Mythos meets Talmi


Lana del Rey: Umgang mit Unerklärbarem

Wie entstehen Mythen? Darüber haben über Jahrhunderte hinweg Religionswissenschaftler, Psychologen und Philosophen theoretisiert. Heute folgen wir gerne dem Mythos-Verständnis von Jürgen Habermas oder Niklas Luhmann. Jürgen Habermas definiert Mythos – hier arg verkürzt – als ein archaisches Wissen, das über jahrhundertelange Tradition und Überlieferung unsere  Handlungsnormen der Gegenwart beeinflusst. Entstanden sind Mythen für ihn aus der Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt. Für Niklas Luhmann – auch arg vereinfacht – sind Mythen das Ergebnis einer frühzeitlichen tradierten Selbstbeschreibung. Sie definieren das gesellschaftliche Verhältnis zum Unvertrauten. Der Mythos ist so eine vor-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren.

Lana del Rey

Es ist bezeichnend, dass wir uns heute mit Mythen in dem beschriebenen Sinne so schwer tun. Allem Möglichen (und Unmöglichen) wird zwar die Bezeichnung „Mythos“ aufgestempelt. Aber meist ist das nichts anderes als ein schaler Versuch einer unspezifischen, para-religiösen Vermarktung. Man mache mal kurz die Probe aufs Exempel und sehe sich die Bilder-Ergebnisse einer Google-Suche ein.  Die Ergebnisse sind niederschmetternd: Turnschuhe, Fahrradhelme, Autos, Motorräder, Bier, ja sogar das Weserstadion etc. tauchen auf, wenn man sich erst einmal durch Fotos zum Computerspiel „Mythos“ durchgearbeitet hat. Na ja, was soll Google auch machen, wenn es nach Unwägbarem gefragt wird. Hier endet das digitale Allwissen in schrabbeliger Banalität. (Nach „Mythos“ auf Twitter gesucht, bringt ein weit intelligenteres und differenziertes Ergebnis – wenn auch niederschmetternd rationalistisch…)

Des Mythos neue Kleider

Mythos und Unwägbares, gar tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein eingelagerte Überlebenserfahrungen aus vor-rationaler Zeit (s. o.), das mag so gar nicht zum unendlichen Info-Panoptikum der digitalen Welt passen. Und es ist in seiner diffusen, unterbewussten Qualität diametral zur Offenheit des Internet und zur allgegenwärtigen Skepsis und Prüfsucht der Webgemeinde. Ein schöner Gedanke dazu wird in der vielleicht intelligentesten Kritik zum Debut-Album „Born To Die“ von Lana del Rey von John Calveri formuliert und ist im Online-Musikmagazin „The Quietus“ erschienen. Neben einer vernünftigen – recht positiven – Einschätzung des Albums denkt Calveri über das Problem nach, in Zeiten des Internet und dessen rabiater Art der allgegenwärtigen Dekuvrierung, seiner Sucht nach Transparenz und Authentizität noch Mythen bilden zu können, geschweige denn sie zu zelebrieren.

Er bewundert die Fülle an Zitaten aus der Glamour-Kultur Hollywoods der 50er- bis 70er-Jahre, die in dem Album versammelt ist – und dabei zugleich die Gegenwart in all ihrem Talmi und ihrer Referenz- und Vintage-Sucht treffend beschreibt. Denn gerade dadurch kommt man heute einem Abziehbild von Mythos am einfachsten nah – meint man wohl. Und Lana del Rey konterkariert diese Rent-a-Myth-Mentalität durch ihre exzessive Nutzung. Zitat Calveri: „It’s tempting to interpret Born To Die as the culmination of over 70-odd years of pop industry progress, in terms of the dark art of myth-making. It’s now as if life is imitating art in real time, worse, in digital time, with both tiers – life and art – forward-planned to coincide.“ Das genau sind die digitalen Zeiten: die willkürliche Vermischung aus Zitat und Wirklichkeit, aus Kunst und Leben, Banalität und Mythos.

Projektions-Phantasien der Journaille

Die mythische Verhüllung eines hübschen, ein wenig ungelenken Twens ist auf sehr bemerkenswerte Weise gelungen. Initiiert als viral funktionierende Video-Collage zu „Video Games“, die zig-millionenfach angeklickt wurde, hat sie mit ihren homöopathisch dosierten kryptischen Bezügen und biografischen Widersprüchen äußerst erfolgreich die Phantasie der (Musik-)Journaille beflügelt. Sind ihre Lippen aufgespritzt? Ist sie Millionärs-Töchterchen oder Trailerpark-Girl? Hat sie das Video wirklich auf dem iPad produziert? Die Projektionen der non-digitalen (!) Presse entführten Lana del Rey erfolgreich aus jeder Wirklichkeit, aus dem alltäglichen Banalitäts-Referenz-System. Noch einmal Zitat Calveri: „A lost art in the internet age, it’s precisely that distance, that sense of untouchability, which renders Del Rey mysterious; a comfortably numb semi-goddess imprisoned in the isolation of stardom, both on Born To Die and, since her rise to ubiquity, in real life as well. Suffice to say, it’s brain-twistingly meta.“

Die undurchschaubare Mischung aus Traum und Wirklichkeit, die so entsteht, ist die derzeit wohl einzig noch funktionierende Methode, sich der inquisitorischen Recherche-Wut der Netzgemeinde und der all-profanisierenden Medien zur Wehr zu setzen und noch einen Hauch von Geheimnis zu retten. Dieses Spiel aus Realität und Überhöhung zieht sich bis ins kleinste musikalische Detail. Schwülstige Streicher-Arrangements sind mit kalten, verschleppten Trip Hop-Rhythmen unterlegt. Hymnische Melodien, Harfen und Glockenklang sind konsequent mit dokumentarischen Tondokumenten in UKW-Qualität, Rap, Kindergeschrei, Computer- und Modem-Funktionsklängen, Feuerwerk, Vinylplattenknistern, Atemgeräuschen oder Radar-Pings hinterlegt. Mit ähnlichen Brüchen zwischen Traum und Wirklichkeit, Liebe und Gewalt arbeiten auch die Texte von Lana del Rey.

Marketing alá Fellini

Nicht umsonst zitiert John Calveri denn auch den Großmeister der Assemblage von Traum und Wirklichkeit Frederico Fellini („8 1/2“): „In the end, (Lana del Reys) debut is essentially a lattice of Fellini-esque postmodernism. (…)  The difference is, Fellini never had the internet. Blurring the line between dreams and reality gets a whole lot more complicated when you have a fourth dimension to play with.“ Die vierte Dimension, das ist in Zeiten des Internets die Virtualität. In dieser Welt wird der Künstler/die Künstlerin im Idealfall einer gelungenen Mythenbildung und Mystifizierung zum Spielball der Phantasien und Projektionen der Hörer und Zuschauer.

Und um diesen Sim-Effekt der Projektion im virtuellen Raum zum Funktionieren zu bringen, muss ein wirklich umfangreiches Arsenal an Zeichen, Zitaten, Bezügen, urbanen Legenden – und an Klängen, Melodien und Bildern angeboten werden, aus dem sich dann jeder nach seinem Gusto und seiner Phantasiebegabung bedienen darf. Und dazu sollte das Angebot stimmig sein, es darf aber zugleich nicht zu homogen sein. Authentisch kann nur wirken, was auch bis zu einem bestimmten Grad widersprüchlich ist. So entsteht dann tatsächlich Mythos im Habermasschen Sinn als Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt – jetzt einer hyperkomplex gewordenen Welt. Bzw. entsteht Neo-Mythos a lá Luhmann als eine para-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren der Populärkultur.

Der Backfire-Effekt

So etwas funktioniert nicht nur bei der Mythisierung einer Pop-Sängerin. Lana del Rey als Medienphänomen kann auch als eine Blaupause für Markenbildung und Markenführung dienen. Es mag vermessen klingen: Wer immer seine Marke zum Mythos machen will, oder wenigstens mythisch in Zeiten digitaler Omnipräsenz aufladen will, der sollte sich das Phänomen Lana del Rey genau ansehen. Die Musik Dauerschleife hören, die Videos genau ansehen – und seine Lehren daraus ziehen.

Ist aber erst einmal ein Mythos stabil aufgebaut, dann hilft ausgerechnet die Informationsflut und die Diversität der Meinungen im Internet, um Mythen zu stabilisieren, ja zu zementieren. Wissenschaftler an der Universität Michigan haben sich mit dem Thema beschäftigt und herausgefunden, dass jeder Versuch, Mythenbildung durch Informationen und Argumente zu konterkarieren, unweigerlich scheitern müssen, weil in jeder Gegenargumentation selbst eine existierende Meinung (und sei sie grundfalsch) wieder erwähnt werden muss und sie sich so nur noch tiefer ins Gedächtnis eingräbt. Tiefer als jedes Gegenargument. Die Wissenschaftler nennen dies den „Backfire-Effekt“ denn je vertrauter Menschen eine Sache ist, desto eher schenken sie dieser Glauben. (So berichtet die SZ in ihrer Print-Ausgabe am 1.2.12 im Wissenteil unter der – etwas irreführenden – Überschrift „Wie man Starrköpfe überzeugt“. – Leider ist der Artikel – wieder einmal – nicht online gestellt.)

Schluss mit Evolution


Die Plattform des Neuen

David Weinberger, Internetanalyst und Harvard-Professor („Everything is Miscellaneous“), behauptet bei der Promotion seines neuen Buches „Too Big To Know“, wir hätten heute mit dem Internet ein Medium, das so umfassend wie unsere Neugier ist. Korrigiert um den Irrtum, dass das Internet kein Medium ist, stimmt der Satz so: „Wir haben endlich eine Plattform, die so unendlich ist wie unser Bedürfnis nach Neuem.“ Und Weinberger weiter: „Wir brauchen die Neugier mehr als alles andere, wenn wir unsere Welt verstehen wollen.“ Genauer gesagt: Wir brauchen sie, um uns weiter entwickeln zu können, um weiter zu kommen, wenn wir die Welt dabei auch besser zu verstehen lernen, dann ist das ein willkommener Kollateraleffekt. Denn das Olli Kahn-Paradigma ist tatsächlich unsere Bestimmung: Immer weiter – immer weiter!

Wir sind eine von der Evolution erzeugte und geprägte Spezies, die auf dieser Welt als Erste Sprache, Reflexion und Schrift entwickelt hat und schließlich sogar verstanden zu haben glaubt, dass es so etwas wie eine Evolution gibt. Wir sind eine Spezies, die sogar locker das Paradox aushält, Wesen wie die Kreationisten zu entwickeln, die die Evolution leugnen. Und sogar diese treiben damit die Evolution weiter voran.

