Verlust der Deutungs-Hoheit


Die Zeitungen in Deutschland sterben 2030?

Jetzt wissen wir es endlich genau. Der amerikanische – selbsternannte – Futurist und Strategieberater Ross Dawson hat es in seinem Blog gewagt, das Ableben der Zeitungen in ihrer gedruckten Form (engl. „newspaper„) weltweit exakt zu terminieren. Das geht 2017 in den USA los, 2019 folgt Großbritannien, 2020 Kanada und Norwegen. Deutschland hat seiner Meinung nach noch eine Galgenfrist bis ins Jahr 2030. Ganz am Ende der Entwicklung stehen die Mongolei (2038), Argentinien (2039) und das komplette Afrika (2040+). (Die komplette Weltkarte dazu ist beigefügt.)

Wäre man zynisch, dann könnte man solch eine Prognose als smartes Akquisetool und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme werten. Denn die Reaktion auf das exakt datierte Zeitungs-Dahinscheiden ist weltweit schon beträchtlich und diese Aufmerksamkeit und die Chuzpe, genaue Jahreszahlen zu prognostizieren, garantiert Einladungen zu Vorträgen, Symposien und Kongressen.

Self Fulfilling Death

Solch exakte Terminierungen sind natürlich, trotz aller Rationalisierungen, ein Unsinn. Aber sie können durchaus zu einer Selffulfilling Prophecy werden, je nachdem, wie hysterisch die Reaktion vor allem der Betroffenen ausfallen wird. Denn bei allen wirtschaftlichen und technischen Imponderabilien, die Ross Dawson aufzählt, werden vor allem Faktoren, die er in seiner Analyse nicht bedacht hat, über das Fortleben von Zeitungen in gedruckter Form entscheiden. In digitaler Form, auf Lesegeräten und Foliendisplays wird es Nachrichten- und Feature-Inhalte sowieso weiter geben. Gratis höchstwahrscheinlich oder teilweise mit verdeckter Finanzierung durch Nutznießer von stets aktuellen Inhalten – und das werden in dem zur Debatte stehenden Zeitraum kaum mehr Werbetreibende im heutigen Verständnis sein.

Papierlogistik mit angeschlossener Intelligenzia

Das Problem ist also nicht, dass wir nach einem wann immer zu datierenden Zeitungssterben ohne Nachrichten und Meinungen auskommen müssen. Das Problem ist einzig und alleine, dass bislang zu diesem Zweck Unmengen von Papier bedruckt und zu den weit verstreuten Lesern transportiert werden müssen. Die Medienhäuser heute sind eben eher Papier- und Drucklogistiker mit angeschlossener Verwaltung und – im besten Fall – mit einer kleinen angeschlossenen schreibenden Intelligenzia.  Um das Ende dieser Medienhäuser und ihres Businessmodells geht es letztendlich. Und klar ist, dass hier Länder, in denen die Logistik des Zeitungsverteilens besonders aufwändig ist, weil die Entfernungen zu den immer verstreuter werdenden Lesern weit sind, als erste vom Zeitungssterben heimgesucht werden könnten. Also etwa die USA.

Einfluss-Faktoren und blinde Flecke

Ross Dawson hat seiner Prognose eine Menge Faktoren zugrunde gelegt, die durchaus in der Bewertung der Zukunftsperspektiven von Zeitungen Sinn machen. Global gesehen: Verbreitung und Kosten von Smartphones, ePads, Bildschirmfolien, Entwicklung des Anzeigenmärkte, der Druckkosten und der Vermarktungsmöglichkeiten digitaler Inhalte. Regional haben die demographische Entwicklung, technologische Besonderheiten (Bandbreiten), Branchenbesonderheiten (z. B. öffentlich rechtliche Medien), die Besitzverhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung, Gesetzgebung und das Kundenverhalten Einfluss auf die Lebenserwartung von auf Papier gedruckten Medien. (Alle Faktoren – auf Englisch – hier.)

Das ist alles soweit richtig, lässt aber ganz wesentliche Faktoren außer acht oder wertet sie nicht richtig. Das sind wirtschaftliche, personelle, inhaltliche und strukturelle Faktoren. Wie schnell und unbarmherzig der Umbruch von analogen auf digitale Medien gehen kann, das hat die Fotoindustrie bereits exemplarisch vorgelebt. Hier hat sich der Markt innerhalb eines halben Jahrzehnts komplett gedreht.

Quelle: GfK

Die Verkaufszahlen (der GFK) zeigen das eindrucksvoll. (Grafik anbei.) Solche Entwicklungen haben eine exponentiale Dynamik – und sind unumkehrbar. Und je schneller die Kosten für Papier, Transport und Verteilung steigen, desto schneller versagt das Businessmodell und der Punkt ist erreicht, an dem es sich nicht mehr rechnet, Zeitungen zu drucken. Der wesentliche Faktor, der diese Entwicklung beeinflusst (und beschleunigt), ist der Mensch – und zwar gleichermaßen auf der Verbraucher- als auch auf der Produzentenseite.

Zeitungen von gestern

Je nachdem in welcher Geschwindigkeit Menschen Zeitungen nicht mehr attraktiv finden und sie für verzichtbar halten, desto schneller werden Werbekunden nicht mehr Anzeigenseiten buchen – und desto weniger rentabel wird der Vertrieb.

Auslöser, warum Menschen Zeitungen für verzichtbar halten, sind auch technische Entwicklungen. Wenn man wie heute ganze Sektionen der Zeitungen am Morgen überblättern kann, wenn man aktiv News in Online-Medien verfolgt, weil man alles schon weiß und tags zuvor gelesen hat, dann lässt das so manchen überlegen, eine Zeitung nicht mehr zu kaufen oder sein Abonnement aufzugeben.

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Qualität der Zeitungen kaum mehr mit denen der Online-Medien mithält, weil die Redaktionen kaputt gespart wurden. Bestes Beispiel ist hierfür Berlin. Wer dort die Tageszeitungen durchschaut, erlebt quer durch alle Tageszeitungen kaum mehr irgendwelchen Mehrwert gegenüber den Online-Medien.

Verlust der Bedeutungshoheit

Das viel gravierendere Problem aber ist, dass die Print-Medien drohen, die Bedeutungs-Relevanz und jede Zeitgeist-Kompetenz zu verlieren. Christian Jakubetz, Journalist und Journalismus-Dozent hat das in seinem JakBlog in 10 Thesen zur Zukunft der Zeitungen perfekt auf den Punkt gebracht: „Die Tageszeitungen vergreisen in ihren Redaktionen“.

Fakt ist: Junge Journalisten zieht es nicht mehr in Zeitungs-Redaktionen, und dort wären für sie auch gar keine Plätze frei, weil Personal abgebaut wird. So organisieren dann ältere Redakteure, die der Kündigungsschutz geschont hat, Inhalte für ihresgleichen.

Jeder Versuch, imaginäre jüngere Zielgruppen zu erreichen, muss fast notwendigerweise scheitern. Das System des Print-Journalismus ist schon lange nicht mehr für neue Ideen und neue Themen durchlässig. Dazu ist es seit langem wirtschaftlich wie ideologisch unter Druck. Hinzu kommen Standesdünkel, Selbstgenügsamkeit und Besitzstandswahrung.

Als Verleger Arno Hess und ich als Chefredakteur 1979 die „Münchner Stadtzeitung“ gründeten, waren wir damals auch Nutznießer solch einer Verkrustung der journalistischen Strukturen. Das war damals der Zeitpunkt, als durch das Aufkommen neuer Produktionsmethoden (Kugelkopfschreibmaschine, Offset-Druck) die Produktion neuer, billiger produzierter Zeitungs-Medien technisch und wirtschaftlich möglich war. Und eine neue Generation von Schreibern und Fotografen, teilweise von den Journalistenschulen, teilweise Autodidakten wie ich selbst, konnte sich hier ausprobieren. Sie konnten einen neuen, jüngeren Schreibstil entwickeln, neue Themen entwickeln, kritischer zupacken, neue optische Sichtweisen ausprobieren und nicht zuletzt eine neue Art von Service-Journalismus kreieren.

Bluttransfusion für die Zeitungen

Der wirtschaftliche und inhaltliche Erfolg der Stadtzeitungen – und in ihrer unmittelbaren Folge die Zeitgeistmagazine Tempo und WIENER – waren eine (nötige!) Bluttransfusion für einen sich damals relativ selbst genügenden Journalismus. Fast alle Autoren von damals schreiben heute in den großen Zeitungen und Zeitschriften: Spiegel, Focus, SZ, AZ, Zeit, taz, FAZ, sind im TV- und Filmbusiness oder haben eigene Verlage und Redaktionsbüros aufgemacht.

Ich war 27, als ich die Münchner Stadtzeitung gründete. Und ich war einer der ältesten der Redaktionsriege. Beim WIENER war Wolfgang Maier auch noch keine 30, als er die Chefredaktion übernahm, gleiches gilt für Markus Peichl (Tempo). Das schuf Chancen für junge Schreiber und Talente, wie sie heute undenkbar sind.

Ohne Kontakt zum Neuen

Das garantierte, dass sich die junge Generation in Stil und Inhalten wiederfand. Das war das Erfolgsrezept der Stadtzeitungen quer durch die Republik, allen voran TIP und Zitty in Berlin. Heute findet diese Generation ihre Themen und Ideen bestenfalls in Online-Medien, vor allem aber in den Sozialen Netzwerken. Sie sind für das Zeitungsbusiness ein für allemal verloren.

Wer aber die jungen Menschen als Publikum verliert, der kann keine (neuen) Themen mehr setzen, der kann nicht authentisch den Zeitgeist prägen – oder wenigstens repräsentieren. Der kann nicht wirklich Neues leisten, weder inhaltlich, noch optisch, weder rational, noch emotional. Dann hat sich ein (Massen-)Medium überlebt. Dann bleibt nur die Nische – und für die gelten völlig andere wirtschaftliche Bedingungen.

