Wut auf Social Media


Das digitale Babyboomer-Syndrom

Wenn Menschen meiner Generation (50 +) Social Media ablehnen, ist das – bei ein bisschen gutem Willen – nachvollziehbar. Da addieren sich etliche Ursachen auf:

  • Ungeübtheit in Computerdingen
  • Unverständnis der digitalen Welt
  • Kompetenzdefizite gegenüber der jungen Generation – ja oft gegenüber den eigenen Kindern
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Lineares Denken
  • Hierarchiehöriges Unwohlsein gegenüber Netzwerken
  • Lern-Unlust
  • Komplettverplanung von individuell verfügbarer Zeit
  • etc.

Und ja, es gibt ja auch einige ernst zu nehmende Argumente. Die mediale und wirtschaftliche Übermacht von digitalen Giganten wie Facebook, Google, Apple oder der liebste Altfeind Microsoft. (Amazon wird da gerne vergessen…) Man muss bedenken, dass wir hier von einer Generation sprechen, die gegen Monopolisten, gegen einen Schnüffelstaat, gegen Repressalien – also Unfreiheiten – politisch und gesellschaftlich gekämpft hat. Der eine mehr, der andere weniger. Aber dieser Kampf ist so etwas wie der Erfolgs-Mythos dieser Generation, der Babyboomer.

Hass auf Facebook

Das alles macht eine Ablehnung von Social Media und speziell Facebook in Teilen erklärbar. Aber ich bin immer wieder erschrocken darüber, welch Intensität die Ablehnung annehmen kann, sie reicht bis hin zu glühendem Hass. (Das alles natürlich sorgsam als Vorsicht und/oder politische Sorgsamkeit inszeniert.)

Aber die Heftigkeit der Emotionen und die Wucht der Ablehnung machen dann doch nachdenklich. Da muss viel Angst mit im Spiel sein, anders ist solch Emotionalität nicht erklärbar. Wenn man hier aber ganz vorsichtig nachfragt, kommen als Erklärungen entweder wilde Modernitäts-Mythen oder ein schnippisches und den anderen für blöd verkaufenden „Ich weiß schließlich, wie gefährlich das ist!“. Was für Gefahren da sein mögen, bleibt dann undefiniert – das macht es so schön brisant geheimnisvoll.

Babyboomer für Babyboomer

Wirklich kurios sind die Mythen, die man als Erklärung für die Ablehnung jeder aktiven Teilnahme an Facebook & Co. zu hören bekommt: Fotos etwa könnten missbraucht werden, um dann per Photoshop („Da geht ja heute alles!“) in Pornos auf nackte Körper montiert zu werden. Und dann wird man damit erpresst – oder so… Gerne wird auch auf das Risiko verwiesen, durch private Informationen für Staat und Wirtschaft zum gläsernen Opfer von Willkürmaßnahmen von Finanzamt und Werbeindustrie zu werden. Und natürlich treibt die Sorge um, dass Kontoinformationen, Kreditkartennummern etc. ausspioniert werden.

Die zur Betroffenheitsindustrie verkommenen Medien, die mit Ängsten und Furcht so ungerührt ihr Geschäft macht, hat in dieser Generation ganze Arbeit geleistet. Sie berichten genau das, was diese hören bzw. lesen will. Kein Wunder, schließlich herrscht hier meist Generationssolidarität: Babyboomer schreiben für Babyboomer. Da weiß man, was ankommt.

Machtverlust durch Globalisierung

Aber auch das erklärt nicht wirklich den Hass auf Facebook, Google + (Streetview!), auf Twitter, Foursquare (ganz schlimm!) oder Instagram, also auf die ganze „Bagage“! Da muss es eine grundlegendere, eine existentiellere Ursache geben. Jenseits von Unsicherheit, Angst, ideologischer Vorbehalte – oder auch Neid auf die Optionen jüngerer Generationen.

Eine interessante Spur, die emotionale Social Media-Aversion zu verstehen, habe ich bei Zygmunt Baumann, in seinem erst 2007 geschriebenen Werk „Liquid Times“ gefunden. Der einst in Großbritannien (seiner Wahlheimat) und Warschau (seiner Heimat) lehrende Soziologe hat in seinem seltsam dystopischen Alterswerk sehr gut die Politik der Angst beschrieben, mit der die Politiker weltweit den Machtverlust wettzumachen versuchen, den ihnen die Globalisierung und die Machtverschiebungen durch das Internet zugunsten von Bürgern und Konsumenten gebracht haben.

