Mann ohne Gedankenstriche


Innehalten bei Robert Musil    

Manchmal holt einen die Vergangenheit auf kuriose Weise ein. Zum Beispiel ganz spät nachts im Bett, im Warten auf dass der Schlaf kommt. (Was schreibt man auch noch so spät des Nachts am Blog!) Noch kurz nachsinnend über die Möglichkeiten, die die PC-Tastatur uns bietet, um (positive!) Emotionen ausdrücken zu können (siehe dazu Emotionen in Bits & Bytes 2). Da kommt als Flash aus längst vergangenen Zeiten, am Anfang meines Germanistik-Studiums, die längst verschollene Erinnerung an eine Proseminararbeit. Thema: Die Rolle des Gedankenstrichs in Robert Musils Über-Roman „Mann ohne Eigenschaften“.    

Kurfürstendamm 217, Berlin

Die Arbeit selbst ist längst bei diesem oder jenem Umzug im Orkus der Münchner oder Hamburger Müllabfuhr verschwunden. Den Roman habe ich mittlerweile wohl schon vier Mal oder öfter nachgekauft. (Das letzte Mal, informiert mich Amazon, im Mai 2004.) Irgendwie ist der Roman ein schönes Geschenk, wenn man einem guten Freund einen kleinen Tipp zu seiner Lebensführung geben möchte. Ich zitiere Adolf Frisé, wie er Ulrich, den Mann ohne Eigenschaften schildert: „Anfang Dreißig, sportlich trainiert, Mathematiker, Philosoph, ein sich passioniert in Frage stellender Nicht-Held…“    

Robert Musil gebraucht in seinem Roman den Gedankenstrich sehr ausgiebig – und vielfältig. Er liebt Parenthesen, Gedankeneinschübe. Dabei unterscheidet er, ob er vor und nach dem Gedankenstrich eine Leerstelle lässt oder nicht. Entsprechend atemlos oder überlegt ist der Gedanke in der jeweiligen Situation des Romans. Es gibt aber auch den doppelten Gedankenstrich: “ – – “ und sogar den dreifachen „- – -“ Und das in verschiedenen Sperrungen. Das sind „Leerstellen“ im Leben des Nicht-Helden, des Helden ohne Eigenschaften, ein Innehalten. (Auch so ein fast schon verschollener Begriff in unserer voll beschleunigenden Zeit…)

Leider ist solch ein Spiel mit Gedankenstrichen viel zu „literarisch“ und zu subtil, um im Web oder gar in Social Media Einzug zu halten. (Außerdem gibt die verbreitetste Blog-Software eine Unterscheidung zwischen Binde- und Gedankenstrich gar nicht her.) Aber als Stilmittel wäre so etwas durchaus eine schöne Option. Schließlich sind Denken und Gedanken ein wertvolles Gut, das es gerade auch in Blogs zu pflegen gilt – – -.    

Spiel mit Sonderzeichen    

Und das fiel mir dann da im Bett noch ein: Sind die Gedanken etwas tiefgründig, oder gar unterirdisch, könnte man eigentlich treffend den Underscore einsetzen: „_ _ _“. (Die gab es zu Musils Zeiten so noch nicht.) Verbotene Unziemliche Gedanken oder zynische satirische Versprecher kann man natürlich wunderbar durch die Durchgestrichen-Funktion inszenieren. (Perfekt angewandt immer wieder von Dieter auf www.11tech.de.)    

Bleiben als weitere Stilmittel in der Textwelt noch einige schöne Sonderzeichen: „¶“ etwa, das Breakzeichen. Das wäre doch prima zu setzen, wenn man einen stupenden Gedanken hat – oder argumentativ gegen eine Wand läuft. Sehr brauchbar ist als Facebook-Kommentar vielleicht auch auch das Cent-Zeichen „¢“, wenn etwa ideelles Kleingeld verteilt wird, sprich kleingeistig argumentiert wird. Und das spanische Initial-Fragezeichen „¿“ könnte doch beispielsweise ganz brauchbar hoch fragwürdige Bemerkungen oder Argumente kommentieren.    

Fehlt aber immer noch ein geeignetes Symbol für wirklich hochpositive Momente oder die von mir so geschätzte Euphorie. ¿Warum stellen die Spanier nur bei Fragesätzen das umgekehrte Fragezeichen dem Satz voran? ¿Warum haben sie nicht das umgekehrte Ausrufezeichen erfunden? Das wäre doch eine elegante Lösung, subtil Freude auszudrücken. – – – Die einzige Option, die mir nach ausführlicher Durchsicht der verfügbaren Sonderzeichen als Möglichkeit erscheint, ist das „e“ mit lustigem Hütchen obendrauf: „ĕ“. Das gibt es auch als Großbuchstaben, passend etwa für ganz große Euphorie: „Ĕ“.    

Na ja, um das mal cool mit Robert Musil zu kommentieren: „ –   –   –

Emotionen in Bits & Bytes 2


Gefühle in Social Media

Eine der schönsten Erfindungen in Facebook finde ich den „Like“-Button. Er ist so vielseitig nutzbar. Er kann alle Facetten von positiver Zustimmung ausdrücken. Von „Ich-habe-es-gelesen“ über „Jawoll!“ über „Ganz-meine-Meinung“ bis zu „Applaus-Applaus-Applaus“. Wäre Facebook eine Erfindung deutscher Medienmacher, wäre der „Like“-Button nie erfunden worden, sondern wohl eher ein „Finde-ich-doof“-Button. Dabei ist in komplexen, chaotischen Zeiten mit genug Kränkungen und Niederlagen im Alltag nichts wichtiger als solch schönes virtuelles Schulterklopfen.

Aus genau dem Grund finde ich die Facebook-Initiative, einen „Dislike“-Button einzuführen, völlig deplatziert. Abqualifikation ist so viel leichter als eine Affirmation. Speziell in Deutschland stellt man sich durch eine explizite Unterstützung einer Sache viel eher ins Abseits als durch eine knackige Abqualifizierung. Auffällig ist ja, wenn man die Nutzung deutscher User der Social Media ansieht, dass das aktive Posten von Inhalten im internationalen Vergleich eher unterentwickelt ist. Wo wir Deutschen gut im Social Net sind, das ist beim Kritisieren und Bewerten. Da sind wir im Vergleich weltführend.

