Drehbuch des eigenen Lebens


Die Manipulation der Massen und Medien

Hätte nicht gedacht, dass ich auch noch mal Gedanken zu Michael Jackson oder Tiger Woods zu Desktop bringe… – Aber auffallend ist schon wie schwer sich Menschen mit dem Drehbuch tun, das sie und vor allem andere für ihr Leben geschrieben haben.

Zynisch gesehen bastelt sich jeder Mensch seine eigene Lebenslüge. Es kann sehr hilfreich sein, in dem warmen Bett einer gepflegten Selbsttäuschung zu leben. Das geht perfekt, so lange diese nicht allzu heftig mit einer anderen, die gerne Realität genannt wird, kollidiert. Aber je mehr Sozialkontakte man hat, um so schwieriger wird es, eine Lebenslüge, die sehr weit ist vom eigenen Ich, durchzuhalten.

Ganz hart wird es, wenn die Drehbücher des Lebens zum einen von falschen Erwartungen an das eigene Ich geschrieben werden. Daran können die Eltern (Michael Jackson, Tiger Woods) heftig schuld haben oder auch Ehefrauen oder Freunde, die zu viel Einfluss auf das eigene Leben gewinnen. Das schafft man aber auch gut selbst, sich seine eigene falsche Erwartungswelt aufzubauen, wenn man nie so recht aus den Allmachts- und Alles-Können-Phantasien der Pubertät herausfindet.

Am schlimmsten aber wird es, wenn das Drehbuch des eigenen Lebens von den Medien und damit mittelbar vom Massenpublikum geschrieben wird. So besonders extrem geschehen bei Michael Jackson. Das Zuckerguss- und Fantasy-Märchen mit Pop-Appeal, das hier zur Aufführung kommen sollte, war einfach nicht mehr lebbar. Und die dann logischen Kollisionen des gelebten mit dem erwünschten Lebens werden natürlich genüsslich von den Medien ausgekostet. (Da machen inzwischen längst sogar die sich selbst „seriös“ nennenden Medien keine rechte Ausnahme mehr. – Aber das ist jetzt wieder ein anderer Fall von Lebenslüge…)

Dieser Konflikt zwischen einer Erwartung an den Lebenszuschnitt eines Stars, seinen eigenen Erwartungen und der seines sozialen Umfeldes und den Realitäten des Lebens – und der Medien – kann sehr leicht eskalieren, weil alle diese Komponenten ihre Eigendynamik haben und logischerweise mehr als selten kongruent sein können. Irgendwann kommt es dann aus den Konflikten zu ersten kleinen Störfällen in dem sonst scheinbar so perfekten Drehbuch.

Überraschendes Finale im Drehbuch

Die Störungen können physischer Natur sein: Erschöpfungssymptome, Krankheiten etc. Aber anstatt das als Hinweis für einen außer Kontrolle geratenen Lebensplan zu verstehen, werden solche Irritationen vor allem von Menschen, die das Thema Allmacht nicht für sich in Griff bekommen haben, mit Tabletten jeglicher Couleur und Substanz bekämpft. Bis hin zur perfekten Eigenvergiftung. So bekommt dann das Drehbuch des eigenen Lebens ein für alle Beteiligten sehr überraschendes Ende geschrieben. So geschehen bei Elvis oder eben auch Michael Jackson.

Die Störungen können natürlich auch psychologischer Natur sein. Da wird dann mal gerne eine dunkle Parallelwelt zum Überkitsch des eigenen Drehbuchs geschrieben. Ich könnte mir  gut vorstellen, dass das so bei Tiger Woods oder Ashley Cole so gelaufen ist. Und wenn im Drehbuch immer nur Siege und Triumphe aneinandergereiht werden, kann man ja auch der Illusion verfallen, dass das für jeden Lebensbereich gilt und man mit allem heil davon kommt.

Ich mag mir nicht vorstellen, was in einer amerikanischen Suchtklinik passiert, die sich auf Sex-Sucht spezialisiert hat. Kaum vorstellbar, dass dort Lebenslügen demaskiert werden und der Weg zu einem authentisch gelebten Leben bereitet wird. So schön es wäre. Da wird doch vermutlich eher an einem neuen Drehbuch gestrickt. An einem besseren oder nur an einem leichter lebbaren Drehbuch des eigenen  Lebens.

Rent a wing

Wenn das dann kein Autorenfilm wird, also der Held nicht selbst Regisseur ist; oder wenn dessen Talent zum Regisseur begrenzt ist, dann ist das nächste Scheitern vorprogrammiert. Sehr zur Freude des breiten Publikums, die Dramen und böse Grimmsche Märchen lieber mögen als Zuckerguss-Parodien. Und sehr zur Freude ihrer Helfershelfer, der Medien.

Einen Vorschlag für ein neues Drehbuch für Tiger Woods kam ja schon. Ausgerechnet von Bau-Schwerenöter Donald Trump. Er schlägt vor, Tiger solle wieder auf die Golf-Tour gehen, diesmal gleich als promisker Playboy. Ohne Gewissensbisse und mit hohem Frauenverschleiß. – Nun ja, dann wären aber schnell einige Sponsoren weg. Aber neue könnten hinzugewonnen werden. Red Bull vielleicht. Das verleiht ja immerhin Flügel. Rent a wing sozusagen…

Avatare unseres Selbst


Einsam im Internet

Der Literaturkritiker William Deresiewicz beklagt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Vereinsamung im Internet. Deresiewicz firmiert in dem Interview als Kulturkritiker, als solcher ist er aber bislang kaum aufgetreten. Einige Aspekte – vor allem im zweiten Teil des Interviews – sind interessant, aber einmal mehr wird hier Kulturpessimismus beschworen und Digital-Allergie gelebt, wie sie in den Printmedien-Häusern in Deutschland so zwanghaft gepflegt wird. (Siehe dazu auch: Das Digital Anxiety Syndrom.)

Diesmal geht es also um  Vereinsamung. Klingt ja schön provokant, dass ausgerechnet die große Kommunikationsmaschine Internet einsam machen soll. Deresiewicz beruft sich bei dieser These auf den amerikanischen Kulturkritiker Lionel Trilling. Zitat: „(Er) schrieb bereits vor 50 Jahren, dass die Moderne von der Angst des Einzelnen geprägt ist, nur eine einzige Sekunde von der Herde getrennt zu sein.“

Trilling kritisierte in den 50-er Jahren, nach seiner Wandlung vom Marxisten zum Proto-Neo-Konservativen, gerne die Moderne. Er lag mit seinen Beobachtungen oft nicht falsch. Nur leider kritisierte er eine Moderne, die so heute nicht mehr existiert. Die Moderne bei Trilling ist noch die  der 50-er Jahre samt Atomkraft-, Maschinen- und Automatisierungsbegeisterung. Metropolis und Orwells „1984“ lassen grüßen.

