iPad & Entschleunigung


PresseClubforum: iPad – gut oder schlecht  für Zeitungen?

Die aquarius consulting GmbH lud am 9. Juli in den Presseclub München. Thema der mehr als zweistündigen Diskussion: „Apples Mediengeschäft – gute oder schlechte Nachrichten für Zeitungsverleger?“ Das Ergebnis stand schon zu Anfang fest. Die anwesenden Verlagsmanager Rudolf Spindler (Süddeutsche Zeitung) und Jan Bayer (WELT Gruppe) waren sich in ihrer Hoffnung einig: Der iPad von Apple soll das Ende der Gratiskultur im Internet einläuten und den Einstieg in eine Bezahlkultur für Presse-Inhalte bringen.

Wolfgang Wallauer, Rudolf Spindler, Marc Ritter, Jan Bayer, Michael Geffken (v.l.n.r.)

Als kritischer Gegenpol für die iPad-Begeisterung der Verlagsmanager war zur Diskussion (Moderator: Marc Ritter, aquarius consulting) Michael Geffken von der Leipzig School of Media eingeladen – und dazu Wolfgang Wallauer, der Anzeigenchef vom Mobilfunker O2. Letzteres überraschte, weil doch gerade die Zugangsanbieter zum Internet, also auch zum iPad, (Anzeigen-)Budgets abgreifen, die die Inhalteanbieter zu deren Refinanzierung dringend benötigen würden.

Embryonale Phase

Viel Respekt gebühren Spindler und Bayer, weil sie sich so früh, noch ehe die ersten echten Erfahrungen gesammelt werden konnten, schon solch einer Runde stellten. Die Welt-Gruppe hat immerhin schon das erste iPad-App im Markt, wenn auch noch gratis im Probierangebot. Spannend wird, wieviele der vielleicht 50.000 Besitzer eines iPads (Stand Anfang Juli 2010) in Deutschland sich für ein kostenpflichtiges App entscheiden werden, wenn die embryonale Phase dieses Marktes vorbei ist.

Immerhin war man sich bei den Verlagsmanagern seltsam einig, dass man bald keine interessanten Inhalte mehr gratis im Online-Angebot bieten will. Hier droht wohl eine baldige inhaltliche Versteppung, die sich auf reine Allerwelt-News beschränken und die Premium-Inhalte kostenpflichtig verticken will. Zitat: „Exzeptionelles wird nicht mehr im Web (gratis) stehen.“

Auch die künstlich Klickzahlen generierenden Fotostrecken sind dann wohl out. Zitat Spindler: „Die Redakteure haben die Nase voll von Geblinke und Bildergalerien.“ – Man wäre also wohl bereit, auf Reichweite und IVW-Wettkämpfe zu verzichten. Hauptsache die Kasse stimmt.

Etwas erschreckend ist dann aber doch die Vision, wie die iPad-Apps inhaltlich gestaltet werden sollen:

  • Ohne alle Links nach außen – auf eigene oder andere Websites
  • Keine Einbindung in Communities und wohl auch ohne Kommentarfunktion
  • Volle Einbindung von Werbung (wer will in solch kleinen Zielgruppen werben?)
  • Lesestücke anstatt Multimedia-Environments

Virtuelle Entschleunigung

Wie so etwas erfolgreich sein soll, ohne all die Vorteile des Webs zu nutzen, ist zweifelhaft. Erschreckend auch die Begründung solch eines Isolationismus: Die Nutzer wollen angeblich Lesestücke mit einem Anfang und einem Ende. Angeblich sehnen sie sich danach, endlich wieder das Gefühl zu haben, etwas fertig gelesen zu haben, anstatt stets fürchten zu müssen, sich in der Unendlichkeit des Internets zu verlieren. Das firmiert dann als willkommene „Entschleunigung“ (Zitat Spindler & Bayer). Eine sehr virtuelle Entschleunigung, wenn man bedenkt, dass das Welt-App immerhin viermal am Tag aktualisiert wird.

Dankenswerterweise formulierte Michael Geffken klar Skepsis gegenüber solchem Denken. Er wünschte sich einen höheren Verarbeitungsgrad von Inhalten im App im Vergleich zur Printversion. Er forderte viel mehr Innovation in der Erstellung und Verarbeitung von Inhalten, journalistisch wie technisch. Vor allem aber klagte er mehr Experimentiertfreude ein.

Der wunde Punkt

Wie sehr dies der große wunde Punkt in der Zeitungs- und Zeitschriftenbranche ist, wurde allerseits zugegeben. Dass sich in den Verlagen vieles deutlich ändern muss, wurde ebenfalls gerne zugegeben. Und natürlich muss man erst Erfahrungen sammeln und die Chance haben, aus Fehlern zu lernen. Rudolf Spindler konzidierte auch, dass es erhebliche kulturelle Veränderungen in den Redaktionen und im Verlagsmanagement geben muss.

Diese Wahrheit ist aber so alt wie die Versuche der Zeitungen und Zeitschriften, im Internet Fuß zu fassen – und dort Geld zu verdienen. Und ebenso erfolglos blieben alle Versuche, weil immer versucht wurde, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. Immer wurde das Internet nur als neuer, billigerer Verbreitungsweg gesehen, nie – oder selten – als neue Plattform mit eigenen Gesetzen. Auch jetzt werden wohl nur Apps erfolgreich sein, die den für das Medium (jetzt iPad) adäquaten Mehrwert schaffen. Dieselben Zeitungen auf einem Bildschirm zu blättern, wie man es sonst mit Papier macht, kann keinen Sinn machen.

Aufbruchstimmung sieht anders aus

Wenn man aber Mehrwert schaffen will, muss man normalerweise auch mehr Aufwand betreiben. Nicht nur inhaltlich, sondern auch konzeptionell und technisch. Und das kostet. Außerdem haben Zeitungen und Zeitschriften hier bislang immer versagt. Der kleinlaute Verlust fast aller Rubrikenanzeigen (KfZ-, Immobilien-, Partnerschafts- & Stellenanzeigen) an Web-Anbieter zeigen das so schmerzhaft deutlich.

Michael Geffken brachte die Skepsis, die herkömmlichen Inhalteanbieter könnten mit einer grundsätzlichen neuen Kultur den Turnaround schaffen, auf den Punkt: „Ich bezweifel inzwischen, dass die großen Verlagshäuser die innere Fähigkeit des Wandels haben.“ – So beredt, so klug und einsichtig die Einlassungen der Verlagsbranche bei der Veranstaltung waren, so wenig überzeugten sie letztlich. Irgendwie beschleicht einen immer das Gefühl, dass hier das Web als Zumutung gesehen wird, das das Leben unnötigerweise schwer macht. Man hat nicht das Gefühl, dass die digitale Verbreitung als Chance für wirklich Neues (inhaltlich, technisch & vermarktungsbezogen) gesehen wird. iPad hin, iPad her.

Digitales Denken


Gibt es lineare und digitale Gehirne?

Untersuchungen bemängeln beim „gemeinen“ Internet-User zu wenig Denktiefe, zu wenig Reflexion, zu wenig Arbeit im und am Langzeitgedächtnis. (Siehe auch Reflexion & Internet). Der Grund: Zu viele Informationen, zu viele Links, zu viele Medien, zu viel Ablenkung. Das alles hält davon ab, sich in Ruhe hinzusetzen und Dinge mal wirklich zu durchdenken, über das Leben als Ganzes und besondere Vorkommnisse im Besonderen zu sinnieren. Das jedenfalls – oder so ähnlich – meinen Clifford Nass von der Stanford University und andere Wissenschaftler in Studien laut WIRED herausgefunden zu haben.

Es lohnt sicher die Frage, ob solch eine Aussage überhaupt Sinn macht, oder ob hier nur eine – Wissenschaftlern nachsehbare – Affinität zu linearem Denken herrscht und befürchtet wird, möglicherweise bald aus der Zeit zu fallen. Oder anders gefragt: Macht uns das Internet fit für eine neue Art des Denkens – nennen wir es behelfsweise erst mal „digital“ -, das wir in der uns bevorstehenden Zeit einer globalen Wissensexplosion dringend brauchen?

Wer sich ein wenig mit der Gehirnforschung auskennt, weiß, wie sehr die Erkenntnisse hier zwar immens sind, in Summe aber eher vorsichtig zu interpretieren sind. Jede wichtige neue Erkenntnis eröffnet eine riesige Bandbreite neuer Fragen. Mit zunehmendem Wissen über das Denken staunen wir immer mehr über dessen Funktionsweise und -vielfalt und müssen erkennen, dass wir uns immer weiter davon entfernen, annehmen zu können, das Denken in Bälde „verstehen“ zu können. Wir wissen – ganz sokratisch – immer weniger.

Aber zwei Erkenntnisse sind wohl relativ gesichert. Es gibt nichts, was strikter und lernresistenter ist als unser Urgehirn, das unsere unterbewussten Handlungen beeinflusst. Dieses Gehirn ist von Jahrtausenden Jahren Evolution und Kampf in der Natur stark konditioniert. Hier lässt sich nichts ändern, unsere Ängste nicht, unsere Hoffnungen, unser Hass, unsere Liebe, unsere Sehnsüchte und Irrationalismen nicht, damit müssen wir lernen auszukommen.

