Ist der Ruf erst ruiniert…


Aggressive Feindbilder und düstere Prognosen

Die ZEIT titelt: „Feindbild Google“. Der STERN unkt: „Big Brother Google“. Und den Vogel schießt Chris Anderson in Wired ab: „The Web is dead!“ (Immerhin geht der Satz weiter: „Long Live the Internet.“) Das  Internet und ganz speziell der Suchgigant Google stehen unter Beschuss. Und keine Angst, bald wird auch wieder Facebook gebasht werden. Facebook Places, dessen neuer Location Service, wird garantiert dafür sorgen. Vor allem wenn er erfolgreich ist.

Es scheint so, als würden alle Ängste, alle Sorgen, alle Hassgefühle gegen das Internet sich Bahn brechen. Schon lang waren das Internet und seine führenden Protagonisten (und finanzielle Nutznießer) so in der Kritik. Und noch selten mit solch kuriosen Argumenten und solch kreischendem Unwissen wie in der Debatte um Google StreetView. – Wer bitte sonnt sich nackt zur Straßenseite hin genau in dem Moment, wenn alle drei bis fünf Jahre der Google-Fotowagen vorbei fährt? Aber so etwas ängstigt etwa Jeanette Biedermann.

An dieser Stelle könnte man sich fürchterlich aufregen. Vorzugsweise über die Kollegen auf der Printseite, die nun völlig ungeniert Ängste schüren, um die Konkurrenz madig zu machen. Oder auch über die Ignoranz von Politikern, die in dem Thema Profilierungspotential sehen. Man könnte aber auch beiläufig mit den Schultern zucken nach dem Motto: Was kümmert’s die Eiche, wenn eine Sau sich dran kratzt?

Aber es gibt auch noch eine dritte Option. Man freut sich ein Loch in den Bauch, dass das Internet dabei ist, endlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Die Aggression findet inzwischen auf einem solch enttechnologisierten, tumbe Ängste triggernden Niveau statt. Das zeigt, wie sehr das Internet dabei ist, nun endlich zur Selbstverständlichkeit wird.

Das Auf und Ab des Hype Cycle

Die Beratungsgesellschaft Gartner hat einst den berühmten (und berüchtigten) Hype-Cycle entwickelt. Er beschreibt das übliche Schicksal neuer Technologien in Medien und Gesellschaft.
1. Am Anfang steht der Technology Trigger. Neue Ideen, Produkte und Erfindungen werden bestaunt und euphorisch beschrieben.
2. Immer mehr Medien nehmen das Thema, wenn es vielversprechend, also hype-fähig ist, auf und entwickeln immer phatasievollere, immer phantastischere Optionen, was damit alles zu machen ist. Das geht steil empor bis zum Peak of Inflated Expectation.
3.  Irgendwann, wenn die Erwartungen ins Absurde abkippen und der Gedanke ausgereizt ist, weicht die Euphorie, es wird die Nase gerümpft und alles wird niedergeschrieben. Bis hinunter ins Tal der Desillusion, den Trough of Disillusionment, wo das Thema dann (vermeintlich) durch ist.
4. Jetzt erst ist der Weg frei für eine ernsthafte Beschäftigung mit dieser neuen Idee, Technologie oder diesem Produkt. Jetzt kommen die ersten ernsthaften und realistischen Einschätzungen. Es geht nun wieder aufwärts im Imagewert – und der Börsenbewertung. Das ist der Slope of Enlightment.
5. Und erst jetzt, nachdem es von „himmelhochjauchzend“ über „zu Tode betrübt“ gegangen ist, pendelt sich ein neues Thema auf einem realistischen Level ein – und nun erst kann Idee/Technologie/Produkt sein volles Potential ausspielen – auf dem Plateau of Productivity.

Jenseits des Hype-Cycle

Das Internet ist da aber schon längst raus, den Hype-Cycle hat es spätestens zur Jahrtausendwende hinter sich gelassen. Jetzt geht es um die breite gesellschaftliche Akzeptanz. Und da macht sich das Internet nicht nur daran, ein neues Medium, vielleicht sogar ein Leitmedium zu werden. Nein, es ist dabei, die generelle Plattform für alle (digitale) Kommunikation zu werden. Daher auch die so vehementen Angriffe all derer, die bisher die Bedeutungsmacht über die Medien hatten (oder es zu haben meinten): die Verlagshäuser und TV-Sender – und die Politiker.

Nein, das Internet macht sich wirklich daran, im Zentrum all unserer Kommunikation zu stehen. Es verändert die Machtstrukturen in der Gesellschaft. Und das heißt, jeder Mensch, der in Zukunft in der Gesellschaft aktiv sein will, muss sich mit dem Internet auseinandersetzen – und die Mehrheit der im analogen Zeitalter Aufgewachsenen muss viel dazu lernen.

Vor allem geht es darum, die Vor- und Nachteile besser einschätzen zu lernen. Denn jetzt rächt sich, dass gerade die Social Media Vor- und Nachteile so asymmetrisch verteilen. Die Vorteile, also sofortige Verbindung, Nähe oder Vertrautheit, werden mit einer ganz neuen Datensammel-Kultur erkauft. Deren negative Auswirkungen erlebt man, wenn überhaupt, erst sehr, sehr viel später. Aus dieser Asymmetrie erklärt sich vielleicht der kuriose Vorschlag von Google-CEO Eric Schmidt, dass man einen neuen Namen erhalten sollte, wenn sich genug belastendes Material im Internet, oder genauer: in den Google-Datenbanken, angesammelt hat.

Ein ebenso ungelenker wie absurder Vorschlag. Schließlich sind Namen im Internet sowieso egal. Die Bedrohung ist das Raster aus erfassten Daten, das wie ein Fingerabdruck unzweifelhaft einer bestimmten Person zugeordnet werden kann. Eric Schmidts Vorschlag ist insofern ein wenig unheimlich, als dass man bisher davon ausgehen konnte, dass bei aller Sammelwut von Google damit technisch noch nicht viel angefangen werden kann – und dass Datenmuster schon gar nicht gegen jemanden verwendt werden konnten, weil sonst der Ruf von Google unheilbar für immer ruiniert wäre. Personalisierte Werbung in Ehren, die Bedrohung durch Datenkraken geht viel weiter, vor allem, wenn sie nicht demokratisch kontrolliert werden.

White Noise

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert.“ Das ist jetzt der Prozess, den das Internet durchmachen muss. Alle überhöhten Erwartungen müssen geschliffen werden, aber genauso alle Vorteile endlich realistisch genutzt werden. Und dasselbe gilt auch für uns. Auch für uns könnte der Sinnspruch mit dem ungenierten Leben mit ruiniertem Ruf gelten.

Mir schwebte schon seit je her die Idee vor Augen, allzu große Neugier der Datensammler durch „White Noise“, ein undurchschaubares, nicht ausrechenbares, widersprüchliches Gewirr aus (fiktiven) persönlichen Daten, auszubremsen. Vorzugsweise sollten das intelligente Bots für mich machen: einen kuriosen Mix aus tiefer Papstverehrung und Porno-Nutzung, Schmetterlings-Sammeln und abstrakter Kunst, Bach-Etüden und Motörhead usw. usw. usw.

Ich gebe zu, ein ziemlich schwieriges Unterfangen, solchen White Noise wirkungsvoll zu programmieren. Denn wir hybriden Konsumenten schaffen sowieso schon viel zu viele absurde Widersprüche in unserem Konsumverhalten. Ich wüsste zu gerne, ob Google daraus wirklich sinnvoll verwendbare Strukturen herausinterpretieren kann.

Verklärte Erinnerungen

Mich tröstet bislang, dass ich auf meinem Gmail-Account noch immer ein Familienhotel bei mir um die Ecke in Erding angeboten bekomme. Sehr absurd, denn genau dort brauche ich ein Hotelzimmer am wenigsten. Schließlich habe ich dort ein sehr bequemes Bett und alle Annehmlichkeiten unseres netten Zuhauses. Solange das Wissen über mich nur so weit geht, dass ich in der Nähe von Erding wohne, bin ich zutiefst beruhigt. Ich muss also keinesfalls in absehbarer Zeit meinen Namen ändern. Vor allem wegen der Gnade der frühen Geburt. Zu meinen wilden Zeiten gab es kein Internet. Ja nicht mal digitale Kameras. Und alle Belastungszeugen von damals sind seltsam milde geworden, was ihre Erinnerungen angeht.

Die Verklärung und Verdrängung, die unser Gehirn so gut beherrscht, das müssen Google, Facebook & Co. noch unbedingt lernen…

Digitales Denken


Gibt es lineare und digitale Gehirne?

