Danke, danke, danke


Rente von der Post

Der einzige Beruf, den ich wirklich „erlernt“ habe, ist der des Briefträgers. Und was heißt „erlernt“. Ich habe eine einwöchige Einweisung bekommen, und das war’s. Da war ich 16 Jahre alt – und fortan habe ich in allen großen Ferien – und später dann in den Semesterferien als Zusteller bei der Post gejobt. 10 Jahre lang. Ich war knapp davor Rentenansprüche zu erwerben, hieß es damals im Scherz.

Briefträger war damals ein richtig toller Job, speziell im Sommer, wenn das Postaufkommen geringer war. Wenn man sich richtig sputete, dann war man schon um 13:00 Uhr mit allem fertig – und ab ging’s ins Michaelibad oder an den Feldkirchener Baggersee. Dort habe ich aber meist erst einmal mein Schlafdefizit ausgeglichen, schließlich ging es in dem Job schon um 5:00 Uhr oder 5:30 los.

Lehrstunde fürs Leben

Damals zahlte man noch viel Geld bar aus. Vor allem Renten wurden da noch persönlich an der Haustüre ausgezahlt. Meine Mutter fiel fast in Ohnmacht, als sie erfuhr, dass ich mit meinen 16 Jahren manchen Tag um den Zahltag herum mit 50.000 Mark in kleinen Scheinen unterwegs war.

Die Rentenzahlungen brachten netterweise beachtliche Trinkgelder. Zu den 1.500 Mark, die ich damals im Monat verdiente, kam gerne noch mal die Hälfte als Trinkgeld dazu. Je nachdem in welchem Viertel man unterwegs war. Im noblen Bogenhausen sah es damit schlecht aus. Keine Renten und die Ärzte, denen man täglich Massen von Päckchen mit Arzneiproben vorbeibringen musste, ließen sich noch den letzten Pfennig herausgeben.

Viel besser war es dagegen in den Arbeitervierteln in Ramersdorf oder Berg-am-Laim. Hier war es selbstverständlich, dem „jungen Studenten“ reichlich Trinkgeld zu geben. Und Lehrstunde fürs Leben: je kleiner die Rente war, die es auszuzahlen galt, desto höher das Trinkgeld. Und wehe, man zögerte es anzunehmen, denn das war Ehrensache.

Freiheit mit 120 Watt

Das Geld war mir damals auch wichtig. Es machte mich unabhängig von den pädagogischen Einflussversuchen meiner Mutter. Es finanzierte meine erste E-Gitarre, eine Les-Paul-Kopie von Höfner (die mit dem Bass, den Paul McCartney heute noch spielt) mit echten Gibson-Tonabnehmern. Dazu ein Dynacord-Verstärker (den ich vor lauter Röhren kaum heben konnte) und eine Allsound-Box mit 120 Watt Musikleistung.

Das war richtig schön laut. Im Reihenhaus reichte das selbst mit halber Stärke noch fünf Häuser weit. Später leistete ich mir sogar einen echten VOX AC-30. (Alles wurde irgendwann in irgendwelchen Übungsräumen geklaut, nur die Gitarre gibt es noch!)

Das Geld finanzierte aber auch Reisen. Denn in den verbleibenden 10 bis 14 Tagen der Ferien musste die zuvor – mangels Schlaf – zu kurz gekommene Erholung dann im Schnelldurchgang nachgeholt werden. Das führte dann auch schon mal zu einer Woche wortlosen Lesens am Strand und gefühlten drei kompletten Sätzen pro Tag.

Danken im Affekt

Diese autistischen Phasen waren nötig, um sich von der schlimmsten Berufskrankheit eines jungen, eifrigen – und natürlich höflichen – Briefträgerdaseins zu erholen: dem manischen Dank-Affekt. Als Briefträger, als höflicher noch zudem, hatte man stets für irgendetwas zu danken. Für Trinkgeld, für das Aufmachen von verschlossenen Türen, für Unterschriften, für angebotene Kaffees etc.. Das führte dazu, dass man sich schließlich irgendwann bei Jedem und für alles bedankte. Rein aus dem Affekt heraus. Selbst wenn einem die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde: „Danke!“

Das Danke-Sagen habe ich mir dann aber immer schnell wieder abgewöhnt, es war einfach zu uncool. Wie man sich ja überhaupt, wenn man sich vom Elternhaus und seinen Konventionen ablöst, erst mal dezidiert von den dort beigebrachten Höflichkeits-Gesten und -Floskeln frei macht. Das ist zwar nicht sehr schön für das persönliche Umfeld, vermittelt aber ein schön post-pubertäres Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit.

Die Schule der Dankbarkeit

Erst allmählich in der langen Phase des relaxten Erwachsenseins lernt man das Danke wieder zu schätzen – und auch selbst wieder zu verwenden. Wenn einem ein Kollege oder Mitarbeiter aus einer verfahrenen Situation hilft. Wenn man Unterstützung genau dann bekommt, wenn man es am nötigsten hat. Oder auch einfach, weil man sich über etwas freut.

Die beste Schule der ebenso unverbindlichen wie effektiven Danke-Kultur habe ich in den USA genossen. Da war zwar auch viel notorisches Danke-Sagen dabei wie ich es einst als Postbote praktiziert habe, aber ich habe es zu schätzen gelernt.

Digitale Dankbarkeit

Einen ähnlichen Prozess haben auch die digitalen Medien gemacht. Am Anfang, als Interaktivität noch kaum entdeckt war und praktiziert wurde, war ein Danke und positives Feedback absolute Mangelware. Das haben die Social Media dankenswerterweise (!) geändert. Jedes „Like“ ist ja nicht nur Zustimmung und Zeichen der Aufmerksamkeit, sondern auch immer ein kleines Danke. Ein Danke für eine schöne Formulierung, eine gute Idee oder einen wichtigen Gedanken.

Nur da, wo ein kleines Danke, eine zarte Anerkennung bzw. positives Feedback am dringendsten notwendig wären, fehlt es noch immer viel zu sehr: bei Online-Shopping und eCommerce. In den wenigsten digitalen Kaufprozessen bekommt der Kunde nötigen Rückhalt oder positive Anerkennung. Jeder gute Verkäufer weiß, wie wichtig es ist, einen Kunden bei der Entscheidung für eine Kaufinvestition kontinuierlich zu unterstützen und zu bestärken. Nur im digitalen Raum interessiert das kaum jemanden.

Man muss sich nur mal durch die diversen Konfiguratoren etwa der Autobranche kämpfen. Dort wird nicht einmal der rationalste Kunde glücklich. Wer aber etwas Emphase oder gar Empathie erwartet, keine Chance. Dabei braucht jeder die Umschmeichelung unserer tief sitzenden – und gar nicht so negativen – narzisstischen Bedürfnisse.

Danke an die Käufer – und an die Leser

Und das wäre dann die Krönung der Individualisierung im Kaufprozess. Jeder Kunde bekommt genau den emotionalen Response, den er persönlich braucht, genau die Dosis an „Danke“, die ihn freut. Nicht zu wenig, wie heute; und nicht zu viel, denn das wäre cheesy.

Apropos, lieber Leser: Danke, dass Du Dich so weit durch diesen Text durchgekämpft hast. Ohne Dein Interesse und Deine Aufmerksamkeit zu verlieren.