Da sind wir heute längst hinweg. Hilfreich ist hier die Unterscheidung zwischen der so genannten schweren Moderne, wie sie Trilling beschreibt, und der leichten, flüchtigen Moderne, wie sie Zygmunt Baumann für unser postindustrielles Zeitalter der Bits und Bytes beschreibt. Eine Zeit und eine Kultur eher jenseits der Post-Moderne. Einer bislang sicher erst rudimentär entwickelten Digitalen Kultur.

Angst vor dem Alleinsein

Kernthese Deresiewiczs ist eine Analogie zum TV, das eigentlich geschaffen wurde, um Langeweile zu vertreiben, die Langweile aber nur vervielfachte. Das Internet sieht Deresiewicz auf demselben Weg: „Je mehr uns eine Technik die Möglichkeit gibt, eine Angst des modernen Lebens zu bekämpfen, umso schlimmer wird diese Angst bei uns werden. Weil wir ständig mit Menschen in Kontakt treten können, fürchten wir uns umso mehr, allein mit uns und unseren Gedanken zu sein.“

Hier unterschätzt ein Literaturkritiker (!) wieder einmal die interaktive Netzwerkkraft des Internet. Noch nie wurden so viele Gedanken so schnell (Twitter) und so zahlreich (Facebooks, Blogs) ausgetauscht wie heute. Viele banale Gedanken, zugegeben, aber eben auch viele, viele intelligente, einfühlsame und gute Gedanken und Ideen.

Spannendes Digitales Ich

Deresiewicz betont, dass er selbst in Facebook aktiv ist. Na ja. Auf alle Fälle überrascht dann doch seine These: „Je mehr Spaß Menschen an ihren Facebook-Statusnachrichten zu haben scheinen, umso weniger Spaß haben sie in ihrem echten Leben. Das kann dazu führen, dass wir uns zu Avataren unserer Selbst verwandeln: Plötzlich merke ich, dass mein digitales Ich auf Facebook ein aufregenderes Leben hat als ich selbst.“

Ich jedenfalls habe den Eindruck, dass dieses Problem eher im realen Leben besteht: Da nerven mich „Darsteller der Wirklichkeit“ mit ihrem Klischeeverhalten weit mehr als Wichtigtuer in Facebook. Die kann man auch mit „hide“ wunderschön ausbremsen. Im realen Leben geht das nicht – leider…

Es liegt mir auf der Zunge


Zu viel Information – zu wenig Exformation

Wer jammert nicht über die Informationsflut? Zwei Exabytes, das sind zwei Milliarden Gigabytes, kommen jährlich an neuen Informationen beispielsweise allein im Internet hinzu, mindestens. Das Wissen der Welt verdoppelt sich – da streiten die Experten – alle sechs bis zwölf Jahre. Auch das nur ein Annäherungswert.

Der Zuwachs an Wissen und Information könnte objektiv gesehen eine positive Tatsache sein, subjektiv wird sie aber durchweg als unangenehm und stressig empfunden. Kein Wunder, denn die schiere Masse, die Komplexität und Chaotik der Informationsflut verringert rasant die Menge an Exformation.

Exformation ist die Menge an Informationen, die wir unausgesprochen mit dem uns umgebenden Umfeld teilen. Dazu zählt auch das Arsenal an Gesten, Lauten, Mimik, aber auch Scherzen, Dialekt- und Umgangsausdrücken, das sich  im sozialen Umfeld eingebürgert hat. Das alles wird gerne – und treffend – auch „soziales Geräusch“ genannt.

Das berühmteste Beispiel an Exformation ist ein Brief des französischen Autors Victor Hugo an seinen Verleger, in dem er nach den Verkaufszahlen seines neuesten Romans „Les Misérables“ fragte. Hugos Brief lautete schlicht: „?“. Die Antwort seines Verlegers war ebenso kurz: „!“. Und beide wussten was Sache ist. Das Buch verkaufte sich gut.

Das Problem der Informationsflut,  vor allem aber der Diversifikation der Medien ist, dass immer weniger Exformation geschaffen wird. Das Verbindende gemeinsam gelesener Medien, gemeinsam gesehener Filme und Fernsehsendungen etc. wird immer weniger, die gemeinsame soziale Taktung zunehmend reduziert.

Exformation in Social Media

Der Erfolg der Social Media ist genau aus diesem Mangel heraus zu erklären. In Facebook & Co. kommuniziert man besonders gut in einem gemeinsamen sozialen Kontext, stellt Gemeinsamkeiten durch positive Affirmationen via „Like“-Button oder durch kurze Bemerkungen und Scherze immer aufs Neue aktiv her.

Heute nur mal kurz den Namen „Westerwelle“ erwähnt, vielleicht noch durch eine ironische Bemerkung garniert, das garantiert im richtigen sozialen Kontext auf alle Fälle reichlich Affirmation. Dasselbe gilt für andere Reizwörter. Ähnlich wirksam sind Bemerkungen und Kommentare in Blogs, die einen Sachverhalt, einen Missstand oder einen Trend in wenigen Worten treffend auf den Punkt bringen.

Das Problem vieler etablierter Medien, vor allem der, die sich zu sehr auf Zulieferung von Dritt- und Billiganbietern oder austauschbaren Agenturen verlassen, ist der Umstand, dass sie vielleicht reichlich Informationen bieten, aber keine oder viel zu wenig Exformation schaffen. Das führt sehr schnell zu einer Entfremdung zwischen  Zeitung und Leser, TV und Zuschauer, Medium und User. Das passiert eher sublim und schleichend, aber dabei mit verheerenden Auswirkungen. (Das ganz besonders bei jungem Publikum.)

Digitale Exformation hat Zukunft

Nichts ist erfolgreicher, als wenn man etwas liest und sich dann freut, wie durch einen Text ein Stück Common Sense auf den Punkt gebracht ist. Nichts beeindruckt dauerhafter, als wenn ein Mediennutzer das Gefühl hat, als wäre das, was er liest oder sieht, ihm quasi schon auf der Zunge gelegen. Das ist der perfekte Moment, an dem Exformation passiert.

Medien, Content-Provider oder auch Blogs, die im Digitalen Raum Exformation schaffen, haben die besten Perspektiven. Dasselbe gilt für alle Firmen, die dies mit eigenem Content oder perfekter Nutzung/Einbindung von Social Media schaffen. Ihnen gehört die Zukunft – in einer Zeit jenseits manipulativer Werbung – in einer Zukunft der Eigenbegeisterung der Nutzer. Im Exformations-Zeitalter.

Heilige Maria & Gefrierfisch


Döntjes auf 10.000 Meter

Ein kleines Seitenthema in „Up in the Air“ (Buch & Regie: Jason Reitman) mit dem wunderbaren George Clooney in der Hauptrolle (mehr zum Film in „Up in the Air 1“) sind die Bekanntschaften und Freundschaften auf (ganz kurze) Zeit, die man vor allem auf Langstreckenflügen mit Sitznachbarn schließt. In „Up in the Air“ erkennen sich Clooney und sein Flugkamerad vom Vortag am nächsten Morgen beim Einchecken nicht einmal mehr.

