Generation Low Cost


Nachwuchsförderung der besonderen Art

Der  Warnungen gibt es massenhaft: Das Zeitungssterben kommt. Die Verleger selbst haben in den letzten Jahren Berater über Berater engagiert, die ihnen dieses Menetekel in allen Variationen und in plastisch grauesten Farben ausgemalt haben. Aber unbeirrt davon fahren die Verleger fort, vor allem das Zeitungsbusiness gegen die Wand zu fahren, weil sie unwillens und möglicherweise unfähig sind, ihr Geschäftsmodell den heutigen Gegebenheiten, also vor allem den digitalen Medien samt Social Media anzupassen.

Der Effekt ist frappierend. Statt innezuhalten und kreative Lösungen zu entwickeln oder gar in neue Geschäftsmodelle zu investieren, justieren sie ihre Fahrtrichtung akkurat nach, dass sie auch ganz sicher die Wand frontal erwischen – und sie geben sogar noch weiter Gas. Wie anders soll man sich die Idee erklären, dass in den jetzt mit den Journalistenverbänden und -gewerkschaften verhandelten neuen Tarifverträgen vor allem Jungredakteure finanziell deutlich schlechter gestellt werden sollen als bisher üblich.

Frischer Wind unerwünscht

Ein junger Journalist braucht heute schon viel Idealismus und Enthusiasmus, um sich für den Printjournalismus zu entscheiden. Sie wissen, dass das Businessmodell der Zeitungen und General Interest-Magazine allenfalls noch zehn Jahre halbwegs halten mag und in dieser Zeit Sparmaßnahmen in immer kürzeren Zyklen zu erwarten sind. Man muss schon sehr schreibtalentiert und printverliebt sein, um heute noch unbedingt im Printjournalismus reüssieren zu wollen.

Junge Printjournalisten erinnern in ihrer Persistenz (oder Renitenz, oder Naivität) an junge Menschen, die heute unbedingt Kernkraft-Ingenieure werden wollen. Die aber werden wenigstens gut bezahlt, weil die Betreiber wissen, wie wichtig es ist, nicht nur auf die Expertise – aber auch Eingefahrenheit – der Altgedienten angewiesen zu sein. Frischer Input ist essentiell. Anders die Verleger, die wollen gerade jungen Menschen den Job durch mickrige Bezahlung noch unattraktiver machen.

Das Beispiel der Stadtzeitungen

Wie wichtig die Erneuerung eingefahrener journalistischer Routinen ist, haben wir Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre gezeigt, als die Stadtzeitungen einer ganzen Generation von jungen Blattmachern, meistens Autodidakten, die Chance gab, ihre Schreibe und ihr journalistisches Verständnis zu entwickeln – und für die Branche neu zu definieren. Nach anfänglicher Ignoranz durch  die etablierte Journaille entstand dann hartes Konkurrenzverhalten, als unsere Stadtzeitungen im Verkauf und vor allem in der Anzeigenakquise wachsenden Erfolg hatten – weil wir neue, junge Zielgruppen erreichten.

Am Ende aber wurden mit der Übernahme von uns zu Journalisten gereiften Autodidakten und der stadtzeitungsgestählten Journalistenschüler in die Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften (WIENER, Tempo & Co.) nicht nur unsere Leistungen anerkannt, sondern auch unser lebendigerer und authentischerer Stil, unser mutigerer und oft auch subjektiverer Recherche- und Schreibstil. (Siehe auch Humor & Justitia!) Das fand schließlich auch Eingang  in etablierten Medien – und erfrischte und runderneuerte diese.

Freiräume schaffen neue Ideen

Heute sind ehemalige Mitarbeiter der Redaktion der Münchner Stadtzeitung Feuilletonchefs, Ressortleiter, Büroleiter, Reporter, Kommentatoren, Kritiker, Radiojournalisten – oder sie besitzen erfolgreiche Verlage und Redaktionsbüros – oder sie sind renommierte Filmproduzenten und Talkshowhosts u.v.a. Die Kollegen aus anderen Stadtzeitungen sind und waren Chefredakteure, Trendforscher, TV-Produzenten etc.

Damals gab es für uns in den Stadtzeitungen große Freiräume, in denen wir uns als Autoren, als Reporter, als Blattmacher, als Fotografen und Blattdesigner, als Karikaturisten und Grafiker, als Vermarkter und sogar als Veranstalter ausprobieren konnten. Wir machten damals nicht alles richtig, aber wir machten alle Fehler genau zur richtigen Zeit – und das vor den Augen unserer – vor allem jungen – Leser. So wirkten wir besonders glaubwürdig und authentisch. Vor allem aber haben wir uns rapide weiterentwickelt, weil wir mit unseren eigenen steigenden Ansprüchen mithalten wollten.

Karriere statt Geld

Diese Freiräume existieren heute längst nicht mehr. Heute gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, als Quereinsteiger ins etablierte Print-Business einzusteigen. Da muss man schon von der Journalistenschule kommen, eine der raren Volontariatsstellen ergattert haben und/oder ausgiebig Praktika schrubben, um eine Festanstellung zu bekommen. Künftig, wenn die in Gewerkschaften organisierten Kollegen nicht erfolgreich streiken, dann auch noch zu deutlich verschlechterten finanziellen Konditionen.

Mit dieser Idee sparen die Verleger zwar nur Minimalsummen ein, provozieren aber, dass sich talentierte junge Kräfte vom Printjournalismus fern halten. Wer heute noch Freiräume in seiner Arbeit erleben will, geht doch vorzugsweise ins Online-Business, in die Produktion von Corporate Content, in Agenturen oder zu Video-Produktionen. Hier wird man nicht unbedingt besser entlohnt, aber man hat mehr Gestaltungsmöglichkeiten – und dazu deutlich bessere Karriereperspektiven.

Kreativer Druck von unten

Mit Medien wird in Zukunft nicht mehr so leicht das ganz große Geld zu verdienen sein, nicht ohne großen Aufwand, Talent und Risiko. Aber gerade das Printbusiness, das absehbar die größten Probleme in den Märkten der Zukunft haben wird, braucht am dringendsten frische Ideen, neue Geschäftskonzepte, neue Sichtweisen und kreative Ansätze. Um für Leute, die das bieten können, attraktiv zu sein, muss man ihnen Freiräume, freie Hand – und finanzielle Perspektiven bieten. Wer das nicht tut, verbaut sich erfolgreich die eigene Zukunft.

Das sollte doch gerade denjenigen, die immer wieder den Begriff des Qualitätsjournalismus bemühen, wichtig sein. Nur ein Redaktionskollegium, das kreativen Druck von unten, von jungen Kräften erfährt, die im besten Fall mit digitalen Medien aufgewachsen sind, kann echte Qualität entwickeln – und dauerhaft halten.

Leser-Blatt-Bindung per Kleber

Fragt sich, ob all das auch in Journalistenschulen gelehrt wird? Kümmert man sich dort nicht nur um gute Schreibe, sondern auch darum, wie man mit kreativen Ideen Medien (nicht nur Print) erfolgreich machen kann oder wie man sie erfolgreich vermarktet? Kümmert man sich dort auch darum, wie sich neue, lukrative Geschäftsfelder eröffnen lassen? Auch abseits publizistischen Glamours?

Wir haben damals bei der Münchner Stadtzeitung (und später auch beim WIENER) permanent Ideen gehabt und verwirklicht, wie wir erfolgreicher im Markt werden. Wir haben damals schon Coupons in der Zeitung gehabt (bis uns die Süddeutsche das per Gericht verboten hat!), wir haben Spiele (Brettspiele!) entwickelt, wir haben Konzerte, Wahlpartys und Filmbrunches veranstaltet, wir haben Aufkleber auf dem Titel gehabt, Bilder in 3-D samt Brille und vielerlei mehr. Wir haben Stadtbücher entwickelt und vermarktet, Sonderhefte und wir waren uns nicht zu fein, riesige Aufkleber auf Autos von Lesern zu kleben. (Das war Leser-Blatt-Bindung in des Wortes klebrigster Bedeutung!)

Mann, waren wir toll! – Waren wir das wirklich? Ein bisschen vielleicht. Vor allem aber hatten wir freie Hand, konnten und wollten Neues und vieles anders machen. Wir wurden nicht nur gelassen, sondern vom Verleger Arno Hess ermuntert und ermutigt. Und wir wurden dafür auch bezahlt. Nicht übermäßig, aber für uns war das damals schön verdientes Geld. Und wir konnten uns weiterentwickeln…

Reise nach Analogien


Inseln des analogen Business

Es ist gar nicht so weit nach Mittelitalien. Zwei Stunden mit dem Flugzeug, acht mit dem Auto, elf mit dem Zug. Und doch kommt man in einem ganz anderen Land an, einem, in dem noch die analoge Kultur herrscht, in dem Business noch mündlich verhandelt und auf Papier dokumentiert wird. Der Effekt: eine Zeitreise zehn bis 15 Jahre in die Vergangenheit. Eine Reise ins Analoge, nach Analogien, wenn man so will. Man staunt und ist auch irgendwie amüsiert, wenn man zusieht, wie hier viel, viel (geduldiges?) Papier traktiert wird – und massenhaft Zeit verbrannt wird.

Das schönste Beispiel sind die Banken. Bei der Eröffnung unseres Kontos in Italien waren drei Termine, geschätzte drei Stunden Zeit und viele, viele Diskussionen nötig. Es sind unendlich viele Formulare auszufüllen – mit immer wieder denselben Inhalten. Alle Vornamen, auch die der Eltern, werden erfasst und natürlich werden alle nötigen Ausweise, Nachweise etc. sorgfältig kopiert, oft auch mehrmals. Am Ende solch eines länglichen Prozesses kommt ein ansehnliches Aktenbündel zusammen. Ein Computer kommt bei dem Prozess nicht ins Spiel, irgendwer scheint die Angaben später einzugeben.