Im Ernst. Ich danke allen meinen Lesern, ohne Euer Interesse würde das Schreiben eines solchen Blogs nur halb so viel Spaß machen. Jeder Hit in der Seiten-Statistik ist ja auch ein Interesse-Danke. Besonderen Dank aber an alle, die Kommentare gegeben haben, hier, auf Facebook oder per Mail. Und ein ganz großes Dankeschön an alle, die auf diesen Blog verlinkt haben und so ganz neue Leser auf diesen Versuch, einen Unterschied zu machen, hingewiesen haben.

Interaktives Speisen


La Baracca, die Faszination selbstbestimmten Essens

Keine Angst, hier kommt keine Restaurantkritik. Nein nur die Schilderung einer kleinen Lehrstunde in Sachen Interaktivität, Selbstbestimmung – und wenn man so will: Digitalität. La Baracca ist das neue In-Restaurant in München. Immer voll, man kann nur mit Glück Tage im voraus einen Platz reservieren. (Vor Weihnachten war es dann ganz aus, da haben Firmen und Abteilungen ganze Fluchten reserviert – oder gleich das komplette Restaurant in Beschlag genommen.)

Das Besondere am Baracca ist, dass man hier nicht bei Kellnern bestellt, sondern alle Speisen über einen kleinen Tablet-Computer (nein, kein iPad!). Dort sind alle Speisen samt Foto und allen digestiven Werten (Kalorien, Fette etc.) verzeichnet und werden über das Device direkt bestellt. Und keine drei, fünf oder sieben Minuten später wird alles an den Tisch gebracht. (Pech hat, wer den guten Rat nicht befolgt, und gleich komplett alle Gänge bestellt. Die kommen dann gnadenlos alle gleichzeitig an den Tisch.)

Italieneske System-Gastronomie

La Baracca nennt sich“ italienisches“ Restaurant. Solche Anmaßung kennt man ja schon von der Vapiano-Kette. Bloß weil die Speisen italienisch heißen und aussehen, sind sie es noch lange nicht, vor allem wenn sie systemgastronomie-gerecht nach dem Prinzip „schnell und unaufwändig“ produziert werden. Das ist italienesk, nicht italienisch.Das Italienische an dem Restaurant ist am ehesten, dass es in den Räumen am Maximiliansplatz zuhause ist, in dem einst Ferraris verkauft wurden. Und o.k., das Design könnte man modern italienisch nennen – und das ist wirklich gelungen.

Der geneigte Leser ahnt es: Ich war zutiefst von der Qualität der gebotenen Speisen gefrustet. Nichts war richtig schlecht, aber halt auch nichts richtig gut. Schlimmster Fauxpas sind die Pizzen. Sie sind im Prinzip nicht schlecht, dünn und knusprig, aber weil es schnell und systemkonform gehen muss, werden alle Extrabeilagen erst nach Fertigstellung der Pizzchen kalt darauf gelegt. Kalter Schinken auf lauwarmer Pizza, das muss man mögen.

Das Ende jeder Diskretion

Aber ich habe ja versprochen, keine Restaurantkritik abzuliefern. Daher noch das letzte große Manko des Hauses. Da ja jeder Essplatz seinen eigenen Tablet-Computer hat, der mit einem dicken Kabel in einem Aufbewahrungsschacht steckt, sind die Tische extrem breit, um Platz für Computer plus Essplatz zu schaffen. Das bringt es mit sich, dass man sich kaum mit seinem Gegenüber am Tisch unterhalten kann, es sei denn man spricht sehr laut. Da das aber so ziemlich alle tun, ist es zum einen sehr laut (was zu noch mehr eigener Lautstärke führt) und zudem bekommt man wirklich in aller Deutlichkeit mit, was die Tischnachbarn bewegt. Da reicht das Spektrum von Büroalltag bis zu Beziehungs-Intimitäten. Diskretion ade!

Damit nicht genug der Ärgerlichkeiten. Im Baracca werden alle Bestellungen auf einen  Chip gespeichert, der in einer Art Leder-Ticket verborgen ist. Keine schlechte Idee eigentlich, wenn sie nur funktioniert oder wenn dadurch das Auschecken schneller ginge. Weil das System aber noch hakt, ist leider das Gegenteil der Fall. Das führt zu reichlich Ärger am überforderten Check out. Im La Baraacca kann man sich mit diesem Leder-Chip auch seinen Wein selbst an einer Art Automaten abfüllen und so etwa das Weinangebot vorkosten. Aber auch hier mit der Einschränkung: wenn es nur gut funktionieren würde.

Es gibt also genug zu bemängeln im La Baracca. Eigentlich keine übliche Erfolgsmethode. Aber dessen ungeachtet brummt das Lokal – und man wird immer wieder gefragt: warst du schon… da musst du hin! Man schaue nur mal zu Qype: das Bild ist kurios. Die eine Hälfte der 67 Bewertungen sind Lobeshymnen, die andere Hälfte Verrisse und Schilderungen von Rundum-Desastern. Und beide Positionen werden mit viel Emotion und Herzblut vertreten.

Der Erfolgsfaktor De-Personalisierung

Blieb vor Ort – und auf der Rückfahrt genug Zeit, mal kurz zu reflektieren, warum Menschen und ganz besonders junge Frauen, die das Gros des Publikums stellen, bereit sind, mediokre Essqualität, technische Widrigkeiten und eine handfeste Lärmkulisse nicht nur zu tolerieren, sondern sogar deutlich zu goutieren. Sonst würden sie dieses Lokal nicht auch noch lautstark empfehlen, weil hip und so geil digital.

Meine These über den Erfolg von La Baracca geht so. Ein junges, computeraffines Publikum ist es längst gewohnt, online zu bestellen, warum nicht auch im Restaurant. Der Vorteil. Man muss nicht darauf warten, bis ein Kellner/eine Kellnerin einem die Gunst schenkt. Und man wird auch bei seiner Bestellung zu nichts genötigt, nicht mal durch  hochgezogene Augenbrauen. „Ein Rotwein zum Fisch, Madame?“ Man kann sich nicht blamieren, indem man was falsch ausspricht. Die De-Personalisierung ist garantiert ein Erfolgsfaktor. Und zugegeben, es kommt wirklich alles sehr schnell an den Tisch.

Und es scheint außerdem ein Restaurant-Klientel zu geben (junge Damen beispielsweise), das sehr gerne genau Bescheid wissen will, wie viele Kalorien bzw. welche Kohlehydrat-, Fett- und Einweißmengen sich demnächst auf den Weg in den eigenen Magen machen beziehungsweise sich in die Fettpölsterchen abzulagern drohen. Die Rationalisierung des Ernährungsvorganges ist wohl allenthalben auf dem Vormarsch.

Zeitgerechtes Gerichte-Sampling

Die Befreiung vom Diktat des persönlichen Umgangs, der Anonymisierung des Bestellvorgangs wird scheinbar als Akt der Befreiung erlebt. Man kann sich seine Menüfolge völlig willkürlich zusammenstellen. Man kann mit Süß anfangen und mit Sauer aufhören, man kann mehrere Desserts nacheinander verdrücken, und keiner mosert. Vor allem aber kann man in der Gruppe alles mögliche durcheinander bestellen und dann untereinander austauschen und probieren. Diese Interaktion hat einst das Fondue zur beliebten Gruppen-Degustation werden lassen.

Der Trend zum interpersonellen Essen und dem Speisen-Sampling nimmt sowieso schon längst spürbar zu. Man pickt sich durch die Teller der Anwesenden anstatt sich auf eine bestimmte Speise festzulegen. Social Media à la carte sozusagen. Es gibt schon Menschen, die erst abwarten, was die schlimmsten Teller-Ursupatoren bestellen und bestellen dann dasselbe, weil sie nur so die Chance haben, ungestört ihren Teller aufessen zu können.