Zwei solcher Gespräche in der intimen Nähe einer Sitzreihe sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. – Auf dem Flug von Seattle zurück saß vor Jahren ein gemütlicher, vollbärtiger Mann neben mir. Vielleicht Anfang 60, Typ sympathischer Pappi. Angenehm unaufdringlich, aber wir kamen trotzdem ins Gespräch. Anlass war seine Bemerkung, mit der er mich von meinem Gangplatz aufscheuchte, er müsse jetzt hinten im Flugzeug nach seinen Norwegern sehen, die er gestern gefeuert habe und die deshalb heute nach Hause fliegen. – So ein Satz macht neugierig.

Käpt’n Iglo erzählt

Der nette Pappi stellte sich als Chef der Fischfangflotte eines großen Nahrungsmittelherstellers heraus. Er war also der Herr der Fischstäbchen. Gruselig die Schilderung der Arbeitswirklichkeit auf den Fangschiffen und speziell auf den Fabrikschiffen, auf denen der frisch gefangene Fisch gleichg erzählt vor Ort ausgenommen, portioniert, gefroren und paniert wird.

An den Fließbändern arbeiten – so erzählte es jedenfalls Käpt’n Gefrierfisch – fast nur russische Frauen, vorzugsweise Akademikerinnen. Nur sie hätten die psychischen Voraussetzungen, solch schlimme Arbeit in brutalster Kälte und Nässe bei schwankendem Schiff durchzuhalten. Sechs Monate am Stück, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden täglich. Dann vier Monate Pause und Familienleben, die Ehemänner kümmern sich derweil um Haushalt und Kinder.

Diese Frauen seien die Einzigen, so der Käpt’n, die bei der Knochenarbeit nicht irgendwann zu saufen beginnen. Deshalb habe er ja auch die Norweger, die die Schiffsmannschaft stellten, rausgeschmissen. – Der Grund für das rigide Vorgehen: Gerade erst wäre ein Fabrikschiff mit etlichen Dutzend Mann Besatzung und zig Fabrikarbeiterinnen im Nordpazifik urplötzlich spurlos verschwunden. Ausgerechnet am Weihnachtsabend. Da sei wohl dann doch, trotz aller Verbote gefeiert worden, nahm er an. So heftig, dass nicht mal mehr ein Notrufsignal abgesetzt wurde.

Nach solch einer Erzählung liebt man seinen eigenen Job wieder von ganzem Herzen. Und so sah das auch mein Sitznachbar, der das alles in seiner norddeutschen, seemännischen Gemütsruhe erzählte, aber deutlich diese Gruselstory mal loswerden wollte. Ausgerechnet an eine Landratte wie mich – und das in 10.000 Metern Höhe.

Kommunistische Indianer in Tripolis

Die zweite kuriose Begegnung fand auf einem Flug von Tripolis (Libyen) nach Paris statt – das ist noch ein bisschen länger her. Ich war dort auf einem einwöchigen Kongress mit amerikanischen, kommunistischen Indianern (!!!). Thema der Veranstaltung: von arabischen Wissenschaftlern wurde versucht nachzuweisen, dass es eine genetische (!!!) Verbindung zwischen Arabern und US-Indianern gibt. Um die Voraussetzungen für diese gewagte These zu schaffen, sollen phönizische Schiffe schon um die Zeit von Christi Geburt Amerika entdeckt haben. Na ja, die Beweise dafür waren dünn, wurden dafür um so emphatischer vorgetragen – und von den Indianern angemessen beklatscht. Besonders schön war das große Solidaritätsfest der „Abrabianer“, so richtig mit Kriegstänzen in vollem Federschmuck.

Meine Anwesenheit dort war ein Missverständnis. Ich war eigentlich für ein Interview mit Gadhafi angereist. Doch das hatte sich von der Botschaft in Bonn (sic!), die das Interview in Aussicht gestellt hatte, nicht bis Tripolis herumgesprochen. So durfte ich die Stadt mit riesigem Schnellstraßenkreisel – stolz: Made in Germany – kennenlernen. (Toll die italienisch angehauchte Altstadt!) Den Zoo durfte ich besuchen, dort hatten die meisten Tiere aber anscheinend gerade Ausgang. Und dann die Begegnung mit arabischem Akademismus. (Vielleicht sollte ich daraus noch mal eine eigene Novelle schreiben – als Hommage an Kafka.)

Da Vinci déjà vu

Nach acht Tagen wurde ich sehr unhöflich wieder aus dem Land heraus komplimentiert. Ohne Interview. – Im Flugzeug saß ich neben dem coolsten der US-Kommie-Indianer. Bert sah wie ein echter Cowboy aus, samt Streichholz zwischen den Zähnen. (So was ging damals noch!) Wir kamen ins Gespräch. Er war gar kein Cowboy, sondern Elektriker, in einem Kraftwerk in Indiana. Und jetzt nutzte er die Gelegenheit und schaute noch schnell in Südfrankreich vorbei. Dort wollte er sich drei Wochen auf die Spuren von Christi Nachwuchs begeben.

Der Mythos, dass Jesus mit Maria (Magdalena) Kinder hatte, die samt Mutter nach seinem Tod nach Gallien – also Frankreich – in Sicherheit gebracht wurden und dort – angeblich mit dem wiederauferstandenen Jesus – ein Familiengeschlecht gründeten, deren Nachfolger noch heute leben, war mir damals neu. Und das als Ministrant! Ich muss die Geschichte auch nicht weiter ausführen, sie ist schließlich der Plot von Dan Browns Bestseller „Da Vinci Code“ (deutsch: „Sakrileg“) und dort samt aller Verschwörungstheorien nachzulesen. Ein echtes déjà vu, als ich das Buch erstmals in Händen hatte.

Solche netten Döntjes bekommt man in 10.000 Metern Höhe zu hören, wenn man Up in the Air ist und ein wenig Glück mit seinen Sitznachbarn hat. Manchmal sollte man sie ein wenig ernster nehmen. Wenn ich an Dan Brown und seine Auflagen denke…

Up in the Air


Die hilfreiche Schule des Feuerns

„Up in the air“ – der Film mit George Clooney ist für jeden Cineasten ein Muss. Für weibliche Cineasten vielleicht noch ein bisschen mehr. Schließlich darf George in der Rolle des Entlassungs-Experten Ryan Bingham diesmal die komplette Palette der Emotionen, von cool über verliebt bis zutiefst enttäuscht spielen (Zitat Originaldrehbuch: „He’s emotionally bleeding to death.“) Und diese Bandbreite an Emotionen spielt er wunderbar vielseitig und authentisch. Aber auch alle anderen Darsteller sind großartig. Was Cineasten noch interessieren dürfte: Die Kameraführung ist intelligent und sensibel, die Bilder wohltuend weit von allem Hollywood-Lack entfernt. Das Drehbuch ist wunderbar. Ein kleine Novelle ist hier ohne jedes Brimborium vielschichtig und respektvoll erzählt worden.

