Die Liebe zum Fisch


Die Beschränktheit der Sterneköche 

Ich esse gern, ich koche gern. Sieht man mir teilweise auch an. An meinen entspannten Gesichtszügen natürlich, weniger an meinen überflüssigen Pfunden. Als Genuss-Koch gehe ich auch gerne essen, um neue Anregungen zu bekommen, neue Geschmackserlebnisse zu machen – und natürlich auch aus Genussfreude. Gerne bin ich daher immer in Sterne-Restaurants gegangen. Wohlgemerkt, das gehört der Vergangenheit an. Zum einen überrascht nur noch sehr selten eine wirklich bahnbrechende Kreation. Vor allem aber haben mir die Mit-Gäste in den Edel-Restaurants den Spaß verdorben. Die Attitüde der meisten Gourmets ist einfach fürchterlich. 

"Ma" in Berlin

Entweder sind sie sowieso nur da, um anzugeben. Vor jungen Damen, jungen Kollegen, Businesspartnern etc. Oder sie dokumentieren ihre Wichtigkeit, ihr Bankkonto und ihr Ego. Das führt dann gerne mal dazu, dass man kaum selbst zu einem vernünftigen Gespräch kommt, weil nebenan laut Unwichtigkeiten dröhnend laut erzählt werden. Mögen Sie auch die Menschen, die Geschichten ohne Pointe erzählen, aber immer im Tonfall, als käme eine? Und das Fürchterliche ist, dass man bei solch intelligenzfreien Reden nicht so wirklich weghören kann. Das ist ähnlich wie man auch kaum seinen Blick von einem wirklich häßlichen Menschen wenden kann. 

Der zweite Grund, der mich aus den Gourmet-Tempeln vertrieben hat, ist die Verwöhnung meines Gaumens mit guten Grundzutaten, seit ich so viel mehr Zeit in Italien verbringe. Gute Dinge, einfach und gekonnt zubereitet, schmecken immer um Längen besser als hochexaltierte Kochrituale. Auf den populistischen Nenner gebracht: Italien schlägt Frankreich um Längen. 

Und ich entdecke immer öfter junge Restaurants, die genau diesen Weg gehen. Nicht hoch kandidelter Unsinn wird gebastelt, sondern beste Zutaten werden gekonnt zubereitet. Zwei Beispiele von vielen: Die „Bar Corso“ in München oder das „Heinrich“ in Berlin. Und das Schönste ist, dort ist auch das Publikum viel netter – und der Geldbeutel bleibt auch noch (etwas) geschont. 

Gewürz-Tiraden im TV 

Von solchen Entwicklungen bekommt man in den Massen von Kochshows im deutschen Fernsehen leider gar nichts mit. Dort wird auch mal schnell dahin gesagt, dass man gute Zutaten nehmen sollte oder Bio angesagt ist. Aber kompetent vertiefen will – und kann – das keiner. Wenn man einmal erlebt hat, wie ein extraordinäres Fleisch, wie nicht-industrielles Gemüse ohne alles Gewürzdoping schmecken kann, weil es selbst so viel Geschmack trägt, weil etwa die Tiere würziges Gras zu fressen hatten (und nicht Silage oder Schlimmeres), für den sind Schuhbecks Gewürz-Tiraden nur gequirlter Unsinn, wenn nichts Schlimmeres. 

Wer einmal wirklich eine Alternative zu dem Koch-Gedöhns und Koch-Geschwafel hierzulande erleben will, dem seien Dan Barber und seine Vorträge bei TED ans Herz gelegt. Einmal geht es um Foie Gras, die Entenstopfleber, aus der Barber in 20 Minuten eine Tierfabel aus der realen Welt entwickelt, die einem den Mund wahlweise wässert und/oder offen stehen lässt. Hier ist eben Thema, dass Fleisch längst vor der Zubereitung, nämlich bei der Aufzucht perfekt gewürzt werden kann, in bester Erlebnis-Rhetorik behandelt. 

Noch beeindruckender ist seine Parabel von dem Fisch, den er zu lieben lernte. Hier wird eine real gewordene Utopie einer Lebensmittelproduktion in sämtlichen Details erzählt, die alle Paradigmen der Nahrungsmittelindustrie auf den Kopf stellt. An dem Beispiel einer außergewöhnlichen Fischfarm in Spanien wird gezeigt, wie Nahrungsmittelproduktion in Zukunft aussehen sollte. In diesem Fall ist Naturförderung, nicht mehr Naturverträglichkeit das Ziel. Qualität steht vor Quantität. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist dann nur noch eine unzulässige Untertreibung. Dan Barber erledigt im Vorbeigehen auch noch all das ideologische Blendwerk, das die Nahrungsmittelindustrie in Sachen Welternährung verbreitet. Das Ergebnis: ein Fisch, der selbst bei Zubereitung durch einen mittelbegabten Koch gut schmeckt. 

Der andere Sternekoch 

Die Pointe an dieser Geschichte ist, dass Dan Barber ein Sternekoch ist. Nicht hierzulande, sondern in den USA, im Einzugsbereich von New York. Und seine Erzählweise ähnelt der Zubereitung eines Gourmet-Menüs: nur erstklassige Zutaten, sorgsam zubereitet, mit viel Liebe zum Detail, aber auch dem Blick für das große Ganze. Perfekt gewürzt (mit guten Scherzen) und getragen von einer grandiosen Begeisterung für das Thema Essen und dessen Verträglichkeit mit der Natur. In meinen Worten: Euphorie at it’s best! 

Liebe TV-Verantwortlichen. Alle Lafers, Polettos, Kleebergs und Herrmanns dieser Welt in Ehren. Aber warum muss kochen immer nur Show sein? Warum kann man nicht eine Kochsendung machen, die einem kochen, essen – und vor allem bewusst einkaufen und zubereiten – mit Begeisterung nahe bringt? Im europäischen Umfeld kommt da Jamie Oliver noch am nächsten. In Deutschland gibt es das leider nicht. Tim Mälzer ist dafür einfach zu sehr Proll. 

Das Problem nämlich ist, dass man sich, wenn man wirklich gutes Essen propagieren will, unweigerlich mit der Nahrungsmittelindustrie anlegen muss. Und das wird kein Sternekoch je tun. Dazu ist er viel zu sehr im Wertemuster der Food-Industrie zementiert. Sie können – in des Wortes Bedeutung – nicht über den Tellerrand hinausschauen. 

Der einzige Koch, dem ich so etwas in Deutschland zutrauen würde, ist Tim Raue in Berlin. Das war das einzige Mal, wo ich Sterneküche wirklich inspirierend und lehrreich empfand. im „Ma“ in Berlin habe ich neue Gemüse, neue Geschmackserlebnisse und neue Zubereitungsweisen auf voll mundende Art erlebt. Unter anderem den besten Kabeljau meines Lebens.