Untersuchungen bemängeln beim „gemeinen“ Internet-User zu wenig Denktiefe, zu wenig Reflexion, zu wenig Arbeit im und am Langzeitgedächtnis. (Siehe auch Reflexion & Internet). Der Grund: Zu viele Informationen, zu viele Links, zu viele Medien, zu viel Ablenkung. Das alles hält davon ab, sich in Ruhe hinzusetzen und Dinge mal wirklich zu durchdenken, über das Leben als Ganzes und besondere Vorkommnisse im Besonderen zu sinnieren. Das jedenfalls – oder so ähnlich – meinen Clifford Nass von der Stanford University und andere Wissenschaftler in Studien laut WIRED herausgefunden zu haben.

Es lohnt sicher die Frage, ob solch eine Aussage überhaupt Sinn macht, oder ob hier nur eine – Wissenschaftlern nachsehbare – Affinität zu linearem Denken herrscht und befürchtet wird, möglicherweise bald aus der Zeit zu fallen. Oder anders gefragt: Macht uns das Internet fit für eine neue Art des Denkens – nennen wir es behelfsweise erst mal „digital“ -, das wir in der uns bevorstehenden Zeit einer globalen Wissensexplosion dringend brauchen?

Wer sich ein wenig mit der Gehirnforschung auskennt, weiß, wie sehr die Erkenntnisse hier zwar immens sind, in Summe aber eher vorsichtig zu interpretieren sind. Jede wichtige neue Erkenntnis eröffnet eine riesige Bandbreite neuer Fragen. Mit zunehmendem Wissen über das Denken staunen wir immer mehr über dessen Funktionsweise und -vielfalt und müssen erkennen, dass wir uns immer weiter davon entfernen, annehmen zu können, das Denken in Bälde „verstehen“ zu können. Wir wissen – ganz sokratisch – immer weniger.

Aber zwei Erkenntnisse sind wohl relativ gesichert. Es gibt nichts, was strikter und lernresistenter ist als unser Urgehirn, das unsere unterbewussten Handlungen beeinflusst. Dieses Gehirn ist von Jahrtausenden Jahren Evolution und Kampf in der Natur stark konditioniert. Hier lässt sich nichts ändern, unsere Ängste nicht, unsere Hoffnungen, unser Hass, unsere Liebe, unsere Sehnsüchte und Irrationalismen nicht, damit müssen wir lernen auszukommen.

Das lernfähige Gehirn

Dafür stellt sich unser Gehirn, das wir mit unserem Bewusstsein ansteuern können und das die täglichen Informationen und Reize verarbeitet und unser Denken steuert, als extrem flexibel, veränderbar, lernfähig und neu programmierbar heraus. Ob es die Erkenntnisse einst von Oliver Sacks an Schlaganfall-Patienten waren oder ob es aktuelle Untersuchungen über die Informationsverarbeitung von Internet-Usern sind, man sieht stets, wie sehr und gut das Gehirn fähig ist, neue Synapsen zu bilden, sein Netzwerk neu zu justieren und damit völlig neue Ergebnisse zu erzielen – unter anderem auch bei dem, was einschlägig interessierte Wissenschaftler „Intelligenz“ nennen und messen.

Einen Schritt weiter geht der Psychologie-Professor in Harvard Steven Pinker in einem Beitrag in der New York Times („Mind Over Mass Media“). Zitat: „Das Wissen nimmt exponentiell zu, die Gehirnleistung des Menschen und die Stunden, die er wach verbringen kann, nicht. Glücklicherweise helfen uns das Internet und die Informationstechnologien, unseren k0llektiven intellektuellen Output auf verschiedenen Ebenen zu managen, zu suchen und zu finden. Das reicht von Twitter und Notizen bis zu elektronischen Büchern und Online-Enzyklopädien. Diese Dinge machen uns eben nicht dumm, sondern diese Technologien sind die einzigen Hilfsmittel, die uns intelligent bleiben lassen.“

Outsourcing von Gehirnleistung

Mal ein wenig zugespitzt: Das Wissen explodiert und nur dank der digitalen Hilfsmittel werden wir von dem Wissenstrom nicht verschüttet und weggespült. Oder weiter gedacht: Wir müssen – bei bleibender Hirnleistung – unser Gehirn frei machen für die bestmögliche Verarbeitung der – exponentiell wachsenden – Informations- und Wissensflut. Dabei hilft uns das Internet, an das wir viele bisher unseren Kopf schwer beschäftigende Aufgaben outsourcen können: Daten und Zahlen, Historisches, Faktenwissen, Zeitgeist-Beobachtung, Informationssuche etc.

Und dieses Netzwerk hilft, in unser kommenden Netzwerkgesellschaft die Fluktuation von Signalen, Infos, Wissen und Themen immer besser zu managen. Und dabei helfen uns unsere neu gewonnen Netzwerke:

Selbst mit dieser Entlastung bliebe noch genug für unser Gehirn zu tun. Aber auch hier winkt Hilfe. Noch einmal Steven Pinker im Zitat: „Der Gebrauch tiefer Reflexion, knallharter Recherche oder schlüssigen Denkens ist noch nie etwas gewesen, was Menschen in den Schoß fällt. So etwas muss in speziell dafür geschaffenen Institutionen erlernt werden, die wir Universitäten nennen. Und diese müssen kontinuierlich trainiert werden, durch Analyse, Kritik und Debatten. So etwas bekommt man nicht, indem man ein dickes Lexikon in den Schoß wirft. Aber es verschwindet auch nicht, bloß weil es auf einmal effiziente Wege der Infomationsbeschaffung via Internet gibt.“

Intellektuelles Trainingsfeld Social Media

Und noch einmal etwas verwegen weitergedacht: Die Themen Analyse, Kritik und Debatte, auch hier können wir outsourcen. Es ist vor allem das weite Feld der Social Media, in dem wir diese Trainingsmethoden eines kritischen Bewusstseins üben und trainieren können. Und manchmal übernimmt einer der Freunde dort die kritische Bewertung, an die man selbst vielleicht nie gedacht hätte und man schließt sich an, per Kommentar oder „Gefällt mir“.

Noch nie war die Möglichkeit der Analyse, Debatte und Kritik, aber auch der Zustimmung und Unterstützung so leicht und so weit verbreitet wie heute. Zufall oder wohlgefällige Entlastung unseres vom Informationstornado mitgenommenen Gehirn.

Unser Gehirn ist in Zukunft wohl nicht mehr der Alleskönner und Allesmacher (wie im Geniekult zu Goethes Zeiten), sondern ist zum einen ein perfekter Outsorcing-Manager und zum anderen trainiert er, das schwierige Puzzlespiel, die divergenten Informationsbits in sinnvolle Bilder zusammenzusetzen und diese dann kritisch zu bewerten – und zu reflektieren. Und das immer „With a little help from my friends“.

Digitale Agoraphobie


Prosumer sind aktiv

Die Prognose im Jahr 1994 war klar: Wir werden von passiven Konsumenten zu aktiven Prosumern, dem aktiven Hybriden von Produzenten und Konsumenten. Ich war damals längst nicht der Einzige, der in diese Richtung dachte. Alvin Toffler hatte diesen Begriff schon 1980 geprägt. Aber geglaubt haben damals nur die wenigsten, dass diese Emanzipations-Entwicklung der Konsumenten unmittelbar bevorstand. 1994 war es für die Wenigsten absehbar, wie schnell diese Vision durch das Internet gelebte Wirklichkeit werden sollte. Aber schon allein für die Prognose, dass sich das Internet schnell und massiv durchsetzen werde, wurde man damals im besten Fall milde belächelt.

2010 sind wir alle Prosumer, ob wir wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Kaum ein Produkt wird heute noch gutgläubig und ohne Vor- und Gegenrecherche im Internet gekauft. Kaum ein Produkt, das nicht im Internet bewertet, kommentiert und getestet ist. Das Prosumer-Medien-Universum ist riesig und nimmt an Umfang und Relevanz immer weiter zu.

Und die Produzenten nutzen diese Masse an Prosumer-Wissen, -Meinung und -Kommentaren längst. Die Realtime-Recherche per Internet hat heute bei Firmen, die wirklich aktuelle Daten wollen, die konventionelleMarktforschung abgelöst. Die Daten aus der Prosumer-Crowd sind aktueller und meist auch genauer. Die in ihrer Evolution wohl am weitesten fortgeschrittene Prosumer-Site „Amazon“ hat seit 2007 sogar ein eigenes Konsumenten-Testprogramm: Amazon Vine (demnächst auch in Deutschland). Dort testen ausgewählte Prosumer neue Produkte und bewerten sie.