Negative Globalisierung

Baumann geißelt diesen Trick der Politik, über das Schüren von Ängsten ihre Macht zu bewahren. – Welchen Beweis oder wenigstens Hauch von Evidenz gibt es etwa zu der Geschichte der Unterhosen-Bomben aus dem Jemen außer Verlautbarungen von Politik und Geheimdiensten? Und was ist mit den regelmäßigen wiederkehrenden Warnungen vor anstehenden terroristischen Anschlägen, die dann nicht geschehen? Ein Szenario von wahrlich Orwellscher Dimension.

Aber zugleich bedauert Baumann den Machtverlust der Politik und die Tatsache, dass sie ihr originäres Versprechen, für Gerechtigkeit, Ordnung und Struktur und somit für Sicherheit und Friede zu sorgen, nicht halten kann. Stattdessen tun die Politiker alles, damit ihre Bürger die Globalisierung als negativ empfinden müssen: sie deregulieren, sie bauen Bürger- und Freiheitsrechte ab, sie schwächen die Sicherheitsoptionen der Bürger.

Das Scheitern des Lebensprojektes

Vor allem aber diffamieren sie die Globalisierung zum Buhmann unserer modernen Gesellschaften, indem sie sie als Inbegriff des Fremden inszenieren. Sie tun das in der Personifizierung des Bösen und der Bedrohung unserer Sicherheit als afghanischer/orientalischer Terrorist und als Bedrohung unseres Wohlstands als illegaler Einwanderer aus den Armutsregionen dieser Welt.

Die Babyboomer erleben diesen Machtverlust der Politik und ihr programmatisches Scheitern oft auch als Scheitern ihres Weltbildes und ihres Lebensprojektes. Sie glaubten einst, durch eine (meist linke) Politik die Welt besser und gerechter machen zu können. Aber das Gegenteil ist passiert. Die von ihnen oft mühsam und langwierig durchgesetzten Freiheitsrechte werden im Handstreich kassiert. Ein Terroranschlag oder eine kleine Finanzkrise genügen.

Internet als Inbegriff negativer Globalisierung

Und wer ist schuld daran? Die Globalisierung! Und was ist das markanteste Symbol der Globalisierung? Das allumfassende, in jeder Beziehung keine Grenzen kennende Internet. Und wer repräsentiert dieses böse, negative Internet am signifikantesten? Die Datenkrake von Google natürlich. Aber besser noch die erfolgreichste Website aller Zeiten, die noch dazu das informelle Selbstbestimmungsrecht – aus Sicht der Babyboomer, die das einst erkämpft haben – so gnadenlos gründlich missinterpretiert: Facebook. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass deren Gründer so jung – und mindestens im Fall von Mark Zuckerberg – unbedarft und politisch völlig unbeleckt sind.

Die Vision der Babyboomer eines gerechten Staatssystems, das den Bürgern Sicherheit gibt, ist gescheitert. An ihre Stelle ist ein globales, inkonsistentes, undurchsichtiges Patchwork getreten, in dem kaum ein Minimalkonsens an Rechtsstaatlichkeit, an Bürger- und Freiheitsrechten und Schutz der Privatsphäre zu realisieren ist. Stattdessen schürt es in seiner Monstrosität und Unübersichtlichkeit alle möglichen diffusen Ängste. Es ist so die perfekte Projektionsfläche aller Ängste, allen Unmuts. Und an so etwas soll man sich mit 50 + Jahren (oder mehr) gewöhnen, mit so etwas soll man sich positiv arrangieren?

