Zukunft ohne Visionen


Digitalität und Vernetzung

„Wir erkennen das Gute leider nicht so deutlich wie das Böse. Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal. Eines der erstaunlichsten Phänomene des Internets ist ja, dass Menschen darin so viel miteinander teilen.“, so Brian Eno im Interview in der Süddeutschen Zeitung. Wie recht er hat. Und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Ein Beispiel: Josh Bernoff, Analyst bei Forrester und einer der Autoren des ersten kompetenten Buchs über Social Media („Groundswell“), freut sich via Twitter, dass er als Autor sehen kann, welche Stellen die Leser, die seine Bücher auf Amazons digitalem Lesegerät „Kindle“ lesen, beim Lesen anstreichen, weil sie ihnen besonders wichtig sind. Was für ein Feature. Nun ist auch der Buchautor aus der Isolation des Elfenbeinturms befreit und sieht, was seinen Lesern wichtig ist.

Und hier noch einmal zurück zu Brian Eno. Wie sagt er: „Nehmen wir das Computerzeitalter und das Internet: Damit haben sich Zukunftsträume der sechziger Jahre erfüllt, und wir merken es nicht einmal.“ Das stimmt so sehr, und doch geht die Entwicklung darüber hinaus. Wer bitte hat sich je erträumt, dass Autoren mitbekommen, welche Stellen in einem Buch sie für am wichtigsten halten? Und was sagt uns das für die Zukunft des digitalen Buchschaffens voraus?

Die Zukunft des digitalen Buches

Für Kindle hat Amazon sowieso schon neue, kürzere Buchformate (und entsprechende Preismodelle) entwickelt. Amazon will so Buchautoren Mut machen, abseits und jenseits der etablierten Buchformate eine Publishing-Plattform zur Verfügung zu stellen, die sich auch wirtschaftlich rentiert. Für alle Beteiligten wohlgemerkt: für Autoren, die Leser – und Amazon natürlich.

Gut denkbar, dass hier in schriftlicher Form ein Pendant zu den grandiosen Ideen und Vorträgen entstehen könnte, wie sie TED in Video-Form etabliert hat: ein Thema und eine Vision anhand eines spektakulären Beispiels auf den Punkt gebracht und damit eine neue Idee erfolgreich in Umlauf gebracht. Das würde dann Abhilfe schaffen, dass heute zu wenig Visionen für die Zukunft geschaffen werden, wie es Brian Eno befürchtet: „Es fehlt die Zielmarke am Horizont. Die letzte war vielleicht 2001, wegen Kubricks Film. (…) Seither bewegen wir uns sozusagen auf unbeschriebenem Terrain.“

Futurismus auf der Kriechspur

Ich war einst in vor-digitaler Zeit Abonnent und begeisterter Leser von etlichen Zukunfts-Publikationen: „The Futurist“ (USA), „Avenir“ /Frankreich) oder auch von „WIRED“, als noch Gründer Louis Rossetto Chefredakteur war. „Avenir“ gibt es längst nicht mehr,“The Futurist“ gibt es noch, ist aber heute eher eine Debattier-Plattform für neue, aber bereits vorhandene Ideen und Entwicklungen, und WIRED, jetzt bei Condé Nast, ist heute ein respektabler Guide für den digitalen Lifestyle. Neue Visionen, so falsch sie auch sein mögen, finden sich heute nicht mehr.

Wie auch. Die Entwicklungen in der digitalen Welt passieren heute so schnell, dass man kaum Schritt halten kann, geschweige denn wagen möchte, vorneweg zu laufen. Sie sind außerdem so unabsehbar, weil eben, wie oben gesehen, die Menschen in der Verbindung zueinander immer neue Ideen spinnen und neue Anwendungen entwickeln, wie man sie aus der Warte einer Redaktion, eines Trendforschers oder einer Futurismus-Instanz nie erahnen könnte.

Zukunft ohne Visionen

Unser Schicksal scheint es also zu sein, eher unserer eigenen unbewussten, weil nur im Verbund zu anderen funktionierenden digitalen Ingeniosität hinterher zu hecheln. Es ist ja auch auffallend, wie altbacken alle Sci-Fi-Filme zuletzt waren, inklusive „Minority Report“, die versucht haben, ein halbwegs positives Zukunftsbild zu entwerfen. Nur die Visionen einer dysfunktionalen Gesellschaft der Zukunft waren – wenigstens cineastisch – ansehnlich. Von „2001“, „Blade Runner“ bis „Wall.E“.

1994 habe ich mich zusammen mit Gerd Gerken an einem Zukunfts-Szenarium versucht. „Trends 2015“ hieß das Buch und ist im Scherz Verlag erschienen, das Taschenbuch bei dtv. (Inzwischen ist es als Book on demand bei Fischer digital erhältlich.) Wir hatten es eigentlich unter dem Titel „Trends 2021“ lancieren wollen. Gegenargument des Lektors: „Das ist zu weit weg!“ Recht hatte er. Wir müssen uns für keine der Thesen in dem Buch schämen, im Gegenteil, wir haben die digitalen Medien erahnt und viele soziale Entwicklungen richtig skizziert. Aber in der Dynamik und in der Unprädiktabilität, wie sich die Welt derzeit entwickelt, muss man der Intervention des Lektors im Nachhinein dankbar sein. 2021 wäre wirklich zu weit weg.

Die Magie des Augenblicks

Was also bleibt von der Sehnsucht Brian Enos nach Zukunftsvisionen? Flug zum Mars? Nochmal auf den Mond? Autark funktionierende Autos? Wie schal sind solche Visionen! Es gibt so viel Wichtigeres zu tun, wenn es auch nicht wirklich spannend klingt: Klima „erhalten“; die Schere zwischen arm und reich nicht zu groß werden lassen;  die Versorgung der Welt mit (genug guten) Lebensmitteln sicher stellen; die Abhängigkeit vom Öl reduzieren etc. etc.

Aber keine Angst, wenn die Zukunft ein wenig spröde klingt. Es sind die Gegenwart und der Augenblick, die uns in Zukunft immer wieder überraschen werden – und bei genügend Talent zur kleinen Euphorie zwischendurch – uns auch immer mal wieder glücklich machen werden. Wie der Tweet von Josh Bernoff heute früh. Dafür sorgen wir digital Vernetzten sowieso…

Verlust der Deutungs-Hoheit


Die Zeitungen in Deutschland sterben 2030?

Jetzt wissen wir es endlich genau. Der amerikanische – selbsternannte – Futurist und Strategieberater Ross Dawson hat es in seinem Blog gewagt, das Ableben der Zeitungen in ihrer gedruckten Form (engl. „newspaper„) weltweit exakt zu terminieren. Das geht 2017 in den USA los, 2019 folgt Großbritannien, 2020 Kanada und Norwegen. Deutschland hat seiner Meinung nach noch eine Galgenfrist bis ins Jahr 2030. Ganz am Ende der Entwicklung stehen die Mongolei (2038), Argentinien (2039) und das komplette Afrika (2040+). (Die komplette Weltkarte dazu ist beigefügt.)

Wäre man zynisch, dann könnte man solch eine Prognose als smartes Akquisetool und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme werten. Denn die Reaktion auf das exakt datierte Zeitungs-Dahinscheiden ist weltweit schon beträchtlich und diese Aufmerksamkeit und die Chuzpe, genaue Jahreszahlen zu prognostizieren, garantiert Einladungen zu Vorträgen, Symposien und Kongressen.

Self Fulfilling Death

Solch exakte Terminierungen sind natürlich, trotz aller Rationalisierungen, ein Unsinn. Aber sie können durchaus zu einer Selffulfilling Prophecy werden, je nachdem, wie hysterisch die Reaktion vor allem der Betroffenen ausfallen wird. Denn bei allen wirtschaftlichen und technischen Imponderabilien, die Ross Dawson aufzählt, werden vor allem Faktoren, die er in seiner Analyse nicht bedacht hat, über das Fortleben von Zeitungen in gedruckter Form entscheiden. In digitaler Form, auf Lesegeräten und Foliendisplays wird es Nachrichten- und Feature-Inhalte sowieso weiter geben. Gratis höchstwahrscheinlich oder teilweise mit verdeckter Finanzierung durch Nutznießer von stets aktuellen Inhalten – und das werden in dem zur Debatte stehenden Zeitraum kaum mehr Werbetreibende im heutigen Verständnis sein.

Papierlogistik mit angeschlossener Intelligenzia

Das Problem ist also nicht, dass wir nach einem wann immer zu datierenden Zeitungssterben ohne Nachrichten und Meinungen auskommen müssen. Das Problem ist einzig und alleine, dass bislang zu diesem Zweck Unmengen von Papier bedruckt und zu den weit verstreuten Lesern transportiert werden müssen. Die Medienhäuser heute sind eben eher Papier- und Drucklogistiker mit angeschlossener Verwaltung und – im besten Fall – mit einer kleinen angeschlossenen schreibenden Intelligenzia.  Um das Ende dieser Medienhäuser und ihres Businessmodells geht es letztendlich. Und klar ist, dass hier Länder, in denen die Logistik des Zeitungsverteilens besonders aufwändig ist, weil die Entfernungen zu den immer verstreuter werdenden Lesern weit sind, als erste vom Zeitungssterben heimgesucht werden könnten. Also etwa die USA.