Das lernfähige Gehirn

Dafür stellt sich unser Gehirn, das wir mit unserem Bewusstsein ansteuern können und das die täglichen Informationen und Reize verarbeitet und unser Denken steuert, als extrem flexibel, veränderbar, lernfähig und neu programmierbar heraus. Ob es die Erkenntnisse einst von Oliver Sacks an Schlaganfall-Patienten waren oder ob es aktuelle Untersuchungen über die Informationsverarbeitung von Internet-Usern sind, man sieht stets, wie sehr und gut das Gehirn fähig ist, neue Synapsen zu bilden, sein Netzwerk neu zu justieren und damit völlig neue Ergebnisse zu erzielen – unter anderem auch bei dem, was einschlägig interessierte Wissenschaftler „Intelligenz“ nennen und messen.

Einen Schritt weiter geht der Psychologie-Professor in Harvard Steven Pinker in einem Beitrag in der New York Times („Mind Over Mass Media“). Zitat: „Das Wissen nimmt exponentiell zu, die Gehirnleistung des Menschen und die Stunden, die er wach verbringen kann, nicht. Glücklicherweise helfen uns das Internet und die Informationstechnologien, unseren k0llektiven intellektuellen Output auf verschiedenen Ebenen zu managen, zu suchen und zu finden. Das reicht von Twitter und Notizen bis zu elektronischen Büchern und Online-Enzyklopädien. Diese Dinge machen uns eben nicht dumm, sondern diese Technologien sind die einzigen Hilfsmittel, die uns intelligent bleiben lassen.“

Outsourcing von Gehirnleistung

Mal ein wenig zugespitzt: Das Wissen explodiert und nur dank der digitalen Hilfsmittel werden wir von dem Wissenstrom nicht verschüttet und weggespült. Oder weiter gedacht: Wir müssen – bei bleibender Hirnleistung – unser Gehirn frei machen für die bestmögliche Verarbeitung der – exponentiell wachsenden – Informations- und Wissensflut. Dabei hilft uns das Internet, an das wir viele bisher unseren Kopf schwer beschäftigende Aufgaben outsourcen können: Daten und Zahlen, Historisches, Faktenwissen, Zeitgeist-Beobachtung, Informationssuche etc.

Und dieses Netzwerk hilft, in unser kommenden Netzwerkgesellschaft die Fluktuation von Signalen, Infos, Wissen und Themen immer besser zu managen. Und dabei helfen uns unsere neu gewonnen Netzwerke:

Selbst mit dieser Entlastung bliebe noch genug für unser Gehirn zu tun. Aber auch hier winkt Hilfe. Noch einmal Steven Pinker im Zitat: „Der Gebrauch tiefer Reflexion, knallharter Recherche oder schlüssigen Denkens ist noch nie etwas gewesen, was Menschen in den Schoß fällt. So etwas muss in speziell dafür geschaffenen Institutionen erlernt werden, die wir Universitäten nennen. Und diese müssen kontinuierlich trainiert werden, durch Analyse, Kritik und Debatten. So etwas bekommt man nicht, indem man ein dickes Lexikon in den Schoß wirft. Aber es verschwindet auch nicht, bloß weil es auf einmal effiziente Wege der Infomationsbeschaffung via Internet gibt.“

Intellektuelles Trainingsfeld Social Media

Und noch einmal etwas verwegen weitergedacht: Die Themen Analyse, Kritik und Debatte, auch hier können wir outsourcen. Es ist vor allem das weite Feld der Social Media, in dem wir diese Trainingsmethoden eines kritischen Bewusstseins üben und trainieren können. Und manchmal übernimmt einer der Freunde dort die kritische Bewertung, an die man selbst vielleicht nie gedacht hätte und man schließt sich an, per Kommentar oder „Gefällt mir“.

Noch nie war die Möglichkeit der Analyse, Debatte und Kritik, aber auch der Zustimmung und Unterstützung so leicht und so weit verbreitet wie heute. Zufall oder wohlgefällige Entlastung unseres vom Informationstornado mitgenommenen Gehirn.

Unser Gehirn ist in Zukunft wohl nicht mehr der Alleskönner und Allesmacher (wie im Geniekult zu Goethes Zeiten), sondern ist zum einen ein perfekter Outsorcing-Manager und zum anderen trainiert er, das schwierige Puzzlespiel, die divergenten Informationsbits in sinnvolle Bilder zusammenzusetzen und diese dann kritisch zu bewerten – und zu reflektieren. Und das immer „With a little help from my friends“.

Reflexion im Internet


Verändert das Internet das Denken?

Es ist wie mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst, was bedingt was? Verändert das Internet unser Denken – und damit in letzter Konsequenz unser Gehirn? Oder leben wir in einer Zeit, die dringend ein anderes Gehirn, ein anderes Denken nötig hat? Und ist daher der weltumspannende Hyper-Informations-Speicher samt seiner intensiven Hypertext-Verlinkung zwingend entstanden, um dies möglich zu machen?

Immer mehr Soziologen, Neurologen, Biologen und Intelligenzforscher machen sich daran, die Effekte zu untersuchen, die das Internet auf uns User und unsere neuronalen Prozessoren ausübt. Eine sehr umfangreiche und lesenswerte Zusammenfassung der Ergebnisse präsentiert Nicholas Carr in der Juni-Ausgabe des WIRED.

Die Wissenschaftler glauben, einige positive Veränderungen feststellen zu können, oder sagen wir mal wertfrei, erhöhte mentale Leistungen nachweisen zu können. Speziell in der Wahrnehmung und Verarbeitung von visuellen Reizen und Informationen. Auf alle Fälle fällt auf, dass die Gehirnaktivität beim Surfen im Internet höher ist als beim normalen Lesen – oder gar beim TV-Konsum. Auch die Fähigkeit zum Multitasking ist bei internet-affinen Menschen wohl höher – wenn man das denn positiv sehen will. Teilweise wird das aber auch als erhöhte Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, weniger positiv gesehen.

Skimmen statt lesen

Die Wahrheit ist, dass die Untersuchungen eher negative Effekte meinen diagnostizieren zu können/müssen. Am dramatischsten ist die Unfähigkeit der meisten Probanden, Informationen, die sie im Internet – im Überfluss – gefunden haben, ins Langzeitgedächtnis sickern zu lassen – und somit auch die Unfähigkeit zu Denkprozessen, zur Reflexion und persönlicher Bewertung.

Verantwortlich wird dafür die spezielle Art der Rezeption im Internet gemacht. Anstatt zu lesen und dabei geistige Bilder zu imaginieren, scannt der User Texte und Bilder, oder es skimmt sie, wie es im Artikel definiert wird (to skim = absahnen, Rahm abschöpfen). Es werden Inhalte also nur nach Verwendbarkeit abgeklopft. Kurzfristige Reize gewinnen dabei stets – und der langsame und langwierige Prozess der Informationsverarbeitung und Gedankenproduktion – samt Reflexion – kommt im Internet zu kurz. So jedenfalls die im WIRED zitierten Wissenschaftler und ihre Studien.

Das zentrale Problem, so die Studien, ist das Ablenkungspotential, das das Internet in jedem Moment bereit hält, es ist ein Interruptions- und Ablenkungs-System. Die Masse der Hyperlinks, die Multimedialität, die parallelen Aktivitäten in sozialen Netzen, bei Twitter, per E-Mail, Chat etc. verhindern wirksam jede stete Konzentration, jedes Beharren bei einer Aufgabe, einem Thema. Das im TV gelernte Zapping erweitert sich zu einer pathologischen Click-eritis. Unser Erregungsgehirn läuft im Overdrive, aber alles geht viel zu schnell vorbei, als den Engpass zum Langzeitgedächtnis zu schaffen, um dort verarbeitet zu werden.

Inszenierte Internet-Rezeption

Also wieder ein weiteres Fiasko-Szenarium für das Internet, wie wir es jetzt so gerne und „nachhaltig“ aus der Welt der Print-Medien vorgelegt bekommen? Vielleicht. Schließlich sind das alles Studien mit wenig Probanden, und wie man erahnen kann, sind die Untersuchungen in sehr konstruierten Versuchsanordnungen entstanden. Wie, bitte, sieht denn der typische Internet-User aus, den es zu untersuchen gilt?

Aber das beiseite gestellt. Etliche Denkansätze der zitierten Studien sind es wert, bedacht zu werden – auch unter der Gefahr, dass man dabei ins Reflektieren kommt. Unser Denken hat sich sicher geändert. Wie sehr, das kann man im Eigenversuch kaum abschätzen, zu sehr sind die Erinnerungen an früheres Denken entweder verklärt oder vergessen – oder mindestens arg verschwommen.