Ich halte daher die Einschätzung von Ross Dawson, dass in Deutschland 2030 die Zeitungen sterben werden, eher für zu vorsichtig. Ich stimme der Meinung von Christian Jakubetz zu: „Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.“

Lernstunde


Das Stuttgarter Immobilienprojekt

Stuttgart21, ja oder nein? Das war mir lange relativ wurscht. Ein bisschen sehr teuer, dass dafür die Immobilien- und Baubranche dick abkassieren kann. Und die Begründung einer besseren Bahnanbindung war seit je fadenscheinig. Aber schön fand ich den Bahnhof in Stuttgart nie, praktisch auch nicht. Ich kenne etliche Bahnhöfe, die unter die Erde verlegt worden sind. Sie sind nicht schön, aber sie funktionieren. Und wenn wie in Madrid dafür das historische Bahnhofsgebäude intelligent umgewidmet wird, wunderbar. So schön sind breite Bahntrassen quer durch eine Stadt nun wirklich nicht. Sie trennen Wohnviertel, sie machen Lärm und mindern Wohnqualität.

Aber in Wirklichkeit habe ich mir aus einem anderen Grund keine dezidierte Meinung erlaubt. Bei diesem Thema ist meine Ratio schwer geschwächt: Ich bin ein echter Bahn-Romantiker. Nein, gar nicht mal wegen Ökologie oder wegen der bequemen Arbeitsmöglichkeiten – wenn die Züge mal nicht überfüllt sind. Nein, mein Bezug zu Bahn und Bahnreisen ist viel grundsätzlicher, emotionaler Natur.

Das geht schon damit los, dass ich in Berg am Laim, in Hörweite des damals dort gelegenen Rangierbahnhofs aufgewachsen bin. Vor allem in der Stille der Nacht, wenn die jugendlichen, später pubertierenden Gedanken wirr herumschwebten, wurden sie dramatisch durch das eiserne Aufeinanderprallen der Puffer untermalt , wenn neue Güterzüge zusammengestellt wurden. Dazwischen gab es kurze, kryptische Ansagen per Lautsprecher an das Rangierpersonal. (Das war lange vor dem Mobilfunk.) Für mich war das bei allem technoiden Klang eine schöne, eine vertraute Geräuschkulisse, die zugleich Ferne, Technik, vor allem aber Abenteuer versprach.

Abenteuer am Bahndamm

Abenteuer vor allem deswegen, weil das Bahnareal und die in seiner Nachbarschaft gebaute Eisenbahnersiedlung für das brave Kleinbürgertum der Eigenheimsiedlung schlecht beleumundet war. Die gingen dort nicht in die Kirche, waren Sozis und auch sonst eher verdächtig. Kurzum: Es war die ideale Projektionsfläche für wilde Träume und spannende Phantasien junger Köpfe und Seelen. Und als dann noch ein frühreifes Mädchen aus der Nachbarschaft mit einem Jungen von dort durchbrannte und die Gerüchte erzählten, sie würden irgendwo in den aufgelassenen Bahngebäuden ein Lotterleben genießen, war die Bahnsiedlung endgültig ein sehnsüchtiges Abenteuerland.

Die Bahn war für mich zugleich auch immer Synonym für Aufbruch und Fremde. Wir hatten nie ein Auto, also fuhren wir immer mit der Bahn in Urlaub, vorzugsweise mit Liegewagen von Touropa und vorzugsweise nach Italien an die Adria. Und dieses Reisen war wirklich besonders: Dieser Rhythmus der Gleise, wenn der Zug fuhr, über dem man irgendwann einschlief mit der Aussicht, in der Fremde, im warmen, schönen Süden aufzuwachen. Diese traumhaften Momente der Schlaflosigkeit, wenn der Zug lange an der Grenze zu warten hatte und ins Abteil das kaltgelbe Licht der Sodium-Lampen fiel. Und natürlich hatte ich für meine Märklin-Anlage zwei solch schöne Personenwagen mit dem edlen Schriftzug der Touropa am Waggon.

Auch später in erwachsenen Jahren hat mich das Bahnfahren immer begeistert. Kaum woanders kann ich so intensiv, so konzentriert und inspiriert arbeiten wie in einem Zug, der durch die Nacht jagt. Unendliche Male habe ich das auf der Fahrt von Hamburg (aus dem Exil) nach München (in die Heimat)  erprobt – mit großem Erfolg.

Klammheimliche Freude

Und jetzt also Stuttgart. Ich gebe zu. Ich habe lange so etwas wie klammheimliche Freude empfunden über die Proteste in Stuttgart. Es ist immer eine kleine, vielleicht nicht sehr erwachsene, nicht sehr faire, aber sehr genugtuende Freude, wenn die Bürger nicht auf Rosstäuschereien der Politik hereinfallen. Und dass das in Stuttgart sogar bis in die ureigenste CDU-Klientel hineinreicht, war das Tüpfelchen auf dem „i“.

Spätestens seit dem Polizeieinsatz, bei dem es in Kampfmontur, mit Reizgas und den neuen, brutalen Wasserwerfern gegen Schüler und brave Bürger ging, ist es mit der Wurschtigkeit vorbei. Wenn man es nötig hat, mit solchen Mitteln eine Infrastrukturmaßnahme durchzusetzen, die doch eigentlich für die Bürger gedacht sein sollte, dann kann da etwas nicht stimmen.

Dieses Ereignis, die Kommentare der verantwortlichen Politiker im Nachhinein, die zu Publikumsbeschimpfungen gerieten, zeigen, dass es um viel, viel mehr als den Bau eines Bahnhofs geht. Hier eskaliert das Unbehagen, nein der Brechreiz der Bürger, auch gerade auch der der üblichen Protest-Klientel, an der Heuchelei und der Verlogenheit der etablierten Politik. Und die diversen TV-Diskussionen zeigen, dass den verantwortlichen Politikern ihre eigenen falschen Töne, ihre hohlen Phrasen und festgefahrenen Denkschemata gar nicht bewusst sind. Sonst würden sie sie ja nicht weiter so ungeniert perpetuieren.

Latente Wahrheiten

Die Widersprüche, einerseits Hunderte von Milliarden von Euros für die Spekulationen der Finanzmärkte zur Verfügung zu stellen und auf der anderen um fünf Euros für einen Hartz IV-Empfänger zu feilschen, sind eben – latent oder offen – jedem Bürger bewusst, nur scheinbar nicht denjenigen, die das zu verantworten haben: den Politikern. Sie kapieren auch nicht, was da los ist. Sie klammern sich schier verzweifelt an rationale Argumente für den Bahnhof. Zum einen sind diese selten wirklich überzeugend und zum anderen irrelevant, wenn das Projekt längst zur Projektionsfläche für ein Unbehagen, für Ängste und tief sitzende Verärgerung ist.

Und am schlimmsten macht die Sache die notorische Haltung als beleidigte Leberwurst. Alle Politiker der Bahnhofsbefürworter sind brüskiert, wie sich die Wähler, also der Volkssouverän, erdreistet, die sorgfältig ausgekungelten und durch die Instanzen klandestin verabschiedeten Beschlüsse einfach so in Frage zu stellen. Was erlauben Wahlvolk? Einfach so, ohne Vorwarnung, den Souverän spielen zu wollen, egal was das kostet? Das ist die schlimmste narzisstische Kränkung, die ein Politiker und seine Kaste erleben können.

Häutung der Gesellschaft

Das letzte Mal, als es den Autoritäten, den Politikern, den Wirtschaftsverbänden und Lobbyisten, also all denen, die gemeinhin das Sagen haben, die Sprache verschlagen hat, als sie nicht mehr mit dem Volk, das sie zu repräsentieren angetreten waren, funktionabel kommunizieren konnten, das waren die Jahre nach 1968 mit den positiven Folgen einer Runderneuerung der Gesellschaft und den fürchterlichen Folgen der bleiernen Jahre des Terrorismus. Eine neue Generation von Politikern schaffte es damals, wieder den Dialog mit den Bürgern zu eröffnen, ja im besten Fall sogar den Bürgern den Eindruck zu vermitteln, dass sie verstanden werden.

Müssen wir da jetzt  noch einmal durch? Es scheint so. Die Gesellschaft muss sich dringend wieder einmal häuten. Politiker wie Stefan Mappus sind dabei äußerst hilfreich…

iPad & Entschleunigung


PresseClubforum: iPad – gut oder schlecht  für Zeitungen?

Die aquarius consulting GmbH lud am 9. Juli in den Presseclub München. Thema der mehr als zweistündigen Diskussion: „Apples Mediengeschäft – gute oder schlechte Nachrichten für Zeitungsverleger?“ Das Ergebnis stand schon zu Anfang fest. Die anwesenden Verlagsmanager Rudolf Spindler (Süddeutsche Zeitung) und Jan Bayer (WELT Gruppe) waren sich in ihrer Hoffnung einig: Der iPad von Apple soll das Ende der Gratiskultur im Internet einläuten und den Einstieg in eine Bezahlkultur für Presse-Inhalte bringen.

Wolfgang Wallauer, Rudolf Spindler, Marc Ritter, Jan Bayer, Michael Geffken (v.l.n.r.)

Als kritischer Gegenpol für die iPad-Begeisterung der Verlagsmanager war zur Diskussion (Moderator: Marc Ritter, aquarius consulting) Michael Geffken von der Leipzig School of Media eingeladen – und dazu Wolfgang Wallauer, der Anzeigenchef vom Mobilfunker O2. Letzteres überraschte, weil doch gerade die Zugangsanbieter zum Internet, also auch zum iPad, (Anzeigen-)Budgets abgreifen, die die Inhalteanbieter zu deren Refinanzierung dringend benötigen würden.