Einfluss-Faktoren und blinde Flecke

Ross Dawson hat seiner Prognose eine Menge Faktoren zugrunde gelegt, die durchaus in der Bewertung der Zukunftsperspektiven von Zeitungen Sinn machen. Global gesehen: Verbreitung und Kosten von Smartphones, ePads, Bildschirmfolien, Entwicklung des Anzeigenmärkte, der Druckkosten und der Vermarktungsmöglichkeiten digitaler Inhalte. Regional haben die demographische Entwicklung, technologische Besonderheiten (Bandbreiten), Branchenbesonderheiten (z. B. öffentlich rechtliche Medien), die Besitzverhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung, Gesetzgebung und das Kundenverhalten Einfluss auf die Lebenserwartung von auf Papier gedruckten Medien. (Alle Faktoren – auf Englisch – hier.)

Das ist alles soweit richtig, lässt aber ganz wesentliche Faktoren außer acht oder wertet sie nicht richtig. Das sind wirtschaftliche, personelle, inhaltliche und strukturelle Faktoren. Wie schnell und unbarmherzig der Umbruch von analogen auf digitale Medien gehen kann, das hat die Fotoindustrie bereits exemplarisch vorgelebt. Hier hat sich der Markt innerhalb eines halben Jahrzehnts komplett gedreht.

Quelle: GfK

Die Verkaufszahlen (der GFK) zeigen das eindrucksvoll. (Grafik anbei.) Solche Entwicklungen haben eine exponentiale Dynamik – und sind unumkehrbar. Und je schneller die Kosten für Papier, Transport und Verteilung steigen, desto schneller versagt das Businessmodell und der Punkt ist erreicht, an dem es sich nicht mehr rechnet, Zeitungen zu drucken. Der wesentliche Faktor, der diese Entwicklung beeinflusst (und beschleunigt), ist der Mensch – und zwar gleichermaßen auf der Verbraucher- als auch auf der Produzentenseite.

Zeitungen von gestern

Je nachdem in welcher Geschwindigkeit Menschen Zeitungen nicht mehr attraktiv finden und sie für verzichtbar halten, desto schneller werden Werbekunden nicht mehr Anzeigenseiten buchen – und desto weniger rentabel wird der Vertrieb.

Auslöser, warum Menschen Zeitungen für verzichtbar halten, sind auch technische Entwicklungen. Wenn man wie heute ganze Sektionen der Zeitungen am Morgen überblättern kann, wenn man aktiv News in Online-Medien verfolgt, weil man alles schon weiß und tags zuvor gelesen hat, dann lässt das so manchen überlegen, eine Zeitung nicht mehr zu kaufen oder sein Abonnement aufzugeben.

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Qualität der Zeitungen kaum mehr mit denen der Online-Medien mithält, weil die Redaktionen kaputt gespart wurden. Bestes Beispiel ist hierfür Berlin. Wer dort die Tageszeitungen durchschaut, erlebt quer durch alle Tageszeitungen kaum mehr irgendwelchen Mehrwert gegenüber den Online-Medien.

Verlust der Bedeutungshoheit

Das viel gravierendere Problem aber ist, dass die Print-Medien drohen, die Bedeutungs-Relevanz und jede Zeitgeist-Kompetenz zu verlieren. Christian Jakubetz, Journalist und Journalismus-Dozent hat das in seinem JakBlog in 10 Thesen zur Zukunft der Zeitungen perfekt auf den Punkt gebracht: „Die Tageszeitungen vergreisen in ihren Redaktionen“.

Fakt ist: Junge Journalisten zieht es nicht mehr in Zeitungs-Redaktionen, und dort wären für sie auch gar keine Plätze frei, weil Personal abgebaut wird. So organisieren dann ältere Redakteure, die der Kündigungsschutz geschont hat, Inhalte für ihresgleichen.

Jeder Versuch, imaginäre jüngere Zielgruppen zu erreichen, muss fast notwendigerweise scheitern. Das System des Print-Journalismus ist schon lange nicht mehr für neue Ideen und neue Themen durchlässig. Dazu ist es seit langem wirtschaftlich wie ideologisch unter Druck. Hinzu kommen Standesdünkel, Selbstgenügsamkeit und Besitzstandswahrung.

Als Verleger Arno Hess und ich als Chefredakteur 1979 die „Münchner Stadtzeitung“ gründeten, waren wir damals auch Nutznießer solch einer Verkrustung der journalistischen Strukturen. Das war damals der Zeitpunkt, als durch das Aufkommen neuer Produktionsmethoden (Kugelkopfschreibmaschine, Offset-Druck) die Produktion neuer, billiger produzierter Zeitungs-Medien technisch und wirtschaftlich möglich war. Und eine neue Generation von Schreibern und Fotografen, teilweise von den Journalistenschulen, teilweise Autodidakten wie ich selbst, konnte sich hier ausprobieren. Sie konnten einen neuen, jüngeren Schreibstil entwickeln, neue Themen entwickeln, kritischer zupacken, neue optische Sichtweisen ausprobieren und nicht zuletzt eine neue Art von Service-Journalismus kreieren.

Bluttransfusion für die Zeitungen

Der wirtschaftliche und inhaltliche Erfolg der Stadtzeitungen – und in ihrer unmittelbaren Folge die Zeitgeistmagazine Tempo und WIENER – waren eine (nötige!) Bluttransfusion für einen sich damals relativ selbst genügenden Journalismus. Fast alle Autoren von damals schreiben heute in den großen Zeitungen und Zeitschriften: Spiegel, Focus, SZ, AZ, Zeit, taz, FAZ, sind im TV- und Filmbusiness oder haben eigene Verlage und Redaktionsbüros aufgemacht.

Ich war 27, als ich die Münchner Stadtzeitung gründete. Und ich war einer der ältesten der Redaktionsriege. Beim WIENER war Wolfgang Maier auch noch keine 30, als er die Chefredaktion übernahm, gleiches gilt für Markus Peichl (Tempo). Das schuf Chancen für junge Schreiber und Talente, wie sie heute undenkbar sind.

Ohne Kontakt zum Neuen

Das garantierte, dass sich die junge Generation in Stil und Inhalten wiederfand. Das war das Erfolgsrezept der Stadtzeitungen quer durch die Republik, allen voran TIP und Zitty in Berlin. Heute findet diese Generation ihre Themen und Ideen bestenfalls in Online-Medien, vor allem aber in den Sozialen Netzwerken. Sie sind für das Zeitungsbusiness ein für allemal verloren.

Wer aber die jungen Menschen als Publikum verliert, der kann keine (neuen) Themen mehr setzen, der kann nicht authentisch den Zeitgeist prägen – oder wenigstens repräsentieren. Der kann nicht wirklich Neues leisten, weder inhaltlich, noch optisch, weder rational, noch emotional. Dann hat sich ein (Massen-)Medium überlebt. Dann bleibt nur die Nische – und für die gelten völlig andere wirtschaftliche Bedingungen.

Ich halte daher die Einschätzung von Ross Dawson, dass in Deutschland 2030 die Zeitungen sterben werden, eher für zu vorsichtig. Ich stimme der Meinung von Christian Jakubetz zu: „Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.“

Das blanke Handgelenk


Die Entzeitlichung der Zeit

Es passiert immer öfter, dass man von jungen Menschen angehauen wird. Nicht um Geld, sondern um Zeit: „Wie spät ist es denn?“ Nicht dass diese Jugendlichen und Jung-Erwachsenen nicht das Geld hätten, sich eine Uhr zu kaufen. Vor allem, seit diese auch schon für wenige Euro zu haben ist. Ja nicht einmal, wenn sie das Geld hätten, sich teure, schicke Uhren zu leisten, sie würden darauf verzichten.

Uhren sind uncool. So wie offene Schnürsenkel und unter dem Hüftknochen platzierte Hosen signalisieren, ich bin cool, ich werde nie einen eilenden Schritt tun, entsprechend zeigt das Fehlen einer Uhr, dass man sich nicht von der Hektik unserer Konsum-/Medien-/Geschäfts- und Arbeitswelt tyrannisieren lassen wird. Das blanke Handgelenk als schicke beiläufige Geste des Protests gegen den Status Quo.