Die Banausen der Zukunft

Flexibilität heißt das Zauberwort, das von Netzapologeten, Digital-Apologeten, aber auch von Politikern eingefordert wird. Dazu noch einmal Zygmunt Baumann in „Liquid Times“: „Flexibilität ist das einzige Heilmittel, das von der Politik angeboten wird. Dabei wird doch damit nur noch mehr Unsicherheit propagiert, noch mehr Privatisierung aller Unzumutbarkeiten, noch mehr Ohnmacht und Einsamkeit.“

Ich gebe zu, auch ich habe Flexibilität immer viel zu schnell als Lösungsansatz zur Hand. Für mich klingt das stets positiv. Befürchten aber Menschen, mit Veränderungen Wichtiges zu verlieren – Wohlstand, Sicherheit, Privilegien, Lebenslügen –, kann die Idee von Flexibilität sehr kontraproduktiv wirken. Dann entwickelt sie eine „Bedrohlichkeit“. Und das scheint veritable negative Emotion bis hin zum Hass wecken zu können…

Schade. Denn Veränderungen nehmen nicht nur, sie geben auch. Vor allem öffnen sie Freiräume. Schade, wenn einem diese Sichtweise und die Freude darüber (im Alter) abhandengekommen ist. Veränderung ist immer auch Risiko. Gott sei Dank ist das so. Ohne Risiko gäbe es uns und unser Leben nicht, denn es ist das Treibmittel (Triebmittel?) der Evolution… Alvin Toffler, Schriftsteller und Futurologe, hat die Konsequenz daraus in seinem Aufsatz „Rethinking the Future“ (1998) so formuliert: „Die Banausen (Illiterates) des 21. Jahrhunderts sind nicht die, die nicht lesen können, sondern die, die nicht lernen, entlernen und wieder neu lernen können.“ – Oder die es nicht wollen…

Bella figura rules


Italien 2012: alles in bester Ordnung?

Das Leben in Italien geht seinen gewohnten Gang. Nach außen hin ist alles in Ordnung. Es gibt eine Krise? Na gut, aber das muss doch keiner mitbekommen. Italien ist schon immer perfekt gewesen „bella figura“ zu machen. Egal wie schlimm es zuhause aussieht und wie klamm man sein mag, mit einem guten Anzug, einer stolzen Haltung und einem strahlenden Lächeln auf den Lippen ist noch immer Eindruck zu machen bei der passeggiata, beim abendlichen Bummeln durch die Hauptstraße, auf dem Hauptplatz oder der Uferpromenade.

Auch der Strand macht bella figura – nachdem die Spuren der Winterstürme beseitigt sind.

Und wie der einzelne Bürger, so setzt auch der Staat alles daran, eine „bella figura“ zu machen. Alles geht seinen Gang. Die Auslagen sind voll, die Läden sind offen, die Busse fahren, alles prima. Und sie es hinter den Fassaden aussieht, geht keinen etwas an. Fragt man die Italiener nach der Krise, wird kurz über Monti, die gestiegenen Benzinpreise und höhere Gebühren für Gas, Elektrizität etc. gejammert. Aber das hat man schon immer so getan. Das war bei Berlusconi nicht viel anders.

Berlusconi, wer bitte ist das?

Letzterer passt inzwischen auch gar nicht mehr zur „bella figura“. Silvio Berlusconi ist zur Unfigur geworden. Nicht dass man Schlechtes über ihn sagt. Man will nur gar nicht mehr über ihn reden. Oder über Ugo Bossi. Man will nicht einmal mehr seinen Namen erwähnen. Die unsensiblen Touristen, die immer noch über Silvio reden wollen, furchtbar. Der Name steht einfach auf dem Index.- Aber auch über Monti mag man nicht wirklich reden. Jeder weiß, dass es zu ihm keine Alternative gibt. Aber er verkörpert als Person einfach zu sehr die Krise, die man so gar nicht sehen will, weil sie hässlich ist (bella figura!). Also ist Monti auch irgendwie tabu.

Gott sei dank, sind in Italien erst in einem Jahr Wahlen. Was da passieren mag, welche Parteien sich bis dahin selbst zerstört haben – wie die Lega Nord – oder sich in Wohlgefallen aufgelöst haben – wie Berlusconis Wahlverein, keiner weiß es. Und ob sich bis dahin neue, echte Alternativen im Parteienspektrum gebildet haben mögen, die wählbar sind? Jenseits der Protestbewegung vom Satiriker und öffentlichen Enfant terrible Beppe Grillo ist da nichts absehbar. (Sie kennen Beppe Grillo nicht? – Man stelle sich als Deutscher einfach eine ziemlich hochtourige und politische Mixtur aus Urban Priol und Atze Schröder vor.)