Embryonale Phase

Viel Respekt gebühren Spindler und Bayer, weil sie sich so früh, noch ehe die ersten echten Erfahrungen gesammelt werden konnten, schon solch einer Runde stellten. Die Welt-Gruppe hat immerhin schon das erste iPad-App im Markt, wenn auch noch gratis im Probierangebot. Spannend wird, wieviele der vielleicht 50.000 Besitzer eines iPads (Stand Anfang Juli 2010) in Deutschland sich für ein kostenpflichtiges App entscheiden werden, wenn die embryonale Phase dieses Marktes vorbei ist.

Immerhin war man sich bei den Verlagsmanagern seltsam einig, dass man bald keine interessanten Inhalte mehr gratis im Online-Angebot bieten will. Hier droht wohl eine baldige inhaltliche Versteppung, die sich auf reine Allerwelt-News beschränken und die Premium-Inhalte kostenpflichtig verticken will. Zitat: „Exzeptionelles wird nicht mehr im Web (gratis) stehen.“

Auch die künstlich Klickzahlen generierenden Fotostrecken sind dann wohl out. Zitat Spindler: „Die Redakteure haben die Nase voll von Geblinke und Bildergalerien.“ – Man wäre also wohl bereit, auf Reichweite und IVW-Wettkämpfe zu verzichten. Hauptsache die Kasse stimmt.

Etwas erschreckend ist dann aber doch die Vision, wie die iPad-Apps inhaltlich gestaltet werden sollen:

  • Ohne alle Links nach außen – auf eigene oder andere Websites
  • Keine Einbindung in Communities und wohl auch ohne Kommentarfunktion
  • Volle Einbindung von Werbung (wer will in solch kleinen Zielgruppen werben?)
  • Lesestücke anstatt Multimedia-Environments

Virtuelle Entschleunigung

Wie so etwas erfolgreich sein soll, ohne all die Vorteile des Webs zu nutzen, ist zweifelhaft. Erschreckend auch die Begründung solch eines Isolationismus: Die Nutzer wollen angeblich Lesestücke mit einem Anfang und einem Ende. Angeblich sehnen sie sich danach, endlich wieder das Gefühl zu haben, etwas fertig gelesen zu haben, anstatt stets fürchten zu müssen, sich in der Unendlichkeit des Internets zu verlieren. Das firmiert dann als willkommene „Entschleunigung“ (Zitat Spindler & Bayer). Eine sehr virtuelle Entschleunigung, wenn man bedenkt, dass das Welt-App immerhin viermal am Tag aktualisiert wird.

Dankenswerterweise formulierte Michael Geffken klar Skepsis gegenüber solchem Denken. Er wünschte sich einen höheren Verarbeitungsgrad von Inhalten im App im Vergleich zur Printversion. Er forderte viel mehr Innovation in der Erstellung und Verarbeitung von Inhalten, journalistisch wie technisch. Vor allem aber klagte er mehr Experimentiertfreude ein.

Der wunde Punkt

Wie sehr dies der große wunde Punkt in der Zeitungs- und Zeitschriftenbranche ist, wurde allerseits zugegeben. Dass sich in den Verlagen vieles deutlich ändern muss, wurde ebenfalls gerne zugegeben. Und natürlich muss man erst Erfahrungen sammeln und die Chance haben, aus Fehlern zu lernen. Rudolf Spindler konzidierte auch, dass es erhebliche kulturelle Veränderungen in den Redaktionen und im Verlagsmanagement geben muss.

Diese Wahrheit ist aber so alt wie die Versuche der Zeitungen und Zeitschriften, im Internet Fuß zu fassen – und dort Geld zu verdienen. Und ebenso erfolglos blieben alle Versuche, weil immer versucht wurde, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. Immer wurde das Internet nur als neuer, billigerer Verbreitungsweg gesehen, nie – oder selten – als neue Plattform mit eigenen Gesetzen. Auch jetzt werden wohl nur Apps erfolgreich sein, die den für das Medium (jetzt iPad) adäquaten Mehrwert schaffen. Dieselben Zeitungen auf einem Bildschirm zu blättern, wie man es sonst mit Papier macht, kann keinen Sinn machen.

Aufbruchstimmung sieht anders aus

Wenn man aber Mehrwert schaffen will, muss man normalerweise auch mehr Aufwand betreiben. Nicht nur inhaltlich, sondern auch konzeptionell und technisch. Und das kostet. Außerdem haben Zeitungen und Zeitschriften hier bislang immer versagt. Der kleinlaute Verlust fast aller Rubrikenanzeigen (KfZ-, Immobilien-, Partnerschafts- & Stellenanzeigen) an Web-Anbieter zeigen das so schmerzhaft deutlich.

Michael Geffken brachte die Skepsis, die herkömmlichen Inhalteanbieter könnten mit einer grundsätzlichen neuen Kultur den Turnaround schaffen, auf den Punkt: „Ich bezweifel inzwischen, dass die großen Verlagshäuser die innere Fähigkeit des Wandels haben.“ – So beredt, so klug und einsichtig die Einlassungen der Verlagsbranche bei der Veranstaltung waren, so wenig überzeugten sie letztlich. Irgendwie beschleicht einen immer das Gefühl, dass hier das Web als Zumutung gesehen wird, das das Leben unnötigerweise schwer macht. Man hat nicht das Gefühl, dass die digitale Verbreitung als Chance für wirklich Neues (inhaltlich, technisch & vermarktungsbezogen) gesehen wird. iPad hin, iPad her.

Digital Regressives


Der Machtkampf zwischen Kapital und Digital

Es gibt sehr nette Menschen in dieser Welt. Peter Wippermann gehört fraglos dazu. Er hat nicht nur das Trendbüro Hamburg gegründet und das ZEIT-Magazin schöner gemacht, vor allem aber sorgt er mit seinen so passgenauen Trendanalysen dafür, die Gegenwartskultur und ihre Wandlungen besser zu verstehen. Außerdem ist er ein hervorragender Vortragsredner und Professor. Wir kennen uns u.a. aus der Jury des Multimedia Annuals.

Peter Wippermann

In seinem neuesten Artikel über „Flow.Control“ unterscheidet Peter Wippermann anlässlich des 15. Trendtags sehr treffend die diametral gegenüberstehenden Gruppen der „Digital Residents“, die Internet und Digitale Kultur genießen und wie selbstverständlich nutzen, und die „Digital Visitors“, die vom Internet zwangsbeglückten, die die Digitale Welt vielleicht noch zur eigenen Bequemlichkeit nutzen wollen, aber sich nicht mit den veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen einer Digitalen Welt anfreunden wollen.

Wie gesagt, Peter Wippermann ist ein netter Mensch. Denn statt Digital Visitors, hätte er die Gruppe der leise (bis laut) das Internet verfluchenden Menschen auch Digital Regressives nennen können. Zitat Wippermann: „Kontrollverlust macht ihnen Angst. Ihre Erfahrungen und Erfolge in der Industriekultur verlieren in der Netzwerkökonomie rapide an Wert. … Sie verstehen schwer, dass man Netzwerke nicht kontrollieren kann. Sie sind der Flaschenhals des technologischen Fortschritts.“

Der Flaschenhals hat das Sagen

Das nicht kleine Problem in unserer Gesellschaft ist nun, dass ausgerechnet der Flaschenhals das Sagen hat. Die Digital Regressives sind die Generation der Entscheider. Und sie haben auf dem Weg dorthin geschuftet und sicher auch gebuckelt, oder sagen wir: doofe Chefs aushalten müssen. Und jetzt soll der Aufwand ganz umsonst gewesen sein? Jetzt sollen die Gesetze der digitalen Netze gelten? Plötzlich sollen alle alten Regeln außer Kraft gesetzt sein? Jetzt soll nicht mehr von oben nach unten entschieden werden dürfen? Jetzt soll man Kunden pampern statt sie wie früher per TV-Spot zum Kauf von Pampers zu hypnotisieren?

Wie soll diese Entscheider-Generation sich für so etwas begeistern? Im Gegenteil. Statt wenigstens langsam in die digitale Gegenwart zu steuern, wird lieber kraftvoll gegen gehalten. Bis hin zur Regressivität halt. Perfekt auf den Punkt gebracht hat diese Haltung Eric Schmidt, CEO von Google, in einer Antwort auf eine Frage von Jeff Jarvis, dem Autoren von „Was würde Google tun“, wann denn die übrigen Branchen den Weg ins Digitale Business gehen würden wie Google es schon getan hat.

Veränderung ist Risiko

Eric Schmidt argumentiert, dass das große Geld, das Kapital und die Menschen, die darüber entscheiden, nicht in Richtung einer Digitalen Welt gehen und lieber traditionelle, also überkommene Methoden bevorzugen. Dafür konstruieren sie im Zusammenspiel mit den ebenso wenig an Änderungen interessierten politischen Entscheidern regulatorische Hürden, die Veränderungen schwierig bis fast unmöglich machen. Seine Begründung: Das große Kapital und die, die die Macht haben, scheuen jede Veränderung, weil diese stets Risiken für sie bergen. Sie können so nur verlieren, nicht gewinnen.

Das Worst Case-Szenario für die Zukunft ist daher ein Kampf der Digitalen Kultur mit seinen niedrigen Hierarchien, mit seiner Macht der Netzwerke und ihrer Millionen, ja Milliarden von Mitgliedern und seinen ungeregelten Freiheiten einerseits und den Digital Regressives mit ihrer Macht, dem Zugang zu denen, die die Regeln machen und dem großen Geld andererseits.

Eine Folge von Krisen und Desastern

Das hieße, dass es ein zäher und schmerzvoller Prozess auf dem Weg zu einer Digitalen Welt wird, der sich in einer immer dichter werdenden Folge von disruptiven Ereignissen, also von Krisen, Katastrophen, Zusammenbrüchen und Desastern darstellen wird. Firmen werden so lange alte Strukturen zu verteidigen suchen, so lange noch auf herkömmliche Weise Geld zu verdienen ist. Zur Tarnung – und zur Verlängerung dieser Frist wird man sich digital geben, ohne es wirklich zu sein.