Computer als Teufelswerk

Das erinnert schwer an die Zeit, als auch in Deutschland noch der Computer als Teufelswerk angesehen wurde, das ausnahmslos dazu erfunden wurde, um Arbeitsplätze zu vernichten. So wurde mir einst glaubhaft versichert, dass in der Redaktion der „Zeit“ alle Artikel, die durchaus an Computern entstanden, konsequent ausgedruckt wurden und dann noch einmal neu ins Redaktionssystem eingegeben wurden, um die Setzer nicht arbeitslos zu machen.

Schecks werden in Italien auf dem Lande auch nicht etwa von Computerdruckern erstellt, sondern mit urtümlich aussehenden Druckmaschinen, bei denen mit viel Kraftaufwand Namen und Kontonummer händisch eingestellt werden müssen und dann mechanisch eingestanzt werden. Das schaut super aus, aber es dauert. Aber weit mehr Zeit verschlingt der Umstand, dass jede noch so kleine Entscheidung, und sei es eine Auszahlung von 100 Euro, nie von einem Bankangestellten alleine erledigt werden kann. Eigentlich ist in jeden Geschäftsvorgang jeder der auch in der kleinen Filiale zahlreich vertretenen Bankangestellten involviert. Mindestens abnicken oder zur Kenntnis nehmen muss jeder im Raum.

Kein Wunder, dass die Bankgebühren in Italien am höchsten sind – und verständlich, dass man bei der einstigen HypoVereinsbank immer wieder hinter vorgehaltener Hand laut jammert, dass hierzulande durch immer neue Sparmaßnahmen der aufgeblähte Personalapparat der italienischen Konzernmutter UniCredit finanziert werden muss.

Bürokratie als Peep-Show

Selbst wenn ein Konto per Computer eröffnet wird, dauert das in Mittelitalien geschlagene 75 Minuten. So erlebt in einer Filiale der Postsparkasse. Denn auch hier müssen unendlich viele Formulare ausgefüllt werden. Das passiert zwar am Computer, aber dann wird alles zur Unterschrift ausgedruckt. Auch hier kommt so ein dickes Aktenkonvolut zusammen. Und es dauert, auch weil der Computer gerne streikt und dann neu gestartet werden muss. In der Zwischenzeit ruhte für die 75 Minuten der gesamte Geschäftsverkehr in der (kleinen) Postfiliale und jeder der (geduldig wartenden) Postkunden bekam den Vorgang in seinem ganzen Ausmaß live mit. Bürokratie als soziale Peep-Show sozusagen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Zeit in Italien mit Warterei verbrannt wird. Das wird geduldig ertragen, ist halt längst erlernt. Man wird sogar als Deutscher geduldig, angesteckt von der Hingabe ans Warten. Aber wer solch eine sinnlose Zeitverschwendung als wohltuende Langsamkeit und langsamere Taktung des Lebens verklären will, der liegt falsch. Wenn man das erste Mal solch ausufernde Warterei erlebt, staunt man noch über die ausgefeilte Zeitvernichtung und amüsiert sich sogar ein wenig darüber, weil es oft kabarettistische Qualität hat. Etwa wenn die Mitarbeiter streiten, welches denn nun das richtige Formular ist. Der Kompromiss: beide werden ausgefüllt. Aber bei jedem weiteren Mal langen Wartens realisiert man immer mehr, wie viel Zeit so vielen Menschen gestohlen wird, die um einen herum stoisch warten.

Organisierte Zeitvernichtung

Und irgendwann realisiert man, dass das bei uns einst ähnlich war. Vielleicht nicht ganz so exzessiv wie in Italien, wo man schließlich auch die Bürokratie – und später das Bankwesen mit all seinen (Dys-)Funktionalitäten einst erfunden hat. Das scheint zu verpflichten. Aber auch uns hier wurde einst so viel Zeit gestohlen. Die digitale Technik hat sie uns zurückgegeben. Fragt sich, wofür wir sie nutzen? Vernünftig und produktiv? Oder ist das Warten am Bankschalter nur die ehrliche Variante von Zeitvernichtung?

Apropos. Natürlich gibt es auch in Italien Online-Banking. Um das zu aktivieren braucht es natürlich einen eigenen Antrags- und Genehmigungsprozess mit weiteren Formularen. Nach einigem Hin und Her und neuerlichen Besuchen in der Bank funktionierte das auch kurz. Aber nur so lange, bis man es mit dem Computer zu Hause in Deutschland probiert. Dann verfällt sofort das Sicherheitszertifikat und die Funktion ist gesperrt. Merke: Online-Banking funktioniert nur von einem dezidierten Computer – und der muss in Italien stehen. Inzwischen bekommen wir einmal im Vierteljahr einen Kontoauszug. Per Email, die ein Bankangestellter händisch erstellt. Das immerhin haben wir nach mehreren Besuchen, Terminen und Email-Nachfragen (!) dann doch geschafft.

Es wäre zu billig, sich über diese Auswüchse analoger Prozesse lustig zu machen. Es ist vielmehr eine willkommene Bewusstwerdung, wie sehr sich die Zeiten schon im digitalen Zeitalter verändert haben. Und das ist nur der Anfang. Wo das hinführt, ist heute erst schemenhaft zu erahnen.

Bleibt zu erraten, wann man solch eine Glosse über die Antiquiertheit eines über Jahrhunderte entwickelten Prozesses schreibt, der uns heute noch selbstverständlich erscheint, wie den Italienern ihr Bankensystem. Etwa die Nachrichtenübermittlung mittels bedruckten Papiers, das die Nachrichten vom Vortag als Neuigkeit verkauft, und das per Bote nach Hause gebracht wird, um dort kaum gelesen im Recycling-Container zu landen? – Oder das Thema Steuererklärung…

Steve Jobs meets Guttenberg


Steve Jobs über Lebensplanung, Liebe und Tod

Mal vorweg, ich bin kein Apple-Fan. Mein erster Computer war ein Atari, ein Apple-Klon, mein zweiter Computer war ein Apple SE30, das war es aber dann schon mit Geräten aus Cupertino. Anschließend war es bereits dem Web geschuldet, dass ich Windows-Geräte benutze, danach unter anderem, dass ich ein paar Jahre für MSN (Microsoft Network) arbeitete. Nichtsdestoweniger habe ich großen Respekt für Steve Jobs. Mehr als alle seine grandiosen Leistungen (Apple, neXT, Pixar) in den Bereichen Produkt-Idee, Business, Design und Marketing hat mich seine 15-minütige Rede beeindruckt, die er 2005 vor den Alumni der Stanford University gehalten hat, die man auf der Website der Universität oder auch auf TED.com oder YouTube sehen kann. Hier hat ein Mensch wirklich tief über sein Leben nachgedacht.

Die beste Zusammenfassung dieses atemberaubenden ehrlichen, mutigen wie menschlich bewegenden Vortrags kann man nun auf FAZ.NET lesen, ausgerechnet in einem langen, intelligenten und irritierend menschlichen Artikel von Volker Zastrow über Karl-Theodor zu Guttenberg und die Guttenberg-Causa. Er schildert perfekt, wie Steve Jobs  seinen jungen Zuhörern drei Themen mit auf den Weg ins (Berufs-)Leben gibt.

1. Connecting the dots

Die erste These Jobs‘ ist, dass man sein Leben nicht planen kann, man aber möglichst viel Projekte wagen und dabei Erfahrungen sammeln sollte. Motto: „Stay hungry, stay foolish!“ Mit ein bisschen Glück ergeben all diese Lebensstationen in der Rückschau einen sinnvollen Lebensweg: „You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards.“ Wenn Jobs etwa nach seinem abgebrochenen Studium ausgerechnet Kalligraphie gelernt hat, so half ihm das viel später, als es darum ging, den Apple II zu designen – und alle anderen Geräte von Apple. Das Verständnis für die Komplexität, die hinter jedem Konzept von Simplicity steht, hat er hier gelernt.

2. Love and loss

Als Jobs 1985 aus seinem eigenen Unternehmen hinausgeworfen wurde, war das für ihn die schlimmstmögliche Kränkung. So schlimm das damals für ihn war, so wichtig war diese Negativerfahrung für seine persönliche Entwicklung. Motto hier: „Don’t settle!“ Ihm half an diesem Punkt, dass er seine Arbeit liebte, also machte er weiter, er gründete die Computerfirma neXT und die digitale Filmproduktionsfirma Pixar – und war mit beiden erfolgreich. Das war er, weil er gut war. Und gut war er, weil er seine Arbeit liebte: „The only way to do a great work is to love what you do.“ Schließlich kaufte Apple neXT und Jobs wurde später wieder Chef der Firma.

3. Prepare to die

Der dritte Punkt, den Jobs in seiner Rede hervorhebt, ist das Bewusstsein, dass alles endlich ist, dass die einzige große Gemeinsamkeit aller Menschen der Tod ist. Das begann in seinem Leben mit der Binse: „Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte.“ Das hat er ein Leben lang so gehalten – und wenn er zwei Tage das Gefühl hatte, so ein Tag sollte nicht der Letzte sein, wusste er, dass er etwas verändern musste. Das war für Jobs ein nettes, intellektuelles Spiel, bis bei ihm ein Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden war, der unheilbar schien. Seitdem ist sein Verhältnis zum Tod noch einmal anders, Motto: „Death is very likely the single best invention in life.“ Denn für ihn ist der Tod der „life‘ change agent“, der verhindert, dass man seine Lebenszeit vergeudet. Seine Aufforderung an seine junge Zuhörerschaft: „Don’t waste time living someones else life!“

Karl-Theodor zu Guttenberg und das geglückte Leben

Auf den Punkt gebracht sind die Empfehlungen Steve Jobs‘ eine Anleitung für ein gelungenes Leben:
1. Sei neugierig und gebe nie auf – und mit ein bisschen Glück wird daraus in der Rückschau ein geglücktes Leben.
2. Liebe ist der Schlüssel zu allem, zu Energie, Sinn und Enthusiasmus.
3. Der Tod gibt immer wieder Neuem Raum, das ist unsere Bestimmung aus der Evolution.

