Wies’n-Special: Rausch als The Difference


Fremdeln in Tracht

Woran erkennt auch der medienscheueste Münchner, wenn Wiesn-Zeit ist? Richtig, plötzlich trifft man überall in der Stadt Menschen in Tracht. Vor allem sind dabei sehr viele Menschen, die Dirndl und Lederhosen sichtlich das erste Mal in ihrem Leben tragen. Das merkt man nicht nur, wenn sächsische, schwäbische oder andere fremdsprachige Laute aus Lederbuxen und/oder Rüschendekolletees tönen. Denn merke: Je fremder und unwohler man sich in bayerischer Traditionskleidung fühlt, desto mehr und  lauter spreche ich.

Monty Python: Ministry of Silly Walks

Das verräterischste Merkmal eines ungeübten Trachtenträgers sind neben völlig unzulässigen Kombinationen von Accessoires seltsame Bewegungs-Anomalien. Mädels von auswärts in Dirndln nesteln am Dekolletee und versuchen – vergeblich – zu kurze Rücke nach unten zu verlängern. Die Buben und Herren in ungewohnten Lederhosen haben einen seltsam gestelzten Gang, als seien sie in ein zu steifes, zwickendes Lederfutteral gesteckt worden. Und genau so ist es.

Ministry of Silly Walks

Was aber im Stadtbild noch mehr auffällt – etwa ab 14:00 Uhr jeden Tag – sind Menschen, die direkt aus dem „Ministry of Silly Walks“ (aus dem legendären Sketch von Monthy Python) entsandt zu sein scheinen. Es gibt nichts Erheiterndes als den Versuch von Menschen, die konzentriert versuchen, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, dass sie am hellichten Tag schon zuviel Bier erwischt haben. Besonders absurd wird das natürlich, wenn solche Personen kurze Lederhosen mit Brustgeschirr und karierte Hemden tragen. Jeder Schritt ist zu groß oder zu klein, zu langsam, zu bemüht und natürlich unstet. Und je mehr versucht wird, das mit einem breiten, nicht sehr intelligenten Grinsen zu kaschieren, um so schlimmer wird es.

Je später der Abend, desto verrückter werden die Geh-Deformationen – und die Bemühungen, sie zu kaschieren tendieren gegen Null. Die Burschen sind viel zu sehr damit beschäftigt, das Ziel mit großen Umwegen zu erreichen und dabei das Gleichgewicht zu halten, als dass noch auf Wirkung nach außen geachtet werden kann. Gäbe es das „Ministry of Silly Walks“ heute noch, es müsste zu Recherchezwecken unbedingt eine Webcam aufstellen, die Menschen auf dem Weg vom Bierzelt zum Pissoir aufzeichnet. Ich denke, dass die U-Bahn-Angestellten, die die Monitore der Überwachungskameras an den Wies’n-Haltestellen überwachen, alle zwei Stunden wegen akuter Zwerchfellerschöpfung ausgetauscht werden müssen.

Theorie des Suri

Wer mit einem analytischen Auge und hoher Toleranzschwelle das Oktoberfest besucht, und dann nicht zu viel Bier erwischt, der kann  sehr gut die verschiedenen Stadien der Betrunkenheit feststellen. Es ist bezeichnend, dass die bayerische Sprache dafür auch unterschiedliche Begriffe geprägt hat, die es so im Hochdeutschen – und anderen Weltsprachen – nicht gibt. Der schönste Begriff in diesem Zusammenhang ist der „Suri“. Das ist der Zustand, der sich so langsam nach einer zügig getrunkenen Maß Oktoberfestbier einstellt, vor allem wenn einem dabei die Sonne voll aufs Hirn scheint.

„Suri“ wird in den einschlägigen Wörterbüchern mit „Rausch“ oder „Schwips“ übersetzt. Beides ist grundfalsch. Der „Suri“ ist eben (noch) kein Rausch. Es ist der Zustand, in dem man den Rausch erahnen kann, der die Welt um einen seltsam wattig aber zugleich sehr schön und angenehm wirken lässt. Er ist das bayerisch zurückgenommene Äquivalent zur Euphorie und ist dem Gefühl nahe, mit der weichen Seite der Faust einen liebevollen, aber veritablen Schlag auf die Stirn bekommen zu haben. Das Schöne am Suri ist, dass er keine negativen Folgeerscheiningen (Unwohlsein, Kater etc.) nach sich zieht. Er ist sozusagen die wohlseitige Variante des Rausches. Und es ist der Zustand, in dem die Kontrolle über die Gehmotorik langsam verloren geht.

Die Nebenwirkungen der Süffigkeit

Es ist ja auch bezeichnend, dass als Beschreibung für das Wiesnbier der Begriff „süffig“ erfunden wurde, der sich von „saufen“ ableitet. Einen Begriff, den andere Sprachen gar nicht kennen oder anders interpretieren. „Quaffable“ im Englischen meint, dass man ein Gebräu sehr gut in großen Schlucken vertilgen kann, also die Vorbedingung zum „binge drinking“ erfüllt. Das Italienische kennt das Wort beverino, was aber eher gut trinkbar meint und eher Weinqualität beschreibt.

Wenn man im Zustand des Suri nicht das Trinken langsam ausschleicht, ist der Weg zum Rausch nicht weit. Und das ist auf der Wiesn nur das Zwischenstadium zum „Fetzen Rausch“, dessen Nachwirkungen man dann am späten Abend in den verschiedenen Fahrzeugen des Öffentlichen Nahverkehrs in aller deprimierenden Deutlichkeit des Neonlichtes begutachten darf, wenn auch die letzte lederhosen-bedingte Steifheit völliger Erschlaffung gewichen ist.

Die Kultur des Rausches

Nein, wir schließen uns an dieser Stelle nicht dem üblichen Lamento an, dass das Oktoberfest doch nur ein widerliches Massenbesäufnis ist, eine staatlich sanktionierte und touristisch hoch willkommene Massen-Drogen-Darreichung. Der Rausch, vor allem der gemeinsam vollzogene Rausch, ist ein hohes und sehr altes Kulturgut. In allen Kulturen seit der Steinzeit wurde dem Rausch gefrönt, seien es Bier, Met, halluzinogene Pilze, Cannabis oder sonstige Rauschmittel gewesen. Selbst in der Bibel wird der maßvolle Rausch (Suri!) als positiv, weil fröhlich machend gesehen. Und noch in den indogensten Stämmen des Amazonas ist der Rausch Teil der Kultur und des Soziallebens.

Zwei steile Thesen gibt es, warum wir Menschen berauschende Momente dringend benötigen. Die erste, religiöse Variante ist, dass uns kulturhistorisch der Rausch aus unserem lapidaren Menschsein für Stunden befreit und uns den Göttern näher bringt. Die zweite, psychologische Interpretation ist, dass uns der Rausch dabei hilft, das stets verdrängte Bewusstsein, dass wir alle einmal sterben müssen, auszuhalten. Es bringt uns für Stunden dem Tode (je nach Dosis) sehr nah – wir springen ihm aber am nächsten Tag wieder vom Schippchen.

Es ist daher sehr faszinierend zu sehen, welche meiner Freunde fast jeden Tag diese Nähe zu Tod und Gott suchen. Facebook, Foursquare & Co. enttarnen die notorischen Wiesnbesucher.

Prost – samma wieda guad!

Das Ende des Individualismus


Propriozeption – der soziale Gleichgewichtssinn

Jetzt mal kurz innehalten, alle Ablenkung abschotten und sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Wie steht es um einen in diesem Augenblick? Ist alles in Ordnung? Man sitzt, steht, liegt? Die Welt dreht sich unentwegt. Wir haben genug Sinne, um uns jederzeit in dieser Welt orientieren zu können, selbst bei völliger Dunkelheit. Unsere Wahrnehmungssensoren melden ob es laut ist oder leise, warm oder kalt, ob wir uns bewegen oder still stehen, sitzen oder liegen. Das melden uns feinste Härchen in unserem inneren Ohr. Wir wissen wenn ohne Panik – stets wo oben ist oder unten – das melden unsere Augen oder in der Dunkelheit die Lage des Speichels in unserem Mund.

Propriozeption (von lat. proprius – eigen und recipere – aufnehmen) nennt man unsere Fähigkeit der Eigenwahrnehmung und der stets, meist unbewussten Verortung von uns in der uns umgebenden Welt. Das brauchen wir dringend, vor allem unsere Psyche braucht diese Versicherung dringend. Wer nur eine Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung verliert, hat unausweichlich Probleme; funktionieren mehrere der dafür nötigen Sensorien nicht mehr, hat unsere Psyche ein ernsthaftes Problem.

Sozialer Gleichgewichtssinn

Nicht viel anders als im physisch-biologischen System geht es uns in unserem sozialen Umfeld. Auch hier müssen wir uns unentwegt unserer momentanen Lage versichern. Liegen wir richtig oder liegen wir falsch? Ist alles im Gleichgewicht? Liegen wir zurück oder eilen wir voraus? Ist es warm um uns oder eher kalt? Sind wir geliebt oder nicht? Geachtet? Akzeptiert? Jedem sozialen Wesen, das nicht zum sozialen Autisten verkümmert ist, ist eine funktionierende soziale Verortung wichtig.

Dieses Bedürfnis ist historisch gesehen vergleichsweise neu, es entstand erst mit der Ausprägung eines starken Individualismus in unseren Wohlstandsgesellschaften in diesem Jahrhundert – speziell nach dem 2. Weltkrieg. Früher war die soziale Verortung naturgegeben, der soziale Rang war durch Stand, Geschlecht, Religion, Geld und Abstammung vorgegeben. Nur mit äußerster Anstrengung war dem auszukommen – und dann war die Außenseiterstellung unausweichlich.

Auf der Suche nach dem Ich

Seit wir gesellschaftliche Klassen, Normen und Werte gesprengt und verdrängt haben, sind wir (vergleichsweise) frei in der Wahl unserer gesellschaftlichen Rollen und unserer Selbstdarstellung. Wir sind, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seinem Buch „Die Erfindung des Ich“ so überzeugend darstellt, permanent auf der Suche nach neuem Input für die immer neue Ausgestaltung, immer aktuelle Kalibrierung unseres Ich.