Diese Auseinandersetzung erleben wir schon heute permanent. Die seltsamen Änderungen der Datenschutzrichtlinien bei Facebook, das ist nicht zuletzt ein Kotau vor den alten Regeln der manipulativen Werbung. Das beruhigt die Geldgeber und Investoren und ihr digital regressives Denken. Die Aktionen einer Verbraucherministerin Aigner, die passen hier genauso gut ins Muster. Und wir werden noch viele ähnliche – traurige – Episoden gleicher Machart erleben.

Die Alternative dazu wäre die Einsicht, dass sich Dinge irgendwann ändern werden, unaufhaltsam. Spätestens dann, wenn die Digital Natives das Sagen haben. (Das dauert aber noch.) Vielleicht werden sich die Digital Natives auch viel besser an die schnelle Folge von Krisen und Desastern gewöhnen – und mental damit relativ problemlos klar kommen. Besser als die Visitors mit ihrer analogen, hierarchischen Denke.

Digital Assimilates

Und ob nun aus besserer Einsicht oder notgedrungen, am Ende werden die Digital Visitors ihre Aversion und Allergie gegen das Internet und die Digitalität aufgeben und die neue Offenheit, die neue Geschwindigkeit und die neuen egalitäreren Machtverhältnisse lernen (müssen). Wenn das Geld keine Chance mehr hat, sich erfolgreich an Überkommenes zu klammern und sich so zu mehren, spätestens dann wird ein Wechsel denkbar, weil nötig.

Dann werden aus den Visitors zwar keine Digital Natives, sondern bestenfalls Digital Assimilates. Aber spätestens dann könnte sich dann auch das große Geld an die neue digitale Welt gewohnt haben. Denn dann birgt sich hier kein Risiko mehr.

Die digitale Privatsphäre


Facebook kann nicht digital

Jetzt werden die Privacy-Einstellungen von Facebook nun doch wieder entschärft bzw. userfreundlicher gemacht. Der laute Protest der Facebookgemeinde ist gehört worden. Vermeintlich. Ich habe aber leider schwer den Verdacht, dass Mark Zuckermann nur bis zur nächstnötigen Position zurückgerudert ist. Nur was nicht durchsetzbar war, wird zurückgenommen. Von Einsicht, wie unklug und unangebracht die Ausweitung der Privatsphäre bei Facebook ist, keine Spur. Man muss sich nur Zuckerbergs Videobotschaft ansehen, so uncharmant, emotionslos und unengagiert.

Aber der Reihe nach. Ich bin der Meinung, dass die Aufregung über den Schutz der Privatsphäre in Europa und Deutschland absurd und hysterisch ist. Ängste über möglichen und vermeintlichen Missbrauchs privater Daten werden unverantwortlich angeheizt. Sie werden uns vor allem durch die Massenmedien (inkl. dem Verweis auf unsere spezielle Historie samt Nazi-Medien-Diktatur) antrainiert. Das ist ein Reflex auf alte negative Erfahrungen. (Ja, auch ich war gegen Volkszählungen!) Aber es ist auch einer der Abwehrreflexe der alten Massenmedien gegen die neue digitale Medienwelt.

Ich bin mir sicher, dass wir auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft den Großteil unserer Bedenken, möglichst viele Details unseres Lebens der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, verlieren werden. Digital Natives kennen solche Vorbehalte gar nicht. Sie genießen die Vorteile einer digitalen Offenheit in den Sozialen Netzen und den Mobilen Medien viel zu sehr. Wer bitteschön glaubt denn, dass eine Firma mit echtem Zukunftspotential das Internet nach Fotos durchforsten wird, die Bewerber in spätpubertärer Trunkenheit zeigen. Oder anders gefragt: Wer will bei solch einer Firma ernsthaft als junger Mensch mit Ambition arbeiten?

Im Zweifel die kleinere Menge

Das alles ändert aber nichts daran, dass es reichlich Menschen gibt, die nur allzu gerne Informationen über andere Menschen, die sie aus dem Internet gewinnen können, missbrauchen. Ob das gewöhnliche Perfidie ist, enttäuschte Liebe, Neid, Missgunst, Depression oder was immer die menschliche Psyche an Abgründen bereit hält. Daher geht es auf dem Weg von der analogen zur digitalen Gesellschaft vor allem darum, dass jeder selbst bestimmen kann, welcher Öffentlichkeit er welche Informationen zur Verfügung stellt. Das sollte nicht nur einfach zu regeln sein – das leistet Facebook nun wohl. Oberstes Prinzip aber sollte sein, dass im Zweifel immer die kleinst mögliche Gruppe persönliche Infos zur Ansicht bekommen, anstatt eine vom Betreiber definierte Menge von Menschen.

Mein Verdacht ist, dass die Privacy-Einstellungen bei Facebook verändert worden sind, um mögliche rechtliche Komplikationen  zu vermeiden. Wenn die Facebook-Verantwortlichen Werbetreibenden sehr granulare Zielgruppen vermitteln, müssen sie wohl rechtlich dafür sorgen, dass dem möglichst wenig Einschränkungen von Usern im Wege stehen. Daher die Default-Einstellung, dass im Zweifel die Privacy-Einstellungen möglichst lax sind.

Das zentrale Problem ist, dass Facebook bei seinem Versuch, seine exorbitante Reichweite endlich monetarisieren zu können, sehr konventionell, sehr altmodisch, ja analog zu Werke geht. Es wird nicht versucht, ein Marketingmodell der Zukunft zu schaffen, sondern es werden Werbetreibenden wie einst schon beim TV Zielgruppen zur Verfügung gestellt. Das einzig Digitale daran ist, dass diese Zielgruppen bei Facebook aufgrund der verfügbaren Daten (Ort, Ausbildung, Beruf, Interessen etc. etc.) extrem granular angeboten werden können.

Bisher ist der Ansatz der werblichen Kommunikation, die Facebook Kunden anbietet, überholt. Da hat Google einst mit der Erfindung der Google Ads inhaltlich und konzeptionell weit eher Neuland betreten, ebenso mit seinem AdSense-Vermarktungsmodell. Ähnlich Innovatives hat Facebook bisher nicht zu bieten.

Kommerzielle Kommunikation der Zukunft

Der Ausweg für Facebook wäre, dass das Unternehmen zu Ende denkt, wie eine akzeptable werbliche Kommunikation in einer digitalen Zukunft aussehen könnte. Hierzu einige Anregungen:

  • Kommerzielle Kommunikation darf in Zukunft nicht mehr von oben herab verordnet werden.
  • Es darf künftig nur mehr auf gleicher Augenhöhe kommuniziert werden.
  • Werbung darf nie mehr manipulativ sein.
  • Kommerzielle Kommunikation darf den Konsumenten nicht mehr ohne Konsens zugemutet werden.
  • Kommerzielle Kommunikation muss in Zukunft realen Mehrwert bringen.
  • Kommerzielle Kommunikation muss – dank Personalisierung – individuell ansprechen.
  • Kommerzielle Kommunikation wird in Zukunft völlig anders aussehen als konventionelle Werbung heute.
  • Kommerzielle Kommunikation könnte durchaus auf den Prinzipien von Social Networks funktionieren.
  • Die wirkungsvollste Werbung sind Empfehlungen von Freunden.
  • Märkte sind Gespräche – so das Cluetrain Manifest. Warum also dann nicht eine neue kommerzielle Gesprächskultur?
  • Wir wollen weiter kaufen und konsumieren, aber selbstbestimmt.
  • Aber weiter dürfen – und sollen – Faszination, Magie und Kreativität von Produkten, Services und Ideen kommuniziert werden.

Und für Facebook müsste das heißen:

  • Facebook müsste der oberste Advokat seiner Kunden sein, dass die kommerzielle Kommunikation im größten Sozialen Netzwerk der Welt in die Zukunft weist.
  • Facebook müsste treibende Kraft der Ideenfindung für eine sinnvolle und akzeptable kommerzielle Kommunikation der Zukunft sein.
  • Facebook müsste dabei neue Ideen und neue Konzepte im Gespräch und im Konsens mit seinen Mitgliedern suchen – und finden.
  • Das Prinzip Ordre de Mufti (hier: Zuckerberg) muss ein für alle Mal abgeschafft sein.

Paid Content (4) The Future


Google kümmert sich um Journalismus

Nun bekommt meine Reihe doch noch – unerwartet – eine vierte Folge. Die Frage , wie man mit journalistischen Inhalten noch Geld verdienen kann, treibt viele Menschen um, und nicht nur in Print-Redaktionen. Zwei Artikel verdienen zu dem Thema Aufmerksamkeit. Da ist zum einen der Artikel von Wolfgang Blau, dem Chefredakteur von Zeit Online, in der Süddeutschen Zeitung, der das Dilemma der deutschen Medienhäuser perfekt auf den Punkt bringt: „Dem Journalismus geht es erstaunlich gut. Ja, die wirtschaftliche Zukunft vieler Zeitungshäuser ist ungewiss. Ja, auch die meisten online-journalistischen Angebote arbeiten noch nicht einmal kostendeckend und niemand kann mit Sicherheit sagen, welches journalistische Geschäftsmodell in Zukunft tragfähig sein wird. Dennoch erlebt der Journalismus gerade seinen größten Entwicklungssprung seit Erfindung des Rundfunks.“

Wolfgang Blau, Chefredakteur Zeit Online

Blau prangert – zu Recht – die Wehleidigkeit der (Print-)Redaktionen an und deren Unwillen, sich mit Social Media und der Masse der Blogger und deren eben in großer Breite auch professionellem Journalismus auseinanderzusetzen: „Es ist schon ein erstaunliches Paradoxon, dass viele von uns die Fähigkeit zur Analyse und zur Kommunikation für Kernkompetenzen ihrer Profession halten, gleichzeitig aber bei der Analyse ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit und bei der direkten Kommunikation mit ihren Lesern so große Defizite zeigen.“

Erfrischend ist der fundamentale Zukunftsoptimismus von Blau: „Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen.“ In seinem lesenswerten Essay, in dem er u. a. den Guardian oder die BBC als Vorbilder erwähnt und auf die unglaublichen Potentiale im öffentlich-rechtlichen System Deutschlands hinweist, bleibt er allein einen tragfähigen Ansatz schuldig, wie Journalismus nötiges Geld verdienen könnte.

