noch werden. Wir sind ja vielleicht gerade erst mal ein gutes Jahr auf diese Weise miteinander verbunden. Ich bin gespannt…

Mach mich nicht nass!


Des Nichtschwimmers Argumente

Es ist ein wenig so, wie wenn ein überzeugter Nichtschwimmer am Rande eines Schwimmbeckens an die sich dort fröhlich vergnügende Schwimmergemeinde predigt und vor den Gefahren des Badens im Seichten und Tiefen warnt. Baden ist gefährlich. Wenn man nass ist, kann man sich erkälten. Man kann aus Versehen Wasser schlucken. Das kann von Menschen mit wenig Hemmungen auch ein wenig verunreinigt sein. Bei Springen vom Turm oder auf Wasserrutschen kann man sich blaue Flecken holen. Und ja, man kann sogar ertrinken dabei. Und Schwimmbadbesitzer machen mit dem Ganzen sogar Geld.

Alle diese Argumente stimmen ja. Ohne Frage. Und trotzdem hören die Menschen nicht auf, baden zu gehen. Selbst solche, die noch nicht mal zu schwimmen gelernt haben. (Dann wird es sogar richtig gefährlich.) Es macht ihnen sichtlich Spaß. Und die Risiken, die schlagen sie in den Wind.

Selber schuld

An diese Allegorie erinnern die meisten der Stimmen, die enthusiastisch bis hysterisch vor den Abgründen und Gefahren der Social Networks, vorzugsweise Facebook und Twitter warnen. Thilo Weichert etwa, der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, ließ sich auf der „Netzpolitischen Soiree“ der Grünen, am 10. September 2010 in Berlin zu einer Philippika gegen Google und alle Sozialen Netzwerke hinreißen, die Jeff Jarvis, der ebenfalls Gast dieser Veranstaltung war, bissig unter dem Titel „Oh, those Germans“ in seinem Blog buzzmachine.com dokumentierte und kommentierte.

Höhepunkt der fachlichen Selbstdemontage von Thilo Weichert war der Satz: „Solange die Deutschen so dumm sind, dass sie diese Suchmaschine (Google!) nutzen, haben sie es nicht besser verdient.“ Die Begründung: „Google nutzt seine Daten um mich zu manipulieren.“ (???) Wer so ideologieverbohrt argumentiert hat weder die digitale Welt noch den dort nötigen Datenschutz verstanden. Und wie am Nichtschwimmerbeispiel gezeigt: von außen lässt sich am besten irren.

6 mal gegen Facebook

Noch typischer ist diesen Irrweg ausgerechnet der Chefredakteur des britischen WIRED, David Rowan, gegangen. Er hat ganz stolz zum Besten gegeben, warum er nicht in Facebook ist – und je zu sein gedenkt. Sechs Gründe gibt er an, größtenteils die üblichen, wenn es um Facebook-Bashing geht:
1. Facebook ist eine Privatfirma – und die führt per se nichts Gutes im Schilde, sondern nur Kommerz (Thilo Weichert lässt grüßen).
2.  Facebook macht es schwer, sich immer wieder neu zu erfinden.
3. Private Daten können missbraucht werden…
4.  … und zwar gegen einen persönlich.
5.  Wenn man sich daneben benimmt, bleibt das für immer gespeichert.
6.  Sozialer Diskurs wird kommerzialisiert.

Solche Argumente kommen sichtlich von außen. Ähnlich wie bei der Allegorie des Nichtschwimmers am Anfang sind sie nicht per se falsch. Nur treffen sie nicht den Kern der Sache. Es sind die Argumente eines Menschen, der sich auf etwas Neues nicht einlassen will und etwas verkrampft rationale Gründe für seine Haltung sucht. Natürlich ist es nicht verkehrt, auf Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Aber das alles ist keine sinnvolle Argumentation, bei Facebook & Co. nicht mitzumachen.

Richtig ist, dass die Vorteile der Sozialen Netzwerke sofort und in vollem Umfang zu genießen sind. Deswegen ist die Facebook-Gemeinde in aberwitzig kurzer Zeit auf eine halbe Milliarde Menschen angewachsen. Mögliche Nachteile oder Probleme sind garantiert erst sehr viel später zu erleben. Diese Asymmetrie ist typisch für digitale Errungenschaften. Aber gerade der Erfolg in dieser Dimension schützt zugleich vor exorbitantem Missbrauch. Die Konsumentenmacht ist viel zu groß, um missbraucht werden zu können.

Leben als Betriebssystem

Besonders entlarvend für die Denkweise von David Rowan ist sein zweiter Ablehnungsgrund. Facebook mache es schwerer, sich neu zu erfinden. Hier zeigt sich, dass Rowan eine sehr antiquierte Lebensidee hat, man könnte es glatt solitär nennen: Man lebt (ungeniert?) sein Leben und wenn es nicht mehr klappt oder man sich zu sehr daneben benommen hat, fängt man halt neu ganz von vorne an.