Wir brauchen immer neue Anregungen, immer neue Ideen, immer neue Optionen zur persönlichen Ausdifferenzierung. Das ist der Wesensinhalt  unseres Daseins als Individualist, wir wollen unverwechselbar sein (werden), ein Solitär – aber kein Unikum. Denn zugleich wie wir die nötigen Anregungen für unsere Ausdifferenzierung aus Gesellschaft und Medien, von Peers und Role-Models brauchen, so dringend brauchen wir, wenn wir diese Anregungen annehmen und unser Ich damit neu justieren, die Rückmeldung dazu aus unserem Umfeld. Liegen wir so richtig? Beeindrucken wir unser Umfeld – oder sind wir zu weit oder in die falsche Richtung gegangen – und unser Umfeld geht da nicht mit und/oder findet das nicht gut?

Das Sozial-Barometer

Dieser Abstimmungsvorgang ist ein schwieriger Vorgang. Das lief bisher über komplexe informelle Kanäle, oft nonverbal. Ein staunender Blick, ein abschätziger Blick. Ein zustimmendes Brummen, ein Seufzen oder Missfallensgeräusch. Ein Flirt oder ein Abrücken – die gesamte Palette unausgesprochener Meinungsäußerungen kam da zur Anwendung. Zugleich wurde auch die große Bandbreite des sozialen Geräuschs dafür zu Rate gezogen: der verletzende Witz, die spitze Bemerkung, der Klatsch hinter dem Rücken, die abschätzige Geste – oder positiv: das Lob, das Kompliment, der freundliche Scherz, die Anerkennung – der Daumen nach oben.

Die Menschen um uns herum brauchen wir dringend als Projektionsfläche unserer Individualgestaltung. Nur mit ihnen kann eine stets individuelle persönliche Evolution funktionieren. Und nur durch die Reaktion des Umfelds und mithilfe ihres Feedbacks können wir erahnen, ob sich unsere Mühe der individuellen Ausdifferenzierung gelohnt hat – oder nicht. Nur mit der Affirmation des sozialen Umfelds funktioniert unser Spiel der Individualisierung.

Der Segen der Social Media

Bis noch vor kurzem war das Spiel der individuellen Ausdifferenzierung, der Beschaffung der dafür nötigen Anregungen, vor allem aber die Justierung der individuellen Fortentwicklung mittels der Reaktion des sozialen Umfelds ein Prozess, der immer mehr Schwierigkeiten bereitete. Speziell in einer Single-Gesellschaft waren die Beschaffung kompetenter Reaktionen und die Evaluierung der jeweiligen Zustimmung oder Ablehnung ein äußerst diffiziles Unterfangen. Da musste dringend Abhilfe geschaffen werden.

Und siehe da, es entstanden die Social Media. Die so explosive Verbreitung der Social Media-Plattformen, allen voran Facebook, ist nicht zuletzt auch damit zu begründen, dass sie die soziale Propriozeption so schnell, so einfach und so wirkungsvoll gemacht haben. Hier ist ein wirkungsvoller und individualisierender Markt von Anregungen direkt aus dem sozialen Umfeld oder seitens Vorbildern und Peers (Twitter!) entstanden. Vor allem aber fungieren Social Media vorbildlich als Projektionsfläche der individuellen Ausdifferenzierung – und als optimale Feedback-Plattform.

Social Convenience

Das funktioniert einerseits durch eine wirklich optimale Convenience: Anerkennung durch das Minimal-Signal des Drückens eines „Like“-Buttons auszudrücken – einfacher geht es wirklich nicht. Zum anderen ist der (scheinbar) paradoxe Mix aus Anonymität der virtuellen Sphäre des Internet und der scheinbaren Intimität eines ausgewiesenen „Freundeskreises“ das ideale Ambiente für soziale Affirmation oder auch nachjustierender Korrektur.

Die Anzeige von Likes, die Kommentare zu Bildern und Bemerkungen, die witzigen Kommentar-Kaskaden bei besonders gelungenen Meldungen in Social Media-Plattformen, das isteben nicht (nur) willkommene Seelen-Nahrung für die narzisstoide Gesellschaft von heute, sondern sie sind dringend benötigtes Futter für die Ausgestaltung der Abermillionen von Ichs in unserer Gesellschaft von Individualisten. Der Erfolg von Social Media-Plattformen wird sich nicht zuletzt auch immer daran bemessen, wie gut sie für die soziale Propriozeption funktionieren – oder eben nicht.

Das Ende des Individualismus

So sehr Social Media die Individualisierung unterstützen und einfacher machen, so werden sie schätzungsweise zugleich für das Ende des Individualismus sorgen. Was für ein Paradoxon! Wir werden, indem wir immer mehr von uns in Social Media preisgeben, immer transparenter in unserer Wesensart – selbst dann, wenn wir uns dort perfekt inszenieren. Die Datensammel-Monster von Google, Facebook, Twitter & Co. machen uns zu gläsernen Menschen, zu Menschen mit immer weniger Geheimnissen.

Der Individualismus aber, diese Idee zu einem Solitär zu werden, lebt von der Idee eines ganz persönlichen Geheimnisses. Das einzigartige Ich kann ich nur sein, wenn ich etwas (möglichst viel) habe, was andere nicht haben. Und das funktioniert nur so lange, wie es andere noch nicht für sich entdeckt haben. Haben es andere auch für sich entdeckt, ist man nicht mehr Solitär – und muss sich seine nächste, unverwechselbare Besonderheit erfinden oder erarbeiten. Das war ja das Wesen der steten individuellen Evolution.

Das Internet – und speziell Social Media – ist aber der denkbar ungeeignetste Ort, um ein Geheimnis zu hüten, eine solitäre Idee zu bewahren oder als Unikat „überleben“ zu können. So einfach es unser Geschäft der Individualisierung macht, so wird damit der Individualismus, wie wir ihn die letzten Jahrzehnte gelebt und geliebt haben, auch sein Ende finden. – Wir sind längst auf dem Weg in die Epoche des Post-Individualismus…

Der gläserne Mensch


Big Brother is watching you

Ich hatte einst enthusiastisch gegen die Volkszählung in den 70er-Jahren (in der Münchner Stadtzeitung) angeschrieben und deren Boykott unterstützt. Genauso engagiert waren wir damals gegen die Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises. Ich war damals, als der einzige ernsthafte Sammler persönlicher Daten der Staat war, entschiedener Kämpfer für Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre. Dabei war ich beeinflusst von der beängstigenden Vision einer Überwachungsdiktatur, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat, in dem er die historischen Erfahrungen des Nazi- und des Stalin-Regimes eindrucksvoll verdichtet hat.

Der Widerstand gegen die Daten-Allmacht des Datenmonopolisten Staat nährte sich in den 70er-Jahren durch die Erlebnisse mit der Raster-Fahndung, die damals zwar kaum einen Terroristen der RAF enttarnte, dafür aber vielen anderen – unbescholtenen – Menschen Probleme bereitete, vor allem wenn sie jung waren, Bart trugen und schnelle Autos fuhren. (Und wehe, sie trugen einen Parka!) Damals schon entstand die Angst vor einem Allwissen von Institutionen über jeden Einzelnen und vor einem Missbrauch dieser Daten zugunsten einer Diktatur der Wissenden.

Little Brother is knipsing me

Heute habe ich ein Smartphone (Android!), das brav immer meldet, wo ich mich aufhalte. Ich besitze Kreditkarten, die manchmal nicht funktionieren, weil etwa Mastercard nicht glauben will, dass ich schon wieder auf Reisen bin. Ich bin längst bei so ziemlich jeder wichtigen Social Media-Plattform angemeldet, auf Facebook, Google+, Twitter und anderen täglich aktiv. Ich habe Mail-Accounts bei Hotmail, Yahoo und  Gmail. Ich führe diesen Blog auf WordPress, andere, private, auf ning.com. Ich kaufe bei amazon und schreibe dort auch Rezensionen. Mehr Datenspuren im Web lassen sich nur mit einiger Mühe produzieren. Glaubt man den Menschen, die sich mit Targeting wirklich gut auskennen, dann müssten etliche Firmen alles über mich, meine Bewegungen im Netz und mein Konsumverhalten wissen. Google sollte sogar mehr über mich wissen als ich selbst. Auf jeden Fall wissen sie mehr als der Staat über mich.

Big Brother ist nicht Wirklichkeit geworden, dafür knipsen mich – unbemerkt – Unmengen von Little Brothers unaufhörlich mit ihren Digitalkameras und Videoüberwachungskameras filmen mich. Da tröstet es wenig, dass die Erfolgsquote von Gesichtserkennungssystemen erst bei 70 Prozent liegt. Wir sind heute so viel weiter als in den 70er-Jahren je zu befürchten stand. Wir sind unaufhörlich auf dem Weg zum „Gläsernen Menschen“ – und ich störe mich längst nicht mehr daran.

Bergwerker im Datenwust

Ich bin weit davon entfernt, mein Leben so öffentlich zu leben wie es etwa Jeff Jarvis tut oder auch in Ansätzen Thomas Koch. Aber ich finde solch digitale Offenheit absolute positiv und beachtenswert. Mir aber reicht meine digitale Mitteilsamkeit, die jedem Datenbergwerker (Miner) genug Material bieten sollte, um weit in mein Leben hinein leuchten zu können. Und mich schreckt die Vorstellung nicht, dass so viel Wissen über mich gesammelt werden kann. Mich schreckt nicht die Vorstellung, dass so über meine Kreditwürdigkeit (mit) entschieden wird. (Dazu bin ich viel zu oft und zu tief von Banken – selbst in vordigitalen – Zeiten enttäuscht worden, und das selbst zu best prosperierenden Zeiten.)

