Modernes Denken


Social Media als Selbstprostitution

Das Leben eines Professors ist nicht leicht. Die Studenten hören nicht zu. (Sie können sich nur noch 10 Minuten lang konzentrieren!) Die Öffentlichkeit will von Professoren der Medizinischen Psychologie gerade nicht viel wissen, jetzt sind die Wirtschaftswissenschaftler im Focus.

Aber Professor Ernst Pöppel ist ein Medienprofi. Er weiß, was zu tun ist, um Aufmerksamkeit zu ernten: Man gehe zu einem klassischen Printmedium und tue das, was sie zur Zeit am liebsten machen: Internet-Bashing, vorzugsweise Social Media-Bashing; oder aber ganz, ganz toll: Facebook-Bashing. Dazu braucht es nur ein paar übertourige Reizworte und eine atemberaubend steile These, und schon ist man endlich wieder in den Schlagzeilchen.

Und so liest sich dann das Ergebnis dieses waghalsigen Medien-Stunts, Zitat aus dem Faz.Net der Frankfurter Allgemeinen vom 11. Mai 2010: „Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen. Man öffnet sich nicht wirklich, will sich aber zeigen. Es ist gewissermaßen Selbstkommunikation – ein öffentliches Tagebuch, das nur so tut, als wäre es Kommunikation.“

Diese zwei Sätze muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – halt, falsches Bild bei einem Hirnforscher: durch die Ganglien rotieren lassen. Eine „Offenlegung von Intimitäten ohne Verpflichtung“, das ist laut Weltbild von Prof. Pöppel eine „Selbstprostitution“. Also ist jedes Gespräch, das über ein oberflächliches Geschwafel hinausgeht, schon eine Selbstprostitution. Jedes Gespräch mit einem Psychologen wie Prof. Pöppel: Selbstprostitution. Jedes Telefonat mit einem Freund oder einer Freundin: Selbstprostitution.

Mal kurz im Ernst: Was soll solche Häme? Und warum lässt man so etwas in einem Medium, das auf sich hält, überhaupt zu? Bei Facebook-Einträgen ist keinerlei „Geld“ oder auch sonstwelche Gratifikationen im Spiel, warum dann der Begriff „Prostitution“? Wie anders soll Kommunikation sinnvoll funktionieren, wenn nicht einer etwas von sich preis gibt? Das ist nicht Selbstprostitution, sondern simpel Anfang eines Diskurses zwischen Gleichen. Interessant, wenn man in Journalisten- oder Wissenschaftskreisen Kommunikation anders definiert. Als Selbstgespräche oder als Predigt ex Kathedra?

Beichte als Sünde

Weil wir gerade beim Thema sind: Besonders kurios wird die Bemerkung von Professor Pöppel, wenn ich an das für mich als Kind besonders schlimme, weil institutionalisierte „Offenlegen von Intimitäten“ denke: die Beichte in der Kirche. Das war immer Samstagabend, immer in Kollision zur Sportschau. Und statt Toren zuzujubeln musste man sich überlegen, wie viele Sünden zuzugeben – oder notfalls sogar zu erfinden – waren, damit die Beichte glaubwürdig erschien, und welche Sünden wegzulassen waren, damit es nicht zu peinlich wurde. Also hat man Flüche ersonnen, die man nicht getan hat, und dafür einige Maturbationserlebnisse weggelassen. Und dann hoffte man, dass der Beichtstuhl des gütigen Stadtpfarrers frei war, denn der hakte im Gegensatz zum jungen Kaplan beim 6. Gebot nicht nach und beließ es bei gnädigen fünf Vater Unsern (statt ewig dauernde Rosenkränze beten zu müssen).

Hätte schon damals Professor Pöppel so schlau daher geredet, dann wäre es leicht gewesen zu beichten. Denn die Beichte selbst wäre ja Selbstprostitution gewesen, nämlich „Offenlegen von Intimitäten“, und damit automatisch auch Sünde. Zugegeben mit Verpflichtung, nämlich etlichen Gebeten zur Buße.