Warum das so ist? Das mögen Psychologen herausfinden. Mir geht es, wenn es um Psychologie geht, um andere Dinge. Da bin ich Mihaly Csikszentmihalyi, dem populären Psychologen und Autoren von „Flow – The Psychology of Optimal Experience“, ewig für eine Neujustierung meines Denkens dankbar. (Anderen natürlich noch viel mehr!)

Ich hatte einst das Glück, als Chefredakteur von „Europe Online“ beim Publishers Dinner von Hubert Burda am Tisch gegenüber von Csikszentmihalyi platziert zu werden. Seine sympathisch brummelige Stimme erklärte mir seine Wandlung als Psychologe ganz einfach: „Irgendwann interessierte es mich nicht mehr, immer nur die schwierigen und gestörten Aspekte der menschlichen Psyche zu analysieren. Die menschliche Psyche hat doch so viele positive Aspekte. Irgendwann habe ich für mich beschlossen, mich nur noch diesen zu widmen.“ Diesem Paradigmenwechsel haben wir seine Bücher zum Glück und zur Kreativität zu verdanken.

Komplexe Gefühle per Mouseclick

Und genau darum sollte es auch bei erfolgreichen Social Media Networks gehen. Das ist das Feld gegenseitiger menschlicher Ermunterung, nicht der Ort, sich gegenseitig herunter zu ziehen. Daher meine Freude über den „Like“-Button. – Aber eigentlich ist das nicht genug.

Letzthin musste ich realisieren, dass einer meiner Freunde allzu oft seinen Heimatort – und seine Eltern besuchte. Da ging sichtlich ein Leben zu Ende, ein großer Abschied stand an. Eine Situation, in dem der „Like“-Button absolut fehl am Platz war. Aber allzu gerne wäre ich in dieser Situation mit einer kleinen Gest zur Seite gestanden. Ich weiß noch zu gut, wie hilfreich jedes noch so kleine Signal von  Unterstützung für mich war, als ich meine Mutter auf ihrem letzten Weg begleiten musste/durfte. Schön wäre ein „Ich-bin-bei-Dir“-, ein „Ich-denk-an-Dich“-Button. Oder wie sonst kann man so etwas ausdrücken? Die Standard-Tastatur unserer PCs versagt da mit geeigneten Symbolen. Und die eher kindischen Emoticons verbieten sich hier genauso. (Das einzige, was mir bislang dazu eingefallen wäre, ist: „[ ! ]“ im Kommentarfeld.)

Wie man kreativ die Statusmeldungen für andere als Ego-Zwecke „miss-„brauchen kann, zeigte die BH-Kampagne für Brustkrebsopfer. Nur war die Idee, lapidar die Farbe des aktuell getragenen BHs zu posten, dann doch etwas allzu intim und missverständlich. Ich freue mich auf alle Fälle auf alle kreativen Ideen, um in Statusmeldungen komplexere (positive!) Emotionen oder auch Solidar-Gesten geben zu können. Ob man kondolieren will oder trösten oder ermuntern. Oder man will Solidarität ausdrücken oder ein Charity-Projekt bewerben. Nicht immer trifft man da den richtigen Ton im SMS-Modus. Da gilt es, neue Ideen zu entwickeln, wie das mit kürzeren Signatur-Gesten möglich wäre.

Just press: Euphoric!

Mein größter Traum jedoch ist es, im Web auch immer wieder mal meiner Euphorie Ausdruck geben zu können, Euphorie mit anderen zu teilen – und mit ihr vielleicht auch andere anzustecken. Das kann mit begeisternden Texten, mit gelungenen kleinen Geschichten, mit einer persönlichen Botschaft per Video gelingen. Vielleicht aber auch ganz anders. – Wer den ersten funktionierenden Glücks- oder Euphorie-Server  im Internet gründet, der hat definitiv schon gewonnen. – Just press here: „Euphoric!“

Emotionen in Bits & Bytes 1


Lachen & weinen im Internet

Ich habe eine kleine, unerwartete körperliche Sensation erlebt. Am Bildschirm. Ich bin beim Lesen einer Email rot geworden. Im Gesicht. Nicht rot vor Wut. Nicht rot aus Scham. Na ja, der schöne Mix aus Scham und Stolz war es. Ich habe solch eine anrührende und für mich schöne Mail-Replik gelesen, dass mir doch tatsächlich ganz warm im Gesicht geworden ist. Es war das erste Mal, dass ich vor dem Bildschirm rot angelaufen bin.

Damit habe ich so ziemlich die komplette Palette menschlicher Emotionen am Bildschirm erlebt. Mir sind schon Tränen in die Augen geschossen. Damals in den Foren, in denen es nach dem 11. September darum ging, irgendwie den Schock dieses monströsen Anschlages zu verarbeiten. Da gab es wirklich anrührende Textbeiträge. Oder ein andermal ging es um Folter und Verfolgung in Dafur. Die Geschichten waren so eindringlich und authentisch, dass man sich seiner Tränen dafür nicht schämen musste.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich das erste Mal vor dem Bildschirm laut gelacht habe. Das war zum Beispiel bei dem ernsten jungen Mann, der durch das Zusammendrücken seiner Hände Prust-Geräusche  entlang der kompletten Tonleiter produzieren konnte und auf diese Weise die so komplexe „Bohemian Rhapsody“ von Queen – na, nennen wir es mal so: intonierte. Und das miesepetrige, traurige Gesicht des Künstlers dazu. Absurdistan lässt grüßen…

Lachen am Bildschirm ist nicht leicht. Am leichtesten fällt lauthalses Gelächter im Kino, im Chor mit vielen anderen Lachenden. Und wenn dann noch ein Mensch mit ansteckender Lache dabei ist, ist das Zwerchfell schwer gefährdet. (Wann entdeckt die Pharma-Industrie eigentlich diesen Ansteckungsherd? Vielleicht kann man auch dagegen – oder dafür? – eine Spritze entwickeln und per Krankenkassen finanzieren lassen. Schweine-Lache sozusagen…)

Lachen vor dem Bildschirm

Am heimischen Bildschirm laut heraus zu lachen, fällt schon schwerer. Da muss der Gag massiv oder besonders absurd kommen. (Das gelingt Harald Schmidt schon lange nicht mehr richtig!) Oder man hat neben sich einen Menschen sitzen, der einen Hang zum therapeutischen Lachen hat und einfach jede Gelegenheit zur Zwerchfellmassage nutzt. Auch das ist wunderbar ansteckend. Die ganz hohe Schule des monomanischen Lachens ist aber der PC-Bildschirm. Wer einen dort zum prustenden Lachen bringt, der muss schon sehr gut sein.