Aber „Up in the Air“ ist vor allem für alle Manager, vor allem in internationalen Firmen, ein noch größeres Muss als für Cineasten. Jeder, der Personalverantwortung hat und – in Zeiten wie diesen – Gefahr läuft, Entlassungen vornehmen zu müssen, bekommt von George Clooney (und Regisseur und Drehbuchautor Jason Reitmann) einen erstklassigen Fortgeschrittenenkurs, wie man solch heikle Gespräche führen sollte – und wie nicht. Wie wäre ich froh gewesen, hätte ich frühzeitig solch lebensnahe Nachhilfe in Sachen Kündigungsgespräch bekommen.

Mein Irrtum war in Frühzeiten meiner Berufskarriere, dass ich tatsächlich erwartet habe, ich dürfte Verständnis für die Entlassung vom Gekündigten erwarten, wenn ich die Kündigung nur gut begründe und Verständnis für die missliche Lage des künftigen Ex-Mitarbeiters formuliere. Was für eine krasse narzisstische Fehlleistung. Eine Kündigung, aus welch gutem Grund auch immer, ist stets eine absolute Kränkung, die dem Gekündigten jede mögliche emotionale Regung erlaubt, nur nicht einen Hauch Verständnis oder gar Sympathie für den Kündigenden.

Dessen Rolle ist der Bote der schlechten Nachricht, der Prellbock – und bestenfalls ein erster Helfer, eine neue Perspektive zu entwickeln. Zu beneiden sind alle die, die in diesem Gespräch schon die berechtigte Aussicht auf einen Job anderswo präsentieren können. Der Normalfall aber ist, dass man geballte Panik und Aggression in voller Breitseite abbekommt – und das einfach stoisch und fair aushalten muss. Die einzige erlaubte Emotion ist qualifiziertes Mitgefühl. Mitleid ist schon falsch, weil von oben herab. Und die Machthierarchie bei einem Entlassungsgespräch ist sowieso schon eklatant. Clooney: „Das ist die persönlichste Situation, die nur denkbar ist.“

Und das vermittelt der Film eindringlich. Die Bandbreite der Reaktionen auf die Kündigung ist zu erleben. Bis hin zum worst case. Das Drehbuch ist aber nicht nur in dieser Hinsicht ein Geniestreich. Die Dialoge sind extrem knapp, aber immer ganz nah an der Wirklichkeit real gesprochener Texte. Es gibt eine Menge absolut witziger Momente, köstliche Gags und schön absurde Szenen.

Non-Menschen an Non-Orten

Vor allem einen Effekt hat der Film. Man denkt nach über die zu oft zu wenig reflektierte Wirklichkeit der Business-Welt. Über die aberwitzig vielen Stunden, die man in schalem Airport-Ambiente verplempert hat. Die vielen Tage in einer seltsam plastfizierten Parallel-Welt, die man hinter der psychischen Milchglasscheibe von rot geränderten Augen, steter Übermüdung, Jet Lag und übersäuertem Magen nur noch sediert wahrnimmt. Ich erinnere mich an etliche Monate meines Lebens, die mir heute wie ein schlecht verdautes, andauerndes Alpdrücken vorkommen.

Der Philosoph Zygmunt Baumann nennt die so sorgfältig glattpolierte Parallelwelt der Flughäfen, Business- und Nobelhotels, der Lounges und Satelliten, der Terminals und Gates „Nicht-Orte“. Er definiert diese Non-Orte folgendermaßen: „Sie verbieten jeden Gedanken an ein ,Verweilen‘. (…) Jeder sollte sich dort ganz zu Hause fühlen, sich aber bitte nicht so benehmen.“ Und die Menschen, die dort zu viel Zeit verbringen, werden dort zu seltsam sinnentleerten „Non-Menschen“. Sie sind nicht ganz von dieser Welt. – Ich bin froh, von dort mittlerweile zurückgekehrt zu sein.

(Fortsetzung folgt)

Knacks im Zeitstrahl


Kasperl-Theater von The WHO

Es gibt diese wunderschöne Geschichte – wahr oder unwahr? – aus einem Altersheim in den USA. Die älteren Damen und Herren hören gebannt und besorgt einer Rede von Ronald Reagan zur Lage der Nation zu. Es wurde wohl gerade wieder ein Krieg als unabdingbar an die Nation verkauft. Die ernste Stimmung wird von zwei der Zuschauer krass gestört. Sie lachen lauthals und können sich gar nicht einkriegen. Die beiden alten Herren waren taub und beobachteten allein die beredte Mimik und Gestik des Schauspielers, der so eindrucksvoll den Präsidenten gab. Und die dargebotene Gestik kollidierte so sehr mit dem Ernst der Lage, dass die beiden Taubhörigen, die längst perfekt gelernt hatten, Gesten und Mimik zu lesen, das Ganze als Comedy oder Kabarettveranstaltung missverstanden.

Wäre eigentlich auch eine sehr lustige Vorstellung, unter Gehörlosen einer Rede von Angela Merkel – oder noch besser: von Guido „Ich-bin-so-bedeutend“ Westerwelle zu folgen. Das grenzt ja schon oft für Hörende an Realsatire. Aber Halt, kein Grund zur Häme! Ist doch wirklich schwierig, wenn man frei sprechen soll und all die Vorgaben der Pressestellen, der Rede-Coaches, die verschiedenen Politstrategien und die Erwartungen diverser Lobby-Gruppen gleichzeitig unter einen Hut bringen zu wollen/sollen. Das kann nur zu so leeren Gesten und Worthülsen führen, wie jeden Tag in den Nachrichten zu beobachten. Der kleinste gemeinsame Nenner war noch nie Gassenhauer.

Eine seltsame, technisch bedingte Spreizung von Gestik und Akustik war Montag früh um die 3:00 Uhr  als Kuriosum zu bestaunen. Halbzeitpause beim Super Bowl in Miami. The WHO spielten auf. Wie anders sollte man das holprige 12-minütige Best-of-Medley nennen. Dabei ähnelte das Ganze einem außer Rand und Band geratene Kasperle-Theater. Was dann als „Digitale Panne“ in der internationalen Übertragung des Super Bowl entschuldigt wurde, war das technische Erbe von „Nipplegate“, der kurzzeitigen Entblößung des getapten Busens von Janet Jackson. Seitdem werden die Bilder zeitversetzt übertragen, damit im schlimmsten Fall einer neuerlichen Entblößung die übertragende Fernsehanstalt noch zensierend eingreifen kann.

Keine Ahnung, welche Ängste die Fernsehveratwortlichen und amerikanischen Sauberkeitspolitiker bei The WHO plagten. Weder Roger Daltrey noch Pete Townsend sind je durch Entblößungen auf offener Bühne auffällig geworden, nicht einmal in ihrer wüsten frühen Phase in den 60-er Jahren. Und was sollten auch ältere Herren von 64 bzw. 65 Jahren auch entblößen wollen?