Man muss Herrn Professor Pöppel nur ein wenig in seinen anderen öffentlichen Äußerungen verfolgen. Dann sieht man, wie sehr er bei aller Analyse des Netzwerkes des Gehirnes einem analogen, also linearen Denken verhaftet ist. In einem Interview mit Telepolis 1999 beschreibt er das Dilemma modernen Denkens folgendermaßen:

Schizoide Qualitäten

„Ich schalte sehr schnell zwischen verschiedenen Kontexten hin und her, konzentriere mich also drei Sekunden lang auf einen Sprachfetzen, drei Sekunden auf das Fernsehen, drei auf den Computer. Das kann ich endogen tatsächlich steuern. Aber der Effekt ist, daß es zu einer Art schizoidem Denken kommt, mit dem nichts mehr verbunden ist. Es gibt dann keine Nachhaltigkeit der Repräsentation mehr, keine Nachhaltigkeit der Informationsverarbeitung. In dieser Beziehung ist das Gehirn also sehr konservativ und wird sich dagegen wehren.“

Wenn man die Schriften wichtiger Hirnforscher verfolgt, dann ist es genau dieses unspezifische Denken, das Pöppel „schizoid“ nennt, was die Reizgehirne junger Menschen ausmacht. Der Unterschied ist, dass diese Hirnforscher dieses Denken nicht wie Pöppel diffamieren, sondern im Gegenteil als speziell neues, evolutionär weiter entwickeltes Denken ansehen. Es ist das Denken des digitalen Zeitalters. Schnell, parallel, non-linear, vernetzt.

Untersuchungen bei jungen Rezipienten zeigen, wie gut und schnell sie optische Reize zu verarbeiten vermögen – und wie schwer sie sich tun, lineare Texte zu verarbeiten. Das kann man aus der Sicht eines analog, logisch, linear funktionierenden Gehirns beklagen. Und zugegeben, es hat nicht nur Vorteile. Aber es ist das Gehirn, dass auf dem Weg ist, die Welt der Zukunft mit ihren sprunghaften Entwicklungen, mit ihrer Beschleunigung, mit den absehbaren Kaskaden an Konflikten und Krisen auszuhalten – und auch zu bewältigen.

Was Pöppel als schizoid abqualifiziert, ist wohl eher eine mentale Offenheit, die verschiedene Optionen gleichwertig nebeneinander zulässt, um damit dann eine kreative Lösung zu finden. (Kreativität kann man durchaus auch als schizoiden Prozess definieren.)

Denken für Umbruchzeiten

Viele unserer Krisen entstehen nicht zuletzt, weil mit einem alten Denken, weil mit alten Mustern (beispielsweise: Gier!) neue Technologien genutzt – oder besser: missbraucht werden. Viele Konflikte entwickeln sich so fulminant, weil versucht wird, sie mit alten Methoden in den Griff zu bekommen. Wir sind heute in einer Umbruchzeit. Eines Umbruchs unserer Welt, unserer Gesellschaften, unserer Systeme und vor allem: unseres Denkens. Dafür braucht es auch ein dafür passendes Tool, sprich Gehirn.

Ein Professor, der sich Hirnforscher nennt, sollte das zu allervorderst wissen. Vor allem, weil so viele seiner Kollegen diese Änderung des Denkens eher positiv konstatieren – und nicht diffamieren. Aber wie gesagt: für einen willkommenen Medien-Stunt sind solche feschen Sätze allemal gut. Man könnte so etwas aber auch, wenn man etwas übellaunig ist, durchaus als „Selbstprostitution“ bezeichnen.

Action in der Echokammer


Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient

Trends und Zeitgeist. Die Akzeptanz von neuen Ideen, neuen sozialen Ritualen , neuen Technologien ist immer auch ein Kampf um Begriffe. Mit griffigen, attraktiven Begriffen kann man neue Ideen wunderbar schmackhaft machen. Einer der besten Begriffe-Köche, der immer neue Termini aus dem Hut zauberte, war (und ist) Mathias Horx. Wieviele neue Trends hat er uns durch würzige Begriffe schmackhaft gemacht!

Nymphe Echo scheitert an Narcissus

Man kann mit perfide kreativer Wortwahl aber ebenso gut Neues sublim diskreditieren. Kein Problem. Auffällig in dem Zusammenhang ist die derzeitige Häufung des Begriffes „Echokammer“ – gerne auch in der angelsächsischen Version „Echo Chamber“. Damit werden nur allzu gerne die Social Media diskreditiert. Den Vorwurf, in den Social Media werde nur unter Seinesgleichen die eigene Meinung zementiert, formuliert im Blogbeitrag zum 15. Trendtag Thomas Huber (semanticon Unternehmensberatung): „Der explizit erklärte Zweck solcher Plattformen ist es, unter sich zu bleiben, die eigene Gruppe und ihre Überzeugung zu stärken und die eigene Sicht der Dinge nicht mehr zur Disposition zu stellen. Sie fungieren daher vor allem als Resonanzböden der jeweiligen Orientierung – der „Weltinnenraum des Kapitals“ zerfällt in unendlich viele kleine Echokammern. Man hört in dieser Abgeschiedenheit nur noch sich selbst, wie einst der bayerische Märchenkönig Ludwig II., der auf einem Floß im Königsee ganz versunken seinem eigenen Echo lauschte.“