Der sichtbare Prosumer

Der Wechsel der Rolle vom passiven, „doofen“, manipulierbaren Konsumenten zum aktiven, reflektierenden und kommunizierenden Prosumer bringt als logische Folge eine völlig neue Rolle und damit verbunden neue Rechte, neue Aufgaben und neue Verantwortlichkeiten.

Konsumenten standen einst in ihrer „Passivität“ im Windschatten aller medialen Aufmerksamkeit. Sehr zum Leid der Produzenten, die sich schwer taten, die Wünsche und Geschmacksmoden ihrer Kunden zu recherchieren. Daher der riesige Apparat der Markt-, Konsumenten- und Medienforschung, die immer neue Indizien herausfinden wollten, womit die Konsumenten motivierbar wären, ihr Geld auszugeben. Meist mit eher bescheidenen Ergebnissen.

Die Münze, mit der wir unsere gewachsene Macht als Kunde bezahlen (müssen), ist unsere Privatsphäre. Als Part-Produzent (Pro-sumer) müssen wir raus aus der Anonymität des passiven Konsumententums. Produzenten müssen kommunizieren, wollen sie irgend etwas erreichen. Und wenn es nur der Protest gegen etwas ist – noch mehr aber, wenn man für etwas ist. Die Abermillionen von Konsumenten-Rezensionen bei Amazon und vielen, vielen anderen zeigen diese gewachsene Bereitschaft sich zu äußern. Offen, öffentlich und namentlich.

Raus aus den Elefenbeintürmen

Nicht allen fällt dieser Wandel der eigenen Rolle so leicht. Gerade in Deutschland ist die Digitale Agoraphobie, die Angst vor der großen (Medien-)Öffentlichkeit weit verbreitet. Daran mag das Nazireich mit seiner Allüberwachung und dessen plastischer Darstellung durch George Orwell mit Schuld haben. Vielleicht ist es auch eine spezifisch deutsche Liebe zu Elfenbeintürmchen und Wolkenkuckucksheimen, die hier hinein spielt. Als medialer Hagestolz zieht der Deutsche es vor, über Medien zu mäkeln, ohne selbst aktiv zu sein.

Tatsache ist, wer die Vorteile des Prosumertums genießt, der muss auch dessen Folgen tragen, sprich eine öffentliche Präsenz in den (Digitalen) Medien „aushalten“. Das Leben, so still und zurückgezogen gewesen es sein mag, wird partiell öffentlich, wenn man aktiv in die Prosumer-Relation investiert. Besonders aber, wenn man sich in den Social Media engagiert. (Das entschuldigt nicht Facebooks [planvoll?] schlampiger Umgang mit Persönlichkeitsdaten. Siehe dazu auch: Facebook kann nicht digital.)

Darstellung mit Format

Nein, die Frage ist in erster Linie, was hält Menschen davon ab, im Netz aktiv zu werden, selber zu posten, sich selbst darzustellen? Das kann ein inverser Narzissmus sein – nach dem Motto: Ich bin viel zu gut für diese Welt und die Profanität der Masse an Lesern und/oder Zusehern da draußen. Meist ist es eher das Gegenteil, eine Selbstunterschätzung oder fehlendes Selbstbewusstsein. Hier lautet das Motto: Es ist alles viel zu unwichtig, was mir passiert.

Die größte Hemmung aber ist wohl die des mangelnden Selbstvertrauens. Habe ich was zu sagen? Kann das, was mir wichtig ist, auch anderen wichtig sein. Das ist so falsch gefragt. Jede Beobachtung, jede Meinungsäußerung, jede Statusmeldung kann interessant sein, wenn sie in einer spezifisch persönlichen, authentischen Art geschildert wird. Wie in jedem Fall kommt es darauf an, wie es gesagt wird. Es kommt auf das „Format“ an, das man für seine Wort- oder Bildmeldung wählt. Je persönlicher, authentischer, konsistenter und eleganter der Stil – und intelligenter der Stil ist, desto besser.

4 Argumente für ein öffentliches Leben

Aber warum soll ich mir das alles antun? Vier vorläufige Argumente:
1. Wer sein Leben wenigstens gelegentlich – und halbwegs intelligent – in Blogs, auf Facebook oder auch Twitter dokumentiert, der lebt reflektierter, bewusster und er“lebt“ mehr. Man bekommt einen wacheren Blick und durchdenkt die Dinge, die einen betreffen, besser. Schreiben ist ein Prozess, gerade auch auf Twitter.
2. Die Reaktion anderer auf eigene Erlebnisse und auf eigene Zeilen, Bilder, Videos sind auch für narzissmusfreie Menschen immer eine Wohltat. Wahrgenommen zu werden ist tief in unserem Unterbewusstsein als ganz positiv abgespeichert.
3. Ein Leben aktiv zu leben (z. B. als Prosumer) ist immer besser und erfüllender als es passiv vergehen zu lassen. Nur Aktivität hält unseren Kopf und unser Denken frisch.
4. Wir sind Kinder der Evolution. Ohne sie wären wir noch (immer) nicht mal eine Amöbe. Also haben wir auch eine Verantwortung für sie. Und die können wir wahrnehmen, indem wir neue Gedanken, neue Beobachtung oder auch nur neue Nuancen des längst Gesagten oder Beobachteten in die Welt bringen.

Digital Regressives


Der Machtkampf zwischen Kapital und Digital

Es gibt sehr nette Menschen in dieser Welt. Peter Wippermann gehört fraglos dazu. Er hat nicht nur das Trendbüro Hamburg gegründet und das ZEIT-Magazin schöner gemacht, vor allem aber sorgt er mit seinen so passgenauen Trendanalysen dafür, die Gegenwartskultur und ihre Wandlungen besser zu verstehen. Außerdem ist er ein hervorragender Vortragsredner und Professor. Wir kennen uns u.a. aus der Jury des Multimedia Annuals.

Peter Wippermann

In seinem neuesten Artikel über „Flow.Control“ unterscheidet Peter Wippermann anlässlich des 15. Trendtags sehr treffend die diametral gegenüberstehenden Gruppen der „Digital Residents“, die Internet und Digitale Kultur genießen und wie selbstverständlich nutzen, und die „Digital Visitors“, die vom Internet zwangsbeglückten, die die Digitale Welt vielleicht noch zur eigenen Bequemlichkeit nutzen wollen, aber sich nicht mit den veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen einer Digitalen Welt anfreunden wollen.

Wie gesagt, Peter Wippermann ist ein netter Mensch. Denn statt Digital Visitors, hätte er die Gruppe der leise (bis laut) das Internet verfluchenden Menschen auch Digital Regressives nennen können. Zitat Wippermann: „Kontrollverlust macht ihnen Angst. Ihre Erfahrungen und Erfolge in der Industriekultur verlieren in der Netzwerkökonomie rapide an Wert. … Sie verstehen schwer, dass man Netzwerke nicht kontrollieren kann. Sie sind der Flaschenhals des technologischen Fortschritts.“

Der Flaschenhals hat das Sagen

Das nicht kleine Problem in unserer Gesellschaft ist nun, dass ausgerechnet der Flaschenhals das Sagen hat. Die Digital Regressives sind die Generation der Entscheider. Und sie haben auf dem Weg dorthin geschuftet und sicher auch gebuckelt, oder sagen wir: doofe Chefs aushalten müssen. Und jetzt soll der Aufwand ganz umsonst gewesen sein? Jetzt sollen die Gesetze der digitalen Netze gelten? Plötzlich sollen alle alten Regeln außer Kraft gesetzt sein? Jetzt soll nicht mehr von oben nach unten entschieden werden dürfen? Jetzt soll man Kunden pampern statt sie wie früher per TV-Spot zum Kauf von Pampers zu hypnotisieren?

Wie soll diese Entscheider-Generation sich für so etwas begeistern? Im Gegenteil. Statt wenigstens langsam in die digitale Gegenwart zu steuern, wird lieber kraftvoll gegen gehalten. Bis hin zur Regressivität halt. Perfekt auf den Punkt gebracht hat diese Haltung Eric Schmidt, CEO von Google, in einer Antwort auf eine Frage von Jeff Jarvis, dem Autoren von „Was würde Google tun“, wann denn die übrigen Branchen den Weg ins Digitale Business gehen würden wie Google es schon getan hat.