Wenn schon Panne, dann „Digital“

So kam das Bild des kurzen Liveauftrittes um ca. eine halbe Minute zeitversetzt an, der Ton aber leider nicht. Der kam in Echtzeit. So durfte man in reinster digitaler Qualität die noch immer beachtliche Stimme von Roger Daltrey und die nicht so gut erhaltene von Pete Townsend hören, bekam die Bilder, wie sich die Herren dabei angestrengt haben, aber erst später nachgeliefert. Es hat sowieso etwas muppet-show-eskes, wenn ältere Herren die exaltierten Posen junger, stürmischer und aufmüpfiger Tage nachahmen. Durch die digitale Kluft von 30 Sekunden wirkte das aber zusätzlich lächerlich. Immerhin ist Roger Daltrey nicht verkalkt. Er selbst war über die Darbietung wenig begeistert. Seine Klage: Keine Konzertatmosphäre … viel zu kurzes Medley etc.

Immerhin glaube ich seit dieser kuriosen „Digitalen Panne“ wieder an die Geschichte mit Ronald Reagan (s.o.). Wenn Gestik und Sound – zeitlich – so weit auseinander liegen, entsteht automatisch Komik. Dann wird die Zeitillusion, in der wir leben und die wir stets so erfolgreich verdrängen, plötzlich ganz bewusst. Wir sind in des Wortes Bedeutung „aus der Zeit gefallen“. Das Kontinuum des Zeitstrahls hat plötzlich einen Knacks bekommen.

Interessant aber auch die lapidare Entschuldigung für die Asynchronität. Man muss vor das unangenehme Wort „Panne“ nur ein „Digital“ voranstellen, schon scheint die Peinlichkeit der Situation entschärft. „Digital“ scheint inzwischen schon so weit diskreditiert zu sein, und es hat schon so oft für Pannen und Unzulänglichkeiten herhalten müssen, dass es ganz kompetent und glaubwürdig menschliches Versagen kaschieren kann. Digitalität ist schon sehr weit auf dem Weg zur ganz normalen Normalität vorangekommen…

Darsteller der Wirklichkeit


Authentizität als rares Gut

Kennen Sie auch dieses kleine Bohren im Bauch, die kleine Versteifung im Nacken oder gar das unerklärliche Gefühl, eigentlich möglichst schnell den Raum verlassen zu wollen. Und man weiß zunächst gar nicht, warum. Dieses Gefühl, das noch weit vor dem Fremdschämen kommt? – Solche kleinen, unangenehmen Körpersensationen entstehen, wenn einem das Unterbewusstsein sanft mitteilen will, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass irgendeine kleine Lüge im Raum steht, dass jemand etwas zu sein vorgibt, das er nicht ist. Kurz: wenn es massiv an Authentizität fehlt.

Mich beschleichen solch unschöne Gefühle immer dann, wenn ich mit Menschen konfrontiert bin, die eine Rolle nur spielen und sie nicht ausfüllen. All die Manager, die in Ausbildung und Praktika nicht gelernt haben, zu analysieren, zu denken und zu entscheiden, sondern nur alle Gesten, die den Eindruck vermitteln sollen, dass man analysiert, dass man denkt oder entscheidet. Da werden Stirne in Falten gelegt, sorgsam die Fingerspitzen gefalteter Hände an die Nasenspitze geführt, da wird ostentativ hinter dem Ohr gekratzt. Allein es fehlt die Überzeugungskraft solcher erlernter Gesten. Das liegt vor allem am Timing. Die Gesten kommen zu schnell hintereinander oder in erratischen Abständen, meist zu falschen Momenten.

Wie sehr solch unauthentisches Gebaren schmerzen kann, ist in (fast) allen Soap-Operas zu erleben. Auch hier muss ja jeder Satz, jeder Dialog mit den Händen gestisch unterstützt werden und ihnen mit heftigem Gesichtsmuskeleinsatz mimische Bedeutsamkeit eingehaucht werden. So etwas ist schon an sich schrecklich. Aber immerhin kann man solchen Situationen mit dem entschlossenen Einsatz der Fernbedienung entfliehen. Schwieriger ist das schon im realen Leben. Da hilft die Fernbedienung nicht weiter, wie einstmals schon Mr. Chance (in „Willkommen, Mr. Chance“) erkennen musste. Da muss man durch, egal wie schlecht die Performance der versammelten Manager-Darsteller gerade ist.

Ich habe lange nicht verstanden, wie man auf die Idee kommen kann, lieber so zu tun, als sei man jemand oder etwas, als es wirklich und real zu sein oder zu tun. Es muss doch, so dachte ich lange, anstrengend und schmerzhaft sein, nur so zu tun – und damit so wenig bewirken zu können. Ich musste mich aber selber über die Zeit hinweg eines Besseren belehren. Es scheint zu gehen, solch eine virtuelle Persönlichkeit zu verkörpern. Es scheint auch vergleichsweise risikoarm zu sein. Da man nur so tut, als täte man etwas, ist das Risiko von Versagen und Niederlagen vergleichsweise gering. Hauptsache man ist so gut in seiner mangelnden Authentizität, dass man wirkungsvoll Entscheidungen, wirklich bahnbrechende Innovationen oder gar mutige Projekte unterbindet.

Virtuelle Schatten sind nicht überspringbar

Wer sich wundert, warum in ewigen Konferenzen so wenig herauskommt, dass trotz massigem Einsatz von Manntagen so wenig geschieht und selbst willkommenste Innovationen immer wieder erfolgreich abgewürgt werden, der weiß jetzt: das ist vor allem solchen Manager-Darstellern zu „verdanken“. Diese Pappkameraden meinen es nicht böse, sie wollen ja nur spielen. Und sie sind logischerweise nicht in der Lage, über ihren Schatten zu springen. Wie auch, virtuelle Schatten sind noch nicht erfunden.

Diese eigenartige Spezies der notorisch Non-Authentischen erlebt man aber nicht nur im Business, sondern täglich, im realen Leben. Beispiel TV: Ich vergesse nie, wie ein „Wer wird Millionär“-Kandidat Günther Jauch schier in den Wahsinn getrieben hat, indem er perfekt den Kandidaten gab: das heißt, er hat alle Sätze, die ein denkender Kandidat normalerweise von sich gibt, aufgesagt und die entsprechende Mimik dazu beigesteuert. Man hatte aber nie den Eindruck, dass er wirklich denkt. Und entsprechend kam er auch nie recht zu einem Entschluss, ob er jetzt A, B, C oder D antworten sollte. Vor allem war er aber so sehr mit seinen auswenig gelernten Texten und nachgeahmten Gesten beschäftigt, dass er nie zu Potte kam. Und Günther Jauch glitt ein ums andere Mal an diesem hauptberuflichen Kandidaten-Darsteller ab. Er bekam ihn nie zu fassen.

Oder auch im privaten Umfeld. Ich habe schon etliche Paare kennengelernt, die es scheinbar perfekt drauf hatten, ein perfekt harmonierendes und natürlich glücklich verliebtes Paar zu geben. Vorstellung war jedes Wochenende auf irgendeiner Einladung, bei einem Essen etc. Eigentlich stimmte bei diesem Stunt jede Geste und jeder Satz, und trotzdem überzeugte das Paar nicht, im Gegenteil es verstörte tief. Das Timing war falsch, es war alles zu dick aufgetragen und die Pointen saßen schon gar nicht. Fast hatte man Mitleid: waren hier zwei Menschen aneinander geraten, die nie zu lieben gelernt hatten, aber in zu vielen schlechten Filmen ein wirres Arsenal an Klischees zum Thema Liebe gesammelt hatten?