Ach ja, Wut und Zorn habe ich wohl am häufigsten und frühesten am Bildschirm erlebt. All die bösen Emails, die zu unüberlegt geschickt wurden, die besser einen Tag abhängen hätten sollen, bevor sie – wenn überhaupt – in emotionsärmerer Version auf den Weg geschickt wurden. Wie viel Adrenalin ist dabei unnötig freigesetzt worden!

Adrenalin per (Wut-)Email

Die kurioseste Episode zum Thema Wut-Email stammt aus meiner Zeit, als ich viel für englische Firmen gearbeitet habe. Nach einem zweitägigen Marathon-Meeting habe ich versucht, die mühsam erzielten Übereinkünfte per Email-Protokoll festzuhalten. Der Effekt: eine der wütendsten Email-Repliken, an die ich mich erinnern kann. Tenor der Philippika: du willst doch nur in ein paar Wochen anhand der Email abhaken, was nicht umgesetzt worden ist. – Genau das war die Absicht. Und genau das hat den Wutausbruch initiiert. Man konnte sich so mal nicht mehr auf das sonst übliche „misunderstanding“ hinausreden. (Das nur zur Krise der britischen Wirtschaft.)

Emotionen im Internet. Ein Stiefkind, wenn es um die Bewertung von Websites geht. Dabei ist das die wesentliche Frage, wie gut Digitale Medien so weit kommen werden, Emotionen zu transportieren und/oder Emotionen zu wecken. Clickraten, Unique User und Conversions in Ehren. Jetzt geht es darum, dass Digitale Medien reif genug werden, auch emotionale Werte zu transportieren und so auch bei Markenbildung und Markenpositionierung zu funktionieren. Das geht sicher mit einer gelungenen Einbindung von Videos und Animationen. Vor allem aber mit einem effektvollen Storytelling quer über sämtliche Digitalen Plattformen und Formate hinweg.

Drehbuch des eigenen Lebens


Die Manipulation der Massen und Medien

Hätte nicht gedacht, dass ich auch noch mal Gedanken zu Michael Jackson oder Tiger Woods zu Desktop bringe… – Aber auffallend ist schon wie schwer sich Menschen mit dem Drehbuch tun, das sie und vor allem andere für ihr Leben geschrieben haben.

Zynisch gesehen bastelt sich jeder Mensch seine eigene Lebenslüge. Es kann sehr hilfreich sein, in dem warmen Bett einer gepflegten Selbsttäuschung zu leben. Das geht perfekt, so lange diese nicht allzu heftig mit einer anderen, die gerne Realität genannt wird, kollidiert. Aber je mehr Sozialkontakte man hat, um so schwieriger wird es, eine Lebenslüge, die sehr weit ist vom eigenen Ich, durchzuhalten.

Ganz hart wird es, wenn die Drehbücher des Lebens zum einen von falschen Erwartungen an das eigene Ich geschrieben werden. Daran können die Eltern (Michael Jackson, Tiger Woods) heftig schuld haben oder auch Ehefrauen oder Freunde, die zu viel Einfluss auf das eigene Leben gewinnen. Das schafft man aber auch gut selbst, sich seine eigene falsche Erwartungswelt aufzubauen, wenn man nie so recht aus den Allmachts- und Alles-Können-Phantasien der Pubertät herausfindet.

Am schlimmsten aber wird es, wenn das Drehbuch des eigenen Lebens von den Medien und damit mittelbar vom Massenpublikum geschrieben wird. So besonders extrem geschehen bei Michael Jackson. Das Zuckerguss- und Fantasy-Märchen mit Pop-Appeal, das hier zur Aufführung kommen sollte, war einfach nicht mehr lebbar. Und die dann logischen Kollisionen des gelebten mit dem erwünschten Lebens werden natürlich genüsslich von den Medien ausgekostet. (Da machen inzwischen längst sogar die sich selbst „seriös“ nennenden Medien keine rechte Ausnahme mehr. – Aber das ist jetzt wieder ein anderer Fall von Lebenslüge…)

Dieser Konflikt zwischen einer Erwartung an den Lebenszuschnitt eines Stars, seinen eigenen Erwartungen und der seines sozialen Umfeldes und den Realitäten des Lebens – und der Medien – kann sehr leicht eskalieren, weil alle diese Komponenten ihre Eigendynamik haben und logischerweise mehr als selten kongruent sein können. Irgendwann kommt es dann aus den Konflikten zu ersten kleinen Störfällen in dem sonst scheinbar so perfekten Drehbuch.

Überraschendes Finale im Drehbuch

Die Störungen können physischer Natur sein: Erschöpfungssymptome, Krankheiten etc. Aber anstatt das als Hinweis für einen außer Kontrolle geratenen Lebensplan zu verstehen, werden solche Irritationen vor allem von Menschen, die das Thema Allmacht nicht für sich in Griff bekommen haben, mit Tabletten jeglicher Couleur und Substanz bekämpft. Bis hin zur perfekten Eigenvergiftung. So bekommt dann das Drehbuch des eigenen Lebens ein für alle Beteiligten sehr überraschendes Ende geschrieben. So geschehen bei Elvis oder eben auch Michael Jackson.