Die neuen Gut-Menschen


Facebook –  alles viel zu nett hier?

Ein Blick auf die Riege meiner Freunde auf Facebook. Alles so nette Leute! Kein Wunder, sind ja meine Freunde! Aber im Ernst, so weit man rum kuckt, was immer man liest, alles ist nett, interessant und oft genug überraschend und anregend. (Na ja, fast alles – ich mag Farmville & Co. nicht.) Ich werde den Eindruck nicht los, dass Facebook ein Tool ist, das auf eine ganz kuriose Weise die eher angenehmere Art jedes Menschen zum Vorschein bringt. Es macht nicht bessere Menschen aus uns, aber – mal mutig formuliert – es bringt unsere gute Seite zum Klingen.

Wer kennt das nicht? Eine der eher früheren Erfahrungen in meinem Leben war, wie sehr sich Freunde mit wechselnden Partnern ganz verschieden entwickelten. Mit der einen Freundin waren sie arrogante Dödel, mit der anderen fiese Möppe – und dann plötzlich erlebten sie eine Bekehrung auf ihre beste Seite – mit einer anderen Flamme an der Seite. (Nicht alle sind dann bei der geblieben, komisch!) Es gibt einfach Menschen, die bringen einen dazu, auf der Bandbreite menschlicher Qualitäten, die einem mit in die Wiege gelegt worden sind oder später mühsam dazu erworben sind, die Juwelen, Kristalle und Gemmen zu zeigen, und nicht die dunklen Brocken, das Kryptonit oder andere Giftstoffe.

Und jetzt gibt es eben eine Plattform im Internet, die Ähnliches schafft. – „Ja, ja!“, winken die Facebook- und Web 2.0-Miesepeter da sicher gleich ab. „Alles Heuchelei, alles nur Fassade! Denn wer will denn vor aller Welt seine dunklen Seiten ins Schaufenster stellen.“ Und dann geht es mit den üblichen Vorurteilen und Bedenken weiter: Wenn man dort was Falsches postet, dann begleitet einen das sein ganzes Leben. Arbeitgeber haben nichts Besseres zu tun, als  gnadenlos so lange im Netz zu recherchieren, bis irgendein belastendes Foto zu finden ist. Das falsche YouTube-Video oder die falsche Mucke empfohlen und schon entlarvt man sich psychologisch als labil oder geschmackstechnisch als untalentiert.

Facebook = Digitale Bigotterie?

Ich liebe solch Kritik und Skepsis von Menschen (not!), die kaum selbst mal richtig in die Sozialen Netze reingeschmeckt haben, ganz zu schweigen, dass sie sich ernsthaft darauf eingelassen und vielleicht sogar so etwas wie digitale Euphorie zugelassen haben. Die wollen vielleicht einfach nicht, dass Facebook ihre guten, schönen, sympathischen, netten Seiten betont. Schränkt ja auch sehr ein, zugegeben. Ich jedenfalls finde es eine echte Befreiung, meine positive Seite zu zelebrieren.

Das alles hat mit Heuchelei oder digitaler Bigotterie nichts zu tun. Ein faszinierendes Phänomen ist, dass Netzwerke automatisch dazu neigen, gute Stimmung zu verbreiten. Während es in analogem Ambiente wie S-Bahnen, Warteräumen, Büros oder Kneipen durchaus gelingen kann, eine ganze Fahrt, einen ganzen Tag oder einen ganzen Abend lang nur zu mosern, zu klagen und schlechte Stimmung zu verbreiten, funktioniert das in Netzwerken so gar nicht. Stimmungsmuffel und Miesepeter haben hier auf die Dauer keine Chance. Sie vereinsamen schnell. (Hide-Button sei dank!)

Gerade Facebook ist eigentlich eine einzige große Überraschungs-, Wunder- und Lernmaschine. Dort (und natürlich auch bei Twitter) werden die außergewöhnlichen Momente mit den Freunden geteilt. Fotos, Videos, Links, Ideen, Aphorismen und Sinnsprüche. In den besten Fällen entwickeln Facebook-Poster eine ihnen eigene Poesie in ihren Texten und Fotos. Andere setzen witzige Akzente, wieder andere sind echt euphoriebegabt. In langen Kommentarketten entstehen im besten Fall regelrechte Satire-Perlen – oder auf der ernsten Seite echt hilfreiche Initiativen. Wenn das eine Vorahnung davon ist, wie eine künftige Kultur und der Umgangston der Digital Natives aussehen könnte. Wunderbar.

Die wundersame Welt der Digitalität

Eine andere Sorge formuliert aktuell der Elektrische Reporter im ZDF. In seiner Folge über Digitale Identität wird sich um das Wohlbefinden des hybriden Menschen in sozialen Netzwerken gesorgt. Welche Aspekte seiner vielen Seiten soll ein moderner Mensch aus seiner widersprüchlichen Mixtur von gesellschaftlichen Rollen auf Facebook zeigen? Eine kuriose Sorge. Es macht gerade den besonderen Charme einer Facebook-Identität aus, wenn diese vielschichtig und speziell ist, gerne auch widersprüchlich. Welch ein Irrtum, wenn man Authentizität mit einem monolithischen, vermeintlich klaren Persönlichkeitsbild verwechselt. Oder was für eine kuriose Sorge, dass bei Facebook die „Trennwände zwischen unseren Identitäten“ einstürzen.

Abgesehen davon, dass hier Rollen mit Identitäten verwechselt werden, wird hier überholtes und seit je nur künstliches ein Menschen- und Identitätsbild gezeichnet, wie es die Werbebranche seit Jahrzehnten als Karikatur der Wirklichkeit entwickelt hat. Der vielbesungene Gourmet, der auch mal zu McDonald geht. Das Fashion-Victim, das auch mal bei H&M einkauft. Das waren künstliche Pappkameraden, die – durchaus erfolgreich – an die werbende Industrie verkauft wurden. Aber das korrelierte nie so recht mit den Erkenntnissen aus der aktuellen Psychologie, Sozio-Psychologie oder mit modernen Identitäts-Theorien. Und das charakterisierte wohlgemerkt Menschen in analogen Zeiten und Welten.

Wie das einmal – und diese Zeit kann schon sehr bald losgehen – in einer digitalen Welt aussehen wird, das kann man heute nur in Ansätzen erahnen. Keine Angst, es wird nicht übermäßig cyberhaft aussehen. Das gerade lassen Facebook und Twitter heute schon erahnen. Da herrscht keine TRON-hafte Kälte und keine Cyberpunk-Düsternis, sondern eher erfrischende Offenheit, Konstruktivität und kraftvolle Kreativität. Immerhin erkennt auch der Elektrische Reporter, dass widersprüchliche Menschen nicht mehr in ihrer Widersprüchlichkeit auffallen, wenn jedermann widersprüchlich ist, weil wir nun mal alle widersprüchlich sind – und vielschichtig.