Temperament gegen Teilzeit-Blockwarte

Huber sorgt sich angesichts der Fantalliarden von Echokammern um die Zukunft des kritischen Diskurses:  „Wie aber sollen künftig politische Diskurse in der bürgerlichen Öffentlichkeit organisiert werden, wenn einerseits die klassischen Medien mit Mut- und Fantasielosigkeit ihre Selbstzerstörung betreiben und zugleich andererseits der Trend zum social cocooning die politischen und sozialen Räume in wenige per RRS-Feed vernetzte Echokammern auf der eigenen Favoritenliste eingrenzt und eine (Re-) Flexion nicht mehr zulässt?“

Einwurf Eins: Jeder hat die Facebook-Gemeinde und den Twitter-Followermob, die er sich selbst gewählt hat. Härter formuliert: die er verdient. Wenn dann dort die Erfahrung gemacht wird, dass ein kritischer Dialog und jedwede Reflexion dort nicht funktionieren, dann sollte das zu denken geben. Ich würde an der Stelle diese Erfahrung erstens nicht verallgemeinern und dann – zweitens – schon gar nicht der Öffentlichkeit preis geben.

Natürlich finde ich es selten doof, wie schon erlebt, dass ein militanter Nichtraucher einen seiner Freunde aus Facebook verbannt, weil der raucht – und das auch in Zukunft auch weiter in Restaurants tun will. Aber wer hat mittlerweile immer noch nicht mitgekriegt, dass das Internet ganz wie das ganz normale Leben ist? Auch dort gibt es Teilzeit-Hausmeister, -Blockwarte, -Wichtigtuer und -Ideologen. Aber dagegen stehen so viel Witz, Engagement, Mut, Intelligenz, Temperament, Wärme und Liebe bis hin zur Euphorie, die das mehr als wettmachen.

Echo, die Schutzheilige der Re-Tweets

Einwurf Zwei: Die Echokammer als Beschreibung eines virtuellen Schmorens im eigenen Saft ist vom mythischen Bild her arg schief. Kurz zur Erinnerung: Die schöne Nymphe Echo scheitert tragisch in ihrem Versuch, den (selbstverliebten) Jüngling Narcissus zu bezirzen, weil ihr Hera die Sprache geraubt hat und ihr nur noch die Fähigkeit gelassen hat, die letzten Worte eines anderen zu wiederholen. Hera rächt sich damit an Echo, die ihr Geschichten erzählt hat, um so Heras Mann Zeus den Freiraum für amouröse Eskapaden zu geben. So gesehen ist die Nymphe Echo die Schutzheilige des intentionalen Storytellings – und aller Re-Tweeter.

Die Nymphe wird von Narzissus gar nicht wahrgenommen und verzweifelt darüber, zieht sich in eine Höhle zurück (Echokammer!) und verzehrt sich, bis sie nur noch Stimme ist. Gerade Narzissmus, der doch angeblich in Social Media so exzessiv gepflegt wird, nimmt das Echo gar nicht wahr…

Resonanzkörper voller Leben

Einwurf drei: Echokammer ist eigentlich ein Begriff aus der Tontechnik. Seit den 30er-Jahren, seit der Erfindung der Tonaufnahme, gibt es sie, um Musik mehr Volumen, mehr Hall und mal mehr Leben, mal mehr Melancholie zu geben. Die vielleicht berühmteste Echokammer gab es in den Abbey Studios, die später durch die Plattenaufnahmen der Beatles berühmt geworden sind. Die berühmteste Echokammer Deutschlands waren die riesigen Hallen der Hansa-Tonstudios. David Bowies Stimme in „Heroes“ etwa hat durch sie seine besondere Sounddramatik erhalten. Manchmal waren die Echokammern aber auch viel kleiner und profaner. Die Doors etwa nutzten ihr Klo als Echokammer.