How to Save the News

Dieses Versäumnis holt dafür in einer ebenso ausführlichen wie eindrucksvollen Art das renommierte amerikanische Magazin „The Atlantic“ in seiner Online-Ausgabe nach. „How to Save the News“ beschäftigt sich hauptsächlich mit den Bemühungen von Google, den Qualitäts-Journalismus am Leben zu erhalten.

Das Interesse von Google an guten News, an fundierten Stories und einer funktionierenden Kontrolle staatlicher und wirtschaftlicher Macht ist nicht irgendwelcher philantropischer Natur. Nein, dahinter stecken veritable wirtschaftliche Interessen. Google und seine Suche – und seine News-Sektion iGoogle – sind immer nur so gut, wie es genügend gute, professionelle und interessante Artikel gibt, auf die Google linken kann. Deshalb beschäftigt sich eine ganze Abteilung bei Google – und auch Googles CEO Eric Schmidt – mit der Frage, wie man gute journalistische Qualität monetarisieren kann.

Eric Schmidt, CEO Google

Eric Schmidt wird in dem Artikel mit der prägnanten Erkenntnis zitiert: „Ich sehe, wie parallel zu sinkenden Zeitungsauflagen die Online-Leserschaft dramatisch wächst. (…) Die Zeitungen haben nicht das Problem mangelnder Nachfrage. Ihr Problem ist ihr Business-Modell.“ Wie recht er hat. Die entsprechenden Fakten für diese Behauptung liefert „The Atlantic“ in einer unglaublich umfangreichen Zahlendokumentation, die dem Artikel beigefügt ist. Nur 15 % der Kosten der Medienhäuser werden für den Journalismus selbst investiert. (Und das ist vielleicht noch nicht einmal alles höchste Qualität, was da produziert wird?) Wenn man noch nötige Verwaltung und Marketing dazu zählt, sind es höchstens ein Drittel der Kosten, die für den Journalismus selbst aufgewendet werden.

News waren nie rentabel

Der größte Teil der Kosten geht bei Zeitungen für Papier, Druck und Distributionskosten drauf. Der Artikel schildert sehr eindrucksvoll, wie absurd die Idee in einer Zeit kompletter digitaler Komplettvernetzung ist, eine krude Mischung unterschiedlichster Inhalte plus Werbung auf gedrucktem Papier auszuliefern. Das Business-Problem aber ist, dass sich News und Qualitätsjournalismus nie per se gerechnet haben. Sie waren nur die Attraktionen, die Menschen dazu bewegt haben, eine dicke Masse an bedrucktem Papier zu kaufen. (Wer erinnert sich noch an die Kilo Papier einer Wochenendausgabe vor zehn Jahren?)

Die News wurden damals von Erlösen aus Rubrikenanzeigen (Kfz, Immobilien, Jobanzeigen etc.) und von anderen Anzeigen subventioniert. Seit die Medienhäuser all das ans Internet verloren haben (aus eigener Schuld!), haben sie 30 bis 50 % des Umsatzes verloren. Da liegt das Kernproblem: In Internet funktioniert das Bundling nicht mehr. Jede einzelne Nachricht, jeder Artikel muss sozusagen in Eigenregie sein Geld verdienen. Es kann nicht mehr quersubventioniert werden. Und die Nutzer sind nicht bereit, für Dinge zu bezahlen (wenn überhaupt), die sie gar nicht nutzen und nicht wollen. Zur gleichen Zeit zahlen die deutschen Mediennutzer aber klaglos jährlich 7,4 Milliarden Euro, wie Wolfgang Blau sehr richtig hinweist, als GEZ-Gebühren für offentlich-rechtliche Medien!

Intelligente Zahlmodelle

Google versucht nun, in seinen Laboratorien Konzepte zu entwickeln, wie ein Bezahlmodell in Zukunft aussehen könnte. Erste Prämisse wäre natürlich, die Druckkosten einzusparen. Dafür sind wir nur noch ganz wenige Entwicklungszyklen von elektronischen Lesegeräten entfernt. (Nein der iPad ist auch noch nicht die Lösung!) Aber in fünf, spätestens zehn Jahren könnte es soweit sein, dass News und Stories auf digitalen Geräten nicht nur lesbar sind, sondern sogar mehr Lesespaß bereiten als heute Papierversionen. (Da wird das iPad den Weg dafür bereiten!)

Das allein löst aber nicht das Problem. Der Ansatz von Google geht da weiter. Eine Richtung ist, Werbung intelligenter zu machen und neue Plattformen zu schaffen, die gute Inhalte mit passenden Anzeigen kommerziell ertragreicher machen. AdSense ist hier nur ein erster Schritt. Man stelle sich nur anstatt von Fünfzeilern wie bei AdSense Videos, optische Explorationsabenteuer oder AudioFiles etc. vor, die Firmen inhaltsadäquat zu Geschichten platzieren und die die Story besser und vielschichtiger machen. Dazu müssten sich aber das gängigen Werbebusiness komplett umstellen und Werbung vor allem anders vermarktet werden. Google ist da schon dran.

Eine andere Option wären Micropayment-Systeme, die Artikel – oder Abonnements (etwa von intelligenten Angebotsplattformen – Glam.com ist da nur ein erster Schritt) fair, einfach und kostentransparent funktionieren ließen. Auch in diese Richtung denkt Google.

Google muss es richten

Traurig eigentlich, dass Medienhäusern von außen geholfen werden muss. Aber diese haben in den letzten 15 Jahren ja eindrucksvoll bewiesen, wie wenig sie mit digitaler Intelligenz umgehen können. Ihr Versäumnis haben erst Multis wie Yahoo, Google, Facebook oder Twitter möglich gemacht. Alles eigentlich einfache Konzepte, die hätte man nur mutig finanzieren müssen in Zeiten, als noch super verdient wurde. Aber da hat man das Geld lieber für TV-Experimente und dicke Dividenden ausgegeben (manchmal auch für saftige Honorare). Und jetzt muss es Google richten…

Paid Content (3)


Wie sich mit Inhalten im Netz in Zukunft Geld verdienen lässt

Nachdem ich in Folge Eins von „Paid Content“ das Trendumfeld beschrieben habe, das der Idee, vom Nutzer Geld für Inhalte zu verlangen, entgegen steht und in Folge Zwei die Gratis-Konkurrenz und die strategischen Widersprüche zu Bezahlinhalten analysiert habe, geht es jetzt in Folge Drei darum, wie mit Inhalten Geld zu verdienen wäre, ohne beim Nutzer abzukassieren. (Die Slides zum Vortrag auf der Internet World finden sich hier.)

Ich sehe fünf Optionen für ein Content-Business der Zukunft.

  1. 1. Promotion: Das erste Modell ist sozusagen das „Worst Case“-Modell. (Dann haben wir es hinter uns.) Wenn die Print-Produzenten den Anschluss an die Digitale Welt (beispielsweise durch Einführung von Bezahlschranken) verlieren, droht den Content-Produzenten ein Bedeutungsverlust, wie es vergleichsweise die Radiobranche erlebt hat. Alle Lifestyle-Magazine und Belanglos-Medien könnten dann in der unerfreulichen Endlos-Schleife von Publikums-Marketing, Reisen- und Event-Promototionen und Publikums-Animateuren enden. Sie wären dann die Content-Äqivalente von Home-Shopping-Kanälen und Kaufhaus-Promotoren, die Wunderhaushaltsgeräte verkaufen. Sie wären dazu verurteilt, ihr Geld mit marktschreierischen Aktivitäten und der Promotion und dem Verkauf von Events, Reisen, Produkten, Sondereditionen und dergleichen zu verdienen.
  2. Nische: So schlimm muss es nicht kommen. Für alle Medien ist immer die Option offen, Geld in Nischen zu verdienen. Mit General Interest-Themen (gratis!) wird für Traffic und Attention gesorgt, in den Nischen von Special Interest, Wissen, Spezial-Datenbanken, aber auch in den Bereichen Personal Coaching, Luxus, Style und Attitüde werden dann – möglicherweise auch per Abo-, Club- oder Exklusiv-Modellen – die nötigen Renditen erzielt. Das Luxus-Netzwerk „A Small World“ macht es vor. Je besser, exklusiver und optimal maßgeschneidert die Inhalte hier sind, desto eher lässt sich damit auch in Zukunft Geld verdienen. Aber sicher eher aus der Haltung eines Personal Coach (Concierge-Service) als eines Besserwissers heraus.
  3. Corporate: Je mehr Firmen entdecken, dass es Sinn macht, Kunden mittels qualitativen Inhalten an sich zu binden (und dabei nebenbei positive SEO-Effekte zu erzielen), können Medienhäuser mit passgenau für diese Firmen, ihr Markenimage und deren Positionierung produzierten Inhalten Geld verdienen. Sie müssen nur Abschied nehmen von dem Irrglauben, alte, beliebige und lieblos produzierte Artikel, schlimmstenfalls aus der Print-Produktion, hier noch einmal zu Mondpreisen verkaufen zu wollen. Sie werden hier reine Zulieferer sein. Alle Ambitionen auch noch in der Vermarktung tätig sein zu wollen, gehen in die Irre. Die Firmen brauchen Content-Profis, die nämlich fehlen durchweg selbst in großen Konzernen. Das muss outgesourced werden. Marketing und CRM können die meisten Firmen selbst – und meist besser als Medienhäuser.
  4. Funding: Wenn es um wirklich gute Medienmarken und Spitzenjournalismus geht, ist mir um die Bezahlung nicht bange. Es wird in absehbarer Zeit immer genug Menschen geben, die bereitwillig hervorragende Analysen, kompetente Kommentare und guten investigativen Journalismus zu bezahlen bereit sind. Das muss nicht in einer penetranten Bettelei à la „taz“ enden. Wikipedia zeigt, dass man so etwas auch ganz cool, kooperativ und beeindruckend erfolgreich durchziehen kann. Die Idee, ein bequemes System freiwilliger Zahlung zu installieren, das Blogger wie Content-Profis nutzen können, ist in diesem Zusammenhang bestechend. Mal sehen, ob dieser Ansatz, den Peter Sunde (Bittorrent) mit flattr.com verfolgt, in die richtige Richtung geht. Möglich auch, dass Stiftungen (wie schon in den USA üblich) oder Verbände in Sachen Crowd-Funding aktiv werden. Sieht man die Intelligenz, mit der professionelle Spendenorganisationen im Digitalen Raum agieren und die daraus resultierenden finanziellen Erfolge, kann Funding, also eine freiwillige Zahlung, ein funktionierendes Businessmodell sein. Qualität und Nutzernähe vorausgesetzt.
  5. Payment: Mit einem Paradox hat diese Auseinandersetzung über Paid Content begonnen. Ein Paradox steht auch am Ende. Trotz der vielen Argumente gegen Bezahlschranken für Content ist es durchaus denkbar, dass es (genug) Menschen gibt, die bereit sind, für starke Medienmarken und erstklassige Inhalte Geld auszugeben. Vor allem die Generation, die gewohnt ist, Abogebühren zu zahlen, um dann – größtenteils ungelesenes – Papier an die Haustüre geliefert zu bekommen, sind dafür möglicherweise zu gewinnen. Voraussetzung dafür sind aber extrem bequeme und einfach zu bedienende (Micro-)Payment-Systeme und eine smarte und sensible Preispolitik.