Die Störungen können natürlich auch psychologischer Natur sein. Da wird dann mal gerne eine dunkle Parallelwelt zum Überkitsch des eigenen Drehbuchs geschrieben. Ich könnte mir  gut vorstellen, dass das so bei Tiger Woods oder Ashley Cole so gelaufen ist. Und wenn im Drehbuch immer nur Siege und Triumphe aneinandergereiht werden, kann man ja auch der Illusion verfallen, dass das für jeden Lebensbereich gilt und man mit allem heil davon kommt.

Ich mag mir nicht vorstellen, was in einer amerikanischen Suchtklinik passiert, die sich auf Sex-Sucht spezialisiert hat. Kaum vorstellbar, dass dort Lebenslügen demaskiert werden und der Weg zu einem authentisch gelebten Leben bereitet wird. So schön es wäre. Da wird doch vermutlich eher an einem neuen Drehbuch gestrickt. An einem besseren oder nur an einem leichter lebbaren Drehbuch des eigenen  Lebens.

Rent a wing

Wenn das dann kein Autorenfilm wird, also der Held nicht selbst Regisseur ist; oder wenn dessen Talent zum Regisseur begrenzt ist, dann ist das nächste Scheitern vorprogrammiert. Sehr zur Freude des breiten Publikums, die Dramen und böse Grimmsche Märchen lieber mögen als Zuckerguss-Parodien. Und sehr zur Freude ihrer Helfershelfer, der Medien.

Einen Vorschlag für ein neues Drehbuch für Tiger Woods kam ja schon. Ausgerechnet von Bau-Schwerenöter Donald Trump. Er schlägt vor, Tiger solle wieder auf die Golf-Tour gehen, diesmal gleich als promisker Playboy. Ohne Gewissensbisse und mit hohem Frauenverschleiß. – Nun ja, dann wären aber schnell einige Sponsoren weg. Aber neue könnten hinzugewonnen werden. Red Bull vielleicht. Das verleiht ja immerhin Flügel. Rent a wing sozusagen…

Avatare unseres Selbst


Einsam im Internet

Der Literaturkritiker William Deresiewicz beklagt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Vereinsamung im Internet. Deresiewicz firmiert in dem Interview als Kulturkritiker, als solcher ist er aber bislang kaum aufgetreten. Einige Aspekte – vor allem im zweiten Teil des Interviews – sind interessant, aber einmal mehr wird hier Kulturpessimismus beschworen und Digital-Allergie gelebt, wie sie in den Printmedien-Häusern in Deutschland so zwanghaft gepflegt wird. (Siehe dazu auch: Das Digital Anxiety Syndrom.)

Diesmal geht es also um  Vereinsamung. Klingt ja schön provokant, dass ausgerechnet die große Kommunikationsmaschine Internet einsam machen soll. Deresiewicz beruft sich bei dieser These auf den amerikanischen Kulturkritiker Lionel Trilling. Zitat: „(Er) schrieb bereits vor 50 Jahren, dass die Moderne von der Angst des Einzelnen geprägt ist, nur eine einzige Sekunde von der Herde getrennt zu sein.“

Trilling kritisierte in den 50-er Jahren, nach seiner Wandlung vom Marxisten zum Proto-Neo-Konservativen, gerne die Moderne. Er lag mit seinen Beobachtungen oft nicht falsch. Nur leider kritisierte er eine Moderne, die so heute nicht mehr existiert. Die Moderne bei Trilling ist noch die  der 50-er Jahre samt Atomkraft-, Maschinen- und Automatisierungsbegeisterung. Metropolis und Orwells „1984“ lassen grüßen.

Da sind wir heute längst hinweg. Hilfreich ist hier die Unterscheidung zwischen der so genannten schweren Moderne, wie sie Trilling beschreibt, und der leichten, flüchtigen Moderne, wie sie Zygmunt Baumann für unser postindustrielles Zeitalter der Bits und Bytes beschreibt. Eine Zeit und eine Kultur eher jenseits der Post-Moderne. Einer bislang sicher erst rudimentär entwickelten Digitalen Kultur.

Angst vor dem Alleinsein

Kernthese Deresiewiczs ist eine Analogie zum TV, das eigentlich geschaffen wurde, um Langeweile zu vertreiben, die Langweile aber nur vervielfachte. Das Internet sieht Deresiewicz auf demselben Weg: „Je mehr uns eine Technik die Möglichkeit gibt, eine Angst des modernen Lebens zu bekämpfen, umso schlimmer wird diese Angst bei uns werden. Weil wir ständig mit Menschen in Kontakt treten können, fürchten wir uns umso mehr, allein mit uns und unseren Gedanken zu sein.“

Hier unterschätzt ein Literaturkritiker (!) wieder einmal die interaktive Netzwerkkraft des Internet. Noch nie wurden so viele Gedanken so schnell (Twitter) und so zahlreich (Facebooks, Blogs) ausgetauscht wie heute. Viele banale Gedanken, zugegeben, aber eben auch viele, viele intelligente, einfühlsame und gute Gedanken und Ideen.

Spannendes Digitales Ich

Deresiewicz betont, dass er selbst in Facebook aktiv ist. Na ja. Auf alle Fälle überrascht dann doch seine These: „Je mehr Spaß Menschen an ihren Facebook-Statusnachrichten zu haben scheinen, umso weniger Spaß haben sie in ihrem echten Leben. Das kann dazu führen, dass wir uns zu Avataren unserer Selbst verwandeln: Plötzlich merke ich, dass mein digitales Ich auf Facebook ein aufregenderes Leben hat als ich selbst.“

Ich jedenfalls habe den Eindruck, dass dieses Problem eher im realen Leben besteht: Da nerven mich „Darsteller der Wirklichkeit“ mit ihrem Klischeeverhalten weit mehr als Wichtigtuer in Facebook. Die kann man auch mit „hide“ wunderschön ausbremsen. Im realen Leben geht das nicht – leider…

Realtime-Produkte & -Services


Exformation mit Produkten

Einer der prägendsten Sätze, die ich je zum Thema Marketing gehört habe, stammt vom General Manager des Universal City Walk, der schönen Themen-Mall bei den Universal Studios in Los Angeles : „Wir verkaufen nur Sachen, von denen die Kunden am Morgen noch nicht wussten, dass sie sie am Abend dringend brauchen.“

Angeboten wurden im Universal City Walk hochwertige Touristenware, Sport-Paraphernalia, einfallsreiche Andenken und Mitbringsel, Neo-Antiquitäten, nette Accessoires und Design-Tand. Alles irgendwie attraktiv und witzig, aber von sehr beschränktem Gebrauchswert.