Mich schreckt auch nicht die Vorstellung, dass Datenbanken Dinge über mich wissen können, die meine besten Freunde nicht wissen – vor allem weil ich es schätzungsweise selber nicht weiß. Was soll jemand damit anfangen? Wenn das Targeting so weit optimiert wird, dass nur noch Produkte beworben werden, die mich im jeweiligen Moment wirklich interessieren, ja selbst wenn sogar mein Unterbewusstsein durchschaubar werden sollte, kann ich dennoch nicht mehr kaufen als es meine Kauflust und mein Budget zulassen. (Da vertraue ich im übrigen wirklich auf die ausgeprägte Non-Linearität meines Denkens und Fühlens.)

Was ist es, dass mich bei der Vorstellung eines Gläsernen Digitalen Menschen nicht mehr schaudern lässt? Ich bin weit entfernt, eine Spießermoral von wegen „Wer-ordentlich-ist-hat-auch-nichts-zu-verbergen“ zu propagieren. Normverletzungen und irreguläres Verhalten sind viel zu wichtig für das Funktionieren unserer Evolution, als dass man eine strikte Bravheit je irgendwie gut oder richtig finden dürfte. Der Sinn von – politisch motivierten – Grenzüberschreitungen beweist sich ja nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Grünen oder im Atomausstieg. Ich erinnere mich noch allzu gut etwa an die so gar nicht lustigen Räuber- & Gendarm-Spiele in Wackersdorf.

Phantasie des Missbrauchs

Mich beruhigt eher die Gewissheit, dass ein Missbrauch von Datenmengen in einer – wohlgemerkt offenen – digitalen Gesellschaft nicht recht funktionieren kann. Wer Zugang zu Netzwerken, offenen Informationen hat und Teil einer kritischen Öffentlichkeit ist, der kann sich gegen jeden Missbrauch wehren. Denn eine Firma, die Daten missbraucht, wird in einer offenen Gesellschaft, die Konkurrenz kennt, gnadenlos abgestraft. Voraussetzung dafür sind aber Netzneutralität, eine funktionierende Netzcommunity und ein Sanktionssystem, das im Netz – und bei strafrechtlich relevanten Vergehen auch juristisch greift. Das setzt natürlich eine Gesetzgebung voraus, die die digitale Welt wirklich begreift, ihre Gesetze berücksichtigt und möglichst auch international – greift.

Kritiker und Warner vor Social Media und der Datensammelwut im Internet argumentieren gerne mit der Asymmetrie der Nutzungseffekte: Die Vorteile der Gratisdienste genieße man sofort, die Nachteile und Missbräuche kämen dann erst sehr viel später. In Wahrheit ist eher eine Asymmetrie der Anwendungsphantasie zu konstatieren: Die Vorteile der – nutzungsoffenen – Plattformen erlebt man nicht nur sofort, sie werden durch die Anwendungskreativität der Nutzer und die Gestaltungskreativität der Programmierer immer größer und vielfältiger. Die Missbrauchs-Szenarien, die die Warner skizzieren, sind dagegen äußerst banal und eindimensional.

Ademokratische Dystopien

Fast alle negativen Dystopien gehen von einem ademokratischen Weltbild aus, in dem Menschen wegen ihrer Rasse, Herkunft, sozialen Stellung oder sexuellen Vorlieben diskreditiert werden und in dem Firmen Missbrauch treiben dürfen wie sie wollen. In solch einer Welt will ich aber nicht leben und werde alles mir Mögliche tun, dass es nicht so weit kommt. Warum also soll ich mich gegen solch ein Szenario schützen? Das ist dasselbe wie mit der Warnung, dass Firmen bei der Personalsuche nach jugendlichen Sünden, die in Facebook oder anderswo dokumentiert sein könnten, suchen, um Bewerber abzulehnen. In Firmen, die so etwas tun, sollte man auf gar keinen Fall arbeiten wollen!

Es ist genau anders herum: Die Vernetzung, die uns Social Media ermöglichen, und der individuelle und gesellschaftliche Machtzuwachs, den uns diese Plattformen geben, sind der beste Sicherungsmechanismus gegen den Missbrauch der Daten durch Internet-Mogule oder bösartige Algorithmen. Das haben die Diktatoren in Arabien feststellen müssen. Und wir haben erlebt, wie schnell unerwünschte Datenschutz-Reduzierungen von Facebook, Apple und Google nach manifesten Protesten der Nutzergemeinde – oder auch das Vorbild eines Konkurrenzproduktes – zurückgenommen wurden. Gerade die Vernetzung schützt gegen den Missbrauch des Netzes. Und zwar gegen Missbrauch durch die User, durch Kriminelle, durch Betreiber oder durch den Staat.

Homo post-sapiens


Angst vor der geistigen Entgrenzung

Es gibt seltsame Wochen, da scheint eine (eher unerhebliche) Meldung auf wundervolle Weise mit anderen ein unerwartetes Sinngeflecht zu spinnen. Das ist ähnlich, wie wenn man des Nachts wild durch die Vielfalt digitaler TV-Kanäle zappt und auf kuriose Weise ein Film in einem anderen, einem (oder mehreren) Videos oder sogar Talkrunden eine Spiegelung, Ergänzung oder Kommentierung erfährt. Eine liebenswerte Selbsttäuschung unseres Bewusstseins, wenn es sich auf ein bestimmtes Thema kapriziert, möglichst viel darunter subsummieren zu wollen.

Hans-Joachim Kulenkampff - "Einer wird gewinnen"

Manchmal entsteht aber solch eine thematische Assoziationskette auch in den Medien und den sie kommentierenden Sozialen Netzwerken. Am Anfang stand die Meldung, dass uns Google vergesslicher, wenn nicht dümmer macht, weil sich Studenten, die wussten, dass Fakten in Google gespeichert waren, weniger Informationen merkten als eine Kontrollgruppe, die das nicht wusste, so eine Harvard-Studie. Kein neues Thema, da gibt es schon Bücher zu, aber jetzt war die These endlich wissenschaftlich belegt, so hieß es. Der erste Medienreflex ist dann das übliche Google-Bashing: Spiegel Online titelt: „Internet macht vergesslich“. Zitat: „Unser Gehirn lernt immer mehr, nicht zu lernen.“ Und Google, Bing und Wikipedia sind schuld.

Hätten Sie’s gewusst?

Solch eine Lernste-was-biste-was-Logik erinnert mich an meine Eltern, die mich immer mit dem Argument ermuntert haben, Quiz-Sendungen wie „Hätten Sie’s gewusst“ (Heinz Maegerlein), „Einer wird gewinnen -EWG“ (Hans-Joachim Kulenkampff) oder „Der große Preis“ (Wim Thoelke) anzusehen, man würde dadurch klüger. Wahrscheinlich muss solch Argumentation noch heute herhalten, wenn unbedingt  „Wer wird Millionär“ (Günther Jauch) angesehen wird oder suchtartig Sudoku-Rätsel gelöst werden. Die Wahrheit ist brutal: Auf diese Weise wird man nicht klüger, man belastet sein Hirn nur mit unnützem Spezialwissen. (Und dass durch den Konsum von TV-Sendungen die Hirntätigkeit wirksam gegen Null gefahren wird, das ist auch etliche Male wissenschaftlich nachgewiesen worden.)

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Google macht uns nicht dümmer, sondern macht unser Hirn frei für Wichtigeres und Effektiveres als das Speichern (heute immer schneller vergänglicher) Fakten. Diese Tatsache hat dann doch auch tatsächlich die taz erkannt und sogar Frank Schirrmacher in FAZ.net hat sie erahnt. Auf den Punkt aber brachte die Diskussion Douglas Coupland (Generation X, Generation A) im Guardian: „Let’s face it, Google isn’t making us stupider, it’s simply making us realise that omniscience is actually slightly boring.“ Google macht nicht dümmer, es hilft uns nur zu kapieren, dass Allwissenheit ein bisschen langweilig ist.

Allwissen tut weh

Wie sehr Allwissen nerven kann, dazu wird in der Augustausgabe des Wired (US) der Technologie-Kritiker Erik Davis zitiert, den es stört, wie im Internet alles bewertet, kommentiert, mit Sternchen zu belohnt wird oder mit Daumen nach oben ge-liket wird : „Our culture is afflicted with knowingness. We exalt in being able to know as much as possible. (…) But we’re forgetting the pleasures of not knowing. (…) We have started replacing actual experience with someone else’s already digested knowledge.“ Unsere Kultur leidet unter notorischer Wisserei. Wir gefallen uns allzu sehr darin so viel wie möglich zu wissen. Aber wir vergessen dabei, wie angenehm es sein kann, etwas nicht zu wissen. – Wir tendieren dazu, echtes Erleben durch das erlebte Wissen anderer zu ersetzen.

Der Autor des Artikels, Chris Colin, beschreibt die Schönheit neuer Entdeckung von Altbekanntem: „It’s a fundamental bit of humaness to discover, say, the Velvet Underground for the first time – to reach at 13 an unbiaased and wholly personal verdict on those strange sounds.“ Es ist fundamental für ein Menschsein, etwa Velvet Underground heute neu zu entdecken, und etwa als 13-jähriger ein völlig neues, unbefangenes Urteil über diese schrägen Sounds zu fällen. –

Erfahrungen ohne Meinungsvorgaben

Genau darum geht es doch, dass immer neue Erfahrungen gemacht werden. Gerade die Generation der Jungen muss ihre eigene Sicht auf Dinge entwickeln, auch auf historische Klänge wie Velvet Underground oder Jimi Hendrix – genauso wie die älteren Generationen Lady Gaga oder Usher zu genießen lernen müssen. Das ist das Wesen der Evolution, dass immer neue Variationen entwickelt werden. Nur so kann Innovation entstehen und nur so kann für die je aktuelle Zeit die richtige Einstellung gefunden werden, können neue, passendere Lösungen gefunden werden – oder wirklich provokante Innovationen. Je kritischer, instabiler und unübersichtlicher die Zeiten werden, desto notwendiger wird eine riesige Bandbreite an möglichen Ideen. Und die entwickelt sich nicht aus Bewertungssystemen und Empfehlungsalgorithmen eines breiten Massengeschmacks.