Das erinnert an den Umgang mit Windows-PCs, die man halt im Notfall wieder neu hochfährt, aber so etwas hat nichts mit dem Leben zu tun, das man heute zu leben genießt. Ich bin jedenfalls um jede Anregung, um jede Idee, um jede Alternative froh, um jedes neue Argument, auch um jede Meinung, die mir konträr entgegen steht, die mich in meinem täglich gelebten Leben weiter bringt. Und immer mehr dieser Anregungen/Ideen/etc. kommen von meiner „Netzwerkfamilie“ bei Facebook oder meinem „Inspirationskreis“ bei Twitter.

Das Leben ist kein Betriebssystem, das wenn es nicht funktioniert, neu gestartet werden kann. Ein Leben ist ein Prozess. Und je spannender, je abwechslungsreicher und befruchtender dieser ist, um so besser. Wenn ich zurück schaue, dann lebe ich heute ein völlig anderes Leben als vor 10, als vor 20 oder 30 Jahren. Aber das, ohne je einen kompletten Neuanfang gemacht zu haben. Sondern als spannenden Prozess mit allen Höhen und Tiefen.

Kein Leben, das ich glücklicherweise nie vom Beckenrand aus beobachtet oder kommentiert habe, sondern wo ich mitten drin war. Mit allen Risiken, sich nass zu machen, Wasser zu schlucken und auch mal Angst zu haben, zu ertrinken. – Fragt sich, wie sich wohl ein Leben vom Beckenrand aus lebt, Mr. Rowan? Ich jedenfalls möchte nicht nur dort stehen und zuschauen – und „schlaue“ Kommentare abgeben.

Storytelling & Mythen


Was ist Journalismus heute? Und was Storytelling?

Jeff Jarvis, Medien-Vordenker, -Quertreiber und Kongress-Talisman, hat in seinem (stets lesenswerten) Blog BuzzMachine.com den Journalismus neu zu definieren versucht. Anders als das Gros der Journalisten sieht er in gutem Journalismus nicht nur ein perfektes Storytelling, sondern eine Unmenge neuer Aufgabenfelder. Das geht bei ihm über das intelligente Sammeln und Aufbereiten von Daten über Herstellen und Betreuung von Kommunikationsplattformen und Organisation von Crowdsourcing und Betreuung von Wissen (Wikipedia) bis hin zur Erstellung von sinnvollen Algorithmen, die Informationen aufbereiten und einordnen etc.

Diese Liste ließe sich noch sinnvoll erweitern, wenn man einen Blick in die Zukunft wagt. Journalismus bedeutet künftig auch das Erstellen von Story-Drehbüchern, also die multimediale, mal pädagogische und/oder spannende Inszenierung einer Information oder Geschichte. Will man in einer iPad-Version Mehrwert erzeugen, ist das unabdingbar! Auch die Organisation und Betreuung eines Hyperlocal-Services, einem Lokaljournalismus aus Eigeninitiative und die Kuratierung von Texten von User-Content werden in Zukunft Journalismus sein. Alles nicht so glamourös, wie es gerne in Journalistenschulen verkauft wird. Aber damit wird in Zukunft durchaus Geld verdient werden können, sollte man es nicht soweit schaffen, als Edelfeder zu einer eigenen, starken Autoren-Marke zu werden/werden zu wollen.

Storytelling als Ego-Trip

Das Storytelling, das Verdichten einer Geschichte zu einer Geschichte, sieht Jeff Jarvis als nur eine mögliche Aufgabe des Journalisten, und er sieht sie relativ kritisch. Zitat – frei übersetzt: „Als Erzähler einer Geschichte stellt sich der Erzähler in den Mittelpunkt, er reißt die Geschichte an sich. Das ist meine Story! Und ich entscheide, wie sie geht und erzähle sie auf meine Weise. Der Erzähler einer Geschichte übt über sie Kontrolle aus. Und es herrscht die Einbahnstraße vom Produzenten zum Rezipienten.“

So ganz falsch liegt Jarvis mit seiner Einschätzung nicht, vor allem wenn man die Selbstreflexionen der Journalisten – vor allem in der Auseinandersetzung mit dem bösen Konkurrenten Internet und speziell der Blogger-Gemeinde – sieht. Aber bei aller sinnvollen Kritik daran übersieht er ein wichtiges und vielleicht das älteste Merkmal des Storytelling, deutsch: des  Geschichtenerzählens, altdeutsch: der Moritat.

