Digitalität & Eleganz


Lineare, euklidische Bilder

Meine Eltern stammen noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. War es die Kriegszeit oder das Erbe der Vorgängergeneration, sie schleppten ein Leben lang eigenartige Bilder und Vorstellungen mit sich herum, die ihr Denken bestimmten – und damit auch die in späteren Jahren unausweichlichen Sorgen und Ratschläge: „Übernimm dich nicht!“ Das bekam ich immer wieder zu hören.

Dahinter steckte die unausrottbare Vorstellung, wir Menschen hätten nur eine ganz bestimmte Menge an Kraft, an Nerven und/oder Gehirnzellen. Und damit hatte man sorgsam umzugehen, um sie ja nicht zu schnell aufzubrauchen. Also immer ganz langsam und vorsichtig, damit man im Alter noch übrig hat: Kraft, Gesundheit, Nerven, Gehirnzellen.

Ein anderes unausrottbares Gedanken-Bild waren Pyramiden bzw. Dreiecke. Alles hatte wie einst das klassische Drama einen kontinuierlichen Aufstieg bis zu einem Kulminationspunkt – und von da an ging es unweigerlich abwärts. Das war so. Nur der höchste Punkt und die Steilheit des Auf- bzw. Abstiegs waren der persönlichen Gestaltung überlassen. Das war das Bild für das persönliche Leben – und ganz brav nahm man dann auch irgendwann das Abwärts als gegeben hin.

Hierarchisches Denken

Das Dreieck bestimmte Karrieren, Familienschicksale (Buddenbrooks!), ja die komplette Historie. Und auch die Gesellschaft an sich wurde seither logisch als Pyramide definiert, schön hierarchisch aufeinander gestapelt, je nach Macht und Einfluss (und Reichtum), je nach politischer Richtung etwas steiler oder flacher.

Unser Leben, d.h. der Generation, die ihre Prägung und Sozialisation in der vor-digitalen Zeit erhalten hat, ist voller solch linearer und geometrischer Bilder. Alles, was sich nicht in solche Formen fassen – oder pressen – ließ, galt als ungeordnet, als chaotisch, nicht akzeptabel, als intellektuell unanständig. Schon die Rundung, die sich mit der nie recht zu fassenden Kreiszahl π einer klaren Definition entzog und deshalb als irrationale bzw. transzendentale Zahl gilt, war schon etwas anrüchig.

Wirre Zahlenmuster

So gesehen ist die Akzeptanz der Digitalität zugleich ein kulturelles und ästhetisches Problem. Zum einen fehlen uns die Bilder, die euklidischen Symbole, um die Digitalität in unserem Denkgebäude heimelig unterbringen zu können.

Die Idee, sich statt schöner linearer Verläufe oder vertrauter euklidischer Formen bei der Digitalität eine Unmenge erratisch verteilter Zahlen oder eine wirre, unendliche Folge von „Nullen“ und „Einsen“ vorstellen zu können, tut regelrecht körperlich weh. Man denke nur an die ewig gleichen, untauglichen Versuche, Programme und digitale Daten grafisch oder optisch irgendwie darstellen zu können.

Nebulöse Wolken

Nicht umsonst hat man sich schließlich auf ein solch nebulöses Symbol wie eine Wolke geeinigt, um die Unmenge von Datenkonvoluten in Grafiken und Funktionsplänen darzustellen. Daraus wurde letztendlich, dass wir unsere Daten jetzt in einer „Cloud“ speichern.

Weil die reale physikalische Heimat von global in Speichern und Rechnern wild herum vagabundierenden Daten nicht mehr zu lokalisieren ist, wurde der „nebulöse“ Begriff einer Wolke („Cloud“) gewählt. Ein wahrer Tort für unsere klare Formen und Linien gewohnte Vorstellungskraft.