Die Evolution ist blind

Denn die Evolution, zumindest soweit wir sie als Menschen verstehen, wird durch jeden Prozess, in dem nach Neuem gesucht wird, nach Erkenntnis, nach Wissen, weitergebracht. Egal ob dadurch etwas Neues entdeckt wird, ob dadurch nur neue Fragen entstehen oder zumindest ein Denkansatz wirderlegt wird, alles zahlt auf die Evolution ein. Unweigerlich.

Brian Cox, der junge und charismatische Astrophysiker, stellt diesen Effekt in seinem Vortrag 2010 auf der TED-Konferenz in London „Why we need the explorers“ exemplarisch dar. Selbst die abgefahrenste Grundlagenforschung kann letztendlich einen großen Erkenntnisgewinn bringen. Oft nicht direkt, oft nicht gleich, aber vielleicht in der Vernetzung mit anderen – möglicherweise später gewonnenen Erkenntnissen anderer. Die Apollo-Mission der USA etwa, so Cox, hat im Nachhinein etwa das Vierfache an Ertrag gebracht, was an Investment hineingesteckt worden war.

Die Evolution und das Internet

Aber der Wille nach neuen Erkenntnissen, der Drang nach Wissen, darf nicht nur nach monetären Gesichtspunkten bewertet werden. Jeder Versuch zu verstehen, wer wir sind, was wir sind – und was noch alles aus uns werden kann, ist essentiell. Und um so besser, wenn unsere Neugier heute verstanden hat, dass sie sich auch dringend darum kümmern muss, dass die Lebenssituation von uns Menschen bewahrt bleibt. Das muss nun gar nicht durch eine Verzichtshaltung passieren, viele pessimistische ökologische Prognosen sind längst durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Erfindungen und eine radikal technologisch optimierte Nutzung von Ressourcen obsolet geworden. Die Neugier ist eben zum einen das Problem – und zugleich auch die Lösung. Sie generiert Probleme – aber auch mögliche Lösungen – aber das in einem ewigen, endlosen Prozess: Immer weiter, immer weiter!

Das deutsche Missverständnis

Nun leben wir aber in einem Land, einer Sprachregion, in der die Fähigkeit, Interesse an Unbekanntem zu entwickeln und Neues wissen zu wollen, als „Neugier“ verunglimpft wird. Als Gier! Das gilt – im katholischen Kontext zumindest – immerhin als Todsünde. – In den anderen westlichen Weltsprachen beruft man sich in diesem Zusammenhang lieber auf den lateinischen Ursprung „curiositas“ des Begriffs: „curiosity/curiousness“ (engl.) – „curiosité“ (franz.) – „curiosità“ (ital.) – „curiosidad“ (span.). Das lateinische „curiosus“ – von „cura“ Sorge, Sorgfalt, umfasst eine Menge positiver Bedeutungen bis hin zum Wissensdrang: „voll Sorge, voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren für, wissbegierig, vorwitzig“ – und dann erst auch „neugierig“. Bei uns ist das Wort „kurios“ in die Nähe der Freak Show gedrängt. Es sagt einiges über ein Land aus, dass es die Lust auf Neues so sprachlich diffamiert.

Die eingangs ausführlich formulierte Prämisse ernst nehmend, ist nichts schlimmer, als sich dem „Immer weiter, immer weiter!“ verweigern zu wollen und ein erbittertes: „Es bleibt so, wie es ist!“ entgegen zu setzen. Abgesehen davon, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, uns von der Evolution abzukoppeln, der Versuch dazu ist besonders töricht. Der Versuch, sich von der Evolution abzukoppeln, ist immer eine Bankrotterklärung der eigenen Verantwortung gegenüber der Welt. Es ist die völlige unnötige Kapitulation davor, die Welt mitgestalten zu wollen. Es ist die Verweigerung, die Welt wenigstens ein bisschen nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen gestalten zu wollen. Vielleicht ja schlicht, weil man nicht weiß, wie man es denn gerne hätte – oder nicht einmal darüber nachdenken will.

Zu dröge zum Wünschen

Neugier meint nun wirklich nicht nur die Sucht nach neuen Konsumgütern, nach neuen Moden, neuen Gadgets oder Apps. Sie beschreibt vor allem auch die Bereitschaft darüber nachzudenken, wie denn eine bessere Welt aussehen könnte, was denn am Bestehenden dringend verändert gehört. Dazu muss man jenseits aller Stammtischparolen mal ins Innere horchen, dem kleinen Unbehagen nachzuforschen – und über die Ursachen dazu nachdenken. Das sind alles Dinge, für die man natürlich im Alltags-Stress keine Zeit hat, wozu der geschäftige Alltag keine Muße lässt. Aber vielleicht ist der Stress, sind die vielen Themen-Hysterien und das allgegenwärtige Lamento darüber auch eine hoch willkommene Ablenkung, nicht über die wirklich ernsten Dinge nachzudenken.

Die ganz hohe Schule der Neugier ist es, kreativ in sich hineinzuhorchen und „Träume“ zu entwickeln, was man denn wirklich wünschen würde, was das Leben wirklich besser machen könnte und vor allen Dingen, welche gesellschaftsverträglichen Freiheiten uns die neuen technischen Möglichkeiten unserer Zeit geben könnten. Es tut immer wieder weh, hirnrissige Szenarien von denkenden Kühlschränken, die unsere Einkäufe autonom organisieren, aushalten zu müssen. So etwas will kein Mensch, das will bestenfalls eine abverkaufsüchtige Industrie. Es sind aber so viele andere, sinnvolle, bisher nicht erdachte, bisher nicht erträumte Dinge möglich. Denen hinterher zu spüren, das ist die vornehmste Aufgabe der Neugier. Oder besser, der „curiositas“, die eben die positive Seite des Neuerungs- und Wissensdrangs beschreibt: „voll Interesse, mit großer Teilnahme, mit großer Aufmerksamkeit, sorgfältig, aufmerksam, sich interessieren …“

Annual Multimedia


Multimedia im Print

Ich gestehe, ich bin rückfällig geworden. Seit vielen Jahren publiziere ich nur noch digital. Jetzt bin ich aber wieder zu meinen Wurzeln zurückgekehrt, zum Print. Seit heute ist das Annual Multimedia 2012 (Walhalla Verlag) auf dem Markt – 394 (Hochglanz-)Seiten dick. Erstmals erscheint es in meiner Verantwortung als Herausgeber. Seit 1995, als Werner Lippert das Annual Multimedia gegründet hat, war ich in der Jury dieser Leistungsschau der kommerziellen Multimedia-Arbeiten. Im letzten Jahr fragten mich Werner Lippert und der Verlag, ob ich die Herausgabe des Annuals künftig übernehmen will. Ich habe nur zu gerne zugesagt.

Ein wunderbarer Widerspruch: Digitale Multimedia-Arbeiten auf Papier gedruckt. Ein Paradox, das nur der verstehen mag, der seit langer Zeit digital arbeitet – und der noch weiß, wie es sich anfühlt, wenn man ein Printprodukt in Händen hält, das man mitgestaltet hat. Bei letzterem wird man physikalisch für seine Arbeit „belohnt“. Man „begreift“, was man selbst mit seinen Händen – und seinem Kopf – geschaffen hat. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Eine wunderbare, große, innere Freude für kreative Menschen, ein Triumph für narzisstisch veranlagte Gemüter.

Leere Hände der Moderne

Wenn  man aber seine kreative Arbeit in den digitalen Raum verlagert, geht diese physikalische Belohnung verloren. Über lange Jahre meiner Arbeit im Online-Business hat meine eigene Familie, da selbst nicht vernetzt, keine Ahnung gehabt, was ich da mache. Sie haben mir geglaubt, dass da Sachen von mir im Internet existieren. Nachprüfen konnten sie es nicht. Sie haben sich damit getröstet, dass ich ja sichtlich Geld dafür bekomme. Speziell meine Mutter, der Reputation so wichtig war, litt unter der Virtualität meiner Arbeit. Wenn ich ihr etwa Europe Online am Bildschirm zeigte, hätte das ja auch eine Macromedia-Präsentation sein können. (Kein Scherz, die ersten Online-Projekte wurden damals so verkauft. Und danach wunderten sich die Auftraggeber, warum die Bilder so winzig waren und die Seiten so lange zum Laden brauchten. Bei Macromedia war das alles so schnell und opulent gewesen.)

Noch schlimmer ist, dass viele Online-Projekte irgendwann nicht mehr live zu erleben sind. Entweder waren sie als Microsites sowieso nur auf Zeit angelegt – oder aber die Jahre (Monate?), die technische Entwicklung und natürlich auch die Fortentwicklung von Design, State of the Art und Breitengeschmack fordern kontinuierlich ihre Opfer. Die meisten Projekte im digitalen Bereich sind heute nicht mehr im Web zu sehen. Es gibt ein paar Archivseiten des Internets wie Wayback Machine oder WebCite. Aber wenn man da überhaupt einen Snapshot von früher bekommt, dann erscheinen meist nur Fragmente, meist ohne Bilder – und ohne Flash-Animationen.

Erinnerungen an vergangene Pixel

Schon dafür ist das Annual Multimedia, so absurd eine gedruckte Website auch scheinen mag, eine sinnvolle Sache, dass nämlich hier digitale Projekte physikalisch dokumentiert sind. Dswegen ist sie bei kreativen Arbeitern im digitalen Raum so beliebt. Deswegen reichen die meisten Agenturen Deutschlands (und Österreichs und der Schweiz) ihre gelungensten Arbeiten eines Jahres ein – und werden, sofern sie von der Jury für gut genug befunden werden, im Annual Multimedia verewigt. So entsteht ein hochqualitatives Erinnerungsbuch an digitale Arbeiten – und ein paar Jahre weiter gedacht – ein Almanach vergangener Pixel.

Aber es ist die Arbeit der Jury, die den wahren Wert des Annual Multimedia ausmacht. Jedes Jahr arbeitet sie sich durch Hunderte von Einsendungen hindurch. Das Spektrum, das einst 1995 mit Werken auf CD-ROM angefangen hat, umfasst heute Portals, Websites, Microsites, Web-Kampagnen, Banner, Interactive Ads, Social Media, Intranet, E-Mail-Marketing, Desktop Anwendungen, Tools, Web-TV/-Video, Terminals, Events, Games, Installationen, Shops, Apps, Mobile Anwendungen und Digitale Innovationen. Fast jedes Jahr gibt es in den Kategorien Ergänzungen und Wandlungen.