Was war nun das Geheimnis, dass die Transformation zum „dringend brauchen“ beim Besuch der Mall erfolgte. Es war nicht (manipulative) Werbung, die die Kunden zum Kauf trieb, auch waren es keine Rabattierungen. Es waren die Produkte selbst und deren Präsentation, die die Kunden lockten. Aber es war weniger die Qualität der Produkte oder deren hoher Gebrauchswert, die überzeugten.

Was hatten die Produkte nun an sich, dass sie beim Publikum dringendes Kaufbedürfnis auslösten? Es waren gerade die Oberflächlichkeit und die Beiläufigkeit der Produkte gepaart mit einem starken Trend-Appeal und hoher Gefälligkeit. Die Produkte waren alle ein gewisses modisches Statement (inklusive der aktuellen Fanartikel), sie waren nie zu teuer, also ideal für die so weit verbreitete Selbstbelohnung.

Realtime-Produkte & Realtime-Services

Wichtig in diesem Zusammenhang war der extrem hohe Gegenwarts-Appeal der Produkte. Da war nichts unmodisch oder poofig, aber eben auch nie provokant neu oder etwa Avantgarde. Die Produkte waren pure Statements des (tages-)aktuellen Zeitgeistes, sozusagen Realtime-Trend. Die Produkte waren zu Waren geronnene Exformation (siehe dazu „Es liegt mir auf der Zunge“). Sie waren verdinglichte Botschafter des unausgesprochenen Common Sense der Käufer.

Und dies ist meiner Meinung nach die Lehre aus der flotten Marketing-Philosophie des Universal City Walk-Managers. Die Zukunft erfolgreichen Vertriebs liegt weniger in bisher üblicher (manipulativer) Werbung, sondern zunächst in einer perfektionierten Produkt-Entwicklung, die extrem viel mit Monitoring arbeitet, um die Wünsche, den Common Sense der Kunden präzise zu erhaschen. Und dann müssen die entsprechenden Produkte, die Statements dieses Kunden-Grundnenners sind, extrem schnell auf den Markt gebracht werden. (H&M und Zara machen das längst vor.)

Marken-Wirkung der Zukunft

Die zweite wichtige Ingredienz ist eine intelligente Kommunikation, die die Produkte zur Exformation machen und sie als essentielle, passende Aussagen der Jetzt-Zeit in den sozialen Diskurs positionieren. Das geschieht in Zukunft kaum noch über gängige Werbung und immer weniger über etablierte Medien (starke Online-Marken ausgenommen), sondern vor allem in den Social Networks inklusive Foto- und Videoplattformen, Blogs etc.

Das alles gilt natürlich nicht nur für Produkte, sondern auch für Services, inklusive aller Medienservices. Am meisten aber gilt das für Marken, die in Zukunft noch Leuchtkraft haben wollen. Je mehr und je pointierter sie zum allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs beitragen, je wichtiger sie dort werden, desto stärker werden diese Marken werden. Motto: Eine Marke, von der wir am Morgen noch nicht wussten, wie dringend wir sie am Abend brauchen…

Es liegt mir auf der Zunge


Zu viel Information – zu wenig Exformation

Wer jammert nicht über die Informationsflut? Zwei Exabytes, das sind zwei Milliarden Gigabytes, kommen jährlich an neuen Informationen beispielsweise allein im Internet hinzu, mindestens. Das Wissen der Welt verdoppelt sich – da streiten die Experten – alle sechs bis zwölf Jahre. Auch das nur ein Annäherungswert.

Der Zuwachs an Wissen und Information könnte objektiv gesehen eine positive Tatsache sein, subjektiv wird sie aber durchweg als unangenehm und stressig empfunden. Kein Wunder, denn die schiere Masse, die Komplexität und Chaotik der Informationsflut verringert rasant die Menge an Exformation.

Exformation ist die Menge an Informationen, die wir unausgesprochen mit dem uns umgebenden Umfeld teilen. Dazu zählt auch das Arsenal an Gesten, Lauten, Mimik, aber auch Scherzen, Dialekt- und Umgangsausdrücken, das sich  im sozialen Umfeld eingebürgert hat. Das alles wird gerne – und treffend – auch „soziales Geräusch“ genannt.

Das berühmteste Beispiel an Exformation ist ein Brief des französischen Autors Victor Hugo an seinen Verleger, in dem er nach den Verkaufszahlen seines neuesten Romans „Les Misérables“ fragte. Hugos Brief lautete schlicht: „?“. Die Antwort seines Verlegers war ebenso kurz: „!“. Und beide wussten was Sache ist. Das Buch verkaufte sich gut.

Das Problem der Informationsflut,  vor allem aber der Diversifikation der Medien ist, dass immer weniger Exformation geschaffen wird. Das Verbindende gemeinsam gelesener Medien, gemeinsam gesehener Filme und Fernsehsendungen etc. wird immer weniger, die gemeinsame soziale Taktung zunehmend reduziert.

Exformation in Social Media

Der Erfolg der Social Media ist genau aus diesem Mangel heraus zu erklären. In Facebook & Co. kommuniziert man besonders gut in einem gemeinsamen sozialen Kontext, stellt Gemeinsamkeiten durch positive Affirmationen via „Like“-Button oder durch kurze Bemerkungen und Scherze immer aufs Neue aktiv her.

Heute nur mal kurz den Namen „Westerwelle“ erwähnt, vielleicht noch durch eine ironische Bemerkung garniert, das garantiert im richtigen sozialen Kontext auf alle Fälle reichlich Affirmation. Dasselbe gilt für andere Reizwörter. Ähnlich wirksam sind Bemerkungen und Kommentare in Blogs, die einen Sachverhalt, einen Missstand oder einen Trend in wenigen Worten treffend auf den Punkt bringen.