Veränderung ist Risiko

Eric Schmidt argumentiert, dass das große Geld, das Kapital und die Menschen, die darüber entscheiden, nicht in Richtung einer Digitalen Welt gehen und lieber traditionelle, also überkommene Methoden bevorzugen. Dafür konstruieren sie im Zusammenspiel mit den ebenso wenig an Änderungen interessierten politischen Entscheidern regulatorische Hürden, die Veränderungen schwierig bis fast unmöglich machen. Seine Begründung: Das große Kapital und die, die die Macht haben, scheuen jede Veränderung, weil diese stets Risiken für sie bergen. Sie können so nur verlieren, nicht gewinnen.

Das Worst Case-Szenario für die Zukunft ist daher ein Kampf der Digitalen Kultur mit seinen niedrigen Hierarchien, mit seiner Macht der Netzwerke und ihrer Millionen, ja Milliarden von Mitgliedern und seinen ungeregelten Freiheiten einerseits und den Digital Regressives mit ihrer Macht, dem Zugang zu denen, die die Regeln machen und dem großen Geld andererseits.

Eine Folge von Krisen und Desastern

Das hieße, dass es ein zäher und schmerzvoller Prozess auf dem Weg zu einer Digitalen Welt wird, der sich in einer immer dichter werdenden Folge von disruptiven Ereignissen, also von Krisen, Katastrophen, Zusammenbrüchen und Desastern darstellen wird. Firmen werden so lange alte Strukturen zu verteidigen suchen, so lange noch auf herkömmliche Weise Geld zu verdienen ist. Zur Tarnung – und zur Verlängerung dieser Frist wird man sich digital geben, ohne es wirklich zu sein.

Diese Auseinandersetzung erleben wir schon heute permanent. Die seltsamen Änderungen der Datenschutzrichtlinien bei Facebook, das ist nicht zuletzt ein Kotau vor den alten Regeln der manipulativen Werbung. Das beruhigt die Geldgeber und Investoren und ihr digital regressives Denken. Die Aktionen einer Verbraucherministerin Aigner, die passen hier genauso gut ins Muster. Und wir werden noch viele ähnliche – traurige – Episoden gleicher Machart erleben.

Die Alternative dazu wäre die Einsicht, dass sich Dinge irgendwann ändern werden, unaufhaltsam. Spätestens dann, wenn die Digital Natives das Sagen haben. (Das dauert aber noch.) Vielleicht werden sich die Digital Natives auch viel besser an die schnelle Folge von Krisen und Desastern gewöhnen – und mental damit relativ problemlos klar kommen. Besser als die Visitors mit ihrer analogen, hierarchischen Denke.

Digital Assimilates

Und ob nun aus besserer Einsicht oder notgedrungen, am Ende werden die Digital Visitors ihre Aversion und Allergie gegen das Internet und die Digitalität aufgeben und die neue Offenheit, die neue Geschwindigkeit und die neuen egalitäreren Machtverhältnisse lernen (müssen). Wenn das Geld keine Chance mehr hat, sich erfolgreich an Überkommenes zu klammern und sich so zu mehren, spätestens dann wird ein Wechsel denkbar, weil nötig.

Dann werden aus den Visitors zwar keine Digital Natives, sondern bestenfalls Digital Assimilates. Aber spätestens dann könnte sich dann auch das große Geld an die neue digitale Welt gewohnt haben. Denn dann birgt sich hier kein Risiko mehr.

Ich bin nun mal so…


Wie der Präsident, so das Land

Es schmerzt wirklich nicht wenig, erkennen zu müssen, von einer beleidigten Leberwurst als Staats-Präsidenten repräsentiert worden zu sein. Aber beim zweiten Nachdenken keimt ein viel schlimmerer Verdacht auf. Der Präsident in seiner Wehleidigkeit war vielleicht ein adäquater Repräsentant unseres Landes.

Dieser Eindruck entsteht, wenn man wieder einmal des Volkes Stimme unaufgefordert aufgedrängt bekommt. In der S-Bahn etwa. Im Abteil gegenüber sitzt ein Rentner-Ehepaar. Beide reden ungerührt aufeinander ein, jeder in seinem eigenen Klage-Monolog über den Lauf der Welt, vor allem aber über die unermesslichen Unbillen, die er bzw. sie täglich zu erleiden haben. Das geht von den schrecklichen Nachbarn über die missratenen Nichten und Neffen bis – natürlich – zu den unfähigen Politikern. Wie da zwei Menschen längst verlernt haben, einander zuzuhören und stattdessen ganze S-Bahn-Abteile ungerührt mit negativer Energie und ewigem Wehklagen zumüllen, lässt einen schaudern.

Jung und Alt klagen um die Wette

Ähnlich wenig erbaulich sind aber auch in der S-Bahn zwangsweise mitgehörte Gespräche junger weiblicher Teens im besten spätpubertären Alter. Wie sie sich gegenseitig über die schlimmsten Zumutungen, die das Leben an sie stellt, beklagen. Von Chefs, die sich erdreisten, (zugegeben: berechtigte!) Kritik zu äußern, über die doofen Kollegen und Freundinnen, die die eigene Genialität nicht anerkennen wollen, bis zu den derzeitigen Freunden, die so gar nicht funktionieren wollen, wie sie es gerne hätten. Eine einzige Lawine von Selbstmitleid und Wehleidigkeit.

Man kann über solch unangenehme, allzu menschliche Unzulänglichkeiten wie Wehleidigkeiten am besten schreiben, wenn man sie selbst durchlebt, durchlitten und – wenigstens etwas – gezähmt hat. Als Einzelkind – mein Schicksal – hat man die ideale Disposition, Wehleidigkeiten zu entwickeln. Keine Schwester, kein Bruder bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn man sich auf irgendeine fixe Idee kapriziert, und weil sie nicht funktioniert, dann die Welt und ihre Bösartigkeit dafür verantwortlich macht, wenn man mit ihr scheitert.

Der Weg aus der Wehleidigkeits-Falle

Mich haben später liebende Frauen in nicht immer liebevoller Art von den schlimmsten Auswüchsen von Wehleidigkeit geheilt. Für den nächsten Schritt auf dem Weg zu weniger emotionaler Wichtigtuerei und eitlem Narzissmus haben dann Kinder gesorgt, für die man Verantwortung übernommen hat. Wie sollte man ihnen die schlimmsten Auswüchse an Wehleidigkeit austreiben, wenn man sie selbst hemmungslos auslebt?

Aus der Falle der Wehleidigkeit befreit haben mich dann mehrere Phasen von Coaching. Da wurde die Falle, die man sich durch Wehleidigkeiten stellt, endlich klar: Die irrationale Fixierung auf Bedürfnisse, auf Ideen und Pseudowerte, die meist irgendwo und irgendwie unreflektiert akquiriert, meist sogar oktroyiert worden sind, machen den Lebensweg so schwierig. Sie sind ein riesengroßer Rucksack, an dem man sich abschleppt, ohne darüber nachzudenken, wer ihn gepackt hat – oder gar, ob man ihn überhaupt will.

Großtierherde an Fetischen

Kurioserweise verwechselt man diese Beipacklast mit dem eigentlichen Leben und verteidigt jede einzelne Nichtigkeit daraus: Jede noch so kuriose bis lästige Eigenschaft. Jede neblige Hoffnung und jede noch so schwiemelige Sentimentalität. Jede längst hohl gewordene Werte-Illusion und dazu eine ganze Armada von kitschigen bis dysfunktionalen Fetischen, die man sich über Jahre zugelegt hat wie einst die von Tanten und Omas zwangsbehegte Großtierherde an Plüschtieren.

Das Ganze firmiert dann unter dem Totschlag-Argument: „Ich bin nun mal so!“ Dies ist der Schlachtruf der Reflexionsverweigerung und eines störrischen Innovations- und Evolutions-Boykotts, der immer und wieder gnadenlos ertönt. Unglaublich, welche Paraphernalia und Belanglosigkeiten ins Feld geführt werden, um nur ja nicht einmal einen Deut in seinem Leben ändern zu  „können“.

Eisenkugeln am Fuß

Aber all das, an dem man da so irrational festhält, macht das Leben schwer. Die Wehleidigkeiten sind wie Mühlsteine am Hals, wie Eisenkugeln am Fuß. Sie machen ein flexibles, ein neugieriges, ein lebendiges Leben unmöglich. Und da das Leben keine Rücksicht auf Mühlsteine und Eisenkugeln nimmt und sich einfach munter vor sich hin ändert, entstehen die Konflikte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die es so wortreich und lautstark zu beklagen gilt. Das ist die Sprengkraft, aus der sich die Wehleidigkeit so erfolgreich munitioniert.