Und das ist der Reichtum, den Facebook zu Tage bringt – und dessen Schätze er täglich schürft. Aus uns – für uns.

Die Leichtigkeit des Tuns


Sprezzatura statt Maloche

Italien ist nicht nur das Land, wo Zitronen und Pomeranzen blühen. Es ist das Land, in dem der Stil die vielleicht wichtigste Komponente ist. Wichtig ist für den Italiener, wie etwas nach außen wirkt. Es muss gut aussehen, vor allem aber unangestrengt rüberkommen. Dafür hat der italienische Höfling und Schriftsteller Baldassare Castiglione zur Hochzeit der Renaissance im 16. Jahrhundert in seinem Meisterwerk „Il libro del Cortegiano – das Buch des Höflings“ einen speziellen Begriff geprägt: Sprezzatura.

Baldassare Castiglione

Der Terminus ist eine kecke Umkehrung eines eigentlich negativen Wortes „Verachtung“ ins Positive. (Danke dafür an das Sprachlabor der SZ.) Es beschreibt eine besondere Leichtigkeit des Tuns, eine Arbeit ohne Anstrengung, dafür mit Eleganz, Elan und Grazie. Also alles Eigenschaften, die Italienern sehr wichtig sind. – Man sehe nur einem wirklich guten italienischen Kellner zu und dann versteht man sehr gut, was Sprezzatura meint. (Wenn man diese Leistung nicht achtet, erlebt man sehr schnell die ursprüngliche Bedeutung des Wortes sprezzare = verachten!)

Der Begriff erlebt zur Zeit vor allem im englischsprachigen Bereich eine echte Renaissance. Er ziert Firmennamen (aus der IT-Branche!) und findet sogar im Marketing seine Verwendung. Selbst Marketing-Guru Seth Godin begeistert sich für den Begriff und stellt ihn als Beschreibung für einen vorbildlichen Stil, vor allem von Dienstleistern. Je lockerer und selbstverständlicher sie rüberkommen, dabei aber zugleich dynamisch und authentisch, desto erfolgreicher sind sie. Erfolgreich, weil das ein Unterscheidungsmerkmal ist – weil das so nur einige hinbekommen, erfolgreich aber auch, weil solch einem Service zuzuschauen Spaß macht – und nie ein schlechtes Gewissen.

Als negative Alternative zu Sprezzatura setzt Godin das Malocher-Image. Tennisspieler, die beim Ballwechsel stöhnen, oder Dienstleister, die einem unablässig erklären, wie schwer sie ees haben. Ich habe vor Jahren meinen Zahnarzt gewechselt, der zwar beste Arbeit geleistet hat, aber die langen Momente, in denen mein Mund aufgesperrt und mit Watte ausgepolstert war, dafür missbraucht hatte, mir seine Leid und sein schweres Dasein zu klagen. (Die Praxis lag wohlgemerkt in der Münchner Maximilianstraße!) Mein Freund Pius, der jetzt das Unvergnügen hat, meine Zahnarzt-Dysphorie zu ertragen, hat dafür echte Sprezzatura. (Weiß er bloß – noch – nicht.) Der erzählt nur über schöne und nette Dinge.

Jenseits von cool und stylish

Der Begriff Sprezzatura hat echte Zukunftschancen. Das Wort „cool“ ist abgenutzt und zu vielseitig missbraucht. Worte wie „elegant“ oder „galant“ wirken eigenartig antiquiert ohne wirklich Retro-Charme zu haben. „Stylisch“ ist heute fast schon ein Synonym zu billig und cheesy. Also bedienen wir uns doch lieber eines italienischen Begriffs. Er spricht sich frisch (mit leichtem Pellegrino-/Prosecco-Effekt), er ist unverbraucht und hat spürbaren Trend-Appeal.

Abzuwarten ist, wie sehr sich der Begriff auch für ein neues, klares, aber nicht so Apple-iPod-kaltes Design durchsetzen können wird. Hier ist schon seit langem ein Suchen nach einem Begriff zu beobachten, der jenseits von cool, simplistisch oder reduziert den Widerspruch von klaren Linien und dennoch spürbarer Emotionalität auflöst.

Dasselbe Dilemma haben auch Marken, die den Bogen zwischen Stil und der Begabung, Menschen wirksam dienen zu können, wirksam spannen möchten. Denn nur Dienstleister, von denen man nicht das Gefühl hat, dass sie demnächst einem Helfer-Syndrom anheim fallen werden, werden in Zukunft eine Chance haben. Ihnen ist eine gute Dosis „Sprezzatura“ dringendst zu empfehlen. Fachberatung dafür gibt jeder Chefkellner beim Qualitäts-Italiener der Stadt sicher gerne. Oder fragen Sie mich…

Bullshit / Unendlichkeit / Dummheit


Über die Dummheit

Meine Erinnerung an Robert Musil machte mich auf ein kleines Pamphlet aus seiner Feder aufmerksam: „Über die Dummheit“ (Alexander Verlag Berlin). Ein Abdruck einer Rede, die Robert Musil 1937 (!) vor dem Österreichischen Werkbund gehalten hat. Es ist die Ausformulierung seines 1931 formulierten köstlichen Bonmots: „Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.“

Das Büchlein, gerade mal 63 knappe, in großen Lettern gedruckte Seiten dick, liest sich teilweise amüsant – und hält einige Perlen bereit. Etwa die Schilderung einer damals wohl bekannten Dame, deren Beschränktheit Musil so beschreibt: „Sie spricht viel von sich, und sie spricht überhaupt viel. Sie urteilt sehr bestimmt und über alles. Sie ist eitel und unbescheiden. Sie belehrt uns oft. “ Es muss der Zeitgeist sein, der mir bei dieser Beschreibung das Bild eines Mannes mit gelben Haaren vor Augen brachte.

Das Gefühl von Unendlichkeit

Und hier fällt mir spontan mein Lieblingszitat von Ödön von Horvath ein: „Nichts vermittelt einem so sehr das Gefühl von Unendlichkeit, wie die Dummheit.“ Eine Beobachtung, die Horvath mit Albert Einstein teilt. Dessen Seufzen über menschliche Denkdefizite klingt ähnlich: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit; aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Das Schlimme an der Dummheit des 21. Jahrhunderts ist, dass die Dummheit immer lauter wird. Da keiner mehr als dumm gelten will (siehe Musil weiter oben), wird alles dafür getan, nicht dumm zu wirken. Lautstärke scheint da immer ein geeignetes Mittel zu sein. Dummerweise fällt Dummheit um so mehr auf, je lauter sie daher kommt. Und auch der Versuch, dann wenigstens die Rolle eines weniger Dummen spielen zu wollen (siehe hierzu „Darsteller der Wirklichkeit“), funktioniert sehr selten. Eine falsche Geste, ein falscher Mucks, und schon platzt der Ballon der Mimikry .