Eleganter Code

Ich habe wirklich während meines Studiums Ende der 70er-Jahre auch die Grundlagen des Programmierens gelernt. Am Ende des Grundkurses in „Logo“ konnte ich schon einfache Anwendungen programmieren. Als es dann aber daran ging, aberhunderte von Daten in Lochkarten zu erfassen und dafür ein Programm zu schreiben, gewann mein innerer Schweinehund haushoch gegen meine technische Neugier. Und die Rezeptionsforschung musste ohne solide Datenanalyse weiterhin im Ungefähren forschen.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Zusammentreffen mit Programmierern in den Frühzeiten des (deutschen) Onlinebusiness. Da war noch nicht die Rede von HTML und www. Damals dachte man – analog zum Erfolg von Compuserve – ausschließlich in eigens entwickelten, proprietären Programmen („Interchange“ von ZiffDavis!), mit denen Informationen und Daten – gegen Bezahlung, versteht sich – Abonnenten zugänglich gemacht werden sollten. Entsprechend hakelig und buggy war die Performance.

Die Faszination des Apfelmännchens

Damals hörte ich die Programmierkollegen das erste Mal von einem „eleganten“ Code sprechen. Das war mit einer derartigen Ehrfurcht und Bewunderung intoniert, dass mir sofort jeder Scherz darüber verging. Seitdem wurde mir allmählich immer klarer, dass meine hergebrachte Idee von Schönheit und Eleganz arg beschränkt war. Es gibt gerade auch in der digitalen Welt eine Schönheit und Eleganz. Nur leider entzieht sie sich wehrhaft aller Assoziation mit hergebrachten Schönheits- und Ebenheitsmodellen.

Wie, bitte, sollte man auch die wundersamen Multiplikations- und Exponential-Effekte von Netzwerken darstellen, wie Crowd-Sourcing, wie die Verknüpfung scheinbar disparater Daten, wie das Mashups tun? Wie soll man die positive Kraft sozialer Netzwerke grafisch umsetzen oder wie Location Based Services? Der einzige digitale Service, der hier vom Namen und dem grafischen Äquivalent überzeugen kann, ist Twitter (Zwitscherer) mit seinem allerliebsten blauen Spatzen.

Der Digitalität insgesamt fehlt ein faszinierendes Symbol, wie es dem Mathematiker Benoit Mandelbrot mit dem „Apfelmännchen“, der wunderschönen Visualisierung der Mandelbrotmenge, gelungen ist, der Unansehnlichkeit der Idee des „Chaos“ durch ein kultisches Symbol ein Ende zu setzen. Hier fehlt noch eine zündende und funktionierende Idee, wie Digitalität optisch attraktiv umgesetzt werden kann. Der grüne Datenregen in „Matrix“ war dazu ein ungeeigneter Versuch.

Mind Refresher


Vilém Flusser, Louis Bec: „Vampyroteuthis Infernalis“ 

Was für ein Buch. Ich muss es irgendwann in den frühen 90er-Jahren entdeckt haben. Es ist mir in seinen Bildern bis heute unvergessen. Es ist eines der ganz wenigen Bücher, die mich und meine Sicht der Dinge besonders nachhaltig geprägt haben. Geschrieben hat es Vilém Flusser (mit Illustrationen von Louis Bec) und trägt den Titel: „Vampyroteuthis Infernalis“ (European Photography). Es ist im Grunde der biologische, kulturkritische, philosophische Vergleich des Menschen – homo sapiens – mit dem Tiefseeoctopus der Gattung „Vampyroteuthis Infernalis“. 

Vampyroteuthis Infernalis

 

Das Buch ist aber viel mehr. Es ist eine extrem ergiebige Mixtur einer sehr unsentimentalen Anthropologie samt ausgiebiger Reflexion der Gattung Mensch und seiner Gattungsgeschichte. Er wird extrem detailliert beschrieben und analysiert im Spiegelbild des ihm auf den ersten Blick extrem entgegensätzlichen Tieres, des Tiefseetintenfisches Vampyroteuthis Infernalis. Dieser Oktopus lebt in mehreren tausend Metern Tiefe am Boden der Ozeane. Er lebt, durch den Druck des Wassers bedingt, kopfüber. Er ist ein hauptsächlich auf Kopf, Mund, Tastwerkzeuge und Sexualorgane reduziertes Tier, das für seine Größe ein unglaublich großes Gehirn mit einer dem Menschen nicht unähnlichen Struktur hat. (Ein Video von dem Tier findet sich auf Spiegel Online.) 

Das Buch ist in all seiner Kürze aber auch noch eine ungewöhnliche Kulturgeschichte des Menschen (und des Oktopus), ein Philosophie-Exkurs, eine Evolutionsgeschichte, ein Biologiebuch, ein riesiger Bildungskanon, eine intensive Sprachkritik und ein Ausblick auf die (digitale!) Zukunft.  (Das Buch ist1987, in Vor-Internet-Zeiten geschrieben!) 