Humor zieht den Boden unter den Füßen weg

Apropos Pointen. Solche Darsteller der Wirklichkeit sind am besten und schnellsten durch Ironie, noch nachhaltiger aber durch Humor aus der Fassung zu bringen. Da sie gleichsam im luftleeren Raum agieren ohne jeden echten Bodenkontakt, können sie gar nicht damit umgehen, wenn ihnen durch Witz oder Ironie sozusagen gleichsam noch einmal der Boden unter den Füßen genommen wird. Diese doppelte Leere irritiert sie ungeheuer und lässt sie meist ratlos zurück, während alle um sie herum lächeln oder lachen. Der Horror Vacui solch einer Situation muss entsetzlich sein.

Der Anlass meines kleinen Ausfluges von der Welt der Authentizität in das weite Feld der Mimikri und des gelebten Blue Screen ist ein Petitesse heute beim nachmittäglichen Kuchenkauf. Ich hatte eine gefühlte Viertelstunde hinter einem Paar zu warten, dass eigentlich nur zwei Kaffee, einen Kuchen und ein belegtes Brot bei Aran kaufte. Aber bis das so weit war, musste eine immense Menge an Gesten des bedächtigen Nachdenkens, des vorweggenommenen Genusses und des sorgfältigen Abwägens abgespult werden. Das ganze natürlich inklusive der entsprechenden hohlen Dialoge, Nachfragen und Denkpausen. Drei Mitarbeiter waren vollauf beschäftigt, diesem massiven Einsatz virtuellen Lebens irgendwie Herr zu werden und in reale Produkte umzusetzen.

Als das Paar, perfekt gestylt, aber auch hier ausgemacht unauthentisch, sich endlich an seinen Tisch getrollt hatte, kam in mir echt so etwas wie Mitleid auf. Es muss so anstrengend und dabei so wenig erfüllend und spannend sein, solch eine ewige Inszenierung einer Wirklichkeit zu leben. Aber immerhin bekam ich eine Erklärung dafür, warum Authentizität heute so hoch im Kurs steht; warum es so im Trend liegt. Ganz einfach: Das Angebot regelt die Nachfrage. Und Authentiziät scheint ein sehr rares Gut zu werden…

Walfischtran & Mittelmanagement


Das Ende von erfolgreichen Businessmodellen

Ich wohne nicht weit von dem – heute – durch sein Weißbier weltbekannten Städtchen Erding (vor München). Erding war im 19. Jahrhundert eine durchaus wohlhabende Stadt. Im Zentrum lag die Schranne, der Getreidemarkt, wohin alle Bauern Ostbayerns das Getreide für die Landeshauptstadt München brachten. Hier wurden Weizen und Roggen gehandelt und dann in gewaltigen, mehrspännigen Pferdefuhrwerken nach München hinunter gebracht. Der Handel, die Fuhrunternehmen und die Pferde bescherten Erding damals ein schönes Wohlergehen.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dann die Eisenbahn bis Erding gebaut. Und vom Tag der Fertigstellung an hatten die Pferdefuhrwerke ausgedient – und Erding als Handelsort. Es folgten lange Jahrzehnte der Armut und des Mangels, bis wiederum ein neues Verkehrsmittel der Region neuen Wohlstand, niedrige Arbeitslosenraten und heftige Zuwanderung bescherte: der Flughafen München II im Erdinger Moos.

Eine ähnliche Geschichte von disruptiven Änderungen, die ganze Wirtschaftszweige düpieren und komplett ummodeln, erzählt Brian Eno, die Musiker- (Roxy Music) und Produzenten-Legende (David Bowie, Talking Heads, U2, Coldplay u.v.a.). In einem Interview mit der BBC schildert er sehr gelassen den Niedergang der Platten- und Musikindustrie:

„Schallplatten waren auch nur eine Blase für eine gewisse Zeit und die, die davon profitieren konnten, hatten viel Glück. Aber es gibt eigentlich keinen rationalen Grund, warum man so viel Geld durch den Verkauf von Platten machen kann. Außer das damals die Zeit dafür genau richtig war. Ich wusste immer, dass das irgendwann zuende sein wird. Mir macht das nichts aus und ich finde es gut, wie es ist. Das ist ähnlich wie um 1840 herum, als Walfischtran als Brennstoff verwendet wurde. Damals waren die Tran-Händler mit die reichsten Menschen auf Erden. Aber als dann das Gas aufkam, war es damit vorbei. Sorry, Jungs, aber so funktioniert Geschichte, es geht immer weiter. Und Musik auf Platten ist heute wie Walfischtran. Sie wird gnadenlos durch etwas anderes ersetzt.“

Die disruptive Kraft des Digitalen

So ist das, wenn neue Technologien kommen und sich durchsetzen. So ist es, wenn disruptive Entwicklungen ganze Branchen quasi über Nacht von Grund auf umkrempeln. Ich erinnere mich gut, wie 1994/1995 alle großen Verlagshäuser ins Internet investiert haben. Moderat zwar nur, aber in ihrem Verständnis hochwaghalsig, schließlich befürchteten sie (zu Recht) Kannibalisierungseffekte.

Aber der Versuch, das neue Medium in ihrem Sinne zu bändigen, war es allemal wert. Immer noch besser als die wenigen, aber attraktiven Kunden, die das Internet damals begeisterte, an „Garagenfirmen“ zu verlieren: als da waren Yahoo, Netscape, AOL, Altavista… (Google kam erst sehr viel später.) Der Versuch war es wert, aber er konnte nicht gelingen, weil wir alle nicht die disruptive Kraft der Online-Digitalität in seiner letzten Konsequenz erkannt haben. (Oder behauptet das jemand von sich? Bitte melden!)

Der Effekt ist ebenso eindeutig wie brutal. Seth Godin, Marketing-Guru (oder -Papst – je nach Glaubensmuster), hat das in seinem Blog knallhart beschrieben: „Wer rettet uns? Wer rettet das Buchbusiness? Wer die Zeitungen? – Was heißt hier retten. Meint das: ,die Dinge sollen bleiben wie sie sind‘? Dann ist die Anwort: Nichts wird uns retten. Es ist vorbei. Wenn es meint: ,wir wollen die Jobs der Presseleute, der Laufburschen und der Legionen an Buchhaltern, Verpackern, Logistikern und Hilfsredakteuren retten‘. Auch dann ist die Anwort: Keine Chance. Da hilft kein Kindle, kein iPad und kein Parlamentsbeschluss. (…)

Wenn es aber darum geht, die Freude am Lesen zu retten, oder die Wirkung von brandheißen News oder die Freude, wenn man durch eine Idee in einem Buch in seinen Grundfesten erschüttert wird, dann keine Sorge. Das braucht man nicht zu retten! Das bleibt und wird sich um den Faktor Zehn verstärken, wenn wir aufhören, unsere Kräfte beim Retten von Unrettbarem zu vergeuden. – Jede Revolution wird zuerst den Mittelbau zerstören, und zwar äußerst heftig.“ (frei übersetzt)

Es geht um Inhalte, nicht um Strukturen

Er hat so recht. Alle großen Medienhäuser, ob öffentlich rechtlich oder privat, ob TV oder Print, haben viel zu viel Ballast. Verwaltungen, Anzeigenakquise (was soll das in Zukunft?), (Mittel-)Management und Verwalter von inhaltlichem Mittelmaß. Es geht darum Inhalte zu bewahren, aber nicht darum Strukturen zu retten. Die wirklich gute Presse, die Top-Nachrichtenleute, die Analytiker, die investigativen Journalisten, die grandiosen Geschichtenerzähler, die Bildkünstler und genialen Gestalter, sie alle sind in der Minderheit. 