Empathie und Mythos

Wirklich gute, und gut erzählte Geschichten bringen Situationen, Stimmungen, Bedürfnisse, Emotionen, ja auch Zeitgeist so gut auf den Punkt, dass sie ihnen den Grauschleier des Unbewussten entreißen und es so wirksam machen. Sie wecken Emotionen und Erkenntnis und/oder machen sie bewusst. So entsteht dieses Wundern über einen selbst – oder die Gesellschaft oder bestimmte Phänomene, die einen berühren, ja bis zur Gänsehaut (positiv oder negativ) führen. So entsteht Empathie, so entstehen aber auch Wut und Trauer, was oft die wesentlichen Ingredienzien sind, will man etwas (einen Missstand o. ä.) ändern.

Einzug ins Ur-Gedächtnis

Wirklich gut erzählte, extraordinäre Geschichten sind im besten Fall so weit verdichtet, dass sie sich in unserem Bewusstsein festsetzen. Sie sind sozusagen das Gleitmittel, das es ermöglicht, dass Erkenntnis oder Gefühl in den begrenzten Raum unseres Langzeitgedächtnisses und unseres innersten Meme-Reservoires schaffen. So entstehen im besten Fall positive Pendants zu all den Traumata, die das Leben für uns bereit hält. So entstehen Mythen, die es bis in unser allerinnerstes Gedächtnis, das Ur-Gehirn, schaffen.

Ich bin noch heute meinem Vater so dankbar, dass er mir als Kind am Bett zum Einschlafen nicht Märchen oder Kindergeschichten vorlas, nein er erzählte mir frei aus seiner Erinnerung heraus die wilden Geschichten des Odysseus, die er auf seiner ewig langen Fahrt von Troja nach Hause zu seiner ihn liebenden Frau erlebte. Die Sirenen, die Nymphe Kalypso, den Riesen Polyphem, Skylla und Charybdis etc. Diese Geschichten sind mir bis heute lebendig vor Augen. Wahrscheinlich habe ich sie nach dem Einschlafen auch noch weitergeträumt.

Die Moritat von der Geschicht‘

Unser Bewusstsein ist voll von Mythen. Es ist die Essenz von unzähligen Geschichten, die sich die Menschheit über Jahrtausende immer weiter erzählt hat. Von Naturkatastrophen (Arche Noah), von Kriegen und Not, von Liebe und Lust, von Entdeckung von Unbekanntemn (Odyssee), von Hoffnungen und Siegen, von Dämonen und bösen Kräften (Herr der Ringe). Wir wissen heute, dass Großteile unseres Verhaltens letztendlich von diesem mythischen Innersten bestimmt werden. Um so wichtiger ist es, unser mythisches Gedächtnis von den schlimmsten und finstersten Relikten zu reinigen, etwa der Urangst und all den Dämonen einer naturreligiösen Zeit. Das geht aber nur, indem wir neue, zeitgemäße und – wenn es geht – positive Mythen hier einpflanzen.

Das ist aber nur mit wirklich neuen Geschichten möglich, die uns im Innersten anrühren. Das funktioniert nur mit perfekt erzählten Geschichten. Und dabei helfen kein iPad, kein Algorithmus und keine Datenbank weiter. Da hilft nur bestes Storytelling. Und gute Storyteller. Jarvis hat recht, wenn er bemerkt, dass Geschichtenerzähler Geschichten an sich reißen, aber dafür steckt dann auch ihr Herzblut drin. Die Moritat von der Geschicht‘: wir brauchen mehr Moritaten – und Moritatensänger. – Gerade auch im Internet.

Oper & Lust


Karajan und das Desaster der Oper

Ein – ausnahmsweise kühler – Sommerabend im Chiemgau. Open Air wird Mozarts Oper „Gärtnerin aus Liebe“ aufgeführt. Keine seiner bekannten Opern. Mozart hat sie im Alter von 19 Jahren als Auftragsarbeit für den Karneval in München geschrieben. Ein krudes Beziehungskuddelmuddel, das sich nach viel Jux und Tollerei, witzigem Spiel und netten Arien in ein Happy End auflöst. Eine Produktion der Theaterakademie von Gut Immling, der Sommeropernbühne im Chiemgau. Inszeniert hat Isabel Ostermann von der Berliner Staatsoper unter den Linden. Gespielt wird im Garten vor der zur Opernbühne umgewidmeten Reithalle von Gut Immling.

Ich bin relativ hartgesotten, was Theater und speziell Oper angeht (dazu später). Aber diese Opera Buffa, mit kleinem Kammerorchester unter der komödiantisch mitspielenden Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock und jungen Nachwuchsstars aus aller Welt (Korea, Japan, Spanien etc.), hat mich seit langen Jahren wieder einmal richtig herzhaft lachen lassen. Zu gut waren die Gags, zu kurios die Situationen und herrlich deftig die sexuellen An- und Ausspielungen. Hier wurde Sex als schönste Nebensache der Welt gezeigt, lustvoll, lustig und nie peinlich. (Die Oper ist definitiv erst ab 16 Jahren zu empfehlen!)