Wehleidigkeiten sind die Gefängnismauern einer immobilen, einer beharrenden, einer zukunftsstörrischen Gesellschaft. Gefängnismauern, die immer dicker werden, je lauter die Wehklagen dahinter ertönen. Aus ihnen kann man sich nur befreien, wenn man erst erkennt, in welch verfahrene Situation man sich gebracht hat. Und dann gilt es viel zu üben und wirkungsvolle Rituale dagegen zu entwickeln.

Leider bleibt den meisten Menschen, die nicht aus den Fesseln der Wehleidigkeit ausbrechen können, nicht der flinke Ausweg eines Rücktritts mit unmittelbarer Wirkung – bei vollen Pensionsbezügen. Genauso wenig ist das Gesellschaften vergönnt, die sich vor lauter Wehleidigkeit nicht vorwärts entwickeln wollen. Die Welt entwickelt sich weiter, erbarmungslos, ohne auf Wehleidigkeiten auch nur ein Quentchen Rücksicht zu nehmen…

Bochum – Selbstverführung – Facebook


Marketing in der Praxis in Bochum

Ausflug nach Bochum – zum 10-jährigen Jubiläum des Marketing Clubs Bochum. Schauplatz in einem alternativen Club (Die Bastion) in einem ehemaligen Bunker. Statt einem Vortrag (wie zuletzt 2003) war diesmal ein spannendes interaktives Format gewählt. Ich befragte Mitglieder des Marketing Clubs zu ausgewählten aktuellen Trend-Themen wie Mobile Marketing, Social Media, Luxus, Innovation, Perma-Marketing, Location Based Services, Disruptive Märkte, Post-Print-Age, Monitoring und Gratis-Kultur.

Marketing Club Bochum

Selten kam ich so erfrischt und optimistisch aus einem solchen Event. So kurz die jeweiligen Interviews und Gesprächsrunden waren (5 Minuten +), so interessant und ergiebig waren sie. Und was am meisten Mut machte: Die dort versammelten Manager und Unternehmer hielten sich nicht mit rückwärts gerichteten Grundsatzdiskussionen auf, sondern agierten, argumentierten und handelten nach vorne los. Wie erfrischend und zukunftsorientiert. Bochum jedenfalls wird nicht nur dem Anspruch der Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ gerecht.

Kleine, interessante Einblicke in den Marketingalltag in Bochum:

  • Die sozial, ökologische GLS-Bank beeindruckt mit einem interessanten Blog (auf utopia.de), mit sehr gut geführten Facebook– und Twitter-Präsenzen.
  • Perma-Marketing macht zum Beispiel gerade Sport-Marketing aus. Besonders spannend wird es, wenn eine Mannschaft nicht nur 3-mal am Stück verliert, sondern 10-mal und absteigt. Eine echte Challenge…
  • Ehrlich und gut, wenn ein junger Marketing-Professor gesteht, dass er in Sachen Internet und Web-Marketing auch immer von seinen Studenten lernt.
  • Überraschend, wie einig man sich in der Meinung war, dass die Zeit des Print schon bald vorbei sein wird und deshalb Videos so viel wichtiger und wirksamer sind.
  • Witzig, wenn ein Brauereibesitzer zugibt, dass er seine Einschätzung zu Social Media korrigieren musste, als er erlebte, wie Kunden sich in Facebook-Aktionen für die Brauerei einsetzten.
  • Einleuchtend, wie Marktforscher schildern, wie sie Web-Monitoring längst ganz selbstverständlich einsetzen.
  • Ich habe nicht gewusst, dass Web-Befragungen bei der NRW-Wahl genauso präzise in der Prognose waren wie die großen Meinungsforschungsinstitute.

Solche Einblicke gewinnt man, wenn man abseits der großen Unternehmen und der Großsprecher der Medien und des Marketing mit Praktikern redet. Der Mittelstand handelt einfach – und scheint sich in der de-hierarchisierenden Wirkung der Social Media viel leichter zu tun als große Unternehmen. Hier sind die Hierarchien längst flach und transparent. Hier wird gehandelt – und nicht nach Karrieren geschielt.

Reise in die Vergangenheit

Die Verbindung zum Marketing Club Bochum geht auf einen Vortrag in den 90er-Jahren in Düsseldorf zurück. Damals habe ich die Zukunft des Prosumers, des zum Mitprodukzenten werdenden Konsumenten, prognostiziert. 2003 habe ich diese Vision eines Marktes, in dem der Konsument (mindestens) auf Augenhöhe mit den Produzenten agiert, in einem Vortrag in Bochum vor dem Marketing Club weiter exemplifiziert.

Es ist immer spannend mal nachzusehen, was man so vor Jahren erzählt hat. Sind die Prognosen in etwa so eingetreten wie vorausgesagt? Der Reality-Check ging in diesem Fall positiv für mich aus. Die Situation hat sich dank der Social Media sogar schneller und entschiedener zugunsten der Konsumenten verschoben, als gedacht. Heute können Produzenten kaum mehr gegen die geballte Macht der im Netz vernetzten Konsumenten angehen. Boykott-Aktionen wie zuletzt wieder bei Nestle zeigen das.

Ich habe aber einen Gedanken in dem Vortrag von 2003 sozusagen wiederentdeckt, den es heute ganz neu zu bewerten und weiterzuentwickeln gilt: Wenn die Hersteller von Waren nicht mehr die absoluten Herrscher über die Märkte sind, sondern die Konsumenten mindestens ebenso viel zu sagen haben, kommt ihnen auch eine neue Verantwortung zu. Zum Beispiel bei der Neuentwicklung neuer Angebote und Produkte.

Die Selbstbegeisterung der Kunden

Die Frage ist: Wie kann man in einem nicht hierarchischen System dafür sorgen, dass Bedürfnisse entstehen, artikuliert und reflektiert werden? Wie kann organisiert werden, dass Innovation und neue Konzepte sozusagen „gemeinsam“ entwickelt werden? Oder um es an einem Beispiel besonders plastisch zu machen: Wer übernimmt die Rolle eines Jules Verne, der in seinen Büchern seine Phantasien zu bahnbrechenden Menschheitsträumen werden ließ wie eine Reise um die Welt, wie U-Boote unter Wasser, wie einen Flug zum Mond und vieles mehr?

Meine Ideen dafür waren 2003 folgende:

  • Ende aller werblichen Manipulation
  • Entkoppelung von Kommunikation und Vertrieb
  • Offene, „absichtsfreie“ Kommunikation zwischen Kunden und Produzenten
  • Aufbau einer echten Kundenbeziehung
  • Reaktion und Feedback auf Kunden
  • Aufbau von Vertrauen, Affinität, Committment
  • Trigger von Kundenreaktionen (the magic moment!)
  • Hilfe zur Selbstverführung (Emotionalisierung)
  • Optimierung des Selbsterlebnisses des Kunden (Empowering)
  • Rolle als Mentor, Helfer, „Engel“ bei der Ich-Findung
  • Konsum als Individualisierungsprozess (statt Schnäppchenstolz)
  • Konsumptives Erleben von Motivation und Ich-Ideal (Konsum als Kommunikation)
  • Kauf als Fetisch von Motivation und Selbsterneuereung

Über diese Ideen der Selbstverführung der Kunden und dem vernetzten, gemeinsamen Brainstorming nach zeitadäquaten Träumen und deren Erfüllung demnächst einmal mehr.

Facebooks fataler Fehler

An diesem Punkt aber nur eine kurze Bemerkung zu Facebook. Facebook hätte alle Chancen, die ideale Plattform sowohl für die ideelle, kreative aber auch konsumistische Selbstfindung unserer (Konsum-)Gesellschaften zu werden. Wenn Sie sich aber nicht entblöden, auf das Niveau der manipulativen Werbung herabzusteigen, dann verpassen sie eine Riesenchance. Sie verraten die Konsumenten sozusagen an eine überkommene, veraltete Idee der Werbung. Der Verdacht liegt nahe, dass sie gar nicht verstanden haben, welch überragendes Potential sie in der Hand haben.

Wenn Facebook das nicht versteht, werden andere an ihre Stelle treten. Wie schnell Soziale Netzwerke abwirtschaften (in des Wortes Bedeutung) können, zeigen ja StudiVZ & Co.

Action in der Echokammer


Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient

Trends und Zeitgeist. Die Akzeptanz von neuen Ideen, neuen sozialen Ritualen , neuen Technologien ist immer auch ein Kampf um Begriffe. Mit griffigen, attraktiven Begriffen kann man neue Ideen wunderbar schmackhaft machen. Einer der besten Begriffe-Köche, der immer neue Termini aus dem Hut zauberte, war (und ist) Mathias Horx. Wieviele neue Trends hat er uns durch würzige Begriffe schmackhaft gemacht!