Messlatte für Qualität

Jedes Jahr steht für die Jury die wirklich schwierige Aufgabe an, die stets mit ausführlichen Diskussionen begleitet ist, den Qualitäts-Status des jeweiligen Jahres zu ermitteln. Der ist jedes Jahr höher, der Standard steigt kontinuierlich. Was drei Jahre zuvor noch respektierlich war, erntet heute nur noch ein Schulterzucken. Und nur, was über diesem jeweils neu definierten Anspruchs-Level liegt, wird in das Annual aufgenommen. Die Mehrzahl der Einsendungen schafft das nicht. Die, die aufgenommen werden, werden mit Silber bedacht. Die absolut besten Arbeiten, ca. 20 Highlights, werden speziell erwähnt – und mit Gold bedacht.

So hat sich das Annual Multimedia über die Jahre – wohlgemerkt seit 1995 – als verlässliches Qualitäts-Barometer der Digitalen Branche etabliert. Blättert man durch die Jahre, erlebt man ein Wiedersehen mit wichtigen Websites, erfolgreichen Ideen und bahnbrechenden Kampagnen. Zugleich bekommt man dabei einen plastischen Eindruck, wie sich Standards herausbilden, neue Stile entwickeln und verbreiten. Das ist digitaler Zeitgeist pur.

Texte und Autoren

Die jeweils wichtigen Themen im Umfeld kommerziellen digitalen Schaffens werden in jedem Annual nicht nur optisch dokumentiert, sondern auch stets von kompetenten Autoren analysiert und kommentiert. Im Annual Multimedia 2012 sind folgende Autoren mit folgenden Artikel zu finden:

  • Peter Glaser: „Die Coca-Cola-Formel des 21. Jahrhunderts“ – Zum Thema der Allmacht der Algorithmen
  • Hubertus von Lobenstein: „Wege aus der digitalen Hilflosigkeit“ – Ein Leitfaden zum Einsatz von Social Media
  • Thomas Koch. „Online: Das erste Medium, das wirklich hilft“ – Wie technisch darf digitales Marketing sein?
  • Michael Geffken: „Dem digitalen Tsunami standhalten“ – Wie Medienhäuser und deren Mitarbeiter digital lernen müssen.
  • Anatol Locker: „Was man von Gamern lernen kann“ – Die Spiele-Industrie erfindet sich neu.
  • Henry Steinhau: „Der Netz-Erklärer“ – Portrait des Web-Vordenkers Peter Kruse.
  • Karen Heidl: „Methoden einer Innovationskultur“ – Agilität als Methode des Innovations-Managements
  • Thomas Hoeren: „I like – what the law hates“ – Facebook & Co, die rechtlichen Risiken.
  • Werner Lippert: „Internet killed the Video Star“ – Fünf außergewöhnliche Videokunstwerke per Smartcode.

Das Annual Multimedia erscheint im Walhalla Verlag und kostet 79,00 Euro. Viel Spaß beim Lesen…

Willkommen Krise – wenn es denn sein muss


Änderungsprozesse sind nie gemütlich

Wenn man einmal in einer wissenschaftlichen Animation gesehen hat, wie sich ein System in ein anderes transformiert, sei es ein Bakterienstamm oder ein soziales System, dann ist das eindrucksvoll: Ein stabiles System arbeitet zunächst brav in einem funktionierenden Schema. Alles ist ruhig und „normal“. Dann erscheint irgendwo ein kleiner Störfaktor. Normalerweise wird er von dem System absorbiert. Ist aber das System dazu nicht mehr in der Lage, vielleicht weil es in Teilen heimlich schon dysfunktional ist, dann verbreitet sich dieser kleine Störfaktor immer mehr. Zunächst minimal und fast unscheinbar, dann aber immer mehr und mit wachsender Dynamik.

Rosette Nebula - Galaktische Evolution

Ab einem kritischen Punkt wird nun das System immer unruhiger, es gerät immer mehr in Unordnung, wird immer hektischer und chaotischer. Man nennt diesen Vorgang dann nicht zu unrecht Krise. κρίσις (krísis) stammt aus dem Griechischen (!) und bedeutet in etwa „Zuspitzung“ oder auch Wendepunkt. Er beschreibt den Zustand des Wechsels von einem stabilen Zustand in einen anderen. Und solch ein Wechsel ist unweigerlich mit einem sehr unruhigen, turbulenten, chaotischen Moment verbunden bis sich das neue System, das einmal als kleiner Störfaktor begonnen hat, durchgesetzt hat. Nun erst beruhigt sich das System in der dann neuen Funktionsweise. So funktioniert  Evolution.

Schaut man sich um, liest und sieht die Nachrichten, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir uns gerade in solch einer turbulenten, hitzigen Wechselphase befinden. Und das Wort „Krise“ liest und hört man sowieso allenthalben. Fragt sich nur, wohin der Wechsel gehen soll. Welche unserer gewohnten, aber vielleicht doch etwas überholten Systeme stehen denn zur Abwahl an? Da fällt uns recht viel ein, ohne auch nur ansatzweise in die Esoterik abgleiten zu müssen:

1. Das Banken- & Glückspielsystem

Da ist als erstes sicher das Bankensystem, das nach seiner Liberalisierung zu großen Teilen – vor allem denen, wo am meisten Umsatz und Profit gemacht wird – zu einem Wettbüro degeneriert ist. Heute muss schon jeder Lottobetreiber darauf aufmerksam machen, dass Glücksspiel süchtig macht. Warum müssen das die Investmentbanker, Derivate-Händler & Konsorten nicht? Und wäre es nicht ein willkommener Effekt der Krise, wenn damit in Zukunft erst einmal Schluss wäre?

2. Das kapitalistische System

Nur einen kleinen Gedanken-Fußbreit weiter gedacht: Vielleicht hat nach dem sozialistischen System auch der Kapitalismus in seiner Reinkultur ausgedient. Sein naiver Glauben an unaufhörliches Wachstum als Heilmittel hat sich überholt. Und wie sich der Sozialismus heute in sonderbare kapitalisteske Mutationen manifestiert, beispielsweise in China, und damit wirtschaftlich nicht schlecht fährt, so muss sich vielleicht der Kapitalismus neu erfinden, um noch im 21. Jahrhundert lebensfähig zu bleiben. Er muss möglicherweise sozialer werden – ohne seine Grundidee des Wettbewerbs aufgeben zu müssen.

3. Das Sozialsystem

Apropos sozial. Unser viel gelobtes Sozialsystem, das so viel auf sich hält, muss schätzungsweise auch möglichst bald von seinen Lebenslügen geheilt werden. Es braucht wahrscheinlich eine grundlegende Runderneuerung, um den vorhersehbaren Katastrophen wie Rentenpleite, marodem Gesundheitssystem und System-Arbeitslosigkeit irgendwie noch zu entgehen.

Braucht es erst eine Verelendung auf breiter Front mit begleitenden Unruhen und Aufständen, bis sich vernünftige Ideen wie eine Grundrente – oder positiver formuliert: Bürgereinkommen – durchsetzen können? So etwas wäre ein dermaßen grundlegender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der viele andere anstehende Probleme leichter lösbar machen würde: Leistungsschutz, Nutzungsrechte, Versorgungsbürokratie etc. Wie anders als durch eine Krisensituation soll sich solch eine Idee, die grundlegende Paradigmen berührt, durchsetzen?

4. Konsum-System

Es fällt auf, wo in dieser Welt welcher Luxus gelebt wird. Einerseits der laute, protzige Glam-Luxus als Reichtums-Peep Show. Das findet vorzugsweise dort statt, wo es besonders viel Wohlstands-Nachholbedarf gibt und zugleich noch sehr feudale Strukturen überlebt haben, etwa in Russland oder auf der arabischen Halbinsel. Anders in Indien oder China. Auch hier gibt es reichlich Nachholbedarf und genug feudalistische Reste, und Reichtum wird stolz gezeigt, aber es gibt längst nicht solch prosperitäts-exhibitionistische Exzesse. Es fällt auf, dass ausgerechnet dort Luxus am dekadentesten gelebt wird, wo am wenigsten produktiver Reichtum aus neuen Ideen und innovativer Produktion entsteht, sondern Geldüberflüsse nur durch Förderung von Rohstoffen erzielt werden.

Bei uns im Westen, wo wir seit langem Reichtum und Prosperität gelernt haben, wird offensive Zurschaustellung von Luxus längst als peinlich empfunden. Vielleicht sind wir jetzt so weit, neue Wertesysteme des Luxus zu entwickeln . Die haben weniger mit Insignien des Reichtums zu tun, als vielmehr mit Lifestyle, neuen Optionen und gelebter Erfahrung und gelebtem Wissen. Genuss wird hier anders zelebriert. Durch neue Geschmackserlebnisse, durch neue Freiheits-Optionen, durch neue Perspektiven.

5. Die Welt der Arbeit

Es ist heute sehr gut absehbar, dass die Arbeitswelt schon mitten dabei ist, sich massiv zu verändern. Das kann man ganz brav und uninspiriert darstellen wie etwa aktuell in der Süddeutschen Zeitung, oder aber man bezieht den Paradigmenwechsel in eine digitale Netzgesellschaft mit ein, wie es Jeanne C. Meister und Karie Willyerd in ihrem Buch „The 2020 Workplace“ entwerfen. Dankenswerterweise hat Karen Heidl die Grundthesen des Buchs in ihrem Blog kurz zusammengefasst. Es wird in Zukunft darauf ankommen, Talente und Könner damit zu ködern, dass sie ihre Marke (Employee Brand) weiter entwickeln können und dass sie sich kontinuierlich weiterentwickeln können. Beruflich, fachlich, menschlich, sozial etc.

6. Steuersystem

Wie will man übrigens bei einem Arbeitssystem, das auf neue Freiheit, Flexibilität und gleichzeitig auf extreme Effektivität ausgerichtet ist, noch darauf hoffen, darauf sein Steuersystem aufbauen zu können. Es braucht deutlich andere Bewertungsgrundlagen: etwa Effektivität, Wertschöpfung, Maschinenleistung etc. Genug intelligente Ideen dazu gibt es längst. Den Mut, hier einen Schnitt zu machen, können Politiker, die immer die nächste Wahl vor Augen haben, nicht aufbringen. Das ist nur aus einer massiven Krisensituation heraus durchzusetzen.