Notorische Dummheit

Mein Plädoyer geht bei diesem Thema aber in eine andere Richtung. So wie wir gelernt haben, dass es nicht die Intelligenz, sondern eine riesige Bandbreite davon gibt: emotionale Intelligenz, soziale Intelligenz, mathematische, geometrische, memnotische und was es sonst noch alles gibt – so sollten wir auch bei der Dummheit solch kluge Kategorisierungen vornehmen. Soziale, finanzpolitische, politische, strategische, notorische, emotionale Dummheit etc. – Und da kommen wir ganz schnell im Bereich der menschlichen Unreife an. Genauer gesagt, zu meinem Lieblingsthema Narzissmus.

Diese in pubertären Zeiten absolut sinnvolle, später aber für die (Um-)Welt eher schmerzhafte Persönlichkeitsstörung ist für mich heute der Ursprung der allerschlimmsten Dummheiten. Der Allmachtsgedanke des Narzissten schaltet von vornherein allen Zweifel und alle Reflexion aus. Beste Voraussetzungen für Dummheit jeden Kalibers. – Am häufigsten findet man das dort, wo Narzissmus berufsbedingt vorkommt, wo Macht per se das vorrangige Berufsziel ist. Im Top-Management und vor allem in der Politik. Dort lässt man sich ja hinwählen, weil man berufsmäßig immer recht hat.

About bullshitting

Wer dieses Thema vertiefen mag, dem sei folgende kleine Perle geschliffenen Philosophie-Unsinns empfohlen: „On Bullshit“ (Princeton University Press) von Harry G. Frankfurt, einem emeritierten Philosophie-Professor der Princeton University. Seine Analyse des Bullshitting bei Politikern ist sehr präzise: „Bullshit is unavoidable whenever circumstances require someone to talk without knowing what he is talking about. Thus the production of bullshit is stimulated whenever a person’s obligations or opportunities to speak about some topic exceed his knowledge of the facts that are relevant to that topic. This discrepancy is common in public life…“

Professor Frankfurt bietet auch leider nur wenig Trost. Ernsthaftigkeit als Heilmittel gegen Bullshitting ist für ihn auch keine Lösung: „Sincerity itself is bullshit!“ Und selbst Konfuzius hilft hier nicht recht weiter. Zitat: „Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern.“

Das tiefe Tal des gedanklichen Mülls

Jetzt hat sich zudem mein Lieblings-Blog „ribbonfarm“ mit dem epochalen Werk von Harry G. Frankfurt auseinandergesetzt. Natürlich aus aktuellem – amerikanischem -Anlass. Denn die Masse an Bullshit, von lautem, ja offiziellem und machtvollen Bullshit war noch nie so groß wie heute. Der Versuch eines Trosts ist da sehr speziell: Vielleicht müsse man erst ein tiefes Tal von Bullshit (und Fake News) durchwaten, bis man neue Höhen von Wahrheit und Brillianz erleben darf.

Auch Musil tröstet am Ende seiner Rede über die Dummheit: „…einen Schritt (weiter) und wir kämen aus dem Bereich der Dummheit, der selbst theoretisch noch abwechslungsreich ist, in das Reich der Weisheit, eine öde und im allgemeinen gemiedene Gegend.“ Also amüsieren wir uns halt weiter wie doof…

Drehbuch des eigenen Lebens


Die Manipulation der Massen und Medien

Hätte nicht gedacht, dass ich auch noch mal Gedanken zu Michael Jackson oder Tiger Woods zu Desktop bringe… – Aber auffallend ist schon wie schwer sich Menschen mit dem Drehbuch tun, das sie und vor allem andere für ihr Leben geschrieben haben.

Zynisch gesehen bastelt sich jeder Mensch seine eigene Lebenslüge. Es kann sehr hilfreich sein, in dem warmen Bett einer gepflegten Selbsttäuschung zu leben. Das geht perfekt, so lange diese nicht allzu heftig mit einer anderen, die gerne Realität genannt wird, kollidiert. Aber je mehr Sozialkontakte man hat, um so schwieriger wird es, eine Lebenslüge, die sehr weit ist vom eigenen Ich, durchzuhalten.

Ganz hart wird es, wenn die Drehbücher des Lebens zum einen von falschen Erwartungen an das eigene Ich geschrieben werden. Daran können die Eltern (Michael Jackson, Tiger Woods) heftig schuld haben oder auch Ehefrauen oder Freunde, die zu viel Einfluss auf das eigene Leben gewinnen. Das schafft man aber auch gut selbst, sich seine eigene falsche Erwartungswelt aufzubauen, wenn man nie so recht aus den Allmachts- und Alles-Können-Phantasien der Pubertät herausfindet.

Am schlimmsten aber wird es, wenn das Drehbuch des eigenen Lebens von den Medien und damit mittelbar vom Massenpublikum geschrieben wird. So besonders extrem geschehen bei Michael Jackson. Das Zuckerguss- und Fantasy-Märchen mit Pop-Appeal, das hier zur Aufführung kommen sollte, war einfach nicht mehr lebbar. Und die dann logischen Kollisionen des gelebten mit dem erwünschten Lebens werden natürlich genüsslich von den Medien ausgekostet. (Da machen inzwischen längst sogar die sich selbst „seriös“ nennenden Medien keine rechte Ausnahme mehr. – Aber das ist jetzt wieder ein anderer Fall von Lebenslüge…)

Dieser Konflikt zwischen einer Erwartung an den Lebenszuschnitt eines Stars, seinen eigenen Erwartungen und der seines sozialen Umfeldes und den Realitäten des Lebens – und der Medien – kann sehr leicht eskalieren, weil alle diese Komponenten ihre Eigendynamik haben und logischerweise mehr als selten kongruent sein können. Irgendwann kommt es dann aus den Konflikten zu ersten kleinen Störfällen in dem sonst scheinbar so perfekten Drehbuch.

Überraschendes Finale im Drehbuch

Die Störungen können physischer Natur sein: Erschöpfungssymptome, Krankheiten etc. Aber anstatt das als Hinweis für einen außer Kontrolle geratenen Lebensplan zu verstehen, werden solche Irritationen vor allem von Menschen, die das Thema Allmacht nicht für sich in Griff bekommen haben, mit Tabletten jeglicher Couleur und Substanz bekämpft. Bis hin zur perfekten Eigenvergiftung. So bekommt dann das Drehbuch des eigenen Lebens ein für alle Beteiligten sehr überraschendes Ende geschrieben. So geschehen bei Elvis oder eben auch Michael Jackson.