Fragt sich, ob die Prinzipien des Internets La Baracca so erfolgreich machen : Online-Bestellung, Kosten-Kontrolle, umfassende Information (KalorienLeaking), Instant-Delivery, Interaktion, Sampling, Anonymität, social? Oder sind genau das die inneren Bedürfnisse unserer Zeit – und sie haben das Internet so erfolgreich werden lassen? Oder noch einmal anders herum: Sie geben uns so viele Freiheiten, sie geben uns mindestens das Gefühl, selbstbestimmt zu sein, und spontan und unkonventionell… – Daher ist es so wichtig, dass jeder, der heute erfolgreich sein will, mit einer Business-Idee, einer Marketing-Kampagne etc. diese Prinzipien anwendet.

Gänsehaut-Feeling


Warum nur haben wir das Staunen verlernt?

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich bei Microsoft in Deutschland anfing. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so anders, so großzügiger, so arbeitnehmerfreundlich. So hatte ich es in den vielen Jahren bei Medien nie kennengelernt. Nur die Mittagskantine bei Scholz & Friends in Hamburg war stylischer und das Essensangebot noch ein bisschen besser. Aber hier: eine Kantine mit allem, was das Herz (nein, der Magen) begehrt. Von ungesund und fettig (Pommes) bis zu Bio-Gemüse und Gesund-Qualität war alles geboten. Und dazu schöne Cafeterias und Kaffeeküchen mit einem breiten Angebot an Gratisgetränken – und ein breites Angebot an Sportmöglichkeiten.

Wir alle, die neu zu Microsoft gekommen waren, um Sidewalk in Deutschland zu launchen (na ja, war dann nix), waren beeindruckt und begeistert. Aber kam man ins Gespräch mit Alteingesessenen, dann wurde nur genörgelt und geschimpft. Haupt-Tenor: Früher war alles besser! Es ist faszinierend, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt und aus der Gewöhnung heraus dann auch kontinuierlich abwertet. Die Gewöhnung ist der Feind jeder Begeisterung, jeden Staunens. Wir sind wirklich gut darin, uns flugs an ein hohes Niveau zu gewöhnen und dies ab sofort als neuen Normalfall zu eichen. Und ab da an kann es fast nur noch bergab gehe…

Unsere Unfähigkeit, über schöne Dinge zu Staunen und sich darüber von Herzen zu freuen, hat der amerikanische Autor und Comedian Louis C.K. (bürgerlich: Szeleey) in seinem Interview bei der Late Night Show perfekt analysiert. Er bringt den Saal vor Lachen zum Kochen (und schaffte bislang über 2 Millionen Abrufe bei YouTube), indem er daran erinnert, was früher der Normalfall war, und welchen Komfort man heute – nörgelnd – für selbstverständlich hält. Beispiel Flugzeug. Tatsache ist: „You’re sitting in a chair, flying!“ Wer schafft es noch, so zu denken. So real – und staunend wie ein Kind?

Positive Verdrängung

Unsere segensreiche Fähigkeit, unangenehme Dinge möglichst schnell verdrängen zu können und zugunsten schönerer Erinnerungen auszutauschen, funktioniert leider auch  recht gut, um auch schöne und spektakuläre Dinge der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Diese Verdrängungsleistung lässt uns immer neue Höhen technischen Fortschritts und hilfreicher Dienstbarkeiten erklimmen – aber ohne positive Wirkung auf unser Seelenkostüm.

Um noch über Selbstverständliches staunen zu können, muss man sich gut in die Vergangenheit und deren Banalitäten zurückerinnern können. Man muss zugleich sensibel für die Alltagswunder sein, die uns eine technische Wunderwelt seit Jahrzehnten zur Verfügung stellt. Weil wir uns aber – natürlich auf ganz hohem Niveau – im täglichen Klein-Klein verheddern und über so viele kleine und große Unzulänglichkeiten aufregen können, geht uns das Staunen über die großen Schritte verloren. Fazit von Louis C.K.: „Everything is amazing and nobody is happy!“

Arsenal des Staunens

Was gibt es nicht alles, worüber wir eigentlich noch immer staunen müssten? Ich freue mich noch immer über den grünen Klee, wenn ich an den alten Grenzstationen – etwa Kiefersfelden und am Brenner – einfach vorbei fahre. Wieviel Zeit ist mir da im Stau gestohlen worden. Oder auf der Fahrt nach Berlin: Da überkommt mich an den Orten, wo einst die Grenzkontrollen standen, noch immer eine Gänsehaut. Dieser Psychoterror, der da zuverlässig geliefert wurde – von Menschen, die heute meine Mitbürger sind.

Oder wie einfach es geht, einen Artikel wie diesen öffentlich zu machen. Ganz ohne jedes Problem. Ohne Chefredakteur, ohne Produktioner, ohne Drucker, ohne Auslieferung – und gratis!  (Nur eine Schlussredakteurin gibt es – sehr zum Wohle meiner Rechtschreibung: Heidi Rauch.) Und ebenso einfach ist es, solch einen Artikel zu lesen – und überhaupt zu finden. Wenn man liest, mit welchen Stichworten Leser zu diesem Blog finden: wirklich phänomenal. Oder das Internet mit allen seinen Ausformungen nach nur 15 Jahren. Was für ein Wunder! Ich staune wirklich immer wieder ganz real, was sich da entwickelt hat. Inklusive wohligem Schauer.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ – Ich kann nicht nur staunen, ich empfinde auch echt und wirklich Glück, über all die Veränderungen, die ich in meiner Lebensspanne erleben durfte: Inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. 55 Jahre Wohlstand in Deutschland und rundherum. Permanent steigende Lebenserwartungen. Ein entsprechend hoher Gesundheitszustand inklusive wahrer Wundertaten der Medizin. Und was wir heute alles genießen dürfen, kulturell, kulinarisch, musikalisch, intellektuell, einfach so, nach jedem Gusto und meist frei Haus!

Die Kraft der positiven Veränderung

Das alles ist kein Grund, nicht die negativen Effekte zu sehen. Es ist kein Grund, Missstände nicht laut anklagen zu dürfen. Und keine Frage, es gibt noch mehr als genug, was dringend geändert und verbessert gehört. Aber ich habe den schweren Verdacht, diese nötigen Veränderungen sind leichter anzugehen und zu meistern, wenn man sich bewusst macht, was möglich ist und was schon alles geschafft worden ist. Und ich vermute, mit dem Glücksgefühl, was schon alles geschafft worden ist, lassen sich die anstehenden Aufgaben besser angehen – und der Spirit der Innovation nährt sich besser aus Erfolgen als aus Mutlosigkeit und Depression.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ Glücklich zu sein, einfach so, das ist uns in unseren Breiten- & Längengraden hochgradig verdächtig. Glück will sauer verdient sein. Glück muss vorzugsweise mit einem gerüttelt Maß Ärger, Frust und am besten auch noch Depression erarbeitet werden. Sich einfach so zu freuen über all das, was schon erreicht ist, was unseren Alltag einfacher und schöner macht, was für eine irritierende Vorstellung…

Oper & Lust


Karajan und das Desaster der Oper

Ein – ausnahmsweise kühler – Sommerabend im Chiemgau. Open Air wird Mozarts Oper „Gärtnerin aus Liebe“ aufgeführt. Keine seiner bekannten Opern. Mozart hat sie im Alter von 19 Jahren als Auftragsarbeit für den Karneval in München geschrieben. Ein krudes Beziehungskuddelmuddel, das sich nach viel Jux und Tollerei, witzigem Spiel und netten Arien in ein Happy End auflöst. Eine Produktion der Theaterakademie von Gut Immling, der Sommeropernbühne im Chiemgau. Inszeniert hat Isabel Ostermann von der Berliner Staatsoper unter den Linden. Gespielt wird im Garten vor der zur Opernbühne umgewidmeten Reithalle von Gut Immling.