Nymphe Echo scheitert an Narcissus

Man kann mit perfide kreativer Wortwahl aber ebenso gut Neues sublim diskreditieren. Kein Problem. Auffällig in dem Zusammenhang ist die derzeitige Häufung des Begriffes „Echokammer“ – gerne auch in der angelsächsischen Version „Echo Chamber“. Damit werden nur allzu gerne die Social Media diskreditiert. Den Vorwurf, in den Social Media werde nur unter Seinesgleichen die eigene Meinung zementiert, formuliert im Blogbeitrag zum 15. Trendtag Thomas Huber (semanticon Unternehmensberatung): „Der explizit erklärte Zweck solcher Plattformen ist es, unter sich zu bleiben, die eigene Gruppe und ihre Überzeugung zu stärken und die eigene Sicht der Dinge nicht mehr zur Disposition zu stellen. Sie fungieren daher vor allem als Resonanzböden der jeweiligen Orientierung – der „Weltinnenraum des Kapitals“ zerfällt in unendlich viele kleine Echokammern. Man hört in dieser Abgeschiedenheit nur noch sich selbst, wie einst der bayerische Märchenkönig Ludwig II., der auf einem Floß im Königsee ganz versunken seinem eigenen Echo lauschte.“

Temperament gegen Teilzeit-Blockwarte

Huber sorgt sich angesichts der Fantalliarden von Echokammern um die Zukunft des kritischen Diskurses:  „Wie aber sollen künftig politische Diskurse in der bürgerlichen Öffentlichkeit organisiert werden, wenn einerseits die klassischen Medien mit Mut- und Fantasielosigkeit ihre Selbstzerstörung betreiben und zugleich andererseits der Trend zum social cocooning die politischen und sozialen Räume in wenige per RRS-Feed vernetzte Echokammern auf der eigenen Favoritenliste eingrenzt und eine (Re-) Flexion nicht mehr zulässt?“

Einwurf Eins: Jeder hat die Facebook-Gemeinde und den Twitter-Followermob, die er sich selbst gewählt hat. Härter formuliert: die er verdient. Wenn dann dort die Erfahrung gemacht wird, dass ein kritischer Dialog und jedwede Reflexion dort nicht funktionieren, dann sollte das zu denken geben. Ich würde an der Stelle diese Erfahrung erstens nicht verallgemeinern und dann – zweitens – schon gar nicht der Öffentlichkeit preis geben.

Natürlich finde ich es selten doof, wie schon erlebt, dass ein militanter Nichtraucher einen seiner Freunde aus Facebook verbannt, weil der raucht – und das auch in Zukunft auch weiter in Restaurants tun will. Aber wer hat mittlerweile immer noch nicht mitgekriegt, dass das Internet ganz wie das ganz normale Leben ist? Auch dort gibt es Teilzeit-Hausmeister, -Blockwarte, -Wichtigtuer und -Ideologen. Aber dagegen stehen so viel Witz, Engagement, Mut, Intelligenz, Temperament, Wärme und Liebe bis hin zur Euphorie, die das mehr als wettmachen.

Echo, die Schutzheilige der Re-Tweets

Einwurf Zwei: Die Echokammer als Beschreibung eines virtuellen Schmorens im eigenen Saft ist vom mythischen Bild her arg schief. Kurz zur Erinnerung: Die schöne Nymphe Echo scheitert tragisch in ihrem Versuch, den (selbstverliebten) Jüngling Narcissus zu bezirzen, weil ihr Hera die Sprache geraubt hat und ihr nur noch die Fähigkeit gelassen hat, die letzten Worte eines anderen zu wiederholen. Hera rächt sich damit an Echo, die ihr Geschichten erzählt hat, um so Heras Mann Zeus den Freiraum für amouröse Eskapaden zu geben. So gesehen ist die Nymphe Echo die Schutzheilige des intentionalen Storytellings – und aller Re-Tweeter.

Die Nymphe wird von Narzissus gar nicht wahrgenommen und verzweifelt darüber, zieht sich in eine Höhle zurück (Echokammer!) und verzehrt sich, bis sie nur noch Stimme ist. Gerade Narzissmus, der doch angeblich in Social Media so exzessiv gepflegt wird, nimmt das Echo gar nicht wahr…

Resonanzkörper voller Leben

Einwurf drei: Echokammer ist eigentlich ein Begriff aus der Tontechnik. Seit den 30er-Jahren, seit der Erfindung der Tonaufnahme, gibt es sie, um Musik mehr Volumen, mehr Hall und mal mehr Leben, mal mehr Melancholie zu geben. Die vielleicht berühmteste Echokammer gab es in den Abbey Studios, die später durch die Plattenaufnahmen der Beatles berühmt geworden sind. Die berühmteste Echokammer Deutschlands waren die riesigen Hallen der Hansa-Tonstudios. David Bowies Stimme in „Heroes“ etwa hat durch sie seine besondere Sounddramatik erhalten. Manchmal waren die Echokammern aber auch viel kleiner und profaner. Die Doors etwa nutzten ihr Klo als Echokammer.

So gesehen dreht es einem bei Thomas Hubers Bild von König Ludwig auf seinem Floß die Fußnägel auf. Er genau war nicht in einer Echokammer. Diese eben waren eher Resonanzböden, um Musik besondere Dimensionen zu geben und genau nicht, um Leere und Nichtigkeit zu erzeugen. Auch dann nicht, als Echokammern seit den 50er-Jahren elektronische Geräte waren (zunächst Tonbänder mit Endlos-Loop) und dann digitale Schaltkreise…

Social Media sind künftig die Medien

Einwand Vier: Ich stimme voll mit Rob Key überein, der in einem Artikel in iMEDIA forderte: We have to kill „Social Media“! Halt, keine Angst, Key ist nicht das US-Pendant zu Thomas Huber. Im Gegenteil. Er findet, es ist höchste Zeit, aufzuhören von „Social Media“ zu reden. Der Begriff tut, als wäre es irgendwas Besonderes, dass Menschen wie selbstverständlich miteinander im Internet kommunizieren, ganz ohne Anleitung von oben, außen oder sonstwo her. Zitat Rob Key: „We are rapidly moving to a post-social media world, where all media is social, and brands and businesses recognize its power to influence the entire enterprise.“

Kommunikation ist immer sozial. Medien sollten immer Kommunikation sein. Social Media wird DAS Medium sein. Ganz einfach – ohne Echo und jenseits aller Kammern…

Mobile Zigaretten


Sind unsere Mobiltelefone die neuen Zigaretten?  

So kann man eine Überschrift auch missverstehen. Kreativ sozusagen. Ich fand den Link auf den Artikel im Newser gleich interessant: „Cell Phones Are the New Cigarettes“. (Danke Andrian!) Der Artikel geht darum, dass es warnende Stimmen von Wissenschaftlern gibt, die die Unbekümmertheit gegenüber der Strahlenbelastung von Mobiltelefonen mit der Wurstigkeit gegenüber der Schädlichkeit von Zigaretten, wie sie in den 60er-Jahren herrschte, vergleicht.  

Franz Josef Strauß - mit Zigarre - im Interview mit Günter Gaus

 

Meine erste Assoziation zu dieser These: Die Erinnerung an Einladungen bei uns zuhause im Münchner Vorort-Reihenhaus, in dem das kleine Wohnzimmer nach dem Essen binnen Minuten in dichten Dampf aus Zigaretten und Zigarren vernebelt war. Und natürlich die Erinnerung an die von meinem Vater sorgsam und mythisch aufgeladene zelebrierte Genuss-Inszenierung, wenn er abends seine geliebte Zigarre an seinem Platz unter der Stehlampe anzündete. Wohlgemerkt rauchte er strikt nur eine Zigarette (orientalisch, ohne Filter) und eine Zigarre am Tag, die Karwoche ausgenommen. Am Abend des Karsamstags folgte dann die intensivste Genuss-Feier.  

Schweißtreibende Zigarren  

Die nächste, nicht mehr so private Erinnerung: die berühmten Interviews von Günter Gaus mit den großen Politikern jener Zeit. In der dunklen, dramatischen Schwarz-Weiß-Atmosphäre damals zogen stets Rauchschwaden Kringel und Kreise und untermalten so die Bedeutungsschwere der Situation.  

Berühmt wurde dann das Interview von Gaus mit Franz Josef Strauß, in dem er – ganz à la Ludwig Erhard – sich an einer Zigarre abarbeitete und darüber – und natürlich durch die inquisitorischen Fragen von Gaus – grandios ins Schwitzen kam. Da erregte sich mein Vater schwer, dass da sein Held Franz Josef so in die Mangel genommen wurde. Er verpaffte da so manche Chance, es als seriöser Politiker vielleicht bis zum Kanzler zu schaffen.  