So gesehen dreht es einem bei Thomas Hubers Bild von König Ludwig auf seinem Floß die Fußnägel auf. Er genau war nicht in einer Echokammer. Diese eben waren eher Resonanzböden, um Musik besondere Dimensionen zu geben und genau nicht, um Leere und Nichtigkeit zu erzeugen. Auch dann nicht, als Echokammern seit den 50er-Jahren elektronische Geräte waren (zunächst Tonbänder mit Endlos-Loop) und dann digitale Schaltkreise…

Social Media sind künftig die Medien

Einwand Vier: Ich stimme voll mit Rob Key überein, der in einem Artikel in iMEDIA forderte: We have to kill „Social Media“! Halt, keine Angst, Key ist nicht das US-Pendant zu Thomas Huber. Im Gegenteil. Er findet, es ist höchste Zeit, aufzuhören von „Social Media“ zu reden. Der Begriff tut, als wäre es irgendwas Besonderes, dass Menschen wie selbstverständlich miteinander im Internet kommunizieren, ganz ohne Anleitung von oben, außen oder sonstwo her. Zitat Rob Key: „We are rapidly moving to a post-social media world, where all media is social, and brands and businesses recognize its power to influence the entire enterprise.“

Kommunikation ist immer sozial. Medien sollten immer Kommunikation sein. Social Media wird DAS Medium sein. Ganz einfach – ohne Echo und jenseits aller Kammern…

Alexander Dubček


Zeitgeist 1987 – Besuch bei Alexander Dubček  

Es gibt (journalistische) Siege, die sind bei jeder Gelegenheit locker aus der Erinnerung abzurufen. Die Niederlagen dagegen fallen schnell dem Vergessen anheim. Und je länger sie her sind, desto gründlicher. Aber es gibt auch Niederlagen, die man nie vergisst – und die man im besten Fall gütig belächelt. Vor allem wenn man dabei so viel über seine eigene Paranoia lernt und etwas über die großen Helden der eigenen Jugend.  

Alexander Dubček

 

Zeitreise in den Frühling 1987. 18 Jahre ist es seit dem Prager Frühling her. Eine lange Zeit. Aber unvergessen sind die Bilder – und die Helden von damals. Allen voran Alexander Dubček. Mit seiner Ernennung zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei am 5. Januar 1968 begann der Prager Frühling. Mit dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Paktes und der Absetzung Dubčeks am 17. April 1969 endete die Hoffnung auf einen anderen, offenen, demokratischen Sozialismus.  

Jetzt 18 Jahre später war Gorbatschow seit gut zwei Jahren an der Macht und die Sowjetunion wandelte sich dank Glasnost und Perestroika. Der ideale Zeitpunkt, dachten wir in der Redaktion des WIENER in München, den großen Vordenker einer Öffnung des Sozialismus zu treffen und nach seiner Sicht zu fragen. Und wie das so ist in Redaktionen, wer solch grandiose Ideen hat, darf sie auch ausbaden.  

Gelbes Haus in Bratislava  

Eine ausgiebige Recherche unter den Exil-Tschechen in Deutschland ergibt eine sehr widersprüchliche Informationslage. Zum einen heißt es – Zitat aus meinem Artikel in der Juni-Ausgabe 1987 des WIENER: „Als einfacher Arbeiter soll Dubček in einer tristen Mietskaserne in Bratislava wohnen. (…) Stets überwacht und isoliert, sei er seelisch gebrochen, seit er nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes (…) nach Moskau zitiert und dort einer Gehirnwäsche unterzogen worden wäre.“  

Andere wiederum meinen, er sei in einem Haus in einem besseren Viertel auf dem Hügel über der Altstadt in einer Art Hausarrest weggesperrt. Das soll leicht zu finden sein, weil rund um die Uhr ein Auto der Polizei auffällig unauffällig davor Wache stehe. Und Journalisten, so hieß es auch, die Kontakt zu Dubček suchten, würden sofort festgenommen und des Landes verwiesen. Schöne Aussichten. Wunderbares Futter für meine bei Verwandtenbesuchen in Ost-Berlin von Kindesalter effektiv eingeimpfte Sozialismus-Paranoia (mit Stasi-Agenten überall).  

Die Realität war dann ernüchternd. Egal wie lange ich in dem Viertel herumkurvte, es gab kaum ein gelbes Haus (die meisten Häuser waren sozialistisch dunkelstaubgrau) und schon gar nicht eines, vor dem ein Polizeiauto oder behelfsweise ein ziviles Auto mit zwei Bewachern stand. Kapitulation und Rückfahrt ins Hotel, um eine weitere Runde der Telefonrecherche zu starten. Die Gemeinde der Exil-Tschechen war extrem freundlich und hilfsbereit. Dann schließlich spät nachts ein neuer Hinweis: Dubček wohnt in der Mišikova Ulice in der Mitte der Straße.  