Die amerikanische Vordenkerzeitschrift “The Atlantic“ sorgt sich daher schon darum, dass in jungen Kreisen die übliche Handgeste, wenn man auf das Handgelenk deutet, um stumm nach der Uhrzeit zu Fragen, nicht mehr funktioniert: „Was will er, wenn er dahin zeigt? Hat er Schmerzen im Handgelenk?“

Ohne Zeit keine Leistung

Sehr schön wird im Artikel im „Atlantic“ die Historie der Chronisierung und Mechanisierung der Zeit skizziert. So gesehen sind Uhren und deren Zuwachs an Macht ein Synonym für unsere Industriekultur, den Kapitalismus und das Leistungsprinzip: Leistung = Arbeit x Zeit. Was für eine Perspektive. Auf der einen Seite geht uns die Arbeit aus – und nun vaporiert auch noch die Chronologie. Wie soll sich dann Leistung noch lohnen, Herr Ackermann?

Ich bin nun ein Vielfaches zu alt, um so cool sein zu können wie die uhrlosen jungen Leute, ja auch alt genug, um es nicht mehr sein zu wollen. Trotzdem trage ich keine Uhr. Zum einen hat mich noch nie die Idee fasziniert, den Gegenwert eines Gebrauchtwagens oder gar eines Kleinwagens am Handgelenk spazieren zu tragen. Es war mir schlicht körperlich unangenehm. Warum sollte ich die Manschetten meiner Hemden hoch krempeln, um dann trotzdem noch immer kein freies Handgelenk zu haben? Und ein nettes, kluges oder witziges Wort schmückt allemal mehr als eine dicke Rolex (& Konsorten).

Entspannter Umgang mit Zeit

Jetzt ist mein Handgelenk wieder nackig, denn ich brauche längst keine Uhr mehr. Es gibt genug rundum. Im Arbeitsumfeld sowieso oder etwa am Computer, aber auch massenweise im öffentlichen Raum. Spätestens seit das Smartphone unabdingbar ist, weiß zumindest ein Apparat, den ich bei mir trage verlässlich, wie spät es ist. Das ist die rationale Seite der Geschichte. Aber steckt nicht auch ein Körnchen Attitüde dahinter? Wahrscheinlich.

Ich bin nicht der Einzige meiner Generation, der bewusst auf einen Zeitmesser verzichtet. Professor Karlheinz Geißler, seines Zeichens Zeitforscher, tut das ebenso, wie er in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Sein Argument für den Uhrenverzicht ist ein entspannteres Verhältnis zur Zeit. Um nicht zu spät zu kommen, ist er häufiger früher da und nutzt die verbleibende Zeit, und gesteht aus dieser entkrampften Haltung jedem Menschen auch zu, zu spät zu kommen – und definiert das als Höflichkeit. (Daran kann ich noch arbeiten.)

Wir Händler der Zeit

Den wichtigsten Punkt aber streift er nur kurz: Die Uhr als Taktgeber unserer Gesellschaft hat längst ausgedient. Wir sind nicht mehr Sklaven der Taktung nach Stunden und Minuten, wir sind inzwischen auf der nach oben offenen Skala der Souveränität zu geschickten Händlern und Kaufleuten der Zeit aufgestiegen. Wir verabreden uns nicht mehr zu festen Zeiten, sondern nur unverbindlich in groben Zeitrastern, um dann die Details on the fly, bzw. via air per Handy aktuell vor Ort zu verhandeln: „Wo bist du gerade? – Ich bin hier. – Kommst du die nächste halbe Stunde vorbei?“

An der Deflation der Zeit ist (natürlich!) auch die Digitalität schuld. Seitdem wir uns Dinge jederzeit und überall zu Gemüte führen können und wir uns nicht mehr zu fixen Zeiten vor Radios versammeln müssen, um Musik zu hören oder vor TV-Geräten, um Nachrichten zu erfahren oder eine Sendung zu sehen, ist die Zeit beliebiger geworden.

Die befreite Zeit

Zugleich ist die Zeit immer unverbindlicher geworden – und sie wird es durch unseren Umgang mit der Zeit immer noch mehr. In einer globalen Welt, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr (!) 24 Stunden lang ohne inne zu halten funktioniert, ist die Zeit quasi deflationiert. Wir haben immer weniger davon, sie ist (uns) aber trotzdem immer weniger wert.

Das fällt am meisten auf, wenn die Zeit einmal völlig außer Kraft gesetzt ist. Fragen Sie Ihre Freunde oder Kollegen, die beim Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull  irgendwo in der Welt gestrandet sind und nicht mehr weiter kamen, wie sich das anfühlt. Erst unangenehm, dann rundum befreiend.

Evolution der Zeit

Und hier ist der nächste Schritt der evolutionären Entwicklung der Zeit zu erahnen: Über Zeit entscheidet nicht mehr die neutrale, von Wissenschaftlern definierte Zeit von Minuten und Stunden, Tagen und Jahren, sondern unser ganz persönliches Verhältnis zur Zeit. Jeder kennt das Gefühl, dass sich die Zeit verdichtet, wenn etwas interessant ist und wie sehr sich Zeit verdehnen kann, wenn dem nicht so ist.

Je mehr wir autonome Personen werden, die sich nicht von einer ideellen oder orologischen Taktung des Lebens tyrannisieren lassen, desto mehr werden wir Herrscher unserer Zeit. Und je mehr sie sich dabei verdichtet, desto wichtiger wird der Augenblick – und desto nebensächlicher wird Vergangenheit – oder wird jedes bange machen vor der Zukunft unwahrscheinlich.

Die Augenblicklichkeit – also der Genuss des Hier und Jetzt ist doch eine wunderschöne Vision. – – – Vor allem hier und jetzt, während ich mit dem Zug nach Süden fahre…

Aber halt, ich bin ja schon da und muss aussteigen… – die Zeit ist wie im Flug im Zug vergangen…

P.S.: Jetzt hat auch Spiegel Online das Thema aufgegriffen: „Der digitale Schwarm“.

Zoe’s World


Ein Blick in die Zukunft

Besuch in Berlin. Eine ganz normale U-Bahnfahrt Richtung Uhlandstraße. An der Haltestelle steigt ein Vater mit seiner kleinen, süßen Tochter im heute üblichen Sportbuggy ein. Das Einrangieren dauert in der Enge der Berliner U-Bahn. Das Kind, leise durchgerüttelt, gibt lustige Laute unter seinem Schnuller von sich. Klingt irgendwie wie „eipot, eipot“. Allmählich wird das zur klaren Forderung: „ipod!“ „ipod“

Wir haben uns nicht verhört. Tatsächlich gibt der Papa der kleinen Tochter einen iPod in die Hand. Sie nimmt das Teil zufrieden und fachmännisch, sucht sich in aller Ruhe ihr Lieblingsprogramm – scroll rauf, scroll runter – und fängt an zu spielen. Sichtlich mit großem Vergnügen und in aller Ruhe.

Alle herum staunen und schauen fasziniert dem Kind zu. Und irgendwann drehen sich die Köpfe auch in Richtung Vater. Der kennt das wohl schon und merkt entschuldigend an: „Das hat sie von der Mama, von mir hätte sie es nicht bekommen.“ Er wirkt aber sehr entspannt dabei.

Cool und relaxt, selbstverständlich

Wir kommen ins Gespräch. Sein rosa gewandetes Töchterchen ist zwei Jahre alt (in Zahlen: 2) und hat das Gerät, seit sie es das erste Mal in die Hände bekommen hat, sofort beherrscht. Man sieht es. Sie geht mit einer extremen Entspanntheit mit dem iPod um. Keine hektischen Bewegungen, alles sehr selbstverständlich, ja elegant. Und zugegeben, die winzigen Fingerchen in dem Alter sind für die Handhabung wirklich besonders gut geeignet.

Zoe heißt die Kleine und nimmt inzwischen das Interesse an ihrer Person bzw. ihrem Lieblingsspielzeug wahr. „Meins!“ spricht sie mehrmals aus ihrem Schnuller . „Meins!“ Aber als ich ihr versichere, dass ich gar nicht vorhabe, ihr ihr Spielzeug zu nehmen und ihre Fähigkeiten bestaune, ist alles gut. Sie nimmt nun sogar den Schnuller aus dem Mund und fängt an, mir ihr Spiel zu erklären.

Stimmungs-Aufheller

Ich frage den Vater, ob das Wundermittel iPod immer funktioniert? „Immer!“, versichert er mir. Und Zoe ist tatsächlich stets gut gelaunt? „Sie ist wirklich durchgängig freundlich und lustig!“ Zoe strahlt und wählt ein anderes Programm aus. Diesmal gibt es ein süßes Video mit einem kleinen animierten  Elefanten zu sehen.

Die Situation ist in sich einerseits so putzig und dabei so absurd, dass man sich unwillkürlich umsieht, ob nicht gerade ein Werbespot von Apple gedreht wird. Wird er nicht. Aber eigentlich schade drum. Ein überzeugenderes Modell als Zoe kann es eigentlich nicht geben, um die Vorteile und die positiven Effekte des iPod – und damit der kompletten Produktfamilie – zu bebildern. Was wir hier sehen ist „intuitive Nutzung“ par excellence.