Die Gestik des Rauchens  

Das Rauchen war hier eine Inszenierung (die im Falle FJS schief ging) und eine wunderbare Möglichkeit, seine eigene Nervosität in den Griff zu bekommen – und auch Momente der Langeweile zu überbrücken. Vielleicht sollte man sich bei der Diskussion über das Suchtverhalten beim Rauchen nicht immer nur auf das  Nikotin und andere Suchtstoffe beschränken, die die Zigarettenindustrie ganz bewusst ihren Mischungen hinzufügte. Auch die Tatsache, in vielen Situationen des Lebens nichts mit unseren Arme und Hände anfangen zu können, haben sicher viele Zigaretten aus schierer Übersprungshandlung zum Glimmen gebracht.  

So steil die These klingen mag, so habe ich dafür eine kuriose „Beweisquelle“. Alexeij Sagerer, einer der mutigsten, querköpfigsten, unkonventionellsten und kreativsten Theatermacher Münchens, war einst einer der gnadenlosesten Kettenraucher, die ich je erlebt habe. Aber von einem Tag auf den anderen war er Nichtraucher. Wie das gehen konnte? Seine Erklärung war eben so simpel wie einleuchtend (und wirksam): „Ich habe das Rauchen aus meiner Gestik herausgenommen.“  

Das nur mal so als Tipp für alle Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Statt Therapien und Nikotinpflaster: vielleicht sollten sie mal einfach ein paar Tage lang das Eigenleben – und das Suchtverhalten – ihrer Hände beobachten, analysieren – und therapieren. Vielleicht gelingt ihnen ja so, das Rauchen aus der Gestik zu streichen – auch wenn sie keine Schauspieler sind und nicht gewöhnt sind, Gestik bewusst einzusetzen.  

Zünden wir uns ein Handy an?  

Nachweislich haben es in den letzten Jahren ganz viele Menschen geschafft, wieder Nichtraucher zu werden. (Ich ja auch.) Und vielleicht auch gar nicht, weil es den Rauchern immer schwerer gemacht wird, ihrem Laster zu frönen, oder weil wir eine Wellness-Gesellschaft samt dem damit verbundenen Gesundheits-Appeal (Appell?) geworden sind. Sondern ganz einfach, weil unsere Hände ein wunderschönes Spielzeug bekommen haben, mit dem sich überflüssige Bewegungsenergie wunderbar kanalisieren lässt: das Handy.  

Ein Blick in die Alltagswelt: Zu den Gelegenheiten, in denen das Aktivitäts-Momentum kurz abreißt, da hat man sich früher eine angezündet. Heute nimmt man in diesen Momenten flugs das Handy zur Hand und telefoniert, simst, checkt Mails, twittert oder fummelt sich von App zu App. So lässt sich lästige Alltagslangeweile „sinnvoll“ überbrücken. Und so lassen sich auch Rekreationspausen und Auszeiten glaubhaft legitimieren, so wie früher mit der kurzen Zigarette zwischendurch.  

Strahlen statt Rauch 

So gesehen hat der Artikel recht: Mobiltelefone sind wirklich unsere neuen Zigaretten. Und statt beißendem Rauch geben sie Strahlen ab. Die aber riechen wenigstens nicht und keiner muss einst wie meine Mutter nach jedem großen Fest mühevoll und mit großem Protestgetöse rauchgeschwängerte Gardinen waschen.  

Und, ach ja, in Bayern steht ja jetzt bald der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz an. Wo alle Rauchgegner für „Ja“, und alle Raucher mit „Nein“ stimmen müssen. (Wie absurd!) Da steht uns ein heißer Sommer mit erbitterten Streitereien bevor. Ein Riss quer durch die Gesellschaft.  (Kein Scherz.) Aber lieber bei solch einem Thema, als bei einem ernsteren! Und um es klar zu machen: Ich bin für einen konsequenten Nichtraucherschutz. – Wir haben ja unsere Handys!

Zukunft der PR


PR-Awards: Das PR-Business feiert sich selbst

Berlin am Donnerstag. Im Maritim Hotel finden die PR Report Awards 2010 statt. Die PR Branche feiert sich selbst – und krönt etliche Preise für eine absurd vielfältige Kategorienliste – um dann doch einen Mix aus den üblichen Verdächtigen und dankbaren No-names und Nachwuchs-Initiativen, die keine echte Konkurrenz darstellen, mit Preisen zu versehen. So weit, so gut und eigentlich nicht weiter erwähnenswert. (Ja Markus Lanz als Moderator hat seine Sache gut gemacht, der ist wohl immer gut gelaunt, wenn ein Scheinwerfer an ist…)

Perry Rhodan

Was ein wenig wundert, ist die Tatsache, dass man als Normalkonsument von den meisten Kampagnen, die ausgezeichnet wurden, nichts mitbekommen hat, selbst als notorischer Mediennutzer. Das ist bei lokalen und regionalen Kampagnen verständlich, aber befremdend bei großen Agenturen und Kunden. Hat da die Konjunktur dann doch die Budgets so sehr geschmälert, dass sie nicht mehr wirklich in der Breite wirken konnten?

Was mich am meisten irritiert hat, war der gänzliche Mangel an Reflexion in der Branche. Keine Rede von geschmälerten Budgets durch die Finanzkrise, nur ein kleiner Seitenhieb auf die PR von Banken & Co.: für die Rubrik Finanzdienstleistungen wurden in diesem Jahr keine Preise verliehen. Offizieller Grund war die mangelnde Qualität der eingereichten Arbeiten.

Digital Naives

Digitalisierung, was ist das? Noch schlimmer aber, wie nonchalant über den Wandel zur Digitalität hinweg gegangen wurde. Immerhin wurde bisweilen erwähnt und gelobt, dass Social Media im Plattform-Mix integriert waren, etwa bei „Perry Rhodan twittert“. – Peinlich nur, dass Perry, der ewig und tausend Jahre lebende Weltall-Bummler, seine Twitter-Aktivitäten seit dem 15. März gänzlich eingestellt hat (und nur zur Veranstaltung noch einmal aus dem Koma für einen Tweet aufwachte). Und natürlich waren alle Tweets selbstreferentiell, ohne Links und Tags.

An diesem Kuriosum sieht man sehr gut, wie diese Branche noch nicht kapiert hat, was Social Media – und was Digitalität – bedeutet: Das Ende eines Kampagnen-Denkens, das Committment für eine Sache, das Ernstnehmen der Konsumenten, kurz das Ende der Manipulation und der Übergang zu einer Kooperation mit den Kunden.

Vielleicht auch daher keine Reflexion, in welche Richtung die PR in Zukunft gehen wird. Die Wahrheit ist möglicherweise auch ein wenig zu unangenehm, um in solcher zum Feiern zusammen gekommener Runde zu passen: Wie Werbeagenturen steht auch den PR-Agenturen ein umfassendes Revirement bevor. Das wird für viele schmerzhaft werden, weil Pfründe verloren gehen und Newcomer (oder auch kluge Profis), die etwas von Digitalität verstehen, Etats abziehen werden.

Die Kommunikation der Zukunft – jenseits aller Manipulation – wird die verschiedensten Disziplinen, die bisher sorgfältig darauf geachtet haben, sich voneinander abzugrenzen, in einem wilden Mischmasch zusammenführen: Werbung, PR, Unternehmenskommunikation, Social Media, Corporate Media, Sales, Marketing und Markenführung. Das alles wird sich miteinander abstimmen müssen, das alles muss Hand in Hand arbeiten und Synergien zueinander schaffen.

Das allzu menschliche Gegeneinander

Es wird nicht möglich sein, dass es noch ein Nebeneinander – oder wie in allzuviel Firmen üblich: ein Gegeneinander – in den verschiedenen Abteilungen gibt. Vor allem PR, Unternehmenskommunikation, Marketing, Sales und Social Media müssen in Zukunft extrem eng zusammenarbeiten, wollen sie noch in einem de-hierarchisierten Medienumfeld, in dem die Kunden so viel mehr Macht haben, funktionieren. Und nur wenn ihre Aktivitäten eng verzahnt sind und die Kommunikation miteinander optimal ist, können sie in etwa mit der Durchschlagskraft von Real Time-Medien und deren Hang zu spontanen (Medien-)Hysterien, impulsiven Boykott-Irrtümern und Trend-Kapriolen mithalten.