Eines aber ist absehbar. Das alte Businessmodell der großen Medienhäuser und Content-Produzenten ist tot. Einzig auf Anzeigen-Income (inkl. Kleinanzeigen) und Verkaufserlöse zu setzen, kann nicht mehr funktionieren. Das hat keinerlei Perspektive. Wahrscheinlicher ist statt diesem simplen ein komplexeres Businessmodell, dass sich stets an den Markt anpasst und konsequent kreativ weiterentwickelt wird.

Statt zwei starker Income-Zuflüsse muss ein Businessmodell ein sich stetig änderndes Delta verschiedener, unterschiedlichster Umsatz-Generatoren managen. Folgende Optionen sind dabei heute absehbar:

  • Werbung (AdSense, Banner, Video etc.)
  • Promotion (PR, Advertoials etc.)
  • Sponsored Content
  • Corporate Publishing
  • Social Enthusiasm (Kollaboratives Marketing der Zukunft)
  • eCommerce (Shops & Sales)
  • Targetting (Kunden-Akquise)
  • Reputation (Kunden-Betreuung)
  • Content Aggregation
  • Beratungs-Services
  • Public Funding/Crowdfunding (Spenden & Co.)
  • Clubs & Services (Content & more)
  • Special Interest Content (Abo o.a.)

So vielfältig die Möglichkeiten der Umsatzgenerierung heute schon sind, sie werden noch weiter diversifizieren. Der digitale Markt entwickelt sich weiterhin extrem dynamisch und durch die Effekte der Social Media entwickelt er sich weiter in Richtung Kooperation und Kollaboration . Marketing, wie bisher praktiziert, also manipulativ und „von oben herab“, kann nicht mehr funktionieren. Damit auch nicht mehr wie gehabt die bisherigen Werbeformen und die bisherigen Werbeplattformen, also Print und TV.

Die Osmose von Werbung, Marketing und Promotion hin zu einem weniger hierarchischen, kollaborativen Element wird auch die Umsatzmöglichkeiten einschneidend verändern. Da gilt es, kreative Ideen zu haben – vor allem aber von alten Vorstellungen und alten Methoden Abschied zu nehmen. Unter anderem von der Idee, für Content Geld vom Nutzer kassieren zu können. (Und ganz nebenbei: Es würde dabei nie genug dabei herumkommen, um die Kosten für guten Content auch nur ansatzweise zu decken.)

Paid Content (2)


Warum das Kassieren für Inhalte beim Nutzer nicht klappen kann 

Nachdem ich in Folge Eins das Trendumfeld geschildert habe, das der Idee eines Paid Content entgegensteht und ein wenig gegen die übliche sentimentale Art polemisiert habe, warum der Leser zur Kasse gebeten werden muss, – wg. Rettung des Journalismus und damit des Abendlandes – will ich hier im zweiten Teil meines Kurzvortrages auf der Internet World am 14. April in München erläutern, warum es praktisch nicht funktionieren kann, die Nutzer im Netz für Inhalte abzukassieren.

Unstrittig in der Diskussion über Paid Content ist, dass letztlich der Markt der Informationen und Meinungen darüber entscheidet, ob man für Inhalte Geld verlangen kann – und eventuell wie viel. Der Markt aber spricht deutlich gegen die Option, Bezahlinhalte verkaufen zu können. Der Markt ist von einem Überangebot geprägt und einer breiten Masse von Gratis-Angeboten, auch hochqualitativen.

Es existiert ein eindeutiger Überfluss an Content. Das gilt schon für den deutschen Markt, obwohl hier die Blogger-Szene immer noch in den Kinderschuhen steckt. Aber international ist das Angebot unglaublich dicht. Und wer eine Fremdsprache nicht so gut beherrscht, dass er mit Genuss Inhalte in diesem Idiom lesen kann, für den stehen heute schon halbwegs taugliche Übersetzungstools zur Verfügung. In absehbarer Zeit werden diese noch besser werden. Dann könnten sie auch für asiatische Sprachen funktionieren. (Inzwischen ist die im Internet häufigst genutzte Sprache nicht mehr Englisch, sondern Chinesisch!)

Die Blogosphäre wird in den nächsten Jahren noch massiv wachsen. Wer einmal erlebt hat, wie befruchtend es ist, im Internet aktiv zu werden, reduziert schleunigst seine passive Mediennutzung (TV & Co.). Nicht zuletzt sorgen die Verlage mit ihren Entlassungen für reichlich Nachschub an potentiellen Konkurrenten im Content-Markt. Warum sollte nicht ein entlassener Lokalreporter in Hamburg, wo gerade die lokalen Inhalte des Hamburger Abendblattes hinter einer Zahlschranke versperrt sind, erfolgreich einen Gratisservice an lokalen Nachrichten bieten? (Frage: Warum beharren Verlage auf ihrem – überholten – Businessmodell, verlangen aber wie selbstverständlich von ihren Mitarbeitern, wenn sie sie entlassen, dass sie sich flugs ein neues schaffen?)

Corporate Content

Der nächste, mächtige Anbieter von kostenlosen, attraktiven Content-Angeboten werden Firmen und Marken sein. Immer mehr Unternehmen investieren in ihre Sites nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Es fällt ja auf, dass die Einsparungen durch die Reduktion von Print- und TV-Werbung nicht adäquat der Online-Werbung zugute gekommen sind. Neben Einsparungen im Marketing-Budget haben dafür nicht zuletzt die Investitionen der Firmen in die eigene Internet-Präsenz – und zunehmend auch in Social Media-Aktivitäten – gesorgt.

Die großen Verlage haben diesen Markt längst erkannt und eigene Corporate Publishing-Abteilungen oder gemeinsam Content-Plattformen gegründet, die Inhalte für Firmen produzieren oder Inhalte lizensieren. Neue Lizensierungs-Plattformen wie etwa Contilla werden die Vermarktung von Inhalten an Firmen und zur inhaltlichen Aufbesserung von Marken-Sites noch leichter und selbstverständlicher machen. Die Firmen haben erkannt, dass sie ihre Kunden mit eigenen Inhalten an sich binden müssen, da sie sonst den direkten Kontakt zu den Kunden an die großen Vermarkter wie Google oder die großen eShops wie Amazon verlieren. Disintermediation nennt man dieses Marken und Vermarkter bedrohende Phänomen, das durch Corporate Content abgefangen werden kann.

Ein weiterer, ernst zu nehmender Konkurrent im Content-Markt werden in Zukunft Content-Aggregatoren wie iGoogle, vor allem aber sehr erfolgreiche, weil zielgruppen-orientierte Content-Konglomerate wie Glam.com (für Fraueninhalte) sein. Hier werden die interessantesten Inhalte aus professionellen Sites und Blogs (Text, Foto, Video) perfekt aufbereitet und vermarktet. Hier lassen sich noch viele weitere Aggregatoren-Projekte für die unterschiedlichsten Zielgruppen denken: Männer, Tourismus, Finanzen, Technik, Gesundheit, Wissen etc. – bis hinunter in kleine Themen-Nischen.

Attention Business

Wir sind heute nicht mehr im News- oder Informationsbusiness. Es geht nicht mehr darum, die Versorgung der Massen mit einem raren Gut (von oben herab) sicher zu stellen. Heute geht es darum, ein Überangebot an Nachrichten, Ideen, Informationen, Meinungen und Einsichten an den Mann oder die Frau zu bringen. Nicht mehr Supply ist das Thema, sondern die Erzeugung von Demand. Das geht nur, indem man Attention für sein Produkt, und sei es Content, schafft. Das geht nur, indem man immer neue Ware möglichst zeitgemäß auf den Markt bringt, und wenn das noch exklusiv ist (und damit für Momente knapp zu halten), um so besser.

Aber um dann Attention zu ernten muss man sehr offene Systeme haben, muss viel Traffic, also ein hohes Initial-Interesse, haben und dann auf die Verbreitung durch die User (Crowd-Marketing) hoffen. Durch Bezahlschranken aber schneidet man sich von der Attention-Option ab. Dann wird man nie die vollen Verbreitungsmöglichkeiten ausschöpfen. (Und das für ein paar Content-Nutscherl, wie man lausige Pennies in Bayern nennt.)