Die Szene und der Umgang von Zoe mit dem Gerät und der lustigen Kommunikation, die sich daraus entwickelt, ist so positiv, dass man nur schwer die üblichen Vorurteile gegen die Nutzung aus dem Bedenkenträgerspeicher ziehen kann. Hier ist ein Kind, das die Interaktion mit seinem Spielzeug absolut zu genießen versteht. Eine freundliche, lustige Zweijährige, deren Fingermotorik extrem weit entwickelt ist, und die sichtbar von ihrer Intelligenz her ihrem Alter weit voraus ist.

Bedenkenträger mit leeren Händen

Sie spielt mit aller Freude und baut sich dabei sichtlich ihr eigenes Phantasiereich auf – und das reagiert sogar auf sie. Nur sind das keine Bauklötzchen, sondern virtuelle Pixelhaufen, mit denen sie spielt. Und statt in einem Kinderbuch, blättert sie durch (stumme!) animierte, kurze Kindervideos.

Der übliche kritische Reflex, dass Kinder in solch einem Alter so etwas nicht tun sollen, funktioniert nicht recht, nicht mal auf der rationalen Ebene. In Wahrheit gönne ich dem Kind die Freude, das es mit seinem Spielzeug hat. Und wenn es stimmt, dass sie damit nachhaltig fröhlich ist, wunderbar. Die fünf, sechs Stationen, die wir gemeinsam gefahren sind, haben jedenfalls viel Spaß gemacht. Ein kleiner Sonnenschein spielt mit viel Freude und kommuniziert fröhlich.

Irgendwann drückt mir Zoe sogar den iPod in die Hand. Von wegen: „Meins!“ Ich soll auch mal spielen. Kucke ich vielleicht nicht freundlich genug? Doch tue ich. Und dann will sie mir noch ihr Lieblingsvideo zeigen. Kurz im Menü gesucht, und – schwupps – ist es da.

Leider muss Zoe schließlich aussteigen. Wir winken ihr hinterher. Der komplette Waggon grinst und schüttelt bewundernd den Kopf. Keiner stänkert. Zoe hat uns verzaubert.

Die Ahnung einer Medien-Zukunft

Ich bin dankbar, hier einen ersten, kurzen Blick in die Zukunft der Medien erhascht zu haben. Wie werden Menschen, die von kleinauf so souverän Geräte bedienen, interaktiv tätig sind, die so viel Freude an so etwas haben und dabei so normal agieren, in Zukunft mit Informationen, Medien und Tools umgehen? – Unvorstellbar! Aber erahnbar!

Und nicht einmal jetzt am Abend, wenn ich die Geschichte aufschreibe, will sich der rationale Miesepeter aufraffen und all die Argumente, die dagegen sprechen, dass Kinder so früh mit – geeigneten! – digitalen Geräten umgehen, aufsagen.

Alles Gute, Zoe!

Wann kommt der Netzsprecher?


Alles nur ein Kommunikationsproblem!

Tausende gehen auf die Straße, um gegen die Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke zu protestieren. Tausende von ideologisch unverdächtigen Menschen, wohlgemerkt. Dasselbe in Stuttgart, um gegen die Tieferlegung des Hauptbahnhofes zu demonstrieren. Auch hier ein eher bürgerliches Klientel ganz vorneweg. Das irritiert sogar hartgesottene Politiker, dass hier gegen ihre sorgsam austarierten Entschlüsse so massiv vom ureigenen Wählerreservoire aufbegehrt wird.

Wenn die Reaktion der Politik nicht gleich narzisstisch gekränkt ausfällt – „alle wohlstandsverwöhnt!“ – dann wird unweigerlich ein Kommunikationsdefizit als Grund für die Proteste ausgemacht. Undenkbar die Vorstellung, dass die weisen Entschlüsse der Politik vielleicht einfach nicht gewollt werden, ja möglicherweise falsch sind. Nein, sie sind dem aufsässigen Volk nur nicht auf die richtige Weise nahe gebracht worden. Ein bisschen hat das die Haltung von einem genervten Vater, der  – in immer gereizterem Ton – versucht, dem Widerstand seines trotzigen Sohnes irgendwie Herr zu werden. Lehrer Lämpel lässt grüßen.

Na dann, viel Spaß! Die Wahrheit ist doch, dass sowohl bei der Atomenergie als auch bei Stuttgart21 sich eine Protestbewegung als Netzwerk organisiert hat und vor allem per Internet, hier speziell über mobile Geräte (Handy, Smartphone). Auf diesem Weg sind auch die Argumente dagegen verbreitet worden. Denn in der Presse hat man dazu, speziell bei Stuttgart21, wenig Kritisches zu lesen bekommen. – Das auch zum Thema schlechte Kommunikation: Die Pro-Argumente wurden mehrheitlich auf konventionellem Weg (Print) verbreitet, die Gegenpositionen eher digital.

Asymmetrische Kampflinien

Wie aber will man überhaupt virale Wirkungen erzielen und Netzwerkeffekte nutzen, wenn man nicht auf den ureigensten Interessen derer aufsetzt, die die Suppe später auslöffeln müssen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Nie wird bei uns ein technologisches Projekt eine ähnliche emotionale Wirkung erzielen wie es – berechtigte – Ängste um radioaktive Verstrahlung, Atommüll und Sorgen um die Startbedingungen kommender Generationen tun.

Wie solch asymmetrisch veranlagte Konflikte ausgehen müssen, hat nicht zuletzt der überraschend klare Erfolg der Anti-Raucher-Initiative in Bayern gezeigt. Hier hat eine gut vernetzte, hoch motivierte, aber finanziell schwache Initiative gegen eine gut finanzierte Kampagne der Raucher- und Gastronomieklientel gewonnen. Erstere mobilisierte viele junge und gesundheits- und umweltinteressierte Menschen an die Urne zu gehen (ich sah bei der Abstimmung viele junge Familien auf dem Weg zu oder von den Wahllokalen), während diejenigen, deren ureigenste (Raucher-)Interessen beschränkt wurden, keinerlei Solidarisierungswirkung erzielen konnten. Gemeinwohl siegte so klar über Individualinteresse.

Kurios ist, dass die Anti-AKW-Bewegung seit je her computer- und später internet-affin war. Entsprechend gut sind hier bis heute die Aktivierungs-Effekte. Eher überraschend ist, dass sich auch die Bewegung in Stuttgart so schnell digital organisiert. Das hat ihr große Vorteile in der Auseinandersetzung mit den Staatsorganen gebracht. Vor allem wenn diese technisch nur mit dem Hilfsmittel des Polizeifunks mithalten kann. (Und der ist bis heute noch analog, oder?) Schön kurios. Die Verfechter der baulichen Moderne (Bahnhof im Untergrund) kämpfen mit veralteten, analogen medialen Mitteln gegen konservative Bewahrer, die bei ihrem Kampf auf modernste digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Politik per SMS

Die mangelnde digitale Kompetenz in Sachen Promotion und Kommunikation ist typisch für die Politik. Hier wird Digitalität nicht gelebt, sondern eher versucht, sie mit legislativen Mitteln in Griff zu bekommen. Es reicht eben nicht, Politik per SMS zu können, wie sie Angela Merkel praktiziert. SMS beweist keinerlei digitale Kompetenz. Und immer mal wieder eine Videoansprache auf YouTube einzustellen, zeigt keine Social Media-Kompetenz. Wie will solch ein Apparat auf die Netzwerkkräfte einer digitalen Vernetzung und auf die tief emotionalisierende Überzeugungskraft einer Mobilisierung über kenntnisreich und authentisch genutzte Social Media mithalten?

Es ist ja kein Zufall, dass es schon als Schritt in die Gegenwart gesehen wird, wenn statt eines Print-Journalisten, wie es seit je üblich war, jetzt mit Steffen Seibert ein TV-Anchorman zum offiziellen Sprachrohr der Kanzlerin gemacht wird. Wie lange wird es noch dauern, bis ein Mensch, der mit dem Internet aufgewachsen ist und in Social Media vernetzt ist, Pressesprecher wird – oder wenigstens Steffen Seibert entsprechend unterstützt. (Obama macht das schon längst…)

Pyramide der Macht

Digitale Kompetenz wird aber so lange in der Politik und der staatlichen Verwaltung nicht möglich sein, solange hier noch im alten hierarchischen Denken verharrt wird. Und das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Denn gerade diese Pyramide der Macht, gerade das lustvoll gelebte Ober-sticht-Unter-Prinzip macht doch den speziellen Reiz der Politik aus. Gäbe es nicht die Aussicht, reale Macht zu haben und ausüben zu können, welch halbwegs vernünftiger Mensch würde sich den Tort der Kärrnertour durch die Parteiorganisationen – und die stete Frustration mit den uneinsichtigen Wählern – antun, die so gar nicht verstehen wollen, welch segensreiche Entschlüsse die Politik für sie fällt. Politiker ohne Lust an der Macht, die müssen erst noch erfunden werden…

Vielleicht wäre inhaltliche Arbeit besser als jeder Versuch, hässliche Geschenke an die uneinsichtige Wählerschaft wohlfeil zu verpacken. Das hat keine Chance, also packt es lieber nicht neu ein!