Interessant wird die Geschichte, wenn man ein wenig hinter die Fassaden schaut. Denn es wird derzeit in Italien weiterhin viel gebaut. Zum Beispiel Straßen. Letztere sind eine große Konjunkturmaßnahme. Derzeit werden alle großen Autobahnen Italiens verbreitert – auf drei oder vier Spuren. Und das in einer Zeit, wo so gesittet Auto gefahren wird wie noch nie in Italien. Die hohen Benzinpreise haben auch noch den letzten Raser gebändigt. Es wirkt schon sehr kurios, wenn ein BMW X6 oder ein Mercedes SLK Benzin sparen, indem sie auf der Autobahn im Windschatten von LKWs fahren. Ein in Italien derzeit nicht seltenes Bild.

Bauboom ohne Geld

Aber es wird auch privat viel gebaut. In jeder kleineren Stadt prägen etliche Baukräne das Stadtbild. Der Bauboom erklärt sich zum einen dadurch, dass Bargeld zu Immobilien umgewandelt wird. Gemunkelt wird, dass hier auch viel Schwarzgeld den Weg zurück in die Realwirtschaft findet. Gebaut wird aber auch auf Pump. Das Geld leihen aber nicht Banken, die geben nämlich so gut wie keine Kredite mehr, egal wie viel Sicherheiten geboten sind. Die Banken sind nicht mehr flüssig, das Geld, das die EZB massenhaft zur Verfügung stellt, wird von dem Finanzbedarf der Banken fast völlig aufgesogen.

Trotzdem wird gebaut. Aber auf eine sehr fatale Methode. (Auch hier gilt: „bella figura“!) – Man baut, die Bauarbeiter sind billig, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist. Und die Arbeiter werden erst mal nicht bezahlt. Das ist in Italien seit je her üblich. Erst nach einem halben oder dreiviertel Jahr, wenn der Bau schon weit fortgeschritten ist, wird gezahlt. Per Scheck. Per vordatiertem Scheck, der erst zwei oder drei Monate später eingelöst werden kann. Oder per vordatiertem Scheck, den der Bauherr bekommen hat und weiterreicht. Und auch die Baustoff-Lieferanten werden so (virtuell) bezahlt.

Die verkrustete Gesellschaft

So hat nach außen hin erst mal alles seine Ordnung. Aber wehe, wenn in ein paar Monaten die Schecks fällig werden. Wenn nur einer in der Kette der vordatierten Schecks platzt, funktioniert das komplette System nicht mehr. Pleiten sind dann unausweichlich. – Auf diese Weise wird die komplette Krise Italiens nach hinten datiert. Immer in der Hoffnung, dass irgendwie doch noch Geld in das System kommt. Von der EU, der EZB oder gar von Investoren, die Anleihen kaufen. – Wehe das klappt nicht, dann ist Monti schuld. Oder die EU. Oder die Deutschen. Oder Merkel. Aber fürs Erste ist alles in bester Ordnung. „Bella figura“ rules!

Und natürlich machen auch die Banken „bella figura“. Kredite haben sie ja keine mehr zu vergeben, also machen sich die vielen Bankangestellten, die selbst in der kleinsten Filiale auf dem Land anzutreffen sind, unabkömmlich. Da der Online-Kontoauszug nicht funktioniert (den müsste man stets vom selben stationären PC abrufen), darf man ihn persönlich abholen. Das führt im besten Fall dazu, dass alle fünf im Kassenraum anwesenden Angestellte irgendwie in den Prozess – beratend oder aktiv – eingebunden werden. Eine sehr wirksame Art der Arbeitsplatzsicherung.

So respektabel Mario Monti als Person ist und so wohl gemeint seine Taten sein mögen. Im Grunde seines Herzens ist der Wirtschaftsprofessor ein Freund der Banken. Und er tut daher alles, um den Banken seines Landes zu helfen. Dummerweise kommen dabei die Interessen anderer Gesellschaftsgruppen eher zu kurz. Monti kämpft auch darum, die Verkrustungen in der italienischen Gesellschaft zu sprengen. Aber mit wenig Erfolg. Italien wird unverändert von alten Menschen regiert und geprägt, und die denken nicht daran, ihre Macht an Jüngere abzugeben. Junge, talentierte Menschen haben da kaum Chancen – und wandern ab – zum Beispiel in europäische Institutionen. Da zählen Leistungen – und nicht „bella figura“.