Einer der größten – und erfolgreichsten Querdenker und kulturellen Innovatoren ist Brian Eno. Er hat nicht nur erfolgreich Musik produziert (Roxy Music, Talking Heads, U2, Coldplay u.v.a.), sondern hat mit seinen Musikexperimenten  immer wieder Neuland betreten, dem dann viele andere folgten. Sein neuestes Album heißt  “Drums Between the Bells” und ist Klang gewordene Poesie und Sprache.

Selbstveränderung und Selbstmodifikation

In einem Interview zum Album formuliert Brian Eno in der New York Times auf wunderschöne Weise eine fundierte, evolutionäre Vision einer positiven Zukunft:  “Something I’ve realized lately, to my shock, is that I am an optimist, in that I think humans are almost infinitely capable of self-change and self-modification, and that we really can build the future that we want if we’re smart about it.” Ich habe für mich entdeckt, und das war ein Schock, dass ich ein Optimist bin. Ich glaube daran, dass Menschen unendlich talentiert sind zur Selbstveränderung und Selbstmodifikation. So können wir wirklich die Zukunft schaffen, die wir uns wünschen, wenn wir es nur schlau anstellen.

Und die Plattform für diese Entwicklung  ist das Internet samt Google, Facebook, Wikipedia – und was noch alles kommen wird. Das Internet macht nicht dumm, nicht vergesslich. Es schafft nur den Platz, indem es Faktengerümpel aus unseren Gehirnen entfernt, für unsere Selbstmodifikationen, unsere Selbstveränderung – als Individuen, als Gesellschaft, als Menschheit. Und am Schluss kommt es auch gar nicht so sehr an, was das Internet mit unserem Gehirn tut. „Look at what these media are doing to our souls.“, zitiert Douglas Coupland Marshall McLuhan: Passt auf, was diese Medien mit euren Seelen machen! Mit den Seelen des Homo post-sapiens.

Wir sind die Europäer!


Toleranz, Neugier & Europa

Mein Vater hat mir nicht allzu viel bewusst für mein Leben mitgeben können, dazu ist er zu früh gestorben. Außerdem war er zweimal in der falschen Partei, vor 1945 und – meiner Meinung nach – auch nach 1945. Aber drei ganz große Interessen hat er mir dann doch beigebracht, indem er es einfach vorlebte: Toleranz, Neugier – und eine ungeheure Liebe zu Europa. Es ist kein Zufall, dass diese drei Dinge direkt miteinander zusammenhängen, sich sozusagen gegenseitig bedingen. Sie waren aber die Quintessenz des Lebens meines Vaters.

Ausbildung zum Europäer - ca. 1960

Geboren in Ostpreußen, war sein Vorname italienisch: Bruno. Nach 1918 wurde er vertrieben und erlebte seine Jugendjahre in Herne – samt Mitgliedschaft bei Westphalia Herne und lebenslangem Interesse für diesen Verein. Seine ersten Berufsjahre und lange Junggesellenjahre verbrachte er in Berlin. Zunächst im weltoffenen, lebenslustigen Berlin der späten 20er-Jahre. Da verkehrte er auch gerne in den Künstlerkreisen seines jüngeren Bruders Hans. Dann im immer rigider werdenden Berlin der Nazis.

Aussöhnung mit Frankreich

Im Krieg wurde er nach Frankreich abkommandiert, in die Etappe, in die Justizverwaltung. Er sprach ganz gut französisch, das machte Sinn. Dort überlebte er nur knapp – und mit schweren Brandverletzungen – ein Bombenattentat der Résistance. Langen Jahren im Lazarett folgten die Kriegsgefangenschaft und eine tiefe Depression nach dem Krieg. Das alles eigentlich nicht die optimale Vorbedingung, ein überzeugter Europäer zu werden.

Aber im Gegenteil, er war glühender Anhänger der Aussöhnung mit Frankreich. Er ging jede Woche einmal eine Stunde früher ins Büro im Deutschen Patentamt, um dort mit etlichen Kollegen eine Stunde lange zum Üben die Geschäfte in Französisch zu führen. Abends ging er zweimal die Woche ins italienische Kulturinstitut, bis er fließend italienisch sprach. Und zum Üben musste man dafür natürlich nach Italien fahren, das erste Mal 1953 nach Gabicce Mare (Marken!) mitsamt schwangerer Gattin. So gesehen habe ich Italien schon vor der Muttermilch in mir aufgesogen.

Einmal rund um Europa

Von da an ging es regelmäßig zum Urlaub nach Italien, vorzugsweise an die Adria. Das Leben in der Fremde, die andere Kultur, das andere – tolle! – Essen – und die Unterhaltungen in einer fremden Sprache, das war Freude und Selbstverständlichkeit. Vor meiner Einschulung sollte ich dann mal ganz Europa kennen lernen. Von Rijeka aus sollte es mit einem Frachter mit Passagierkabinen quer durchs Mittelmeer und dann die Westküste Europas entlang bis nach Hamburg gehen – alle wichtigen Häfen unterwegs inklusive. Leider ging das Schiff knapp vor der Fahrt kaputt – und statt vier Wochen auf See wurden daraus eine Woche Rijeka und drei Wochen Elba.

Meine erste große Liebe war dann auch eine Italienerin: Patrizia. Wir verständigten uns in einem wilden Kauderwelsch aus Englisch, Italienisch und Latein (!). Na ja, natürlich auch mit anderen Kommunikationsmitteln: Hände, Augen etc. (Nein, etc. eher weniger, wir waren gerade mal 14.) Meine und Patrizias Eltern freute diese grenzüberschreitende Beziehung. Sie freundeten sich auch miteinander an. Patrizias Vater, ein Ingenieur aus Mailand, der gut Deutsch (!) sprach, und mein Vater unternahmen lange Strandspaziergänge und diskutierten über Politik und das Leben. Ja sie stritten sogar darüber, wer den Faschismus erfunden hätte, wir oder die Italiener. (Eine müßige Debatte angesichts der Taten des deutschen Faschismus.)

Begeisterung für Europa

Einig aber waren sich beide Väter in der Begeisterung für Europa, über alle Grenzen und alle politischen Einstellungen hinweg. So wurde ich mit der gesamten Verwandschaft in der Emilia Romagna bekannt gemacht. Frischen Parmaschinken aus dem Schinkenkeller (voller reifender Schweinekeulen) plus frisch gebackenes Pizzabrot, das war meine Einführung in die delikaten Genüsse der cucina povera. Und ein paar Tage später ging es ins Fischrestaurant, wo ich ein und für alle Mal lernte, alle möglichen komisch aussehende Meeresgetier haptisch zu beherrschen und kulinarisch zu genießen.

Patrizia und Familie besuchten uns dann sogar in München, sie wollten auch mal die nördlichste Stadt Italiens kennen lernen – ausgerechnet im kalten November. Kurz darauf starb mein Vater, der Europäer. Die Beziehung zu Patrizia brachte schließlich die italienische Post zum Einschlafen. Eine Brieffreundschaft, bei der Briefe erst mit einem halben Jahr Verspätung ankommen, kann nicht funktionieren. (Ein Kuriosum – heute in den Zeiten der Realtime-Kommunikation per Facebook…)

Gelernter Europäer

So gesehen bin ich gelernter Europäer. Wenn ich das gelbe Stadtschild von München auf dem Weg nach Süden hinter mir lasse, überkommt mich ein kleiner wohliger Schauer. Wenn ich aber an den ehemaligen Grenzstationen etwa in Kiefersfelden oder am Brenner vorbeifahre, dann freue ich mich noch immer wie ein kleines Kind. Das mag naiv sein, ist aber den langen Wartezeiten und langen Staus geschuldet. Und ich muss gestehen, die Freude, diese Grenze ohne Kontrollen zu passieren ist – klammheimlich – ein wenig größer als wenn ich die innerdeutschen ehemaligen Grenzanlagen hinter mir lasse.

Ich jedenfalls bin froh, ein Europäer zu sein, und das jetzt in Italien auch aktiv (mit allen Sonnen- und Schattenseiten) leben zu dürfen. Meine Liebe zu Europa und seiner kulturellen Vielfalt ist mir bei meinen Reisen in andere Kontinente – vor allem durch meine Aufenthalte in den USA bewusst geworden. So schön es dort sein kann (Seattle, L.A., New Orleans, Miami…), wenn man kurz darauf durch Europa reist, spürt man den Unterschied, dann kann man die Kraft und das Potential, das Europa hat, schier mit Händen greifen. Das Problem ist nur, dass dieses Potential nur in einem geeinten Europa genutzt werden kann.

Gut-Wetter-Europäer

Und wenn man jahrzehntelang Geld innerhalb der EU verleiht und so Schuldenabhängigkeiten schafft, damit dort die Güter und Dienstleistungen der Exportweltmeister aus Deutschland gekauft werden können, dann gehört wohl auch dazu, dass man diese Schuldenabhängigkeit im Notfall verringert oder tilgt. Es ist doch kein Zufall, dass alle Experten, wenn in Deutschland europakritische Stimmen zu hören waren, immer beflissentlich den Finger auf die Lippen gelegt haben und: „Pssst! Wir sind doch die eigentlichen Nutznießer des Euro!“ geflüstert haben. Europa ist aber eben keine Gut-Wetter-Veranstaltung.

Europa ist kulturell und ideell eine Win-Win-Konstellation. Wirtschaftlich gibt es solche Konstellationen, bei denen jeder etwas davon hat, eher sehr selten. Daher geht es hier um den gerechten und sinnvollen Austausch von Interessen. Und da müssen die, die Vorteile haben, denen, denen es schlecht geht, eben helfen. Das ist das Grundprinzip unseres Gemeinwesens. Und das muss eben genauso europaweit gelten. Das haben aber viel zu viele Politiker noch nicht verstanden. Zu leicht sind vermeintlich Stimmen zu gewinnen, indem man über Europa herzieht.