Eine weitere heftige Konkurrenz erwächst den etablierten Medien durch die neuen Realtime Medien wie Twitter & Co. Hier werden Neuigkeiten so brandaktuell verbreitet, wie kein News-Provider es leisten kann. Dasselbe gilt für aktuelle Zeitgeistströmungen, Themenmoden und Gesellschafts-Hysterien. Die sind hier einfach herauszulesen und gleich mit Inhalten und Beispielen belegt. Da können Magazine hinterher hecheln. Und auch die Inhalte einer Gegenöffentlichkeit sind hier besser und schneller zu finden als in gängigen Medien. Wer während des letzten Präsidentenwahlkampfes in den USA den Twitter-Stream zu beiden Kandidaten mitverfolgt hat (nicht leicht bei der Postingdichte von bis zu 3 Tweets pro Sekunde), konnte hier Themen und Informationen entdecken, die es nie bis in die offizielle Berichterstattung geschafft haben, aber dafür um so interessanter – und wohl auch meinungsbildender waren.

Die Nachteile der Bezahlschranke

Die Nachteile, wenn ein Inhalte-Anbieter für seinen Content Geld vom Nutzer verlangt sind mannigfaltig:

  • Der verringerte Traffic hinter einer Bezahlschranke führt zu geringeren Werbeeinnahmen. (Egal wie lausig sie sein mögen.)
  • Der Verlust von Traffic bedeutet immer auch Verlust von Attention. Das Ansehen und die Kompetenz der jeweiligen Medienmarke wird so auf alle Fälle leiden.
  • Zudem begibt man sich hinter Bezahlschranken in eine selbst gewählte Isolation. Die offene Diskussion der jeweiligen Inhalte wird so verhindert (kein Mensch linkt auf Bezahlinhalte) und auch das Feedback und die damit mögliche inhaltliche Weiterentwicklung, etwa das Weiterspinnen einer Geschichte dank User-Inputs, wird so unmöglich gemacht.
  • Damit verzichtet man durch Paid Content auf alle Networking-Effekte, also auch auf den Gratis-Input und auf die Unterstützung mittels User Generated Content (und dessen hervorragenden SEO-Effekte).
  • Man provoziert durch Artikel-Gebühren neue Gratis-Konkurrenzangebote von Bloggern, Firmen, Werbetreibenden und sogar administrativen Stellen (Kommunen etc.).
  • Außerdem ist man nie vor Copycat-Effekten geschützt. Die Inhalte hinter Bezahlmauern finden immer allzu rasch den Weg in die Gratis-Medienwelt, ohne dass man viel dagegen machen kann, solange nicht nur Paste&Copy praktiziert wird.
  • Durch die geringere Nachfrage nach Bezahlinhalten verliert man auch eine Vielzahl von Kundenbeziehungen, die in der Attention-Wirtschaft das höchste Gut sind.
  • Generell ist die Bereitschaft von Usern, für Inhalte zu bezahlen äußerst gering. Die Zahlen der Bereitschaft für Content Geld zu berappen pendelt zwischen 5  % und 30 % (wobei letztere wohl eher euphemistisch zu nennen ist). Und je jünger das anvisierte Publikum, desto geringer ist die Zahlwilligkeit.
  • Die Idee der Bezahlung von einzelnen Inhalten oder auch Abo-Modelle sind der Versuch, das alte Businessmodell der Presse irgendwie in die Neuzeit zu retten. – Vielleicht ist es auch nur ein letzter Versuch, in älteren, zahlungsbereiten Lesergruppen noch letztes mögliches Entgelt abzukassieren. Retten können solche Gelder die Medienhäuser nicht. Denn deren größten Renditebringer, die Kleinanzeigen (vor allem KfZ) und Stellenanzeigen, sind längst unwiederbringlich an das Internet verloren gegangen. Nicht zuletzt, weil es die Verleger bzw. die großen Medienkonzerne versäumt hatten, selbst solche Plattformen ins Leben zu rufen bzw. zu kaufen.
  • Auf alle Fälle hat Paid Content keinerlei Zukunftsperspektive. Dafür ist die Entwicklung im Digitalen Raum zu vehement, zu schnell und zu unerbittlich. Je mehr Menschen das Internet in ihren Alltag integrieren und die jungen Digital Natives die Pace in Richtung einer Digitalen (Gratis!-)Kultur vorgeben, desto mehr werden Medien, die meinen, für Allerweltsnachrichten und -Informationen Geld verlangen zu können, der Vergangenheit angehören.

Aber keine Sorge. Medien wird es auch weiterhin geben. Im dritten Teil von „Paid Content“ werde ich skizzieren, wie Medien auch in Zukunft das für ihr Überleben nötige Geld verdienen können. Nicht mehr mit so simplen Businessmodellen wie bisher, sondern mit komplexeren, vielschichtigeren – und vielleicht auch etwas weniger lukrativen.

Paid Content (1)


Warum es keinen Sinn macht, Nutzer im Netz zur Kasse zu bitten  

Das war der Titel meiner kurzen Intro-Präsentation zur Diskussion zum Thema „Paid Content“ heute auf der Internet World in München. Moderator Michael Geffken (VDZ Zeitschriften Akademie/Leipzig School of Media) hatte dazu Christoph Keese, den Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG, René Kühn, den Geschäftsführer der Contilla GmbH, und eben mich auf die Bühne geladen. In der Folge ein kurzer Abriss meiner Argumentation (Die Slides dazu finden sich hier: Warum es keinen Sinn macht… )  

Am Anfang steht das Paradox: Wir investieren immer mehr Zeit für die Medien und geben dafür immer mehr Geld aus. Dabei sind im Internet die allermeisten Inhalte gratis. Unser Geld kommt also nicht bei den Produzenten der Inhalte an, sondern bei Netzbetreibern, Aggregatoren (Google &Co.) und anderen. Die Medienhäuser leiden: Die Auflagen gehen zurück, die Werbeumsätze schrumpfen massiv, die Gewinne schwinden. Die Folge: Redakteure werden entlassen – und damit werden die nächsten Konkurrenten auf dem Gratismarkt geschaffen, wenn diese Journalisten zu Bloggern werden.  

Ist da Paid Content, also die Bezahlung für einzelne Artikel oder per Abogebühr, die Lösung? Ich denke nicht. (Und deswegen war ich ja auch eingeladen…) – Zunächst muss man bei Content unterscheiden, worüber man spricht. Da werden munter Äpfel mit Birnen verglichen. Selbst die größten Bezahlungs-Apologeten geben zu, dass der Großteil von Inhalten niemals eine Bezahlung wert wäre. Nur spezieller Content und alle Inhalte, die keine große (Gratis-)Konkurrenz haben, können überhaupt je vermarktet werden.  

Lebenslügen des Publizismus  

Die Diskussion um Bezahltinhalte werden gerne von großen, hehren Mythen von Sinn und Verantwortung journalistischer Arbeit belastet. Diese Mythen, die oft eher „Lebenslügen“ sind, wollte ich vorweg einmal provokativ in Frage stellen:  

  • Leser zahlen nicht für ihre Zeitung, bestenfalls für deren Distribution. Chris Anderson hat in seinem Buch „Free“ sehr gut skizziert, dass die Zeitschrift WIRED, für die er als Chefredakteur verantwortlich ist, jederzeit auch gratis erscheinen könnte. Der Copypreis sorgt nur dafür, dass den Anzeigenkunden eine genau definierte, attraktive Zielgruppe präsentiert werden kann. – Und längst gibt es klandestine Gratisprintprodukte auf dem Markt: die Boulevardzeitungen aus stummen Verkäufern, Gratismagazine in Flugzeugen, Auslandsexemplare, Verschenkauflagen etc. – nur so können Anzeigenkunden attraktive Auflagen garantiert werden.
  • Qualitätsjournalismus ist nicht so teuer, wie gerne getan wird. Ich kenne Schätzungen, dass höchstens 40 % der Kosten eines Medienhauses von Redakteuren verursacht werden. Der Rest geht für die Alimentierung der Verwaltung und des Managements drauf.
  • Investigativer Journalismus, der so gerne als per Pay-Schranke schützenswert ins Feld geführt wird, kostet gar nicht viel. Nur ganz wenige Medienhäuser leisten sich solchen Luxus überhaupt, und dafür werden nur Promille der Gesamtetats ausgegeben. Investigative Arbeit, das weiß ich aus eigener Erfahrung, kostet nicht viel Geld, sondern nur viel Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen. Nur die immer möglichen rechtlichen Auseinandersetzungen fordern dann gute (teure) Anwälte und finanziellen Rückhalt, wenn Konzerne mit ihren Anwälten und hohen Schadenssummen drohen.
  • Presse funktioniert auch nur noch bedingt als 5. Macht, sie kontrolliert die Mächtigen nur bedingt. Das Raumschiff Berlin schweißt zusammen. Das Versagen als 5. Macht hat die Finanzkrise zuletzt eindrucksvoll bewiesen. Wo waren die Warnungen der Wirtschaftspresse vor den Untaten der Finanzspekulateure?
  • Journalisten haben auch keine Aufgabe als Navigatoren. Das Bild ist falsch, da hierarchisch. Journaille muss lernen, Partner der User zu sein und nicht mehr von oben herab „Unwissende“ zu belehren.
  • Die wichtigen Themen werden heute immer seltener von der etablierten Presse angestoßen. Sie entstehen heute viel öfter im Netz (Real Time!) und wandern erst dann in die Medien und werden da (dankenswerterweise!) verstärkt.
  • Mit Paid Content wird versucht, das bisherige Businessmodell der Medien irgendwie noch zu erhalten. Das war einfach: Anzeigen- und Verkaufserlöse sprudelten reichlich. Damit ist es aber nun vorbei. Jetzt heißt es neue, sicher komplexere – und vielleicht auch weniger ertragreiche – Businessmodelle zu finden, zu etablieren und zu optimieren.
  • Werbung ist auch nicht mehr das Schmiermittel der Wirtschaft. Viele Firmen sind nahezu erschrocken, wie wenig die Umsätze eingebrochen sind, als sie, bedingt durch die Finanzkrise, ihre Marketingausgaben drastisch zurückgefahren haben. Sie investieren daher jetzt lieber in Social Media und die Intelligenz ihrer eigenen Websites, immer mehr auch in (Corporate) Content.
  • Online lassen sich nicht nur „lausige Pennies“ (Zitat Hubert Burda) verdienen. Die Pennies summieren sich gar nicht so schlecht, wenn man diversifiziert und neue, kreative Erlösmodelle findet.
  • Und von wegen: Medien spiegeln unsere Gesellschaft. Allzu oft spiegeln sich die Medien nur gegenseitig oder die (manchmal mangelnde) gesellschaftliche Verwurzelung der Redaktionen.