Fragt sich nun, warum Volker Zastrow seinen sensiblen Beobachtungen zu KTG und seinem wirklich ingeniösen Szenario, warum Karl-Theodor zu Guttenberg so gehandelt haben mag, wie er es getan hat, die Rede von Steve Jobs vorangestellt hat. Denn er nimmt diesen Faden später in seinem (wirklich langen) Artikel nicht mehr auf – bis auf den krampfhaften Verweis am Schluss, dass die Schwarmintelligenz die trügerische Doktorarbeit entlarvt hat.

Dabei wäre der logische Schluss so nah gelegen. Ich wage es, ihn hier kurz zu skizzieren:
1. Connecting the dots: Karl-Theodor zu Guttenberg hat versucht, seine Dots zu planen und zu inszenieren, daher hat er unbedingt einen Doktor im Namen führen wollen, obwohl sein Examen das eigentlich gar nicht zuließ. Und vielleicht hat er noch viele andere Punkte geplant (Kanzler?), anstatt zu leben, Dinge zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln.
2. Love & loss. Nie war spürbar, wofür KTG steht, was er liebt, wofür er brennt, was er wirklich will. Liebe zu seinem Amt oder seinem Beruf war nie echt erkennbar, Liebe zu sich selbst, zu Beifall und Zuneigung dafür schon. Dafür hat er die  Höchststrafe erhalten: ein sehr, sehr großer „Loss“.
3. Bei allem zur Schau gestellten Hedonismus und aller Selbstzufriedenheit hatte man nie das Gefühl, dass Karl-Theodor zu Guttenberg etwas bewegen wollte. Nie war klar, wofür er denn Politik machen wollte, was sein Beitrag zu einer besseren Politik, einem besseren Deutschland oder einer besseren Welt (Evolution!) hätte sein können.

Fehler abseits des Drehbuchs

Solch eine Analyse von (weit!) außen ist eigentlich vermessen. Ich habe sie mir lange verkniffen. Ich versuche sie, seit ich aus einer verlässlichen Quelle die Geschichte eines engen Mitarbeiters von Karl-Theodor von Guttenberg aus dem Verteidigungsministerium erzählt bekommen habe. Der Mitarbeiter, ein gestandener Fachmann, war zunächst begeistert von dem jungen zu Guttenberg. Er packte an, er machte Nägel mit Köpfen, kommunizierte gut, hörte zu – und vor allem hatte er ein perfektes Auftreten und hielt begeisternde Reden.

Mit der Zeit aber schrumpfte die Begeisterung. Die Reden waren immer dieselben – oder in sich ähnlich. Die lässige Haltung entpuppte sich als Manierismus und eingeübt. Am schlimmsten aber wurde es, wenn Karl-Theodor zu Guttenberg spontan sein wollte, oder – noch schlimmer – witzig. Das endete, so der Insider, stets  in arger Peinlichkeit. Seine Witze verletzten, Verfehlten ihr Ziel oder trafen mitten ins Fettnäpfchen. Je länger er im Amt war, desto mehr fürchteten seine Mitarbeiter seine Improvisationen, wenn er das festgelegte Drehbuch beiseite ließ.

Ein Bild, das zu passen scheint. Hier hatte sich jemand eine Drehbuch für sein Leben geschrieben (oder schreiben lassen?) – das hatte er dann auch ganz gut drauf. (Siehe hier auch The Difference: Drehbuch des eigenen Lebens.) Aber wehe, wenn das einmal nicht passte, wenn Dinge passierten, für die keine Handlungsanleitung da war – oder wenn aus Lust und Laune improvisiert wurde. Genauso wie die Doktorarbeit. Entweder wurde hier das Drehbuch auch von jemand anderem verfasst – oder aber hier wurde genauso improvisiert.

Rock Hero


Leben statt Posen ist die Devise

Es gibt Meldungen, die machen einfach Spaß. Weil sie einem den Glauben an den Realitäten und an simplem Menschenverstand zurückgeben. Die Meldung, dass das Computerspiel „Guitar Hero“ mangels Erfolg eingestellt wird, ist solch eine erfreuliche Nachricht. Oder dass die Firma des Konkurrenzproduktes „Rock Band“ für 50 $ von Viacom verkauft worden sind, für die  sie einst 175 Millionen $ bezahlt haben.

Um meine Freude zu verstehen, muss man wissen, dass ich ein begeisterter Gitarrist bin, vorzugsweise der elektrischen Art. Und man muss wissen, wie Computerspiele à la „Guitar Hero“ die Fähigkeit, aus sechs Saiten sehr schöne, sehr eigenartige Töne und auch mal sehr laute und voluminöse Schallwände zu produzieren, banalisiert haben – auf fast schon zynisch verballhornte Art: Es waren hier statt harter Saiten nur bestimmte Tasten am Gitarrengriffbrett zu drücken und ungefähr im richtigen Moment muss man mit der rechten Hand so zu tun, als würde man Saiten anschlagen – und schon war man in der virtuellen Welt von „Guitar Hero“ ein Star.

Was für ein Humbug! Aber das Computer-Spiel war zunächst super-erfolgreich. Es erfüllte perfekt narzisstische Bedürfnisse. Erfolg, Zustimmung, Aufmerksamkeit und Stardom ohne jeden wirklichen Aufwand, weder finanziell, noch ideell oder gar handwerklich.

Narzisstische Genialität

Wer mit jungen Menschen heute zu tun hat, weiß, wie schwer sie sich tun, die schwierige, lange Zeit auszuhalten, bis sich – etwa durch fleißiges Üben – eine Tätigkeit so sehr einschleift, dass sich erste Erfolge einstellen. Kids wollen lieber Dinge sofort können und durch Posen den Glauben an ein außergewöhnliches Talent, ja an Genialität zelebrieren. Und wenn das, was ja meist der Fall ist, nicht funktioniert, dann ist die jeweilige Tätigkeit halt langweilig, blöd, doof.

„Guitar Hero“ hat sich diese Zeitgeist-Krankheit perfide zunutze gemacht. Hier konnte man sich durch Posieren und minimale rhythmische Begabung schnell als Rock-Heroe fühlen. Aber anscheinend nicht dauerhaft – und am schlimmsten: nur im eigenen Kämmerchen, vor dem eigenen Bildschirm, vor einer virtuellen Fangemeinde. Jede soziale Komponente fehlte, die sonst Musik ja erst ausmacht. So war der Misserfolg vorprogrammiert.

Ich will nicht behaupten, dass ich als Jugendlicher mit allzu viel Übungsfleiß gesegnet war. Im Gegenteil. Ich wäre wahrscheinlich auch schnell ein Opfer eines schalen „Guitar Hero“-Erfolgs gewesen. Aber damals gab es solche Ersatz-Freuden im Instant-Format nicht. Es blieb nichts anderes als Üben übrig.

Die Leiden des jungen M.

Die ersten Begriffe des Gitarrenspiels habe ich in einem regulären Gitarrenunterricht gelernt, im Keller des Pfarrhauses in München Berg am Laim. Ich hatte etwa mit 10 Jahren zu Weihnachten eine (billige) Westerngitarre geschenkt bekommen – mit Stahlsaiten – und sollte auf der dann Sonaten von Ferdinand Sor und sogar von Mozart und Beethoven (für Gitarre umgeschrieben) spielen. Das machte so was von keinen Spaß. Warum der Gitarrenlehrer meine Eltern nicht aufklärte, dass man für solch klassische Gitarrenmusik eine Gitarre mit Nylonsaiten brauchte, ist mir bis heute schleierhaft. Nach knapp zwei Jahren hörte ich auf alle Fälle auf – und die Gitarre verstaubte in der Ecke.

Dann aber entdeckte ich mit 13 oder 14 die Rockmusik, zuerst die Kinks, dann die Equals (!), irgendwann auch Cream und vor allem all die Bluesbands damals: John Mayall, Ten Years After, Steamhammer – und wie sie alle hießen. Das bestimmende Instrument dieser Bands war stets die Gitarre – eine mit Stahlsaiten, wohlgemerkt.

Alvin Lee als Lehrer

Da war dann schnell die alte Gitarre wieder aktiviert. Die war inzwischen ein wenig bundunrein, aber das machte nichts. Im eifrigen Abhören und Nachspielen brachte ich mir autodidaktisch die nötigen Akkorde, Harmonien – und schließlich auch erste Solomelodien bei. Meine Lehrmeister waren Muddy Waters, Eric Clapton, Alvin Lee, Stan Webb, Miller Anderson, Carlos Santana – und später Tony Iommi, Jimmy Page oder Mick Abrahams.

Da dauerte es nicht lange, bis dringend die erste elektrische Gitarre her musste. Und natürlich der entsprechende Verstärker dazu. Das kostete damals richtig viel Geld. Mit Zeitungsaustragen (Katholische Kirchenzeitung!), Filmaufnahmen („Herzblatt“ mit Georg Thomalla!) und dann als Briefträger verdiente ich mir das nötige Geld. Meine erste Gitarre war eine „Hagstrøm“ – dazu ein tonnenschwerer Dynacord-Verstärker und ein Lautsprecher-Kabinett von „Allsound“. Später verbesserte ich mich mit einer Höfner-Les Paul mit echten Gibson-Tonabnehmern (Das gute Stück besitze ich bis heute!) und ein echter VOX AC-30 (längst in einem Übungsraum geklaut).