Das Problem vieler etablierter Medien, vor allem der, die sich zu sehr auf Zulieferung von Dritt- und Billiganbietern oder austauschbaren Agenturen verlassen, ist der Umstand, dass sie vielleicht reichlich Informationen bieten, aber keine oder viel zu wenig Exformation schaffen. Das führt sehr schnell zu einer Entfremdung zwischen  Zeitung und Leser, TV und Zuschauer, Medium und User. Das passiert eher sublim und schleichend, aber dabei mit verheerenden Auswirkungen. (Das ganz besonders bei jungem Publikum.)

Digitale Exformation hat Zukunft

Nichts ist erfolgreicher, als wenn man etwas liest und sich dann freut, wie durch einen Text ein Stück Common Sense auf den Punkt gebracht ist. Nichts beeindruckt dauerhafter, als wenn ein Mediennutzer das Gefühl hat, als wäre das, was er liest oder sieht, ihm quasi schon auf der Zunge gelegen. Das ist der perfekte Moment, an dem Exformation passiert.

Medien, Content-Provider oder auch Blogs, die im Digitalen Raum Exformation schaffen, haben die besten Perspektiven. Dasselbe gilt für alle Firmen, die dies mit eigenem Content oder perfekter Nutzung/Einbindung von Social Media schaffen. Ihnen gehört die Zukunft – in einer Zeit jenseits manipulativer Werbung – in einer Zukunft der Eigenbegeisterung der Nutzer. Im Exformations-Zeitalter.

Heilige Maria & Gefrierfisch


Döntjes auf 10.000 Meter

Ein kleines Seitenthema in „Up in the Air“ (Buch & Regie: Jason Reitman) mit dem wunderbaren George Clooney in der Hauptrolle (mehr zum Film in „Up in the Air 1“) sind die Bekanntschaften und Freundschaften auf (ganz kurze) Zeit, die man vor allem auf Langstreckenflügen mit Sitznachbarn schließt. In „Up in the Air“ erkennen sich Clooney und sein Flugkamerad vom Vortag am nächsten Morgen beim Einchecken nicht einmal mehr.

Zwei solcher Gespräche in der intimen Nähe einer Sitzreihe sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. – Auf dem Flug von Seattle zurück saß vor Jahren ein gemütlicher, vollbärtiger Mann neben mir. Vielleicht Anfang 60, Typ sympathischer Pappi. Angenehm unaufdringlich, aber wir kamen trotzdem ins Gespräch. Anlass war seine Bemerkung, mit der er mich von meinem Gangplatz aufscheuchte, er müsse jetzt hinten im Flugzeug nach seinen Norwegern sehen, die er gestern gefeuert habe und die deshalb heute nach Hause fliegen. – So ein Satz macht neugierig.

Käpt’n Iglo erzählt

Der nette Pappi stellte sich als Chef der Fischfangflotte eines großen Nahrungsmittelherstellers heraus. Er war also der Herr der Fischstäbchen. Gruselig die Schilderung der Arbeitswirklichkeit auf den Fangschiffen und speziell auf den Fabrikschiffen, auf denen der frisch gefangene Fisch gleichg erzählt vor Ort ausgenommen, portioniert, gefroren und paniert wird.

An den Fließbändern arbeiten – so erzählte es jedenfalls Käpt’n Gefrierfisch – fast nur russische Frauen, vorzugsweise Akademikerinnen. Nur sie hätten die psychischen Voraussetzungen, solch schlimme Arbeit in brutalster Kälte und Nässe bei schwankendem Schiff durchzuhalten. Sechs Monate am Stück, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden täglich. Dann vier Monate Pause und Familienleben, die Ehemänner kümmern sich derweil um Haushalt und Kinder.

Diese Frauen seien die Einzigen, so der Käpt’n, die bei der Knochenarbeit nicht irgendwann zu saufen beginnen. Deshalb habe er ja auch die Norweger, die die Schiffsmannschaft stellten, rausgeschmissen. – Der Grund für das rigide Vorgehen: Gerade erst wäre ein Fabrikschiff mit etlichen Dutzend Mann Besatzung und zig Fabrikarbeiterinnen im Nordpazifik urplötzlich spurlos verschwunden. Ausgerechnet am Weihnachtsabend. Da sei wohl dann doch, trotz aller Verbote gefeiert worden, nahm er an. So heftig, dass nicht mal mehr ein Notrufsignal abgesetzt wurde.

Nach solch einer Erzählung liebt man seinen eigenen Job wieder von ganzem Herzen. Und so sah das auch mein Sitznachbar, der das alles in seiner norddeutschen, seemännischen Gemütsruhe erzählte, aber deutlich diese Gruselstory mal loswerden wollte. Ausgerechnet an eine Landratte wie mich – und das in 10.000 Metern Höhe.

Kommunistische Indianer in Tripolis

Die zweite kuriose Begegnung fand auf einem Flug von Tripolis (Libyen) nach Paris statt – das ist noch ein bisschen länger her. Ich war dort auf einem einwöchigen Kongress mit amerikanischen, kommunistischen Indianern (!!!). Thema der Veranstaltung: von arabischen Wissenschaftlern wurde versucht nachzuweisen, dass es eine genetische (!!!) Verbindung zwischen Arabern und US-Indianern gibt. Um die Voraussetzungen für diese gewagte These zu schaffen, sollen phönizische Schiffe schon um die Zeit von Christi Geburt Amerika entdeckt haben. Na ja, die Beweise dafür waren dünn, wurden dafür um so emphatischer vorgetragen – und von den Indianern angemessen beklatscht. Besonders schön war das große Solidaritätsfest der „Abrabianer“, so richtig mit Kriegstänzen in vollem Federschmuck.