Digitalität & Eleganz


Lineare, euklidische Bilder

Meine Eltern stammen noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. War es die Kriegszeit oder das Erbe der Vorgängergeneration, sie schleppten ein Leben lang eigenartige Bilder und Vorstellungen mit sich herum, die ihr Denken bestimmten – und damit auch die in späteren Jahren unausweichlichen Sorgen und Ratschläge: „Übernimm dich nicht!“ Das bekam ich immer wieder zu hören.

Dahinter steckte die unausrottbare Vorstellung, wir Menschen hätten nur eine ganz bestimmte Menge an Kraft, an Nerven und/oder Gehirnzellen. Und damit hatte man sorgsam umzugehen, um sie ja nicht zu schnell aufzubrauchen. Also immer ganz langsam und vorsichtig, damit man im Alter noch übrig hat: Kraft, Gesundheit, Nerven, Gehirnzellen.

Ein anderes unausrottbares Gedanken-Bild waren Pyramiden bzw. Dreiecke. Alles hatte wie einst das klassische Drama einen kontinuierlichen Aufstieg bis zu einem Kulminationspunkt – und von da an ging es unweigerlich abwärts. Das war so. Nur der höchste Punkt und die Steilheit des Auf- bzw. Abstiegs waren der persönlichen Gestaltung überlassen. Das war das Bild für das persönliche Leben – und ganz brav nahm man dann auch irgendwann das Abwärts als gegeben hin.

Hierarchisches Denken

Das Dreieck bestimmte Karrieren, Familienschicksale (Buddenbrooks!), ja die komplette Historie. Und auch die Gesellschaft an sich wurde seither logisch als Pyramide definiert, schön hierarchisch aufeinander gestapelt, je nach Macht und Einfluss (und Reichtum), je nach politischer Richtung etwas steiler oder flacher.

Unser Leben, d.h. der Generation, die ihre Prägung und Sozialisation in der vor-digitalen Zeit erhalten hat, ist voller solch linearer und geometrischer Bilder. Alles, was sich nicht in solche Formen fassen – oder pressen – ließ, galt als ungeordnet, als chaotisch, nicht akzeptabel, als intellektuell unanständig. Schon die Rundung, die sich mit der nie recht zu fassenden Kreiszahl π einer klaren Definition entzog und deshalb als irrationale bzw. transzendentale Zahl gilt, war schon etwas anrüchig.

Wirre Zahlenmuster

So gesehen ist die Akzeptanz der Digitalität zugleich ein kulturelles und ästhetisches Problem. Zum einen fehlen uns die Bilder, die euklidischen Symbole, um die Digitalität in unserem Denkgebäude heimelig unterbringen zu können.

Die Idee, sich statt schöner linearer Verläufe oder vertrauter euklidischer Formen bei der Digitalität eine Unmenge erratisch verteilter Zahlen oder eine wirre, unendliche Folge von „Nullen“ und „Einsen“ vorstellen zu können, tut regelrecht körperlich weh. Man denke nur an die ewig gleichen, untauglichen Versuche, Programme und digitale Daten grafisch oder optisch irgendwie darstellen zu können.

Nebulöse Wolken

Nicht umsonst hat man sich schließlich auf ein solch nebulöses Symbol wie eine Wolke geeinigt, um die Unmenge von Datenkonvoluten in Grafiken und Funktionsplänen darzustellen. Daraus wurde letztendlich, dass wir unsere Daten jetzt in einer „Cloud“ speichern.

Weil die reale physikalische Heimat von global in Speichern und Rechnern wild herum vagabundierenden Daten nicht mehr zu lokalisieren ist, wurde der „nebulöse“ Begriff einer Wolke („Cloud“) gewählt. Ein wahrer Tort für unsere klare Formen und Linien gewohnte Vorstellungskraft.

Eleganter Code

Ich habe wirklich während meines Studiums Ende der 70er-Jahre auch die Grundlagen des Programmierens gelernt. Am Ende des Grundkurses in „Logo“ konnte ich schon einfache Anwendungen programmieren. Als es dann aber daran ging, aberhunderte von Daten in Lochkarten zu erfassen und dafür ein Programm zu schreiben, gewann mein innerer Schweinehund haushoch gegen meine technische Neugier. Und die Rezeptionsforschung musste ohne solide Datenanalyse weiterhin im Ungefähren forschen.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Zusammentreffen mit Programmierern in den Frühzeiten des (deutschen) Onlinebusiness. Da war noch nicht die Rede von HTML und www. Damals dachte man – analog zum Erfolg von Compuserve – ausschließlich in eigens entwickelten, proprietären Programmen („Interchange“ von ZiffDavis!), mit denen Informationen und Daten – gegen Bezahlung, versteht sich – Abonnenten zugänglich gemacht werden sollten. Entsprechend hakelig und buggy war die Performance.

Die Faszination des Apfelmännchens

Damals hörte ich die Programmierkollegen das erste Mal von einem „eleganten“ Code sprechen. Das war mit einer derartigen Ehrfurcht und Bewunderung intoniert, dass mir sofort jeder Scherz darüber verging. Seitdem wurde mir allmählich immer klarer, dass meine hergebrachte Idee von Schönheit und Eleganz arg beschränkt war. Es gibt gerade auch in der digitalen Welt eine Schönheit und Eleganz. Nur leider entzieht sie sich wehrhaft aller Assoziation mit hergebrachten Schönheits- und Ebenheitsmodellen.

Wie, bitte, sollte man auch die wundersamen Multiplikations- und Exponential-Effekte von Netzwerken darstellen, wie Crowd-Sourcing, wie die Verknüpfung scheinbar disparater Daten, wie das Mashups tun? Wie soll man die positive Kraft sozialer Netzwerke grafisch umsetzen oder wie Location Based Services? Der einzige digitale Service, der hier vom Namen und dem grafischen Äquivalent überzeugen kann, ist Twitter (Zwitscherer) mit seinem allerliebsten blauen Spatzen.

Der Digitalität insgesamt fehlt ein faszinierendes Symbol, wie es dem Mathematiker Benoit Mandelbrot mit dem „Apfelmännchen“, der wunderschönen Visualisierung der Mandelbrotmenge, gelungen ist, der Unansehnlichkeit der Idee des „Chaos“ durch ein kultisches Symbol ein Ende zu setzen. Hier fehlt noch eine zündende und funktionierende Idee, wie Digitalität optisch attraktiv umgesetzt werden kann. Der grüne Datenregen in „Matrix“ war dazu ein ungeeigneter Versuch.

Mach mich nicht nass!


Des Nichtschwimmers Argumente

Es ist ein wenig so, wie wenn ein überzeugter Nichtschwimmer am Rande eines Schwimmbeckens an die sich dort fröhlich vergnügende Schwimmergemeinde predigt und vor den Gefahren des Badens im Seichten und Tiefen warnt. Baden ist gefährlich. Wenn man nass ist, kann man sich erkälten. Man kann aus Versehen Wasser schlucken. Das kann von Menschen mit wenig Hemmungen auch ein wenig verunreinigt sein. Bei Springen vom Turm oder auf Wasserrutschen kann man sich blaue Flecken holen. Und ja, man kann sogar ertrinken dabei. Und Schwimmbadbesitzer machen mit dem Ganzen sogar Geld.

Alle diese Argumente stimmen ja. Ohne Frage. Und trotzdem hören die Menschen nicht auf, baden zu gehen. Selbst solche, die noch nicht mal zu schwimmen gelernt haben. (Dann wird es sogar richtig gefährlich.) Es macht ihnen sichtlich Spaß. Und die Risiken, die schlagen sie in den Wind.

Selber schuld

An diese Allegorie erinnern die meisten der Stimmen, die enthusiastisch bis hysterisch vor den Abgründen und Gefahren der Social Networks, vorzugsweise Facebook und Twitter warnen. Thilo Weichert etwa, der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, ließ sich auf der „Netzpolitischen Soiree“ der Grünen, am 10. September 2010 in Berlin zu einer Philippika gegen Google und alle Sozialen Netzwerke hinreißen, die Jeff Jarvis, der ebenfalls Gast dieser Veranstaltung war, bissig unter dem Titel „Oh, those Germans“ in seinem Blog buzzmachine.com dokumentierte und kommentierte.

Höhepunkt der fachlichen Selbstdemontage von Thilo Weichert war der Satz: „Solange die Deutschen so dumm sind, dass sie diese Suchmaschine (Google!) nutzen, haben sie es nicht besser verdient.“ Die Begründung: „Google nutzt seine Daten um mich zu manipulieren.“ (???) Wer so ideologieverbohrt argumentiert hat weder die digitale Welt noch den dort nötigen Datenschutz verstanden. Und wie am Nichtschwimmerbeispiel gezeigt: von außen lässt sich am besten irren.