Beobachten lässt sich aber sehr gut die Denkarbeit, zum Beispiel beim Schreiben. Ich gehöre ja noch der Generation an, die ihre ersten Geschichten mit Hand schrieb – und es dann mit ein wenig Übung wagte, gleich in die (mechanische!) Schreibmaschine zu schreiben. Das hieß, man musste sich, bevor man mit dem Schreiben anfing, schon mal seine Gedanken gemacht haben, was und wie man schreiben will. Bei längeren Magazin-Artikeln gab es dafür regelrechte zu „Drehbüchern“ erweiterte Gliederungen, an denen es dann linear entlang zu schreiben galt.

Neue Ideen beim Schreiben waren damals fatal, denn das hätte geheißen, das Tippen neu von vorn neu beginnen zu müssen: Zurück auf Los – und ziehe kein Honorar ein. Der faule Kompromiss waren dann Artikel-Fahnen, die einer dadaistischen Textcollage glichen. Etliche Kollegen, denen damals die guten Ideen immer erst beim Schreiben kamen, brachten mit wirren Patchwork-Manuskripten die Setzer in der Zeitungsproduktion zu veritablen Wutanfällen – und auch Nervenzusammenbrüchen.

Das Ende des linearen Schreibens

Welche Erlösung waren dann die ersten Computer, ob von Commodore, von Atari oder Apple. Sie veränderten die Schreibweise – und Denkweise – ganzer Journalisten-Generationen. Jetzt konnte munter darauf los geschrieben werden, Korrekturen und Ergänzungen waren ja jederzeit und überall möglich. Für mich war das deutlich ein Übergang von einem echten Schreibstress, der geistige Knochenarbeit war, hin zu einer Lust am Schreiben. Und es befreite das Denken.

Automatisch besser wurden die Artikel deswegen nicht. Schlecht recherchierte, schlampig geschriebene Artikel wurden durch den Computer nicht besser. Zu wenig Gehirnschmalz wurde dadurch nicht ausgeglichen. Aber das bergarbeitermäßige Hindurcharbeiten durch einen Stoff war vorbei. Schreiben wurde von der Maloche zum – im besten Fall – Vergnügen.

Das Recherche-Wunder Internet

Noch freier und noch vergnüglicher wurde das Schreiben dann mit dem Internet. Das unmittelbare User-Feedback (Hits, Verweildauer) war die beste Schule für ein gutes, schnelles und intelligentes – ja auch effekthascherisches – Schreiben. Vor allem aber vereinfachte das Internet den Aufwand der Recherchen. Was war es einst eine Mühsal, einfache lexikalische Informationen zu bekommen. Die Wege in Bibliotheken kosteten so viel Zeit und brachten oft kaum Zugewinn. Das ist heute längst vorbei. Google, Wikipedia & Co. sei Dank. Die Basics sind jetzt so gut und so schnell zu erledigen. Da bleibt dann im besten Fall genug Zeit zu weitergehender Recherche und Reflexion.

Das ist ja auch der Grund, warum sich das Schreiben, das Drehen von Videos und das Posten von tollen Fotos so breit popularisiert hat. Parallel zu viel Schrott und Spam ist die Menge ausgezeichneter Artikel und Filme in Blogs und auf Websites exorbitant gestiegen. Und nie war es mithilfe guter Suchmaschinen und der Hilfe aus sozialen Netzen so leicht, die Perlen zu finden – und den Rest in den unendlichen Weiten der Speichermedien verdorren zu lassen.

Ach ja, apropos. Was in diesen schönen, leicht zu findenden Artikeln, Videos, Bildern, Kunstwerken, Haikus (Twitter) und Facebook-Nachrichten etc. an Reflexion, an Kreativität, an Sensibilität, an Wissen, an Denken, an sozialem Engagement und an Aufmerksamkeit geschaffen wird, das ist so exorbitant mehr als je zuvor in der Weltgeschichte geschehen ist. Das entzieht sich aller Untersuchung von Wissenschaftlern, ist aber faktisch zu erleben.

Denken, Reflexion, Abwägen im öffentlichen Raum waren früher ein Privileg einer winzigen Minderheit (Journalisten, Wissenschaftler). Heute ist es ein Massenphänomen. Und das, obwohl nach wohlmeinenden Untersuchungen (Forrester) „nur“ zwischen 10 Prozent (Deutschland/Europa) und 25 Prozent (USA) der Internet-User selbst aktiv Inhalte posten. Und das allen Ablenkungen, die das Internet bietet, zum Trotz.

Digitale Agoraphobie


Prosumer sind aktiv

Die Prognose im Jahr 1994 war klar: Wir werden von passiven Konsumenten zu aktiven Prosumern, dem aktiven Hybriden von Produzenten und Konsumenten. Ich war damals längst nicht der Einzige, der in diese Richtung dachte. Alvin Toffler hatte diesen Begriff schon 1980 geprägt. Aber geglaubt haben damals nur die wenigsten, dass diese Emanzipations-Entwicklung der Konsumenten unmittelbar bevorstand. 1994 war es für die Wenigsten absehbar, wie schnell diese Vision durch das Internet gelebte Wirklichkeit werden sollte. Aber schon allein für die Prognose, dass sich das Internet schnell und massiv durchsetzen werde, wurde man damals im besten Fall milde belächelt.

2010 sind wir alle Prosumer, ob wir wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Kaum ein Produkt wird heute noch gutgläubig und ohne Vor- und Gegenrecherche im Internet gekauft. Kaum ein Produkt, das nicht im Internet bewertet, kommentiert und getestet ist. Das Prosumer-Medien-Universum ist riesig und nimmt an Umfang und Relevanz immer weiter zu.

Und die Produzenten nutzen diese Masse an Prosumer-Wissen, -Meinung und -Kommentaren längst. Die Realtime-Recherche per Internet hat heute bei Firmen, die wirklich aktuelle Daten wollen, die konventionelleMarktforschung abgelöst. Die Daten aus der Prosumer-Crowd sind aktueller und meist auch genauer. Die in ihrer Evolution wohl am weitesten fortgeschrittene Prosumer-Site „Amazon“ hat seit 2007 sogar ein eigenes Konsumenten-Testprogramm: Amazon Vine (demnächst auch in Deutschland). Dort testen ausgewählte Prosumer neue Produkte und bewerten sie.

Der sichtbare Prosumer

Der Wechsel der Rolle vom passiven, „doofen“, manipulierbaren Konsumenten zum aktiven, reflektierenden und kommunizierenden Prosumer bringt als logische Folge eine völlig neue Rolle und damit verbunden neue Rechte, neue Aufgaben und neue Verantwortlichkeiten.

Konsumenten standen einst in ihrer „Passivität“ im Windschatten aller medialen Aufmerksamkeit. Sehr zum Leid der Produzenten, die sich schwer taten, die Wünsche und Geschmacksmoden ihrer Kunden zu recherchieren. Daher der riesige Apparat der Markt-, Konsumenten- und Medienforschung, die immer neue Indizien herausfinden wollten, womit die Konsumenten motivierbar wären, ihr Geld auszugeben. Meist mit eher bescheidenen Ergebnissen.

Die Münze, mit der wir unsere gewachsene Macht als Kunde bezahlen (müssen), ist unsere Privatsphäre. Als Part-Produzent (Pro-sumer) müssen wir raus aus der Anonymität des passiven Konsumententums. Produzenten müssen kommunizieren, wollen sie irgend etwas erreichen. Und wenn es nur der Protest gegen etwas ist – noch mehr aber, wenn man für etwas ist. Die Abermillionen von Konsumenten-Rezensionen bei Amazon und vielen, vielen anderen zeigen diese gewachsene Bereitschaft sich zu äußern. Offen, öffentlich und namentlich.

Raus aus den Elefenbeintürmen

Nicht allen fällt dieser Wandel der eigenen Rolle so leicht. Gerade in Deutschland ist die Digitale Agoraphobie, die Angst vor der großen (Medien-)Öffentlichkeit weit verbreitet. Daran mag das Nazireich mit seiner Allüberwachung und dessen plastischer Darstellung durch George Orwell mit Schuld haben. Vielleicht ist es auch eine spezifisch deutsche Liebe zu Elfenbeintürmchen und Wolkenkuckucksheimen, die hier hinein spielt. Als medialer Hagestolz zieht der Deutsche es vor, über Medien zu mäkeln, ohne selbst aktiv zu sein.

Tatsache ist, wer die Vorteile des Prosumertums genießt, der muss auch dessen Folgen tragen, sprich eine öffentliche Präsenz in den (Digitalen) Medien „aushalten“. Das Leben, so still und zurückgezogen gewesen es sein mag, wird partiell öffentlich, wenn man aktiv in die Prosumer-Relation investiert. Besonders aber, wenn man sich in den Social Media engagiert. (Das entschuldigt nicht Facebooks [planvoll?] schlampiger Umgang mit Persönlichkeitsdaten. Siehe dazu auch: Facebook kann nicht digital.)