Die Störungen können natürlich auch psychologischer Natur sein. Da wird dann mal gerne eine dunkle Parallelwelt zum Überkitsch des eigenen Drehbuchs geschrieben. Ich könnte mir  gut vorstellen, dass das so bei Tiger Woods oder Ashley Cole so gelaufen ist. Und wenn im Drehbuch immer nur Siege und Triumphe aneinandergereiht werden, kann man ja auch der Illusion verfallen, dass das für jeden Lebensbereich gilt und man mit allem heil davon kommt.

Ich mag mir nicht vorstellen, was in einer amerikanischen Suchtklinik passiert, die sich auf Sex-Sucht spezialisiert hat. Kaum vorstellbar, dass dort Lebenslügen demaskiert werden und der Weg zu einem authentisch gelebten Leben bereitet wird. So schön es wäre. Da wird doch vermutlich eher an einem neuen Drehbuch gestrickt. An einem besseren oder nur an einem leichter lebbaren Drehbuch des eigenen  Lebens.

Rent a wing

Wenn das dann kein Autorenfilm wird, also der Held nicht selbst Regisseur ist; oder wenn dessen Talent zum Regisseur begrenzt ist, dann ist das nächste Scheitern vorprogrammiert. Sehr zur Freude des breiten Publikums, die Dramen und böse Grimmsche Märchen lieber mögen als Zuckerguss-Parodien. Und sehr zur Freude ihrer Helfershelfer, der Medien.

Einen Vorschlag für ein neues Drehbuch für Tiger Woods kam ja schon. Ausgerechnet von Bau-Schwerenöter Donald Trump. Er schlägt vor, Tiger solle wieder auf die Golf-Tour gehen, diesmal gleich als promisker Playboy. Ohne Gewissensbisse und mit hohem Frauenverschleiß. – Nun ja, dann wären aber schnell einige Sponsoren weg. Aber neue könnten hinzugewonnen werden. Red Bull vielleicht. Das verleiht ja immerhin Flügel. Rent a wing sozusagen…

Realtime-Produkte & -Services


Exformation mit Produkten

Einer der prägendsten Sätze, die ich je zum Thema Marketing gehört habe, stammt vom General Manager des Universal City Walk, der schönen Themen-Mall bei den Universal Studios in Los Angeles : „Wir verkaufen nur Sachen, von denen die Kunden am Morgen noch nicht wussten, dass sie sie am Abend dringend brauchen.“

Angeboten wurden im Universal City Walk hochwertige Touristenware, Sport-Paraphernalia, einfallsreiche Andenken und Mitbringsel, Neo-Antiquitäten, nette Accessoires und Design-Tand. Alles irgendwie attraktiv und witzig, aber von sehr beschränktem Gebrauchswert.

Was war nun das Geheimnis, dass die Transformation zum „dringend brauchen“ beim Besuch der Mall erfolgte. Es war nicht (manipulative) Werbung, die die Kunden zum Kauf trieb, auch waren es keine Rabattierungen. Es waren die Produkte selbst und deren Präsentation, die die Kunden lockten. Aber es war weniger die Qualität der Produkte oder deren hoher Gebrauchswert, die überzeugten.

Was hatten die Produkte nun an sich, dass sie beim Publikum dringendes Kaufbedürfnis auslösten? Es waren gerade die Oberflächlichkeit und die Beiläufigkeit der Produkte gepaart mit einem starken Trend-Appeal und hoher Gefälligkeit. Die Produkte waren alle ein gewisses modisches Statement (inklusive der aktuellen Fanartikel), sie waren nie zu teuer, also ideal für die so weit verbreitete Selbstbelohnung.

Realtime-Produkte & Realtime-Services

Wichtig in diesem Zusammenhang war der extrem hohe Gegenwarts-Appeal der Produkte. Da war nichts unmodisch oder poofig, aber eben auch nie provokant neu oder etwa Avantgarde. Die Produkte waren pure Statements des (tages-)aktuellen Zeitgeistes, sozusagen Realtime-Trend. Die Produkte waren zu Waren geronnene Exformation (siehe dazu „Es liegt mir auf der Zunge“). Sie waren verdinglichte Botschafter des unausgesprochenen Common Sense der Käufer.

Und dies ist meiner Meinung nach die Lehre aus der flotten Marketing-Philosophie des Universal City Walk-Managers. Die Zukunft erfolgreichen Vertriebs liegt weniger in bisher üblicher (manipulativer) Werbung, sondern zunächst in einer perfektionierten Produkt-Entwicklung, die extrem viel mit Monitoring arbeitet, um die Wünsche, den Common Sense der Kunden präzise zu erhaschen. Und dann müssen die entsprechenden Produkte, die Statements dieses Kunden-Grundnenners sind, extrem schnell auf den Markt gebracht werden. (H&M und Zara machen das längst vor.)

Marken-Wirkung der Zukunft

Die zweite wichtige Ingredienz ist eine intelligente Kommunikation, die die Produkte zur Exformation machen und sie als essentielle, passende Aussagen der Jetzt-Zeit in den sozialen Diskurs positionieren. Das geschieht in Zukunft kaum noch über gängige Werbung und immer weniger über etablierte Medien (starke Online-Marken ausgenommen), sondern vor allem in den Social Networks inklusive Foto- und Videoplattformen, Blogs etc.

Das alles gilt natürlich nicht nur für Produkte, sondern auch für Services, inklusive aller Medienservices. Am meisten aber gilt das für Marken, die in Zukunft noch Leuchtkraft haben wollen. Je mehr und je pointierter sie zum allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs beitragen, je wichtiger sie dort werden, desto stärker werden diese Marken werden. Motto: Eine Marke, von der wir am Morgen noch nicht wussten, wie dringend wir sie am Abend brauchen…

Es liegt mir auf der Zunge


Zu viel Information – zu wenig Exformation

Wer jammert nicht über die Informationsflut? Zwei Exabytes, das sind zwei Milliarden Gigabytes, kommen jährlich an neuen Informationen beispielsweise allein im Internet hinzu, mindestens. Das Wissen der Welt verdoppelt sich – da streiten die Experten – alle sechs bis zwölf Jahre. Auch das nur ein Annäherungswert.

Der Zuwachs an Wissen und Information könnte objektiv gesehen eine positive Tatsache sein, subjektiv wird sie aber durchweg als unangenehm und stressig empfunden. Kein Wunder, denn die schiere Masse, die Komplexität und Chaotik der Informationsflut verringert rasant die Menge an Exformation.