6 mal gegen Facebook

Noch typischer ist diesen Irrweg ausgerechnet der Chefredakteur des britischen WIRED, David Rowan, gegangen. Er hat ganz stolz zum Besten gegeben, warum er nicht in Facebook ist – und je zu sein gedenkt. Sechs Gründe gibt er an, größtenteils die üblichen, wenn es um Facebook-Bashing geht:
1. Facebook ist eine Privatfirma – und die führt per se nichts Gutes im Schilde, sondern nur Kommerz (Thilo Weichert lässt grüßen).
2.  Facebook macht es schwer, sich immer wieder neu zu erfinden.
3. Private Daten können missbraucht werden…
4.  … und zwar gegen einen persönlich.
5.  Wenn man sich daneben benimmt, bleibt das für immer gespeichert.
6.  Sozialer Diskurs wird kommerzialisiert.

Solche Argumente kommen sichtlich von außen. Ähnlich wie bei der Allegorie des Nichtschwimmers am Anfang sind sie nicht per se falsch. Nur treffen sie nicht den Kern der Sache. Es sind die Argumente eines Menschen, der sich auf etwas Neues nicht einlassen will und etwas verkrampft rationale Gründe für seine Haltung sucht. Natürlich ist es nicht verkehrt, auf Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Aber das alles ist keine sinnvolle Argumentation, bei Facebook & Co. nicht mitzumachen.

Richtig ist, dass die Vorteile der Sozialen Netzwerke sofort und in vollem Umfang zu genießen sind. Deswegen ist die Facebook-Gemeinde in aberwitzig kurzer Zeit auf eine halbe Milliarde Menschen angewachsen. Mögliche Nachteile oder Probleme sind garantiert erst sehr viel später zu erleben. Diese Asymmetrie ist typisch für digitale Errungenschaften. Aber gerade der Erfolg in dieser Dimension schützt zugleich vor exorbitantem Missbrauch. Die Konsumentenmacht ist viel zu groß, um missbraucht werden zu können.

Leben als Betriebssystem

Besonders entlarvend für die Denkweise von David Rowan ist sein zweiter Ablehnungsgrund. Facebook mache es schwerer, sich neu zu erfinden. Hier zeigt sich, dass Rowan eine sehr antiquierte Lebensidee hat, man könnte es glatt solitär nennen: Man lebt (ungeniert?) sein Leben und wenn es nicht mehr klappt oder man sich zu sehr daneben benommen hat, fängt man halt neu ganz von vorne an.

Das erinnert an den Umgang mit Windows-PCs, die man halt im Notfall wieder neu hochfährt, aber so etwas hat nichts mit dem Leben zu tun, das man heute zu leben genießt. Ich bin jedenfalls um jede Anregung, um jede Idee, um jede Alternative froh, um jedes neue Argument, auch um jede Meinung, die mir konträr entgegen steht, die mich in meinem täglich gelebten Leben weiter bringt. Und immer mehr dieser Anregungen/Ideen/etc. kommen von meiner „Netzwerkfamilie“ bei Facebook oder meinem „Inspirationskreis“ bei Twitter.

Das Leben ist kein Betriebssystem, das wenn es nicht funktioniert, neu gestartet werden kann. Ein Leben ist ein Prozess. Und je spannender, je abwechslungsreicher und befruchtender dieser ist, um so besser. Wenn ich zurück schaue, dann lebe ich heute ein völlig anderes Leben als vor 10, als vor 20 oder 30 Jahren. Aber das, ohne je einen kompletten Neuanfang gemacht zu haben. Sondern als spannenden Prozess mit allen Höhen und Tiefen.

Kein Leben, das ich glücklicherweise nie vom Beckenrand aus beobachtet oder kommentiert habe, sondern wo ich mitten drin war. Mit allen Risiken, sich nass zu machen, Wasser zu schlucken und auch mal Angst zu haben, zu ertrinken. – Fragt sich, wie sich wohl ein Leben vom Beckenrand aus lebt, Mr. Rowan? Ich jedenfalls möchte nicht nur dort stehen und zuschauen – und „schlaue“ Kommentare abgeben.

Ist der Ruf erst ruiniert…


Aggressive Feindbilder und düstere Prognosen

Die ZEIT titelt: „Feindbild Google“. Der STERN unkt: „Big Brother Google“. Und den Vogel schießt Chris Anderson in Wired ab: „The Web is dead!“ (Immerhin geht der Satz weiter: „Long Live the Internet.“) Das  Internet und ganz speziell der Suchgigant Google stehen unter Beschuss. Und keine Angst, bald wird auch wieder Facebook gebasht werden. Facebook Places, dessen neuer Location Service, wird garantiert dafür sorgen. Vor allem wenn er erfolgreich ist.

Es scheint so, als würden alle Ängste, alle Sorgen, alle Hassgefühle gegen das Internet sich Bahn brechen. Schon lang waren das Internet und seine führenden Protagonisten (und finanzielle Nutznießer) so in der Kritik. Und noch selten mit solch kuriosen Argumenten und solch kreischendem Unwissen wie in der Debatte um Google StreetView. – Wer bitte sonnt sich nackt zur Straßenseite hin genau in dem Moment, wenn alle drei bis fünf Jahre der Google-Fotowagen vorbei fährt? Aber so etwas ängstigt etwa Jeanette Biedermann.

An dieser Stelle könnte man sich fürchterlich aufregen. Vorzugsweise über die Kollegen auf der Printseite, die nun völlig ungeniert Ängste schüren, um die Konkurrenz madig zu machen. Oder auch über die Ignoranz von Politikern, die in dem Thema Profilierungspotential sehen. Man könnte aber auch beiläufig mit den Schultern zucken nach dem Motto: Was kümmert’s die Eiche, wenn eine Sau sich dran kratzt?

Aber es gibt auch noch eine dritte Option. Man freut sich ein Loch in den Bauch, dass das Internet dabei ist, endlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Die Aggression findet inzwischen auf einem solch enttechnologisierten, tumbe Ängste triggernden Niveau statt. Das zeigt, wie sehr das Internet dabei ist, nun endlich zur Selbstverständlichkeit wird.

Das Auf und Ab des Hype Cycle

Die Beratungsgesellschaft Gartner hat einst den berühmten (und berüchtigten) Hype-Cycle entwickelt. Er beschreibt das übliche Schicksal neuer Technologien in Medien und Gesellschaft.
1. Am Anfang steht der Technology Trigger. Neue Ideen, Produkte und Erfindungen werden bestaunt und euphorisch beschrieben.
2. Immer mehr Medien nehmen das Thema, wenn es vielversprechend, also hype-fähig ist, auf und entwickeln immer phatasievollere, immer phantastischere Optionen, was damit alles zu machen ist. Das geht steil empor bis zum Peak of Inflated Expectation.
3.  Irgendwann, wenn die Erwartungen ins Absurde abkippen und der Gedanke ausgereizt ist, weicht die Euphorie, es wird die Nase gerümpft und alles wird niedergeschrieben. Bis hinunter ins Tal der Desillusion, den Trough of Disillusionment, wo das Thema dann (vermeintlich) durch ist.
4. Jetzt erst ist der Weg frei für eine ernsthafte Beschäftigung mit dieser neuen Idee, Technologie oder diesem Produkt. Jetzt kommen die ersten ernsthaften und realistischen Einschätzungen. Es geht nun wieder aufwärts im Imagewert – und der Börsenbewertung. Das ist der Slope of Enlightment.
5. Und erst jetzt, nachdem es von „himmelhochjauchzend“ über „zu Tode betrübt“ gegangen ist, pendelt sich ein neues Thema auf einem realistischen Level ein – und nun erst kann Idee/Technologie/Produkt sein volles Potential ausspielen – auf dem Plateau of Productivity.

Jenseits des Hype-Cycle

Das Internet ist da aber schon längst raus, den Hype-Cycle hat es spätestens zur Jahrtausendwende hinter sich gelassen. Jetzt geht es um die breite gesellschaftliche Akzeptanz. Und da macht sich das Internet nicht nur daran, ein neues Medium, vielleicht sogar ein Leitmedium zu werden. Nein, es ist dabei, die generelle Plattform für alle (digitale) Kommunikation zu werden. Daher auch die so vehementen Angriffe all derer, die bisher die Bedeutungsmacht über die Medien hatten (oder es zu haben meinten): die Verlagshäuser und TV-Sender – und die Politiker.

Nein, das Internet macht sich wirklich daran, im Zentrum all unserer Kommunikation zu stehen. Es verändert die Machtstrukturen in der Gesellschaft. Und das heißt, jeder Mensch, der in Zukunft in der Gesellschaft aktiv sein will, muss sich mit dem Internet auseinandersetzen – und die Mehrheit der im analogen Zeitalter Aufgewachsenen muss viel dazu lernen.