Darstellung mit Format

Nein, die Frage ist in erster Linie, was hält Menschen davon ab, im Netz aktiv zu werden, selber zu posten, sich selbst darzustellen? Das kann ein inverser Narzissmus sein – nach dem Motto: Ich bin viel zu gut für diese Welt und die Profanität der Masse an Lesern und/oder Zusehern da draußen. Meist ist es eher das Gegenteil, eine Selbstunterschätzung oder fehlendes Selbstbewusstsein. Hier lautet das Motto: Es ist alles viel zu unwichtig, was mir passiert.

Die größte Hemmung aber ist wohl die des mangelnden Selbstvertrauens. Habe ich was zu sagen? Kann das, was mir wichtig ist, auch anderen wichtig sein. Das ist so falsch gefragt. Jede Beobachtung, jede Meinungsäußerung, jede Statusmeldung kann interessant sein, wenn sie in einer spezifisch persönlichen, authentischen Art geschildert wird. Wie in jedem Fall kommt es darauf an, wie es gesagt wird. Es kommt auf das „Format“ an, das man für seine Wort- oder Bildmeldung wählt. Je persönlicher, authentischer, konsistenter und eleganter der Stil – und intelligenter der Stil ist, desto besser.

4 Argumente für ein öffentliches Leben

Aber warum soll ich mir das alles antun? Vier vorläufige Argumente:
1. Wer sein Leben wenigstens gelegentlich – und halbwegs intelligent – in Blogs, auf Facebook oder auch Twitter dokumentiert, der lebt reflektierter, bewusster und er“lebt“ mehr. Man bekommt einen wacheren Blick und durchdenkt die Dinge, die einen betreffen, besser. Schreiben ist ein Prozess, gerade auch auf Twitter.
2. Die Reaktion anderer auf eigene Erlebnisse und auf eigene Zeilen, Bilder, Videos sind auch für narzissmusfreie Menschen immer eine Wohltat. Wahrgenommen zu werden ist tief in unserem Unterbewusstsein als ganz positiv abgespeichert.
3. Ein Leben aktiv zu leben (z. B. als Prosumer) ist immer besser und erfüllender als es passiv vergehen zu lassen. Nur Aktivität hält unseren Kopf und unser Denken frisch.
4. Wir sind Kinder der Evolution. Ohne sie wären wir noch (immer) nicht mal eine Amöbe. Also haben wir auch eine Verantwortung für sie. Und die können wir wahrnehmen, indem wir neue Gedanken, neue Beobachtung oder auch nur neue Nuancen des längst Gesagten oder Beobachteten in die Welt bringen.

Digital Regressives


Der Machtkampf zwischen Kapital und Digital

Es gibt sehr nette Menschen in dieser Welt. Peter Wippermann gehört fraglos dazu. Er hat nicht nur das Trendbüro Hamburg gegründet und das ZEIT-Magazin schöner gemacht, vor allem aber sorgt er mit seinen so passgenauen Trendanalysen dafür, die Gegenwartskultur und ihre Wandlungen besser zu verstehen. Außerdem ist er ein hervorragender Vortragsredner und Professor. Wir kennen uns u.a. aus der Jury des Multimedia Annuals.

Peter Wippermann

In seinem neuesten Artikel über „Flow.Control“ unterscheidet Peter Wippermann anlässlich des 15. Trendtags sehr treffend die diametral gegenüberstehenden Gruppen der „Digital Residents“, die Internet und Digitale Kultur genießen und wie selbstverständlich nutzen, und die „Digital Visitors“, die vom Internet zwangsbeglückten, die die Digitale Welt vielleicht noch zur eigenen Bequemlichkeit nutzen wollen, aber sich nicht mit den veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen einer Digitalen Welt anfreunden wollen.

Wie gesagt, Peter Wippermann ist ein netter Mensch. Denn statt Digital Visitors, hätte er die Gruppe der leise (bis laut) das Internet verfluchenden Menschen auch Digital Regressives nennen können. Zitat Wippermann: „Kontrollverlust macht ihnen Angst. Ihre Erfahrungen und Erfolge in der Industriekultur verlieren in der Netzwerkökonomie rapide an Wert. … Sie verstehen schwer, dass man Netzwerke nicht kontrollieren kann. Sie sind der Flaschenhals des technologischen Fortschritts.“

Der Flaschenhals hat das Sagen

Das nicht kleine Problem in unserer Gesellschaft ist nun, dass ausgerechnet der Flaschenhals das Sagen hat. Die Digital Regressives sind die Generation der Entscheider. Und sie haben auf dem Weg dorthin geschuftet und sicher auch gebuckelt, oder sagen wir: doofe Chefs aushalten müssen. Und jetzt soll der Aufwand ganz umsonst gewesen sein? Jetzt sollen die Gesetze der digitalen Netze gelten? Plötzlich sollen alle alten Regeln außer Kraft gesetzt sein? Jetzt soll nicht mehr von oben nach unten entschieden werden dürfen? Jetzt soll man Kunden pampern statt sie wie früher per TV-Spot zum Kauf von Pampers zu hypnotisieren?

Wie soll diese Entscheider-Generation sich für so etwas begeistern? Im Gegenteil. Statt wenigstens langsam in die digitale Gegenwart zu steuern, wird lieber kraftvoll gegen gehalten. Bis hin zur Regressivität halt. Perfekt auf den Punkt gebracht hat diese Haltung Eric Schmidt, CEO von Google, in einer Antwort auf eine Frage von Jeff Jarvis, dem Autoren von „Was würde Google tun“, wann denn die übrigen Branchen den Weg ins Digitale Business gehen würden wie Google es schon getan hat.

Veränderung ist Risiko

Eric Schmidt argumentiert, dass das große Geld, das Kapital und die Menschen, die darüber entscheiden, nicht in Richtung einer Digitalen Welt gehen und lieber traditionelle, also überkommene Methoden bevorzugen. Dafür konstruieren sie im Zusammenspiel mit den ebenso wenig an Änderungen interessierten politischen Entscheidern regulatorische Hürden, die Veränderungen schwierig bis fast unmöglich machen. Seine Begründung: Das große Kapital und die, die die Macht haben, scheuen jede Veränderung, weil diese stets Risiken für sie bergen. Sie können so nur verlieren, nicht gewinnen.

Das Worst Case-Szenario für die Zukunft ist daher ein Kampf der Digitalen Kultur mit seinen niedrigen Hierarchien, mit seiner Macht der Netzwerke und ihrer Millionen, ja Milliarden von Mitgliedern und seinen ungeregelten Freiheiten einerseits und den Digital Regressives mit ihrer Macht, dem Zugang zu denen, die die Regeln machen und dem großen Geld andererseits.

Eine Folge von Krisen und Desastern

Das hieße, dass es ein zäher und schmerzvoller Prozess auf dem Weg zu einer Digitalen Welt wird, der sich in einer immer dichter werdenden Folge von disruptiven Ereignissen, also von Krisen, Katastrophen, Zusammenbrüchen und Desastern darstellen wird. Firmen werden so lange alte Strukturen zu verteidigen suchen, so lange noch auf herkömmliche Weise Geld zu verdienen ist. Zur Tarnung – und zur Verlängerung dieser Frist wird man sich digital geben, ohne es wirklich zu sein.

Diese Auseinandersetzung erleben wir schon heute permanent. Die seltsamen Änderungen der Datenschutzrichtlinien bei Facebook, das ist nicht zuletzt ein Kotau vor den alten Regeln der manipulativen Werbung. Das beruhigt die Geldgeber und Investoren und ihr digital regressives Denken. Die Aktionen einer Verbraucherministerin Aigner, die passen hier genauso gut ins Muster. Und wir werden noch viele ähnliche – traurige – Episoden gleicher Machart erleben.

Die Alternative dazu wäre die Einsicht, dass sich Dinge irgendwann ändern werden, unaufhaltsam. Spätestens dann, wenn die Digital Natives das Sagen haben. (Das dauert aber noch.) Vielleicht werden sich die Digital Natives auch viel besser an die schnelle Folge von Krisen und Desastern gewöhnen – und mental damit relativ problemlos klar kommen. Besser als die Visitors mit ihrer analogen, hierarchischen Denke.

Digital Assimilates

Und ob nun aus besserer Einsicht oder notgedrungen, am Ende werden die Digital Visitors ihre Aversion und Allergie gegen das Internet und die Digitalität aufgeben und die neue Offenheit, die neue Geschwindigkeit und die neuen egalitäreren Machtverhältnisse lernen (müssen). Wenn das Geld keine Chance mehr hat, sich erfolgreich an Überkommenes zu klammern und sich so zu mehren, spätestens dann wird ein Wechsel denkbar, weil nötig.

Dann werden aus den Visitors zwar keine Digital Natives, sondern bestenfalls Digital Assimilates. Aber spätestens dann könnte sich dann auch das große Geld an die neue digitale Welt gewohnt haben. Denn dann birgt sich hier kein Risiko mehr.