Diese rare Spezies zu ernähren – und zwar durchaus respektabel – wird nie ein Problem sein. Dafür ist das Bedürfnis für gute Inhalte, faszinierende Reportagen, gute Filme und entlarvende Features viel zu groß. Der Medienkonsum hat explosiv zugenommen. Die Medienkompetenz auch (wenn auch sicher nicht genug). Es wird so viel Geld für Medien ausgegeben wie noch nie zuvor.

Ein Businessmodell hat absehbar ausgedient. Mit ihm hat man lange gutes Geld gemacht. Aber halt nur, weil es die richtige Zeit dafür war. Jetzt kommt/kam die Disruption. So wie für Pferdefuhrwerke und Walfischtran. Und es trifft zumeist zuerst den Mittelbau von Firmen. Das muss so sein in einem Zeitalter des Abbaus von Hierarchien. Die Oben und die Besten bleiben, weil sie gut sind und/oder die Macht haben. Die unten überleben, weil sie so wenig kosten. Dazwischen aber wird es eng. Sehr eng.

Digital Anxiety Syndrom


Wer hat Angst vor dem großen, weiten Web?

Eigentlich hatte ich mir geschworen, auf Frank Schirrmacher und seine mediale Allpräsenz nicht zu reagieren. Zu beschränkt scheint mir seine Web-Sicht in „Payback“ zu sein. Aber man kommt ihm ja kaum aus. In seinen diversen Talkshow-Auftritten wirkte er seltsam missionarisch und oft auch wirr. Stets fühlte er sich in seiner Argumentation wohl nicht genug verstanden oder ernst genommen und entsprechend ereiferte er sich noch streberischer – und damit erratischer.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung war sein Auftritt auf dem DLD. Wenn man sich das Video der Podiumsdiskussion ansieht (und das ist dank Schirrmacher nur begrenzt ein Vergnügen), dann kann man ihn beobachten, wie verzweifelter und mäandernder seine Argumentation wurde. Dass das Symposion in Englisch diskutierte, machte es nur noch schlimmer. Schirrmacher wirkte wie ein von einer schweren Angstpsychose getriebener Eiferer. Diagnose schätzungsweise: Digital Anxiety Disorder, zu Deutsch, Angst vor den Weiten – und der Unkontrollierbarkeit – des Internet.

Wie kann es zu solch einem Fall von digitaler Agoraphobie kommen? Erster Lösungsansatz: der Patient hat sich zu lange in zu engen Räumen aufgehalten, in diesem Fall den analogen Welterklärungs-Stuben der FAZ. Dabei kann es nach gängiger Lehrmeinung allzu leicht passieren, dass man sich vor weiten Räumen zu fürchten beginnt.

Kontrollverlust, Kontrollverlust, oh Gott!

Aber ein zweiter Diagnoseansatz ist vielleicht zielführender. Es ist der Kontrollverlust, der den Patienten so virulent unruhig und manisch mitteilungsbedürftig macht. Dieses Problem hat eigentlich in Ansätzen jeder erlebt, der tief in der analogen Kultur verankert war und sich dann auf die Digitale Welt einzulassen hatte. Nur ist Frank Schirrmacher eben kein Early Adopter – und artikuliert daher erfolgreich die Irritationen, Frustrationen und Ängste der nun langsam zwangsdigitalisierten Generation, die das Internet lange unterschätzt – oder aber arrogant als Kinderkram abgetan hat. Motto: „Das macht meine Sekretärin für mich…“

Wenn man es richtig versteht, ist das zentrale Anliegen von Frank Schirrmacher die (drohende?) Allmacht der Algorithmen und der sie beherrschenden Firmen. Das ist im Ansatz ein wirklich wichtiges Anliegen. In Schirrmacher hat es leider nur den falschen Protagonisten. Durch seine begrenzte Internet-Kompetenz  („Tweed“ statt „Tweet“!) und sein eiferndes bis erratisches Auftreten diskreditiert er das wichtige Anliegen und drängt es an den Rand kabarettistischer Themenstellungen. Schade auch. – Und schade, dass ihm beim DLD – aus Höflichkeit? – so wenig Einhalt geboten wurde – oder seine Einlassungen wenigstens zugespitzt wurden.

Die kulturelle Leistung des Internets

Panel-Teilnehmer Andrian Kreye, Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat Gott im Nachgang seine Sicht der Dinge in einem Leitartikel mit dem Titel „Digitales LSD“ klar gemacht. Seine Klage, das Internet habe zwar unseren Alltag komplett verändert, aber kulturell (noch?) viel zu wenig geleistet. – Ich erinnere mich noch gut an die Frühzeiten von Europe Online 1995. Da wurde wild und munter herumexperimentiert. Es gab echt avantgardistische Magazine – so lange das Investorengeld reichte.

Das Faszinierende am Internet ist eben, dass es es – auch dank etlicher Finanzblasen – geschafft hat, sich binnen eines Jahrzehnts als mediale Leittechnologie durchzusetzen und dabei genug Geld in Bewegung zu setzen, um eine weltumspannende billionenschwere Infrastruktur zu schaffen, zu Land und in der Luft. Kein Wunder, dass das Internet dafür so schnell so kommerziell wurde.

Die kulturellen Leistungen des Internets sind nicht herausragende Einzelperformances, sondern es ist die exorbitante generelle Erweiterung und Verbreitung von Spielmitteln für kreative kulturelle Leistungen. (Zum Beispiel die Reality-Animation von blublu.) Und wir stehen da noch ganz am Anfang. Noch ist das Internet in seiner Pubertät, mal sehen, was es leistet, wenn es älter und reifer wird. Wenn man sieht, wie leicht neue Ideen per Internet kreiert und propagiert werden, bleibt einem noch heute oft der Mund vor Staunen offen. Wie viel mehr schafft man pro Tag, wie viel mehr Themen kann man verfolgen – und dabei sich so nahe mit Freunden und Gesinnungspartnern vernetzen. In meiner Erinnerung der vor-digitalen (Medien-)Ära war das Arbeiten auch schön und kreativ, aber langsam und oft mühselig.

iPad – mickrige Fernbedienung der Welt

Und an dem Punkt komme ich dann doch noch mal auf Frank Schirrmacher zurück. Überraschend gut sind seine  neuesten Einlassungen zu Apples iPad im FAZ.NET. Droht durch die konzeptionell wohl bewusst so wenig interaktiv gehaltene „Fernbedienung der Welt“, aka iPad, eine neue Generation von digitalen Couchpotatoes – und mit ihnen, eine Passivisierung des Web-Konsums, wie es bislang nur das Fernsehen geschafft hat?