Europa-Fremdlinge

Und da sind wir am Ende beim Kern des aktuellen Problems: Angela Merkel. Es ist bitter, wenn man jetzt sogar Helmut Kohl recht geben muss, wenn der feststellt: „Die macht mir mein Europa kaputt!“ Besser, komplexer und emotionaler hat das Hendryk M. Broder In Welt online formuliert: „Warum Europas Bürger den Politikern voraus sind.“ Wir sind eben in der Mehrzahl gelernte Europäer – wie ich in meinem Fall oben beschrieben habe. Angela Merkel, die ihre Sozialisation ohne die intime und intensive Kenntnis der europäischen Kernländer erlebt hat, ist definitiv keine gelernte Europäerin. Sie hat dazu keine emotionale Bindung aufbauen können wie ich etwa, sie fremdelt erkennbar. Da ist ein Bekenntnis zu Europa bestenfalls ein Kalkül, aber eben keine Herzensangelegenheit.

Unter den Politikern – bis hinauf in die Regierung – sollte es eigentlich genug gelernte Europäer geben, die einmal politisches Kalkül beiseite stellen und eine Lanze für Europa gerade in Krisenzeiten brechen. Wo ist hier eigentlich der Außenminister, der doch auch für Europa zuständig wäre? Und wer setzt heute die Tradition der großen Europäer in CDU (Adenauer) und CSU (Strauß) fort? Es kann doch nicht sein, dass vor lauter vermeintlicher Angst vor Wählerverlusten Europa die Befürworter ausgehen. Dann müssen halt wie in Stuttgart und anderswo wir Bürger ran. Statt „Wir sind das Volk!“ muss es dann halt heißen: „Wir sind die Europäer!“ – Ich bin’s.

Digitale Assimilanten


Die andere Gnade der späten Geburt

Ich habe mich einst eine zeitlang geärgert, knapp zu spät geboren worden zu sein, um zu den  68-ern zu gehören. Nix war’s mit „Summer of Love“ und so. Im Hippiesommer ’68 war ich gerade mal 14 Jahre alt und trug brav jede Woche die Katholische Kirchenzeitung im Münchner Osten aus. Als Woodstock stattfand, war ich 15 und Komparse in „Herzblatt“, einem Pennäler-Film mit Mascha Gonska und Georg Thomalla. Da Mascha in dem Film mit blankem Busen zu sehen war, war der Streifen erst ab 16 Jahren freigegeben – ich habe ihn deshalb nie selbst zu sehen bekommen. So war das mit dem Jugendschutz damals.

Später habe ich die Tatsache, etwas „zu spät“ für große Zeitenwenden gekommen zu sein, nicht mehr bereut. Im Gegenteil. Sie schuf die Möglichkeit, kritischen Abstand zu den schlimmsten Auswüchsen des Zeitgeistes zu bewahren. Als etwa in der Schülermitverwaltung am Gymnasium ausgerechnet der bei weitem fetteste und hässlichste Mitschüler (vier Jahre älter) mit viel Verve ein Sex-Zimmer in der Schule forderte – in einem reinen Knabengymnasium wohlgemerkt – fand ich das sehr, sehr strange. Immerhin haben wir damals die Einrichtung eines Raucherzimmers durchgesetzt. (Für solche „Freiheiten“ wurde damals gekämpft!) Oder wenn sich Konstantin Wecker (fünf Jahre älter) mit seinen Freunden im Musiksaal austobte, dann klang das toll, aber irgendwie altmodisch. Rock klang anders: rauher, weniger poetisch, so wie Cream oder Jimi Hendrix.

Kelly vs. Ditfurth vs. Fischer

Als 1980 die Grünen gegründet wurden waren es wieder die 68er, die  maßgeblich daran beteiligt waren. Ich war ein sympathisierender Beobachter, bis ich eine Versammlung des Ortsvereins der Grünen in München-Haidhausen besuchte. Ich ahnte eigentlich sofort als ich rein kam, dass ich hier falsch war (viele Jahre zu jung und Meilen zu unideologisch). Nach einer Stunde genervten Zuhörens war ich fortan nur mehr interessierter journalistischer Begleiter. Nur mit diesem Abstand konnte ich intensive Interviews mit Petra Kelly, Jutta Ditfurth und Joschka Fischer führen, obwohl sie sich gegenseitig so wenig leiden konnten, dass sie schnell mal sauer waren, wenn ein „Parteifreund“ interviewt wurde.

Ich bin seitdem recht glücklich damit, ein Post-68er zu sein. Biografisch nah genug, um die Idee zu verstehen, weit genug, um sich ideologisch nicht anzustecken. Nah genug, um den Freiheitsdrang zu verstehen, weit genug, um ihn für sich anders und weiter definieren zu können. Außerdem kann man – sozusagen von außen – die Situation besser analysieren und reflektieren – und man kann auch als Mittler zwischen den Generationen oder Ideologien agieren. Das tröstet ganz gut darüber hinweg, scheinbar etwas „verpasst“ zu haben.

Wir glücklichen Prä-Digitalisten

Die Distanz funktioniert biografisch nicht nur altersmäßig rückwärts, sondern auch umgekehrt, sozusagen nach vorne.  So finde ich es nicht schlecht, ein Prä-95er zu sein, ein Prä-Digitalist, ein Mensch, der weit vor dem Internet geboren und sozialisiert worden ist. So analog, literal und bildungsbürgerlich, wie am altehrwürdigen Wilhelmsgymnasium in München (*1559), einem humanistischen Gymnasium, kann man kaum anderswo ausgebildet werden. Hier haben wir nicht nur Latein und Altgriechisch gelernt, sondern sogar altägyptische Hieroglyphen. Bis heute kann ich, wenn ich bildungs-angeberisch gelaunt bin, einfache Sätze und etliche Pharaonen-Namen auf Stelen oder Obelisken etc. entziffern.

Genau diese Literalität über etliche Kulturen hinweg hat es mir vergleichsweise leicht gemacht, mich in immer neue Logiken hinein zu arbeiten, ob das HTML-Code, komplexe Excel-Sheets oder die Logik von Algorithmen waren. Nie vergesse ich während meines Linguistik-Studiums meinen Kampf mit einem Fachbuch eines Finnen, in dem er (auf Englisch!) die Entwicklung von Lautverschiebungen in indogermanischen Sprachen in Relation zum Wachstumsalgorithmus von Farnen interpretierte. Auf Seite 200 oder so war ich sprichwörtlich „mit meinem Latein am Ende“ und wandte mich hilfesuchend an meinen Dozenten. Der schaute mich irritiert an: „So weit sind Sie gekommen? Toll. Ich bin schon bei Seite 100 ausgestiegen.“ Das machte mich nicht stolz – sondern erschütterte nachhaltig meinen Glauben an den Wissenschaftsbetrieb.

Kritische Assimilation

Ich bin also definitiv kein Digital Native. Und das ist gut so. Gerade aus der Distanz kann man – bei richtiger Einstellung Neuem gegenüber – die Entwicklungen in die digitale Welt gleichzeitig euphorisch und kritisch begleiten. Euphorisch, weil man die immensen Vorteile dieses weltumspannenden, interaktiven und unhierarchischen Kommunikations-Tools, dieses – wenn man so will  – Über-Mediums täglich erlebt und genießt (zum Beispiel in und mit diesem Blog). Kritisch, weil man mögliche misslichen Entwicklungen beobachten bzw. absehen kann. Damit meine ich aber nicht das Internet-Bashing und digitale Katastrophen-Management, das so viele meiner Journalistenkollegen pflegen.

Ich finde es absurd, wie in den etablierten Medien das Internet fast reflexhaft als Feind und Übel behandelt wird, von den Menschen, denen man die größte Kompetenz im Umgang mit Medien zubilligen möchte. Ausgerechnet die verweigern in großer Mehrzahl den Umgang mit dem neuen Hypermedium Internet. Zugegeben, man muss hier einiges neu erlernen und sich von manch Liebgewonnenem verabschieden. Wer aber einfach nur motzt, dass das Internet ein einziger Haufen Mist sei (wenn es nicht noch drastischer formuliert ist), der übersieht, dass solch eine Einschätzung in einem Medium, in dem der User selbst sein eigener Programmgestalter ist, gegen einen selbst spricht, wie es Martin Oetting in seinem Vortrag bei Scholz & Friends sehr schön beschrieben hat.

Gerade Menschen mit hoher Medien-Kompetenz könnten so nützlich sein, die neue Welt der digitalen Kommunikation möglichst qualitativ, innovativ und vor allem frei zu gestalten. Denn auch wenn das Internet viele Paradigmen umgestürzt hat, so ist der „Faktor Mensch“ derselbe geblieben. Die User wollen weiterhin professionell gestaltete Inhalte (obwohl sie nun selbst die Definitionshoheit haben, was „gut“ ist). Auch im Internet funktionieren gut erzählte Geschichten am besten, und gerade hier wird Authentizität besonders hoch geschätzt.

So spielen wir Digitalen Assimilanten, die wir aus den analogen Medien kommen und deren Grenzen kennengelernt und/oder erlitten haben, eine interessante Rolle. Wir haben begierig, eifrig und vielleicht auch effizient die neue Welt der digitalen Medien erlernt, viel mit Try & Error. Und wir haben sie intensiv reflektiert. Das mag für Digital Natives manchmal komisch altmodisch, vielleicht auch nervig sein. Hilfreich ist Reflexion allemal. Ein schönes Beispiel dazu ist das gerade veröffentlichte Video von Harald Taglinger, der etliche deutsche Onliner der ersten Stunde in Interviewform porträtiert hat. (Unter anderem auch meine Wenigkeit.)

Reise nach Analogien


Inseln des analogen Business

Es ist gar nicht so weit nach Mittelitalien. Zwei Stunden mit dem Flugzeug, acht mit dem Auto, elf mit dem Zug. Und doch kommt man in einem ganz anderen Land an, einem, in dem noch die analoge Kultur herrscht, in dem Business noch mündlich verhandelt und auf Papier dokumentiert wird. Der Effekt: eine Zeitreise zehn bis 15 Jahre in die Vergangenheit. Eine Reise ins Analoge, nach Analogien, wenn man so will. Man staunt und ist auch irgendwie amüsiert, wenn man zusieht, wie hier viel, viel (geduldiges?) Papier traktiert wird – und massenhaft Zeit verbrannt wird.