Exformation ist die Menge an Informationen, die wir unausgesprochen mit dem uns umgebenden Umfeld teilen. Dazu zählt auch das Arsenal an Gesten, Lauten, Mimik, aber auch Scherzen, Dialekt- und Umgangsausdrücken, das sich  im sozialen Umfeld eingebürgert hat. Das alles wird gerne – und treffend – auch „soziales Geräusch“ genannt.

Das berühmteste Beispiel an Exformation ist ein Brief des französischen Autors Victor Hugo an seinen Verleger, in dem er nach den Verkaufszahlen seines neuesten Romans „Les Misérables“ fragte. Hugos Brief lautete schlicht: „?“. Die Antwort seines Verlegers war ebenso kurz: „!“. Und beide wussten was Sache ist. Das Buch verkaufte sich gut.

Das Problem der Informationsflut,  vor allem aber der Diversifikation der Medien ist, dass immer weniger Exformation geschaffen wird. Das Verbindende gemeinsam gelesener Medien, gemeinsam gesehener Filme und Fernsehsendungen etc. wird immer weniger, die gemeinsame soziale Taktung zunehmend reduziert.

Exformation in Social Media

Der Erfolg der Social Media ist genau aus diesem Mangel heraus zu erklären. In Facebook & Co. kommuniziert man besonders gut in einem gemeinsamen sozialen Kontext, stellt Gemeinsamkeiten durch positive Affirmationen via „Like“-Button oder durch kurze Bemerkungen und Scherze immer aufs Neue aktiv her.

Heute nur mal kurz den Namen „Westerwelle“ erwähnt, vielleicht noch durch eine ironische Bemerkung garniert, das garantiert im richtigen sozialen Kontext auf alle Fälle reichlich Affirmation. Dasselbe gilt für andere Reizwörter. Ähnlich wirksam sind Bemerkungen und Kommentare in Blogs, die einen Sachverhalt, einen Missstand oder einen Trend in wenigen Worten treffend auf den Punkt bringen.

Das Problem vieler etablierter Medien, vor allem der, die sich zu sehr auf Zulieferung von Dritt- und Billiganbietern oder austauschbaren Agenturen verlassen, ist der Umstand, dass sie vielleicht reichlich Informationen bieten, aber keine oder viel zu wenig Exformation schaffen. Das führt sehr schnell zu einer Entfremdung zwischen  Zeitung und Leser, TV und Zuschauer, Medium und User. Das passiert eher sublim und schleichend, aber dabei mit verheerenden Auswirkungen. (Das ganz besonders bei jungem Publikum.)

Digitale Exformation hat Zukunft

Nichts ist erfolgreicher, als wenn man etwas liest und sich dann freut, wie durch einen Text ein Stück Common Sense auf den Punkt gebracht ist. Nichts beeindruckt dauerhafter, als wenn ein Mediennutzer das Gefühl hat, als wäre das, was er liest oder sieht, ihm quasi schon auf der Zunge gelegen. Das ist der perfekte Moment, an dem Exformation passiert.

Medien, Content-Provider oder auch Blogs, die im Digitalen Raum Exformation schaffen, haben die besten Perspektiven. Dasselbe gilt für alle Firmen, die dies mit eigenem Content oder perfekter Nutzung/Einbindung von Social Media schaffen. Ihnen gehört die Zukunft – in einer Zeit jenseits manipulativer Werbung – in einer Zukunft der Eigenbegeisterung der Nutzer. Im Exformations-Zeitalter.

Darsteller der Wirklichkeit


Authentizität als rares Gut

Kennen Sie auch dieses kleine Bohren im Bauch, die kleine Versteifung im Nacken oder gar das unerklärliche Gefühl, eigentlich möglichst schnell den Raum verlassen zu wollen. Und man weiß zunächst gar nicht, warum. Dieses Gefühl, das noch weit vor dem Fremdschämen kommt? – Solche kleinen, unangenehmen Körpersensationen entstehen, wenn einem das Unterbewusstsein sanft mitteilen will, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass irgendeine kleine Lüge im Raum steht, dass jemand etwas zu sein vorgibt, das er nicht ist. Kurz: wenn es massiv an Authentizität fehlt.

Mich beschleichen solch unschöne Gefühle immer dann, wenn ich mit Menschen konfrontiert bin, die eine Rolle nur spielen und sie nicht ausfüllen. All die Manager, die in Ausbildung und Praktika nicht gelernt haben, zu analysieren, zu denken und zu entscheiden, sondern nur alle Gesten, die den Eindruck vermitteln sollen, dass man analysiert, dass man denkt oder entscheidet. Da werden Stirne in Falten gelegt, sorgsam die Fingerspitzen gefalteter Hände an die Nasenspitze geführt, da wird ostentativ hinter dem Ohr gekratzt. Allein es fehlt die Überzeugungskraft solcher erlernter Gesten. Das liegt vor allem am Timing. Die Gesten kommen zu schnell hintereinander oder in erratischen Abständen, meist zu falschen Momenten.

Wie sehr solch unauthentisches Gebaren schmerzen kann, ist in (fast) allen Soap-Operas zu erleben. Auch hier muss ja jeder Satz, jeder Dialog mit den Händen gestisch unterstützt werden und ihnen mit heftigem Gesichtsmuskeleinsatz mimische Bedeutsamkeit eingehaucht werden. So etwas ist schon an sich schrecklich. Aber immerhin kann man solchen Situationen mit dem entschlossenen Einsatz der Fernbedienung entfliehen. Schwieriger ist das schon im realen Leben. Da hilft die Fernbedienung nicht weiter, wie einstmals schon Mr. Chance (in „Willkommen, Mr. Chance“) erkennen musste. Da muss man durch, egal wie schlecht die Performance der versammelten Manager-Darsteller gerade ist.

Ich habe lange nicht verstanden, wie man auf die Idee kommen kann, lieber so zu tun, als sei man jemand oder etwas, als es wirklich und real zu sein oder zu tun. Es muss doch, so dachte ich lange, anstrengend und schmerzhaft sein, nur so zu tun – und damit so wenig bewirken zu können. Ich musste mich aber selber über die Zeit hinweg eines Besseren belehren. Es scheint zu gehen, solch eine virtuelle Persönlichkeit zu verkörpern. Es scheint auch vergleichsweise risikoarm zu sein. Da man nur so tut, als täte man etwas, ist das Risiko von Versagen und Niederlagen vergleichsweise gering. Hauptsache man ist so gut in seiner mangelnden Authentizität, dass man wirkungsvoll Entscheidungen, wirklich bahnbrechende Innovationen oder gar mutige Projekte unterbindet.