Fazit eines „Musikerlebens“

Was ich damit erzählen will, ist nicht die übliche Schelte an der Ungeduld der Jugend – sondern wie viel mir meine Leidenschaft für mein Leben beschert hat:

  • So mancher bewundernde Blick junger, hübscher Mädels. (Manchmal war es auch mehr – aber zugegeben, viel zu selten und meist bei den falschen.) – Nein im Ernst. Ich habe die Freuden der Autodidaktik gelernt.
  • Ich habe mir selbst beigebracht, wie schön das Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit ist. Ich habe viel gearbeitet in den Ferien, aber ich wusste immer wofür.
  • Ich habe verstanden, wie Musik funktioniert und wie wichtig Rockmusik für mich ist. Und das ganz alleine. Das hilft, sich später vieles andere selbst beizubringen. Ich spiele noch heute gute Stücke mit oder nach, um ihre Struktur zu verstehen.
  • Ich habe mir so eine lebenslange Neugier für immer neue Sounds bewahrt, von Rock über Punk und New Wave über Techno und House immer weiter.
  • Ich habe meine eigenen Stücke komponiert – zu eigenen Texten. Keine Hits. Aber Perlen einer selbst entdeckten und umgesetzten Kreativität.
  • Ich habe gelernt, auf der Gitarre Töne zu kreieren, sie „singen“ zu lassen, Temperament auszuleben und Melodien zu zelebrieren.
  • Ich habe kennengelernt, wie schön es ist, mit anderen in einer Band gemeinsam Musik zu machen und dort gemeinsam völlig neue Musikdimensionen zu erobern. Zuerst mit meinen Freunden Mike und Walter, später in verschiedenen anderen Formationen.
  • Ich habe es zu genießen gelernt, live vor Publikum zu spielen, aller Nervosität, allem Schweiß und technischen Problemen zum Trotz. Am schönsten war der Auftritt der Band der Münchner Musikkritiker „Redaktionsschluss“ für Amnesty International im Domicile. (Ralph Siegel – sic! – bescheinigte dabei in einer Konzertkritik meiner Stimme Chart-Perspektiven!)
  • Ich war mir mein eigener Guitar Hero – in meinen Träumen, in der Trance des Übens, in der Freude des Performens vor anderen. Und das ohne Fake, sondern ganz real.
  • Wenn ich mir über die Hornhaut an den Fingerkuppen der linken Hand streiche, fühle ich, wie real Gitarrensaiten sind und wie schön es ist, Musik zu machen. Wenn ich sie nicht spüre, weiß ich, dass es höchste Zeit ist, wieder mal zu üben.

Es geht doch nichts über real gelebtes Leben (samt Risiken und Nebenwirkungen). Die Alternative erleben wir allzu oft: Menschen posen nur in Funktionen und Rollen, statt sie zu leben. Sie tun nur so, sie sind nicht so. Das Leben ist für sie nur ein Spiel(feld), auf dem man vogibt, als würde man im Puls der Zeit mitschwingen: „Lifetime Heroes“.

Der Algorithmus, wo man mit muss


Bad Air Days und andere Katastrophen

Der Worst Case für Dienstleister und deren Anbieter ist die Erfindung von Twitter. Egal was einem als Konsument auch an Widrigkeiten passiert, der Ärger und die Frustration muss raus. Und wie kann man das besser, wirksamer und publikumsträchtiger machen als per Twitter (oder auch Facebook). So viel Zeit ist immer, um mal schnell 140 Zeichen abzusetzen, die es in sich haben. Und so bekommt die private Öffentlichkeit mit – und bei genügend Retweets und/oder einem Follower-Multi auch eine breite Öffentlichkeit in Echtzeit, wer wo wie versagt, einen Auftrag vergeigt oder sonstwie Kunden-Bashing betrieben hat. Ein Horror für alle großen Dienstleister.

Es hatte diesen Winter dann schon echt kabarettistische Ausmaße, was verzweifelte bis wutglühende Bahnfahrer von ihren misslichen Abenteuern im verschneiten Deutschland zu twittern hatten. Oder die S-Bahn-Nutzer, und das wohlgemerkt nicht nur im pannengeplagten Berlin. Nicht viel besser ging es Flugpassagieren. Interessant zu verfolgen, an welchen Tagen Air Berlin seine Fluggäste bis zur Weißglut verärgerte, dann gab es wieder typische Bad-Air-Days bei der Lufthansa, manchmal performten beide deutsche Fluglinien lausig. Egal was passiert, es entsteht bei jeder massiven Störung von Verkehrsmitteln unweigerlich so genannte „tote“ Zeit, die man nicht produktiv nutzen kann.

Tote Zeit für Wut nutzen

Nicht produktiv nutzen konnte. Das ist jetzt vorbei. Zumindest kann man jetzt wirksam seinem Ärger Luft machen und seine Wut in 140 säureätzenden Buchstaben veredeln. Und je mehr einer des Schreibens im verdichteten Raum fähig ist, desto vernichtender sind solche Rundumschläge. Und je mehr einer auf Reisen ist, desto öfter – und kompetenter – kann er seinem Frust Ausdruck geben. (Mein Tipp hier: die Tweets von Thomas Koch.) Und je länger die Wartezeiten sind, desto öfter kann man bei einem Desaster auf dem Laufenden gehalten werden. Es lassen sich dann wahre Fortsetzungs-Romane des Verkehrs-Terrors im Twitter-Telegrammstil mitverfolgen. Womöglich noch mit Fotos illustriert.

Ich könnte an dieser Stelle auch so manche Leidensgeschichte zum Besten geben. Nicht nur über die S-Bahn in München oder DB-Carsharing (ja auch hier hat die Bahn Performance-Defizite). Mein ganz besonderer Stein des Anstoßes ist die Stadtsparkasse München, die mich nach über 40 Jahren Kundentreue unbedingt loswerden will. Denn was macht ein Girokonto ohne Dispo Sinn? Die Stadtsparkasse München interessiert nicht, wie viel Geld regelmäßig auf meinem Konto ist oder wie viel Geld hereinkommt. Nein ihr geht es darum, dass jeden Monat gleich viel herein kommt. Was bei einem, der freiberuflich tätig ist, nun mal nicht der Fall sein kann. Besonders schön ist, dass der Filialleiter, der so etwas verantwortet, nie telefonisch erreichbar ist und lieber Untergebene vorschickt, die dann „leider nichts tun können“. Aber die Stadtsparkasse München soll ihren Willen haben, ich beende meine Laufbahn als Kunde möglichst bald. Versprochen!

Der Fall soll wie die oben erwähnten auch nur als Beispiel eines neuen Service-Desasters stehen, das sich in den Jahren notorischer Sparmaßnahmen eingeschlichen hat, und letztlich ein notorischer Missbrauch digitaler Informations- und (vermeintlicher) Rationalisierungs-Möglichkeiten ist. Die Stadtsparkasse München hat meinen Dispo gestrichen, weil irgend ein Algorithmus Alarm geschlagen hat. Scheint der Anti-Freiberufler-Algorithmus zu sein. Und gegen diesen Algorithmus kann natürlich kein Mitarbeiter „etwas machen“. Algorithm rules!

Algorithm rules

Flugpassagiere konnten nicht abheben, weil die Verbrauchsberechnungen für Enteisungsmittel irgendwie falsch waren. Ob es hier die Dummheit derer ist, die die Daten eingegeben haben, oder dem Algorithmus nicht gesagt worden ist, dass Enteisungsmittel im Winter gebraucht werden und dann gerne auch mal Straßen vereist sind, auf denen der Nachschub „just in time“ geliefert werden soll. Aber die Straßen waren da leider „just in ice“.

Den Fluggesellschaften fehlte es allerdings nicht nur an Enteisungsflüssigkeit, sondern oft genug an Personal im Cockpit. Irgendein Schönwetter-Rationalisierer hat die grandiose Idee gehabt, dass man die teure Ressource Mensch noch effektiver einsetzen kann, wenn man sie wild von Flugzeug zu Flugzeug wechseln lässt. Dumm nur, wenn die Fluggäste vollzählig und eingecheckt sind, aber die Crew in Paris fest sitzt, weil dort Nebel herrscht. Neulich ging es mit der Lufthansa gar eine Stunde später auf die Startbahn, weil alle da waren, nur der Co-Pilot nicht, der flog gerade aus Lissabon ein. Es werden also nicht nur komplette Crews hin und her geschubst, sondern diese „just in time“ zusammengewürfelt. Sicherlich von einem ausgeklügelten Computerprogramm, also einem Algorithmus.

Schönwetter-Manager

An dieser Stelle ist es natürlich dringend notwendig, die viel gescholtenen Algorithmen in Schutz zu nehmen. Die sind nur so doof wie die, die sie programmiert haben, bzw. konzipiert und beschlossen haben. Denn wenn wir Stunden warten, weil kein Zug kommt, weil die Crew nicht da ist oder wenn wir als Bankkunden in Misskredit geraten, dann reibt sich ja irgendwo irgendein Manager die Hände. Er hat sich schließlich seinen Bonus oder seine Pluspunkte auf dem Personalkonto eingeheimst, weil er kreativ ganz tolle neue Einsparungsmöglichkeiten gefunden hat.

Dass solche“Effizienz-Maßnahmen“ nur bei idealen Bedingungen, also bestem Wetter, und nur für Normalkunden taugen, interessiert ja in dem Moment nicht. Dass massig Geld verloren geht oder in Kundenberuhigungsaktivitäten investiert werden muss, interessiert genauso wenig. Die Boni sind ja schon verteilt. Und dass Kunden verloren gehen, schreckt auch keinen, denn die Konkurrenz ist mindestens genauso schlimm. (Vielleicht arbeitet die ja sogar mit demselben Algorithmus.) Die dort verärgerten Kunden ersetzen dann halt die im eigenen Betrieb vergraulten. – Das ist die neue, die digitale Service-Wüste. Die Service-Atacama.