Die Effizienz-Evolution


Die perfekten Anpassler

„Survival of the Fittest.“ So hat Darwin einst das Evolutionsprinzip definiert. Er zitierte dabei den britischen Sozialphilosophen und Begründer der Evolutionstheorie Herbert Spencer. „The fittest“, das sind im evolutionären Spiel nicht die Stärksten. Es sind nicht die Intelligentesten. Diejenigen sind die „fittest“, die sich am besten und schnellsten neuen Bedingungen anpassen können. Sieger der Evolution ist, wer schnell und richtig mit neuen Gegebenheiten umgehen kann.

Die Floskel: „Wie haben wir das eigentlich früher gemacht? – Hat doch auch irgendwie funktioniert.“ ist eine geflügelte Phrase geworden, wenn sich ältere Semester einer 20 oder 30 Jahre zurück liegenden Arbeits- oder Lebenswirklichkeit erinnern. Kinder/Jugendliche verdrehen dann entnervt die Augen nach oben. Zu oft haben sie erzählt bekommen, wie einst in den Prä-Internetzeiten per Fax kommuniziert wurde. Oder per Telex. Oder wie kompliziert es war, von unterwegs zu telefonieren, als es noch keine Handys gab. Oder wie einst mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier geschrieben wurde.

Schreibwaren-Nostalgie

Ich besitze aus Nostalgiegründen noch immer ca. 20 Blatt Kohlepapier. Gibt es die überhaupt noch zu kaufen? – Google beruhigt: Gibt es noch, ein 10er-Pack kostet etwa bei Staples 4,99 Euro. – Aber wer im Himmel benutzt das heute noch? Und wofür? Für das Ausfüllen von Formularen? – Noch solch ein aussterbendes „Kommunikationsformat“. Einst bei der Münchner Stadtzeitung war unsere mit Abstand beste Setzerin im Hauptberuf „Formularsetzerin“. Für die Stadtzeitung arbeitete Dagmar, weil sie es satt hatte, immer nur sinnentleerte Arbeit zu leisten. – Aber kurioserweise war sie als Setzerin so gut, so fehlerfrei und schnell, weil sie die Texte, die sie setzte, nicht las, sondern ohne Kenntnis des Inhalts einfach die Buchstaben eines Manuskripts 1 zu 1 per Kugelkopfschreibmaschine auf die Satzmatrize hackte.

Wir bewunderten ihre Fähigkeiten damals immens. Wir waren aber in unserer Eitelkeit auch ein wenig gekränkt, weil unsere so tollen Inhalte an ihr wirkungslos vorüber zogen. Wir ahnten damals in den Vor-Computer-Zeiten Anfang der 70er-Jahre noch nicht, wie „digital-mäßig“ Dagmar zu dieser Zeit schon arbeitete. – Aber sie wusste es ja selbst nicht.

Auf eBay etwa gibt es heute noch Kugelkopfschreibmaschinen (gebraucht) zu kaufen, und Farbbänder dafür gibt es auch noch. Für eine Unzahl von Modellen. So viel zum Thema Veränderung – und Beharrungsvermögen. Es muss noch heute Menschen geben, die beharrlich die Neuzeit und ihre Errungenschaften verweigern – und lieber wie gewohnt mit Schreibmaschine und Farbband Texte schreiben. Und ja, Tipp-Ex gibt es auch immer noch.

Sehnsucht nach Depperltätigkeiten

Es gibt zwei Haltungen, mit denen man solch einen nostalgischen Ausflug in die Vergangenheit , als es noch „Schreibwaren“ gab und Apps noch Apparate oder Apparaturen waren, unternehmen kann. Die eine ist die des „Früher-war-alles-besser“ inklusive einer Verklärung der Ungelenkheit und Langsamkeit früherer Prozesse – und eine Absage an das Prinzip der Evolution. Die andere ist das erwähnte „Wir-haben-das früher-doch auch-super-hingekriegt“. Unser angeborener Verdrängungsmechanismus hat längst den vielen Ärger und den vielen Frust verdrängt, den uns umständliche Depperltätigkeiten massenhaft bereitet haben. Und warum waren wir bereit, all die neuen Dinge und Technologien zu akzeptieren, mit denen wir alle so viel effektiver geworden sind, wenn das damals alles so prima gewesen ist?