7. Digitales Denken und Leben

Realistisch gesehen wird die Ablösung unseres Denkens aus den Limitationen des analogen Systems auf breiter Basis noch Zeit brauchen. Aber analoges Denken wird sich, gerade weil es bei uns in Deutschland (Dichter & Denker?) so tief verankert und mit seltsamer Nostalgie und Wehleidigkeit aufgeladen ist, nur in krisenhaften Situationen durchsetzen können. Nur wenn es gar nicht mehr weitergehen mag, ist man wohl bereit, sich an eine Digitale Intelligenz samt Netzwerk-Denken mit ihren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Und sie dann ganz schnell genießen zu lernen. Nur so lässt sich die weitere unausweichliche Beschleunigung unserer Welt, unseres Wissens und unseres neuen, fluiden Wertesystems überhaupt aushalten.

Oder kurz zusammengefasst: Es wird höchste Zeit, dass wir endlich im 21. Jahrhundert, im 3. Jahrtausend ankommen. Kann sein, dass wir dafür ein weiteres Mal, wie schon bei so vielen Fin de siècles, eine Krisensituation brauchen. Schade! … Aber wenn es denn sein muss…

Angst & Keime


Don’t touch Sagrotan 

Es gibt nichts Schöneres, als wenn eine Firma wirklich ihre Kunden versteht, ihre geheimen Ängste, ihre verborgenen Wünsche. Und was brauchen zwanghafte Menschen, die sich von Herzen vor Keimen und Bakterien fürchten, dringender als eine Automatik, die ihnen keimtötende Substanzen auf die Hände sprüht, ohne dass sie dafür einen Hebel bedienen müssen? Schließlich könnten ja gerade dabei neue Keime auf die Hand kommen. Dass diese Sekunden später durch genau die aufgetragene, Keim vernichtende Substanz abgetötet werden, kümmert einen konsequent zwanghaften Menschen ja nicht.

Zwang ist nun mal nicht mit Ratio in Griff zu bekommen. Und das weiß Reckitt Bensicker, die sich auf aggressive Reinigungsprodukte spezialisiert haben. Ihre 17 Keim- & Schmutzvernichter vermarktet die Firma sinnigerweise unter dem Motto „Keep Customers Delighted“. Beispielsweise eben mit „No Touch Sagrotan“.

Es lohnt sich auch das Video anzusehen, mit welch unsubtilen Mitteln der Zielgruppe das neue Produkt nahe gebracht wird. Es ist so gesehen dann schon wieder Realsatire. Natürlich sind die Helden des Werbespots Kinder. Die wilden Racker neigen ja dazu, Schmutz und Keime in die so sorgsam steril gehaltenen Küchen zu bringen. Zum Beispiel, in dem sie dort mit (seltsam sauberen) Kröten spielen. Das macht die Patsch-Händchen ganz keimverseucht. (Das wird mit roten Stäbchen auf seltsam krötenfarbenem Untergrund symbolisiert.) Und Mami kocht und fasst rohes Fleisch an – igittigitt – und Papi fasst in den Müll – igittigittigittigitt!

Das Leben endet meistens tödlich

Es ist so leicht, sich über zwanghafte Menschen lustig zu machen, die Angst vor der Wirkung von Keimen und Bakterien haben. Und kein Business ist so leicht und ersprießlich wie das Geschäft mit der Angst. Hier sind Wirkung und Ertrag fast garantiert, weil die Ratio als Kontroll-Element keine Chance hat. Dass die Werbung das so oft und gerne ausnutzt, ist traurig, aber logisch. Schade ist nur, dass ausgerechnet die Medien, denen bislang eigentlich die Rolle der Aufklärung und so der einzig wirksamen rationellen Kontrolle zukamen, jetzt in ihrer selbst verordneten Existenzangst auch lieber auf Ängste als auf deren Abbau setzen. Keine Woche, in der nicht eine Meldung über neue, ganz schlimme Keime durch die Medien geistern. Eine ganz sichere Sache das, denn das Leben endet nun mal meistens tödlich…

Erreger in Lebensmitteln und die Schuldenkrise sind dann auch die beiden größten Ängste der Nation, wie eine Studie feststellt. Entsprechend vergeht kein Tag mit neuen Untergangs-Szenarien des Euro, mit neuen Angstmachereien vor einer Wirtschaftsreform und einer Weltrezession. Nicht umsonst kritisiert die einzig funktionierende deutsche Reflexions-Institution Helmut Schmidt im aktuellen Interview der Zeit mit Giovanni di Lorenzo die Angstmache der Medien vor dem Verlust der Ersparnisse der Deutschen: „Wenn es Deutsche gibt, die Angst haben, dann ist ihnen die Angst gemacht worden. Zum Beispiel durch dicke Überschriften im Spiegel oder in der Bild-Zeitung. Dabei wurde die Bankenkrise des Jahres 2008 noch sehr vernünftig zurückhaltend kommentiert. Aber das ist vorbei. Jetzt machen fast alle in Angst – selbst in der Süddeutschen Zeitung habe ich schon gelesen, dass wir es mit einer Euro-Krise zu tun hätten. Aber das stimmt nicht. Wir haben es mit einer Krise der europäischen Institutionen zu tun.“

Die Wirtschaftspresse, die die erste Bankenkrise in ihrer Wachstumseuphorie so gar nicht hatte kommen sehen, will nicht noch mal auf dem falschen Fuß erwischt werden. Um so energischer und drastischer werden jetzt gebetsmühlenartig Untergangs- und Verarmungs-Szenarien gemalt. Mit dieser Haltung weiß man sich auf der sicheren Seite. Sollte es nun doch nicht so schlimm kommen, wird einem das im Nachhinein keiner übel nehmen.

Die Kartelle der Angst

Pavel Mayer, einer der Piraten, die in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen sind, beschreibt in einer Replik auf faz.net gut die „Kartelle der Angst“, die ihre Besitzstände zu verteidigen suchen: „Da sind die „Kartelle der Angst“, die sich dem Wandel entgegen stemmen. Es sind mehr oder weniger mächtige Interessengruppen, die Angst vor Veränderung haben. Sie glauben, dass ihre bisherigen wirtschaftlichen und politischen Erfolge sie moralisch dazu berechtigen, die Regeln der neuen Welt bestimmen zu können. Sie wollen weiter erfolgreich und mächtig sein, ohne sich so radikal ändern zu müssen, wie es die neuen Umstände der digitalen Welt erfordern.“ Was Pavel Mayer vergisst – oder übersieht – sind die Mittel, die diese Kartelle zur Verteidigung ihrer Besitzstände nutzen: Angst, blanke Angst. Ein Mittel, das in Deutschland schon immer funktioniert hat. Und in den USA sowieso.

Man erinnere sich nur an die Vision eines Unterdrückungsstaates, wie ihn George Orwell einst mit „1984“ beschrieben hat. Wer dieses Werk nur als Warnung vor Faschismus und/oder Stalinismus interpretieren mag, der greift zu kurz. Bei mir hat schon damals, als wir den Roman in der Schule (!) behandelt haben, vor allem die kontinuierliche Angstmache mittels Terrorismus, Krieg und anderen Katastrophen Beklommenheit ausgelöst. Schaut man heute Tag für Tag Nachrichten, sind wir so weit davon nicht entfernt. Einziger Unterschied ist, dass es uns im Gegensatz zu „1984“ wirtschaftlich gut geht. Umso besser funktioniert das Schreckgespenst, dass es damit schon bald vorbei sein könnte.

Die Stimme der Optimisten

Umso willkommener sind in diesen Zeiten die Stimmen von Gelassenheit und Optimismus. Matthias Horx, der nun wirklich nicht im Rufe eines Euphorikers steht, predigt in einem mehr als lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau auf überzeugende Weise Gelassenheit: „Angst ist ein Geschäft. Das muss man wissen, wenn man Krisen begreifen will. In einer durchgängig vernetzten Medienwelt bildet sich eine eigene Erregungs-Ökonomie, mit eigenen Gesetzen und neuen Stars. Aber auch hier gilt: Die Karawane wird weiterziehen. Was gestern die Islam-Angst war, ist heute Euro-Hysterie. Sich diesem Zirkus zu verweigern, das Spiel nicht mitzuspielen, ist eine Form mentalen Widerstands.“

Die Steigerung von Gelassenheit ist aktiver Optimismus – oder sogar der Glaube an das Gute – oder gar an die positive Absicht der Evolution. Der beste Protagonist dafür ist Matt Ridley. Sein Vortrag „When Ideas Have Sex“ auf der TED-Konferenz ist auf alle Fälle als Mutmacher und Kraftgeber immer wieder sehenswert. Inzwischen ist sein Buch „Wenn Ideen Sex haben“ auch in Deutschland erschienen. Andrian Kreye hat es sehr gut und ausführlich in der Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung bewertet.  Es tut einfach gut, auch aus wissenschaftlicher Sicht positive Nachrichten zu bekommen.

Schule zu Lebensmut

Ich bin einst als 16-Jähriger sehr nachhaltig von Zukunftsangst und Miesepetrigkeit geheilt worden (von einigen Rückfällen abgesehen). Es war ein alter, blinder Mann, der mir das ausgetrieben hat. Mein Vater hatte zu seinen Junggesellenzeiten im Berlin der Vorkriegszeit ein möbliertes Zimmer bei der Familie Kleina. Nach dem Tod meines Vaters besuchten wir noch einmal Hannes Kleina und seine Frau. Er war damals über 70, seit Jahren blind, er hatte Krebs und wusste, dass er nur noch wenige Zeit zu leben hatte.

Ich hatte aber noch nie zuvor (und ganz selten danach) einen Menschen mit solcher Lebenslust und solchem Lebensmut getroffen. Er genoss jeden Tag, war politisch informiert (per Radio & vorgelesener Zeitung), er ging ins Fußballstadion zu Hertha. Er sprühte vor Ideen, Begeisterung und war sich für sexuelle Scherze nicht zu schade. – Ich weiß noch, wie ich nach dem Besuch im Treppenhaus auf dem Weg nach unten geflennt habe. Seine positive Art war damals zuviel für mich gewesen. Sein Motto: „Ich habe nicht mehr lange zu leben, warum soll ich mir da auch nur eine einzige Stunde vermiesen lassen.“ Das beste Gegenmittel gegen Angstmache und ihre Folgen: LebensMUT!

Asymmetrie des Wissens


Sokrates hat recht – teilweise zumindest

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“ – Es ist doch manchmal ein Vorteil, auf einem Humanistischen Gymnasium gewesen zu sein. So hat man die wesentliche Erkenntnis von Sokrates früh vermittelt bekommen – und auch noch inhaltlich richtig im Sinne: „Ich weiß als Nicht-Wissender.“ Dieses Prinzip sollte der Ausgangspunkt eines lebenslangen (In-)Fragestellens sein – und der Reflexion – auch über sich selbst.