Maschinen-Intelligenz als Daffamierung

So etwas wäre ja mal ein Thema für eine Verbraucherschutz-Ministerin. Aber so lange weniger als fünf Prozent der Bevölkerung weiß, was ein Algorithmus ist und was er bewirkt – und nicht mal das Wort richtig zu schreiben versteht, ist das natürlich kein Thema für die Politik. Aber wie sehr inzwischen Schindluder etwa mit digital berechneten Bonitäts-Bewertungen getrieben wird, hat Marco Friedersdorf  erlebt und in seinem Blog „Minds Delight“ perfekt dokumentiert. Seine Kreditwürdigkeit wurde allein durch die Tatsache, dass er in Berlin-Neukölln wohnt, massiv eingeschränkt. Das ist eine flagrante Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes unserer Verfassung. Und irgendwer hat sich solch einen Sozialer-Brennpunkt-Algorithmus ausgedacht – und schlimmer: irgendwer ganz oben hat ihn sich konzeptionell ausgedacht und in irgendeinem Gremium gut geheißen.

Hier brennt es politisch lichterloh. Viel schlimmer als bei Google oder Facebook, weil abseits aller Aufmerksamkeit. Hier müssen wir Digital-Apologeten aktiv werden. Wer, wie auch ich, die Schönheiten einer digitalen Zukunft besingt, muss klandestine Fehlentwicklungen anprangern, will er seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren. So lange Politik meint, man wäre schon digital, wenn man im Bundestag ein iPad nutzt, müssen halt andere ran…

Unkartiertes Neuland


Projekte wagen, die (noch) nicht möglich sind

Vor ein paar Jahren sah ich bei Freunden an der Wand eines Büros ein riesig dimensioniertes Modell eines großen Sportstadions hängen. Es stellte sich heraus, dass der Vater der Freundin bei der Ausschreibung für das Stadion für die Olympischen Spiele 1972 in München teilgenommen hatte. Das Modell an der Wand war sein Entwurf gewesen. Aus Höflichkeit nur so viel. Wir dürfen froh sein, dass nicht dieser Entwurf genommen wurde, sondern der mutige Zeltdachentwurf von Frei Otto.

Olympiastadion München - Die Realisierung

Ich habe mir später auch andere Entwürfe von damals angesehen, zum Beispiel das Modell, mit dem sich München 1966 (erfolgreich!) beworben hatte -langweilig und uninspiriert (siehe Foto). – Was haben wir damals in München für mutige, ja tollkühne Entscheider gehabt! Sie haben sich für die schönste, aber optisch und technisch riskanteste Lösung entschieden. Noch nie zuvor war eine Zeltdachkonstruktion aus Stahlseilen und Acrylplatten in dieser Dimension gewagt worden. Von diesem Mut profitiert München noch heute. Der Olympiapark ist weltbekannt und im Gegensatz zu anderen großen Sportstadien eine städtebauliche Attraktion, auch 40 Jahre nach seiner Eröffnung.

Planen mit nicht vorhandenem Material

Ähnlich viel Mut wurde beim Bau der Allianz Arena bewiesen, dem neuen, allabendlich weithin leuchtenden Wahrzeichen des Münchner Nordens. Als dieses Stadion in seinem speziellen Design beschlossen wurde, gab es die luminiszierenden, pneumatisch vorgespannten Kissen aus EFTE-Folie, die heute die Außenhaut der Arena bilden, noch nicht. Das Prinzip wurde erst im Laufe des Baus entwickelt.

Wenn es um Bauten geht, um mechanische Geräte oder um Maschinen (speziell Autos), dann sind wir mutig in Deutschland. Auch wenn es um kreative Nutzung von Elektrizität oder Chemie geht – bis hin zur Fahrlässigkeit. Nur wenn es um nicht greifbare, nicht haptisch fassbare Dinge geht, verlässt uns der Mut so schnell und so komplett. Deswegen spielt Deutschland im Bereich der Computer und der Software längst keine wichtige Rolle mehr. Und im Internet und seinem Business ebensowenig.

Olympiastadion München - Entwurf 1966

Fluchtpunkt Physikalität

Unser Fluchtpunkt, wenn es um nicht handfeste Dinge geht, also um Software, um digitale Produkte oder gar virtuelle, ist immer die Flucht ins Physikalische, zum realen Produkt: Da werden Onlinehandelsplätze zu Piazzas – oder es wird gar die altgriechische Agora als Metapher für einen Marktplatz bemüht. Da werden Datenspeicher zu Tresoren oder Bildspeicher zu Fotoalben. Oder neueste Peinlichkeit: Eine Löschfunktion für Bilder wird zum „digitalen Radiergummi“.

[Kleiner Exkurs hier. Dem Erfinder Prof. Michael Backes aus Saarbrücken gehört ein Ehrenplatz bei der nächsten Documenta. Die Idee, dafür Geld zahlen zu müssen, dass sich ins Internet gestellte Bilder irgendwann selbst löschen (wenn es denn funktioniert), zeugt von seltener Ignoranz – oder großer künstlerischen Chuzpe. Kunst, die sich selbst zerstört, war eine der provokativen Ideen des Dadaismus. Das jetzt kommerziell zu vermarkten, könnte interessant und witzig sein, wenn es nicht bierernst gemeint wäre. So ist es nur peinlich und traurig.]

Begreifen und Bedenken

Was treibt uns, dass wir Dinge unbedingt „begreifen“ wollen. Und wenn das nicht möglich ist, dass uns gleich „Bedenken“ kommen. Was ist das für eine risikoarme Kultur, eine Zöger- und Hader-Kultur, die solange nicht aktiv wird, bis die letzten Wagnisse ausgeräumt sind? Die Neuland nur dann zu betreten wagt, wenn sich zuvor schon Massen anderer hinein gewagt haben. Und dann wundert man sich, dass diese längst Claims abgesteckt und das neue Areal unter sich aufgeteilt haben. Und zwar zu ihren Bedingungen.

Ich hatte in meinem Leben mehrmals die „wundersame“ – und wunderschöne – Gelegenheit, etwas völlig Neues schaffen zu dürfen/können. Meist ohne ein Vorbild, das man hätte nachahmen können und immer unter extremem Zeitdruck.

Neues wagen

Die Münchner Stadtzeitung etwa, die post-ideologisch die Interessen einer jungen Stadtbevölkerung reflektierte. Wir haben sie im Team mit wunderbaren Kollegen und einem tollkühnen Verleger (Arno Hess) einfach „gemacht“, ohne vorher viel zu planen oder gar Marktstudien zu betreiben. Dafür war weder Geld noch Zeit da. Und weil wir es wagten, wurde sie erfolgreich, wuchs zusammen mit ihren Lesern und unserem (meist autodidaktisch durch Try & Error erworbenen) Können. – Dasselbe dann auch beim WIENER. Auch hier wurde – nicht zuletzt dank Chefredakteur Wolfgang Maier – gewagt und nicht gezaudert.

Noch extremer war das Projekt Europe Online: ein Onlinedienst in Deutschland, der nicht ein amerikanisches Vorbild kopieren sollte. Als die Entscheidung gefallen war, dass wir statt auf eine proprietäre Software und ein geschlossenes System a là AOL auf die offene Internet-Platform von HTML und offen zugängliche Inhalte setzten, waren gerade noch sechs Wochen Zeit, alles neu von Null an aufzusetzen, technisch wie inhaltlich. Keiner wusste, wie das gehen sollte. Es gab genug, die hielten das für unmöglich – und handelten danach. Und trotzdem waren wir pünktlich fertig und online – zu Weihnachten 1995.

Evolution schafft Neues

Das alles funktionierte nur mit einer Zuversicht, die sich aus der Erfahrung nährte, dass sich Wege finden, wenn man nur wagt. Es gibt eben auch positive Selffulfilling-Prozesse. Wenn man an etwas glaubt, dann kann man, zumal wenn man zuvor ein wenig nachgedacht hat, viel bewirken. Man muss es dann nur machen. Warum ist Facebook so erfolgreich und das deutsche Copycat StudiVZ nicht? Weil Mark Zuckerberg & Co. eine Idee hatten und im Prozess des Schaffens davon profitiert und so kontinuierlich dazugelernt haben. Das passiert denen, die wagen, aber nicht denen, die nur kopieren. Diese erleben nie das Momentum des Wagenden, diese kommen nie in den Schaffens-Flow dessen, der Risiken eingeht und loslegt.

Man kapiert in Deutschland – oder auch Europa – eben nicht, wie man ein neues Projekt starten kann, ohne einen nach allen Seiten abgesicherten Businessplan zu haben. Der ergibt sich aber aus dem Erfolg, der Verbreitung und den im Prozess des Schaffens gemachten Ideen und Erfahrungen. Außerdem sind nur Projekte, in denen etwas Neues gewagt wird, für wirklich kreative, innovativ denkende Menschen attraktiv. Sie sorgen dann mit ihrer Ingenuität schon dafür, dass solche wagnisreichen Projekte auch wirtschaftlich erfolgreich werden. (Dieser Effekt fehlt Kopisten völlig.)

Evolution funktioniert nun mal grundsätzlich so, dass dabei absolut Neues entsteht. Etwas, was daher noch nicht erforscht und kartiert sein kann. Man kann sich also dabei nicht absichern. Man kann nur „machen“, man kann nur wagen. Und das Neue entsteht eben nur, weil man es wagt. – Mir hat folgendes Bild sehr geholfen, Evolution zu verstehen: Man steht an einer Klippe (Edge) und geht in Richtung des Nichts – und nur indem man geht und wagt, entsteht etwas Neues – und man tritt so doch wieder auf festen Boden.

Diese Art zu Gehen sollten wir wieder lernen, irgendwie. Und möglichst schnell…

Interaktives Speisen


La Baracca, die Faszination selbstbestimmten Essens

Keine Angst, hier kommt keine Restaurantkritik. Nein nur die Schilderung einer kleinen Lehrstunde in Sachen Interaktivität, Selbstbestimmung – und wenn man so will: Digitalität. La Baracca ist das neue In-Restaurant in München. Immer voll, man kann nur mit Glück Tage im voraus einen Platz reservieren. (Vor Weihnachten war es dann ganz aus, da haben Firmen und Abteilungen ganze Fluchten reserviert – oder gleich das komplette Restaurant in Beschlag genommen.)