Virtuelle Schatten sind nicht überspringbar

Wer sich wundert, warum in ewigen Konferenzen so wenig herauskommt, dass trotz massigem Einsatz von Manntagen so wenig geschieht und selbst willkommenste Innovationen immer wieder erfolgreich abgewürgt werden, der weiß jetzt: das ist vor allem solchen Manager-Darstellern zu „verdanken“. Diese Pappkameraden meinen es nicht böse, sie wollen ja nur spielen. Und sie sind logischerweise nicht in der Lage, über ihren Schatten zu springen. Wie auch, virtuelle Schatten sind noch nicht erfunden.

Diese eigenartige Spezies der notorisch Non-Authentischen erlebt man aber nicht nur im Business, sondern täglich, im realen Leben. Beispiel TV: Ich vergesse nie, wie ein „Wer wird Millionär“-Kandidat Günther Jauch schier in den Wahsinn getrieben hat, indem er perfekt den Kandidaten gab: das heißt, er hat alle Sätze, die ein denkender Kandidat normalerweise von sich gibt, aufgesagt und die entsprechende Mimik dazu beigesteuert. Man hatte aber nie den Eindruck, dass er wirklich denkt. Und entsprechend kam er auch nie recht zu einem Entschluss, ob er jetzt A, B, C oder D antworten sollte. Vor allem war er aber so sehr mit seinen auswenig gelernten Texten und nachgeahmten Gesten beschäftigt, dass er nie zu Potte kam. Und Günther Jauch glitt ein ums andere Mal an diesem hauptberuflichen Kandidaten-Darsteller ab. Er bekam ihn nie zu fassen.

Oder auch im privaten Umfeld. Ich habe schon etliche Paare kennengelernt, die es scheinbar perfekt drauf hatten, ein perfekt harmonierendes und natürlich glücklich verliebtes Paar zu geben. Vorstellung war jedes Wochenende auf irgendeiner Einladung, bei einem Essen etc. Eigentlich stimmte bei diesem Stunt jede Geste und jeder Satz, und trotzdem überzeugte das Paar nicht, im Gegenteil es verstörte tief. Das Timing war falsch, es war alles zu dick aufgetragen und die Pointen saßen schon gar nicht. Fast hatte man Mitleid: waren hier zwei Menschen aneinander geraten, die nie zu lieben gelernt hatten, aber in zu vielen schlechten Filmen ein wirres Arsenal an Klischees zum Thema Liebe gesammelt hatten?

Humor zieht den Boden unter den Füßen weg

Apropos Pointen. Solche Darsteller der Wirklichkeit sind am besten und schnellsten durch Ironie, noch nachhaltiger aber durch Humor aus der Fassung zu bringen. Da sie gleichsam im luftleeren Raum agieren ohne jeden echten Bodenkontakt, können sie gar nicht damit umgehen, wenn ihnen durch Witz oder Ironie sozusagen gleichsam noch einmal der Boden unter den Füßen genommen wird. Diese doppelte Leere irritiert sie ungeheuer und lässt sie meist ratlos zurück, während alle um sie herum lächeln oder lachen. Der Horror Vacui solch einer Situation muss entsetzlich sein.

Der Anlass meines kleinen Ausfluges von der Welt der Authentizität in das weite Feld der Mimikri und des gelebten Blue Screen ist ein Petitesse heute beim nachmittäglichen Kuchenkauf. Ich hatte eine gefühlte Viertelstunde hinter einem Paar zu warten, dass eigentlich nur zwei Kaffee, einen Kuchen und ein belegtes Brot bei Aran kaufte. Aber bis das so weit war, musste eine immense Menge an Gesten des bedächtigen Nachdenkens, des vorweggenommenen Genusses und des sorgfältigen Abwägens abgespult werden. Das ganze natürlich inklusive der entsprechenden hohlen Dialoge, Nachfragen und Denkpausen. Drei Mitarbeiter waren vollauf beschäftigt, diesem massiven Einsatz virtuellen Lebens irgendwie Herr zu werden und in reale Produkte umzusetzen.

Als das Paar, perfekt gestylt, aber auch hier ausgemacht unauthentisch, sich endlich an seinen Tisch getrollt hatte, kam in mir echt so etwas wie Mitleid auf. Es muss so anstrengend und dabei so wenig erfüllend und spannend sein, solch eine ewige Inszenierung einer Wirklichkeit zu leben. Aber immerhin bekam ich eine Erklärung dafür, warum Authentizität heute so hoch im Kurs steht; warum es so im Trend liegt. Ganz einfach: Das Angebot regelt die Nachfrage. Und Authentiziät scheint ein sehr rares Gut zu werden…

Placebo vs. Nocebo


Neu im Psycho-Angebot: Posttraumatic Embitterment Disorder

Die sonst temperamentvoll miteinander konkurrierenden Pharmazeutik-Firmen haben sich doch tatsächlich zusammengetan, um mit vereinten Kräften einem Phänomen auf die Spur zu kommen, das ihre Geschäftsgrundlage zu gefährden droht. Sie finanzieren gemeinsam ein großes Forschungsprojekt, um verstehen zu lernen, wie und warum die Selbstheilungskräfte der Menschen immer besser und wirksamer werden.

Das Dilemma der Pharmazeuten ist, dass in den Blindtests, die für neue Medikamente und Therapien zwingend vorgeschrieben sind, bei denen nebeneinander die neuen Wirkstoffe mit gleich aussehenden, wirkstofffreien Mitteln verglichen werden, die Placebos immer öfter mindest ebenso gut, wenn nicht besser als die Medikamente wirken. Placebos sind sozusagen die neuen Wundermittel. (Wenn das bloß nicht unsere Gesundheitspolitiker spitz kriegen!)

Aber auch hier gilt es zu differenzieren. Placebo ist nicht gleich Placebo. Die Placeboforschung hat bislang unter anderem herausgefunden, wie die Zeitschrift WIRED im September letzten Jahres berichtete, dass gelbe Zuckerpillen gut gegen Depressionen helfen, rote dagegen anregend wirken. Grüne Pseudo-Pillen helfen gegen Angst, weiße gegen Übersäuerung. Und wie im richtigen Leben helfen mehr Placebos besser als weniger. Und Markennamen auf den Fake-Tabletten helfen auch mehr, und je besser die Marken klingen, um so besser.