Das schönste Beispiel sind die Banken. Bei der Eröffnung unseres Kontos in Italien waren drei Termine, geschätzte drei Stunden Zeit und viele, viele Diskussionen nötig. Es sind unendlich viele Formulare auszufüllen – mit immer wieder denselben Inhalten. Alle Vornamen, auch die der Eltern, werden erfasst und natürlich werden alle nötigen Ausweise, Nachweise etc. sorgfältig kopiert, oft auch mehrmals. Am Ende solch eines länglichen Prozesses kommt ein ansehnliches Aktenbündel zusammen. Ein Computer kommt bei dem Prozess nicht ins Spiel, irgendwer scheint die Angaben später einzugeben.

Computer als Teufelswerk

Das erinnert schwer an die Zeit, als auch in Deutschland noch der Computer als Teufelswerk angesehen wurde, das ausnahmslos dazu erfunden wurde, um Arbeitsplätze zu vernichten. So wurde mir einst glaubhaft versichert, dass in der Redaktion der „Zeit“ alle Artikel, die durchaus an Computern entstanden, konsequent ausgedruckt wurden und dann noch einmal neu ins Redaktionssystem eingegeben wurden, um die Setzer nicht arbeitslos zu machen.

Schecks werden in Italien auf dem Lande auch nicht etwa von Computerdruckern erstellt, sondern mit urtümlich aussehenden Druckmaschinen, bei denen mit viel Kraftaufwand Namen und Kontonummer händisch eingestellt werden müssen und dann mechanisch eingestanzt werden. Das schaut super aus, aber es dauert. Aber weit mehr Zeit verschlingt der Umstand, dass jede noch so kleine Entscheidung, und sei es eine Auszahlung von 100 Euro, nie von einem Bankangestellten alleine erledigt werden kann. Eigentlich ist in jeden Geschäftsvorgang jeder der auch in der kleinen Filiale zahlreich vertretenen Bankangestellten involviert. Mindestens abnicken oder zur Kenntnis nehmen muss jeder im Raum.

Kein Wunder, dass die Bankgebühren in Italien am höchsten sind – und verständlich, dass man bei der einstigen HypoVereinsbank immer wieder hinter vorgehaltener Hand laut jammert, dass hierzulande durch immer neue Sparmaßnahmen der aufgeblähte Personalapparat der italienischen Konzernmutter UniCredit finanziert werden muss.

Bürokratie als Peep-Show

Selbst wenn ein Konto per Computer eröffnet wird, dauert das in Mittelitalien geschlagene 75 Minuten. So erlebt in einer Filiale der Postsparkasse. Denn auch hier müssen unendlich viele Formulare ausgefüllt werden. Das passiert zwar am Computer, aber dann wird alles zur Unterschrift ausgedruckt. Auch hier kommt so ein dickes Aktenkonvolut zusammen. Und es dauert, auch weil der Computer gerne streikt und dann neu gestartet werden muss. In der Zwischenzeit ruhte für die 75 Minuten der gesamte Geschäftsverkehr in der (kleinen) Postfiliale und jeder der (geduldig wartenden) Postkunden bekam den Vorgang in seinem ganzen Ausmaß live mit. Bürokratie als soziale Peep-Show sozusagen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Zeit in Italien mit Warterei verbrannt wird. Das wird geduldig ertragen, ist halt längst erlernt. Man wird sogar als Deutscher geduldig, angesteckt von der Hingabe ans Warten. Aber wer solch eine sinnlose Zeitverschwendung als wohltuende Langsamkeit und langsamere Taktung des Lebens verklären will, der liegt falsch. Wenn man das erste Mal solch ausufernde Warterei erlebt, staunt man noch über die ausgefeilte Zeitvernichtung und amüsiert sich sogar ein wenig darüber, weil es oft kabarettistische Qualität hat. Etwa wenn die Mitarbeiter streiten, welches denn nun das richtige Formular ist. Der Kompromiss: beide werden ausgefüllt. Aber bei jedem weiteren Mal langen Wartens realisiert man immer mehr, wie viel Zeit so vielen Menschen gestohlen wird, die um einen herum stoisch warten.

Organisierte Zeitvernichtung

Und irgendwann realisiert man, dass das bei uns einst ähnlich war. Vielleicht nicht ganz so exzessiv wie in Italien, wo man schließlich auch die Bürokratie – und später das Bankwesen mit all seinen (Dys-)Funktionalitäten einst erfunden hat. Das scheint zu verpflichten. Aber auch uns hier wurde einst so viel Zeit gestohlen. Die digitale Technik hat sie uns zurückgegeben. Fragt sich, wofür wir sie nutzen? Vernünftig und produktiv? Oder ist das Warten am Bankschalter nur die ehrliche Variante von Zeitvernichtung?

Apropos. Natürlich gibt es auch in Italien Online-Banking. Um das zu aktivieren braucht es natürlich einen eigenen Antrags- und Genehmigungsprozess mit weiteren Formularen. Nach einigem Hin und Her und neuerlichen Besuchen in der Bank funktionierte das auch kurz. Aber nur so lange, bis man es mit dem Computer zu Hause in Deutschland probiert. Dann verfällt sofort das Sicherheitszertifikat und die Funktion ist gesperrt. Merke: Online-Banking funktioniert nur von einem dezidierten Computer – und der muss in Italien stehen. Inzwischen bekommen wir einmal im Vierteljahr einen Kontoauszug. Per Email, die ein Bankangestellter händisch erstellt. Das immerhin haben wir nach mehreren Besuchen, Terminen und Email-Nachfragen (!) dann doch geschafft.

Es wäre zu billig, sich über diese Auswüchse analoger Prozesse lustig zu machen. Es ist vielmehr eine willkommene Bewusstwerdung, wie sehr sich die Zeiten schon im digitalen Zeitalter verändert haben. Und das ist nur der Anfang. Wo das hinführt, ist heute erst schemenhaft zu erahnen.

Bleibt zu erraten, wann man solch eine Glosse über die Antiquiertheit eines über Jahrhunderte entwickelten Prozesses schreibt, der uns heute noch selbstverständlich erscheint, wie den Italienern ihr Bankensystem. Etwa die Nachrichtenübermittlung mittels bedruckten Papiers, das die Nachrichten vom Vortag als Neuigkeit verkauft, und das per Bote nach Hause gebracht wird, um dort kaum gelesen im Recycling-Container zu landen? – Oder das Thema Steuererklärung…

Mysterium Bleistift


Duft & Geräusch von Holz und Graphit

Man kann heute mit sehr einfachen Dingen Menschen zum Staunen bringen. Vorausgesetzt, man benutzt nicht moderne Technologie, sondern archaische Tools. Man muss nur etwa in der S-Bahn seine Gedanken mit einem Bleistift zu Papier bringen. Wenn man das lange genug macht, muss der Stift nachgespitzt werden. Das ist ein fast kulinarisches Vergnügen. Man dreht den Stift im Spitzer, das leise Schabegeräusch vermischt sich mit diesem speziellen Geruch aus dünn gespleißtem Holz und Graphit – und Sekunden später hat man wieder einen spitzen, schreibbereiten Stift.

Da staunen die umsitzenden Mitfahrer in der S-Bahn. Das macht mehr Eindruck als jedes Herumspielen am noch so neuen und noch so intelligenten Smartphone. Es ist vor allem ein neidfreies Vergnügen. Es hilft, dass man so wie ein wenig aus der Zeit heraus gefallen scheint. Wer mit Bleistift auf Papier notiert, der outet sich als Wesen aus einer analogen, linearen (sic!) Zeit. So gesehen ist der Bleistift zum geschriebenen Wort was das Vinyl zur Musik ist. Ein Nostalgikum mit Stil – nein mit Stilus (lateinisch für „Griffel“)…

Ideen im Zug zu Papier zu bringen, das war mir schon immer ein besonderes Vergnügen. Nicht zwangsweise mit dem Bleistift, wenn genug Platz ist auch gerne per Tastatur. Aber irgendwie passt der Ausdruck im Amerikanischen, wenn man auf eine Gedankenreise (sic!) geht: „Train of Thought“. Wenn man sein Denken erst einmal auf ein Gleis gebracht hat, kommen die Gedanken wie von selbst und ziehen am inneren Auge wie eine im Moment erschaffene Imaginations-Landschaft an einem vorbei. Dann gilt es, diese so schnell wie möglich festzuhalten. Und wenig eignet sich dazu besser, als ein Skizzen-Monitor aus Papier und Stift.

Analoges Schreiben im Digitalen Zeitalter

Das Schreiben mit einem Stift ist zunächst ein rein analoger Prozess. Aber dank der Option zu Anmerkungen, Korrekturen und Einschüben – und im Notfall unter Einsatz des am Stiftende angebrachten Radiergummis – dennoch relativ offen, sozusagen prä-digital oder archao-digital. Man kann die Prozesshaftigkeit des Schreibens gut und genüsslich auskosten. Man fängt an zu denken – und gerät schnell irgendwohin, wo man nie gedacht hätte, jemals hinkommen zu können. Schreiben ist so stets ein Reisebericht aus einer selbst erdachten, immer gerade neu erlebten, neu eingerichteten Gedankenwelt.

Einst musste man sich, wollte man professionell schreiben , seinen Artikel zu Anfang klar zurecht legen, wollte man nicht seine Tage mit dem Abtippen immer derselben Texte verbringen. Nach vorher festgelegtem Plan wurden die Artikel dann verfasst. Ein relativ unfreies Unterfangen – und wehe, man kam zu sehr vom vorher erdachten Plan ab, dann konnte man, vor allem bei Reportagen von 20.000 oder mehr Zeichen (ja, das gab es einst in der Zeitschriftenlandschaft), schwer verunglücken.

