Armeen der Beschleunigung


Unmittelbarkeit und Real Time als Machtmittel

Microblogging-Medien wie Twitter haben Real-Time zur Selbstverständlichkeit gemacht. Auch wenn die Zuwachszahlen schwächer werden, Real-Time, zu deutsch „Unmittelbarkeit“, gehört die Zukunft. Ein schlüssiger Beleg dafür findet sich in dem wunderbar bereichernden Buch „Liquid Modernity“ (schlecht ins Deutsche übersetzt als „Flüchtige Moderne“ – edition suhrkamp): „Heute herrschen diejenigen, die schneller handeln und sich schneller bewegen, die der Momenthaftigkeit der Bewegungen am nächsten kommen. Beherrscht werden hingegen jene, die sich nicht mit der gleichen Geschwindigkeit bewegen können, und noch deutlicher trifft es jene, die ihren Platz nicht verlassen wollen oder ihn nicht verlassen können.

Gegenwarts-Kanarie

Herrschaft besteht in der eigenen Fähigkeit, zu verschwinden, sich zu entziehen, „Woanders zu sein“ und das Recht zu haben, über die Geschwindigkeit zu entscheiden, mit der all das passiert – während man zur gleichen Zeit den Menschen auf der anderen, der beherrschten Seite die Möglichkeit nimmt, ihre Bewegungen anzuhalten oder zu verlangsamen. Der heutige Kampf um die Herrschaft wird ausgetragen zwischen den Armeen der Beschleunigung und der Verzögerung.“

Unmittelbarkeit, Real-Time als Machtmittel, Twitter als Armee der Beschleunigung. Und zugleich ist es ein neues Freiheitsversprechen. Die extreme Verankerung in der Gegenwart, in der Momentarität, schafft Luft und Abstand sowohl zur Vergangenheit („Gott sei Dank, vorbei!“) und der immer unsicheren Zukunft. So wird Unmittelbarkeit als Lifestyle-Attitüde sozusagen das Zeitäquivalent zur heute so hoch verehrten – und hoch wirksamen – Authentizität.

Disruptiv & chaotisch


Sicherheitsbedürfnis als Reichtums-Imperialismus

Die Klage ist allgegenwärtig. Die Zeiten sind härter geworden. Abrupte Änderungen geschehen innerhalb kürzester Zeit ohne große Vorwarnzeiten. Die Risiken steigen. Und nicht jedes Problem ist auch gleich eine Chance. Wie sollen auch Menschen oder Unternehmen mit massiven Problemen noch einen unbeschwerten Blick auf neue Chancen haben? Sie tunneln, unweigerlich.

Von außen sieht das meistens absurd und eigentümlich dumm aus. Aber wer sich jemals darauf eingelassen hat, seine eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten von anderen zeigen zu lassen – oder dabei war, wie das anderen passiert ist – der weiß, wie schwer es ist, seinen eigenen blinden Fleck zu sehen oder ihn gar zu akzeptieren. Er ist ja deshalb blind, weil es so weh täte, genau diese Schwäche unbarmherzig anzusehen.

Und in unserer schnellen, komplexen Welt haben wir nicht nur einen blinden Fleck, sondern ganze blinde Systeme. Und der verbreitetste blinde Fleck aller derer, die sich die alte – vermeintliche? – Sicherheit und Risikoarmut wieder herbei sehnen, ist der dahinter verborgene (weiße) Wirtschaftskolonialismus.

Die heutigen Unsicherheiten, Umbrüche und Risiken sind der eigentlich extrem erfreulichen Tatsache geschuldet, dass in den letzten Jahrzehnten Millionen und Abermillionen Menschen – vor allem in Asien (China, Indien, Tigerstaaten), aber sogar auch in Afrika – der schlimmsten Armut entkommen und sogar einen relativen Wohlstand erreichen konnten. Eindrucksvoll und visuell greifbar ist das in den historischen Wohlstands- und Gesundheitsgraphen von Gapminder umgesetzt.

Diese Wohlstandszuwächse (verbunden mit Gesundheitszuwachs = geringerer Sterblichkeitsrate = Bevölkerungszuwachs) belasten massiv unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme, machen sie volatiler, sprunghafter und chaotisch. Sie sind in Unruhe, also auch turbulenter und schwerer beherrschbar (vielleicht sogar unbeherrschbar).

Aber das will keiner hören, keiner sehen. Denn das wäre eine Bankrotterklärung unserer Gesellschaftsselbsttäuschung. Etwa dass Politik ein Prozess des Machbaren ist, dass Wirtschaft gestalten kann und wir kein machtloses Rädchen sind. Dabei ist genau das die große gesellschaftliche Aufgabe, die große gesellschaftliche Chance zu einer Überwindung alter Dichotomien von Links und Rechts, von Oben und Unten, von Kapitalismus und Sozialismus – you name it…

Flache Hierarchien


Mehr Unsicherheit und breitere Armut

Das Internet baut Informations- und Macht-Hierarchien ab und damit viele, alte Vertriebs- und Rendite-Strukturen.

Bildlich kann man sich die verschiedenen Hierarchie-Typen gut als Pyramide vorstellen. Einst waren sie hoch und steil. Es gab verschiedene, klar unterscheidbare Schichten.

Werden die Hierarchien flach, wird diese Pyramide von oben her in die Breite gestaucht. Das sieht auf den ersten Blick sehr schön aus. Die Distanz zwischen Oben und Unten wird deutlich geringer, die verschiedenen Schichten dazwischen verschwimmen und lösen sich auf. Das alles wird durchlässiger.

Das Bild kann man aber auch anders sehen. Die unterste Basis wird in die Breite gedrückt. Das heißt, der untere Rand der Gesellschaft wird größer. Und die massive einstige Mittelschicht wird nach unten und in die Breite gestaucht. Schon in diesem Bild sieht man die Auflösung der Mittelschicht.

Und da der Abstand zwischen Oben und Unten kleiner geworden ist, wird auch die Angst derer oben, nach unten durchgereicht zu werden, größer.

Aus diesem Bild sieht man sehr gut die Chancen und Probleme der digitalen Gesellschaft. Es wird alles durchlässiger, und die Chancen werden größer (oder breiter), aber zugleich schwindet die Mittelschicht und die Risiken werden größer.

Unsere Gesellschaften haben sich aus steil hierarchischen Systemen entwickelt. Die Umstellung auf flache, breite Hierarchien ist schwierig, risikoreich und oft unangenehm. Kein Wunder, dass die (Phantom-?)Schmerzen so verbreitet sind und die Widerstände vor allem derer, die viel zu verlieren haben, so massiv sind.

Das wird uns noch bis in die Zeit begleiten, in der die Digitalität Normalität und Selbstverständlichkeit ist. Also die nächsten fünf bis zehn Jahre.