Trend-Check  

Es stehen auch eine Menge gesellschaftlicher Trends massiv der Idee entgegen, im Internet mit bezahlten Inhalten gutes Geld verdienen zu können.  

  • De-Advertising: Die Widerstände gegen Werbung werden immer größer. Der so genannte „Sägezahneffekt“ wird immer deutlicher. Nach Investitionen ins Marketing zogen früher die Verkäufe deutlich und nachweisbar an – und gingen danach nur allmählich zurück. Heute ist die Wirkung geringer und bricht innerhalb kürzester Zeit massiv ein.
    Sao Paulo ist die erste Stadt ohne Werbung. Der Bürgermeister hat alle Plakate, Hausbemalungen und Neonreklamen verboten. Die Zustimmung der Bevölkerung zu dieser Maßnahme: 70%!

     

    Nutzer wehren sich auch ganz aktiv gegen Werbung, mit technischen Mitteln wie Werbeblockern und digitalen TV-Rekordern – oder auch mental. Werbung wird gar nicht mehr erst wahrgenommen. Das kann  man bei Usability-Tests oft feststellen, wie Werbung in der Wahrnehmung erfolgreich ausgeblendet wird.  

  • Lese-Hemmung: Junge Mediennutzer lesen nachweisbar immer weniger. Schuld daran ist die beobachtbare Umwandlung ihres Gehirns in ein so genanntes „Erregungsgehirn“. Damit können perfekt optische Reize verarbeitet und dekodiert werden und Multitasking betrieben werden. Für die Umwandlung abstrakter Informationen (Text) in Bilder ist es weniger geeignet. Daher empfinden Digital Natives bloße Textseiten real als „Stress“.
  • Digitalisierung: Die Digitalisierung erfasst in Zukunft nach und nach alle Branchen und wird sie grundlegend verändern. Nur das große Kapital und ihre Scheu vor Risiken und Liebe zu Überkommenem (vor allem bewährten Erlösmodellen) bremst diese Entwicklung. (So jedenfalls führte es zuletzt Google-CEO Eric Schmidt aus.)
  • De-Hierarchisierung: Die Digitalisierung, Social Media und Real Time-Medien schleifen durch ihre Informations-Offenheit Hierarchien weitgehend ab und schaffen flache, durchlässige Strukturen. Das kann man als Demokratisierung preisen und als Verflachung verteufeln. Fakt ist, dass alte Machtstrukturen nachhaltig geschleift werden.
  • Networking: Die neuen, flachen Strukturen funktionieren in eng verwobenen Netzwerkkonstruktionen und lassen durch ihre umfassende Konnektivität Kollaborationen besonders effektiv und erfolgreich sein. Crowd-Sourcing steht so gesehen erst am Anfang seiner Entwicklung. Verstärkt werden die Netzwerke noch durch den Creative Surplus, den kreativen Mehrwert der Menschen, die entdecken, dass sie ihre umfangreiche Freizeit statt in Passivität (TV!) weit sinnvoller und befriedigender Online-Aktivitäten widmen können. Der Wiki-Kosmos wird durch sie wachsen und an Bedeutung gewinnen.
  • Realtime: Alles, überall und sofort. Gegen diese geballte Kraft der Jetztzeitigkeit kommen die etablierten Medien kaum mehr an. Real Time ist der erste spürbare Effekt einer engen Vernetzung. Fragt sich, ob so auch prognostische Effekte jenseits der Gegenwärtigkeit möglich werden könnten.
  • Individualisierung: Der größte und einflussreichste Trend der letzten 60 Jahre wird auch in Zukunft weiter florieren. Die Social Networks machen eine ganz andere Ich-Erfahrung und Ich-Darstellung möglich. Ein weiterer Schritt in die Narzisstoisierung unserer Gesellschaft ist absehbar. Extrem viele neue Nischen entstehen mit eigenen (auch wirtschaftlichen) Mikro-Ökosystemen, der Long Tail individueller Ausgestaltungsoptionen wird noch immens wachsen.

Fortsetzung folgt: Teil 2 von Paid Content erläutert dann die Implikationen der Trends auf die Medienmärkte der Zukunft – und die Endlichkeit der Perspektive von Bezahlinhalten.

Facebook auf Rezept


Social Networks machen glücklich und kreativ

Und einmal mehr gefährdet das Internet den Fortbestand des Abendlandes. Diesmal sind Facebook, Twitter und all die anderen Social Networks schuld. Schweizer Banken sperren für ihre Mitarbeiter Facebook, weil es von der Arbeit ablenkt und Phishing Attacken möglich macht. (Daten nach Deutschland?) Die italienische Post hat den Facebook-Konsum ihrer Mitarbeiter auf eine Stunde pro Arbeitstag rationiert, aufgeteilt in sechs Etappen à 10 Minuten.  In der Hälfte der US-amerikanischen Firmen sind Twitter und Facebook komplett tabu, weil angeblich arbeitseffektivitätshinderlich, 1,5 Prozent der wirtschaftlichen Produktivität der USA soll Facebook allein vernichten. In Großbritannien soll die Wirtschaft jährlich um 1,83 Milliarden £ durch Social Media geschädigt werden.

Tony Hsieh

Oh Herr, lass digitales Verständnis auf die Ungläubigen regnen! Oder vielleicht tun es auch folgende drei authentischen Exempel neuer digitaler Kultur:

A) Facebook & Co. schädigen die Wirtschaft nicht, sondern sie feuern sie an. Gerade durch die kurzen Social-Snacks, die sich die User an den Bürocomputern gönnen. WIRED weist in seiner aktuellen Ausgabe nach, wie wichtig solch kleine Pausen bei der Arbeit für das menschliche Gehirn sind. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, kontinuierlich wie am Fließband zu arbeiten, schon gar nicht bei kreativer Arbeit. Der menschliche Geist braucht Ablenkung, um ein Problem oder eine Arbeit immer wieder neu und/oder von einem anderen Blickwinkel anzugehen. Das weisen die Autoren des Buches „Creativity and the Mind“ (Perseus Books) nach.

Facebook macht glücklich

B) Besuche bei Facebook, Twitter und Konsorten sind dabei mental sehr ereignisreiche Erholungspausen. Der amerikanische Neurowissenschaftler Dr. Gary Small hat bei seinen Untersuchungen der Gehirnaktivitäten von Usern der Social Networks festgestellt, wie er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung berichtet, dass bei Facebook-Newbies dieselbe Gehirnaktivität wie beim Lesen eines Buches festzustellen ist. Bei erfahrenen Nutzern aber war die sie mehr als doppelt so hoch. Hier explodiert das Gehirn nahezu. So gesehen dürfte die Arbeit nach solch einem Gehirntuning ja deutlich besser von der Hand gehen.

Außerdem sind Facebook-User glückliche Menschen. Dr. Small ängstigt sich, dass Facebook-User dopamin-abhängig werden, weil sie dank der Vernetzung mit ihren Freunden so viel des Glückshormons ausstoßen, dass es eine „nüchterne Verwendung solcher Dienste sehr schwierig macht“. (Wer will das auch schon.)

C) Das beeindruckendste Bekenntnis für Social Media und hier speziell für Twitter hat in einem ausführlichen Blogeintrag der CEO von Zappos, Tony Hsieh, formuliert, der seinen Online-Schuhhandel unter anderem mit seiner Social Media-Strategie extrem erfolgreich gemacht hat (und inzwischen teuer an Amazon verkauft hat). Unter der Headline „How Twitter Can Make You A Better (and Happier) Person“ führt er detailliert aus, wie ihn sein Blog und vor allem sein Twitteraccount glücklicher werden ließ und zu einem besseren Menschen gemacht hat. Eine überzeugend argumentierende Huldigung.

Twitter macht einen besseren Menschen

Vier wesentliche Benefits schildert er an schönen, oft witzigen Beispielen:
1. „Twitter macht mir immer wieder bewusst, wer ich und meine Firma sein wollen.“
Es lässt ihn bewusster Leben, so als sei permanent eine Kamera auf ihn gerichtet. Seitdem ist er freundlicher zu seinem Umfeld und offener und positiver in der Bewertung fremder Menschen.
2. „Twitter lässt mich den Alltag in witzigerer und positiverer Weise sehen.“
Hsieh kann inzwischen in nervigen Situationen die komischen Elemente entdecken und per Twitter als wahre Komödien inszenieren, etwa als er sich auf dem Balkon seines Hotels aussperrt und per Twitter Hilfe holt.
3. „Twitter lässt mich immer wieder darüber nachdenken, wie ich das Leben anderer besser machen kann.“
Statt narzisstischer Selbstbespiegelung will Hsieh in jedem seiner Tweets etwas Positives bewirken. Es machte ihn daher weniger Ich-bezogen und sensibler für die Probleme oder Anliegen anderer.
4. „Twitter lässt mich die kleinen Dinge im Leben bewusst wahrnehmen.“
Da Hsieh sich vorgenommen hatte, jeden Tag zu tweeten nahm er seine Umwelt viel aufmerksamer wahr und entdeckte so kuriose Szenen und Bilder, die er beschreibt oder fotografiert.

Merke: Facebook und Twitter machen glücklich – und noch dazu bessere Menschen aus uns. Nur falls mal der Chef Probleme macht, wenn man im Büro auf Facebook aktiv ist!