Ich bin relativ hartgesotten, was Theater und speziell Oper angeht (dazu später). Aber diese Opera Buffa, mit kleinem Kammerorchester unter der komödiantisch mitspielenden Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock und jungen Nachwuchsstars aus aller Welt (Korea, Japan, Spanien etc.), hat mich seit langen Jahren wieder einmal richtig herzhaft lachen lassen. Zu gut waren die Gags, zu kurios die Situationen und herrlich deftig die sexuellen An- und Ausspielungen. Hier wurde Sex als schönste Nebensache der Welt gezeigt, lustvoll, lustig und nie peinlich. (Die Oper ist definitiv erst ab 16 Jahren zu empfehlen!)

Kellner in der Bohème

Das ist nun so ganz anders als alles, was ich je zuvor auf der Opernbühne gesehen habe. Ich gebe zu, das war – abseits von Immling – herzlich wenig. Zu intensiv – und zu negativ war meine Prägung in Sachen Sangesbühne. Ich war wohl zehn Jahre alt, da durfte ich für den Kinderchor der Bayerischen Staatsoper vorsingen. Frühkindliches Trauma: Ich wurde nicht genommen, die Stimme war nicht gut genug. Ich erinnere mich an Wut und Trauer. Ich habe wohl eine halbe Stunde geweint – in der Badewanne beim damals üblichen freitäglichen Wochenbad.

Als Trost durfte ich aber als Statist auf der Bühne der Münchner Staatsoper agieren. Als Kellnerjunge in der „Bohème“ und als Volk im „Bajazzo“ und der „Cavalleria Rusticana“. Mein erstes Erlebnis auf der Bühne samt (mildem) Lampenfieber und Nervosität. Schließlich war in der Generalprobe das Schlimmstmögliche passiert. Ich hatte das Tuch mit dem Geschirr, dass ich im Laufschritt hereinzubringen hatte, zu hart abgesetzt und das Brathuhn (aus Plastik), das ich servierte, kollerte von den zerbrochenen Tellern auf den Boden. Ich wurde nicht geschimpft dafür, die abergläubigen Theaterleute waren froh darüber, war es doch ein gutes Omen.

Den nachhaltigsten Eindruck aber hat mir damals der Dirigent der Opern hinterlassen: Herbert von Karajan. Ein Name, den  meine Mutter nur in höchster Ehrerbietung hauchte. „Der große Karajan!“ Ich erlebte ihn als anonyme Stimme aus einem plärrenden Lautsprecher, der wild schimpfend und fluchend seine Kommandos gab und das gesamte Ensemble in Angst und Schrecken versetzte. Zumindest für mich Zehnjährigen. Keine Ahnung, ob das auch von den „Erwachsenen“ so erlebt wurde, mir hat das nachhaltig jedes Interesse und jede Begeisterung für die  Oper verleidet.

Als ich meine Erschütterung über die schlimme Wortwahl des großen Meisters zuhause erzählte, wurde mir glatt beschieden: Das könne nicht sein. Ein Karajan flucht nicht. Das sei alles Einbildung eines hypernervösen Kindes… So weit zu meiner Sozialisation in Sachen Oper.

Ziege als Star

Und jetzt dann dieses furiose, harlekinische Kasperltheater unter freiem Himmel der „Gärtnerin aus Liebe“. Selten so gelacht über die Regieideen und deren herrlich komödiantische Umsetzung. Meist fotografierter Star des Abends war eine weiße Ziege, die mitspielen durfte. Immer wieder schlich sich eine andere Besucherin zu dem Tier und fotografierte es. (Es war ja alles Open Air und man saß bei Speisen und Getränken an Tischen, zwischen denen gespielt und gesungen wurde!) Die Vorstellung, wie dann Tante Gertrude zuhause ein Bild von einer Ziege herumzeigt mit der Bemerkung: Ich war in der Oper. Oder: Ich war bei Mozart. Köstlich!

Das Publikum in der Oper war üblicherweise weithin ergraut. Um so erstaunlicher bei dem hohen Altersdurchschnitt war die freudige und positive Aufnahme der sehr eindeutigen Szenen und der sehr überzeugend gespielten Lustjuchzer. Das ist der Vorteil eines Opernabends auf dem Land abseits der großen Bühnen: Das Publikum ist normal und unverblendet.

Aber echt schade, dass nicht mehr junge Menschen so etwas zu genießen lernen. Solch ein „tierischer“ Jux, solch pralles Leben und solch ungeniert gespielter Kitsch und Humbug müsste bei einem jungen Publikum eigentlich super ankommen. So was ist „Camp“, wie Freund Joop sagen würde. Zugegeben, die Musik muss man als junger Mensch erst zu lieben lernen. Das ist bisweilen komplex und groovt nicht so richtig. (Außer wenn sich im Rezitativ Barjazz-Klänge hineinmischen.) Aber wer Mozart als Musikpunk in „Amadeus“ (Film!) genossen hatte, der erlebt auf Gut Immling, dass diese Deutung nicht so falsch war.

(Die Inszenierung ist im nächsten Frühjahr auch in der Berliner Staatsoper unter den Linden zu erleben.)

Olympia 1972 München


Aufbruch eines jungen Mannes – und einer Stadt

Heute geht das Leben junger Menschen (spätestens) mit 18 Jahren los. Dann sind sie volljährig und sollten die Verantwortung – vor allem aber die mit der Unabhängigkeit (=Freiheit?) verbundenen Freuden zu genießen lernen. Ich gehörte gerade noch zu der Generation, die erst mit 21 Jahren volljährig wurde. (Der Treppenwitz der Geschichte hier: Genau einen Monat nach meinem 21. Geburtstag wurde das Volljährigkeitsalter auf 18 herabgesetzt.)

Trotzdem begann das Leben als Jugendlicher Anfang der 70er-Jahre durchaus mit dem 18. Geburtstag. Dann durfte man nämlich auch damals schon den Führerschein machen. Und dann war es vorbei mit der nächtlichen Sperrstunde, die bis dahin die letzte Tram in Richtung Berg am Laim definiert hatte. Jetzt konnte man auch mal später nach Hause kommen – den Krach am nächsten Morgen (oder noch des Nächtens, weil die besorgte Mama „nicht einschlafen konnte“) rechnete man dafür gerne mit ein.

So wie damals in den Jahren 1971/1972 mein Leben mit dem Führerschein und dann auch mit dem ersten eigenen Auto in Fahrt kam – einem elfenbeinfarbenen VW Käfer 1300 (mit dankenswerterweise unverbiegbaren Stoßstangen) – so wachte zu dieser Zeit die gesamte Stadt München aus ihrer Behäbigkeit und Betulichkeit auf. Die ideologische Basis hatten die Schwabinger Krawalle 1962 und dann die 68er-Revolte samt den studentischen Sit-Ins und Teach-Ins geliefert.