Zitat: „Vampyroteuthis ist ein Weichtier, das derart komplex ist, dass es sich gezwungen sieht, zu Wirbeltierstrategien zu greifen und einen Schädel auszubilden. Wir sind Wirbeltiere, die derart komplex sind, dass sie sich gezwungen sehen, zu Weichtierstrategien zu greifen und immaterielle Kunst auszubilden. Unser Interesse an Objekten beginnt zu schrumpfen, wir sind dabei, Medien herzustellen, durch welche hindurch wir menschliche Gehirne vergewaltigen, um sie zum Speichern immaterialler Informationen zu zwingen. Wir bilden Chromatophora (Fernsehen, Video, synthetisierende Bilder übertragende Computermonitore), mit deren Hilfe die Sender die Empfänger lügnerisch verführen – eine Strategie, die in Zukunft zweifelhadt ,Kunst‘ genannt werden wird.“ 

Vorsicht: Fremdwort-Katarakte 

Mir hat das Buch eine völlig neue Sicht auf uns Menschen gegeben. Es holt uns von unserem Sockel der Selbstüberschätzung und zeigt in griffigen Bildern unseren Weg an die Spitze der Evolutionsentwicklung. Im Vergleich zum uns gar nicht unähnlichen Gegenpart werden unsere Denk- und Verhaltensmuster glasklar deutlich. Es konterkariert so unsere vermeintliche Großartigkeit und reflektiert genial unser Hulturgeschichte und Kultur-Zukunft. 

Kaum ein anderes Buch ist bei jedem neuen Lesen wieder solch eine Erfrischung für den Geist wie dieses kleine Heftchen. So kurz der Text ist (71 Seiten), so ergiebig ist er. Es ist unglaublich, wie viele schöne Beobachtungen, kluge Gedanken, wilde Thesen und intelligente Assoziationen Vilém Flusser in dem Text versammelt hat. Er ist dabei wunderbar flüssig und witzig geschrieben, aber dennoch nicht leicht verdaulich. Zu viele Ideen sind hier auf engstem Raum miteinander verwoben, und die Fremd- und Fachwortdichte ist so dicht wie kaum sonstwo. Ein Lexikon sollte da schon zur Hand sein, noch besser: Wikipedia. 

Aber der Aufwand lohnt sich. Denn Flussers Gedanken sind nur auf den ersten Blick verschroben. Sie sind ganz klare Bilder, die die Sicht auf uns Menschen und seine Kultur und sein Denken und Handeln so einleuchtend und dabei sympathisch und wohlwollend schildern. Man wird kein anderer Mensch nach Lesen dieses Buches, aber man wird nie mehr sein wie zuvor. (Mit diesem Paradoxon schalten wir zurück in die angeschlossenen Unk-Häuser.) 

Die Liebe zum Fisch


Die Beschränktheit der Sterneköche 

Ich esse gern, ich koche gern. Sieht man mir teilweise auch an. An meinen entspannten Gesichtszügen natürlich, weniger an meinen überflüssigen Pfunden. Als Genuss-Koch gehe ich auch gerne essen, um neue Anregungen zu bekommen, neue Geschmackserlebnisse zu machen – und natürlich auch aus Genussfreude. Gerne bin ich daher immer in Sterne-Restaurants gegangen. Wohlgemerkt, das gehört der Vergangenheit an. Zum einen überrascht nur noch sehr selten eine wirklich bahnbrechende Kreation. Vor allem aber haben mir die Mit-Gäste in den Edel-Restaurants den Spaß verdorben. Die Attitüde der meisten Gourmets ist einfach fürchterlich. 

"Ma" in Berlin

Entweder sind sie sowieso nur da, um anzugeben. Vor jungen Damen, jungen Kollegen, Businesspartnern etc. Oder sie dokumentieren ihre Wichtigkeit, ihr Bankkonto und ihr Ego. Das führt dann gerne mal dazu, dass man kaum selbst zu einem vernünftigen Gespräch kommt, weil nebenan laut Unwichtigkeiten dröhnend laut erzählt werden. Mögen Sie auch die Menschen, die Geschichten ohne Pointe erzählen, aber immer im Tonfall, als käme eine? Und das Fürchterliche ist, dass man bei solch intelligenzfreien Reden nicht so wirklich weghören kann. Das ist ähnlich wie man auch kaum seinen Blick von einem wirklich häßlichen Menschen wenden kann. 