Die digitale Privatsphäre


Facebook kann nicht digital

Jetzt werden die Privacy-Einstellungen von Facebook nun doch wieder entschärft bzw. userfreundlicher gemacht. Der laute Protest der Facebookgemeinde ist gehört worden. Vermeintlich. Ich habe aber leider schwer den Verdacht, dass Mark Zuckermann nur bis zur nächstnötigen Position zurückgerudert ist. Nur was nicht durchsetzbar war, wird zurückgenommen. Von Einsicht, wie unklug und unangebracht die Ausweitung der Privatsphäre bei Facebook ist, keine Spur. Man muss sich nur Zuckerbergs Videobotschaft ansehen, so uncharmant, emotionslos und unengagiert.

Aber der Reihe nach. Ich bin der Meinung, dass die Aufregung über den Schutz der Privatsphäre in Europa und Deutschland absurd und hysterisch ist. Ängste über möglichen und vermeintlichen Missbrauchs privater Daten werden unverantwortlich angeheizt. Sie werden uns vor allem durch die Massenmedien (inkl. dem Verweis auf unsere spezielle Historie samt Nazi-Medien-Diktatur) antrainiert. Das ist ein Reflex auf alte negative Erfahrungen. (Ja, auch ich war gegen Volkszählungen!) Aber es ist auch einer der Abwehrreflexe der alten Massenmedien gegen die neue digitale Medienwelt.

Ich bin mir sicher, dass wir auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft den Großteil unserer Bedenken, möglichst viele Details unseres Lebens der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, verlieren werden. Digital Natives kennen solche Vorbehalte gar nicht. Sie genießen die Vorteile einer digitalen Offenheit in den Sozialen Netzen und den Mobilen Medien viel zu sehr. Wer bitteschön glaubt denn, dass eine Firma mit echtem Zukunftspotential das Internet nach Fotos durchforsten wird, die Bewerber in spätpubertärer Trunkenheit zeigen. Oder anders gefragt: Wer will bei solch einer Firma ernsthaft als junger Mensch mit Ambition arbeiten?

Im Zweifel die kleinere Menge

Das alles ändert aber nichts daran, dass es reichlich Menschen gibt, die nur allzu gerne Informationen über andere Menschen, die sie aus dem Internet gewinnen können, missbrauchen. Ob das gewöhnliche Perfidie ist, enttäuschte Liebe, Neid, Missgunst, Depression oder was immer die menschliche Psyche an Abgründen bereit hält. Daher geht es auf dem Weg von der analogen zur digitalen Gesellschaft vor allem darum, dass jeder selbst bestimmen kann, welcher Öffentlichkeit er welche Informationen zur Verfügung stellt. Das sollte nicht nur einfach zu regeln sein – das leistet Facebook nun wohl. Oberstes Prinzip aber sollte sein, dass im Zweifel immer die kleinst mögliche Gruppe persönliche Infos zur Ansicht bekommen, anstatt eine vom Betreiber definierte Menge von Menschen.

Mein Verdacht ist, dass die Privacy-Einstellungen bei Facebook verändert worden sind, um mögliche rechtliche Komplikationen  zu vermeiden. Wenn die Facebook-Verantwortlichen Werbetreibenden sehr granulare Zielgruppen vermitteln, müssen sie wohl rechtlich dafür sorgen, dass dem möglichst wenig Einschränkungen von Usern im Wege stehen. Daher die Default-Einstellung, dass im Zweifel die Privacy-Einstellungen möglichst lax sind.

Das zentrale Problem ist, dass Facebook bei seinem Versuch, seine exorbitante Reichweite endlich monetarisieren zu können, sehr konventionell, sehr altmodisch, ja analog zu Werke geht. Es wird nicht versucht, ein Marketingmodell der Zukunft zu schaffen, sondern es werden Werbetreibenden wie einst schon beim TV Zielgruppen zur Verfügung gestellt. Das einzig Digitale daran ist, dass diese Zielgruppen bei Facebook aufgrund der verfügbaren Daten (Ort, Ausbildung, Beruf, Interessen etc. etc.) extrem granular angeboten werden können.

Bisher ist der Ansatz der werblichen Kommunikation, die Facebook Kunden anbietet, überholt. Da hat Google einst mit der Erfindung der Google Ads inhaltlich und konzeptionell weit eher Neuland betreten, ebenso mit seinem AdSense-Vermarktungsmodell. Ähnlich Innovatives hat Facebook bisher nicht zu bieten.

Kommerzielle Kommunikation der Zukunft

Der Ausweg für Facebook wäre, dass das Unternehmen zu Ende denkt, wie eine akzeptable werbliche Kommunikation in einer digitalen Zukunft aussehen könnte. Hierzu einige Anregungen:

  • Kommerzielle Kommunikation darf in Zukunft nicht mehr von oben herab verordnet werden.
  • Es darf künftig nur mehr auf gleicher Augenhöhe kommuniziert werden.
  • Werbung darf nie mehr manipulativ sein.
  • Kommerzielle Kommunikation darf den Konsumenten nicht mehr ohne Konsens zugemutet werden.
  • Kommerzielle Kommunikation muss in Zukunft realen Mehrwert bringen.
  • Kommerzielle Kommunikation muss – dank Personalisierung – individuell ansprechen.
  • Kommerzielle Kommunikation wird in Zukunft völlig anders aussehen als konventionelle Werbung heute.
  • Kommerzielle Kommunikation könnte durchaus auf den Prinzipien von Social Networks funktionieren.
  • Die wirkungsvollste Werbung sind Empfehlungen von Freunden.
  • Märkte sind Gespräche – so das Cluetrain Manifest. Warum also dann nicht eine neue kommerzielle Gesprächskultur?
  • Wir wollen weiter kaufen und konsumieren, aber selbstbestimmt.
  • Aber weiter dürfen – und sollen – Faszination, Magie und Kreativität von Produkten, Services und Ideen kommuniziert werden.

Und für Facebook müsste das heißen:

  • Facebook müsste der oberste Advokat seiner Kunden sein, dass die kommerzielle Kommunikation im größten Sozialen Netzwerk der Welt in die Zukunft weist.
  • Facebook müsste treibende Kraft der Ideenfindung für eine sinnvolle und akzeptable kommerzielle Kommunikation der Zukunft sein.
  • Facebook müsste dabei neue Ideen und neue Konzepte im Gespräch und im Konsens mit seinen Mitgliedern suchen – und finden.
  • Das Prinzip Ordre de Mufti (hier: Zuckerberg) muss ein für alle Mal abgeschafft sein.

Bochum – Selbstverführung – Facebook


Marketing in der Praxis in Bochum

Ausflug nach Bochum – zum 10-jährigen Jubiläum des Marketing Clubs Bochum. Schauplatz in einem alternativen Club (Die Bastion) in einem ehemaligen Bunker. Statt einem Vortrag (wie zuletzt 2003) war diesmal ein spannendes interaktives Format gewählt. Ich befragte Mitglieder des Marketing Clubs zu ausgewählten aktuellen Trend-Themen wie Mobile Marketing, Social Media, Luxus, Innovation, Perma-Marketing, Location Based Services, Disruptive Märkte, Post-Print-Age, Monitoring und Gratis-Kultur.

Marketing Club Bochum

Selten kam ich so erfrischt und optimistisch aus einem solchen Event. So kurz die jeweiligen Interviews und Gesprächsrunden waren (5 Minuten +), so interessant und ergiebig waren sie. Und was am meisten Mut machte: Die dort versammelten Manager und Unternehmer hielten sich nicht mit rückwärts gerichteten Grundsatzdiskussionen auf, sondern agierten, argumentierten und handelten nach vorne los. Wie erfrischend und zukunftsorientiert. Bochum jedenfalls wird nicht nur dem Anspruch der Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ gerecht.

Kleine, interessante Einblicke in den Marketingalltag in Bochum:

  • Die sozial, ökologische GLS-Bank beeindruckt mit einem interessanten Blog (auf utopia.de), mit sehr gut geführten Facebook– und Twitter-Präsenzen.
  • Perma-Marketing macht zum Beispiel gerade Sport-Marketing aus. Besonders spannend wird es, wenn eine Mannschaft nicht nur 3-mal am Stück verliert, sondern 10-mal und absteigt. Eine echte Challenge…
  • Ehrlich und gut, wenn ein junger Marketing-Professor gesteht, dass er in Sachen Internet und Web-Marketing auch immer von seinen Studenten lernt.
  • Überraschend, wie einig man sich in der Meinung war, dass die Zeit des Print schon bald vorbei sein wird und deshalb Videos so viel wichtiger und wirksamer sind.
  • Witzig, wenn ein Brauereibesitzer zugibt, dass er seine Einschätzung zu Social Media korrigieren musste, als er erlebte, wie Kunden sich in Facebook-Aktionen für die Brauerei einsetzten.
  • Einleuchtend, wie Marktforscher schildern, wie sie Web-Monitoring längst ganz selbstverständlich einsetzen.
  • Ich habe nicht gewusst, dass Web-Befragungen bei der NRW-Wahl genauso präzise in der Prognose waren wie die großen Meinungsforschungsinstitute.