Meine Anwesenheit dort war ein Missverständnis. Ich war eigentlich für ein Interview mit Gadhafi angereist. Doch das hatte sich von der Botschaft in Bonn (sic!), die das Interview in Aussicht gestellt hatte, nicht bis Tripolis herumgesprochen. So durfte ich die Stadt mit riesigem Schnellstraßenkreisel – stolz: Made in Germany – kennenlernen. (Toll die italienisch angehauchte Altstadt!) Den Zoo durfte ich besuchen, dort hatten die meisten Tiere aber anscheinend gerade Ausgang. Und dann die Begegnung mit arabischem Akademismus. (Vielleicht sollte ich daraus noch mal eine eigene Novelle schreiben – als Hommage an Kafka.)

Da Vinci déjà vu

Nach acht Tagen wurde ich sehr unhöflich wieder aus dem Land heraus komplimentiert. Ohne Interview. – Im Flugzeug saß ich neben dem coolsten der US-Kommie-Indianer. Bert sah wie ein echter Cowboy aus, samt Streichholz zwischen den Zähnen. (So was ging damals noch!) Wir kamen ins Gespräch. Er war gar kein Cowboy, sondern Elektriker, in einem Kraftwerk in Indiana. Und jetzt nutzte er die Gelegenheit und schaute noch schnell in Südfrankreich vorbei. Dort wollte er sich drei Wochen auf die Spuren von Christi Nachwuchs begeben.

Der Mythos, dass Jesus mit Maria (Magdalena) Kinder hatte, die samt Mutter nach seinem Tod nach Gallien – also Frankreich – in Sicherheit gebracht wurden und dort – angeblich mit dem wiederauferstandenen Jesus – ein Familiengeschlecht gründeten, deren Nachfolger noch heute leben, war mir damals neu. Und das als Ministrant! Ich muss die Geschichte auch nicht weiter ausführen, sie ist schließlich der Plot von Dan Browns Bestseller „Da Vinci Code“ (deutsch: „Sakrileg“) und dort samt aller Verschwörungstheorien nachzulesen. Ein echtes déjà vu, als ich das Buch erstmals in Händen hatte.

Solche netten Döntjes bekommt man in 10.000 Metern Höhe zu hören, wenn man Up in the Air ist und ein wenig Glück mit seinen Sitznachbarn hat. Manchmal sollte man sie ein wenig ernster nehmen. Wenn ich an Dan Brown und seine Auflagen denke…

Up in the Air


Die hilfreiche Schule des Feuerns

„Up in the air“ – der Film mit George Clooney ist für jeden Cineasten ein Muss. Für weibliche Cineasten vielleicht noch ein bisschen mehr. Schließlich darf George in der Rolle des Entlassungs-Experten Ryan Bingham diesmal die komplette Palette der Emotionen, von cool über verliebt bis zutiefst enttäuscht spielen (Zitat Originaldrehbuch: „He’s emotionally bleeding to death.“) Und diese Bandbreite an Emotionen spielt er wunderbar vielseitig und authentisch. Aber auch alle anderen Darsteller sind großartig. Was Cineasten noch interessieren dürfte: Die Kameraführung ist intelligent und sensibel, die Bilder wohltuend weit von allem Hollywood-Lack entfernt. Das Drehbuch ist wunderbar. Ein kleine Novelle ist hier ohne jedes Brimborium vielschichtig und respektvoll erzählt worden.

Aber „Up in the Air“ ist vor allem für alle Manager, vor allem in internationalen Firmen, ein noch größeres Muss als für Cineasten. Jeder, der Personalverantwortung hat und – in Zeiten wie diesen – Gefahr läuft, Entlassungen vornehmen zu müssen, bekommt von George Clooney (und Regisseur und Drehbuchautor Jason Reitmann) einen erstklassigen Fortgeschrittenenkurs, wie man solch heikle Gespräche führen sollte – und wie nicht. Wie wäre ich froh gewesen, hätte ich frühzeitig solch lebensnahe Nachhilfe in Sachen Kündigungsgespräch bekommen.

Mein Irrtum war in Frühzeiten meiner Berufskarriere, dass ich tatsächlich erwartet habe, ich dürfte Verständnis für die Entlassung vom Gekündigten erwarten, wenn ich die Kündigung nur gut begründe und Verständnis für die missliche Lage des künftigen Ex-Mitarbeiters formuliere. Was für eine krasse narzisstische Fehlleistung. Eine Kündigung, aus welch gutem Grund auch immer, ist stets eine absolute Kränkung, die dem Gekündigten jede mögliche emotionale Regung erlaubt, nur nicht einen Hauch Verständnis oder gar Sympathie für den Kündigenden.

Dessen Rolle ist der Bote der schlechten Nachricht, der Prellbock – und bestenfalls ein erster Helfer, eine neue Perspektive zu entwickeln. Zu beneiden sind alle die, die in diesem Gespräch schon die berechtigte Aussicht auf einen Job anderswo präsentieren können. Der Normalfall aber ist, dass man geballte Panik und Aggression in voller Breitseite abbekommt – und das einfach stoisch und fair aushalten muss. Die einzige erlaubte Emotion ist qualifiziertes Mitgefühl. Mitleid ist schon falsch, weil von oben herab. Und die Machthierarchie bei einem Entlassungsgespräch ist sowieso schon eklatant. Clooney: „Das ist die persönlichste Situation, die nur denkbar ist.“

Und das vermittelt der Film eindringlich. Die Bandbreite der Reaktionen auf die Kündigung ist zu erleben. Bis hin zum worst case. Das Drehbuch ist aber nicht nur in dieser Hinsicht ein Geniestreich. Die Dialoge sind extrem knapp, aber immer ganz nah an der Wirklichkeit real gesprochener Texte. Es gibt eine Menge absolut witziger Momente, köstliche Gags und schön absurde Szenen.

Non-Menschen an Non-Orten

Vor allem einen Effekt hat der Film. Man denkt nach über die zu oft zu wenig reflektierte Wirklichkeit der Business-Welt. Über die aberwitzig vielen Stunden, die man in schalem Airport-Ambiente verplempert hat. Die vielen Tage in einer seltsam plastfizierten Parallel-Welt, die man hinter der psychischen Milchglasscheibe von rot geränderten Augen, steter Übermüdung, Jet Lag und übersäuertem Magen nur noch sediert wahrnimmt. Ich erinnere mich an etliche Monate meines Lebens, die mir heute wie ein schlecht verdautes, andauerndes Alpdrücken vorkommen.