Die faszinierende Wahrheit dahinter ist, dass die Selbstheilungskräfte der Menschen extrem groß sind. Der Arzt, der mir mal spät abends an der Hotelbar nach der Einnahme von reichlich vielen Tinkturen mit dem Wirkstoff Alkohol vertraulich ins Ohr brüllte, hat anscheinend recht: „97 Prozent der Heilung macht jeder Patient selbst. Nur für den Rest sind wir Ärzte wirklich zuständig.“ Die Patienten sind sich selbst die besten Gesundbeter. Es kommt wohl nur auf den geeigneten Trigger an: Pillen, Nadeln, Coaching – oder auch liebevoller oder strenger – je nach mentaler Prädisposition – Zuspruch. Erinnert sich doch jeder selbst: das Blasen auf Schrammen und Wunden hat in Kinderzeiten doch auch immer prima geholfen.

Nocebo, der Negativ-Placebo

Aber wie das so ist im Leben, der Effekt funktioniert auch umgekehrt. Dann nennt man das den Nocebo-Effekt. (So weit ich mich einnere: nocebo – lat. ich werde schaden.) Und für diesen Effekt sind jetzt weniger Pharmazeutika, sondern eher die immer schlimmer grassierenden Medien-Hysterien und Apokalypse-Szenarien schuld, die so viele Medien für auflagesteigernd halten. Stichwort: Schweinegrippe. Oder Vogelgrippe.

Zu Zeiten vom WIENER haben wir uns dort schon wirksam über Phänomene wie „Pseudo-Aids“ oder das „Waldi-Sterben“ (Umweltschäden bei Haustieren) lustig gemacht. – Was heißt, lustig gemacht. Solche Phänomene waren durchaus medizinisch gut nachweisbar. Leider war mir damals „Nocebo“ noch kein gängiger Begriff – und über Placebos habe ich mich damals noch lustig gemacht. Heute längst nicht mehr.

Ob Behandlung mit farbigem Licht, mit Infrarot, mit Wärme, mit Akupunkturnadeln, mit Globuli oder auch mit Hammermedikamenten. Ich habe alles schon prima wirken gesehen – bzw. selbst erlebt. Ich bin mir aber heute relativ sicher, dass nicht dieWirkstoffe geholfen haben, sondern der Glaube daran. Und da tun sich natürlich hyperkritische Geister schwer. Als im Katholizismus aufgewachsener Mensch (samt Ministranten-Karriere) stehe ich dem natürlich entspannt und aufgeschlossen gegenüber.

Sind wir alle (depresive) Berliner?

Und es hilft in dem Zusammenhang auch in Bayern zu leben. Die Maximen „Wann’s schee macht!“ oder: „Wann’s dann huift!“ waren hier schon immer Volksgut. Nocebos dagegen waren hier seit je her wenig verbreitet. Die wurden, wenn überhaupt, schlimmstenfalls aus dem Norden importiert. Die neueste einschlägige psychische Errungenschaft ist PTED. Die „Posttraumatic Embitterment Disorder“, die posttraumatische Verbitterungs Störung. Dieses Problem, das mit Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Depressionen etc. einher geht, wird vor allem in den USA jetzt bei Menschen, die in der Finanzkrise viel verloren haben (Geld, Job, Perspektive) diagnostiziert. Die American Psychiatric Association diskutiert bereits, ob diese Störung in den offiziellen Diagnostik-Kanon aufgenommen wird.

Erstmals wurde PTED aber in Deutschland, genauer gesagt in den Neuen Bundesländern und dort speziell in Berlin entdeckt. Dort unter den Opfern der Wende, unter Arbeitslosen und in der vom Absturz bedrohten unteren Mittelschicht. WIRED beschließt seinen Artikel in der aktuellen Ausgabe über PTED mit dem schönen Fazit: „We’re all Berliners now.“

Design überall


Auch ein Ergometer kann schön sein: STIL-FIT

Es gibt Produkte, bei denen akzeptiert man kurioserweise klaglos hässliche bis mittelmäßige Gestaltung. Das war lange bei Computern so. Da durchbrach erst Apple den schicksalsergebenen Konsens, dass Apparate praktisch sein müssen, dafür aber nicht schön und schon gar nicht sexy.

STIL FIT SFE09

Eine Produktkategorie, für die diese Haltung bis heute gilt, sind Fitnessgeräte. Sie sollten eigentlich gerne gebraucht werden, damit sie wirklich wirkungsvoll unserer Gesundheit dienen. Denn nur wenn nicht schon vom ersten Moment an das Unterbewusstsein, das subkutan sehr wohl weiß, was schön ist und was nicht, innere Abscheu meldet, wird man gerne und oft die entsprechenden Geräte nutzen.

Wenn man sich heue in den Zahnarztstuhl setzt, genießt man bei den neuesten Geräten wirklich gutes und innovatives Design. Ja selbst Computertomographen sind ansprechend gestaltet. Warum? Sie sollen offensichtlich wenigstens vom Design her Aversionen eliminieren, wenn schon deren Funktion genug einschüchternd ist.

Warum sind dann fast all die Apparate, die unsere körperliche Spannkraft stählen sollen, so stumpf und lieblos gestaltet? Um den einen oder anderen Euro an Produktionskosten zu sparen, werden die schlimmsten gestalterischen Kompromisse eingegangen. Die Bedürfnisse der Kunden sind völlig egal. Und statt zeitlosem Design, was die Idee alljährlich wechselnder (hässlicher!) Geräte unterlaufen würde, wird lieber gesichtsloses Design geboten.

Und der Effekt? Die hässlichen Geräte werden in die Randzonen unseres Habitat abgeschoben: in Keller, auf Speicher, in Ankleideräume und Abstellkammern. Eben dorthin, wo man sich am allerwenigstens oft und möglichst regelmäßig aufhalten will. Entsprechend wenig erfolgreich sind solche Fitnesshelfer. Denn wer nicht zugleich diszipliniert und völlig design-unaffin ist, kann eigentlich solche Geräte nicht dauerhaft nutzen wollen.

Der erste Produzent von Fitnessgeräten, der diesen Circulus vitiosus durchbricht, ist STIL-FIT. Der  Industriedesigner Anton Rief, der schon für verschiedene Hersteller Fitnessmaschinen designt hat, hat diese Firma im Alleingang gegründet, um endlich ohne Rücksicht auf Produktzyklen und Designignoranz großer Hersteller gestalten zu können. Das Ergebnis ist ein wirklich schönes, simplistisches, elegantes Ergometer, das ein Zimmer auch mitten im belebten Wohnambiente eher schmückt .

Das Gerät ist nicht billig (1.380,- Euro), dafür aber effektiv, weil es gerne benutzt wird. Nicht nur wegen des gelungenen, modernen Designs, sondern auch weil es funktioal optimal gelungen ist. Außerdem lässt es sich sogar personalisieren. Da bei den Accessoires bewusst auf Fahrradzubehör hoher Designqualität zurückgegriffen worden ist, kann man sich das Gerät nach eigenen Bedürfnissen und Geschmack individuell ausstatten. Bezug über das Internet über www.stil-fit.com.