Die Befreiung des Schreibens durch den PC

Die Erfindung des Personal Computers, an dem man seine Texte unbekümmert in die Tastatur hämmern konnte, ohne Rücksicht darauf, sie später noch mal abtippen zu müssen, erlebte ich Ende der 80er-Jahre als echte Befreiung. Endlich konnte man seinen Gedanken freien Lauf lassen, konnte mühelos löschen und korrigieren, ergänzen und modifizieren. Das Schreiben war nicht mehr ein linearer Vorgang, sondern immer mehr ein offener Prozess. Man konnte peu à peu lernen, Schreiben in seiner Prozesshaftigkeit genießen zu lernen.

Das hieß, man konnte das Risiko eingehen, das Schreiben offen zu gestalten und sich selbst damit zu überraschen, wo man am Ende eines Textes hin geriet. – Ein schönes Faszinosum, das nur leider nicht immer von Chefredakteuren und Auftraggebern entsprechend wertgeschätzt wurde. Artikel waren eben keine ergebnisoffenen Kunstwerke, sondern doch klar definierte Aufgaben. Vor allem im Zeitungs- und Zeitschriftenbusiness waren sie Produkte, die im besten Fall auf definierte Zielgruppen ausgerichtet waren, wollten sie erfolgreich sein.

Texte auf Reisen ins Unbekannte

Erst die Blogosphere gab wieder die Freiheit, Texte auf Reisen zu schicken. Auf Reisen ins Unbekannte – oder ins Erahnte. Oder auf Reisen zu sich selbst. Die Befreiung von klar umrissenen publizistischen Vorgaben und strengen Formatvorgaben justierte das Schreiben und die Texte neu. Wenn man sieht, wie viele gute Texte heutzutage täglich – abseits der professionellen journalistischen Domänen – entstehen, erlebt man, wie sehr diese Befreiung des Schreibens Früchte trägt. – Und seit die kleinen Formen der Schreibens, die Tweets oder die Facebook-Einträge, ausgiebig (aus-)geübt werden, erleben noch viel mehr – auch illiterale – Menschen das befreite Schreiben.

Es gibt heute im Internet so viele Texte zu lesen, die geschrieben werden mussten, die geschrieben werden wollten – und die diejenigen, die sie geschrieben haben, wohl am Ende selbst erstaunt haben. Denn wer hätte gedacht, wohin einen der freie „Train of Thought“, der freie Prozess des Schreibens, wie er in Blogs (und Tweets und Miniblogs) üblich ist, schlussendlich bringt. – Und derselbe Prozess, wie er hier am Beispiel des Schreibens beschrieben worden ist, gilt gleichermaßen auch für Fotos oder Videos. Auch hier haben die digitale Technik und die Freiheit der Blogs und Sozialen Netze Unmengen an staunenswerten Bildern und Filmen geschaffen.

Perlen im Ozean der Phantasie

Unwidersprochen, das Internet und die Sozialen Netze sind auch (über-)voll von Banalitäten, Kalamitäten, Gemeinplätzen und Gemeinheiten, von Unsinn und Irrsinn. Aber das ist der Lauf der Evolution. Sie lebt von Irrtum und Irrwegen, von Try und gerade auch „Error“. Kreation ist nicht eine Massenproduktion von Perlen, Kreativität nicht Exzellenz am Fließband. Es geht in einer digitalen Kultur nicht mehr um den Geniestreich eines Einzelnen, sondern um den freien Austausch frei geborener Ideen. Wunderbar bringt diese Erkenntnis der britische Autor Matt Ridley („The Rational Optimist“) in seinem Vortrag bei TED mit dem Titel „When ideas have sex“ auf den Punkt.

Als ein gutes Beispiel, wie wichtig es für uns Menschheit war – und in Zukunft noch viel mehr sein wird, dass wir unsere Gedanken miteinander austauschen und so die Evolution und unser Fortleben (sogar mit mehr Wohlstand und in besserer Gesundheit) garantieren, dient Ridley das Beispiel des Bleistifts. Er zitiert den Wirtschaftswissenschaftler Leonard Read, der bereits in den 50er-Jahren exemplifiziert hat, dass eigentlich kein Mensch weiß, wie ein Bleistift hergestellt wird. Nicht der Fabrikbesitzer, nicht der Ingenieur und nicht der Arbeiter in der Fabrik.

Denn keiner von ihnen weiß, wie Graphit geschürft wird, wie der zu einer Mine wird, wie die Bäume für den Stift gefällt werden – und schon gar nicht, wie die Mine ins Holz kommt. (Das weiß bestenfalls die Maus aus der „Sendung mit der Maus“ – und natürlich Faber Castell.) Muss man auch nicht. Denn es kommt darauf an, dass wir – arbeitsteilig – unsere Gedanken und Ideen austauschen und weiterentwickeln. Ganz frei – global vernetzt – und immer mehr davon – und immer schneller…

Digitale Gratiskultur


Tim und Kai-Hinrich Renner: Digital ist besser (Campus Verlag)

Eine spezielle Situation. Ich kenne beide Autoren, den einen (Tim) flüchtig aus meiner Zeit als Musikkritiker, den anderen (Kai-Hinrich) sehr viel besser, weil ich mit ihm beim WIENER zusammengearbeitet habe und ihn dort als energischen Journalisten und als gewitzten und engagierten Menschen zu schätzen gelernt habe. Jetzt kenne ich die beiden aber noch viel besser, weil sie anhand ihrer eigenen Biografie im Hamburg der 70er und 80er ihre Ich-Werdung im Kosmos der Pop-Kultur beschreiben. Und das tun sie in einer ebenso sympathischen wie exemplarischen Weise. Ich bin nun noch ein paar Jahre älter als die beiden, aber meine Ich-Findung fand ebenso in der Pop-Kultur (na ja, auch in der Rock-Kultur) statt wie bei ihnen.

Die Kernthese des angenehm locker geschriebenen Buches (Campus Verlag) ist die: Wer seine Sozialisation in der Pop-Kultur erlebt hat, tut sich mit der digitalen Kultur und ihrer Spontaneität und Fluidität (sehr viel) leichter als alle diejenigen, die den bildungsbürgerlichen Kulturkanon als Leitbild ihres kulturellen – und vor allem ihres medialen – Daseins gewählt haben. Also die gesamte Kaste der etablierten Journalisten und Medienmacher bis hin zu jüngeren Semestern wie Frank Schirrmacher, der seine Digital-Phobie immerhin als Buch-Bestseller vermarkten konnte: „Payback“ (Blessing Verlag).

Sozialisierung durch Alvin Lee & Co.

So sehr meine Eltern es versuchten, mich mittels Oper, Theater, Büchern und Kirche bildungsbürgerlich zu erden, sie konnten gegen die Faszination der Rock- und Pop-Kultur nicht an. Ende der 60er emanzipierte ich mich aus dem elterlichen (klein-)bürgerlichen Kultur-Ghetto mit Hilfe meiner E-Gitarre unter gütiger Mithilfe von Alvin Lee, Tommy Iommi, Peter Green, Rory Gallagher, Jimi Hendrix und Robert Fripp u.a.. In den 70er-Jahren wurde ich zum eifrigen Plattensammler, soweit es karges Taschengeld und bisweilen ansehnliches Honorar aus vielen Jobs (Briefträger, Nachhilfe, Schreiben) zuließen. Die 80er Jahre über bis Mitte der 90er-Jahre kamen die Platten – und später CDs – frei Haus, weil ich in der Münchner Stadtzeitung und dann beim WIENER kontinuierlich und viel über Musik (Platten, Konzerte) schrieb und reihenweise Pop-, Rock und Filmstars interviewte.

Und dann, als ich beim WIENER kündigte und nach Hamburg zu Scholz & Friends als Trendforscher und Zukunftsberater ging, war schon das Internet da, zunächst als seltsames Schlupfloch bei Compuserve. (Danke Anatol, dass du mich damals erstmals in diese fremde, neue Welt, die damals noch sehr grau war und keine Bilder kannte, mitgenommen hast!) Bald danach hatte ich sehr zu kämpfen, dass die Kunden den Trend Internet a) verstanden und b) seine Perspektiven wenigstens zu erahnen bereit waren. So wurde ich zu einem der ersten „Experten“ in diesem Thema hierzulande.

Mitschuld an Gratiskultur

Ab dann durfte ich die digitale Kultur aus operativer Sicht kennen lernen, verstehen lernen – und sie aktiv mitgestalten. Zuerst bei Europe Online, dann bei Sidewalk von Microsoft und dann bei MSN (Microsoft Network), wo ich das erste deutsche Portal gestalten durfte. Ich war damals aktiv mit schuld daran, dass die Gratis-Kultur des Internets in Deutschland entstand, die Kai-Hinrich Renner nicht müde wird in „Digital ist besser“ zu beklagen.

Europe Online wollte zunächst wie America Online für alle Inhalte Abonnement-Gebühren verlangen. Als dann aber die proprietäre Software nicht funktionierte und wir auf das HTML-Format (Netscape 2.0) wechselten, war bald klar, dass die Inhalte zum Großteil gratis sein sollten. Damals wurde schon ein ähnliches Modell diskutiert, das jetzt die New York Times einzuführen versucht. Bei uns hieß das das „Zwiebel-Modell“: Viele Inhalte sollten gratis sein und die User locken. Genau das macht die NYT jetzt auch, 10 Seitenabrufe sind gratis, danach muss man sich registrieren – und alle Links von Google, Facebook oder Twitter sind auch stets kostenfrei. Danach fällt die Zahlschranke – und um die mühsame Einzelabrechnung gelesener Inhalte einfacher zu machen, werden attraktive Abonnements (für Print plus Online, iPads oder Online only) angeboten.

Technisches Manko

Genauso war es mal für Europe Online angedacht. Leider war damals keine technische Lösung für solch ein Modell zu entwickeln. Wie auch? Das war noch bevor Content Management Systeme (CMS) entwickelt waren. Also wurden alle Inhalte gratis ins Netz gestellt. So wie es der Spiegel und Focus bald danach machten. Das geschah als Vorsichtsmaßnahme, damit nicht etwa irgendwelche Garagenfirmen den Verlagen die Leser abspenstig machen würden. Das war damals die höchste Angst der Verleger.