Weltstadt mit Herz

Für eine echte Integration in die 68er-Jahre war ich zu spät geboren. Immerhin durfte ich als jüngstes Mitglied der (neu erkämpften!) Schülermitverwaltung den Triumph der Einrichtung eines Raucherzimmers für die Oberstufe mitverantworten. Ich durfte des Nachmittags im Musikzimmer des Wilhelm-Gymnasiums die wüsten Klavierkaskaden eines wilden Pianisten und Sängers und seiner Begleitmusiker erleben: Konstantin Wecker. Eine herbe Niederlage mussten wir bei der Forderung nach einem designierten Sex-Zimmer im Gymnasium einstecken. (Wir waren ein humanistisches Jungen-Gymnasium, wohlgemerkt!) Das wurde glatt abgelehnt.

Den großen Pusch der Emanzipation von einer verkrusteten und verschlafenen Landeshauptstadt zu einer attraktiven Großstadt erlebte München damals in der Vorbereitung – und dann der Feier der Olympiade 1972. Plötzlich waren die Baugruben, die das München der 60er-Jahre geprägt hatten, verschwunden, es gab eine U- und eine S-Bahn. Neue Hotels, Restaurants und Cafes schossen aus dem Boden, und auch Fast Food- und Pizza-Buden.

Bunter Mix von Menschen

Dann kam die Welt zu Besuch nach München. Wir rückten in unserem sowieso kleinen Reihenhaus zusammen und hatten die Olympia-Tage über ein junges Ehepaar aus Sapporo zu Gast. Wie fremd und schick. Dazu kam noch mein Onkel – mit ganz vielen Eintrittskarten zu den verschiedensten Sportereignissen inkl. Boxen, Volleyball, Leichtathletik, Fußball etc. Es war ein wunderschöner Mix an Menschen in der Stadt. Endlich konnte man auch mal das mühsam erlernte Englisch live anwenden.

Trotz der niederschmetternden Tage der Geiselnahme der israelischer Sportler samt deren tragischen Ausgangs, war die Olympiade in München ein echtes Coming Out der Stadt und ihrer Bewohner. Plötzlich war nicht mehr nur das berühmte Schwabing ein Ort der Boheme, sondern ganz neue Viertel wurden hip: das Lehel, Haidhausen, die Isarvorstadt, die Au, die Schwanthalerhöh etc. Überall schossen neue Läden, junge Kneipen und lustige Alternativen aus dem Boden.

Jazz statt Rock

Besonders unvergesslich bleiben mir die Wochen der Olympiade aber vor allem aufgrund eines Konzertes. Im Rahmen des Kulturprogramms gab es für die jüngeren Zuhörer ein sehr spezielles Jazz-Konzert im Kongress-Saal des Deutschen Museums. Ein Rock-Konzert in staatlicher Verantwortung war damals noch undenkbar. Aber Jazz, das schon. Das hatte ja schon Eingang ins Feuilleton gefunden.

Irgendein sehr kompetenter und zugleich sehr subversiver Mensch muss dieses Programm gestaltet haben. Es spielten nacheinander drei Gruppen. Zuerst eine polnische Jazz-Band, deren Name mir leider (aber zurecht) entfallen ist. Das war gut gemeint von wegen Ostpolitik etc., mehr aber nicht. Danach folgte die Charles Mingus Band. Ein echtes Highlight, so weit ich es mit meiner damals begrenzten Musik-Kompetenz beurteilen konnte. Das Publikum war jedenfalls gebannt, sowohl von den Solo-Leistungen als auch dem perfekten Zusammenspiel unter der Führung des Altmeisters am Bass. Und dem Affen wurde auch Zucker gegeben: Selbst die singende Säge wurde ausgepackt.

Metal-Jazz: Mahavishnu Orchestra

Den Abschluss des Konzertes machte das Mahavishnu Orchestra von John McLaughlin. Ich hatte die erste LP des legendären Jazz-Rock-Quintetts schon im Plattenschrank. Die ingeniöse Mischung aus Instrumental-Virtuositis , genialen „anderen“ Melodien und einem bisweilen extrem aggressiven Drive hatte mich von Anfang an begeistert. Daher auch meine Investition in die teuren Konzertkarten des Olympia-Kulturprogrammes.

Nach einer längeren Umbaupause war schließlich das riesige Equipment der Band aufgebaut: Eine Mauer aus mannshohen, hellblau verchromten Boxen von Shure und dazu die üblichen Türme von Marshall für Gitarre, Bass und die Violine. Ein leises Surren der Anlage schwebte im Saal. John McLaughlin, guruhaft ganz in Weiß gekleidet, begrüßte das Publikum höflich-schüchtern und legte erst einmal eine kurze Meditations-Minute in aller Stille ein. Es war mucksmäuschenstill.

Und dann brach das Inferno los. Ich habe außer einem Motörhead-Konzert im Beton-Quader des Schwabinger Bräu nie wieder solch eine laute Band gehört. Und was sie da in mörderischer Lautstärke boten, war musikalisch eine Ungeheuerlichkeit: höchste Virtuosität, ein geniales Zusammenspiel von fünf extrem versierten – und motivierten – Musikern. Verrückte Harmonien, aberwitzige Rhythmus-Kaskaden (Billy Cobham at his best!!!), schräge Taktgebung, überraschende Breaks, hypnotisierende Soli und wilde Melodie-Verfolgungsrennen zwischen John McLaughlin (Gitarre), Jerry Goodman (Violine) und Jan Hammer (Keyboards, Synthesizer) – und nicht zu vergessen Rick Laird (Bass).

Das vielleicht beste Konzert, das ich je gehört habe. Das Publikum reagierte zuerst wie paralysiert. Die Lautstärke hatte alle in ihre Sitze gepresst. Die Münder standen offen. Teils aus Staunen, teils um die Lautstärke irgendwie aushalten zu können. Der erste Song war „Meeting the Spirit“, danach folgte „You Know, You Know“. – das zu wissen, verdanke ich der extensiven Beschreibung des Konzertes von Christopher Schneider, der damals das Konzert auf Kassettenrekorder mitgeschnitten hat.

Nach etwa zehn Minuten Paralyse aufgrund von Harmonik und Lautstärke muckten dann endlich die Jazz-Puristen auf. Ihre Buhrufe hatte keine Chance, gehört zu werden, zu laut spielte das Mahavishnu Orchestra – und zu gut. Also verließen die Jazz-Spießer unter Protest den Saal. Nach kurzer Unruhe war der wohl zu einem Drittel geleert. Der Rest aber feierte die Band und das Konzert. Und – man war jetzt unter sich.

Mahavishu Orchestra, August 1972, München

Musikalisches Erweckungserlebnis

Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Live-Konzerten des Mahavishnu Orchestras auf meiner Festplatte. Auf Wolfgangs Vault kann man sehr gut ihre kurze Live-Karriere anhand verschiedenster Konzerte mitverfolgen. (Die Konzerte sind gratis per Stream, man kann sie aber auch für kleines Geld als MP3 kaufen.) Auch auf Youtube gibt es Mitschitte, die die Grandiosität und Aggressivität des Konzerts erahnen lassen: You know, you know, You know You know (HD), Meeting of the spirits, und in weniger berauschender Soundqualität Dance of the Maya, Birds, A Lotus on Irish Streams. (Trilogy ist aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.)