Heute wissen sehr viele Datenbanken sehr viel über mich – davon darf man ausgehen.Vorgeblich können damit Profile über mich erstellt werden, die meine innersten, vielleicht auch geheimsten Wünsche entlarven. Es heißt sogar, die Algorithmen der Datenbankeigner durchschauen mich irgendwann besser als ich mich selbst. „Ich kenne dich besser als du selbst!“ Diesen Satz habe ich einst aus dem Mund meiner Mutter gehört, als ich ernst machte mit der Abnabelung von zuhause. Und ich wusste damals nur allzu gut, dass sie nicht recht hatte. (!!!)

Manipulation statt Anamnese

Ähnlich geht es mir mit den Datenbankprofilen. Ich bin mir relativ sicher, dass die Komplexität, die Sensibilität und Intelligenz von Maschinen und die sie steuernden Algorithmen so lange mehr als beschränkt sein müssen, solange sie von Menschen programmiert werden. Vor allem auch so lange, als der erwünschte Erkenntnisgewinn von psychologisch eher schlicht gestrickten Marketing- und Vertriebsmanagern bestimmt wird. (Siehe dazu auch meinen Blogeintrag: Der Gläserne Mensch.)

Eine tiefenpsychologische Anamnese eines Kunden, wie sie mit einem umfangreichen Arsenal von im Internet und Konsumenten-Datenbanken gesammelten Daten im Idealfall möglich sein könnte, ist nur hilfreich, wenn dabei wirklich verborgene Wünsche zu Tage kämen, die den Menschen individuell weiterbringen – und die dazu noch real finanzierbar wären. Meine Befürchtung aber ist, dass es Marketing und Vertrieb immer noch viel zu gerne darauf anlegen, Konsumenten zu manipulieren, um ihnen statt individuell gewünschter (und finanzierbarer) Wunschprodukte lieber irgendwelche Produkte aufzuschwätzen, die sie nicht brauchen, die sie sich nicht leisten können. Das alles nur der lieben Rendite und womöglich der Bonifikation der jeweiligen Manager zuliebe.

Wissen ist Macht

So lange das hierarchische Prinzip der alten Produktions- und Vermarktungsweise von oben nach unten weiter beibehalten wird und die Haltung praktiziert wird, dass man selbst (oben) am besten weiß, was die Kunden wollen, kann eine Analyse oder Interpretation von Kunden anhand von Daten nicht funktionieren. Solange nicht sichtbar und real erlebbar wird, dass Kundendaten zugunsten der Kunden, gerne auch in einer Win-Win-Situation, ausgewertet werden, sondern zur Erhöhung von Umsätzen und Renditen, vulgo zur Belohnung der Einfallslosigkeit von Produktentwicklern und Vermarktern, muss man bei allem Verständnis für eine offene Datenwelt der Zukunft erst einmal noch Vorsicht walten lassen, sprich die Privatsphäre des Einzelnen mittels Datenschutz berücksichtigen. Das kann man restriktiv tun, wie es in Europa und speziell in Deutschland allzu gerne betrieben wird, es ginge aber auch anders.

Zur Zeit ist die Wissensmacht im Internet schmerzhaft asymmetrisch. Die Datensammler wissen so viel über uns, wenn sie die richtigen Daten verknüpfen und intelligent daraus Schlüsse ziehen. Wir dagegen haben keinerlei Ahnung, was genau über uns gespeichert ist, ob die Daten überhaupt zutreffend sind – und am wenigsten ahnen wir, welche Schlüsse die auswertenden Algorithmen über uns ziehen. Was ist da zu unserer Kreditwürdigkeit errechnet worden – und mit welchen Daten? Welche geheimen Bedürfnisse sind über uns ermittelt – und gespeichert? Gelten wir als guter, als schlechter, als renitenter oder als dummdoofer Kunde? Wir haben davon keine Ahnung. Die einen sitzen im Dunkeln – und die anderen wissen – angeblich – alles.

Das Gleichgewicht des Datenschreckens

Diese Asymmetrie ist so nicht akzeptabel. Um wenigstens ein wenig ein Gleichgewicht (des Datenschreckens) herzustellen, müsste für jeden Einzelnen von uns Einsicht auf alle über uns gesammelten Daten gegeben werden – und die Schlüsse, die daraus gezogen werden (können). Und wirklich alle Daten, natürlich nur für jeden einzelnen User. Und natürlich darf dieses Wissen nicht als undurchsichtiger Datenwust präsentiert werden, sondern ganz schick aufbereitet.

Wie so etwas aussehen kann, machen etwa die unterschiedlichen Monitoring-Dienste schon mal vor. Da kann man zu den Social Media Daten, die zu einem Stichwort, einem Firmennamen etc. gesammelt werden, in schön aufbereiteten Tortengrafiken, in Manometer-Skalen, in Statistik-Balken – und natürlich in bunten Farben. Digital Dashboard heißt so etwas, das digitale Armeturenbrett. Dort ließe sich etwa ganz kulinarisch die eigene Kreditwürdigkeit ablesen – samt möglicher Bewegung hin zum roten Bereich. Man könnte seine Obsessionen in bunten Info-Grafiken bewundern, samt ihrer kontinuierlichen Veränderungen. Man kann seine Hitzigkeit im Umgang mit Behörden oder Call Centern an einem Thermometer ablesen. Der Kreativität an Inhalten und grafischer Umsetzung ist hier Tür und Tor offen.

Bequemes Ego-Mirroring

So gerne, wie heute Menschen Ego-Googeling betreiben, so bereitwillig würde solch digitale Ego-Bespiegelung angenommen werden, keine Frage. In einer narzisstoiden Gesellschaft, wie wir es sind, ist solch ein Tool die ultima Ratio. – Ja man könnte sogar vielleicht bestimmte Daten und Auswertungen für die Öffentlichkeit freigeben und könnte damit lustige Vergleiche – und Spiele – starten. So könnte gar das reale Leben zum Spielfeld werden. Und die Partnervermittlungen im Netz könnten sich die albernen Persönlichkeits-Tests sparen – und gleich ihre Parameter für eine gelungene Paarkonstellation mit realen Daten von Usern füttern.

Scherz beiseite. Die Asymmetrie des Datenwissens kann nicht auf Dauer akzeptiert werden. Es baut eine (neue) Hierarchie des Wissens auf, ausgerechnet im Digitalen Raum, der bisher alle bestehenden Hierarchien eingerissen hat. Auf alle Fälle müssen alle wirklich wesentlichen Daten, vor allem persönlichkeitskritische Informationen wie Kreditwürdigkeit, Zahlungsverlässlichkeit, strafrechtliche Erkenntnisse, Einreiseverbote, Bewegungsprotokolle etc. einsehbar sein.

Es gab – und gibt laufend – zu viele Falscheinträge, Verwechslungen und Daten-Irrläufer, die immer wieder zu kritischen Situationen führen. Die Polizei verhaftet Namens-Zwillinge. Ein Tippfehler hat oft dramatische Folgen, wenn es um Job, Geld, Steuern oder andere brisante Themen geht. Und Datenirrläufer werden immer mehr, je mehr Daten gesammelt  und verarbeitet werden. Das ist unausweichlich. Und wenn schon, möchte ich für mein Verhalten „büßen“ – und nicht das eines virtuellen Doppelgängers.

Das Ende des Individualismus


Propriozeption – der soziale Gleichgewichtssinn

Jetzt mal kurz innehalten, alle Ablenkung abschotten und sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Wie steht es um einen in diesem Augenblick? Ist alles in Ordnung? Man sitzt, steht, liegt? Die Welt dreht sich unentwegt. Wir haben genug Sinne, um uns jederzeit in dieser Welt orientieren zu können, selbst bei völliger Dunkelheit. Unsere Wahrnehmungssensoren melden ob es laut ist oder leise, warm oder kalt, ob wir uns bewegen oder still stehen, sitzen oder liegen. Das melden uns feinste Härchen in unserem inneren Ohr. Wir wissen wenn ohne Panik – stets wo oben ist oder unten – das melden unsere Augen oder in der Dunkelheit die Lage des Speichels in unserem Mund.

Propriozeption (von lat. proprius – eigen und recipere – aufnehmen) nennt man unsere Fähigkeit der Eigenwahrnehmung und der stets, meist unbewussten Verortung von uns in der uns umgebenden Welt. Das brauchen wir dringend, vor allem unsere Psyche braucht diese Versicherung dringend. Wer nur eine Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung verliert, hat unausweichlich Probleme; funktionieren mehrere der dafür nötigen Sensorien nicht mehr, hat unsere Psyche ein ernsthaftes Problem.

Sozialer Gleichgewichtssinn

Nicht viel anders als im physisch-biologischen System geht es uns in unserem sozialen Umfeld. Auch hier müssen wir uns unentwegt unserer momentanen Lage versichern. Liegen wir richtig oder liegen wir falsch? Ist alles im Gleichgewicht? Liegen wir zurück oder eilen wir voraus? Ist es warm um uns oder eher kalt? Sind wir geliebt oder nicht? Geachtet? Akzeptiert? Jedem sozialen Wesen, das nicht zum sozialen Autisten verkümmert ist, ist eine funktionierende soziale Verortung wichtig.

Dieses Bedürfnis ist historisch gesehen vergleichsweise neu, es entstand erst mit der Ausprägung eines starken Individualismus in unseren Wohlstandsgesellschaften in diesem Jahrhundert – speziell nach dem 2. Weltkrieg. Früher war die soziale Verortung naturgegeben, der soziale Rang war durch Stand, Geschlecht, Religion, Geld und Abstammung vorgegeben. Nur mit äußerster Anstrengung war dem auszukommen – und dann war die Außenseiterstellung unausweichlich.

Auf der Suche nach dem Ich

Seit wir gesellschaftliche Klassen, Normen und Werte gesprengt und verdrängt haben, sind wir (vergleichsweise) frei in der Wahl unserer gesellschaftlichen Rollen und unserer Selbstdarstellung. Wir sind, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seinem Buch „Die Erfindung des Ich“ so überzeugend darstellt, permanent auf der Suche nach neuem Input für die immer neue Ausgestaltung, immer aktuelle Kalibrierung unseres Ich.