Der zweite Grund, der mich aus den Gourmet-Tempeln vertrieben hat, ist die Verwöhnung meines Gaumens mit guten Grundzutaten, seit ich so viel mehr Zeit in Italien verbringe. Gute Dinge, einfach und gekonnt zubereitet, schmecken immer um Längen besser als hochexaltierte Kochrituale. Auf den populistischen Nenner gebracht: Italien schlägt Frankreich um Längen. 

Und ich entdecke immer öfter junge Restaurants, die genau diesen Weg gehen. Nicht hoch kandidelter Unsinn wird gebastelt, sondern beste Zutaten werden gekonnt zubereitet. Zwei Beispiele von vielen: Die „Bar Corso“ in München oder das „Heinrich“ in Berlin. Und das Schönste ist, dort ist auch das Publikum viel netter – und der Geldbeutel bleibt auch noch (etwas) geschont. 

Gewürz-Tiraden im TV 

Von solchen Entwicklungen bekommt man in den Massen von Kochshows im deutschen Fernsehen leider gar nichts mit. Dort wird auch mal schnell dahin gesagt, dass man gute Zutaten nehmen sollte oder Bio angesagt ist. Aber kompetent vertiefen will – und kann – das keiner. Wenn man einmal erlebt hat, wie ein extraordinäres Fleisch, wie nicht-industrielles Gemüse ohne alles Gewürzdoping schmecken kann, weil es selbst so viel Geschmack trägt, weil etwa die Tiere würziges Gras zu fressen hatten (und nicht Silage oder Schlimmeres), für den sind Schuhbecks Gewürz-Tiraden nur gequirlter Unsinn, wenn nichts Schlimmeres. 

Wer einmal wirklich eine Alternative zu dem Koch-Gedöhns und Koch-Geschwafel hierzulande erleben will, dem seien Dan Barber und seine Vorträge bei TED ans Herz gelegt. Einmal geht es um Foie Gras, die Entenstopfleber, aus der Barber in 20 Minuten eine Tierfabel aus der realen Welt entwickelt, die einem den Mund wahlweise wässert und/oder offen stehen lässt. Hier ist eben Thema, dass Fleisch längst vor der Zubereitung, nämlich bei der Aufzucht perfekt gewürzt werden kann, in bester Erlebnis-Rhetorik behandelt. 

Noch beeindruckender ist seine Parabel von dem Fisch, den er zu lieben lernte. Hier wird eine real gewordene Utopie einer Lebensmittelproduktion in sämtlichen Details erzählt, die alle Paradigmen der Nahrungsmittelindustrie auf den Kopf stellt. An dem Beispiel einer außergewöhnlichen Fischfarm in Spanien wird gezeigt, wie Nahrungsmittelproduktion in Zukunft aussehen sollte. In diesem Fall ist Naturförderung, nicht mehr Naturverträglichkeit das Ziel. Qualität steht vor Quantität. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist dann nur noch eine unzulässige Untertreibung. Dan Barber erledigt im Vorbeigehen auch noch all das ideologische Blendwerk, das die Nahrungsmittelindustrie in Sachen Welternährung verbreitet. Das Ergebnis: ein Fisch, der selbst bei Zubereitung durch einen mittelbegabten Koch gut schmeckt. 

Der andere Sternekoch 

Die Pointe an dieser Geschichte ist, dass Dan Barber ein Sternekoch ist. Nicht hierzulande, sondern in den USA, im Einzugsbereich von New York. Und seine Erzählweise ähnelt der Zubereitung eines Gourmet-Menüs: nur erstklassige Zutaten, sorgsam zubereitet, mit viel Liebe zum Detail, aber auch dem Blick für das große Ganze. Perfekt gewürzt (mit guten Scherzen) und getragen von einer grandiosen Begeisterung für das Thema Essen und dessen Verträglichkeit mit der Natur. In meinen Worten: Euphorie at it’s best! 