Andrian Kreye bemerkt in seinem Artikel treffend, dass es Steve Jobs mit Apple sichtlich nicht daran gelegen ist, kulturelle Spitzenleistungen zu schaffen – oder auch nur zu ermöglichen. Das war, wenn überhaupt, nur ein hingenommenes Kollateralereignis. Jobs baut Interfaces, mehr nicht . Und jetzt halt auch für die Digital Beginners. (Für kulturell Leistungen ist bei Steve Jobs wohl nur Pixar, die von ihm gegründete Filmfirma, zuständig, die so geniale Werke wie „Oben“, „Wall E“ oder „Ratatouille“ geschaffen hat.)

Hier droht also der ultimative Kontrollverlust. (Richtig bemerkt, Herr Schirrmacher!) Der Paradigmenwechsel wäre schon krass. Aus Apple, dem Lieblingstool der Kreativen, wird eine Marke für die tumben, passiven Medien-Konsumenten, die auch brav für immer wieder neu aufbereitete Inhalte bezahlen. Und der PC, bislang die Inkarnation des tumben Nerd, wird das Tool der kreativen, interaktiven, digitalen Fundamentalopposition. Kurios. Die erste erfreuliche Sicherheitslücke im Windows-System…

Placebo vs. Nocebo


Neu im Psycho-Angebot: Posttraumatic Embitterment Disorder

Die sonst temperamentvoll miteinander konkurrierenden Pharmazeutik-Firmen haben sich doch tatsächlich zusammengetan, um mit vereinten Kräften einem Phänomen auf die Spur zu kommen, das ihre Geschäftsgrundlage zu gefährden droht. Sie finanzieren gemeinsam ein großes Forschungsprojekt, um verstehen zu lernen, wie und warum die Selbstheilungskräfte der Menschen immer besser und wirksamer werden.

Das Dilemma der Pharmazeuten ist, dass in den Blindtests, die für neue Medikamente und Therapien zwingend vorgeschrieben sind, bei denen nebeneinander die neuen Wirkstoffe mit gleich aussehenden, wirkstofffreien Mitteln verglichen werden, die Placebos immer öfter mindest ebenso gut, wenn nicht besser als die Medikamente wirken. Placebos sind sozusagen die neuen Wundermittel. (Wenn das bloß nicht unsere Gesundheitspolitiker spitz kriegen!)

Aber auch hier gilt es zu differenzieren. Placebo ist nicht gleich Placebo. Die Placeboforschung hat bislang unter anderem herausgefunden, wie die Zeitschrift WIRED im September letzten Jahres berichtete, dass gelbe Zuckerpillen gut gegen Depressionen helfen, rote dagegen anregend wirken. Grüne Pseudo-Pillen helfen gegen Angst, weiße gegen Übersäuerung. Und wie im richtigen Leben helfen mehr Placebos besser als weniger. Und Markennamen auf den Fake-Tabletten helfen auch mehr, und je besser die Marken klingen, um so besser.

Die faszinierende Wahrheit dahinter ist, dass die Selbstheilungskräfte der Menschen extrem groß sind. Der Arzt, der mir mal spät abends an der Hotelbar nach der Einnahme von reichlich vielen Tinkturen mit dem Wirkstoff Alkohol vertraulich ins Ohr brüllte, hat anscheinend recht: „97 Prozent der Heilung macht jeder Patient selbst. Nur für den Rest sind wir Ärzte wirklich zuständig.“ Die Patienten sind sich selbst die besten Gesundbeter. Es kommt wohl nur auf den geeigneten Trigger an: Pillen, Nadeln, Coaching – oder auch liebevoller oder strenger – je nach mentaler Prädisposition – Zuspruch. Erinnert sich doch jeder selbst: das Blasen auf Schrammen und Wunden hat in Kinderzeiten doch auch immer prima geholfen.

Nocebo, der Negativ-Placebo

Aber wie das so ist im Leben, der Effekt funktioniert auch umgekehrt. Dann nennt man das den Nocebo-Effekt. (So weit ich mich einnere: nocebo – lat. ich werde schaden.) Und für diesen Effekt sind jetzt weniger Pharmazeutika, sondern eher die immer schlimmer grassierenden Medien-Hysterien und Apokalypse-Szenarien schuld, die so viele Medien für auflagesteigernd halten. Stichwort: Schweinegrippe. Oder Vogelgrippe.

Zu Zeiten vom WIENER haben wir uns dort schon wirksam über Phänomene wie „Pseudo-Aids“ oder das „Waldi-Sterben“ (Umweltschäden bei Haustieren) lustig gemacht. – Was heißt, lustig gemacht. Solche Phänomene waren durchaus medizinisch gut nachweisbar. Leider war mir damals „Nocebo“ noch kein gängiger Begriff – und über Placebos habe ich mich damals noch lustig gemacht. Heute längst nicht mehr.

Ob Behandlung mit farbigem Licht, mit Infrarot, mit Wärme, mit Akupunkturnadeln, mit Globuli oder auch mit Hammermedikamenten. Ich habe alles schon prima wirken gesehen – bzw. selbst erlebt. Ich bin mir aber heute relativ sicher, dass nicht dieWirkstoffe geholfen haben, sondern der Glaube daran. Und da tun sich natürlich hyperkritische Geister schwer. Als im Katholizismus aufgewachsener Mensch (samt Ministranten-Karriere) stehe ich dem natürlich entspannt und aufgeschlossen gegenüber.

Sind wir alle (depresive) Berliner?

Und es hilft in dem Zusammenhang auch in Bayern zu leben. Die Maximen „Wann’s schee macht!“ oder: „Wann’s dann huift!“ waren hier schon immer Volksgut. Nocebos dagegen waren hier seit je her wenig verbreitet. Die wurden, wenn überhaupt, schlimmstenfalls aus dem Norden importiert. Die neueste einschlägige psychische Errungenschaft ist PTED. Die „Posttraumatic Embitterment Disorder“, die posttraumatische Verbitterungs Störung. Dieses Problem, das mit Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Depressionen etc. einher geht, wird vor allem in den USA jetzt bei Menschen, die in der Finanzkrise viel verloren haben (Geld, Job, Perspektive) diagnostiziert. Die American Psychiatric Association diskutiert bereits, ob diese Störung in den offiziellen Diagnostik-Kanon aufgenommen wird.

Erstmals wurde PTED aber in Deutschland, genauer gesagt in den Neuen Bundesländern und dort speziell in Berlin entdeckt. Dort unter den Opfern der Wende, unter Arbeitslosen und in der vom Absturz bedrohten unteren Mittelschicht. WIRED beschließt seinen Artikel in der aktuellen Ausgabe über PTED mit dem schönen Fazit: „We’re all Berliners now.“