Solche Einblicke gewinnt man, wenn man abseits der großen Unternehmen und der Großsprecher der Medien und des Marketing mit Praktikern redet. Der Mittelstand handelt einfach – und scheint sich in der de-hierarchisierenden Wirkung der Social Media viel leichter zu tun als große Unternehmen. Hier sind die Hierarchien längst flach und transparent. Hier wird gehandelt – und nicht nach Karrieren geschielt.

Reise in die Vergangenheit

Die Verbindung zum Marketing Club Bochum geht auf einen Vortrag in den 90er-Jahren in Düsseldorf zurück. Damals habe ich die Zukunft des Prosumers, des zum Mitprodukzenten werdenden Konsumenten, prognostiziert. 2003 habe ich diese Vision eines Marktes, in dem der Konsument (mindestens) auf Augenhöhe mit den Produzenten agiert, in einem Vortrag in Bochum vor dem Marketing Club weiter exemplifiziert.

Es ist immer spannend mal nachzusehen, was man so vor Jahren erzählt hat. Sind die Prognosen in etwa so eingetreten wie vorausgesagt? Der Reality-Check ging in diesem Fall positiv für mich aus. Die Situation hat sich dank der Social Media sogar schneller und entschiedener zugunsten der Konsumenten verschoben, als gedacht. Heute können Produzenten kaum mehr gegen die geballte Macht der im Netz vernetzten Konsumenten angehen. Boykott-Aktionen wie zuletzt wieder bei Nestle zeigen das.

Ich habe aber einen Gedanken in dem Vortrag von 2003 sozusagen wiederentdeckt, den es heute ganz neu zu bewerten und weiterzuentwickeln gilt: Wenn die Hersteller von Waren nicht mehr die absoluten Herrscher über die Märkte sind, sondern die Konsumenten mindestens ebenso viel zu sagen haben, kommt ihnen auch eine neue Verantwortung zu. Zum Beispiel bei der Neuentwicklung neuer Angebote und Produkte.

Die Selbstbegeisterung der Kunden

Die Frage ist: Wie kann man in einem nicht hierarchischen System dafür sorgen, dass Bedürfnisse entstehen, artikuliert und reflektiert werden? Wie kann organisiert werden, dass Innovation und neue Konzepte sozusagen „gemeinsam“ entwickelt werden? Oder um es an einem Beispiel besonders plastisch zu machen: Wer übernimmt die Rolle eines Jules Verne, der in seinen Büchern seine Phantasien zu bahnbrechenden Menschheitsträumen werden ließ wie eine Reise um die Welt, wie U-Boote unter Wasser, wie einen Flug zum Mond und vieles mehr?

Meine Ideen dafür waren 2003 folgende:

  • Ende aller werblichen Manipulation
  • Entkoppelung von Kommunikation und Vertrieb
  • Offene, „absichtsfreie“ Kommunikation zwischen Kunden und Produzenten
  • Aufbau einer echten Kundenbeziehung
  • Reaktion und Feedback auf Kunden
  • Aufbau von Vertrauen, Affinität, Committment
  • Trigger von Kundenreaktionen (the magic moment!)
  • Hilfe zur Selbstverführung (Emotionalisierung)
  • Optimierung des Selbsterlebnisses des Kunden (Empowering)
  • Rolle als Mentor, Helfer, „Engel“ bei der Ich-Findung
  • Konsum als Individualisierungsprozess (statt Schnäppchenstolz)
  • Konsumptives Erleben von Motivation und Ich-Ideal (Konsum als Kommunikation)
  • Kauf als Fetisch von Motivation und Selbsterneuereung

Über diese Ideen der Selbstverführung der Kunden und dem vernetzten, gemeinsamen Brainstorming nach zeitadäquaten Träumen und deren Erfüllung demnächst einmal mehr.

Facebooks fataler Fehler

An diesem Punkt aber nur eine kurze Bemerkung zu Facebook. Facebook hätte alle Chancen, die ideale Plattform sowohl für die ideelle, kreative aber auch konsumistische Selbstfindung unserer (Konsum-)Gesellschaften zu werden. Wenn Sie sich aber nicht entblöden, auf das Niveau der manipulativen Werbung herabzusteigen, dann verpassen sie eine Riesenchance. Sie verraten die Konsumenten sozusagen an eine überkommene, veraltete Idee der Werbung. Der Verdacht liegt nahe, dass sie gar nicht verstanden haben, welch überragendes Potential sie in der Hand haben.

Wenn Facebook das nicht versteht, werden andere an ihre Stelle treten. Wie schnell Soziale Netzwerke abwirtschaften (in des Wortes Bedeutung) können, zeigen ja StudiVZ & Co.

Paid Content (4) The Future


Google kümmert sich um Journalismus

Nun bekommt meine Reihe doch noch – unerwartet – eine vierte Folge. Die Frage , wie man mit journalistischen Inhalten noch Geld verdienen kann, treibt viele Menschen um, und nicht nur in Print-Redaktionen. Zwei Artikel verdienen zu dem Thema Aufmerksamkeit. Da ist zum einen der Artikel von Wolfgang Blau, dem Chefredakteur von Zeit Online, in der Süddeutschen Zeitung, der das Dilemma der deutschen Medienhäuser perfekt auf den Punkt bringt: „Dem Journalismus geht es erstaunlich gut. Ja, die wirtschaftliche Zukunft vieler Zeitungshäuser ist ungewiss. Ja, auch die meisten online-journalistischen Angebote arbeiten noch nicht einmal kostendeckend und niemand kann mit Sicherheit sagen, welches journalistische Geschäftsmodell in Zukunft tragfähig sein wird. Dennoch erlebt der Journalismus gerade seinen größten Entwicklungssprung seit Erfindung des Rundfunks.“

Wolfgang Blau, Chefredakteur Zeit Online

Blau prangert – zu Recht – die Wehleidigkeit der (Print-)Redaktionen an und deren Unwillen, sich mit Social Media und der Masse der Blogger und deren eben in großer Breite auch professionellem Journalismus auseinanderzusetzen: „Es ist schon ein erstaunliches Paradoxon, dass viele von uns die Fähigkeit zur Analyse und zur Kommunikation für Kernkompetenzen ihrer Profession halten, gleichzeitig aber bei der Analyse ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit und bei der direkten Kommunikation mit ihren Lesern so große Defizite zeigen.“

Erfrischend ist der fundamentale Zukunftsoptimismus von Blau: „Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen.“ In seinem lesenswerten Essay, in dem er u. a. den Guardian oder die BBC als Vorbilder erwähnt und auf die unglaublichen Potentiale im öffentlich-rechtlichen System Deutschlands hinweist, bleibt er allein einen tragfähigen Ansatz schuldig, wie Journalismus nötiges Geld verdienen könnte.

How to Save the News

Dieses Versäumnis holt dafür in einer ebenso ausführlichen wie eindrucksvollen Art das renommierte amerikanische Magazin „The Atlantic“ in seiner Online-Ausgabe nach. „How to Save the News“ beschäftigt sich hauptsächlich mit den Bemühungen von Google, den Qualitäts-Journalismus am Leben zu erhalten.

Das Interesse von Google an guten News, an fundierten Stories und einer funktionierenden Kontrolle staatlicher und wirtschaftlicher Macht ist nicht irgendwelcher philantropischer Natur. Nein, dahinter stecken veritable wirtschaftliche Interessen. Google und seine Suche – und seine News-Sektion iGoogle – sind immer nur so gut, wie es genügend gute, professionelle und interessante Artikel gibt, auf die Google linken kann. Deshalb beschäftigt sich eine ganze Abteilung bei Google – und auch Googles CEO Eric Schmidt – mit der Frage, wie man gute journalistische Qualität monetarisieren kann.

Eric Schmidt, CEO Google

Eric Schmidt wird in dem Artikel mit der prägnanten Erkenntnis zitiert: „Ich sehe, wie parallel zu sinkenden Zeitungsauflagen die Online-Leserschaft dramatisch wächst. (…) Die Zeitungen haben nicht das Problem mangelnder Nachfrage. Ihr Problem ist ihr Business-Modell.“ Wie recht er hat. Die entsprechenden Fakten für diese Behauptung liefert „The Atlantic“ in einer unglaublich umfangreichen Zahlendokumentation, die dem Artikel beigefügt ist. Nur 15 % der Kosten der Medienhäuser werden für den Journalismus selbst investiert. (Und das ist vielleicht noch nicht einmal alles höchste Qualität, was da produziert wird?) Wenn man noch nötige Verwaltung und Marketing dazu zählt, sind es höchstens ein Drittel der Kosten, die für den Journalismus selbst aufgewendet werden.

News waren nie rentabel

Der größte Teil der Kosten geht bei Zeitungen für Papier, Druck und Distributionskosten drauf. Der Artikel schildert sehr eindrucksvoll, wie absurd die Idee in einer Zeit kompletter digitaler Komplettvernetzung ist, eine krude Mischung unterschiedlichster Inhalte plus Werbung auf gedrucktem Papier auszuliefern. Das Business-Problem aber ist, dass sich News und Qualitätsjournalismus nie per se gerechnet haben. Sie waren nur die Attraktionen, die Menschen dazu bewegt haben, eine dicke Masse an bedrucktem Papier zu kaufen. (Wer erinnert sich noch an die Kilo Papier einer Wochenendausgabe vor zehn Jahren?)