Liebe TV-Verantwortlichen. Alle Lafers, Polettos, Kleebergs und Herrmanns dieser Welt in Ehren. Aber warum muss kochen immer nur Show sein? Warum kann man nicht eine Kochsendung machen, die einem kochen, essen – und vor allem bewusst einkaufen und zubereiten – mit Begeisterung nahe bringt? Im europäischen Umfeld kommt da Jamie Oliver noch am nächsten. In Deutschland gibt es das leider nicht. Tim Mälzer ist dafür einfach zu sehr Proll. 

Das Problem nämlich ist, dass man sich, wenn man wirklich gutes Essen propagieren will, unweigerlich mit der Nahrungsmittelindustrie anlegen muss. Und das wird kein Sternekoch je tun. Dazu ist er viel zu sehr im Wertemuster der Food-Industrie zementiert. Sie können – in des Wortes Bedeutung – nicht über den Tellerrand hinausschauen. 

Der einzige Koch, dem ich so etwas in Deutschland zutrauen würde, ist Tim Raue in Berlin. Das war das einzige Mal, wo ich Sterneküche wirklich inspirierend und lehrreich empfand. im „Ma“ in Berlin habe ich neue Gemüse, neue Geschmackserlebnisse und neue Zubereitungsweisen auf voll mundende Art erlebt. Unter anderem den besten Kabeljau meines Lebens.

Die Leichtigkeit des Tuns


Sprezzatura statt Maloche

Italien ist nicht nur das Land, wo Zitronen und Pomeranzen blühen. Es ist das Land, in dem der Stil die vielleicht wichtigste Komponente ist. Wichtig ist für den Italiener, wie etwas nach außen wirkt. Es muss gut aussehen, vor allem aber unangestrengt rüberkommen. Dafür hat der italienische Höfling und Schriftsteller Baldassare Castiglione zur Hochzeit der Renaissance im 16. Jahrhundert in seinem Meisterwerk „Il libro del Cortegiano – das Buch des Höflings“ einen speziellen Begriff geprägt: Sprezzatura.

Baldassare Castiglione

Der Terminus ist eine kecke Umkehrung eines eigentlich negativen Wortes „Verachtung“ ins Positive. (Danke dafür an das Sprachlabor der SZ.) Es beschreibt eine besondere Leichtigkeit des Tuns, eine Arbeit ohne Anstrengung, dafür mit Eleganz, Elan und Grazie. Also alles Eigenschaften, die Italienern sehr wichtig sind. – Man sehe nur einem wirklich guten italienischen Kellner zu und dann versteht man sehr gut, was Sprezzatura meint. (Wenn man diese Leistung nicht achtet, erlebt man sehr schnell die ursprüngliche Bedeutung des Wortes sprezzare = verachten!)

Der Begriff erlebt zur Zeit vor allem im englischsprachigen Bereich eine echte Renaissance. Er ziert Firmennamen (aus der IT-Branche!) und findet sogar im Marketing seine Verwendung. Selbst Marketing-Guru Seth Godin begeistert sich für den Begriff und stellt ihn als Beschreibung für einen vorbildlichen Stil, vor allem von Dienstleistern. Je lockerer und selbstverständlicher sie rüberkommen, dabei aber zugleich dynamisch und authentisch, desto erfolgreicher sind sie. Erfolgreich, weil das ein Unterscheidungsmerkmal ist – weil das so nur einige hinbekommen, erfolgreich aber auch, weil solch einem Service zuzuschauen Spaß macht – und nie ein schlechtes Gewissen.

Als negative Alternative zu Sprezzatura setzt Godin das Malocher-Image. Tennisspieler, die beim Ballwechsel stöhnen, oder Dienstleister, die einem unablässig erklären, wie schwer sie ees haben. Ich habe vor Jahren meinen Zahnarzt gewechselt, der zwar beste Arbeit geleistet hat, aber die langen Momente, in denen mein Mund aufgesperrt und mit Watte ausgepolstert war, dafür missbraucht hatte, mir seine Leid und sein schweres Dasein zu klagen. (Die Praxis lag wohlgemerkt in der Münchner Maximilianstraße!) Mein Freund Pius, der jetzt das Unvergnügen hat, meine Zahnarzt-Dysphorie zu ertragen, hat dafür echte Sprezzatura. (Weiß er bloß – noch – nicht.) Der erzählt nur über schöne und nette Dinge.