Das Besondere am Baracca ist, dass man hier nicht bei Kellnern bestellt, sondern alle Speisen über einen kleinen Tablet-Computer (nein, kein iPad!). Dort sind alle Speisen samt Foto und allen digestiven Werten (Kalorien, Fette etc.) verzeichnet und werden über das Device direkt bestellt. Und keine drei, fünf oder sieben Minuten später wird alles an den Tisch gebracht. (Pech hat, wer den guten Rat nicht befolgt, und gleich komplett alle Gänge bestellt. Die kommen dann gnadenlos alle gleichzeitig an den Tisch.)

Italieneske System-Gastronomie

La Baracca nennt sich“ italienisches“ Restaurant. Solche Anmaßung kennt man ja schon von der Vapiano-Kette. Bloß weil die Speisen italienisch heißen und aussehen, sind sie es noch lange nicht, vor allem wenn sie systemgastronomie-gerecht nach dem Prinzip „schnell und unaufwändig“ produziert werden. Das ist italienesk, nicht italienisch.Das Italienische an dem Restaurant ist am ehesten, dass es in den Räumen am Maximiliansplatz zuhause ist, in dem einst Ferraris verkauft wurden. Und o.k., das Design könnte man modern italienisch nennen – und das ist wirklich gelungen.

Der geneigte Leser ahnt es: Ich war zutiefst von der Qualität der gebotenen Speisen gefrustet. Nichts war richtig schlecht, aber halt auch nichts richtig gut. Schlimmster Fauxpas sind die Pizzen. Sie sind im Prinzip nicht schlecht, dünn und knusprig, aber weil es schnell und systemkonform gehen muss, werden alle Extrabeilagen erst nach Fertigstellung der Pizzchen kalt darauf gelegt. Kalter Schinken auf lauwarmer Pizza, das muss man mögen.

Das Ende jeder Diskretion

Aber ich habe ja versprochen, keine Restaurantkritik abzuliefern. Daher noch das letzte große Manko des Hauses. Da ja jeder Essplatz seinen eigenen Tablet-Computer hat, der mit einem dicken Kabel in einem Aufbewahrungsschacht steckt, sind die Tische extrem breit, um Platz für Computer plus Essplatz zu schaffen. Das bringt es mit sich, dass man sich kaum mit seinem Gegenüber am Tisch unterhalten kann, es sei denn man spricht sehr laut. Da das aber so ziemlich alle tun, ist es zum einen sehr laut (was zu noch mehr eigener Lautstärke führt) und zudem bekommt man wirklich in aller Deutlichkeit mit, was die Tischnachbarn bewegt. Da reicht das Spektrum von Büroalltag bis zu Beziehungs-Intimitäten. Diskretion ade!

Damit nicht genug der Ärgerlichkeiten. Im Baracca werden alle Bestellungen auf einen  Chip gespeichert, der in einer Art Leder-Ticket verborgen ist. Keine schlechte Idee eigentlich, wenn sie nur funktioniert oder wenn dadurch das Auschecken schneller ginge. Weil das System aber noch hakt, ist leider das Gegenteil der Fall. Das führt zu reichlich Ärger am überforderten Check out. Im La Baraacca kann man sich mit diesem Leder-Chip auch seinen Wein selbst an einer Art Automaten abfüllen und so etwa das Weinangebot vorkosten. Aber auch hier mit der Einschränkung: wenn es nur gut funktionieren würde.

Es gibt also genug zu bemängeln im La Baracca. Eigentlich keine übliche Erfolgsmethode. Aber dessen ungeachtet brummt das Lokal – und man wird immer wieder gefragt: warst du schon… da musst du hin! Man schaue nur mal zu Qype: das Bild ist kurios. Die eine Hälfte der 67 Bewertungen sind Lobeshymnen, die andere Hälfte Verrisse und Schilderungen von Rundum-Desastern. Und beide Positionen werden mit viel Emotion und Herzblut vertreten.

Der Erfolgsfaktor De-Personalisierung

Blieb vor Ort – und auf der Rückfahrt genug Zeit, mal kurz zu reflektieren, warum Menschen und ganz besonders junge Frauen, die das Gros des Publikums stellen, bereit sind, mediokre Essqualität, technische Widrigkeiten und eine handfeste Lärmkulisse nicht nur zu tolerieren, sondern sogar deutlich zu goutieren. Sonst würden sie dieses Lokal nicht auch noch lautstark empfehlen, weil hip und so geil digital.

Meine These über den Erfolg von La Baracca geht so. Ein junges, computeraffines Publikum ist es längst gewohnt, online zu bestellen, warum nicht auch im Restaurant. Der Vorteil. Man muss nicht darauf warten, bis ein Kellner/eine Kellnerin einem die Gunst schenkt. Und man wird auch bei seiner Bestellung zu nichts genötigt, nicht mal durch  hochgezogene Augenbrauen. „Ein Rotwein zum Fisch, Madame?“ Man kann sich nicht blamieren, indem man was falsch ausspricht. Die De-Personalisierung ist garantiert ein Erfolgsfaktor. Und zugegeben, es kommt wirklich alles sehr schnell an den Tisch.

Und es scheint außerdem ein Restaurant-Klientel zu geben (junge Damen beispielsweise), das sehr gerne genau Bescheid wissen will, wie viele Kalorien bzw. welche Kohlehydrat-, Fett- und Einweißmengen sich demnächst auf den Weg in den eigenen Magen machen beziehungsweise sich in die Fettpölsterchen abzulagern drohen. Die Rationalisierung des Ernährungsvorganges ist wohl allenthalben auf dem Vormarsch.

Zeitgerechtes Gerichte-Sampling

Die Befreiung vom Diktat des persönlichen Umgangs, der Anonymisierung des Bestellvorgangs wird scheinbar als Akt der Befreiung erlebt. Man kann sich seine Menüfolge völlig willkürlich zusammenstellen. Man kann mit Süß anfangen und mit Sauer aufhören, man kann mehrere Desserts nacheinander verdrücken, und keiner mosert. Vor allem aber kann man in der Gruppe alles mögliche durcheinander bestellen und dann untereinander austauschen und probieren. Diese Interaktion hat einst das Fondue zur beliebten Gruppen-Degustation werden lassen.

Der Trend zum interpersonellen Essen und dem Speisen-Sampling nimmt sowieso schon längst spürbar zu. Man pickt sich durch die Teller der Anwesenden anstatt sich auf eine bestimmte Speise festzulegen. Social Media à la carte sozusagen. Es gibt schon Menschen, die erst abwarten, was die schlimmsten Teller-Ursupatoren bestellen und bestellen dann dasselbe, weil sie nur so die Chance haben, ungestört ihren Teller aufessen zu können.

Fragt sich, ob die Prinzipien des Internets La Baracca so erfolgreich machen : Online-Bestellung, Kosten-Kontrolle, umfassende Information (KalorienLeaking), Instant-Delivery, Interaktion, Sampling, Anonymität, social? Oder sind genau das die inneren Bedürfnisse unserer Zeit – und sie haben das Internet so erfolgreich werden lassen? Oder noch einmal anders herum: Sie geben uns so viele Freiheiten, sie geben uns mindestens das Gefühl, selbstbestimmt zu sein, und spontan und unkonventionell… – Daher ist es so wichtig, dass jeder, der heute erfolgreich sein will, mit einer Business-Idee, einer Marketing-Kampagne etc. diese Prinzipien anwendet.

Wandel und Handel


Paradigmenwechsel gehen nie sanft vonstatten

Mario Sixtus, kompetenter Blogger und Twitterer, lange Zeit „Elektrischer Reporter“ des ZDF, brachte es am 6. Dezember in einem Tweet auf den Punkt: „2010, das Jahr, in dem nicht Bomben eine Großmacht die Fassung verlieren ließen, sondern Informationen. #wikileaks“ – um Minuten später im nächsten Tweet zu prognostizieren: „2011, das Jahr, in dem die Mächtigen alles versuchen werden, um das Netz unter Kontrolle zu bekommen.“ Er könnte recht haben.

John Wilkes

Noch kein Paradigmenwechsel, vor allem kein essentieller, ist je still, sanft und friedlich verlaufen. Und schon gar nicht, wenn es um einen Quantensprung in der Verbreitung von Informationen ging. Man denke da nur mal an Johannes Gutenberg oder Martin Luther – oder auch an John Wilkes. Dieser Kämpfer für die Pressefreiheit im England des 18. Jahrhunderts wurde etliche Male verhaftet, verbannt und verurteilt, weil er dafür kämpfte, dass über Unterhausdebatten im Wortlaut berichtet werden durfte. Das war verboten, weil geheim; weil die Obrigkeit davon ausging, dass das gemeine Volk zu dumm, zu sensibel und psychologisch zu wenig stabil war, um die politischen Debatten im Wortlaut mitzuverfolgen. Juristisch verfolgt wurde Wilkes damals vor allem aufgrund seines sexuell recht ausschweifenden Lebens! (sic!) (Die Geschichte erzählt Henry Porter sehr schön im Guardian.)

Trägheit der Evolution

Es ist das Wesen der Evolution, dass es immer wieder Umbrüche und Neuerungen gibt. Wäre es nicht so, wir Menschen hätten es nie so weit gebracht, dass wir uns über WikiLeaks und die Folgen streiten könnten. Ja wir hätten es nicht einmal so weit geschafft, zu solch Boshaftigkeiten (Diplomaten-Depeschen) oder Bösartigkeiten (Militär-Mord per Hubschrauber im Irak) fähig zu sein, über die WikiLeaks uns aufklärt. (Eine sehenswerte Dokumentation zu Wikileaks hat das schwedische Fernsehens produziert – und online gestellt.)