Die News wurden damals von Erlösen aus Rubrikenanzeigen (Kfz, Immobilien, Jobanzeigen etc.) und von anderen Anzeigen subventioniert. Seit die Medienhäuser all das ans Internet verloren haben (aus eigener Schuld!), haben sie 30 bis 50 % des Umsatzes verloren. Da liegt das Kernproblem: In Internet funktioniert das Bundling nicht mehr. Jede einzelne Nachricht, jeder Artikel muss sozusagen in Eigenregie sein Geld verdienen. Es kann nicht mehr quersubventioniert werden. Und die Nutzer sind nicht bereit, für Dinge zu bezahlen (wenn überhaupt), die sie gar nicht nutzen und nicht wollen. Zur gleichen Zeit zahlen die deutschen Mediennutzer aber klaglos jährlich 7,4 Milliarden Euro, wie Wolfgang Blau sehr richtig hinweist, als GEZ-Gebühren für offentlich-rechtliche Medien!

Intelligente Zahlmodelle

Google versucht nun, in seinen Laboratorien Konzepte zu entwickeln, wie ein Bezahlmodell in Zukunft aussehen könnte. Erste Prämisse wäre natürlich, die Druckkosten einzusparen. Dafür sind wir nur noch ganz wenige Entwicklungszyklen von elektronischen Lesegeräten entfernt. (Nein der iPad ist auch noch nicht die Lösung!) Aber in fünf, spätestens zehn Jahren könnte es soweit sein, dass News und Stories auf digitalen Geräten nicht nur lesbar sind, sondern sogar mehr Lesespaß bereiten als heute Papierversionen. (Da wird das iPad den Weg dafür bereiten!)

Das allein löst aber nicht das Problem. Der Ansatz von Google geht da weiter. Eine Richtung ist, Werbung intelligenter zu machen und neue Plattformen zu schaffen, die gute Inhalte mit passenden Anzeigen kommerziell ertragreicher machen. AdSense ist hier nur ein erster Schritt. Man stelle sich nur anstatt von Fünfzeilern wie bei AdSense Videos, optische Explorationsabenteuer oder AudioFiles etc. vor, die Firmen inhaltsadäquat zu Geschichten platzieren und die die Story besser und vielschichtiger machen. Dazu müssten sich aber das gängigen Werbebusiness komplett umstellen und Werbung vor allem anders vermarktet werden. Google ist da schon dran.

Eine andere Option wären Micropayment-Systeme, die Artikel – oder Abonnements (etwa von intelligenten Angebotsplattformen – Glam.com ist da nur ein erster Schritt) fair, einfach und kostentransparent funktionieren ließen. Auch in diese Richtung denkt Google.

Google muss es richten

Traurig eigentlich, dass Medienhäusern von außen geholfen werden muss. Aber diese haben in den letzten 15 Jahren ja eindrucksvoll bewiesen, wie wenig sie mit digitaler Intelligenz umgehen können. Ihr Versäumnis haben erst Multis wie Yahoo, Google, Facebook oder Twitter möglich gemacht. Alles eigentlich einfache Konzepte, die hätte man nur mutig finanzieren müssen in Zeiten, als noch super verdient wurde. Aber da hat man das Geld lieber für TV-Experimente und dicke Dividenden ausgegeben (manchmal auch für saftige Honorare). Und jetzt muss es Google richten…

Modernes Denken


Social Media als Selbstprostitution

Das Leben eines Professors ist nicht leicht. Die Studenten hören nicht zu. (Sie können sich nur noch 10 Minuten lang konzentrieren!) Die Öffentlichkeit will von Professoren der Medizinischen Psychologie gerade nicht viel wissen, jetzt sind die Wirtschaftswissenschaftler im Focus.

Aber Professor Ernst Pöppel ist ein Medienprofi. Er weiß, was zu tun ist, um Aufmerksamkeit zu ernten: Man gehe zu einem klassischen Printmedium und tue das, was sie zur Zeit am liebsten machen: Internet-Bashing, vorzugsweise Social Media-Bashing; oder aber ganz, ganz toll: Facebook-Bashing. Dazu braucht es nur ein paar übertourige Reizworte und eine atemberaubend steile These, und schon ist man endlich wieder in den Schlagzeilchen.

Und so liest sich dann das Ergebnis dieses waghalsigen Medien-Stunts, Zitat aus dem Faz.Net der Frankfurter Allgemeinen vom 11. Mai 2010: „Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen. Man öffnet sich nicht wirklich, will sich aber zeigen. Es ist gewissermaßen Selbstkommunikation – ein öffentliches Tagebuch, das nur so tut, als wäre es Kommunikation.“

Diese zwei Sätze muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – halt, falsches Bild bei einem Hirnforscher: durch die Ganglien rotieren lassen. Eine „Offenlegung von Intimitäten ohne Verpflichtung“, das ist laut Weltbild von Prof. Pöppel eine „Selbstprostitution“. Also ist jedes Gespräch, das über ein oberflächliches Geschwafel hinausgeht, schon eine Selbstprostitution. Jedes Gespräch mit einem Psychologen wie Prof. Pöppel: Selbstprostitution. Jedes Telefonat mit einem Freund oder einer Freundin: Selbstprostitution.

Mal kurz im Ernst: Was soll solche Häme? Und warum lässt man so etwas in einem Medium, das auf sich hält, überhaupt zu? Bei Facebook-Einträgen ist keinerlei „Geld“ oder auch sonstwelche Gratifikationen im Spiel, warum dann der Begriff „Prostitution“? Wie anders soll Kommunikation sinnvoll funktionieren, wenn nicht einer etwas von sich preis gibt? Das ist nicht Selbstprostitution, sondern simpel Anfang eines Diskurses zwischen Gleichen. Interessant, wenn man in Journalisten- oder Wissenschaftskreisen Kommunikation anders definiert. Als Selbstgespräche oder als Predigt ex Kathedra?

Beichte als Sünde

Weil wir gerade beim Thema sind: Besonders kurios wird die Bemerkung von Professor Pöppel, wenn ich an das für mich als Kind besonders schlimme, weil institutionalisierte „Offenlegen von Intimitäten“ denke: die Beichte in der Kirche. Das war immer Samstagabend, immer in Kollision zur Sportschau. Und statt Toren zuzujubeln musste man sich überlegen, wie viele Sünden zuzugeben – oder notfalls sogar zu erfinden – waren, damit die Beichte glaubwürdig erschien, und welche Sünden wegzulassen waren, damit es nicht zu peinlich wurde. Also hat man Flüche ersonnen, die man nicht getan hat, und dafür einige Maturbationserlebnisse weggelassen. Und dann hoffte man, dass der Beichtstuhl des gütigen Stadtpfarrers frei war, denn der hakte im Gegensatz zum jungen Kaplan beim 6. Gebot nicht nach und beließ es bei gnädigen fünf Vater Unsern (statt ewig dauernde Rosenkränze beten zu müssen).

Hätte schon damals Professor Pöppel so schlau daher geredet, dann wäre es leicht gewesen zu beichten. Denn die Beichte selbst wäre ja Selbstprostitution gewesen, nämlich „Offenlegen von Intimitäten“, und damit automatisch auch Sünde. Zugegeben mit Verpflichtung, nämlich etlichen Gebeten zur Buße.

Man muss Herrn Professor Pöppel nur ein wenig in seinen anderen öffentlichen Äußerungen verfolgen. Dann sieht man, wie sehr er bei aller Analyse des Netzwerkes des Gehirnes einem analogen, also linearen Denken verhaftet ist. In einem Interview mit Telepolis 1999 beschreibt er das Dilemma modernen Denkens folgendermaßen:

Schizoide Qualitäten

„Ich schalte sehr schnell zwischen verschiedenen Kontexten hin und her, konzentriere mich also drei Sekunden lang auf einen Sprachfetzen, drei Sekunden auf das Fernsehen, drei auf den Computer. Das kann ich endogen tatsächlich steuern. Aber der Effekt ist, daß es zu einer Art schizoidem Denken kommt, mit dem nichts mehr verbunden ist. Es gibt dann keine Nachhaltigkeit der Repräsentation mehr, keine Nachhaltigkeit der Informationsverarbeitung. In dieser Beziehung ist das Gehirn also sehr konservativ und wird sich dagegen wehren.“

Wenn man die Schriften wichtiger Hirnforscher verfolgt, dann ist es genau dieses unspezifische Denken, das Pöppel „schizoid“ nennt, was die Reizgehirne junger Menschen ausmacht. Der Unterschied ist, dass diese Hirnforscher dieses Denken nicht wie Pöppel diffamieren, sondern im Gegenteil als speziell neues, evolutionär weiter entwickeltes Denken ansehen. Es ist das Denken des digitalen Zeitalters. Schnell, parallel, non-linear, vernetzt.