Die Wahrheit aber ist, dass diese Abteilungen in nicht allzu ferner Zukunft zusammengelegt werden müssen, will man als große Firma etwa wertvolle Marken am Leben erhalten und unlangweilige und innovative erfolgreich vermarkten. Der menschliche, allzu menschliche Hang zum Karriere-Egoismus wird wohl erfolgreich verhindern, dass Abteilungen wie PR, Werbung oder Unternehmenskommunikation, die ja schon immer attraktiv für große Egos waren, jemals wirklich gedeihlich und synergetisch zusammenarbeiten können.

Firmen ohne Marketing

Es ist ja der große Vorteil von neuen, jungen (digitalen!) Firmen, dass sie fast immer von vornherein auf solche Abteilungen verzichten konnten, und daher dieses Dilemma schlicht nicht kennen. Google, Facebook etc. geben kein Geld für Werbung aus. Marketing ist hier eher ein Synonym für Reichweite. Gerade mal PR – und die in engster Abstimmung mit Social Media – ist in solchen Firmen nötig.

Dieser Vorteil wird sich in Zukunft um so massiver auszahlen, wie „alte“ Firmen immer mehr in die Bredouille geraten, die Hahnenkämpfe ihrer verschiedenen Kommunikationsabteilungen in den Griff zu bekommen und die Botschaften aus einem Firmenumfeld halbwegs konsistent zu bekommen. Dann wird es nicht nur eine Social Media Governance geben, sondern genauso eine (interne) Marketing- und PR-Governance.

Interessante Zeiten für Werbung und PR. Nicht umsonst formuliert der alte chinesische Fluch für schlimmste Feinde und Gegner den hinterhältigen Wunsch: „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“

Routen und Routinen


Was wären wir ohne Vulkane

Jeder gute Coach empfiehlt seinem Schützling, immer wieder ganz bewusst aus Routinen auszubrechen. Etwa einen Tag alle Alltagsarbeiten mit der linken, statt der rechten Hand (sofern man Rechtshänder ist) zu verrichten. Meist eine sehr kuriose Erfahrung. Wie unbeholfen, „linkisch“ zunächst alles von der Hand geht, aber dann immer besser. Und am Ende amüsiert man sich fast über seine alte Fixierung.

Es gibt so viel andere spannende Möglichkeiten, aus seinen Routinen auszubrechen: Etwa in ein Konzert eines Künstlers zu gehen, an den man nie im Leben gedacht hat. So bin ich vor Jahren eines Samstags mit meiner Freundin Annette zu einem Reggae- und Dub-Open Air irgendwo bei Frankfurt gereist. Ausgerechnet ich, der immer Reggae auf „trägge“ gereimt habe und nur auf Gitarren und Rock stand – na ja, auch ein wenig Jazz. Was für ein ausgelassenes Fest das schließlich zu Reggae-Musik war, 12 Stunden tanzen am Stück, Frohsinn – Unsinn – Gemeinschaftssinn.

Carmen im Chiemgau

Oder mein erster Opernabend vor Jahren auf Gut Immling. Ich hatte mir geschworen, die Aufführung zu durchschlafen. Das hatte ich mir bei unaushaltbaren Theaterstücken ganz gut als Überlebenstaktik angewöhnt. Aber dann war „Carmen“ eine solch rassige Person und die Inszenierung so mitreißend, dass sogar die Musik zu gefallen begann. Carmen spielte im Prostituierten-Milieu von Havanna. Der Chor hatte hier als schräge Mixtur aus Nutten und Zuhältern zu agieren. Und das taten die Mitglieder mit extrem viel Spiellust und Überzeugungskraft.

Dazu muss man wissen, dass sich der (berühmte) Chor vom Opernfestival auf Gut Immling aus Sängerinnen und Sängern aus allen Bevölkerungskreisen aus dem Chiemgau und München zusammensetzt. Und dann hatte man das Vergnügen, Tante Emmi und die Frau Nachbarin als Nutten und Onkel Bertram und Neffe Xaver als Zuhälter kennenlernen zu dürfen. Ich kann berichten, es gibt nichts Verbindenderes als solche „Überraschungen“. Nachher im Gastronomiezelt gab es ein riesiges Hallo, als der Chor nach der Vorstellung seine Verwandtschaft beim Bier traf. (Auf Gut Immling gibt es auch heuer wieder „Carmen“ zu sehen (diesmal im Circus-Milieu) – und Wagners „Fliegenden Holländer“ …)

Genauso irritierend waren meine ersten Besuche in den 70er-Jahren auf der „documenta“ in Kassel. Zunächst kommt man sich inmitten der Kunstfreaks nur blöd und fremd vor. Aber schon am zweiten Tag ist aller Dünkel weg. Dann erzählen plötzlich die Kunstwerke, Installationen und Performances tolle, verständliche Geschichten. Man verbringt die Abende in einer wilden Mischung aus verrückten Menschen – und das ist dann einfach herrlich normal. So angeregt und in des Wortes Bedeutung „beseelt“ wie damals habe ich nie zuvor und nie wieder danach in einem VW-Bus geschlafen.

Gemeinsam gegen die Asche

Und jetzt üben wir als Weltgesellschaft wieder mal einen Ausnahmezustand, dem unaussprechlichen Vulkan auf Island sei Dank. Und es gibt keine Panik. Überall hört man nur von Solidarität, neuen Freundschaften und Schicksalsgemeinschaften, die sich über alle Landesgrenzen und Mentalitäten gegen die Widrigkeiten einer unfreiwilligen Verbannung in der Fremde bilden. Jeff Jarvis, der es mit dem letzten Flieger aus München nach New  York geschafft hat, hat in seiner Erzählung seiner Odyssee von der re:publica in Berlin nach Hause voller Erstaunen von der Hilfsbereitschaft und dem Improvisationstalent von Deutschen (!) berichtet. Und selbst die Kanzlerin zeigte Solidarität mit ihrer Journalisten-Reisetruppe auf der Fahrt quer durch Europa via Italien nach Berlin.

Die Erzählungen und Witzchen, die in Facebook und Twitter zu den Irrfahrten per Zug, Auto und Schiff zu lesen sind, strotzen nur von Gelassenheit und Verbundenheit mit Leidensgenossen. Ja sogar eine TEDx-Konferenz ist spontan in London von gestrandeten Fachleuten veranstaltet und live im Internet übertragen worden. Dabei kam bei allen interessanten Inhalten eine wunderbar entspannte und solidarische Stimmung rüber.

Dem Eyjafjallajökull sei Dank. Er hat die Welt, auf alle Fälle aber Europa gezwungen, einmal innezuhalten und für ein paar Tage sozusagen von der linken Hand in den Mund zu leben. (Welch linkisches Bild!) Er hat uns gezeigt, wie eine Welt ohne Flugzeuge aussehen kann. Ohne Lärm und ohne Kondensstreifen. Aber auch ohne die übliche Selbstverständlichkeit, an jedem beliebigen Ort der Welt zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu sein. Ohne die Urlaubsbequemlichkeit, einfach „mal weg sein“ zu können. (Und deswegen fliegen sie dann wieder: für das Bruttosozialprodukt: siehe dazu TEDxVolcano.)

Heilsame Zäsuren

Nach einem Tag, andem man nur mit links agiert, nach einem Kulturerlebnis, das einen auf dem falschen Fuß erwischt und daher unvorbereitet tief ins Herz trifft, ist die Welt ein klein bisschen anders, anders schön und anders gut. Und auch die Welt wird nach solch einem einschneidenden Abenteuer einer Zwangsimmobilität bzw. einer Zwangsverlangsamung ein kleines bisschen anders sein. Viele werden etwas bewusster reisen oder auch mal anders reisen – oder auch mal nicht. Es wird ein Stück weniger normal sein, woanders zu sein als zu Hause. Und so lange noch Aschepartikel herumschweben (und das werden sie noch lange), wird jeder Flug wieder ein Abenteuer sein. (Und dafür ist nicht jeder gebaut.)

Mal sehen, wie schnell sich die Reise-Routinen wieder einschleifen – und wie sie dann aussehen werden? Ich kann mir gut vorstellen, dass hier eine kleine Trendwende zu weniger unsinnigen (Geschäfts-)Reisen eingeleitet worden ist. Und zwar wirksamer als es bisher alle Einsparungen geschafft haben. Die logische Folge wäre eine gestiegene Akzeptanz von digitaler Kommunikation, von digitalen Dokumenten, von (hoffentlich bald mal wirklich problemlosen) Videokonferenzen und von virtueller Realität. Dann können wir unsere physische Präsenz in anderen Ländern wieder ganz anders, nämlich bewusst genießen.