Jenseits von cool und stylish

Der Begriff Sprezzatura hat echte Zukunftschancen. Das Wort „cool“ ist abgenutzt und zu vielseitig missbraucht. Worte wie „elegant“ oder „galant“ wirken eigenartig antiquiert ohne wirklich Retro-Charme zu haben. „Stylisch“ ist heute fast schon ein Synonym zu billig und cheesy. Also bedienen wir uns doch lieber eines italienischen Begriffs. Er spricht sich frisch (mit leichtem Pellegrino-/Prosecco-Effekt), er ist unverbraucht und hat spürbaren Trend-Appeal.

Abzuwarten ist, wie sehr sich der Begriff auch für ein neues, klares, aber nicht so Apple-iPod-kaltes Design durchsetzen können wird. Hier ist schon seit langem ein Suchen nach einem Begriff zu beobachten, der jenseits von cool, simplistisch oder reduziert den Widerspruch von klaren Linien und dennoch spürbarer Emotionalität auflöst.

Dasselbe Dilemma haben auch Marken, die den Bogen zwischen Stil und der Begabung, Menschen wirksam dienen zu können, wirksam spannen möchten. Denn nur Dienstleister, von denen man nicht das Gefühl hat, dass sie demnächst einem Helfer-Syndrom anheim fallen werden, werden in Zukunft eine Chance haben. Ihnen ist eine gute Dosis „Sprezzatura“ dringendst zu empfehlen. Fachberatung dafür gibt jeder Chefkellner beim Qualitäts-Italiener der Stadt sicher gerne. Oder fragen Sie mich…

Realtime-Produkte & -Services


Exformation mit Produkten

Einer der prägendsten Sätze, die ich je zum Thema Marketing gehört habe, stammt vom General Manager des Universal City Walk, der schönen Themen-Mall bei den Universal Studios in Los Angeles : „Wir verkaufen nur Sachen, von denen die Kunden am Morgen noch nicht wussten, dass sie sie am Abend dringend brauchen.“

Angeboten wurden im Universal City Walk hochwertige Touristenware, Sport-Paraphernalia, einfallsreiche Andenken und Mitbringsel, Neo-Antiquitäten, nette Accessoires und Design-Tand. Alles irgendwie attraktiv und witzig, aber von sehr beschränktem Gebrauchswert.

Was war nun das Geheimnis, dass die Transformation zum „dringend brauchen“ beim Besuch der Mall erfolgte. Es war nicht (manipulative) Werbung, die die Kunden zum Kauf trieb, auch waren es keine Rabattierungen. Es waren die Produkte selbst und deren Präsentation, die die Kunden lockten. Aber es war weniger die Qualität der Produkte oder deren hoher Gebrauchswert, die überzeugten.

Was hatten die Produkte nun an sich, dass sie beim Publikum dringendes Kaufbedürfnis auslösten? Es waren gerade die Oberflächlichkeit und die Beiläufigkeit der Produkte gepaart mit einem starken Trend-Appeal und hoher Gefälligkeit. Die Produkte waren alle ein gewisses modisches Statement (inklusive der aktuellen Fanartikel), sie waren nie zu teuer, also ideal für die so weit verbreitete Selbstbelohnung.

Realtime-Produkte & Realtime-Services

Wichtig in diesem Zusammenhang war der extrem hohe Gegenwarts-Appeal der Produkte. Da war nichts unmodisch oder poofig, aber eben auch nie provokant neu oder etwa Avantgarde. Die Produkte waren pure Statements des (tages-)aktuellen Zeitgeistes, sozusagen Realtime-Trend. Die Produkte waren zu Waren geronnene Exformation (siehe dazu „Es liegt mir auf der Zunge“). Sie waren verdinglichte Botschafter des unausgesprochenen Common Sense der Käufer.

Und dies ist meiner Meinung nach die Lehre aus der flotten Marketing-Philosophie des Universal City Walk-Managers. Die Zukunft erfolgreichen Vertriebs liegt weniger in bisher üblicher (manipulativer) Werbung, sondern zunächst in einer perfektionierten Produkt-Entwicklung, die extrem viel mit Monitoring arbeitet, um die Wünsche, den Common Sense der Kunden präzise zu erhaschen. Und dann müssen die entsprechenden Produkte, die Statements dieses Kunden-Grundnenners sind, extrem schnell auf den Markt gebracht werden. (H&M und Zara machen das längst vor.)