Untersuchungen bei jungen Rezipienten zeigen, wie gut und schnell sie optische Reize zu verarbeiten vermögen – und wie schwer sie sich tun, lineare Texte zu verarbeiten. Das kann man aus der Sicht eines analog, logisch, linear funktionierenden Gehirns beklagen. Und zugegeben, es hat nicht nur Vorteile. Aber es ist das Gehirn, dass auf dem Weg ist, die Welt der Zukunft mit ihren sprunghaften Entwicklungen, mit ihrer Beschleunigung, mit den absehbaren Kaskaden an Konflikten und Krisen auszuhalten – und auch zu bewältigen.

Was Pöppel als schizoid abqualifiziert, ist wohl eher eine mentale Offenheit, die verschiedene Optionen gleichwertig nebeneinander zulässt, um damit dann eine kreative Lösung zu finden. (Kreativität kann man durchaus auch als schizoiden Prozess definieren.)

Denken für Umbruchzeiten

Viele unserer Krisen entstehen nicht zuletzt, weil mit einem alten Denken, weil mit alten Mustern (beispielsweise: Gier!) neue Technologien genutzt – oder besser: missbraucht werden. Viele Konflikte entwickeln sich so fulminant, weil versucht wird, sie mit alten Methoden in den Griff zu bekommen. Wir sind heute in einer Umbruchzeit. Eines Umbruchs unserer Welt, unserer Gesellschaften, unserer Systeme und vor allem: unseres Denkens. Dafür braucht es auch ein dafür passendes Tool, sprich Gehirn.

Ein Professor, der sich Hirnforscher nennt, sollte das zu allervorderst wissen. Vor allem, weil so viele seiner Kollegen diese Änderung des Denkens eher positiv konstatieren – und nicht diffamieren. Aber wie gesagt: für einen willkommenen Medien-Stunt sind solche feschen Sätze allemal gut. Man könnte so etwas aber auch, wenn man etwas übellaunig ist, durchaus als „Selbstprostitution“ bezeichnen.

Action in der Echokammer


Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient

Trends und Zeitgeist. Die Akzeptanz von neuen Ideen, neuen sozialen Ritualen , neuen Technologien ist immer auch ein Kampf um Begriffe. Mit griffigen, attraktiven Begriffen kann man neue Ideen wunderbar schmackhaft machen. Einer der besten Begriffe-Köche, der immer neue Termini aus dem Hut zauberte, war (und ist) Mathias Horx. Wieviele neue Trends hat er uns durch würzige Begriffe schmackhaft gemacht!

Nymphe Echo scheitert an Narcissus

Man kann mit perfide kreativer Wortwahl aber ebenso gut Neues sublim diskreditieren. Kein Problem. Auffällig in dem Zusammenhang ist die derzeitige Häufung des Begriffes „Echokammer“ – gerne auch in der angelsächsischen Version „Echo Chamber“. Damit werden nur allzu gerne die Social Media diskreditiert. Den Vorwurf, in den Social Media werde nur unter Seinesgleichen die eigene Meinung zementiert, formuliert im Blogbeitrag zum 15. Trendtag Thomas Huber (semanticon Unternehmensberatung): „Der explizit erklärte Zweck solcher Plattformen ist es, unter sich zu bleiben, die eigene Gruppe und ihre Überzeugung zu stärken und die eigene Sicht der Dinge nicht mehr zur Disposition zu stellen. Sie fungieren daher vor allem als Resonanzböden der jeweiligen Orientierung – der „Weltinnenraum des Kapitals“ zerfällt in unendlich viele kleine Echokammern. Man hört in dieser Abgeschiedenheit nur noch sich selbst, wie einst der bayerische Märchenkönig Ludwig II., der auf einem Floß im Königsee ganz versunken seinem eigenen Echo lauschte.“

Temperament gegen Teilzeit-Blockwarte

Huber sorgt sich angesichts der Fantalliarden von Echokammern um die Zukunft des kritischen Diskurses:  „Wie aber sollen künftig politische Diskurse in der bürgerlichen Öffentlichkeit organisiert werden, wenn einerseits die klassischen Medien mit Mut- und Fantasielosigkeit ihre Selbstzerstörung betreiben und zugleich andererseits der Trend zum social cocooning die politischen und sozialen Räume in wenige per RRS-Feed vernetzte Echokammern auf der eigenen Favoritenliste eingrenzt und eine (Re-) Flexion nicht mehr zulässt?“

Einwurf Eins: Jeder hat die Facebook-Gemeinde und den Twitter-Followermob, die er sich selbst gewählt hat. Härter formuliert: die er verdient. Wenn dann dort die Erfahrung gemacht wird, dass ein kritischer Dialog und jedwede Reflexion dort nicht funktionieren, dann sollte das zu denken geben. Ich würde an der Stelle diese Erfahrung erstens nicht verallgemeinern und dann – zweitens – schon gar nicht der Öffentlichkeit preis geben.

Natürlich finde ich es selten doof, wie schon erlebt, dass ein militanter Nichtraucher einen seiner Freunde aus Facebook verbannt, weil der raucht – und das auch in Zukunft auch weiter in Restaurants tun will. Aber wer hat mittlerweile immer noch nicht mitgekriegt, dass das Internet ganz wie das ganz normale Leben ist? Auch dort gibt es Teilzeit-Hausmeister, -Blockwarte, -Wichtigtuer und -Ideologen. Aber dagegen stehen so viel Witz, Engagement, Mut, Intelligenz, Temperament, Wärme und Liebe bis hin zur Euphorie, die das mehr als wettmachen.

Echo, die Schutzheilige der Re-Tweets

Einwurf Zwei: Die Echokammer als Beschreibung eines virtuellen Schmorens im eigenen Saft ist vom mythischen Bild her arg schief. Kurz zur Erinnerung: Die schöne Nymphe Echo scheitert tragisch in ihrem Versuch, den (selbstverliebten) Jüngling Narcissus zu bezirzen, weil ihr Hera die Sprache geraubt hat und ihr nur noch die Fähigkeit gelassen hat, die letzten Worte eines anderen zu wiederholen. Hera rächt sich damit an Echo, die ihr Geschichten erzählt hat, um so Heras Mann Zeus den Freiraum für amouröse Eskapaden zu geben. So gesehen ist die Nymphe Echo die Schutzheilige des intentionalen Storytellings – und aller Re-Tweeter.

Die Nymphe wird von Narzissus gar nicht wahrgenommen und verzweifelt darüber, zieht sich in eine Höhle zurück (Echokammer!) und verzehrt sich, bis sie nur noch Stimme ist. Gerade Narzissmus, der doch angeblich in Social Media so exzessiv gepflegt wird, nimmt das Echo gar nicht wahr…

Resonanzkörper voller Leben

Einwurf drei: Echokammer ist eigentlich ein Begriff aus der Tontechnik. Seit den 30er-Jahren, seit der Erfindung der Tonaufnahme, gibt es sie, um Musik mehr Volumen, mehr Hall und mal mehr Leben, mal mehr Melancholie zu geben. Die vielleicht berühmteste Echokammer gab es in den Abbey Studios, die später durch die Plattenaufnahmen der Beatles berühmt geworden sind. Die berühmteste Echokammer Deutschlands waren die riesigen Hallen der Hansa-Tonstudios. David Bowies Stimme in „Heroes“ etwa hat durch sie seine besondere Sounddramatik erhalten. Manchmal waren die Echokammern aber auch viel kleiner und profaner. Die Doors etwa nutzten ihr Klo als Echokammer.

So gesehen dreht es einem bei Thomas Hubers Bild von König Ludwig auf seinem Floß die Fußnägel auf. Er genau war nicht in einer Echokammer. Diese eben waren eher Resonanzböden, um Musik besondere Dimensionen zu geben und genau nicht, um Leere und Nichtigkeit zu erzeugen. Auch dann nicht, als Echokammern seit den 50er-Jahren elektronische Geräte waren (zunächst Tonbänder mit Endlos-Loop) und dann digitale Schaltkreise…

Social Media sind künftig die Medien

Einwand Vier: Ich stimme voll mit Rob Key überein, der in einem Artikel in iMEDIA forderte: We have to kill „Social Media“! Halt, keine Angst, Key ist nicht das US-Pendant zu Thomas Huber. Im Gegenteil. Er findet, es ist höchste Zeit, aufzuhören von „Social Media“ zu reden. Der Begriff tut, als wäre es irgendwas Besonderes, dass Menschen wie selbstverständlich miteinander im Internet kommunizieren, ganz ohne Anleitung von oben, außen oder sonstwo her. Zitat Rob Key: „We are rapidly moving to a post-social media world, where all media is social, and brands and businesses recognize its power to influence the entire enterprise.“

Kommunikation ist immer sozial. Medien sollten immer Kommunikation sein. Social Media wird DAS Medium sein. Ganz einfach – ohne Echo und jenseits aller Kammern…