Die Garagenfirmen schlugen dann aber ganz wo anders zu. Weil die Verleger es verabsäumten, in ihren Häusern eigenes digitales und technisches Know how aufzubauen, entstanden aus „Garagen“ heraus technikgetriebene Firmen wie Scout24, wie Mobile, wie Parship oder StepStone, die den Verlagen – ohne großen Widerstand – alle Rubriken-, Kontakt- und Jobanzeigen abspenstig machten – und so den Anfang der wirtschaftlichen Talfahrt initiierten. Diese Gratiskultur war den Verlagen damals nicht geheuer. Damals hätte ihnen gesunder Kannibalismus und weniger Angst vor neuen digitalen Geschäftsmodellen gut getan. Die sind, zugegeben, komplexer und scheinbar weniger ergiebig. Aber wie eine andere Garagenfirma bewiesen hat, kann derjenige, der die digitale Technik und die digitale Kultur versteht, durchaus damit sehr viel Geld verdienen: Google beweist das tagtäglich.

Keine Angst vor der Digitalität

Das ist dann auch die spezielle Stärke von „Digital ist besser“: Es widerlegt elegant alle Angst- und Horror-Szenarien zur digitalen Kultur. Das Buch macht Mut und Lust, sich auf das Internet, die digitale Kultur (samt Games) – und auch auf Social Media – einzulassen. Das tut es vor allem auch, weil es kein abstraktes Traktat ist, sondern weil man so viel über die beiden Autoren und ihren Weg  via Popkultur in die digitale Kultur erfährt.

Gesellschaftliches Botox


Affirmation als Selbstlähmung der Medien

Henri Nannen hatte es noch einfach. Er wusste, wie die Leser seines „Stern“ aussahen. Oder er meinte es zumindest: Sein Testpublikum war seine Putzfrau. Sie fragte er bei strittigen Fragen, so geht zumindest die Legende. Und deshalb war der Nil eben blau, auch wenn das die vorliegenden Fotos nicht so ganz hergaben. Für Nannens Zielgruppe war der Nil blau.

Das ist alles heute so viel anders. Heute wiegen sich die meisten Medienmacher zwar nicht mehr in dem naiven Glauben, sie würden ihr Blatt, ihren Sender etc. für ihr verehrtes Publikum machen. Ihnen ist längst bewusst, dass sie Produkte kreieren, um möglichst genau bestimmte Zielgruppen zu erreichen, um den Kontakt zu diesen möglichst gut an Werbetreibende verhökern zu können. Aber das ist ja heute nicht mehr so einfach, wo etwa Facebook so viel über jeden einzelnen seiner Kunden weiß, dass man Werbung individuell maßschneidern kann – und dabei noch billiger weg kommt.

Trauriges Weltbild

Manchmal ist das dann sehr traurig, welche Zielgruppe sich ein Medium aussucht. Besonders traurig ist das im Fall der öffentlich-rechtlichen Medien. Da meine ich nicht (nur) das ZDF und seine Kapitulation vor jüngeren Zielgruppen. Nicht so sehr die 3. Programme, die ein seltsames Bild regionaler oder ländlicher Interessen abgeben. Schlimm sind da auch die Radiostationen. Andreas Bernard hat dankenswerterweise im SZ-Magazin  in einer sehr genauen Analyse von Bayern 3, dem unausweichlichen Autoradiosender des Bayerischen Rundfunks, die traurige Lebenssicht der Radiomacher skizziert.

Grob zusammengefasst spiegelt sich in den Themen und Äußerungen der stets aufgekratzten Moderatoren ein deprimierendes Weltbild: Arbeit ist Fron, daher thematisiert man am Montag, dass das Wochenende leider vorbei ist – und ab Dienstag wird mit wachsender Verve wahlweise auf Dienstschluss und/oder das Wochenende vertröstet. Das zweite Zentralthema ist das Wetter, dass entweder (wenn schlecht) jedweden Frust entschuldigt oder (wenn gut) der Lebensinhalt der Hörerschaft zu sein hat. Dazu dann die ewige Retro-Masche der Hits aus den 70ern, 80ern und 90ern, in denen noch alles gut war – und in dem das Leben noch schöne Momente bereit hielt, mit denen man sich in der tristen Gegenwart zu trösten hat. (Neue Highlights und Glücksmomente scheinen in der Radiowelt jenseits der überlaut promoteten Radio-Parties nicht denkbar zu sein.)

Prozac fürs Volk

Besonders traurig ist, wie man auch in den Kommentaren zu dem Artikel merkt, dass die Populismus-Sender der anderen Rundfunkanstalten genau dasselbe Weltbild propagieren: SWR3, HR1, NDR2 etc. Sie alle sind so etwas wie die populärkulturelle Radioversion der Yellow-Press. Oldie-Hits als Prozac fürs Volk, gewürzt mit Gewinnspielen, dämlichen Geschlechterkämpfen und ein paar Feigenblatt-Minuten am Abend, wenn mal schräge Moderatoren randürfen (wenn kaum einer zuhört).

Das Niederschmetternde an solchen Medien – und es gibt mehr als genug Pendants dazu im Zeitschriftenmarkt – ist deren dröge, temperamentlose, affirmative Art. Diese so bleierne Art, das Leben zu verlangweilen, Arbeit und Alltag zu banalisieren und zu lamentarisieren. Als gäbe es nichts Sinnvolleres als Selbstmitleid zu pflegen und zu hegen. Keine Frage, Menschen brauchen auch Ruhepausen und Erholung, aber das liefert geballte Affirmation nicht, sondern nur Passivität und Kapitulation. Und beides ist alles andere als erholsam, im Gegenteil.

Affirmation als Prinzip

Jeder Mensch braucht Affirmation. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer seelischen Balance. Immer wieder muss sich unser in stetem Wandel befindliches Ich versichern, dass es im persönlichen Kontext noch aufgehoben und akzeptiert ist. Nichts tut dem Durchschnitts-Ich mehr weh, als vereinsamt zu sein, weil man sich etwa allzu sehr aus dem derzeit gängigen kulturellen und sozialen Kontext herausbewegt hat. Dort draußen, in Trend-Sibirien, weht der Zeitgeist besonders eisig.

Man muss aber zwischen Affirmation unterscheiden, die einem soziale (und damit psychische) Geborgenheit verschafft und einer, die seelische Lethargie und soziale Mutlosigkeit produziert. Letzteres ist fürchterlich, weil es jede Bewegung nach vorne, jeden Mut zu etwas Neuem nimmt und nur alte Ressentiments und Sentimentalitäten pflegt. Diese lähmen – den Einzelnen, den Zuhörerkreis, das Lesepublikum – und die Gesellschaft in seiner Gesamtheit. In dieser Abart ist Affirmation gesellschaftliches Botox. Es lässt die Gesellschaft in einer fälschlicherweise als nett empfundenen Form erstarren – und vergiftet sie von innen heraus.

Ideologischer Sumpf

Und Affirmation funktioniert nicht nur von rechts, sondern auch von links. Manchmal ist es wahrlich schmerzhaft, wie reflexhaft auch kritische Medien bei den meisten Themen ihre Position einnehmen und oft unreflektiert und störrisch daran festhalten. Andere Sichtweisen werden ausgeblendet. Man macht es sich in seinem ideologischen Sumpf gemütlich – im schlimmsten Fall suhlt man sich noch darin.

Affirmation als Selbstzweck, das führt unweigerlich zu Verkrustungen und Erstarrung. Zuschauerzahlen und Auflagen gehen nicht zuletzt auch deswegen zurück, weil zu wenig Neues, Interessantes passiert. Vor lauter Affirmation wirken Sender und Presseorgane seltsam hohl, nicht zuletzt deswegen können sich junge Menschen nicht mehr für sie begeistern. Denn diese sind verwöhnt von der Menge an Anregungen, Innovationen und Überraschungen, die das Internet für sie (per Social Media) für sie bereit hält.

Intelligenz und Neues Denken

Ein Medium, das zukunftstauglich ist, muss die richtige Mischung aus Affirmation und Neuerungen und Innovation finden. Durch richtig eingesetzte und dosierte Affirmation nimmt man seine Leserschaft/Zuschauer mit und macht sie bereit für neue Ideen und Sichtweisen, für Provokationen und Irritationen. Solche Medien vermisse ich hierzulande, die notorischer Affirmation Innovation, Mut, Intelligenz und Neugier entgegensetzen. Zeitschriften, die Gedanken lancieren, die neuen Ideen Platz geben.

Seit ein paar Monaten habe ich „The Atlantic“ abonniert. Wenn man hier die – oft sehr langen, aber gut lesbaren – Artikel intus hat, dann weiß man mehr, erfährt neue Sichtweise und fängt unweigerlich an, selbst darüber nachzudenken. Denn „The Atlantic“ zeigt in unserer komplexen Welt auch konkurrierende Sichtweisen, statt ein Thema über nur einen ideologischen Kamm zu scheren.

„The Atlantic“ hat seine Qualität nach einer Insolvenz neu definieren müssen. Sein (neuer) Chefredakteur James Bennet, der sich bescheiden nur „Editor“ nennt, hat „The Atlantic“ neu erdacht. Dabei war sein Konzept: „online first“. Die Website ist der Nukleus des journalistischen Schaffens – und das Print-Magazin hat davon überdeutlich profitiert. Es ist die Quintessenz der Themen, die zuvor im Internet debattiert worden sind.

Das Insolvenzrecht der USA (Chapter 11) machte solch eine Selbsterneuerung möglich. In Deutschland ist das schon (insolvenz-)rechtlich kaum möglich. Sonst würde man so manchem Verlags- oder Medienhaus die Insolvenz wünschen, damit daraus die Chance eines Neuanfangs genutzt wird. Denn ich vermisse dringend Medien, die mehr als nur Zielgruppen-Affirmation betreiben. – Ob das auch ohne Insolvenz gelingen kann?