Wir brauchen immer neue Anregungen, immer neue Ideen, immer neue Optionen zur persönlichen Ausdifferenzierung. Das ist der Wesensinhalt  unseres Daseins als Individualist, wir wollen unverwechselbar sein (werden), ein Solitär – aber kein Unikum. Denn zugleich wie wir die nötigen Anregungen für unsere Ausdifferenzierung aus Gesellschaft und Medien, von Peers und Role-Models brauchen, so dringend brauchen wir, wenn wir diese Anregungen annehmen und unser Ich damit neu justieren, die Rückmeldung dazu aus unserem Umfeld. Liegen wir so richtig? Beeindrucken wir unser Umfeld – oder sind wir zu weit oder in die falsche Richtung gegangen – und unser Umfeld geht da nicht mit und/oder findet das nicht gut?

Das Sozial-Barometer

Dieser Abstimmungsvorgang ist ein schwieriger Vorgang. Das lief bisher über komplexe informelle Kanäle, oft nonverbal. Ein staunender Blick, ein abschätziger Blick. Ein zustimmendes Brummen, ein Seufzen oder Missfallensgeräusch. Ein Flirt oder ein Abrücken – die gesamte Palette unausgesprochener Meinungsäußerungen kam da zur Anwendung. Zugleich wurde auch die große Bandbreite des sozialen Geräuschs dafür zu Rate gezogen: der verletzende Witz, die spitze Bemerkung, der Klatsch hinter dem Rücken, die abschätzige Geste – oder positiv: das Lob, das Kompliment, der freundliche Scherz, die Anerkennung – der Daumen nach oben.

Die Menschen um uns herum brauchen wir dringend als Projektionsfläche unserer Individualgestaltung. Nur mit ihnen kann eine stets individuelle persönliche Evolution funktionieren. Und nur durch die Reaktion des Umfelds und mithilfe ihres Feedbacks können wir erahnen, ob sich unsere Mühe der individuellen Ausdifferenzierung gelohnt hat – oder nicht. Nur mit der Affirmation des sozialen Umfelds funktioniert unser Spiel der Individualisierung.

Der Segen der Social Media

Bis noch vor kurzem war das Spiel der individuellen Ausdifferenzierung, der Beschaffung der dafür nötigen Anregungen, vor allem aber die Justierung der individuellen Fortentwicklung mittels der Reaktion des sozialen Umfelds ein Prozess, der immer mehr Schwierigkeiten bereitete. Speziell in einer Single-Gesellschaft waren die Beschaffung kompetenter Reaktionen und die Evaluierung der jeweiligen Zustimmung oder Ablehnung ein äußerst diffiziles Unterfangen. Da musste dringend Abhilfe geschaffen werden.

Und siehe da, es entstanden die Social Media. Die so explosive Verbreitung der Social Media-Plattformen, allen voran Facebook, ist nicht zuletzt auch damit zu begründen, dass sie die soziale Propriozeption so schnell, so einfach und so wirkungsvoll gemacht haben. Hier ist ein wirkungsvoller und individualisierender Markt von Anregungen direkt aus dem sozialen Umfeld oder seitens Vorbildern und Peers (Twitter!) entstanden. Vor allem aber fungieren Social Media vorbildlich als Projektionsfläche der individuellen Ausdifferenzierung – und als optimale Feedback-Plattform.

Social Convenience

Das funktioniert einerseits durch eine wirklich optimale Convenience: Anerkennung durch das Minimal-Signal des Drückens eines „Like“-Buttons auszudrücken – einfacher geht es wirklich nicht. Zum anderen ist der (scheinbar) paradoxe Mix aus Anonymität der virtuellen Sphäre des Internet und der scheinbaren Intimität eines ausgewiesenen „Freundeskreises“ das ideale Ambiente für soziale Affirmation oder auch nachjustierender Korrektur.

Die Anzeige von Likes, die Kommentare zu Bildern und Bemerkungen, die witzigen Kommentar-Kaskaden bei besonders gelungenen Meldungen in Social Media-Plattformen, das isteben nicht (nur) willkommene Seelen-Nahrung für die narzisstoide Gesellschaft von heute, sondern sie sind dringend benötigtes Futter für die Ausgestaltung der Abermillionen von Ichs in unserer Gesellschaft von Individualisten. Der Erfolg von Social Media-Plattformen wird sich nicht zuletzt auch immer daran bemessen, wie gut sie für die soziale Propriozeption funktionieren – oder eben nicht.

Das Ende des Individualismus

So sehr Social Media die Individualisierung unterstützen und einfacher machen, so werden sie schätzungsweise zugleich für das Ende des Individualismus sorgen. Was für ein Paradoxon! Wir werden, indem wir immer mehr von uns in Social Media preisgeben, immer transparenter in unserer Wesensart – selbst dann, wenn wir uns dort perfekt inszenieren. Die Datensammel-Monster von Google, Facebook, Twitter & Co. machen uns zu gläsernen Menschen, zu Menschen mit immer weniger Geheimnissen.

Der Individualismus aber, diese Idee zu einem Solitär zu werden, lebt von der Idee eines ganz persönlichen Geheimnisses. Das einzigartige Ich kann ich nur sein, wenn ich etwas (möglichst viel) habe, was andere nicht haben. Und das funktioniert nur so lange, wie es andere noch nicht für sich entdeckt haben. Haben es andere auch für sich entdeckt, ist man nicht mehr Solitär – und muss sich seine nächste, unverwechselbare Besonderheit erfinden oder erarbeiten. Das war ja das Wesen der steten individuellen Evolution.

Das Internet – und speziell Social Media – ist aber der denkbar ungeeignetste Ort, um ein Geheimnis zu hüten, eine solitäre Idee zu bewahren oder als Unikat „überleben“ zu können. So einfach es unser Geschäft der Individualisierung macht, so wird damit der Individualismus, wie wir ihn die letzten Jahrzehnte gelebt und geliebt haben, auch sein Ende finden. – Wir sind längst auf dem Weg in die Epoche des Post-Individualismus…

Der gläserne Mensch


Big Brother is watching you

Ich hatte einst enthusiastisch gegen die Volkszählung in den 70er-Jahren (in der Münchner Stadtzeitung) angeschrieben und deren Boykott unterstützt. Genauso engagiert waren wir damals gegen die Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises. Ich war damals, als der einzige ernsthafte Sammler persönlicher Daten der Staat war, entschiedener Kämpfer für Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre. Dabei war ich beeinflusst von der beängstigenden Vision einer Überwachungsdiktatur, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat, in dem er die historischen Erfahrungen des Nazi- und des Stalin-Regimes eindrucksvoll verdichtet hat.

Der Widerstand gegen die Daten-Allmacht des Datenmonopolisten Staat nährte sich in den 70er-Jahren durch die Erlebnisse mit der Raster-Fahndung, die damals zwar kaum einen Terroristen der RAF enttarnte, dafür aber vielen anderen – unbescholtenen – Menschen Probleme bereitete, vor allem wenn sie jung waren, Bart trugen und schnelle Autos fuhren. (Und wehe, sie trugen einen Parka!) Damals schon entstand die Angst vor einem Allwissen von Institutionen über jeden Einzelnen und vor einem Missbrauch dieser Daten zugunsten einer Diktatur der Wissenden.

Little Brother is knipsing me

Heute habe ich ein Smartphone (Android!), das brav immer meldet, wo ich mich aufhalte. Ich besitze Kreditkarten, die manchmal nicht funktionieren, weil etwa Mastercard nicht glauben will, dass ich schon wieder auf Reisen bin. Ich bin längst bei so ziemlich jeder wichtigen Social Media-Plattform angemeldet, auf Facebook, Google+, Twitter und anderen täglich aktiv. Ich habe Mail-Accounts bei Hotmail, Yahoo und  Gmail. Ich führe diesen Blog auf WordPress, andere, private, auf ning.com. Ich kaufe bei amazon und schreibe dort auch Rezensionen. Mehr Datenspuren im Web lassen sich nur mit einiger Mühe produzieren. Glaubt man den Menschen, die sich mit Targeting wirklich gut auskennen, dann müssten etliche Firmen alles über mich, meine Bewegungen im Netz und mein Konsumverhalten wissen. Google sollte sogar mehr über mich wissen als ich selbst. Auf jeden Fall wissen sie mehr als der Staat über mich.

Big Brother ist nicht Wirklichkeit geworden, dafür knipsen mich – unbemerkt – Unmengen von Little Brothers unaufhörlich mit ihren Digitalkameras und Videoüberwachungskameras filmen mich. Da tröstet es wenig, dass die Erfolgsquote von Gesichtserkennungssystemen erst bei 70 Prozent liegt. Wir sind heute so viel weiter als in den 70er-Jahren je zu befürchten stand. Wir sind unaufhörlich auf dem Weg zum „Gläsernen Menschen“ – und ich störe mich längst nicht mehr daran.

Bergwerker im Datenwust

Ich bin weit davon entfernt, mein Leben so öffentlich zu leben wie es etwa Jeff Jarvis tut oder auch in Ansätzen Thomas Koch. Aber ich finde solch digitale Offenheit absolute positiv und beachtenswert. Mir aber reicht meine digitale Mitteilsamkeit, die jedem Datenbergwerker (Miner) genug Material bieten sollte, um weit in mein Leben hinein leuchten zu können. Und mich schreckt die Vorstellung nicht, dass so viel Wissen über mich gesammelt werden kann. Mich schreckt nicht die Vorstellung, dass so über meine Kreditwürdigkeit (mit) entschieden wird. (Dazu bin ich viel zu oft und zu tief von Banken – selbst in vordigitalen – Zeiten enttäuscht worden, und das selbst zu best prosperierenden Zeiten.)

Mich schreckt auch nicht die Vorstellung, dass Datenbanken Dinge über mich wissen können, die meine besten Freunde nicht wissen – vor allem weil ich es schätzungsweise selber nicht weiß. Was soll jemand damit anfangen? Wenn das Targeting so weit optimiert wird, dass nur noch Produkte beworben werden, die mich im jeweiligen Moment wirklich interessieren, ja selbst wenn sogar mein Unterbewusstsein durchschaubar werden sollte, kann ich dennoch nicht mehr kaufen als es meine Kauflust und mein Budget zulassen. (Da vertraue ich im übrigen wirklich auf die ausgeprägte Non-Linearität meines Denkens und Fühlens.)