Das Konzert war für mich ein Erweckungserlebnis. Ich hatte schon längst Rockmusik geliebt – und auch in diversen Bands selbst gemacht. Ich hatte bis dahin auch schon einige Konzerte gehört, darunter Jethro Tull, Pink Floyd – und natürlich alle lokalen Heroen: Out of Focus (jetzt MP3s auf Amazon ), Subject Esquire/Sahara, Amon Düül, Red Rooster u.v.a. Aber nach diesem Konzert hatten sich mein Gehör und mein Musikgeschmack neu justiert. Seitdem war mir keine Band auf Dauer genug, die immer dasselbe spielte. Seitdem liebe ich Musik, die neue Wege geht. Seitdem liebe ich Musik, die im ersten Moment weh tut, weil sie Hörgewohnheiten (und Denkgewohnheiten) verletzt.

Seitdem liebe ich nur noch Musiker und Bands, die einen Unterschied machen. – Und da es solche Musik und solche Musiker unverändert gibt, habe ich bis heute nicht aufgehört, Musik zu sammeln, Musik zu hören – und auch ein wenig Musik (für mich) zu machen. – Und das habe ich irgendeinem wunderbar verrückten Menschen zu verdanken, der Programmverantwortlichen des Kulturprogramms der Olympischen Spiele eingeredet hat, dass das Mahavishnu Orchestra eine Jazzband ist…

P.S.: Gerade entdecke ich, dass „Underworld“ auf dem Sampler-Album „Athens“, auf dem sie die Bands verewigt haben, die sie maßgeblich beeinflusst haben, auch das Mahavishnu Orchestra mit dabei haben – mit You Know, You Know“!

Mobile Zigaretten


Sind unsere Mobiltelefone die neuen Zigaretten?  

So kann man eine Überschrift auch missverstehen. Kreativ sozusagen. Ich fand den Link auf den Artikel im Newser gleich interessant: „Cell Phones Are the New Cigarettes“. (Danke Andrian!) Der Artikel geht darum, dass es warnende Stimmen von Wissenschaftlern gibt, die die Unbekümmertheit gegenüber der Strahlenbelastung von Mobiltelefonen mit der Wurstigkeit gegenüber der Schädlichkeit von Zigaretten, wie sie in den 60er-Jahren herrschte, vergleicht.  

Franz Josef Strauß - mit Zigarre - im Interview mit Günter Gaus

 

Meine erste Assoziation zu dieser These: Die Erinnerung an Einladungen bei uns zuhause im Münchner Vorort-Reihenhaus, in dem das kleine Wohnzimmer nach dem Essen binnen Minuten in dichten Dampf aus Zigaretten und Zigarren vernebelt war. Und natürlich die Erinnerung an die von meinem Vater sorgsam und mythisch aufgeladene zelebrierte Genuss-Inszenierung, wenn er abends seine geliebte Zigarre an seinem Platz unter der Stehlampe anzündete. Wohlgemerkt rauchte er strikt nur eine Zigarette (orientalisch, ohne Filter) und eine Zigarre am Tag, die Karwoche ausgenommen. Am Abend des Karsamstags folgte dann die intensivste Genuss-Feier.  

Schweißtreibende Zigarren  

Die nächste, nicht mehr so private Erinnerung: die berühmten Interviews von Günter Gaus mit den großen Politikern jener Zeit. In der dunklen, dramatischen Schwarz-Weiß-Atmosphäre damals zogen stets Rauchschwaden Kringel und Kreise und untermalten so die Bedeutungsschwere der Situation.  

Berühmt wurde dann das Interview von Gaus mit Franz Josef Strauß, in dem er – ganz à la Ludwig Erhard – sich an einer Zigarre abarbeitete und darüber – und natürlich durch die inquisitorischen Fragen von Gaus – grandios ins Schwitzen kam. Da erregte sich mein Vater schwer, dass da sein Held Franz Josef so in die Mangel genommen wurde. Er verpaffte da so manche Chance, es als seriöser Politiker vielleicht bis zum Kanzler zu schaffen.  

Die Gestik des Rauchens  

Das Rauchen war hier eine Inszenierung (die im Falle FJS schief ging) und eine wunderbare Möglichkeit, seine eigene Nervosität in den Griff zu bekommen – und auch Momente der Langeweile zu überbrücken. Vielleicht sollte man sich bei der Diskussion über das Suchtverhalten beim Rauchen nicht immer nur auf das  Nikotin und andere Suchtstoffe beschränken, die die Zigarettenindustrie ganz bewusst ihren Mischungen hinzufügte. Auch die Tatsache, in vielen Situationen des Lebens nichts mit unseren Arme und Hände anfangen zu können, haben sicher viele Zigaretten aus schierer Übersprungshandlung zum Glimmen gebracht.  

So steil die These klingen mag, so habe ich dafür eine kuriose „Beweisquelle“. Alexeij Sagerer, einer der mutigsten, querköpfigsten, unkonventionellsten und kreativsten Theatermacher Münchens, war einst einer der gnadenlosesten Kettenraucher, die ich je erlebt habe. Aber von einem Tag auf den anderen war er Nichtraucher. Wie das gehen konnte? Seine Erklärung war eben so simpel wie einleuchtend (und wirksam): „Ich habe das Rauchen aus meiner Gestik herausgenommen.“  

Das nur mal so als Tipp für alle Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Statt Therapien und Nikotinpflaster: vielleicht sollten sie mal einfach ein paar Tage lang das Eigenleben – und das Suchtverhalten – ihrer Hände beobachten, analysieren – und therapieren. Vielleicht gelingt ihnen ja so, das Rauchen aus der Gestik zu streichen – auch wenn sie keine Schauspieler sind und nicht gewöhnt sind, Gestik bewusst einzusetzen.  

Zünden wir uns ein Handy an?  

Nachweislich haben es in den letzten Jahren ganz viele Menschen geschafft, wieder Nichtraucher zu werden. (Ich ja auch.) Und vielleicht auch gar nicht, weil es den Rauchern immer schwerer gemacht wird, ihrem Laster zu frönen, oder weil wir eine Wellness-Gesellschaft samt dem damit verbundenen Gesundheits-Appeal (Appell?) geworden sind. Sondern ganz einfach, weil unsere Hände ein wunderschönes Spielzeug bekommen haben, mit dem sich überflüssige Bewegungsenergie wunderbar kanalisieren lässt: das Handy.  

Ein Blick in die Alltagswelt: Zu den Gelegenheiten, in denen das Aktivitäts-Momentum kurz abreißt, da hat man sich früher eine angezündet. Heute nimmt man in diesen Momenten flugs das Handy zur Hand und telefoniert, simst, checkt Mails, twittert oder fummelt sich von App zu App. So lässt sich lästige Alltagslangeweile „sinnvoll“ überbrücken. Und so lassen sich auch Rekreationspausen und Auszeiten glaubhaft legitimieren, so wie früher mit der kurzen Zigarette zwischendurch.  

Strahlen statt Rauch 

So gesehen hat der Artikel recht: Mobiltelefone sind wirklich unsere neuen Zigaretten. Und statt beißendem Rauch geben sie Strahlen ab. Die aber riechen wenigstens nicht und keiner muss einst wie meine Mutter nach jedem großen Fest mühevoll und mit großem Protestgetöse rauchgeschwängerte Gardinen waschen.  

Und, ach ja, in Bayern steht ja jetzt bald der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz an. Wo alle Rauchgegner für „Ja“, und alle Raucher mit „Nein“ stimmen müssen. (Wie absurd!) Da steht uns ein heißer Sommer mit erbitterten Streitereien bevor. Ein Riss quer durch die Gesellschaft.  (Kein Scherz.) Aber lieber bei solch einem Thema, als bei einem ernsteren! Und um es klar zu machen: Ich bin für einen konsequenten Nichtraucherschutz. – Wir haben ja unsere Handys!