Der Philosoph Zygmunt Baumann nennt die so sorgfältig glattpolierte Parallelwelt der Flughäfen, Business- und Nobelhotels, der Lounges und Satelliten, der Terminals und Gates „Nicht-Orte“. Er definiert diese Non-Orte folgendermaßen: „Sie verbieten jeden Gedanken an ein ,Verweilen‘. (…) Jeder sollte sich dort ganz zu Hause fühlen, sich aber bitte nicht so benehmen.“ Und die Menschen, die dort zu viel Zeit verbringen, werden dort zu seltsam sinnentleerten „Non-Menschen“. Sie sind nicht ganz von dieser Welt. – Ich bin froh, von dort mittlerweile zurückgekehrt zu sein.

(Fortsetzung folgt)

Knacks im Zeitstrahl


Kasperl-Theater von The WHO

Es gibt diese wunderschöne Geschichte – wahr oder unwahr? – aus einem Altersheim in den USA. Die älteren Damen und Herren hören gebannt und besorgt einer Rede von Ronald Reagan zur Lage der Nation zu. Es wurde wohl gerade wieder ein Krieg als unabdingbar an die Nation verkauft. Die ernste Stimmung wird von zwei der Zuschauer krass gestört. Sie lachen lauthals und können sich gar nicht einkriegen. Die beiden alten Herren waren taub und beobachteten allein die beredte Mimik und Gestik des Schauspielers, der so eindrucksvoll den Präsidenten gab. Und die dargebotene Gestik kollidierte so sehr mit dem Ernst der Lage, dass die beiden Taubhörigen, die längst perfekt gelernt hatten, Gesten und Mimik zu lesen, das Ganze als Comedy oder Kabarettveranstaltung missverstanden.

Wäre eigentlich auch eine sehr lustige Vorstellung, unter Gehörlosen einer Rede von Angela Merkel – oder noch besser: von Guido „Ich-bin-so-bedeutend“ Westerwelle zu folgen. Das grenzt ja schon oft für Hörende an Realsatire. Aber Halt, kein Grund zur Häme! Ist doch wirklich schwierig, wenn man frei sprechen soll und all die Vorgaben der Pressestellen, der Rede-Coaches, die verschiedenen Politstrategien und die Erwartungen diverser Lobby-Gruppen gleichzeitig unter einen Hut bringen zu wollen/sollen. Das kann nur zu so leeren Gesten und Worthülsen führen, wie jeden Tag in den Nachrichten zu beobachten. Der kleinste gemeinsame Nenner war noch nie Gassenhauer.

Eine seltsame, technisch bedingte Spreizung von Gestik und Akustik war Montag früh um die 3:00 Uhr  als Kuriosum zu bestaunen. Halbzeitpause beim Super Bowl in Miami. The WHO spielten auf. Wie anders sollte man das holprige 12-minütige Best-of-Medley nennen. Dabei ähnelte das Ganze einem außer Rand und Band geratene Kasperle-Theater. Was dann als „Digitale Panne“ in der internationalen Übertragung des Super Bowl entschuldigt wurde, war das technische Erbe von „Nipplegate“, der kurzzeitigen Entblößung des getapten Busens von Janet Jackson. Seitdem werden die Bilder zeitversetzt übertragen, damit im schlimmsten Fall einer neuerlichen Entblößung die übertragende Fernsehanstalt noch zensierend eingreifen kann.

Keine Ahnung, welche Ängste die Fernsehveratwortlichen und amerikanischen Sauberkeitspolitiker bei The WHO plagten. Weder Roger Daltrey noch Pete Townsend sind je durch Entblößungen auf offener Bühne auffällig geworden, nicht einmal in ihrer wüsten frühen Phase in den 60-er Jahren. Und was sollten auch ältere Herren von 64 bzw. 65 Jahren auch entblößen wollen?

Wenn schon Panne, dann „Digital“

So kam das Bild des kurzen Liveauftrittes um ca. eine halbe Minute zeitversetzt an, der Ton aber leider nicht. Der kam in Echtzeit. So durfte man in reinster digitaler Qualität die noch immer beachtliche Stimme von Roger Daltrey und die nicht so gut erhaltene von Pete Townsend hören, bekam die Bilder, wie sich die Herren dabei angestrengt haben, aber erst später nachgeliefert. Es hat sowieso etwas muppet-show-eskes, wenn ältere Herren die exaltierten Posen junger, stürmischer und aufmüpfiger Tage nachahmen. Durch die digitale Kluft von 30 Sekunden wirkte das aber zusätzlich lächerlich. Immerhin ist Roger Daltrey nicht verkalkt. Er selbst war über die Darbietung wenig begeistert. Seine Klage: Keine Konzertatmosphäre … viel zu kurzes Medley etc.

Immerhin glaube ich seit dieser kuriosen „Digitalen Panne“ wieder an die Geschichte mit Ronald Reagan (s.o.). Wenn Gestik und Sound – zeitlich – so weit auseinander liegen, entsteht automatisch Komik. Dann wird die Zeitillusion, in der wir leben und die wir stets so erfolgreich verdrängen, plötzlich ganz bewusst. Wir sind in des Wortes Bedeutung „aus der Zeit gefallen“. Das Kontinuum des Zeitstrahls hat plötzlich einen Knacks bekommen.

Interessant aber auch die lapidare Entschuldigung für die Asynchronität. Man muss vor das unangenehme Wort „Panne“ nur ein „Digital“ voranstellen, schon scheint die Peinlichkeit der Situation entschärft. „Digital“ scheint inzwischen schon so weit diskreditiert zu sein, und es hat schon so oft für Pannen und Unzulänglichkeiten herhalten müssen, dass es ganz kompetent und glaubwürdig menschliches Versagen kaschieren kann. Digitalität ist schon sehr weit auf dem Weg zur ganz normalen Normalität vorangekommen…