Was ist es, dass mich bei der Vorstellung eines Gläsernen Digitalen Menschen nicht mehr schaudern lässt? Ich bin weit entfernt, eine Spießermoral von wegen „Wer-ordentlich-ist-hat-auch-nichts-zu-verbergen“ zu propagieren. Normverletzungen und irreguläres Verhalten sind viel zu wichtig für das Funktionieren unserer Evolution, als dass man eine strikte Bravheit je irgendwie gut oder richtig finden dürfte. Der Sinn von – politisch motivierten – Grenzüberschreitungen beweist sich ja nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Grünen oder im Atomausstieg. Ich erinnere mich noch allzu gut etwa an die so gar nicht lustigen Räuber- & Gendarm-Spiele in Wackersdorf.

Phantasie des Missbrauchs

Mich beruhigt eher die Gewissheit, dass ein Missbrauch von Datenmengen in einer – wohlgemerkt offenen – digitalen Gesellschaft nicht recht funktionieren kann. Wer Zugang zu Netzwerken, offenen Informationen hat und Teil einer kritischen Öffentlichkeit ist, der kann sich gegen jeden Missbrauch wehren. Denn eine Firma, die Daten missbraucht, wird in einer offenen Gesellschaft, die Konkurrenz kennt, gnadenlos abgestraft. Voraussetzung dafür sind aber Netzneutralität, eine funktionierende Netzcommunity und ein Sanktionssystem, das im Netz – und bei strafrechtlich relevanten Vergehen auch juristisch greift. Das setzt natürlich eine Gesetzgebung voraus, die die digitale Welt wirklich begreift, ihre Gesetze berücksichtigt und möglichst auch international – greift.

Kritiker und Warner vor Social Media und der Datensammelwut im Internet argumentieren gerne mit der Asymmetrie der Nutzungseffekte: Die Vorteile der Gratisdienste genieße man sofort, die Nachteile und Missbräuche kämen dann erst sehr viel später. In Wahrheit ist eher eine Asymmetrie der Anwendungsphantasie zu konstatieren: Die Vorteile der – nutzungsoffenen – Plattformen erlebt man nicht nur sofort, sie werden durch die Anwendungskreativität der Nutzer und die Gestaltungskreativität der Programmierer immer größer und vielfältiger. Die Missbrauchs-Szenarien, die die Warner skizzieren, sind dagegen äußerst banal und eindimensional.

Ademokratische Dystopien

Fast alle negativen Dystopien gehen von einem ademokratischen Weltbild aus, in dem Menschen wegen ihrer Rasse, Herkunft, sozialen Stellung oder sexuellen Vorlieben diskreditiert werden und in dem Firmen Missbrauch treiben dürfen wie sie wollen. In solch einer Welt will ich aber nicht leben und werde alles mir Mögliche tun, dass es nicht so weit kommt. Warum also soll ich mich gegen solch ein Szenario schützen? Das ist dasselbe wie mit der Warnung, dass Firmen bei der Personalsuche nach jugendlichen Sünden, die in Facebook oder anderswo dokumentiert sein könnten, suchen, um Bewerber abzulehnen. In Firmen, die so etwas tun, sollte man auf gar keinen Fall arbeiten wollen!

Es ist genau anders herum: Die Vernetzung, die uns Social Media ermöglichen, und der individuelle und gesellschaftliche Machtzuwachs, den uns diese Plattformen geben, sind der beste Sicherungsmechanismus gegen den Missbrauch der Daten durch Internet-Mogule oder bösartige Algorithmen. Das haben die Diktatoren in Arabien feststellen müssen. Und wir haben erlebt, wie schnell unerwünschte Datenschutz-Reduzierungen von Facebook, Apple und Google nach manifesten Protesten der Nutzergemeinde – oder auch das Vorbild eines Konkurrenzproduktes – zurückgenommen wurden. Gerade die Vernetzung schützt gegen den Missbrauch des Netzes. Und zwar gegen Missbrauch durch die User, durch Kriminelle, durch Betreiber oder durch den Staat.

Digitale Assimilanten


Die andere Gnade der späten Geburt

Ich habe mich einst eine zeitlang geärgert, knapp zu spät geboren worden zu sein, um zu den  68-ern zu gehören. Nix war’s mit „Summer of Love“ und so. Im Hippiesommer ’68 war ich gerade mal 14 Jahre alt und trug brav jede Woche die Katholische Kirchenzeitung im Münchner Osten aus. Als Woodstock stattfand, war ich 15 und Komparse in „Herzblatt“, einem Pennäler-Film mit Mascha Gonska und Georg Thomalla. Da Mascha in dem Film mit blankem Busen zu sehen war, war der Streifen erst ab 16 Jahren freigegeben – ich habe ihn deshalb nie selbst zu sehen bekommen. So war das mit dem Jugendschutz damals.

Später habe ich die Tatsache, etwas „zu spät“ für große Zeitenwenden gekommen zu sein, nicht mehr bereut. Im Gegenteil. Sie schuf die Möglichkeit, kritischen Abstand zu den schlimmsten Auswüchsen des Zeitgeistes zu bewahren. Als etwa in der Schülermitverwaltung am Gymnasium ausgerechnet der bei weitem fetteste und hässlichste Mitschüler (vier Jahre älter) mit viel Verve ein Sex-Zimmer in der Schule forderte – in einem reinen Knabengymnasium wohlgemerkt – fand ich das sehr, sehr strange. Immerhin haben wir damals die Einrichtung eines Raucherzimmers durchgesetzt. (Für solche „Freiheiten“ wurde damals gekämpft!) Oder wenn sich Konstantin Wecker (fünf Jahre älter) mit seinen Freunden im Musiksaal austobte, dann klang das toll, aber irgendwie altmodisch. Rock klang anders: rauher, weniger poetisch, so wie Cream oder Jimi Hendrix.

Kelly vs. Ditfurth vs. Fischer

Als 1980 die Grünen gegründet wurden waren es wieder die 68er, die  maßgeblich daran beteiligt waren. Ich war ein sympathisierender Beobachter, bis ich eine Versammlung des Ortsvereins der Grünen in München-Haidhausen besuchte. Ich ahnte eigentlich sofort als ich rein kam, dass ich hier falsch war (viele Jahre zu jung und Meilen zu unideologisch). Nach einer Stunde genervten Zuhörens war ich fortan nur mehr interessierter journalistischer Begleiter. Nur mit diesem Abstand konnte ich intensive Interviews mit Petra Kelly, Jutta Ditfurth und Joschka Fischer führen, obwohl sie sich gegenseitig so wenig leiden konnten, dass sie schnell mal sauer waren, wenn ein „Parteifreund“ interviewt wurde.

Ich bin seitdem recht glücklich damit, ein Post-68er zu sein. Biografisch nah genug, um die Idee zu verstehen, weit genug, um sich ideologisch nicht anzustecken. Nah genug, um den Freiheitsdrang zu verstehen, weit genug, um ihn für sich anders und weiter definieren zu können. Außerdem kann man – sozusagen von außen – die Situation besser analysieren und reflektieren – und man kann auch als Mittler zwischen den Generationen oder Ideologien agieren. Das tröstet ganz gut darüber hinweg, scheinbar etwas „verpasst“ zu haben.

Wir glücklichen Prä-Digitalisten

Die Distanz funktioniert biografisch nicht nur altersmäßig rückwärts, sondern auch umgekehrt, sozusagen nach vorne.  So finde ich es nicht schlecht, ein Prä-95er zu sein, ein Prä-Digitalist, ein Mensch, der weit vor dem Internet geboren und sozialisiert worden ist. So analog, literal und bildungsbürgerlich, wie am altehrwürdigen Wilhelmsgymnasium in München (*1559), einem humanistischen Gymnasium, kann man kaum anderswo ausgebildet werden. Hier haben wir nicht nur Latein und Altgriechisch gelernt, sondern sogar altägyptische Hieroglyphen. Bis heute kann ich, wenn ich bildungs-angeberisch gelaunt bin, einfache Sätze und etliche Pharaonen-Namen auf Stelen oder Obelisken etc. entziffern.

Genau diese Literalität über etliche Kulturen hinweg hat es mir vergleichsweise leicht gemacht, mich in immer neue Logiken hinein zu arbeiten, ob das HTML-Code, komplexe Excel-Sheets oder die Logik von Algorithmen waren. Nie vergesse ich während meines Linguistik-Studiums meinen Kampf mit einem Fachbuch eines Finnen, in dem er (auf Englisch!) die Entwicklung von Lautverschiebungen in indogermanischen Sprachen in Relation zum Wachstumsalgorithmus von Farnen interpretierte. Auf Seite 200 oder so war ich sprichwörtlich „mit meinem Latein am Ende“ und wandte mich hilfesuchend an meinen Dozenten. Der schaute mich irritiert an: „So weit sind Sie gekommen? Toll. Ich bin schon bei Seite 100 ausgestiegen.“ Das machte mich nicht stolz – sondern erschütterte nachhaltig meinen Glauben an den Wissenschaftsbetrieb.

Kritische Assimilation

Ich bin also definitiv kein Digital Native. Und das ist gut so. Gerade aus der Distanz kann man – bei richtiger Einstellung Neuem gegenüber – die Entwicklungen in die digitale Welt gleichzeitig euphorisch und kritisch begleiten. Euphorisch, weil man die immensen Vorteile dieses weltumspannenden, interaktiven und unhierarchischen Kommunikations-Tools, dieses – wenn man so will  – Über-Mediums täglich erlebt und genießt (zum Beispiel in und mit diesem Blog). Kritisch, weil man mögliche misslichen Entwicklungen beobachten bzw. absehen kann. Damit meine ich aber nicht das Internet-Bashing und digitale Katastrophen-Management, das so viele meiner Journalistenkollegen pflegen.

Ich finde es absurd, wie in den etablierten Medien das Internet fast reflexhaft als Feind und Übel behandelt wird, von den Menschen, denen man die größte Kompetenz im Umgang mit Medien zubilligen möchte. Ausgerechnet die verweigern in großer Mehrzahl den Umgang mit dem neuen Hypermedium Internet. Zugegeben, man muss hier einiges neu erlernen und sich von manch Liebgewonnenem verabschieden. Wer aber einfach nur motzt, dass das Internet ein einziger Haufen Mist sei (wenn es nicht noch drastischer formuliert ist), der übersieht, dass solch eine Einschätzung in einem Medium, in dem der User selbst sein eigener Programmgestalter ist, gegen einen selbst spricht, wie es Martin Oetting in seinem Vortrag bei Scholz & Friends sehr schön beschrieben hat.