Keine Stadtpläne  

Heute reicht ein Blick in Google Maps um die Straße zu finden, in Bratislava damals dagegen war das ein Problem. Es gab schlicht keine Stadtpläne zu kaufen. Nach langem Suchen fand ich dann wenigstens einen uralten Plan in einem uralten Touristenaushang in einer Vitrine und konnte die Straße finden. Anhand einer selbst gemalten Skizze versuchte ich, sie für mich selbst auffindbar machen. Nach langen Irrfahrten fand ich die verwinkelt angelegte Straße tatsächlich. Aber kein gelbes Haus und kein Polizeiauto gaben irgendeinen Hinweis, wo Dubcek zu finden sei.  

Paranoia hin oder her, jetzt heißt es, sich durchzufragen. Nach einigem erfolglosen Klingelputzen findet sich dann irgendwann doch ein Tscheche mit genügend Deutschkenntnissen und der Zivilcourage, mir den entscheidenden Tipp zu geben. Es ist das Haus Nr. 31, eine große, graue Villa mit rotem Balkon, weitem Garten und einer mannshohen Mauer ringsum.  

Originaltext meiner Reportage im WIENER damals: „Einmal kurz geklingelt. Ein kleiner, weißer Spitz, der es sich auf den Gartenstufen bequem gemacht hatte, sticht wie von der Tarantel gestochen hoch und bellt sich die Seele aus dem Leib. Nicht lange. Dann öffnet sich die Haustür, und Herrchen ruft ihn zur Räson. – Herrchen, das ist unverkennbar Alexander Dubček. Nicht der hagere, steife, langnasige, bürokratenmäßige Dubček, wie ihn die Geschichtsbücher überliefern, sondern ein gemütlicher, weißhaariger, wohlgenährter, netter alter Herr in Strickweste.  

Massive Freundlichkeit und Verbindlichkeit  

Dubček kommt die Gartentreppe herunter, öffnet und strahlt vor Verbindlichkeit. Ich stelle mich vor, schildere ihm mein Anliegen: Jetzt, wo allenthalben in Moskau von Demokratisierung die Rede ist, da müsste er doch, da könnte er doch nach 18 Jahren endlich sein Schweigen brechen… – Dubček schüttelt leise den Kopf. – Sogar Gorbatschow, den Jiři Hašek einen „Dubček in Moskau“ nennt, wolle angeblich mit ihm reden.  

„No interview.“, unterbricht mich Dubček und lächelt unvermindert freundlich – Warum nicht? Wo sein Gedankengut doch jetzt in Russland Wirklichkeit zu werden scheint. Dazu müsste doch er, Gorbis großer Bruder etwas sagen, etwas zu sagen haben. – Situation und mein Monolog scheinen Dubček zu gefallen. Mit „No chance.“ kappt Dubček meine Suada, lacht mich noch eine Spur liebenswerter an, greift meine Hand und drückt sie. Ein warmer, fleischiger Händedruck. Mit „Excuse me!“ und „You must understand!“ verabschiedet er sich. An der Haustür winkt er noch einmal freundlich zurück.“  

Rehabilitierung und Tod  

Was für ein Frust. Was für eine Niederlage! Chefredakteur Wolfgang Maier ist nicht erbaut, aber nimmt es sportlich. Immerhin ist die Geschichte der Story spannend genug, in zwei Spalten im bezeichnenderweise „Zentralorgan“ genannten Glossenteil verewigt zu werden.  

Eineinhalb Jahre nach meinem Besuch wurde Alexander Dubček auf Betreiben der Kommunistischen Partei Italiens die Ehrendoktorwürde der Universität Bologna verliehen. Im letzten Moment stimmten die Behörden seiner Ausreise zu. Seine Dankesrede war nett und harmlos. Es war Dubčeks erste offizielle Äußerung nach seiner Absetzung.  

1989 wurde Dubček dann offiziell rehabilitiert und am 28. Dezember 1989 sogar zum Parlamentspräsidenten des Tschechischen Parlaments gewählt. – Am 1. September 1992 starb Dubček an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls. Gerüchte, der Unfall sei von seinen Feinden initiiert worden, ließen sich nicht erhärten.