Noch nie aber gab es in der Geschichte der Menschheit – oder unserer kleinen Evolutions-Brutstätte namens „Erde“, dass Neuerungen oder Umbrüche ohne den Widerstand des Bestehenden passierten. Im Normalfall siegt sogar der Status Quo gegen das Neue. Neue Paradigmen müssen schon sehr stark und überzeugend sein, um gegen die Kraft der Norm zu siegen. Diese müssen schon sehr dringend nötig sein, dass sie den Durchbruch schaffen. Diese Trägheit der Evolution ist hilfreich und nimmt ihr die Willkürlichkeit – und sorgt für ihre positive Intention.

Der Widerstand des Bestehenden ist verständlich und erklärlich. So leicht es sich dahin spricht, dass in jedem Neuen große Chancen liegen, es gibt immer viele, die dabei verlieren werden oder zurückstecken müssen. Und das ist im Normalfall die große Mehrheit. Und wer verliert schon gerne, woran er vielleicht sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, einer Position, einer Karriere, einer vermeintlichen finanziellen Sicherheit. Da wird Neues aus schlichtem schnöden Eigeninteresse blockiert. Maxime: Hinter mir die Sintflut.

John Paton, der Sanierer der Journal Register Company (JRC), die in Michigan, Ohio, Connecticut und Philadelphia Marktführer in der Zeitungsbranche ist, erklärt in seiner erfrischend direkten Abrechnung mit der (amerikanischen) Zeitungswirtschaft, warum der nötige Umbruch gescheut wird wie der Teufel das Weihwasser: „The reasons are simple: Fear, lack of knowledge and an aging managerial cadre that is cynically calculating how much they DON’T have to change before they get across the early retirement goal line. Look at the grey heads in any newspaper and you will see what I am talking about.“

Die Latenz des großen Geldes

Der größte Bremser des (über-)fälligen Paradigmenwechsels von analoger Welt zu einer digitalen, von analogen zu digitalen Medien, von analoger Politik und analoger Wirtschaft zu digitaler ist allen voran das Geld. So wild auch immer auf die irrwitzigsten Finanzkonstruktionen gewettet wird, bis es buchstäblich „kracht“, so risikoscheu ist im Prinzip das große Geld. Es hat so viel mehr zu verlieren als zu gewinnen, wenn es zu grundlegenden paradigmatischen Veränderungen kommt.

Es gibt bei Umbrüchen zwar stets mehr Gewinner als Verlierer, aber wer Verlierer und wer Gewinner sein wird, steht vorab nicht fest. Und die Gewinner sind leise, die Verlierer laut. Also bekommt die Mehrheit Angst, eventuell Verlierer sein zu können. Und die. die relativ sicher sein können, zu den Verlierern zu gehören, investieren alles in ihrer (verbliebenen) Macht stehende, um den Status Quo möglichst lange hinaus zu zögern. Und die beste Methode dabei ist, Angst und Zweifel zu säen.

Eric Schmidt, CEO von Google, hat das auf sehr offene Weise in seiner Rede am Aspen-Institut – und speziell in seiner Antwort dort auf die Frage von Jeff Jarvis klar gemacht. Er stellt fest, dass das Geld, das große Kapital den Wandel ins Digitale (noch) nicht will. Daher bauen diese zusammen mit der Politik und der Verwaltung Barrieren und Regulative auf, um den Wandel, wenn sie ihn schon nicht verhindern können, wenigstens möglichst weit abzubremsen und aufzuhalten. Entwicklungen, die einen Bruch absehbar machen, sind daher gegen all die Interessen derer gerichtet, die es sich in dem bestehenden System bequem gemacht haben.

Druck des Systems

Das ist nicht die Sicht eines der Kapitalismuskritik verdächtigen Umstürzlers, sondern des Chefs eines der erfolgreichsten und innovativsten digitalen Konzerns. Und er meint das nicht als Kritik, sondern als Feststellung einer Tatsache. Und was wir in den vergangenen Wochen als Reaktion des Big Business auf WikiLeaks und dem daraus entstehenden politischen Druck erlebt haben, ist nur die logische Konsequenz daraus: Mastercard, Visa und die Banken haben kein Interesse an WikiLeaks und deren Sprengkraft.

Überraschender – und enttäuschender – ist da schon die wetterwändische Haltung digitaler Megabusinesses wie Amazon oder Paypal. Aber auch hier sind „analoge“ Manager am Werk, und gerade auch diese Firmen sind vom großen Geld und den Regulatoren in der Politik abhängig – oder meinen es zu sein.

Eric Schmidt sieht aus seiner Sicht nur einen Ausweg, wie es dann doch zum nötigen Wandel – von analog zu digital – kommen kann. Der Druck des Marktes muss so groß sein, dass auch Bremser mit den großen Geldbündeln einsehen, dass das große Geld nicht mehr im Bestehenden zu holen ist, sondern dass da eher mehr zu verlieren ist.

Würde mich freuen von Mario Sixtus zu lesen: 201x, das Jahr, in dem die Mächtigen den Kampf gegen das Digitale aufgegeben haben. – Zugegeben, das wird noch eine Weile brauchen. Aber auch wir, der Markt, der Wähler und Netzbürger entscheiden mit, wie lange das dauern wird. Weniger durch Attacken auf Netserver, sondern weit besser durch gezielte Wahl unserer digitalen (Finanz-)Dienstleister…

Geheim, geheim, geheim


Die Fänger der Binsen

Manchmal kann man ihn wirklich mit Händen greifen, den Zeitgeist. Wie genervt, wie enttäuscht war man nach den neuesten Veröffentlichungen von Wikileaks. Alles was man ahnte, durfte man als Einschätzung des örtlichen Personals der amerikanischen Botschaft noch einmal nachlesen. Merkel unkreativ, Westerwelle überschäumend, Seehofer unberechenbar. Was für Binsen, die höchstens narzisstische Seelen, die es direkt betraf, in ihrer Schwarz-auf-Weiß-nachzulesen-Wucht getroffen haben mag. Merkel aber ist des Narzissmus erfreulich unverdächtig.

Ich war selber zu lange investigativ als Journalist unterwegs. Da sind mir massivere Informationen zugetragen worden, die sich dann als nicht haltbar oder nicht nachweisbar erwiesen  haben. Da blieb nichts anderes übrig als klein bei zu geben, wollte man nicht vor Gericht wegen übler Nachrede belangt werden. Die Lektion durfte ich sehr früh in meiner Journalistenwerdung lernen. Da wurde ich flugs verurteilt, weil ich den Bericht eines Schwarzen Sheriffs, der die üblichen Gepflogenheiten in seinem Job geschildert hatte, wiedergegeben hatte. Und weil ich mich weigerte, den Informanten preis zu geben, hatte ich sehr schnell eine saftige Geldstrafe an der Backe. Wegen übler Nachrede.

Öffentlichkeit als Schutz

Später in strittigen Themen als Reporter beim WIENER, wo Aussage gegen Aussage stand, schützte mich die Scheu der Entlarvten vor der Öffentlichkeit. Bei meinem Besuch als Spendeneintreiber bei Alois Müller, bei meinen Recherchen im Bayerischen Umland auf der Suche nach Bauplatz und Arbeitskräften für ein AIDS-KZ oder bei meiner Akquise von Schleichwerbung bei Dieter Thomas Heck, nie kam es zu Klagen gegen mich oder den WIENER. Die Angst vor negativer Publicity, die eine öffentliche Verhandlung – noch dazu bei einem Journalisten – bringen würde, war zu groß. So schützte mich bei meinen Leakings (das Wort war sowas von noch nicht erfunden damals) die Öffentlichkeit und ihr Interesse an Enthüllungen.

Nichts davon war zu Beginn der Wikileaks-Enthüllungen zu spüren, eher ein genervtes Augenverdrehen. Dann aber kam die Reaktion der Politik. Plötzlich wurden Server abgeschaltet, Bankkonten gesperrt, Anklage erhoben, Haftbefehle erteilt – und von einem US-Senator sogar die Todesstrafe für Wikileaks-Chef Julian Assange gefordert. Alles viel zu heftig, verdächtig uncool. Was man selbst mit einem Schulterzucken abgetan hatte, scheint andere schwer getroffen zu haben. Da scheint einer Kaste von Mächtigen das übliche Spiel kräftig vermiest worden zu sein. So reagiert, wer wirklich was zu verbergen hat.

Spielgeld für Monopoly

Zur selben Zeit passieren dann in aller Öffentlichkeit Kuriositäten wie die Vergabe der Fußball-WM an Russland und Katar. Da denkt sich noch der unbedarfteste Mensch so seinen Teil. Zur selben Zeit wird bei der Schlichtung in Stuttgart deutlich, wie selbstverständlich die Politik das Desinteresse von Bürgern an einem als Infrastrukturmaßnahme (Bahn) getarnten Immobiliendeal vorausgesetzt hatte. Und zur selben Zeit wird darüber verhandelt, weitere Aberhunderte von Milliarden zur Rettung von Banken, die sich verspekuliert haben, aus sonst sorgsam verschlossenen Haushaltskassen frei zu machen. Diesmal in Irland, demnächst anderswo. Hier spielen Leute Monopoly und lassen die, die fürs „Spielgeld“ sorgen, nicht teilhaben? Ja nicht einmal dabei zusehen sollen sie dürfen?

Und siehe da, plötzlich macht sich in weiten Kreisen schnell mehr als nur „klammheimliche“ Freude bemerkbar, dass hier den Mächtigen in die Suppe gespuckt worden ist. Egal wo man hinhört, plötzlich erlebt man immer mehr ideelle Unterstützung. Natürlich viel davon im Internet. Die Zahl der Server, die inzwischen Wikileaks gespiegelt haben, steigen behende, derzeit sind es über 500. Die Freunde von Wikileaks auf Facebook sind weit über eine Million, bald eine halbe Million Follower sind es bei Twitter, Tendenz überall steil steigend.