Vor allem geht es darum, die Vor- und Nachteile besser einschätzen zu lernen. Denn jetzt rächt sich, dass gerade die Social Media Vor- und Nachteile so asymmetrisch verteilen. Die Vorteile, also sofortige Verbindung, Nähe oder Vertrautheit, werden mit einer ganz neuen Datensammel-Kultur erkauft. Deren negative Auswirkungen erlebt man, wenn überhaupt, erst sehr, sehr viel später. Aus dieser Asymmetrie erklärt sich vielleicht der kuriose Vorschlag von Google-CEO Eric Schmidt, dass man einen neuen Namen erhalten sollte, wenn sich genug belastendes Material im Internet, oder genauer: in den Google-Datenbanken, angesammelt hat.

Ein ebenso ungelenker wie absurder Vorschlag. Schließlich sind Namen im Internet sowieso egal. Die Bedrohung ist das Raster aus erfassten Daten, das wie ein Fingerabdruck unzweifelhaft einer bestimmten Person zugeordnet werden kann. Eric Schmidts Vorschlag ist insofern ein wenig unheimlich, als dass man bisher davon ausgehen konnte, dass bei aller Sammelwut von Google damit technisch noch nicht viel angefangen werden kann – und dass Datenmuster schon gar nicht gegen jemanden verwendt werden konnten, weil sonst der Ruf von Google unheilbar für immer ruiniert wäre. Personalisierte Werbung in Ehren, die Bedrohung durch Datenkraken geht viel weiter, vor allem, wenn sie nicht demokratisch kontrolliert werden.

White Noise

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert.“ Das ist jetzt der Prozess, den das Internet durchmachen muss. Alle überhöhten Erwartungen müssen geschliffen werden, aber genauso alle Vorteile endlich realistisch genutzt werden. Und dasselbe gilt auch für uns. Auch für uns könnte der Sinnspruch mit dem ungenierten Leben mit ruiniertem Ruf gelten.

Mir schwebte schon seit je her die Idee vor Augen, allzu große Neugier der Datensammler durch „White Noise“, ein undurchschaubares, nicht ausrechenbares, widersprüchliches Gewirr aus (fiktiven) persönlichen Daten, auszubremsen. Vorzugsweise sollten das intelligente Bots für mich machen: einen kuriosen Mix aus tiefer Papstverehrung und Porno-Nutzung, Schmetterlings-Sammeln und abstrakter Kunst, Bach-Etüden und Motörhead usw. usw. usw.

Ich gebe zu, ein ziemlich schwieriges Unterfangen, solchen White Noise wirkungsvoll zu programmieren. Denn wir hybriden Konsumenten schaffen sowieso schon viel zu viele absurde Widersprüche in unserem Konsumverhalten. Ich wüsste zu gerne, ob Google daraus wirklich sinnvoll verwendbare Strukturen herausinterpretieren kann.

Verklärte Erinnerungen

Mich tröstet bislang, dass ich auf meinem Gmail-Account noch immer ein Familienhotel bei mir um die Ecke in Erding angeboten bekomme. Sehr absurd, denn genau dort brauche ich ein Hotelzimmer am wenigsten. Schließlich habe ich dort ein sehr bequemes Bett und alle Annehmlichkeiten unseres netten Zuhauses. Solange das Wissen über mich nur so weit geht, dass ich in der Nähe von Erding wohne, bin ich zutiefst beruhigt. Ich muss also keinesfalls in absehbarer Zeit meinen Namen ändern. Vor allem wegen der Gnade der frühen Geburt. Zu meinen wilden Zeiten gab es kein Internet. Ja nicht mal digitale Kameras. Und alle Belastungszeugen von damals sind seltsam milde geworden, was ihre Erinnerungen angeht.

Die Verklärung und Verdrängung, die unser Gehirn so gut beherrscht, das müssen Google, Facebook & Co. noch unbedingt lernen…

Die Pixel-Diebe


Google Streetview und digitale Ängste

Google Streetview funktioniert jetzt schon in vielen Ländern. Unter anderem solchen aus unserem Kulturkreis wie Frankreich, Holland, Italien oder der Schweiz. Wie Streetview funktioniert und welche Bildschärfe möglich ist, das sieht man bei einem Besuch von Amsterdam, Mailand, Paris, London oder Zürich auf Google Maps. Dort kann man auch mal mit dem gelben Signet-Männchen in die Nebenstraßen abschweifen und entdecken, wie viele wirklich lohnende Objekte für Diebe und Einbrecher hier zu finden sind und wie detailliert Informationen für Einbrecher in diesem Monster von Service zu gewinnen sind.

Ich gebe zu, ich habe nie als Einbrecher gearbeitet und meine Kompetenz in dieser Branche ist daher recht bescheiden. Eigentlich ist es nur angelesenes Wissen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie die Herren sich da digital durch die diversen, vielversprechenden Nebenstraßen durchklicken, bis sie das Objekt ihrer Begierde gefunden haben. Und schwupps, mit einem Klick haben sie dann ihr Opfer ausbaldowert.

Bei aller Qualität der Bilder, bei der Bildschärfe selbst im Zoom-Modus und auch im 3-D-Modus – die Sicherungen der Fenster, Alarmanlagen, die Sichtachsen, die Bewohntheit der Objekte, das alles lässt sich mit Google Streetview nicht wirklich recherchieren. Ich habe den schweren Verdacht, dass Einbrechertrupps, die sich allein auf dieses Tool verlassen, nicht sehr erfolgreich sein werden.

Pixel als Orientierungshilfe für Diebe

Der Verdacht liegt nahe, dass sich all die Hausbesitzer, die sich zum Beispiel im Münchner Umland (wo Google Streetview noch gar nicht zur Debatte steht) empören, dass jetzt Einbrechern Tür und Tor geöffnet sind, sich nie mit dem Service selbst befasst haben. Und natürlich können sie so auch gar nicht die Vorzüge solch eines wirklich hilfreichen Navigationstools erkennen. Unterstützt von erratischen Politikern, die ihre Behausungen bei Google Streetview auspixeln lassen, fangen auch sie an, ihre Häuser aus dem Service tilgen zu lassen. (Einen wunderschönen Artikel dazu hat Anatol Stefanowitsch geschrieben.)

Das ist nun aber auch eine wirklich intelligente Methode, möglichen Dieben klar zu machen, dass hier attraktive Einsatzgebiete existieren. Wer etwas zu verbergen hat, wer solche Angst vor Einbrechern hat, der muss in seinen vier Wänden ja große Schätze verborgen haben. Also müssen sich die oben beschriebenen digitalen Einbrecherbanden künftig nur daran orientieren, wer sein Domizil auspixeln hat lassen. – Danach, zugegeben, müssen sie sich doch noch persönlich vor Ort begeben, um ein wenig zu recherchieren – um dann, wenn man dann schon mal da ist, zuzuschlagen.

Apropos Politiker und Pixel-Tarnung. Irgendwie scheint ihr Drang in die Öffentlichkeit an dieser Stelle kurios zu enden. Dabei ist es doch irgendwie interessant, welche Dimensionen ein Zuhause eines von der Bevölkerung gewählten – und bezahlten – StaatsDIENERS hat. Abgesehen davon, kann man die Adressen der Herren und Damen Politiker nicht so einfach recherchieren. Nicht mal per Google. Und schon gar nicht per Streetview. In den USA war übrigens der einzige Politiker, der sein Zuhause auspixeln ließ, der umstrittene Ex-Vizepräsident Dick Cheney. (So berichtet es SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye in seinem Twitter-Channel akreye.)

Gardinen und Makellosigkeit

Ich erinnere mich noch gut an den Zinnober, den meine Mutter um die Gardinen im Haus betrieb. Die mussten möglichst immer geschlossen und natürlich blütenweiß sein. Das war ein schwieriges Unterfangen mit einem Ehemann im Haus, der täglich eine (!) Zigarette (Orient-Tabak, filterlos) und eine Zigarre (1 DM) rauchte. Da galt es immer wieder – unter Wehklagen – die Gardinen abzunehmen, die Stoffmengen zu waschen und zu trocknen. Viel Aufwand für perfekten Sichtschutz.

Kurioserweise nahm die Angst, man könne ins (Reihen-)Haus hineinschauen, im Sommer rapide ab. Da wurde auf der Terrasse gelebt, alle Fenster standen offen und die Gardinen waren aufgezogen. Und wenn es abends warm war, blieb das auch so bis zum Schlafengehen. Befragt vom neugierigen Kindermund (meinem), warum andere Leute ein paar Straßen weiter gar keine Gardinen hatten, wurde man aufgeklärt, dass das sicher Protestanten wären, da könne man immer in die Häuser hineinsehen. Wir Katholiken hatten da wohl mehr zu verbergen…

Das Prinzip des gardinenlosen Protestantismus wurde mir später auch wirklich so erklärt, dass die Angehörigen dieser Konfession immer offen allen Nachbarn zeigen wollten, dass sie nichts zu verbergen hätten und dass sie ein sie ein makelloses Leben führen würden. – Als Barbara und ich dann unsere erste gemeinsame Wohnung hatten, führten wir zwar nicht unbedingt ein makelloses Leben, aber Vorhänge hatten wir nicht. Schon aus Kostengründen – und überhaupt. Gardinen nicht waschen zu müssen empfanden wir nach der Erfahrung des Gardinenwaschzwangs unserer Mütter als echte Befreiung.