Rainbow Cuisine


Der Gourmet-Trend 2010: Südafrika

Der aktuelle Trend auf den großen Food- und Gastronomie-Messen ist die Küche Südafrikas. Der Anlass ist natürlich die Fußball-WM vom 11. Juni bis 11. Juli 2010. Dabei sollte viel mehr die Attraktivität und Qualität der Küche Südafrikas der Grund dafür sein. Denn kaum eine Gourmet-Linie ist so vielfältig, so modern und dabei für europäische Gaumen so naheliegend wie die Südafrikas.

Die Geschichte und die Entwicklung der Küche in Südafrika erklärt vieles. Die Einwanderer (und Kolonialisten) kamen aus allen Ländern Europas in den südlichen Zipfel Afrikas. Und für die Volksstämme, die anfangs noch sehr die geografische Nähe zueinander suchten, war die heimische Küche ein wichtiger identitätsstiftender Faktor. Und so hielten sich über lange Jahrzehnte und Jahrhunderte typische Gerichte aus Ländern wie England, den Niederlanden, Italien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, aber auch aus orientalischen Ländern oder Indien (als britische Kolonie).

Schon bald aber überließen die weißen Siedler die niederen Arbeiten des Kochens den Angestellten. Die kamen ab dem 17. Jahrhundert vor allem aus Malaysia, Java und Indonesien. Denen waren die typischen europäischen Gerichte, die sie zu kochen hatten, viel zu langweilig und würzten sie entsprechend ihrer heimischen Tradition mit exotischen Gewürzen und Kräutern und machten sie so viel attraktiver, pointierter – und natürlich schärfer.

Rainbow People

Den dritten großen Einfluss auf die Küche Südafrika haben natürlich die Einheimischen, die verschiedenen Stämme Schwarzafrikas, die im Süden des Kontinentes leben: die Tembe Tonga, die Khoi (Hottentotten), die San (Buschmänner), die Xhosa, die VhaVenda u.a. Sie hatten ihre eigenen Zubereitungstraditionen des einheimischen Speisenangebotes an Fleisch, Fisch und Gemüsen. Viel wird sehr gekonnt gegrillt, aber es gibt auch viele Ragout-Gerichte.

Und das ist der vierte interessante Einfluss der südafrikanischen Küche. Es gibt in diesem großen, sehr fruchtbaren Land eine Vielzahl an Fischsorten (Süß- & Salzwasser) und Krustentieren, ganz anderes Fleisch (z.B. Hirsch, Antilope oder Springbock) und eine wunderbare Bandbreite an Gemüsen und Obst. Hinzu kommen die grandiosen Weine Südafrikas, rot wie weiß.

Aus dieser extremen Vielfältigkeit an Einflüssen ist eine grandiose Küche entstanden, die zum einen sehr alte Kochtraditionen optimal erhalten – und verfeinert hat. So habe ich die wohl beste Kalbszunge meines Lebens in einem Restaurant in Stellenbosch gegessen. (Meine Mutter selig wird mir so einen Satz hoffentlich verzeihen.) Unser Nachbar brachte aus dem Meer den frischen Hummer mit und servierte ihn in einer unnachahmlichen Marinade, die irgendwo asiatisch-afrikanisch feurig und dabei fruchtig war. Es gab bei ihm auch einen riesigen weißen Fisch, der nur richtig gelingen wollte, wenn er vor Neumond gefangen war. (Danach matschte das Fleisch.)

Perfekte Vielfalt an Ingredienzien

Sensationell auch die afrikanischen Grill-Spezialitäten in dem weitläufigen Open-Air-Restaurant im Weingut von Spier. So schmackhaft wie der auf den Punkt gebratene und smart gewürzte Springbock habe ich gegrilltes Fleisch nur selten vorgesetzt bekommen. Auf ausladenden, weithin rauchenden Grillflächen wurde hier nur perfekt mariniertes Fleisch kredenzt. Perfekt abgerundet mit kuriosen kabarettistischen Darbietungen in dem guttural schnalzenden Xhosa-Dialekt.

Auffallend auch das Talent der südafrikanischen Küche für Saucen, Curries, Ragouts und Aufläufe. Mein Lieblingsessen – und schon oft zuhause nachgekocht – ist der Bobotie, ein Erbe der niederländischen Küche. Ein Hackfleisch-Auflauf (es gibt auch eine Fischvariante) mit Äpfeln, Rosinen, getrockneten Aprikosen, Mandeln und exotischen Gewürzen.

Bobotie – der etwas andere Auflauf

Hier das Rezept für den Bobotie: 1 Kilo Hackfleisch – vorzugsweise Rind und Lamm. 2 große Zwiebeln, fein gehackt. 2 Zehen Knoblauch. Alles in einem Öl-Butter-Gemisch in einer Pfanne anbraten. Dann mit drei guten Löffeln Curry und einem Löffel Kurkuma würzen und kurz simmern lassen. – Fleisch aus der Pfanne nehmen und kurz abkühlen lassen, dann mit in Milch eingeweichtem Weißbrot, Zitronenschale und -Saft einer Zitrone, 1 Ei, 100 Gramm klein geschnittenen getrockneten Aprikosen, einem sauren Apfel (geschält, entkernt, klein gehackt), 2 Handvoll Sultaninen, 50 Gramm geschälten, kurz angerösteten Mandelsplittern und einigen Lorbeerblättern (oder Blättern vom Orangen- oder Zitronenbaum) einen Teig mischen. Salzen & pfeffern, evtl. ein Hauch Chili rein, evtl auch Zimt. Diese Masse in eine gebutterte Auflaufform, mit Alufolie abdecken und bei 160 Grad 90 Minuten ins Rohr. Dann Temperatur auf 200 Grad erhöhen, über die Masse einen Mix aus einem Viertel Liter Milch, 2 Eiern (oder mehr) und Salz gießen und ca. 15 Minuten offen weiterbacken, bis alles schön braun ist. – Dazu Reis (gewürzt!) und Gemüse nach Wahl – und einen fruchtigen Rotwein dazu. – Super!

Aber nicht Fleisch und Fisch sind die ganz großen Spezialitäten in Südafrika, sondern der Umgang mit Früchten und Gemüsen – und wie sie miteinander gemischt werden. Die würztechnische Zubereitung wird jedem Vegetarier neue Geschmackswelten öffnen. Vor allem aber gibt es tolle Rezepte, Gemüse und Früchte haltbar zu machen: als Chutney, Preserves, Kompott oder Marmeladen. Hier habe ich mir viel abgeschaut, wenn ich meine Quitten und Äpfel zu Gelee verarbeite. Mit einem Hauch Ingwer, Zimt, Chili und einem (guten!) Spritzer Apfelbrandy oder Whisky schmeckt das alles noch mal so gut.

Süßer Abschluss

Ein großes Talent hat die südafrikanische Küche auch bei Süßspeisen und Desserts. Auch hier lebt die komplette Tradition europäischer Küchen in asiatisch zugespitzten Versionen fort. Puddings, Blancmanges, Mousses, Halva, Coulis, Pfannkuchen, Kuchen, Kekse und auch sehr gutes Gebäck (inkl. Brot), alles ist in allen Geschmacksrichtungen geboten.