Aber auch die Presse, die zunächst enttäuscht bis genervt reagiert hat, erschrickt über die massive Reaktion der Mächtigen und wertschätzt mindestens die Prozesse, die Wikileaks ausgelöst hat: das Nachdenken über unnötige Geheimhaltung und Staats-Privacy; das Erschrecken über die Unbekümmertheit von Berlusconi und anderen, Politik als ungezügelte Ego-Befriedigung zu pervertieren. Und immer ausgewogenere, klügere und positivere Artikel zu Wikileaks sind jetzt zu lesen. Zu allererst im Feuilleton der Süddeutschen (danke, Andrian), dann auch in der Welt, die einen Artikel zu Wikileaks, den Jeff Jarvis für die Huffington Post geschrieben hat, hier in Deutschland veröffentlicht hat. Besonders beeindruckend der Artikel von David Samuels in „The Atlantic“ (schon jetzt über 9.000 like it!), der die überzogene Reaktion US-amerikanischer Behörden auf Wikileaks anprangert. [Neu dazu gekommen: James Moore. „I am Julian Assange“ in der Huffington Post! ]

Den Zeitgeist spüren

Auf den Punkt bringt den Schwenk im Meinungsbild Clay Shirkey. Der erste Satz seiner klugen Reflexion zu Wikileaks und Nutzen und Unsinn von Geheimnistuerei in seinem Blog beginnt bezeichnenderweise mit dem Satz: „Like a lot of people, I am conflicted about Wikileaks“ Genau so ging es den meisten Menschen. Mir genauso. Inzwischen aber haben sich überraschend viele von denen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, auf die Seite von Wikileaks geschlagen. In der Zeitspanne von Tagen. Das sind die Momente, in denen der Zeitgeist fast körperlich spürbar wird. Danke, Herr Blatter, grazie, Signor Berlusconi, merci, Monsieur Trichet.

Und diesen Wandel erlebt man auch abseits der Medien. Gerade auch in gut bürgerlichen Kreisen, in denen man jetzt in der Adventzeit gerne zusammenkommt, und die seit Stuttgart 21 eine neue Macht und Durchschlagskraft erahnen, erlebt Wikileaks inzwischen Unterstützung und Rückhalt. Ja sogar bei durch ein Jurastudium vorbelasteten Menschen. (Das hat mich dann doch wirklich überrascht!)

So blöd es klingt. Das Spiel der Mächtigen wird seit Wikileaks nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. (Binse 1) Und das ist gut so! (Binse 2) Es wird weiter im Geheimen agiert werden, in allen Sphären der Macht. (Binse 3) Aber das Spiel wird schwieriger. Will man etwas tun, was nicht ganz koscher ist, sollte man sich dann jetzt nur auf mündliche Abmachung verlassen, um keine schriftlichen Spuren zu hinterlassen? Schwierig und riskant!

Das macht doch seit frühesten Kindertagen am meisten Spaß: Wenn man schon nicht mitspielen darf, obwohl man den Ball mitgebracht hat, dann diesen bösen Buben wenigstens das Spiel so richtig zu vermiesen.

Mein lieber Schwede


Was, wenn uns unser Nachbar zu gut kennt?

Die Welt lacht. Wenn sie wohl gesonnen ist, dann schmunzelt sie nur. Sie amüsiert sich über die g’schleckerten Deutschen, die ihre Hausfassaden nicht in Google Street View verewigt sehen wollen. Lieber lassen sie sich einen Pixel-Grauschleier vors Mauerwerk stellen, das sie in einer sonderbaren Ausweitung ihres Narzissmus als Teil ihrer Persönlichkeit verstehen.

Stockholm in 3-D von hitta.se

Ein seltsames Phänomen, dass jetzt teilweise wunderschöne Altstadt-Fassaden, aufwändig renoviert, in aller Hässlichkeit versteckt werden. Für viel Geld mit all den Simsen und Erkern, mit Stuckwerk und vielleicht noch Malerei verschönert, waren sie einst der Stolz ihrer Bauherren und Besitzer. Sie investierten viel Geld, um sich mit dem Haus nach außen darzustellen – und dabei auch für ein schönes Stadtbild zu sorgen.

Jetzt geht es genau anders herum. Jetzt wird alles sorgsam verschleiert, ohne Rücksicht darauf, wie sehr so das virtuelle Straßenbild bei Google Street View verschandelt wird. Jeff Jarvis nennt uns neuerdings nur noch „Blur-mans“, frei übersetzt: Schleiermänner. Eine seltsame Spezies, die sich zickt und ziert, die eigene Fassade zu zeigen. Ein implodierendes Balzverhalten, eine seltsame Bilderstürmerei gegen die höchsteigene Heimat.

Protest gegen alles Digitale

Mir kann keiner erzählen, dass die Verpixelung schöner Hausfassaden mitten in München Schwabing dem Schutz vor Dieben dienen mag. Der Protest gegen Google ist zum einen ein regressiver Protestakt gegen alles Digitale – und die von ihm verursachte Komplexität der Neuen Welt – und die damit verbundene Ohnmacht dem Digitalen gegenüber. Und wenn man sonst gegen nichts zu protestieren hat, dann halt gegen Google. Ausgerechnet am völlig falschen Produkt des Hauses!

Wie es der Zufall will, lerne ich die Tage einen neuen Kollegen kennen, ein Schwede. Auch er lächelt milde über unsere Agoraphotophobie. Er versteht die Aufregung nicht so richtig. In Schweden, speziell Stockholm, kennt man solche Straßen-Fotoservices längst. Die einheimische Firma „hitta.se“ zeigt seit 2008 Stockholm in einer dem Street View ähnlichen Art. Zusätzlich bietet der Straßenservice noch ein fotorealistisches 3-D-Modell der Stadt an, natürlich inklusive sämtlicher Hausfassaden.

Stolz auf Stockholm

Als hitta.se damals durch die Straßen Stockholms fuhr und die Stadt fotografisch erfasste, wurde dieses Projekt von der ansässigen Presse sehr positiv begleitet und das digitale Produkt dann gut promotet. Es machte die Stockholmer ein Stück stolzer auf ihre Stadt – und besser zurecht finden kann man sich dort seitdem auch. Und von einem Anstieg der Diebstähle ist auch nichts bekannt.

Gatubild von hitta.se, das Schwedische Streetview

Die Akzeptanz in Schweden muss auch nicht verwundern. Hier geht man seit je her extrem relaxt mit privaten Daten um. Erzählt mein Kollege: „Jeder kann jederzeit sehen, wer wo wohnt, wann er geboren ist, alles samt Foto des Hauses, in dem er wohnt. Das ist bei uns so.“ Ach, ja, scherze ich, und das Einkommen weiß man dann auch. „Na ja, das kostet – umgerechnet – einen Euro, dann bekommt man die Information auch.“

So ist das in Schweden. Hier gibt es keine – digitalen – Gardinen. Hier weiß jeder vieles vom anderen. Und das stört nicht, sondern wird als Qualität gesehen. Man versteht sich als großes Dorf, in dem man aufeinander achtet. Und das geht nur, wenn man auch genug übereinander weiß. – Eine Horrorvorstellung für uns Deutschen.

Die Enge des Dorfes

Ich bin eigentlich in der Stadt aufgewachsen, in München. Aber Berg am Laim, der Vorort im Osten war damals in den 60er-Jahren noch wirklich dörflich geprägt, mit Weizenfeldern, Dorfgaststätte, funktionierenden Vereinsstrukturen. Kurios nur, dass in den Dorfkern eine Straßenbahn fuhr – und dort kehrt machte.

Wenn wir – natürlich mit der Tram – zum Einkaufen fuhren oder ich in die Schule, dann hieß das: „Ich gehe in die Stadt.“ Die Stadt, die begann dann aber schon knapp zwei Kilometer später nach der Unterführung am Ostbahnhof. Für uns Kinder eine kleine Weltreise, denn dort begann die große weite Welt.

Ich hatte dann auch nichts Dringenderes zu tun nach dem Erreichen der Volljährigkeit (das war damals noch mit 21!), in die Stadt zu ziehen, nach Haidhausen – gute zweieinhalb Kilometer entfernt von meinem Elternhaus. Hier erst fühlte ich mich frei. Hier kannte mich nicht jeder, hatte sich noch kein „Bild von mir gemacht“. Hier gab es die Anonymität, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte.

Das globale Dorf

Jetzt, ein paar Jahrzehnte später geht die Volte wieder zurück. Peu à peu entwinde ich mich der Anonymität und werde zum Citizen eines globalen Dorfes. Immer mehr Menschen erfahren immer mehr über mich, auch Persönliches. In meinem Blog, auf Twitter, via Facebook. Und ich lerne dieses zunehmend gläserne Leben zu genießen.

Treffe ich die Menschen, mit denen ich etwa auf Facebook verbunden bin ganz real, stelle ich fest, dass zwischen uns eine ganz neue Vertrautheit herrscht. Die Gespräche werden besser, tiefer, persönlicher. Der ganze Alltags-Tand und Gesellschafts-Smalltalk, der sonst solche Gespräche prägt, fällt weg. Man weiß „zu viel“ übereinander, um noch Belanglosigkeiten austauschen zu können – und zu wollen.

Das trifft dann sogar für die eigenen Familienmitglieder zu. Man erfährt so viel Neues, Persönliches, aber auch Alltägliches voneinander, dass man sich auf das nächste Familientreffen freut, weil die Gespräche besser sind – und man sich so viel näher ist.

Willkommen im globalen Dorf, lieber Michael! Mir gefällt es hier. Und mir tun die Menschen eigentlich leid, die sich bemüßigt fühlen, sich und ihr Leben mit hässlichen Pixelvorhängen verbergen zu müssen. Die sind die neuen Kleinhäusler, vor denen ich einst in die „große“ Stadt geflohen bin. Jetzt finde ich diese ausgerechnet dort wieder. (Keine Frage, mehr als genug von ihnen sind in den Vorstädten geblieben und lassen dort ihre popeligen Bausparvillen verpixeln.)

Irgendwie erinnert mich das an Kinder, die die Hände vor die Augen pressen und erleichtert seufzen: „Keiner sieht mich! Ich bin gar nicht da!“