Marken-Wirkung der Zukunft

Die zweite wichtige Ingredienz ist eine intelligente Kommunikation, die die Produkte zur Exformation machen und sie als essentielle, passende Aussagen der Jetzt-Zeit in den sozialen Diskurs positionieren. Das geschieht in Zukunft kaum noch über gängige Werbung und immer weniger über etablierte Medien (starke Online-Marken ausgenommen), sondern vor allem in den Social Networks inklusive Foto- und Videoplattformen, Blogs etc.

Das alles gilt natürlich nicht nur für Produkte, sondern auch für Services, inklusive aller Medienservices. Am meisten aber gilt das für Marken, die in Zukunft noch Leuchtkraft haben wollen. Je mehr und je pointierter sie zum allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs beitragen, je wichtiger sie dort werden, desto stärker werden diese Marken werden. Motto: Eine Marke, von der wir am Morgen noch nicht wussten, wie dringend wir sie am Abend brauchen…

Design überall


Auch ein Ergometer kann schön sein: STIL-FIT

Es gibt Produkte, bei denen akzeptiert man kurioserweise klaglos hässliche bis mittelmäßige Gestaltung. Das war lange bei Computern so. Da durchbrach erst Apple den schicksalsergebenen Konsens, dass Apparate praktisch sein müssen, dafür aber nicht schön und schon gar nicht sexy.

STIL FIT SFE09

Eine Produktkategorie, für die diese Haltung bis heute gilt, sind Fitnessgeräte. Sie sollten eigentlich gerne gebraucht werden, damit sie wirklich wirkungsvoll unserer Gesundheit dienen. Denn nur wenn nicht schon vom ersten Moment an das Unterbewusstsein, das subkutan sehr wohl weiß, was schön ist und was nicht, innere Abscheu meldet, wird man gerne und oft die entsprechenden Geräte nutzen.

Wenn man sich heue in den Zahnarztstuhl setzt, genießt man bei den neuesten Geräten wirklich gutes und innovatives Design. Ja selbst Computertomographen sind ansprechend gestaltet. Warum? Sie sollen offensichtlich wenigstens vom Design her Aversionen eliminieren, wenn schon deren Funktion genug einschüchternd ist.

Warum sind dann fast all die Apparate, die unsere körperliche Spannkraft stählen sollen, so stumpf und lieblos gestaltet? Um den einen oder anderen Euro an Produktionskosten zu sparen, werden die schlimmsten gestalterischen Kompromisse eingegangen. Die Bedürfnisse der Kunden sind völlig egal. Und statt zeitlosem Design, was die Idee alljährlich wechselnder (hässlicher!) Geräte unterlaufen würde, wird lieber gesichtsloses Design geboten.

Und der Effekt? Die hässlichen Geräte werden in die Randzonen unseres Habitat abgeschoben: in Keller, auf Speicher, in Ankleideräume und Abstellkammern. Eben dorthin, wo man sich am allerwenigstens oft und möglichst regelmäßig aufhalten will. Entsprechend wenig erfolgreich sind solche Fitnesshelfer. Denn wer nicht zugleich diszipliniert und völlig design-unaffin ist, kann eigentlich solche Geräte nicht dauerhaft nutzen wollen.

Der erste Produzent von Fitnessgeräten, der diesen Circulus vitiosus durchbricht, ist STIL-FIT. Der  Industriedesigner Anton Rief, der schon für verschiedene Hersteller Fitnessmaschinen designt hat, hat diese Firma im Alleingang gegründet, um endlich ohne Rücksicht auf Produktzyklen und Designignoranz großer Hersteller gestalten zu können. Das Ergebnis ist ein wirklich schönes, simplistisches, elegantes Ergometer, das ein Zimmer auch mitten im belebten Wohnambiente eher schmückt .

Das Gerät ist nicht billig (1.380,- Euro), dafür aber effektiv, weil es gerne benutzt wird. Nicht nur wegen des gelungenen, modernen Designs, sondern auch weil es funktioal optimal gelungen ist. Außerdem lässt es sich sogar personalisieren. Da bei den Accessoires bewusst auf Fahrradzubehör hoher Designqualität zurückgegriffen worden ist, kann man sich das Gerät nach eigenen Bedürfnissen und Geschmack individuell ausstatten. Bezug über das Internet über www.stil-fit.com.