Deutsche Digitalphobie

Diesen Gardinenwahn scheint sich Deutschland bis ins digitale Zeitalter bewahrt zu haben. Die Phobie, auch nur die Außenfassade (oder die Hecken und Mauern davor), im Internet sichtbar zu machen, ist ebenso absurd wie dann schon wieder interessant. Wie schwach muss es um das Selbstbewusstsein solcher Menschen bestellt sein, dass sie Streetview so emotional ablehnen. Wie kränkbar müssen solche Menschen sein? Hauptargument dagegen ist meist: „Google hat mich ja nicht gefragt, ob ich das will.“ Und wie ängstlich muss ein Volk sein, das den Umstand, die Öffentlichkeit überall auch digital offen sichtbar zu machen, als Unterstützung von Diebesbanden fürchtet.

Ich schätze Europa – und Deutschland – und die Kultur hier, weil sie so mannigfaltig ist. Ich liebe die Gelassenheit und Selbstverständlichkeit von so vielen Menschen, gerade auch hier außerhalb der großen Stadt. Ich fand es gerade in Amerika immer wieder befremdlich, wieviel Paranoia und Angst in jedem John Doe (dem amerikanischen Herrn Jedermann) zu entdecken sind, gegen die als Hilfsmittel nur Waffen helfen. Wie enspannend und souverän finde ich die vielen, weiten Gegenden etwa auf dem Land, wo Türen nicht abgeschlossen sind. Auch nachts nicht.

Google ist evil

Zugegeben, ich schließe meine Türe ab. Aber das hat Versicherungsgründe. Aber ich habe keine Angst. Nicht vor Dieben, nicht vor Streetview. Aber was mir Sorgen bereitet, das ist der Angriff von Google (und Verizon) auf die Netzneutralität. Hier ist Google evil! Hier wäre es wirklich angebracht, meine verehrten Damen und Herren Politiker dass man sich kümmert. Hier gehört ein Gesetz her – und keines zum Thema Streetview. Aber da hört man nichts. Das scheint weit außerhalb des Kompetenz- und Interessensrahmens zu liegen. Ist ja auch klar. Mit Angstmache lassen sich Wähler anscheinend besser fangen als mit der Sorge um Freiheits- und Gleichheitsprinzipien.

Apropos: Ich habe den Aufruf für Netzneutralität bereits unterzeichnet. Wäre nett, wenn es ganz viele andere tun. Es ist ganz einfach und geht ganz fix: Pro Netzneutralität. – Danke!

Storytelling & Mythen


Was ist Journalismus heute? Und was Storytelling?

Jeff Jarvis, Medien-Vordenker, -Quertreiber und Kongress-Talisman, hat in seinem (stets lesenswerten) Blog BuzzMachine.com den Journalismus neu zu definieren versucht. Anders als das Gros der Journalisten sieht er in gutem Journalismus nicht nur ein perfektes Storytelling, sondern eine Unmenge neuer Aufgabenfelder. Das geht bei ihm über das intelligente Sammeln und Aufbereiten von Daten über Herstellen und Betreuung von Kommunikationsplattformen und Organisation von Crowdsourcing und Betreuung von Wissen (Wikipedia) bis hin zur Erstellung von sinnvollen Algorithmen, die Informationen aufbereiten und einordnen etc.

Diese Liste ließe sich noch sinnvoll erweitern, wenn man einen Blick in die Zukunft wagt. Journalismus bedeutet künftig auch das Erstellen von Story-Drehbüchern, also die multimediale, mal pädagogische und/oder spannende Inszenierung einer Information oder Geschichte. Will man in einer iPad-Version Mehrwert erzeugen, ist das unabdingbar! Auch die Organisation und Betreuung eines Hyperlocal-Services, einem Lokaljournalismus aus Eigeninitiative und die Kuratierung von Texten von User-Content werden in Zukunft Journalismus sein. Alles nicht so glamourös, wie es gerne in Journalistenschulen verkauft wird. Aber damit wird in Zukunft durchaus Geld verdient werden können, sollte man es nicht soweit schaffen, als Edelfeder zu einer eigenen, starken Autoren-Marke zu werden/werden zu wollen.

Storytelling als Ego-Trip

Das Storytelling, das Verdichten einer Geschichte zu einer Geschichte, sieht Jeff Jarvis als nur eine mögliche Aufgabe des Journalisten, und er sieht sie relativ kritisch. Zitat – frei übersetzt: „Als Erzähler einer Geschichte stellt sich der Erzähler in den Mittelpunkt, er reißt die Geschichte an sich. Das ist meine Story! Und ich entscheide, wie sie geht und erzähle sie auf meine Weise. Der Erzähler einer Geschichte übt über sie Kontrolle aus. Und es herrscht die Einbahnstraße vom Produzenten zum Rezipienten.“

So ganz falsch liegt Jarvis mit seiner Einschätzung nicht, vor allem wenn man die Selbstreflexionen der Journalisten – vor allem in der Auseinandersetzung mit dem bösen Konkurrenten Internet und speziell der Blogger-Gemeinde – sieht. Aber bei aller sinnvollen Kritik daran übersieht er ein wichtiges und vielleicht das älteste Merkmal des Storytelling, deutsch: des  Geschichtenerzählens, altdeutsch: der Moritat.

Empathie und Mythos

Wirklich gute, und gut erzählte Geschichten bringen Situationen, Stimmungen, Bedürfnisse, Emotionen, ja auch Zeitgeist so gut auf den Punkt, dass sie ihnen den Grauschleier des Unbewussten entreißen und es so wirksam machen. Sie wecken Emotionen und Erkenntnis und/oder machen sie bewusst. So entsteht dieses Wundern über einen selbst – oder die Gesellschaft oder bestimmte Phänomene, die einen berühren, ja bis zur Gänsehaut (positiv oder negativ) führen. So entsteht Empathie, so entstehen aber auch Wut und Trauer, was oft die wesentlichen Ingredienzien sind, will man etwas (einen Missstand o. ä.) ändern.

Einzug ins Ur-Gedächtnis

Wirklich gut erzählte, extraordinäre Geschichten sind im besten Fall so weit verdichtet, dass sie sich in unserem Bewusstsein festsetzen. Sie sind sozusagen das Gleitmittel, das es ermöglicht, dass Erkenntnis oder Gefühl in den begrenzten Raum unseres Langzeitgedächtnisses und unseres innersten Meme-Reservoires schaffen. So entstehen im besten Fall positive Pendants zu all den Traumata, die das Leben für uns bereit hält. So entstehen Mythen, die es bis in unser allerinnerstes Gedächtnis, das Ur-Gehirn, schaffen.

Ich bin noch heute meinem Vater so dankbar, dass er mir als Kind am Bett zum Einschlafen nicht Märchen oder Kindergeschichten vorlas, nein er erzählte mir frei aus seiner Erinnerung heraus die wilden Geschichten des Odysseus, die er auf seiner ewig langen Fahrt von Troja nach Hause zu seiner ihn liebenden Frau erlebte. Die Sirenen, die Nymphe Kalypso, den Riesen Polyphem, Skylla und Charybdis etc. Diese Geschichten sind mir bis heute lebendig vor Augen. Wahrscheinlich habe ich sie nach dem Einschlafen auch noch weitergeträumt.

Die Moritat von der Geschicht‘

Unser Bewusstsein ist voll von Mythen. Es ist die Essenz von unzähligen Geschichten, die sich die Menschheit über Jahrtausende immer weiter erzählt hat. Von Naturkatastrophen (Arche Noah), von Kriegen und Not, von Liebe und Lust, von Entdeckung von Unbekanntemn (Odyssee), von Hoffnungen und Siegen, von Dämonen und bösen Kräften (Herr der Ringe). Wir wissen heute, dass Großteile unseres Verhaltens letztendlich von diesem mythischen Innersten bestimmt werden. Um so wichtiger ist es, unser mythisches Gedächtnis von den schlimmsten und finstersten Relikten zu reinigen, etwa der Urangst und all den Dämonen einer naturreligiösen Zeit. Das geht aber nur, indem wir neue, zeitgemäße und – wenn es geht – positive Mythen hier einpflanzen.

Das ist aber nur mit wirklich neuen Geschichten möglich, die uns im Innersten anrühren. Das funktioniert nur mit perfekt erzählten Geschichten. Und dabei helfen kein iPad, kein Algorithmus und keine Datenbank weiter. Da hilft nur bestes Storytelling. Und gute Storyteller. Jarvis hat recht, wenn er bemerkt, dass Geschichtenerzähler Geschichten an sich reißen, aber dafür steckt dann auch ihr Herzblut drin. Die Moritat von der Geschicht‘: wir brauchen mehr Moritaten – und Moritatensänger. – Gerade auch im Internet.