Wer sich für diese Trendküche des Jahres 2010 interessiert, dem sei das großartig gestaltete Kochbuch „Rainbow Cuisine“ von Lannice Snyman und Andrzej Sawa (SES Publishers) empfohlen (englische Version!). Großartige Fotos und kenntnisreiche Texte zu Land und Leuten, Produkten und Historie und natürlich alle wirklich wichtigen Rezepte inklusive. Und die Rezepte gelingen und schmecken. Sie gelingen, weil die Küche in ihrem wilden Mix Tür und Tor für kreative Interpretationen und Weiterenwicklungen offen hält.

Auf alle Fälle gibt es keine Gründe, sich bei der WM im Sommer nur mit Chips und Flips zu verköstigen. Let’s cook Africaans.

Die Liebe zum Fisch


Die Beschränktheit der Sterneköche 

Ich esse gern, ich koche gern. Sieht man mir teilweise auch an. An meinen entspannten Gesichtszügen natürlich, weniger an meinen überflüssigen Pfunden. Als Genuss-Koch gehe ich auch gerne essen, um neue Anregungen zu bekommen, neue Geschmackserlebnisse zu machen – und natürlich auch aus Genussfreude. Gerne bin ich daher immer in Sterne-Restaurants gegangen. Wohlgemerkt, das gehört der Vergangenheit an. Zum einen überrascht nur noch sehr selten eine wirklich bahnbrechende Kreation. Vor allem aber haben mir die Mit-Gäste in den Edel-Restaurants den Spaß verdorben. Die Attitüde der meisten Gourmets ist einfach fürchterlich. 

"Ma" in Berlin

Entweder sind sie sowieso nur da, um anzugeben. Vor jungen Damen, jungen Kollegen, Businesspartnern etc. Oder sie dokumentieren ihre Wichtigkeit, ihr Bankkonto und ihr Ego. Das führt dann gerne mal dazu, dass man kaum selbst zu einem vernünftigen Gespräch kommt, weil nebenan laut Unwichtigkeiten dröhnend laut erzählt werden. Mögen Sie auch die Menschen, die Geschichten ohne Pointe erzählen, aber immer im Tonfall, als käme eine? Und das Fürchterliche ist, dass man bei solch intelligenzfreien Reden nicht so wirklich weghören kann. Das ist ähnlich wie man auch kaum seinen Blick von einem wirklich häßlichen Menschen wenden kann. 

Der zweite Grund, der mich aus den Gourmet-Tempeln vertrieben hat, ist die Verwöhnung meines Gaumens mit guten Grundzutaten, seit ich so viel mehr Zeit in Italien verbringe. Gute Dinge, einfach und gekonnt zubereitet, schmecken immer um Längen besser als hochexaltierte Kochrituale. Auf den populistischen Nenner gebracht: Italien schlägt Frankreich um Längen. 

Und ich entdecke immer öfter junge Restaurants, die genau diesen Weg gehen. Nicht hoch kandidelter Unsinn wird gebastelt, sondern beste Zutaten werden gekonnt zubereitet. Zwei Beispiele von vielen: Die „Bar Corso“ in München oder das „Heinrich“ in Berlin. Und das Schönste ist, dort ist auch das Publikum viel netter – und der Geldbeutel bleibt auch noch (etwas) geschont. 

Gewürz-Tiraden im TV 

Von solchen Entwicklungen bekommt man in den Massen von Kochshows im deutschen Fernsehen leider gar nichts mit. Dort wird auch mal schnell dahin gesagt, dass man gute Zutaten nehmen sollte oder Bio angesagt ist. Aber kompetent vertiefen will – und kann – das keiner. Wenn man einmal erlebt hat, wie ein extraordinäres Fleisch, wie nicht-industrielles Gemüse ohne alles Gewürzdoping schmecken kann, weil es selbst so viel Geschmack trägt, weil etwa die Tiere würziges Gras zu fressen hatten (und nicht Silage oder Schlimmeres), für den sind Schuhbecks Gewürz-Tiraden nur gequirlter Unsinn, wenn nichts Schlimmeres. 

Wer einmal wirklich eine Alternative zu dem Koch-Gedöhns und Koch-Geschwafel hierzulande erleben will, dem seien Dan Barber und seine Vorträge bei TED ans Herz gelegt. Einmal geht es um Foie Gras, die Entenstopfleber, aus der Barber in 20 Minuten eine Tierfabel aus der realen Welt entwickelt, die einem den Mund wahlweise wässert und/oder offen stehen lässt. Hier ist eben Thema, dass Fleisch längst vor der Zubereitung, nämlich bei der Aufzucht perfekt gewürzt werden kann, in bester Erlebnis-Rhetorik behandelt. 

Noch beeindruckender ist seine Parabel von dem Fisch, den er zu lieben lernte. Hier wird eine real gewordene Utopie einer Lebensmittelproduktion in sämtlichen Details erzählt, die alle Paradigmen der Nahrungsmittelindustrie auf den Kopf stellt. An dem Beispiel einer außergewöhnlichen Fischfarm in Spanien wird gezeigt, wie Nahrungsmittelproduktion in Zukunft aussehen sollte. In diesem Fall ist Naturförderung, nicht mehr Naturverträglichkeit das Ziel. Qualität steht vor Quantität. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist dann nur noch eine unzulässige Untertreibung. Dan Barber erledigt im Vorbeigehen auch noch all das ideologische Blendwerk, das die Nahrungsmittelindustrie in Sachen Welternährung verbreitet. Das Ergebnis: ein Fisch, der selbst bei Zubereitung durch einen mittelbegabten Koch gut schmeckt. 

Der andere Sternekoch 

Die Pointe an dieser Geschichte ist, dass Dan Barber ein Sternekoch ist. Nicht hierzulande, sondern in den USA, im Einzugsbereich von New York. Und seine Erzählweise ähnelt der Zubereitung eines Gourmet-Menüs: nur erstklassige Zutaten, sorgsam zubereitet, mit viel Liebe zum Detail, aber auch dem Blick für das große Ganze. Perfekt gewürzt (mit guten Scherzen) und getragen von einer grandiosen Begeisterung für das Thema Essen und dessen Verträglichkeit mit der Natur. In meinen Worten: Euphorie at it’s best! 

Liebe TV-Verantwortlichen. Alle Lafers, Polettos, Kleebergs und Herrmanns dieser Welt in Ehren. Aber warum muss kochen immer nur Show sein? Warum kann man nicht eine Kochsendung machen, die einem kochen, essen – und vor allem bewusst einkaufen und zubereiten – mit Begeisterung nahe bringt? Im europäischen Umfeld kommt da Jamie Oliver noch am nächsten. In Deutschland gibt es das leider nicht. Tim Mälzer ist dafür einfach zu sehr Proll. 

Das Problem nämlich ist, dass man sich, wenn man wirklich gutes Essen propagieren will, unweigerlich mit der Nahrungsmittelindustrie anlegen muss. Und das wird kein Sternekoch je tun. Dazu ist er viel zu sehr im Wertemuster der Food-Industrie zementiert. Sie können – in des Wortes Bedeutung – nicht über den Tellerrand hinausschauen. 

Der einzige Koch, dem ich so etwas in Deutschland zutrauen würde, ist Tim Raue in Berlin. Das war das einzige Mal, wo ich Sterneküche wirklich inspirierend und lehrreich empfand. im „Ma“ in Berlin habe ich neue Gemüse, neue Geschmackserlebnisse und neue Zubereitungsweisen auf voll mundende Art erlebt. Unter anderem den besten Kabeljau meines Lebens.