Gerade Menschen mit hoher Medien-Kompetenz könnten so nützlich sein, die neue Welt der digitalen Kommunikation möglichst qualitativ, innovativ und vor allem frei zu gestalten. Denn auch wenn das Internet viele Paradigmen umgestürzt hat, so ist der „Faktor Mensch“ derselbe geblieben. Die User wollen weiterhin professionell gestaltete Inhalte (obwohl sie nun selbst die Definitionshoheit haben, was „gut“ ist). Auch im Internet funktionieren gut erzählte Geschichten am besten, und gerade hier wird Authentizität besonders hoch geschätzt.

So spielen wir Digitalen Assimilanten, die wir aus den analogen Medien kommen und deren Grenzen kennengelernt und/oder erlitten haben, eine interessante Rolle. Wir haben begierig, eifrig und vielleicht auch effizient die neue Welt der digitalen Medien erlernt, viel mit Try & Error. Und wir haben sie intensiv reflektiert. Das mag für Digital Natives manchmal komisch altmodisch, vielleicht auch nervig sein. Hilfreich ist Reflexion allemal. Ein schönes Beispiel dazu ist das gerade veröffentlichte Video von Harald Taglinger, der etliche deutsche Onliner der ersten Stunde in Interviewform porträtiert hat. (Unter anderem auch meine Wenigkeit.)

Big Data


Rechnen per Lochkarte

Es war in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre, dass ich in Kontakt mit Computern kam. Nicht mit PCs, sondern mit Großrechnern der TU München. Deren immense Rechnerkraft (nach damaligen Maßstäben, heute kann wahrscheinlich jeder PC mehr) durfte man mit ein wenig Glück und guten Beziehungen des Nächtens für wissenschaftliche Zwecke nutzen. Wir hatten uns damals am Institut für Theaterwissenschaften unter Führung von Heribert Schälsky vorgenommen, das Verhalten von Theaterbesuchern empirisch zu untersuchen: mit Umfragen oder auch der Messung von Hautwiderstand.

Visualisierung der Datenmassen von Wikipedia

Das Ergebnis waren riesige Massen an Daten, die es irgendwie auszuwerten galt. Der einzige – und damals verführerisch moderne – Weg dazu war eine Auswertung per (Groß-)Computer. Dazu mussten aber alle Ergebnisse als Datensätze auf Lochkarten gestanzt werden, ein wirklich grässlich aufwändiger und Nerven zermürbender Prozess, bei dem jeder noch so kleine falsch sitzende Lochkartenritz die gesamte Auswertung zunichte machen konnte.  – Und es auch reichlich oft tat. Dann galt es, für eine oder zwei Wochen auf den nächsten Rechnerfreiplatz zu warten, um den nächsten Versuch zu starten.

Digitale Speicherung rarer Daten

Diese missliche Erfahrung hat mir die Neugier auf Computer damals erst mal bis Mitte der 80er-Jahre ausgetrieben, bis der Atari ST als preiswerter Klon des Apple SE auf den Markt kam. Der wurde damals aber erst mal vorwiegend als intelligente Schreibmaschine genutzt und nicht als Rechner. Zwar war auch das Schreiben auf dem Atari eine Verarbeitung von Daten, aber das war mir damals in meiner Unbedarftheit nicht recht bewusst. Wir nutzten damals den Computer, um vermeintlich Informationen zu produzieren, nicht um sie zu beschaffen oder gar zu filtern.

Damals war die mediale Normal-Situation eine des Informations-Defizits. Die einzigen, die sich darum kümmerten, da Abhilfe zu schaffen, waren die Medienproduzenten. Und sie verdienten daran nicht zu knapp. Wenn  man es sich leisten konnte, abonnierte man möglichst viele Zeitschriften, vorzugsweise auch aus anderen Ländern, vorzugsweise aus den USA: Nachrichten- und Lifestyle-Magazine, Fachzeitschriften, Special Interest-, Kultur-, Wissenschafts- und vielleicht auch Wirtschaftsmagazine. Dazu Zeitungen und Fachbücher. Wissensbeschaffung war ein teures, zeitraubendes und anstrengendes Unterfangen, deren Ergebnisse man dann in Zettelkästen oder Aktenordnern ablegte.

Digitale Kinderschuhe

Die Situation änderte sich erst Mitte der 90er-Jahre mit Etablierung des Internet. Da konnte man plötzlich (etwa bei Compuserve) in riesigen Datenbanken recherchieren, man konnte mit den ersten Suchmaschinen Informationen etwa amerikanischer Hochschulen finden, deren Existenz man bis dahin nicht einmal erahnt hatte. Plötzlich wurde die Informationsbeschaffung so viel leichter. Und die Speicherung der Ergebnisse fand nun immer mehr im digitalen Raum statt, das bot sich an und war bequem.

Heute haben wir die Situation, dass sich (geschätzt) etwa alle zwei Jahre unser Wissen verdoppelt. Und das ist heute schon größer als alles Wissen, das wir in der gesamten Menschheitsgeschichte bis zum Jahr 2002 gesammelt haben. Und die Entwicklung beschleunigt sich weiter. Inzwischen sind es nicht nur wir Menschen, die wir exponentiell immer mehr Informationen produzieren, sammeln und speichern, in der Wissenschaft, in den Medien oder in Blogs, bei Facebook, Twitter & Co. Es sind auch noch Abermilliarden von Geräten, die dasselbe tun: Smartphones, GPS-Geräte, Kassen, Minicomputer in unseren Autos und anderen Geräten, Browser, die unsere Web-Aktivitäten beobachten, Kameras, Sensoren, Musikgeräte und… und… und…

Information Overflow vs. Informations-Überfluss

Dieses Phänomen wird bei uns üblicherweise als Information Overflow beschrieben. Die negative Konnotation dieses Begriffs ist gewollt. Denn vorzugsweise sind es die Medien, die diesen Terminus reflexartig propagieren. Denn sie sind die Verlierer dieser Explosion der Daten- und Informationsmengen. Statt Informationen zu beschaffen und/oder über deren Verfügbarkeit zu bestimmen, sind sie jetzt ratlose Beobachter des radikalen Paradigmen-Shifts. Sie können – oder wollen – nicht verstehen, dass bei einem Überangebot an Informationen bei begrenzt wachsender Nachfrage kein Geld durch Informationsbeschaffung und -verbreitung zu verdienen ist.

Clay Shirky hat schon 2008 überzeugend ausgeführt, dass das Problem des Information-Overload genuin eines von ungenügend funktionierenden Filtern ist. Das Problem ist nicht die schiere Masse von Daten, sondern die Mittel, mit ihnen klar zu kommen. Er schloss seinen Vortrag auf der Web2.0-Konferenz damals mit dem Hinweis, dass das Problem des Information Overflow eigentlich seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert besteht, seit es mehr Bücher gab, als ein Mensch in seiner Lebenszeit lesen konnte. Sein lapidares Fazit war damals: „Wenn ein Problem seit solch langer Zeit besteht, ist es vielleicht kein Problem, sondern ein Faktum.“

Mit oder ohne Filter?

Heute ist die Menge der Zunahme an Daten, Informationen und Wissen so massiv, dass dieses Faktum kaum mehr mit den bestehenden Filtern bewältigt werden kann. Das erlebt man immer häufiger, wenn man Informationen im Internet sucht. Google schafft es oft nicht mehr, die jeweils wirklich relevantesten Inhalte jenseits von gesichertem Wissen wie Wikipedia-Einträgen zu ermitteln. Obwohl Google in seinem Suchalgorithmus auf die Intelligenz der Massen setzt, indem es die Akzeptanz von Inhalten durch andere User und Sites einrechnet, sind heute andere Filter wirkungsvoller: etwa die Suche bei Twitter, wo man stets die wirklich aktuellsten Hinweise auf Suchbegriffe bekommt, oft nur Minuten alt. Oder man verzichtet (fast) komplett auf technische Filter und verlässt sich auf das Wissen seines sozialen Umfelds und fragt in Facebook.

Mittlerweile ist die schiere Masse und die dynamische Wucht der stetig wachsenden Übermenge an Daten und Informationen (wie oben beschrieben) so groß, dass die gängigen Ängste von wegen „Information Overflow“ gar nicht mehr greifen mögen. Deswegen redet man heute lieber wertfrei von „Big Data“, von Massen an Daten, die kaum oder schwer mehr beherrschbar scheinen. Der durch die unvorstellbare Menge und deren Wachstum erzwungene Abschied von abwertenden Begriffen wie Information Overflow eröffnet die Sicht auf die ungeheuren Chancen, die Big Data geben.

Neue Perspektiven durch Big Data

Die Zukunft unserer Netze, unserer Businesses und wahrscheinlich auch unserer Gesellschaft wird davon beeinflusst werden, wie wir mit Big Data umgehen. Wer hier die größte Kompetenz entwickelt, wird extrem großen Einfluss – und Gewinnchancen haben. Kompetenz wird sich hier zusammensetzen aus bester Technologie (Algorithmen), die die Massen an Daten sinnvoll interpretieren kann – und aus der Bereitschaft, wie mit dieser Macht sorgsam und verantwortungsvoll umgegangen wird. Schon heute kann mit den Datensets, die wir täglich anonym  übermitteln, problemlos auf uns als konkrete Individuen rückgeschlossen werden und Persönlichkeitsprofile können erstellt werden.

Noch sind diese Profile zu unspezifisch, noch ist die Interpretation der Daten zu irrelevant, um wirklich wirksam verwendet – oder missbraucht – werden zu können. Sicher aber ist , dass Big Data die Wirtschaft und vor allen den Handel mittelfristig komplett verändern wird. Es werden ganze neue Industrien entstehen, die sich der Bewältigung, der Verarbeitung und der Interpretation der Datenkatarakte der Zukunft widmen werden. Und es werden darin ganz neue Jobs entstehen, die heute noch kaum denkbar sind: Data-Stewarts, die sich um die Verarbeitbarkeit von Daten kümmern; Data-Compiler, die kreativ Daten in Verbindung bringen; Data-Profiler, die Daten kreativ zu analysieren wissen – und viele mehr.

Und es wird Data-Condenser und -Interpretatoren geben, was heutigem (investigativen) Journalismus nahe kommen mag. Es mag Data-Controller geben, die mit viel technischem Know how aufpassen, dass Daten und Wissen daraus nicht missbraucht wird. Und schließlich wird es Menschen geben, die aus Daten, Informationen und Wissen Geschichten zu spinnen wissen, damit aus massiven, dispersen Daten Erkenntnisse und Emotionen heraus destilliert werden, die Menschen in ihrem Innersten packen und sie berühren. Das mögen die Journalisten, vielleicht auch die Vermarkter der Zukunft sein. Aber ihre Jobs werden andere Bezeichnungen haben…