Aber jetzt denken wir mal weitere 20 oder 30 Jahre nach vorne. (Dank Innovation hat sich unsere Lebenserwartung ja entsprechend gesteigert.) Dann werden wir auf heute zurückschauen und uns beömmeln, wie gestrig, wie ineffektiv und wie sperrig das alles war, was wir heute als Selbstverständlichkeit erleben. Beispiel Auto: selber Auto fahren, Gangschaltung, tanken, sich verfahren, Auto kaufen. Beispiel Behörden: Steuererklärungen machen. Monatlich! Quittungen geben lassen, aufheben, sortieren, verbuchen, einreichen. Mehrwertsteuer herausrechnen etc. Beispiel Schreiben: Texte tippen, Tasten drücken, vertippen, korrigieren, gegenlesen. – Amelie Fried sinnierte vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite: „Schaue aufs Meer und denke über mein neues Buch nach. Gibt es eigentlich schon Apparate, die Gedanken direkt in den Computer übertragen? Ich finde, das würde eine Menge Arbeit sparen.“ Nicht ausgeschlossen, dass das in 25 Jahren möglich ist.

Plateau oder exponential

Man muss eigentlich nur mal innehalten und nachdenken, womit man im Alltag am meisten Zeit verplempert – und was einen davon eigentlich im Grunde ärgert. Ich nehme Wetten an, dass die meisten dieser Vorgänge in 25 Jahren der Vergangenheit angehören. Technisch ist dann alles machbar – man bedenke nur, was bis dahin Computerchips für gigantische Rechnerleistung bieten, wenn Moore’s Law nur halbwegs weiter gilt. Für alles, was unfreiwillig Zeit verbrennt und Mühsal bereitet, wird es bis dahin eine technische Lösung geben.

Fragt sich, wie wir Menschen mit solch einer Explosion an Effizienz – und Beschleunigung – umzugehen lernen. Es gibt dazu drei Denkschulen, wie die technologische Entwicklung weitergehen wird. Die eine meint, dass wir nach der Effizienz-Explosion des Internet ein neues Plateau erreichen werden, auf dem sich die Dinge nach vielen Disruptionen, Umwälzungen und Machtwechseln wieder mit weniger Tempo entwickeln werden. Jeff Jarvis denkt in etwa so, wenn ich ihn in richtig verstehe. („Gutenberg, the Geek„)

Pessimisten und Optimisten

Die andere Denkschule erwartet, dass sich die Entwicklung nicht abflachen und weiter exponentiell in die Höhe schießen wird. Unaufhaltsam. Hier scheiden sich die Geister. Die Pessimisten befürchten, dass wir uns damit überfordern und unsere Psyche (und Physis) das nicht aushalten wird und eine Gesellschaft von Depressiven und chronisch Hyperaktiven entsteht, die sich in ihre Bestandteile auflösen wird. Die Optimisten vertrauen darauf, dass sich die Menschheit noch jeder evolutionären Herausforderung gewachsen gezeigt hat und auch weitere Effizienzsteigerungen und Beschleunigungen aushalten wird. Die Esoteriker unter ihnen träumen sogar von einer neuen Wirklichkeitsstufe, die so zu erreichen wäre. („Die Prophezeiungen von Celestine„)

Meine Vermutung ist, dass die menschliche Psyche viel zu stabil ist, als dass sie echt gefährdet wäre. Noch jede Effizienzsteigerung hat auch zu mehr Freizeit und Freiraum geführt. Noch jede Übersteigerung und Übertreibung hat sich nivelliert. Gerade das Phänomen Google und unsere Fähigkeit binnen kürzester Zeit unnützes Wissen – weil jederzeit per Google verfügbar – los zu werden, belegt diese These. Unsere Gehirne werden nicht rasch wachsen können. Aber wir werden unsere Fähigkeit, entlernen zu können, immens optimieren müssen. So wird auch unser Gehirn effizienter – und wird befreit von allem überflüssigen Detailwissen, allem unnützen Ballast und störenden Verkrustungen. Unsere Setzerin Dagmar damals hat es uns quasi schon damals vorgelebt.

So könnte der Weg zu einem Leben in einem stark beschleunigten Flow frei werden, in dem man sich behände in einem beschleunigten Stream der Veränderungen bewegt, wie ein Fisch in einem reißenden Gewässer. Und der weiß nicht nur klug Stromschnellen zu nehmen, sondern findet immer auch wieder ruhige Buchten zum Innehalten. Und das tut er sehr effizient.