Kellner in der Bohème

Das ist nun so ganz anders als alles, was ich je zuvor auf der Opernbühne gesehen habe. Ich gebe zu, das war – abseits von Immling – herzlich wenig. Zu intensiv – und zu negativ war meine Prägung in Sachen Sangesbühne. Ich war wohl zehn Jahre alt, da durfte ich für den Kinderchor der Bayerischen Staatsoper vorsingen. Frühkindliches Trauma: Ich wurde nicht genommen, die Stimme war nicht gut genug. Ich erinnere mich an Wut und Trauer. Ich habe wohl eine halbe Stunde geweint – in der Badewanne beim damals üblichen freitäglichen Wochenbad.

Als Trost durfte ich aber als Statist auf der Bühne der Münchner Staatsoper agieren. Als Kellnerjunge in der „Bohème“ und als Volk im „Bajazzo“ und der „Cavalleria Rusticana“. Mein erstes Erlebnis auf der Bühne samt (mildem) Lampenfieber und Nervosität. Schließlich war in der Generalprobe das Schlimmstmögliche passiert. Ich hatte das Tuch mit dem Geschirr, dass ich im Laufschritt hereinzubringen hatte, zu hart abgesetzt und das Brathuhn (aus Plastik), das ich servierte, kollerte von den zerbrochenen Tellern auf den Boden. Ich wurde nicht geschimpft dafür, die abergläubigen Theaterleute waren froh darüber, war es doch ein gutes Omen.

Den nachhaltigsten Eindruck aber hat mir damals der Dirigent der Opern hinterlassen: Herbert von Karajan. Ein Name, den  meine Mutter nur in höchster Ehrerbietung hauchte. „Der große Karajan!“ Ich erlebte ihn als anonyme Stimme aus einem plärrenden Lautsprecher, der wild schimpfend und fluchend seine Kommandos gab und das gesamte Ensemble in Angst und Schrecken versetzte. Zumindest für mich Zehnjährigen. Keine Ahnung, ob das auch von den „Erwachsenen“ so erlebt wurde, mir hat das nachhaltig jedes Interesse und jede Begeisterung für die  Oper verleidet.

Als ich meine Erschütterung über die schlimme Wortwahl des großen Meisters zuhause erzählte, wurde mir glatt beschieden: Das könne nicht sein. Ein Karajan flucht nicht. Das sei alles Einbildung eines hypernervösen Kindes… So weit zu meiner Sozialisation in Sachen Oper.

Ziege als Star

Und jetzt dann dieses furiose, harlekinische Kasperltheater unter freiem Himmel der „Gärtnerin aus Liebe“. Selten so gelacht über die Regieideen und deren herrlich komödiantische Umsetzung. Meist fotografierter Star des Abends war eine weiße Ziege, die mitspielen durfte. Immer wieder schlich sich eine andere Besucherin zu dem Tier und fotografierte es. (Es war ja alles Open Air und man saß bei Speisen und Getränken an Tischen, zwischen denen gespielt und gesungen wurde!) Die Vorstellung, wie dann Tante Gertrude zuhause ein Bild von einer Ziege herumzeigt mit der Bemerkung: Ich war in der Oper. Oder: Ich war bei Mozart. Köstlich!

Das Publikum in der Oper war üblicherweise weithin ergraut. Um so erstaunlicher bei dem hohen Altersdurchschnitt war die freudige und positive Aufnahme der sehr eindeutigen Szenen und der sehr überzeugend gespielten Lustjuchzer. Das ist der Vorteil eines Opernabends auf dem Land abseits der großen Bühnen: Das Publikum ist normal und unverblendet.

Aber echt schade, dass nicht mehr junge Menschen so etwas zu genießen lernen. Solch ein „tierischer“ Jux, solch pralles Leben und solch ungeniert gespielter Kitsch und Humbug müsste bei einem jungen Publikum eigentlich super ankommen. So was ist „Camp“, wie Freund Joop sagen würde. Zugegeben, die Musik muss man als junger Mensch erst zu lieben lernen. Das ist bisweilen komplex und groovt nicht so richtig. (Außer wenn sich im Rezitativ Barjazz-Klänge hineinmischen.) Aber wer Mozart als Musikpunk in „Amadeus“ (Film!) genossen hatte, der erlebt auf Gut Immling, dass diese Deutung nicht so falsch war.

(Die Inszenierung ist im nächsten Frühjahr auch in der Berliner Staatsoper unter den Linden zu erleben.)